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Homepage Literatur Johann Wolfgang von Goethe Biografien Schaefer - Goethes Leben Inhalt Erster Band Vorrede Kindheit und Jugend 1749 - 1765 1765 - 1768 1768 - 1771 1771 - 1773 1744 1775 Weimarsche Lehrjahre 1776 1777, 1778 1779 1780, 1781 1782 1783 - 1786 Zweiter Band Widmung Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche 1786 - 1788 1788 - 1791 1792, 1793 1794 - 1796 1797 - 1799 1799 - 1805 Goethe im Alter 1806 - 1813 1813 - 1819 1820 - 1825 1826 - 1832 Beilagen I. Charlotte von Stein II. Rede weißer Falkenordens III. Vermächtnis j. Nachwelt Schlusswort |
BeilagenI.Goethes Verhältnis zu Charlotte von SteinSeit 1784 Aus dem Verfolg der Briefe Goethes an Frau von Stein während der Jahre 1784 bis 1786 geht hervor, dass das Verhältnis zu ihr bis zur Reise nach Italien mit all der Lebhaftigkeit der feurigsten und innigsten Hingebung fortbestand, wie wir es aus den früheren Jahrgängen der Briefe kennen. Es wiederholen sich in vielfachen Variationen die Ausdrücke der zärtlichsten Liebe, die Versicherungen ewiger, unwandelbarer Anhänglichkeit und die Äußerungen einer bis zu schmerzlicher Erregtheit gesteigerten leidenschaftlichen Sehnsucht, sobald er nur auf einige Tage ihre Nähe entbehren muss. „Meine Nähe zu Dir“, heißt es in einem der Briefe, „fühle ich immer, Deine Gegenwart verlässt mich nie. Durch Dich habe ich einen Maßstab für alle Frauen, ja für alle Menschen, durch Deine Liebe einen Maßstab für alles Schicksal“, und in einem andern: „Ja, liebe Lotte, jetzt wird es mir erst deutlich, wie Du meine eigene Hälfte bist und bleibst. Ich bin kein einzelnes selbstständiges Wesen, alle meine Schwächen habe ich an Dich angelehnt, meine weichen Seiten durch Dich beschützt, meine Lücken durch dich ausgefüllt. Wenn ich nun entfernt von Dir bin, so wird mein Zustand höchst seltsam… Wie freu’ ich mich Dir ganz anzugehören und Dich nächstens wieder zu sehen.“ Alles, was die Menschen suchen, hat er in ihr, der er „sich auf ewig übergeben“ hat; ohne sie ist ihm das Leben „abgeschmackt und unerträglich“, und er fühlt, „dass er ohne sie nicht bestehen kann.“ Er bittet sie feierlich, durch ihr süßes Betragen nicht noch seine Liebe zu vermehren. Ihr Ring ist sein Kleinod, ihre Haarlocke, die er in seiner Brieftasche mit sich trägt, vergleicht er dem Gewand der Dejanira. Als sie ihm 1785 nach Karlsbad vorausgereist ist, dichtet er von Sehnsucht „geängstigt“ das aus W. Meister bekannte Lied „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide“ und sendet es an sie. Ein im folgenden Jahr nach Karlsbad gerichteter Brief schließt mit den Worten: „nun Lebewohl, du Geliebteste, Einzige, der sich meine ganze Seele enthüllen und hingeben mag; ich freue mich Deiner Liebe und rechne darauf für alle künftigen Zeiten.“ Sie bleibt noch wie bisher der Genius seiner Dichtungen. Die Geheimnisse haben „Verwandtschaft mit ihrem Gemüt“, und er erstattet ihr mehrmals Bericht über den Fortgang des Gedichts. Bei dieser Gelegenheit erfahren wir, dass die nachmals seine leineren Gedichte einleitende Zueignung anfänglich zum Eingang jener epischen Dichtung bestimmt war „statt der hergebrachten Anrufung und was dazu gehört.