Johann Wolfgang von Goethe @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Johann Wolfgang von Goethe
         Clavigo
            Personen
            1. Akt
            2. Akt
            3. Akt
            4. Akt
            5. Akt

Erster Akt

(Clavigos Wohnung.)

Clavigo. Carlos.

Clavigo (vom Schreibtisch aufstehend).
Das Blatt wird eine gute Wirkung tun, es muss alle Weiber bezaubern. Sag’ mir, Carlos, glaubst du nicht, dass meine Wochenschrift jetzt eine der ersten in Europa ist?

Carlos.
Wir Spanier wenigstens haben keinen neuern Autor, der so viel Stärke des Gedankens, so viel blühende Einbildungskraft mit einem so glänzenden und leichten Stil verbände.

Clavigo.
Lass mich! Ich muss unter dem Volke noch der Schöpfer des guten Geschmacks werden. Die Menschen sind willig, allerlei Eindrücke anzunehmen; ich habe einen Ruhm, ein Zutrauen unter meinen Mitbürgern, und, unter uns gesagt, meine Kenntnisse breiten sich täglich aus; meine Empfindungen erweitern sich, und mein Stil bildet sich immer wahrer und stärker.

Carlos.
Gut, Clavigo! Doch, wenn du mir’s nicht übel nehmen willst, so gefiel mir damals deine Schrift weit besser, als du sie noch zu Mariens Füßen schriebst, als noch das liebliche, muntere Geschöpf auf dich Einfluss hatte. Ich weiß nicht, das Ganze hatte ein jungendlicheres, blühenderes Ansehen.

Clavigo.
Es waren gute Zeiten, Carlos, die nun vorbei sind. Ich gestehe dir gern, ich schrieb damals mit offnerem Herzen, und wahr ist’s, sie hatte viel Anteil an dem Beifall, den das Publikum mir gleich anfangs gewährte. Aber in der Länge, Carlos, man wird der Weiber gar bald satt; und warst du nicht der erste, meinem Entschluss Beifall zu geben, als ich mir vornahm, sie zu verlassen?

Carlos.
Du wärst versauert. Sie sind gar zu einförmig. Nur, dünkt mich, wär’s wieder Zeit, dass du dich nach einem neuen Plan umsähest, es ist doch auch nichts, wenn man so ganz auf’m Sand ist.

Clavigo.
Mein Plan ist der Hof, und da gilt kein Feiern. Hab’ ich’s für einen Fremden, der ohne Stand, ohne Namen, ohne Vermögen hierher kam, nicht weit genug gebracht? Hier an einem Hofe! Unter dem Gedräng’ von Menschen, wo es schwer hält, sich bemerken zu machen? Mir ist’s so wohl, wenn ich den Weg ansehe, den ich zurückgelegt habe. Geliebt von den Ersten des Königreichs! Geehrt durch meine Wissenschaften, meinen Rang! Archivarius des Königs! Carlos, das spornt mich alles; Ich wäre nichts, wenn ich bliebe, was ich bin! Hinauf! Hinauf! Und da kostet’s Mühe und List! Man braucht seinen ganzen Kopf; und die Weiber, die Weiber! Man vertändelt gar zu viel Zeit mit ihnen.

Carlos.
Narre, das ist deine Schuld. Ich kann nie ohne Weiber leben, und mich hindern sie an gar nichts. Auch sag’ ich ihnen nicht so viele schöne Sachen, röste mich nicht monatelang an Sentiments und dergleichen; wie ich denn mit honetten Mädchen am ungernsten zu tun habe. Ausgeredet hat man bald mit ihnen; hernach schleppt man sich eine Zeitlang herum, und kaum sind sie ein bisschen warm bei einem, hat sie der Teufel gleich mit Heiratsgedanken und Heiratsvorschlägen, die ich fürchte wie die Pest. Du bist nachdenkend, Clavigo?

Clavigo.
Ich kann die Erinnerung nicht loswerden, dass ich Marien verlassen – hintergangen habe, nenn’s, wie du willst.

