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Zweiter Aufzug

Erster Auftritt

(Wohnung des Marquis.)

Der Marquis, hernach La Fleur.

Der Marquis (in einem sehr eleganten Frack vor dem Spiegel).
Geburt, Rang, Gestalt, was sind sie alle gegen das Geld? Wie dank’ ich der kühnen Industrie meiner Frau, dass sie mir so viel verschafft. Wie anders seh’ ich aus, da ich nun das erste Mal nach meinem Stande gekleidet bin! Ich kann nicht erwarten, bis ich mich öffentlich zeige. (Er klingelt.)

La Fleur.
Was befehlen Sie, gnädiger Herr?

Marquis.
Gib mir die Schatulle.

La Fleur (bringt sie).
So schwer hab’ ich noch nie daran getragen.

Marquis (indem er die Schatulle öffnet).
Was sagst du, sind diese beiden Uhren nicht schön, die ich gestern kaufte?

La Fleur.
Sehr schön.

Marquis.
Und diese Dose?

La Fleur.
Kostbar und zierlich.

Marquis.
Dieser Ring?

La Fleur.
Gehört auch Ihnen?

Marquis.
Diese Schnallen? Diese Stahlknöpfe? Genug, alles zusammen! Findest du mich nicht elegant und vornehm gekleidet?

La Fleur.
Sie zeichnen sich nun auf dem Spaziergange gewiss vor vielen aus.

Marquis.
Wie wohl mir das tut! – Aus Not ewig in der Uniform zu gehen, immer in der Menge verloren zu sein, die Aufmerksamkeit keines Menschen zu reizen! Ich hätte lieber tot sein mögen, als länger so leben. – Ist die Nichte schon aufgestanden?

La Fleur.
Ich glaube kaum. Sie hat wenigstens das Frühstück noch nicht gefordert. Es scheint mir, sie ist erst wieder eingeschlafen, seitdem Sie heute früh von ihr wegschlichen.

Marquis.
Unverschämter! – Stille!

La Fleur.
Unter uns darf ich doch aufrichtig sein?

Marquis.
Wenn dir in Gegenwart meiner Frau so ein Wort entführe!

La Fleur.
Glauben Sie nicht, dass ich Herr über meine Lippen bin?

Marquis.
Noch kann die Marquise unmöglich etwas argwöhnen. Sie hält die Nichte für ein Kind, in drei Jahren haben sie sich nicht gesehen; ich fürchte, wenn sie das Kind recht ansieht –

La Fleur.
Das möchte noch alles gehen. Wenn sie nur nicht die Bekanntschaft mit dem alten Hexenmeister hätte; vor dem fürchte ich mich. Der Mann ist ein Wunder! Alles weiß er, alles verraten ihm seine Geister. Wie ging es im Hause des Domherrn? Der Zauberer entdeckte ein wichtiges Geheimnis, und nun sollte es der Kammerdiener verschwatzt haben.

Marquis.
Er ist eben, soviel ich weiß, nicht der größte Freund meiner Frau.

La Fleur.
Ach, er bekümmert sich um alles; und wenn er seine Geister fragt, bleibt ihm nichts verborgen.

Marquis.
Sollte denn das alles wahr sein, was man von ihm erzählt?

La Fleur.
Es zweifelt niemand daran. Nur die Wunder, die ich gewiss weiß –

Marquis.
Es ist doch sonderbar! – Sieh zu, es fährt ein Wagen vor. (La Fleur ab.)

Marquis.
Wenn meine Frau mein Verhältnis zur schönen Nichte erfahren könnte! – Nun, es käme auf den ersten Augenblick an. Wenn sie ihre Pläne durchsetzt, wenn ich ihr zum Werkzeug diene, lässt sie mich dann nicht machen, was ich will? – Sie selbst!


Zweiter Auftritt

Der Marquis. Die Marquise.

Marquise.
Ich komme früher, als ich dachte.

Marquis.
Ich freue mich, dich endlich wieder zu sehen.

Marquise.
Warum kamst du mir nicht auch entgegen? Der Domherr hatte dich eingeladen.

Marquis.
Verzeih mir! Ich hatte eben gestern vieles zu berichtigen. Du schreibst mir ja, dass ich mich zu einer Reise vorbereiten sollte.

Marquise.
Du hast nicht viel verloren. Der Domherr war unleidlich und die Gesellschaft verstimmt. Zuletzt überraschte uns noch der Graf und jagte uns auseinander. Man muss sich nun einmal die Tollheiten dieses Menschen gefallen lassen.

Marquis (lächelnd).
Wie geht es denn mit deiner Unterhandlung? (Ironisch.) Hast du dich bei Hofe recht eingeschmeichelt?

Marquise.
Es ist wahr, wir haben uns lange nicht gesehen. Du warst abwesend, als ich verreiste. Gleich als der Fürst und die Prinzessin auf das Lustschloss hinausgezogen waren, mietete ich mir ein kleines Landhaus in der Nähe und wohnte da ganz im stillen, indes sich der Domherr einbildete, ich sehe die Prinzessin täglich. Ich schickte ihm Boten, ich erhielt Briefe von ihm, und seine Hoffnung war aufs äußerste gespannt. Denn wie unglücklich dieser Mann ist, seitdem ihn sein unkluges Betragen vom Hofe entfernt hat, wie leichtgläubig, wenn seinen Hoffnungen geschmeichelt wird, lässt sich nicht denken. Ich brauchte es nicht so künstlich anzulegen, als ich es getan habe, und ich überredete ihn doch.

