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867. An GoetheWeimar, 6. Juli 1802. Es war zu meinem Glück, daß ich Ihnen nicht nach Lauchstädt folgte, denn ich hätte nur den Samen eines Katarrhfiebers mitgenommen, das an dem nämlichen Sonnabend, wo Sie in L. zum erstenmal spielten, bei mir zum Ausbruch kam. Seit dieser Zeit bis gestern habe ich mich1) mit meiner ganzen Familie in den schlechtesten Zuständen befunden, denn wir alle litten an einer Art von Krampfhusten, der besonders meinen kleinen Ernst sehr hart mitnahm. Dabei lebten wir entfernt von allem menschlichen Umgang, weil ich jede Gelegenheit zu sprechen sorgfältig meiden mußte. Deßwegen habe ich auch den Hofkammerrath noch nicht über die Lauchstädter Ereignisse vernehmen können, und weiß weiter nichts davon, als was Ihre Briefe mir meldeten. Sie haben also neun Tage hintereinander gespielt, das will viel sagen und ist eine große Anstrengung von seiten der Schauspieler; aber aus der Leere des Hauses in den Vorstellungen während der Woche sehe ich doch, daß Sie die reichliche Gabe nicht allzulang werden fortsetzen dürfen. Auch zu Lauchstädt sind es also, wie Ihr Repertorium besagt2), die Opern, die das Haus füllen. So herrscht das Stoffartige überall, und wer sich dem Theaterteufel einmal verschrieben hat, der muß sich auf dieses Organ verstehen. Ich gebe Ihnen vollkommen recht, daß ich mich bei meinen stücken auf das Dramatischwirkende mehr concentriren sollte. Dieses ist überhaupt schon, ohne alle Rücksicht auf Theater und Publikum, eine poetische Forderung, aber auch nur insofern es eine solche ist, kann ich mich darum bemühen. Soll mir jemals ein gutes Theaterstück gelingen, so kann es nur auf poetischem Wege sein, denn eine Wirkung ad extra, wie sie zuweilen auch einem gemeinen Talent und einer bloßen Geschicklichkeit gelingt, kann ich mir nie zum Ziele machen, noch, wenn ich es auch wollte, erreichen. Es ist also hier nur von der höchsten Aufgabe selbst die Rede, und nur die erfüllte Kunst wird meine individuelle Tendenz ad intra überwinden können, wenn sie zu überwinden ist. Ich glaube selbst, daß unsre Dramen nur kraftvolle und treffend gezeichnete Skizzen sein sollten, aber dazu gehörte dann3) freilich eine ganz andre Fülle der Erfindung, um die sinnlichen Kräfte ununterbrochen zu reizen und zu beschäftigen. Mir möchte dieses4) Problem schwerer zu lösen sein als einem andern, denn ohne eine gewisse Innigkeit vermag ich nichts, und diese hält mich gewöhnlich bei meinem Gegenstande fester, als billig ist. Ich wünschte daß Sie von Wolf eine lateinische Übersetzung der Poetik des Aristoteles, die der verstorbene Reitz in Manuscript zurückgelassen, sich verschaffen möchten. Auch diese Schrift würde uns ein interessantes Thema zu künftigen Conferenzen über das Drama abgeben. 5)In der Schrift von Brandes habe ich geblättert, aber es wird mir unmöglich durch diese lederne6) Manier mich hindurch zu arbeiten. Man mußte Göttingen noch frisch im Gedächtniß haben, wie Sie, um dabei aushalten zu können. Eine Schrift gegen Kotzebue7) von dem Herrn von Masson8) ist dieser Tage erschienen, worin er ganz niederträchtig, aber9) nach Würden und Verdienst behandelt wird. Sie ist für ein Werk der Indignation und für eine Parteischrift nicht schlecht geschrieben. Leben Sie recht wohl und lassen sich's in Halle nicht zu gut gefallen. Ich sehne mich herzlich nach Ihrer Zurückkunft, da ich vergeblich gehofft habe, mir die Zeit Ihrer Abwesenheit durch meine Thätigkeit zu verkürzen. Meyern grüße ich herzlich und wünsche ihm Geduld zu seiner harten Prüfung. Nächsten Posttag schreibe ich ihm. Meine Frau empfiehlt sich Ihnen beiden aufs beste. Sch. |
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