“ Er schrieb dies Gedicht („Der Morgen kam, es scheuchten seine Tritte“ etc.) am 8. August 1784, als er auf der Reise in den Harz durch einen Bruch am Wagen aufgehalten ward. Die Konzeption gehört einem vorangegangenen Aufenthalt in Jena an. Einige der Strophen, die er ihr gelegentlich überschickt, sind unter die kleineren Gedichte verteilt: „Denn was der Mensch in diesen Erdeschranken“ etc. und „Wohin er auch die Blicke kehrt und wendet“ etc., wozu er in der Ausgabe letzter Hand die geheimnisvolle Anmerkung macht: „Ein Bruchstück, das aber der Denkende anzuschließen wissen wird.“ Ebenso schreibt er ihr von den Fortschritten der Operette „Scherz, List und Rache“ und seines Romans; unterm anderem berichtet er, dass er den Entwurf des Wilhelm Meister auf zwölf Bücher berechnet und am 8. Dezember 1785 den Plan für die sechs folgenden noch unvollendeten Bücher aufgeschrieben habe. Von seinen osteologischen und botanischen Studien mit Loder, Büttner und Batsch macht er ihr wiederholt Mitteilungen; „das Pflanzenreich“, schreibt er am 20. Juli 1786, „rast in meinem Gemüt; ich kann es nicht einen Augenblick los werden, mache aber auch schöne Fortschritte.“ Der Kreis seines Umgangs schließt sich um sie herum. Herder ist seinem Herzen jetzt der Nächste: „Ohne Dich und ihn wäre ich allein.“ Von Goethes Urteilen über einzelne Personen möge noch einiges hier nachgetragen werden, wodurch die Darstellung unsers ersten Bandes berichtigt oder erweitert wird. Nach dem Besuch der Stolberge in Weimar (29. Mai 1784) schreibt er: „Die Stolbergs haben uns einen fröhlichen, vergnügten Tag gemacht; es ist gar hübsch, dass ich vor der Abreise [nach Gotha und Eisenach] noch einmal in jenen Seen der Jugend durch die Erinnerung gebadet worden“, eine Bestätigung meiner Bd. I. S. 200 gemachten Bemerkung. Stolbergs Gedicht „der Traum“ nennt er ein recht himmlisch Familienstück und fügt hinzu: „Man muss sie kennen, sie zusammen gesehen haben, um es recht zu genießen.“ Dadurch erhalten erst die Schlussworte von Goethes Briefe an die Gräfin Bernstorff (s. oben S. 256) ihre rechte Bedeutung. Lavater traf auf seiner Rückreise von Bremen im Juli 1786 Goethe noch in Weimar und wohnte bei ihm (weshalb die Angabe Bd. I. S. 367 zu berichtigen ist). Erst jetzt erfolgte der völlige Bruch des freundschaftlichen Verhältnisses, welchen die folgende Äußerung Goethes an Frau von Stein in einem unter dem 21. Juli nach Karlsbad an sie gerichteten Briefe mit bezeichnenden Worten ausspricht: „Kein herzlich vertraulich Wort ist unter uns gewechselt worden, und ich bin Hass und Liebe auf ewig los. Er hat sich in den wenigen Stunden mit seinen Vollkommenheiten und Eigenheiten so vor mir gezeigt, und meine Seele war wie ein Glas rein Wasser. Ich habe auch unter seine Existenz einen großen Strich gemacht und weiß nun, was mir per Saldo von ihm übrig bleibt. NB. Der Prophet hatte sehr auf Dich gerechnet, und es hat ihn geschmerzt, dass Du seinen Netzen entgangen bist; es ist mir lieb und leid, dass Du ihn nicht gesehen hast.“ Bald darauf reiste auch Goethe nach Karlsbad und von dort im Spätsommer nach Italien. Aus den zahlreichen Briefen an die Freundin ist größtenteils seine Schilderung der Reise zusammengestellt. Mussten gleich in der Redaktion derselben die Ausdrücke zärtlicher Sehnsucht wegfallen, so sieht man doch aus der Innigkeit einzelner Stellen, besonders aus dem später bekannt gewordenen Schreiben aus Palermo, wie herzliche Briefe er ihr aus Italien zuzusenden fort fuhr. Indes merkt man den Briefen während des zweiten Aufenthalts in Rom eine Änderung des Tons, eine größere Magerkeit der Mitteilungen an. Goethe war von einem neuen Liebesnetz jugendlicherer Reize umsponnen, aus dem er sich mit schmerzlicher Bewegung loswand, als er sich den Alpen wieder zuwendete. Das Wiedersehen stellte die Liebe nicht her; der Liebreiz, durch den er früher zu ihr hingezogen ward, hatte seinen Zauber verloren, und – sie war sieben Jahre älter als Goethe. Doch wenn auch gelockert, Bestand ein freundschaftlicher Umgang fort, und noch am 20. Februar 1789 schreibt Goethe: „Lass uns freundlich Leib und Freude verbinden, damit die wenigen Lebenstage genossen werden. Lebe recht wohl und liebe mich!