Marquis.
Aber auf die Länge kann dieses Märchen nicht halten.

Marquise.
Dafür lass mich sorgen. Er ist jetzt nahe dem Gipfel seiner Glückseligkeit. Heute Nacht, als er mich auf seinem Landhaus empfing, brachte ich ihm einen Brief von der Prinzessin –

Marquis.
Von der Prinzessin?

Marquise.
Den ich selbst geschrieben hatte. Er war in allgemeinen Ausdrücken gefasst; die Überbringerin, hieß es, würde mehr sagen.

Marquis.
Und weiter?

Marquise.
Ich kündigte ihm die Gnade der Prinzessin an; ich versicherte ihn, dass sie sich bei ihrem Vater verwenden und die Gnade des Fürsten gewiss für ihn wiedererlangen würde.

Marquis.
Gut! Aber welchen Vorteil versprichst du dir von allem diesem?

Marquise.
Erstlich eine Kleinigkeit, in die wir uns auf der Stelle teilen wollen. (Sie zieht einen Beutel hervor.)

Marquis.
Bestes Weib!

Marquise.
Das erhielt ich vom Domherrn, um die Garderobe der Fürstin mir günstig zu machen. Zähle dir nur gleich deine Hälfte davon ab. (Der Marquis tritt an den Tisch und zählt, ohne auf das, was sie sagt, Acht zu geben.) Aber, wie gesagt, eine Kleinigkeit! – Gelingt mir mein Anschlag, so sind wir auf immer geborgen. – Die Hofjuweliere haben schon lange ein kostbares Halsband liegen, das sie gern verkaufen möchten; der Domherr hat so viel Kredit, dass sie es ihm wohl einhändigen, wenn er ihnen eine terminliche Zahlung garantiert, und ich –

Marquis (der nach ihr hinsieht).
Was sagt du von Terminen? Von Zahlung?

Marquise.
Merkst du denn nicht auf? Du bist so ganz bei dem Gelde.

Marquis.
Hier hast du deine Hälfte! Die meine soll gut angewendet werden. Sieh einmal, wie ich mich herausgeputzt habe. (Er zeigt sich ihr; dann tritt er vor den Spiegel.)

Marquise (für sich).
O des eitlen, kleinlichen Menschen!

Marquis (sich herumkehrend).
Was wolltest du sagen?

Marquise.
Du hättest besser aufgemerkt, wenn du hättest ahnen können, von welcher wichtigen Sache ich sprach. Es ist nichts weniger, als mit einem einzigen Schlage unser ganzes Glück zu machen.

Marquis.
Und wie?

Marquise.
Erinnerst du dich, von dem kostbaren Halsbande gehört zu haben, das die Hofjuweliere arbeiten ließen, in Hoffnung, der Fürst solle seiner Tochter damit ein Geschenk machen?

Marquis.
Ganz recht! Ich habe es sogar diese Woche noch bei ihnen gesehen, als ich diesen Ring kaufte; es ist von unglaublicher Schönheit. Man weiß nicht, ob man die Größe der Steine, ihre Gleichheit, ihr Wasser, die Anzahl, oder den Geschmack, womit sie zusammengesetzt sind, am meisten bewundern soll. Ich konnte mich vom Anblick nicht scheiden; dieser Ring verschwand zu nichts dagegen; ich ging recht unzufrieden weg und konnte mir das Halsband einige Tage nicht aus dem Sinne schaffen.

Marquise.
Und dieses Halsband soll unser werden!

Marquis.
Dieses Halsband? Unser? Du erschreckst mich! Welch ein ungeheurer Gedanke!

Marquise.
Glaubst du, dass ich weiter keine Absicht habe, als dir für Uhren, Ringe und Stahlknöpfe zu sorgen? Ich bin gewohnt, armselig zu leben, aber nicht armselig zu denken. – Wir haben uns lange genug elend beholfen, unter unserm Stande, unter der Würde meiner großen Vorfahren leben müssen; jetzt, da sich eine Gelegenheit darbietet, will ich gewiss nicht kleinlich sein und sie entschlüpfen lassen.

Marquis.
Aber ums Himmels willen, was ist dein Plan? Wie ist es möglich, ihn auszuführen?

Marquise.
Höre mich! Dem Domherrn mach’ ich glauben, die Prinzessin wünsche das Halsband zu besitzen, und daran sage ich keine ganze Unwahrheit: Denn man weiß, dass es ihr außerordentlich gefallen hat, und dass sie es gern besessen hätte. Ich sage dem Domherrn ferner: Die Prinzessin wünsche das Halsband zu kaufen und verlange von ihm, dass er nur seinen Namen dazu hergeben solle, dass er den Kauf mit den Juwelieren schließe, die Termine festsetze und allenfalls den ersten Termin bezahle. Sie wolle ihn völlig schadlos halten und diesen Dienst als ein Pfand seiner Treue, seiner Ergebenheit ansehen.

Marquis.
Wie verblendet muss er sein, so viel zu wagen!

Marquise.
Er glaubt, ganz sicher zu gehen. Auch habe ich ihm schon ein Blatt zugestellt, in welchem die Prinzessin ihm Sicherheit zu versprechen scheint.

Marquis.
Liebe Frau, das wird gefährlich!

