Johann Wolfgang von Goethe @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Johann Wolfgang von Goethe
         Briefe
            Goethe an Schiller
               Inhaltsverzeichnis
               Vorwort
               An König von Bayern
               Briefe 1794
               Briefe 1795
               Briefe 1796
               Briefe 1797
               Briefe 1798

               Briefe 1799
                  ...
                  599. An Goethe
                  600. An Schiller
                  601. An Goethe
                  602. An Schiller
                  603. An Goethe
                  604. An Goethe
                 
605. An Goethe
                  606. An Schiller
                  607. An Goethe
                  608. An Schiller
                  609. An Goethe
                  610. An Schiller
                  611. An Goethe
                  612. An Schiller
                  613. An Goethe
                 
614. An Goethe
                  615. An Schiller
                  616. An Goethe
                  617. An Schiller
                  ...
               Briefe 1800
               Briefe 1801
               Briefe 1802
               Briefe 1803
               Briefe 1804
               Briefe 1805
               Anh. 1: Goethe an Ch. Schiller
               Anh. 2: Herzog K.-A. an Schiller
               Anh. 3: Schiller an Prof. Süvern
               Zusammenstellung Band 1
               Zusammenstellung Band 2
               Register Goethe
               Register Schiller
               Register Personen
               Sach-Register
               Orts-Register
              
              

608. An Schiller

   Mir wird, ich gestehe es gern, jeder Zeitverlust immer bedenklicher und ich gehe mit wunderlichen Projecten um, wenigstens noch einige Monate dieses Jahres für die Poesie zu retten, woraus denn aber wohl1) schwerlich was werden könnte. Verhältnisse nach außen machen unsere Existenz und rauben sie zugleich und doch muß man sehen wie man so durchkommt, denn sich, wie Wieland gethan hat, gänzlich zu isoliren ist auch nicht rathsam.

   Ich wünsche daß Sie an Ihrer Arbeit möglichst fortfahren. Die erste Zeit da uns selbst die Idee noch neu ist, geht immer alles frischer und besser.

   Ob ich vor Ende dieses Monats kommen kann, weiß ich nicht zu sagen. Der Prinz ist zu mir ins Haus gezogen und außerhalb sieht es auch ziemlich unruhig aus, da wir hier auf alles eher als auf den Empfang eines Königs eingerichtet sind.

   Um nicht ganz müßig zu sein, habe ich meine dunkle Kammer aufgeräumt und will einige Versuche machen und andere wiederholen und besonders sehen, ob ich der sogenannten Inflexion etwas abgewinnen kann. Eine artige Entdeckung habe ich gestern, in Gesellschaft mit Meyern, gemacht. Sie wissen vielleicht daß man erzählt, daß gewisse Blumen im Sommer bei Abendzeit gleichsam blitzen, oder augenblicklich Licht ausströmen. Dieses Phänomen hatte ich noch niemals gesehen; gestern Abend bemerkten wir es sehr deutlich, an dem orientalischen Mohn, der vor allen andern Blumen eine gelbrothe Farbe hat. Bei genauer Untersuchung zeigte sich aber daß es ein physiologisches Phänomen ist, und der scheinbare Blitz das Bild der Blume mit der geforderten sehr hellgrünen Farbe ist. Keine Blume die man gerad ansieht bringt diese Erscheinung hervor, wenn man aber aus2) dem Augenwinkel hinschielt, so entsteht diese momentane Doppelerscheinung. Es muß dämmrig sein, so daß das Auge völlig ausgeruht und empfänglich ist, doch nicht mehr als daß die rothe Farbe ihre völlige Energie behält. Ich glaube man wird den Versuch mit farbigem Papier recht gut nachmachen können, ich will die Bedingungen genau merken, übrigens ist das Phänomen wirklich sehr täuschend.

   Ich lege den Sammler bei und wünsche daß der Spaß, indem er nun beisammen ist, Sie wieder unterhalten möge. Gedenken Sie dabei der guten Stunden in denen wir ihn erfanden.

   Es ist wahr daß Vohs Miene macht wegzugehen; ich berufe mich aber auf den Contract, der noch zwei Jahre dauert.

   Leben Sie wohl3) und nutzen die vierzehn Tage bis wir uns wieder sehen so gut als möglich. Ich will zufrieden sein wenn ich nur etwas davon bringe. Indessen habe ich angefangen Pyrmonter zu trinken. Grüßen Sie Ihre liebe Frau und empfehlen ihr meine Julie.

   Weimar am 19. Juni 1799.

G.

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de