“ Aber es war keine Liebe mehr herzustellen. Als Frau von Stein Goethes Umgang mit Christiane Vulpius erfuhr, schrieb sie ihm einen Brief, der den letzten Faden, der sie noch zusammengehalten hatte, zerriss. Goethes Antwortschreiben (Belvedere, am 1. Juni 1789), das wir ohne weitere Bemerkungen folgen lassen, erklärt alles und wirft ein deutliches Licht auf die der italienischen Reise folgende Lebensepoche des Dichters: „Ich danke Dir für den Brief, den Du mir zurückließest, wenn er mich gleich auf mehr als eine Weise betrübt hat. Ich zauderte darauf zu antworten, weil es in einem solchen Fall schwer ist aufrichtig zu sein und nicht zu verletzen. Wie sehr ich Dich leibe, wie sehr ich meine Pflicht gegen Dich und Fritz kenne, hab’ ich durch meine Rückkunft aus Italien bewiesen. Nach des Herzogs Willen wäre ich noch dort. Herder ging hin, und da ich nicht voraussah, dem Erbprinzen etwas sein zu können, hatte ich kaum etwas anderes im Sinn, als Dich und Fritz. Was ich in Italien verlassen habe, mag ich nicht wiederholen; Du hast mein Vertrauen darüber unfreundlich genug aufgenommen. Leider warst Du, als ich ankam, in einer sonderbaren Stimmung, und ich gestehe aufrichtig, dass die Art, wie Du mich empfingst, wie mich andere nahmen, für mich äußerst empfindlich war. Ich sah Herder, die Herzogin verreisen, einen mir dringend angebotenen Platz im Wagen leer; ich blieb um der Freunde willen, wie ich um ihretwillen gekommen war, und musste mir in demselben Augenblick hartnäckig wiederholen lassen, ich hätte nur wegbleiben können, ich nehme doch keinen Teil an den Menschen usw. Und das alles, ehe von einem Verhältnis die Rede sein konnte, was Dich so sehr zu kränken scheint. Und welch ein Verhältnis ist es? Wer wird dadurch verkürzt? Wer macht Anspruch auf die Empfindungen, die ich dem armen Geschöpf gönne? Wer an die Stunden, die ich mit ihr zubringe? Frage Fritz, die Herder, jeden, der mir näher ist, ob ich unteilnehmender, weniger mitteilender, untätiger für meine freunde bin, als vorher? Ob ich nicht vielmehr ihnen und der Gesellschaft erst recht angehöre? Und es müsste doch ein Wunder geschehen, wenn ich allein zu Dir das beste, innigste Verhältnis verloren haben sollte! Wie lebhaft habe ich es empfunden, dass es noch da ist, wenn ich dich einmal gestimmt fand, mit mir über interessante Gegenstände zu sprechen. Aber das gestehe ich gern, die Art, wie Du mich bisher behandelt hast, kann ich nicht erdulden. Wenn ich gesprächig war, hast Du mir die Lippen verschlossen; wenn ich mitteilend war, hast Du mich der Gleichgültigkeit, wenn ich für Freunde tätig war, der Kälte und Nachlässigkeit beschuldigt. Jede meiner Mienen hast Du kontrolliert, meine Bewegungen, meine Art zu sein getadelt, mich immer mal à mon aise gesetzt. Wo sollte da Vertrauen und Offenheit gedeihen, wenn Du mich mit vorsätzlicher Lauen von Dir stießest. Ich möchte gern noch manches hinzufügen, wenn ich nicht befürchtete, dass es Dich bei Deiner Gemütsverfassung eher beleidigen als versöhnen könnte.