Marquise.
Schäme dich! Mit mir darfst du alles wagen. Ich habe mich schon vorgesehen in Absicht auf die Ausdrücke, die Unterschrift. Sei nur ruhig! – Und wenn alles entdeckt würde, bin ich nicht als ein Seitenzweig der fürstlichen Familie so gut als anerkannt? – Höre nur! Der Domherr ist jetzt voller Freuden über dieses Vertrauen; er sieht darin ein gewisses Zeichen der neu geschenkten Gunst und wünscht nichts sehnlicher, als dass der Kauf zustande und das Halsband schon in ihren Händen sei.

Marquis.
Und dieses Halsband denkst du zu unterschlagen?

Marquise.
Natürlich! Mache dich nur immer reisefertig. Sobald der Schatz in unsern Händen ist, wollen wir ihn nutzen. Wir brechen den Schmuck auseinander, du gehst nach England hinüber, verkaufest, vertauschest zuerst die kleinen Steine mit Klugheit; ich komme nach, sobald mir meine Sicherheit nicht mehr erlaubt, hier zu bleiben; indessen will ich die Sache schon so führen und so verwirren, dass der Domherr allein stecken bleibt.

Marquis.
Es ist ein großes Unternehmen; aber sage mir, fürchtest du dich nicht, in der Nähe des Grafen, dieses großen Zauberers, solch einen Plan zu entwerfen?

Marquise.
Ein großer Schelm ist er! Seine Zauberei besteht in seiner Klugheit, in seiner Unverschämtheit. Er fühlt wohl, dass ich ihn kenne. Wir betragen uns gegeneinander, wie sich’s gebührt; wir verstehen einander, ohne zu sprechen; wir helfen einander ohne Abrede.

Marquis.
Aber die Geister, die er bei sich hat?

Marquise.
Possen!

Marquis.
Die Wunder, die er tut?

Marquise.
Märchen!

Marquis.
So viele haben doch gesehen –

Marquise.
Blinde!

Marquis.
So viele glauben –

Marquise.
Tröpfe!

Marquis.
Es ist zu allgemein! Die ganze Welt ist davon überzeugt!

Marquise.
Weil sie albern ist!

Marquis.
Die Wunderkuren –

Marquise.
Scharlatanerie!

Marquis.
Das viele Geld, das er besitzt –

Marquise.
Mag er auf ebendem Wege erlangt haben, wie wir das Halsband zu erlangen gedenken.

Marquis.
Du glaubst also, dass er nicht mehr weiß als ein anderer?

Marquise.
Du musst unterscheiden – wenn du kannst. Er ist kein gemeiner Schelm. Er ist so unternehmend und gewaltsam als klug, so unverschämt als vorsichtig; er spricht so vernünftig als unsinnig; die reinste Wahrheit und die größte Lüge gehn schwesterlich aus seinem Munde hervor. Wenn er aufschneidet, ist es unmöglich zu unterscheiden, ob er dich zum besten hat, oder ob er toll ist. – – Und es braucht weit weniger als das, um die Menschen verwirrt zu machen.

Jäck (herein springend).
Ihre Nichte fragt, ob sie aufwarten kann. – Sie ist hübsch, Ihre Nichte!

Marquise.
Gefällt sie dir? – Lass sie kommen.

(Jäck ab.)

Marquise.
Ich wollte dich eben fragen, wie dir es gegangen ist, ob du sie glücklich in die Stadt gebracht hast. Wie ist sie geworden? Glaubst du, dass sie ihr Glück machen wird?

Marquis.
Sie ist schön, liebenswürdig, sehr angenehm; und gebildeter, als ich glaubte, da sie auf dem Lande erzogen ist.

Marquise.
Ihre Mutter war eine kluge Frau, und es fehlte in ihrer Gegend nicht an guter Gesellschaft. – Da ist sie.


Dritter Auftritt

Die Vorigen. Die Nichte.

Nichte.
Wie glücklich bin ich, Sie wieder zu sehen, liebste Tante!

Marquise.
Liebe Nichte! Sein Sie mir herzlich willkommen!

Marquis.
Guten Morgen, Nichtchen! Wie haben Sie geschlafen?

Nichte (beschämt).
Ganz wohl.

Marquise.
Wie sie groß geworden ist, seit ich sie nicht gesehen habe!

Nichte.
Es werden drei Jahre sein.

Marquis.
Groß, schön, liebenswürdig! Sie ist alles geworden, was ihre Jugend uns weissagte.

Marquise (zum Marquis).
Erstaunst du nicht, wie sie unserer Prinzessin gleicht?

Marquis.
So obenhin. In der Figur, im Wuchse, in der Größe mag eine allgemeine Ähnlichkeit sein; aber diese Gesichtsbildung gehört ihr allein, und ich denke, sie wird sie nicht vertauschen wollen.

Marquise.
Sie haben eine gute Mutter verloren.

Nichte.
Die ich in Ihnen wieder finde.

Marquise.
Ihr Bruder ist nach den Inseln.

Nichte.
Ich wünsche, dass er sein Glück mache.

Marquis.
Diesen Bruder ersetze ich.

Marquise (zum Marquis).
Es ist eine gefährliche Stelle, Marquis!

Marquis.
Wir haben Mut.

Jäck.
Der Ritter! – Er ist noch nicht freundlicher geworden.