Carlos.
Wunderlich! Mich dünkt doch, man lebt nur einmal in der Welt, hat nur einmal diese Kräfte, diese Aussichten, und wer sie nicht zum besten braucht, wer sich nicht so weit treibt als möglich, ist ein Tor. Und heiraten! Heiraten just zur Zeit, da das Leben erst recht in Schwung kommen soll! Sich häuslich niederlassen, sich einschränken, da man noch die hälfte seiner Wanderung nicht zurückgelegt, die Hälfte seiner Eroberungen noch nicht gemacht hat! Dass du sie liebtest, das war natürlich, dass du ihr die Ehe versprachst, war eine Narrheit, und wenn du Wort gehalten hättest, wär’s gar Raserei gewesen.

Clavigo.
Sieh, ich begreife den Menschen nicht. Ich liebte sie wahrlich, sie zog mich an, sie hielt mich, und wie ich zu ihren Füßen saß, schwur ich ihr, schwur ich mir, dass es ewig so sein sollte, dass ich der Ihrige sein wollte, sobald ich ein Amt hätte, einen Stand – Und nun, Carlos!

Carlos.
Es wird noch Zeit genug sein, wenn du ein gemachter Mann bist, wenn du das erwünschte Ziel erreicht hast, dass du alsdann, um all dein Glück zu krönen und zu befestigen, dich mit einem angesehenen und reichen Hause durch eine kluge Heirat zu verbinden suchst.

Clavigo.
Sie ist verschwunden! Glatt aus meinem Herzen verschwunden, und wenn mir ihr Unglück nicht manchmal durch den Kopf führe – Dass man so veränderlich ist!

Carlos.
Wenn man beständig wäre, wollt’ ich mich verwundern. Sieh doch, verändert sich nicht alles in der Welt? Warum sollten unsere Leidenschaften bleiben? Sei du ruhig, sie ist nicht das erste verlassne Mädchen und nicht das erste, das sich getröstet hat. Wenn ich dir raten soll, da ist die junge Witwe gegenüber –

Clavigo.
Du weißt, ich halte nicht viel auf solche Vorschläge. Ein Roman, der nicht ganz von selbst kommt, ist nicht imstande, mich einzunehmen.

Carlos.
Über die delikaten Leute!

Clavigo.
Lass das gut sein und vergiss nicht, dass unser Hauptwerk gegenwärtig sein muss, uns dem neuen Minister notwendig zu machen. Dass Whal das Gouvernement von Indien niederlegt, ist immer beschwerlich für uns. Zwar ist mir’s weiter nicht bange; sein Einfluss bleibt – Grimaldi und er sind Freunde, und wir können schwatzen und uns bücken –

Carlos.
Und denken und tun, was wir wollen.

Clavigo.
Das ist die Hauptsache in der Welt. (Schellt dem Bedienten.) Tragt das Blatt in die Druckerei.

Carlos.
Sieht man Euch den Abend?

Clavigo.
Nicht wohl. Nachfragen könnt Ihr ja.

Carlos.
Ich möchte heut Abend gar zu gern was unternehmen, das mir das Herz erfreute; ich muss diesen ganzen Nachmittag wieder schreiben. Das endigt nicht.

Clavigo.
Lass es gut sein. Wenn wir nicht für so viele Leute arbeiteten, wären wir so vielen Leuten nicht über den Kopf gewachsen. (Ab.)


(Guilberts Wohnung.)

Sophie Guilbert. Marie Beaumarchais. Don Buenco.

Buenco.
Sie haben eine üble Nacht gehabt?

Sophie.
Ich sagt’s ihr gestern Abend. Sie war so ausgelassen lustig und hat geschwatzt bis eilfe, da war sie erhitzt, konnte nicht schlafen, und nun hat sie wieder keinen Atem und weint den ganzen Morgen.

Marie.
Dass unser Bruder nicht kommt! Es sind zwei Tage über die Zeit.

Sophie.
Nur Geduld, er bleibt nicht aus.

Marie (aufstehend).
Wie begierig bin ich, diesen Bruder zu sehen, meinen Richter und meinen Retter. Ich erinnre mich seiner kaum.

Sophie.
O ja, ich kann mir ihn noch wohl vorstellen: Er war ein feuriger, offner, braver Knabe von dreizehn Jahren, als uns unser Vater hierher schickte.