“ Was er dann am Schluss des Briefes noch hinzusetzt, die Warnung vor dem zu häufigen Genuss des Kaffees als einer Ursache zu hypochondrischer Stimmung und den Wunsch, dass die nächste Kur gut anschlagen möge, war in dem kalt abfertigenden Ton mehr beleidigend, als versöhnend. Als auf diesen Brief keine Erwiderung erfolgte, fühlte er, wie schwer es sei, ein jahrelang gewohntes Band der Liebe plötzlich zu zerreißen, und schrieb acht Tage darauf einen Brief in mehr begütigenden Ausdrücken. Wie teuer ihm ihre Liebe gewesen sei, wie wert noch jetzt, sagen die Zeilen: „Ich habe kein größeres Glück gekannt, als das Vertrauen gegen Dich, das von jeher unbegrenzt war. Sobald ich es nicht mehr ausüben kann, bin ich ein anderer Mensch und muss in der Folge mich noch mehr verändern.“ Er bekennt, dass ihm jener Brief sauer geworden sei, dass es ihn schmerz, sie zu betrüben, und räumt seine Schuld in Betreff des Verhältnisses zu der Vulpius ein: „Zu meiner Entschuldigung will ich nichts sagen. Nur mag ich Dich gern bitten, hilf mir selbst, dass das Verhältnis, das Dir zuwider ist, nicht ausarte, sondern stehe, wie es steht. Schenke mir Dein Vertrauen wieder, sieh die Sache aus einem natürlichen Gesichtspunkt an, erlaube mir, Dir ein gelassenes wahres Wort drüber zu sagen, und ich kann hoffen, es soll sich alles zwischen uns rein und gut herstellen.“ – Wenige Wochen später schloss er in Belvedere seinen Torquato Tasso, der die Bestimmung gehabt zu haben scheint, die schmerzlichsten Stunden seines Lebens aufzubewahren:
In den nächsten Jahren waren sie außer aller Berührung miteinander. Das erste Zeichen einer Annäherung gibt ein Briefchen Goethes aus Jena vom 7. September 1796: „Erlauben Sie auch ferner“, heißt es darin, „meinem armen Jungen, dass er sich Ihrer Gegenwart erfreuen und sich an Ihrem Anblick bilden dürfe. Ich kann nicht ohne Rührung daran denken, dass Sie ihm so wohl wollen.“ Nach Goethes Krankheit im Jahr 1801 stellte sich ein freundlicheres Verhältnis wieder her. „Ich wusste nicht“, schreibt rau v. Stein an ihren Sohn am 12. Januar, „dass unser ehemaliger Freund Goethe mir noch so teuer wäre, dass eine schwere Krankheit, an der er seit neun Tagen liegt, mich so innig ergreifen würde… Die Schillern und ich haben schon viele Tränen die Tage her über ihn vergossen.“ Sie schickte ihm manches zur Erquickung und nahm den August während des Vaters Krankheit zu sich. Seit 1804 sahen sie sich öfter, auch sie besuchte ihn, immer in Gesellschaft einer Freundin. Ein Briefwechsel stellte sich wieder her, doch mit so förmlichen Wendungen und auf der Oberfläche gewöhnlicher Umgangsverhältnisse, dass man eben seiht, dass diese Freundschaft keinen rechten Lebensinhalt wieder gewinnen konnte. Goethe teilte ihr manches über seine Werke mit und überschickte ihr unter anderem die einzelnen Bände von Dichtung und Wahrheit. Ein freundliches Blättchen vom 25. Dezember 1815 findet man unter den „Denk- und Sendeblättern“. Als sie im Jahr 1826 sich von ihm die Sammlung ihrer Briefe zurück erbat, begleitete er die Sendung mit dem Gedichtchen:
Diesem fügte er auf einem höchst zierlichen Blättchen die vom 29. August 1826 datierten Wort hinzu: „Beiliegendes Gedicht, meine Teuerste, sollte eigentlich schließen: Neigung aber und Liebe unmittelbar nachbarlich angeschlossen Lebender durch so viele Zeilen sich erhalten zu sehen, ist das Allerhöchste, was dem Menschen gewährt sein kann. – Und so für und für!“ |
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