Marquise.
Er ist willkommen! (Jäck ab.)

Marquise (zur Nichte).
Sie werden einen liebenswürdigen Mann kennen lernen.

Marquis.
Ich dächte, sie könnte seinesgleichen schon mehr gesehen haben.


Vierter Auftritt

Die Vorigen. Der Ritter.

Marquise.
Es scheint, Sie haben so wenig geschlafen als ich.

Ritter.
Gewiss, diesmal hat der Graf unsere Geduld sehr geprüft, besonders die meine. Er ließ uns eine völlige Stunde im Garten stehen, dann befahl er uns, in die Wagen zu sitzen und nach Hause zu fahren; er selbst brachte den Domherrn herein.

Marquise.
So sind wir denn glücklich alle wieder in der Stadt zusammen!

Ritter.
Ist dieses Frauenzimmer Ihre Nichte, die Sie uns ankündigten?

Marquise.
Sie ist’s.

Ritter.
Ich bitte, mich ihr vorzustellen.

Marquise.
Dies ist der Ritter Greville, mein werter Freund.

Nichte.
Ich freue mich, eine so angenehme Bekanntschaft zu machen!

Ritter (nachdem er sie aufmerksam betrachtet).
Ihre Tante hat nicht zuviel gesagt; gewiss, Sie werden die schönste Zierde unsers gemeinschaftlichen Kreises sein.

Nichte.
Ich merke wohl, dass man sich in der großen Welt gewöhnen muss, diese schmeichelhaften Ausdrücke zu hören. Ich fühle meine Unwürdigkeit und bin von Herzen beschämt; noch vor kurzer Zeit würden mich solche Komplimente sehr verlegen gemacht haben.

Ritter.
Wie gut sie spricht!

Marquise (setzt sich).
Sagt’ ich Ihnen nicht voraus, dass sie Ihnen gefährlich werden könnte?

Ritter (setzt sich zu ihr).
Sie scherzen, Marquise!

Marquis (ersucht pantomimisch die Nichte, ihm an der Hutkokarde, an dem Stockbande etwas zurechte zu machen; sie tut es, indem sie sich an ein Tischchen der Marquise gegenüber setzt. Der Marquis bleibt bei ihr stehen).

Marquise.
Wie haben Sie den Domherrn verlassen?

Ritter.
Er schien verdrießlich und verlegen; ich verdenk’ es ihm nicht. Der Graf überraschte uns, und ich darf wohl sagen: Er kam uns allen zur Unzeit.

Marquise.
Und Sie wollten sich mit gewaffneter Hand den Geistern widersetzen?

Ritter.
Ich versichere Sie, schon längst war mir die Arroganz des Grafen unerträglich; ich hätte ihm schon einige Mal die Spitze geboten, wenn nicht sein Stand, sein Alter, seine Erfahrung, seine übrigen Eigenschaften mehr als seine Güte gegen mich mir wiederum die größte Ehrfurcht einflößten. Ich leugne es nicht, oft ist er mir verdächtig: Bald erscheint er mir als ein Lügner, als ein Betrüger; und gleich bin ich wieder durch die Gewalt seiner Gegenwart an ihn gebunden und wie an Ketten gelegt.

Marquise.
Wem geht es nicht so?

Ritter.
Auch Ihnen?

Marquise.
Auch mir.

Ritter.
Und seine Wunder? Seine Geister?

Marquise.
Wir haben so große, so sichere Proben von seiner übernatürlichen Kraft, dass ich gerne meinen Verstand gefangen nehme, wenn bei seinem Betragen mein Herz widerstrebt.

Ritter.
Ich bin in dem nämlichen Fall, wenn meine Zweifel gleich stärker sind. Nun aber muss sich’s bald entscheiden, heute noch! Denn ich weiß nicht, wie er ausweichen will. – Als er uns heute gegen Morgen aus dem Garten erlöste – denn ich muss gestehen, wir gehorchten ihm pünktlich, und keiner wagte nur einen Schritt – trat er endlich zu uns und rief: „Seid mir gesegnet, die ihr die strafende Hand eines Vaters erkennt und gehorcht! Dafür soll euch der schönste Lohn zugesichert werden. Ich habe tief in eure Herzen gesehn. Ich habe euch redlich gefunden. Dafür sollt ihr heute noch den Groß-Cophta erkennen.“

Marquise.
Heute noch?

Ritter.
Er versprach’s.

Marquise.
Hat er sich erklärt, wie er ihn zeigen will? Wo?

Ritter.
In dem Hause des Domherrn, in der ägyptischen Loge, wo er uns eingeweiht hat. Diesen Abend.

Marquise.
Ich verstehe es nicht. Sollte der Groß-Cophta schon angelangt sein?

Ritter.
Es ist mir unbegreiflich!

Marquise.
Sollte ihn der Domherr schon kennen und es bis hieher geleugnet haben?

Ritter.
Ich weiß nicht, was ich denken soll; aber es werde nun, wie es wolle, ich bin entschlossen, den Betrüger zu entlarven, sobald ich ihn entdecke.

Marquise.
Als Freundin kann ich Ihnen ein so heroisches Unternehmen nicht raten; glauben Sie, dass es so ein leichtes sei?