Marie.
Eine edle, große Seele. Sie haben den Brief gelesen, den er schrieb, als er mein Unglück erfuhr. Jeder Buchstabe davon steht in meinem Herzen. „Wenn Du schuldig bist,“ schreibt er, „so erwarte keine Vergebung; über Dein Elend soll noch die Verachtung eines Bruders auf Dir schwer werden und der Fluch eines Vaters. Bist Du unschuldig – o dann alle Rache, alle, alle glühende Rache auf den Verräter!“ – Ich zittere! Er wird kommen. Ich zittere, nicht für mich, ich stehe vor Gott in meiner Unschuld. – Ihr müsst, meine Freunde – Ich weiß nicht, was ich will! O Clavigo!

Sophie.
Du hörst nicht! Du wirst dich umbringen.

Marie.
Ich will stille sein! Ja, ich will nicht weinen. Mich dünkt auch, ich hätte keine Tränen mehr! Und warum Tränen? Es ist mir nur leid, dass ich euch das Leben sauer mache. Denn im Grunde, worüber beklag’ ich mich? Ich habe viel Freude gehabt, solang unser alter Freund noch lebte. Clavigos Liebe hat mir viel Freude gemacht, vielleicht mehr als ihm die meinige. Und nun – was ist’s nun weiter? Was ist an mir gelegen? An einem Mädchen gelegen, ob ihm das Herz bricht? Ob es sich verzehrt und sein armes junges Leben ausquält?

Buenco.
Um Gottes willen, Mademoiselle!

Marie.
Ob’s ihm wohl einerlei ist – dass er mich nicht mehr liebt? Ach! Warum bin ich nicht mehr liebenswürdig? – Aber bedauern, bedauern sollt’ er mich! Dass die Arme, der er sich so notwendig gemacht hatte, nun ohne ihn ihr Leben hinschleichen, hinjammern soll. – Bedauern! Ich mag nicht von dem Menschen bedauert sein.

Sophie.
Wenn ich dich ihn könnte verachten lehren, den Nichtswürdigen! Den Hassenswürdigen!

Marie.
Nein, Schwester, ein Nichtswürdiger ist er nicht, und muss ich denn den verachten, den ich hasse? – Hassen! Ja manchmal kann ich ihn hassen, manchmal, wenn der spanische Geist über mich kommt. Neulich, o neulich, als wir ihm begegneten, sein Anblick wirkte volle warme Liebe auf mich! Und wie ich wieder nach Hause kam, und mir sein Betragen auffiel und der ruhige, kalte Blick, den er über mich herwarf an der Seite der glänzenden Donna – da ward ich Spanierin in meinem Herzen und griff nach meinem Dolch und nahm Gift zu mir und verkleidete mich. Ihr erstaunt, Buenco? Alles in Gedanken, versteht sich.

Sophie.
Närrisches Mädchen.

Marie.
Meine Einbildungskraft führte mich ihm nach, ich sah ihn, wie er zu den Füßen seiner neuen Geliebten alle die Freundlichkeit, alle die Demut verschwendete, mit der er mich vergiftet hat – ich zielte nach dem Herzen des Verräters! Ach, Buenceo! – Auf einmal war das gutherzige französische Mädchen wieder da, das keine Liebestränke kennt und keine Dolche zur Rache. Wir sind übel dran! Vaudevilles, unsere Liebhaber zu unterhalten, Fächer, sie zu bestrafen, und wenn sie untreu sind? – Sag’, Schwester, wie machen sie’s in Frankreich, wenn die Liebhaber untreu sind?

Sophie.
Man verwünscht sie.

Marie.
Und?

Sophie.
Und lässt sie laufen.

Marie.
Laufen! Nun und warum soll ich Clavigo nicht laufen lassen? Wenn das in Frankreich Mode ist, warum soll’s nicht in Spanien sein? Warum soll eine Französin in Spanien nicht Französin sein? Wir wollen ihn laufen lassen und uns einen andern nehmen; mich dünkt, sie machen’s bei uns auch so.