Ritter.
Was hat er denn für Wunder vor unsern Augen getan? Und wenn er fortfährt, uns mit dem Groß-Cophta aufzuziehen, wenn es am Ende auf eine Mummerei hinausläuft, dass er uns einen Landstreicher seinesgleichen als den Urmeister seiner Kunst aufdringen will – wie leicht werden dem Domherrn, wie leicht der ganzen Schule die Augen zu öffnen sein!

Marquise.
Glauben Sie es nicht, Ritter! Die Menschen lieben die Dämmerung mehr als den hellen Tag, und eben in der Dämmerung erscheinen die Gespenster. Und dann denken Sie, welcher Gefahr Sie sich aussetzen, wenn Sie einen solchen Mann durch eine rasche, durch eine übereilte Tat beleidigen. Ich verehre ihn noch immer als ein übernatürliches Wesen. – Seine Großmut, seine Freigebigkeit und sein Wohlwollen gegen Sie! Hat er Sie nicht in das Haus des Domherrn gebracht? Begünstigt er Sie nicht auf alle Weise? Können Sie nicht hoffen, durch ihn Ihr Glück zu machen, wovon Sie als ein dritter Sohn weit entfernt sind? – – Doch Sie sind zerstreut – irre ich, Ritter, oder Ihre Augen sind mehr auf meine Nichte als Ihr Geist auf mein Gespräch gerichtet?

Ritter.
Verzeihn Sie meine Neugierde. Ein neuer Gegenstand reizt immer.

Marquise.
Besonders, wenn er reizend ist.

Marquis (der bisher mit der Nichte leise gesprochen).
Sie sind zerstreut, und Ihre Blicke scheinen nach jener Seite gerichtet zu sein.

Nichte.
Ich sah meine Tante an. Sie hat sich nicht geändert, seitdem ich sie gesehen habe.

Marquis.
Desto mehr verändert find’ ich Sie, seitdem der Ritter eingetreten ist.

Nichte.
Seit diesen wenigen Augenblicken?

Marquis.
O ihr Weiber! Ihr Weiber!

Nichte.
Beruhigen Sie sich, Marquis! Was fällt Ihnen ein?

Marquise.
Wir machen doch diesen Morgen eine Tour, Nichtchen?

Nichte.
Wie es Ihnen gefällt.

Ritter.
Darf ich mich zum Begleiter anbieten?

Marquise.
Diesmal nicht, es würde Ihnen die Zeit lang werden, Wir fahren von Laden zu Laden, wir haben viel einzukaufen: Denn es muss dieser schönen Gestalt an keinem Putze fehlen. Diesen Abend finden wir uns in der ägyptischen Loge zusammen.


Fünfter Auftritt

Die Vorigen. Jäck. Der Graf.

Jäck.
Der Graf! –

Graf (der gleich hinter Jäck hereinkommt).
Wird nirgends angemeldet. Keine Tür ist ihm verschlossen, er tritt in alle Gemächer unversehens herein. Und sollte er auch unerwartet, unwillkommen herabfahren wie ein Donnerschlag, so wird er doch nie hinweggehen, ohne, gleich einem wohltätigen Gewitter, Segen und Fruchtbarkeit zurückzulassen.

Jäck (der indes unbeweglich dagestanden, den Grafen angesehen und ihm zugehört, schüttelt den Kopf und geht ab).

Der Graf (setzt sich und behält in diesem, sowie in den vorhergehenden und den folgenden Auftritten den Hut auf dem Kopfe, den er höchstens nur, um jemand zu grüßen, lüftet).
Auch Sie treff’ ich wieder hier, Ritter? Fort mit Ihnen, überlassen Sie sich der Meditation, und diesen Abend zur gesetzten Stunde finden Sie sich in dem Vorzimmer des Domherrn.

Ritter.
Ich gehorche. Und Ihnen allerseits empfehle ich mich. (Ab.)

Nichte.
Wer ist dieser Herr?

Marquis.
Der Graf Rostro, der größte und wunderbarste aller Sterblichen.

Graf.
Marquise! Marquise! Wenn ich nicht so nachsichtig wäre, wie würde es um Sie stehen?

Marquise.
Wie das, Herr Graf?

Graf.
Wenn ich nicht so nachsichtig und mächtig zugleich wäre! Ihr seid ein leichtsinniges Volk! Wie oft habt ihr mich nicht fußfällig gebeten, dass ich euch weiter in die Geheimnisse führen soll! Habt ihr nicht versprochen, euch allen Prüfungen zu unterwerfen, wenn ich euch den Groß-Cophta zeigen, wenn ich euch seine Gewalt über die Geister sehen und mit Händen greifen ließe; und was habt ihr gehalten?

Marquise.
Keine Vorwürfe, bester Graf! Sie haben uns genug gestraft.

Graf.
Ich lasse mich erweichen. (Nach einigem Nachdenken.) Ich sehe wohl, ich muss anders zu Werke gehen und euch durch eine ganz besondere Weihung, durch die kräftigste Anwendung meiner Wundergaben in wenig Augenblicken rein und fähig machen, vor dem Wundermann zu erscheinen. Es ist eine Operation, die, wenn sie nicht gerät, uns allen gefährlich sein kann. Ich sehe es immer lieber, wenn meine Schüler sich selber vorbereiten, damit ich sie als umgeschaffene Menschen ruhig und sicher in die Gesellschaft der Geister führen kann.

Marquise.
Lassen Sie uns nicht länger warten. Machen Sie uns noch heute glücklich, wenn es möglich ist. Lieber will ich mich der größten Gefahr aussetzen, die nur einen Augenblick dauert, als mich dem strengen Gebot unterwerfen, das mir monatelang Tage und Nächte raubt.

Graf.
Leicht wollt ihr alles haben, leicht und bequem! Und ihr fragt nicht, wie schwer mir nun die Arbeit werden muss?

Marquise.
Ihnen schwer? – Ich wüsste nicht, was Ihnen schwer werden könnte.

Graf.
Schwer! Sauer! Und gefährlich! – Glaubt ihr, der Umgang mit Geistern sei eine lustige Sache? Man zwingt sie nicht, wie ihr die Männer, mit einem Blick, mit einem Händedruck. Ihr denkt nicht, dass sie mir widerstehen, dass sie mir zu schaffen machen, dass sie mich überwältigen möchten, dass sie auf jeden meiner Fehler Acht haben, mich zu überlisten. Schon zweimal in meinem Leben habe ich gefürchtet, ihnen unterzuliegen; darum trage ich dieses Gewehr (er zeiht ein Terzerol aus der Tasche) immer bei mir, um mich des Lebens zu berauben, wenn ich fürchten müsste, ihnen untertänig zu werden.

Nichte (zum Marquis).
Welch ein Mann! Es zittern mir die Knie vor Schrecken! So hab’ ich nie reden hören! Von solchen Dingen hab’ ich nie reden hören! Von solchen Dingen hab’ ich nichts geträumt!

Marquis.
Wenn Sie erst die Einsichten, die Gewalt dieses Mannes kennen sollten, Sie würden erstaunen.

Nichte.
Er ist gefährlich! Mir ist angst und bange!

Der Graf (sitzt indes unbeweglich und sieht starr vor sich hin).

Marquise.
Wo sind Sie, Graf? Sie scheinen abwesend! – So hören Sie doch! (Sie fasst ihn an und schüttelt ihn.) Was ist das? Er rührt sich nicht! Hören Sie mich doch!

Marquis (tritt näher).
Sie sind ein Kenner von Steinen, wie hoch schätzen Sie diesen Ring? – – Er hat die Augen auf und sieht mich nicht an!

Marquise (die ihn noch bei der Hand hält).
So steif wie Holz, als wenn kein Leben in ihm wäre!

Nichte.
Sollte er ohnmächtig geworden sein? Er sprach so heftig! Hier ist etwas zu riechen!

Marquis.
Nein doch, er sitzt ja ganz gerade, es ist nichts Hinfälliges an ihm.

Marquise.
Stille! Er bewegt sich!

(Der Marquis und die Nichte treten von ihm weg.)

Graf (sehr laut und heftig, indem er vom Stuhle auffährt).
Hier! Halt ein, Schwager! Hier will ich aussteigen!

Marquise.
Wo sind Sie, Graf?

Graf (nachdem er tief Atem geholt hat).
Ah – Sehen Sie, so geht mir’s! (Nach einer Pause). Da haben Sie ein Beispiel! (Pause). Ich kann es Ihnen wohl vertrauen. – Ein Freund, der gegenwärtig in Amerika lebt, kam unversehens in große Gefahr; er sprach die Formel aus, die ich ihm anvertrauet habe; nun konnte ich nicht widerstehen! Die Seele ward mir aus dem Leibe gezogen, und ich eilte in jene Gegenden. Mit wenig Worten entdeckte er mir sein Anliegen, ich gab ihm schleunigen Rat; nun ist mein Geist wieder hier, verbunden mit der irdischen Hülle, die inzwischen als ein lebloser Klotz zurückblieb. (Pause.) – Das sonderbarste ist dabei, dass eine solche Abwesenheit sich immer damit endigt, dass es mir vorkommt, ich fahre entsetzlich schnell, sehe meine Wohnung und rufe dem Postillon zu, der eben im Begriff ist, vorbeizufahren. – Hab’ ich nicht so was ausgerufen?

Marquise.
Sie erschrecken uns damit. – Sonderbar und erstaunlich! (Leise.) Welche Unverschämtheit!

Graf.
Sie können aber nicht glauben, wie ich ermüdet bin. Mir sind alle Gelenke wie zerschlagen; ich brauche Stunden, um mich wieder zu erholen. Davon ahnet ihr nichts; ihr wähnt, man mache nur alles bequem mit dem Zauberstäbchen.

Marquis.
Wunderbarer, verehrungswürdiger Mann! (Leise.) Welch ein dreister Lügner!

Nichte (herbei tretend).
Sie haben mir recht bange gemacht, Herr Graf.

Graf.
Ein gutes, natürliches Kind! (Zur Marquise.) Ihre Nichte?

Marquise.
Ja, Her Graf! Sie hat vor kurzem ihre Mutter verloren; sie ist auf dem Lande erzogen und erst drei Tage in der Stadt.

Graf (die Nichte scharf ansehend).
So hat mich Uriel doch nicht betrogen.

Marquise.
Hat Ihnen Uriel von meiner Nichte was gesagt?

Graf.
Nicht geradezu; er hat mich nur auf sie vorbereitet.

Nichte (leise zum Marquis).
Um Gottes willen, der weiß alles, der wird alles verraten.

Marquis (leise).
Bleiben Sie ruhig, wir wollen hören.