Buenco.
Er hat eine feierliche Zusage gebrochen und keinen leichtsinnigen Roman, kein gesellschaftliches Attachement. Mademoiselle, Sie sind bis ins innerste Herz beleidigt, gekränkt. O, mir ist mein Stand, dass ich ein unbedeutender ruhiger Bürger von Madrid bin, nie so beschwerlich, nie so ängstlich gewesen als jetzt, da ich mich so schwach, so unvermögend fühle, Ihnen gegen den falschen Höfling Gerechtigkeit zu schaffen!

Marie.
Wie er noch Clavigo war, noch nicht Archivarius des Königs, wie er der Fremdling, der Ankömmling, der Neueingeführte in unserm Hause war, wie liebenswürdig war er, wie gut! Wie schien all sein Ehrgeiz, all sein Aufstreben ein Kind seiner Liebe zu sein! Für mich rang er nach Namen, Stand, Gütern; er hat’s, und ich! – –

Guilbert kommt.

Guilbert (heimlich zu seiner Frau).
Der Bruder kommt.

Marie.
Der Bruder! – (Sie zittert, man führt sie in einen Sessel.) Wo? Wo? Bringt mir ihn! Bringt mich hin!

Beaumarchais kommt.

Beaumarchais.
Meine Schwester! (Von der ältesten weg, nach der jüngsten zustürzend.) Meine Schwester! Meine Freunde! O Schwester!

Marie.
Bist du da! Gott sei Dank, du bist da!

Beaumarchais.
Lass mich zu mir selbst kommen.

Marie.
Mein Herz, mein armes Herz!

Sophie.
Beruhigt euch! Lieber Bruder, ich hoffte, dich gelassener zu sehn.

Beaumarchais.
Gelassener! Seid ihr denn gelassen? Seh’ ich nicht an der zerstörten Gestalt dieser Lieben, an deinen verweinten Augen, deiner Blässe des Kummers, an dem toten Stillschweigen eurer Freunde, dass ihr so elend seid, wie ich mir euch den ganzen langen Weg vorgestellt habe? Und elender – denn ich seh’ euch, ich hab’ euch in meinen Armen, die Gegenwart verdoppelt meine Gefühle, o meine Schwester!

Sophie.
Und unser Vater?

Beaumarchais.
Er segnet euch und mich, wenn ich euch rette.

Buenco.
Mein Herr, erlauben Sie einem Unbekannten, der den edlen braven Mann in Ihnen beim ersten Anblick erkennt, seinen innigsten Anteil an Tag zu legen, den er bei dieser ganzen Sache empfindet. Mein Herr! Sie machen diese ungeheure Reise, Ihre Schwester zu retten, zu rächen. Willkommen! Sein Sie willkommen wie ein Engel, ob Sie uns alle gleich beschämen!

Beaumarchais.
Ich hoffte, mein Herr, in Spanien solche Herzen zu finden, wie das Ihre ist; das hat mich angespornt, den Schritt zu tun. Nirgend, nirgend in der Welt mangelt es an teilnehmenden beistimmenden Seelen, wenn nur einer auftritt, dessen Umstände ihm völlige Freiheit lassen, all seiner Entschlossenheit zu folgen. Und o, meine Freunde, ich habe das hoffnungsvolle Gefühl: Überall gibt’s treffliche Menschen unter den Mächtigen und Großen, und das Ohr der Majestät ist selten taub; nur ist unsere Stimme meist zu schwach, bis dahinauf zu reichen.

Sophie.
Kommt, Schwester! Kommt! Legt Euch einen Augenblick nieder. Sie ist ganz außer sich. (Sie führen sie weg.)

Marie.
Mein Bruder!

Beaumarchais.
Will’s Gott, du bist unschuldig, und dann alle, alle Rache über den Verräter. (Marie, Sophie ab.) Mein Bruder! Meine Freunde! Ich seh’s an euren Blicken, dass ihr’s seid. Lasst mich zu mir selbst kommen. Und dann! Eine reine unparteiische Erzählung der ganzen Geschichte. Die soll meine Handlungen bestimmen. Das Gefühl einer guten Sache soll meinen Entschluss befestigen, und glaubt mir, wenn wir recht haben, werden wir Gerechtigkeit finden.

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de