Graf.
Ich war diese Tage sehr verlegen, als ich die wichtige Handlung überdachte, die noch heute vorgehen soll. – Sobald sich euch der Groß-Cophta wird offenbart haben, wird er sich umsehen und fragen: „Wo ist die Unschuldige? Wo ist die Taube?“ Ein unschuldiges Mädchen muss ich ihm stellen. Ich dachte hin und wider, wo ich sie finden, wie ich sie zu uns einführen wollte. Da lächelte Uriel und sagte: „Sei getrost, du wirst sie finden, ohne sie zu suchen. Wenn du von einer großen Reise zurückkehrest, wird die schönste, reinste Taube vor dir stehen.“ – Alles ist eingetroffen, wie ich mir’s gar nicht denken konnte. Ich komme aus Amerika zurück, und dieses unschuldige Kind steht vor mir.

Marquis (leise).
Diesmal hat Uriel gewaltig fehl gegriffen.

Nichte (leise).
Ich zittre und bebe!

Marquis (leise).
So hören Sie doch aus.

Marquise.
Dem Groß-Chophta soll ein unschuldiges Mädchen gebracht werden? Der Groß-Cophta kommt von Orient? Ich hoffe nicht –

Graf (zur Marquise).
Entfernen Sie alle fremde, alle leichtfertige Gedanken! (Zur Nichte, sanft und freundlich.) Treten Sie näher, mein Kind! Nicht furchtsam, treten Sie näher! – So! – Ebenso zeigen Sie sich dem Groß-Cophta. Seine scharfen Augen werden Sie prüfen; er wird Sie vor einen blendenden, glänzenden Kristall führen; Sie werden darin die Geister erblicken, die er beruft; Sei werden das Glück genießen, wornach andere vergebens streben; Sie werden Ihre Freunde belehren und sogleich einen großen Rang in der Gesellschaft einnehmen, in die Sie treten; Sie, die jüngste, aber auch die reinste. – – Wetten wir, Marquise! Dieses Kind wird Sachen sehen, die den Domherrn höchst glücklich machen. Wetten wir, Marquise?

Marquise.
Wetten? Mit Ihnen, der alles weiß?

Nichte (die bisher ihre Verlegenheit zu verbergen gesucht).
Verschonen Sie mich, Herr Graf! Ich bitte Sie, verschonen Sie mich!

Graf.
Sei’n Sie getrost, gutes Kind! Die Unschuld hat nichts zu fürchten!

Nichte (in der äußersten Bewegung).
Ich kann die Geister nicht sehen! Ich werde des Todes sein!

Graf (schmeichelnd).
Fassen Sie Mut. Auch diese Furcht, diese Demut kleidet Sie schön und macht Sie würdig, vor unsre Meister zu treten! Reden Sie ihr zu, Marquise!

(Die Marquise spricht heimlich mit der Nichte.)

Marquis.
Darf ich nicht auch ein zeuge dieser Wunder sein?

Graf.
Kaum! Sie sind noch unvorbereiteter als diese Frauen. Sie haben diese ganze Zeit unsere Versammlungen gemieden.

Marquis.
Verzeihen Sie, ich war beschäftigt.

Graf.
Sich zu putzen; das Sie den Weibern überlassen sollten.

Marquis.
Sie sind zu strenge.

Graf.
Nicht so strenge, dass ich den ausschließen sollte, der mich noch hoffen lässt. Kommen Sie, kommen Sie! Lassen Sie uns eine Viertelstunde spazieren gehen. Wenigstens muss ich Sie examinieren und vorbereiten. Leben Sie wohl! Auf wieder sehn beide!

Nichte (die den Grafen zurückhält).
Ich bitte, ich beschwöre Sie!

Graf.
Noch einmal, mein Kind: Verlassen Sie sich auf mich, dass Ihnen nichts Schreckliches bevorsteht, dass Sie die Unsterblichen mild und freundlich finden werden. Marquise! Geben Sie ihr einen Begriff von unsern Versammlungen, belehren Sie das holde Geschöpf. Unser Freund, der Domherr, fragt den Groß-Cophta gewiss nach dem, was ihm zunächst am Herzen liegt; ich bin überzeugt, die Erscheinung wird seine Hoffnungen stärken. Er verdient, zufrieden – verdient, glücklich zu werden; und wie sehr, meine Taube, wird er Sie schätzen, wenn die Geister ihm durch Sie sein Glück verkündigen. Leben Sie wohl! Kommen Sie, Marquis!

Nichte (dem Grafen nacheilend).
Herr Graf! Herr Graf!


Sechster Auftritt

Die Marquise. Die Nichte.

Nichte (Da der Graf und der Marquis abgegangen sind, bleibt sie in einer trostlosen Stellung im Hintergrunde stehen).

Marquise (an dem vordern Teile des Theaters für sich).
Ich verstehe diese Winke; ich danke dir, Graf, dass du mich für deinesgleichen hältst. Dein Schade soll es nicht sein, dass du mir nutzest. – Er merkt schon lange, dass ich dem Domherrn mit der Hoffnung schmeichle, die Prinzessin für ihn zu gewinnen. Von meinem großen Plan ahnet er nichts; er glaubt, es sei auf kleine Prellereien angelegt. Nun denkt er mir zu nutzen, indem er mich braucht; er gibt mir in die Hand, dem Domherrn durch meine Nichte vorzuspiegeln, was ich will, und ich kann es nicht tun, ohne den Glauben des Domherrn an die Geister zu stärken. Wohl, Graf! So müssen Kluge sich versehen, um törichte leichtgläubige Menschen sich zu unterwerfen. (Sich umkehrend.) Nichtchen, wo sind Sie? Was machen Sie?

Nichte.
Ich bin verloren! (Geht mit unsichern Schritten auf die Tante los und bleibt auf halbem Wege stehen.)

Marquise.
Fassen Sie sich, meine Liebe!

Nichte.
Ich kann – ich werde die Geister nicht sehen!

Marquise.
Gutes Kind, dafür lassen Sei mich sorgen. Ich will Ihnen schon raten, schon durchhelfen.

Nichte.
Hier ist kein Rat, keine Hilfe! Retten Sie mich! Retten Sie eine Unglückliche vor öffentlicher Schmach! Der Zauberer wird mich verwerfen, ich werde keine Geister sehen! Ich werde beschämt vor allen dastehen!

Marquise (für sich).
Was kann das bedeuten?

Nichte.
Auf meinen Knien, ich bitte! Ich flehe! Erretten Sie mich! Alles will ich bekennen! Ach, Tante! Ach, liebe Tante! Wenn ich Sie noch so nennen darf! Sie sehen kein unschuldiges Mädchen vor sich. Verachten Sie mich nicht! Verstoßen Sie mich nicht!

Marquise (für sich).
Unerwartet genug! (Gegen die Nichte.) Stehen Sie auf, mein Kind!

Nichte.
Ich vermöchte nicht, wenn ich auch wollte! Meine Knie tragen mich nicht! Es tut mir wohl, so vor Ihnen zu liegen. Nur in dieser Stellung darf ich sagen: Vielleicht bin ich zu entschuldigen! Meine Jugend! Meine Unerfahrenheit! Mein Zustand! Meine Leichtgläubigkeit –

Marquise.
Unter den Augen Ihrer Mutter glaubt’ ich Sie sicherer als in einem Kloster. Stehen Sie auf! (Sie hebt die Nichte auf.)

Nichte.
Ach! Soll ich sagen, soll ich gestehn?

Marquise.
Nun?

Nichte.
Erst seit dem Tode meiner Mutter ist die Ruhe, die Glückseligkeit von mir gewichen.

Marquise.
Wie? (Abgewendet.) Sollt’ es möglich sein? (Laut.) Reden Sie weiter!

Nichte.
O, Sie werden mich hassen! Sie werden mich verwerfen! Unglücklicher Tag, an dem Ihre Güte selbst mich zugrunde richtete!

Marquise.
Erklären Sie sich!

Nichte.
O Gott! Wie schwer ist es auszusprechen, was uns ein unglücklicher Augenblick so süß vorschmeichelt! – Vergeben Sie, dass ich ihn liebenswürdig fand! Wie liebenswürdig war er! Der erste Mann, der mir die Hand mit Inbrunst drückte, mir in die Augen sah und schwur, er liebe mich. Und in welcher Zeit? In den Augenblicken, da mein Herz, von dem traurigsten Verluste lange unaussprechlich gepresst, sich endlich in heißen Tränen Luft machte, weich, ganz weich war; da ich in der öden Welt um mich her durch die Wolken des Jammers nur Mangel und Kummer erblickte; wie erschien er mir da als ein Engel; der Mann, den ich schon in meiner Kindheit verehrt hatte, erschien als mein Tröster! Er drückte sein Herz an das meinige. – Ich vergaß, das er nie der meine werden konnte – dass er Ihnen angehört – Es ist ausgesprochen! – Sie wenden Ihr Gesicht von mir weg? Hassen Sie mich, ich verdiene es! Verstoßen Sie mich! Lassen Sie mich sterben! (Sie wirft sich in einen Sessel.)

Marquise (für sich).
Verführt – durch meinen Gemahl! – Beides überrascht mich, beides kommt mir ungelegen. – Fasse dich! – Weg mit allen kleinen beschränkten Gesinnungen! Hier ist die Frage, ob du nicht auch diesen Umstand benutzen kannst. – –Gewiss! – – O! Sie wird nur desto geschmeidiger sein, mir blindlings gehorchen – –und über meinen Mann gibt mir diese Entdeckung auch neue Vorteile. – Wenn ich meine Absichten erreiche, so ist mir das übrige alles gleichgültig! – (Laut.) Kommen Sie, Nichte, erholen Sie sich! Sie sind ein gutes, braves Kind! Alles vergebe ich! Kommen Sie, werfen Sie Ihren Schleier über, wir wollen ausfahren, Sie müssen sich zerstreuen.

Nichte (indem sie aufsteht und der Marquise um den Hals fällt).
Beste, liebste Tante, wie beschämen Sie mich!

Marquise.
Sie sollen eine Freundin, eine Vertraute an mir finden. Nur der Marquis darf nicht wissen, dass ich es bin; wir wollen ihm die Verlegenheit ersparen.

Nichte.
Welche Großmut!

Marquise.
Sie werden ihn auf eine geschickte Weise vermeiden; ich werde Ihnen behilflich sein.

Nichte.
Ich bin ganz in Ihren Händen!

Marquise.
Und was die Geister betrifft, will ich Ihnen die wunderbarsten Geheimnisse entdecken; und sie sollen diese fürchterliche Gesellschaft lustig genug finden. Kommen Sie! Kommen Sie nur!

Ü   Þ

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