www.wissen-im-Netz.infoGoethe - Biografien |
||
|
Homepage Literatur Johann Wolfgang von Goethe Biografien Schaefer - Goethes Leben Inhalt Erster Band Vorrede Kindheit und Jugend 1749 - 1765 1765 - 1768 1768 - 1771 1771 - 1773 1744 1775 Weimarsche Lehrjahre 1776 1777, 1778 1779 1780, 1781 1782 1783 - 1786 Zweiter Band Widmung Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche 1786 - 1788 1788 - 1791 1792, 1793 1794 - 1796 1797 - 1799 1799 - 1805 Goethe im Alter 1806 - 1813 1813 - 1819 1820 - 1825 1826 - 1832 Beilagen I. Charlotte von Stein II. Rede weißer Falkenordens III. Vermächtnis j. Nachwelt Schlusswort |
4. Kapitel: 1826 - 1832Aus den Festsälen treten wir wieder in das bescheidene Hinterzimmer, in die „Einsiedelei“ des Dichters, welche Zeuge seiner rastlosen Tätigkeit war bis ans Ende, wo er „Tag und Nacht beschäftigt ist, die Kräfte zu nutzen, die ihm noch geblieben sind.“ Zu einer Reise in die böhmischen Bäder konnte er sich nicht wieder entschließen. Die gute Jahreszeit entführte ihn nur auf kurze Zeit zu nah gelegenen Orten; am liebsten war er dann in seinem ruhig gelegenen Gartenhaus, wo er seine Arbeiten ununterbrochen fortsetzen konnte. Hat er Schiller und Winckelmann glücklich gepriesen, dass sie in voller Kraft von hinnen gegangen seien und die Abnahme derselben nicht empfunden haben, so ward auch ihm durch die anhaltende Übung seines Geistes der seltene Genuss des Schicksals zu Teil, dass er bis zuletzt das Gefühl des vollen Besitzes seiner geistigen Kräfte behielt. Wer noch kurz vor seinem Ende aussprechen kann, er erfahre das Glück, dass ihm in seinem hohen Alter Gedanken aufgehen, welche zu verfolgen und in Ausübung zu bringen eine Wiederholung des Lebens wohl wert wäre, von dem muss man wohl das Zeugnis Sorets gelten lassen: „Er hat die Annäherung seines Lebensendes nicht durch die Abnahme seiner Fähigkeiten gefühlt.“ Was er 1828 in einem Toast als höchsten Wunsch aussprach: „Nie Mangel des Gefühls und die Gefühl des Mangels“ war ihm nicht minder in geistiger Hinsicht gewährt. Auch die Natur behandelte noch den Greis als ihren Liebling. Er genoss, nachdem er die schwere Krankheitsperiode überstanden, in seinen letzten Jahren eine sehr gute Gesundheit; „sein Körper“, sagt Dr. Müller, „war noch in ausgezeichneter Weise kräftig, seine Stirn war wie Jupiters Stirn gewölbt, ohne Alter bezeichnende Furchen, sein Haupt war noch ganz mit Haaren bedeckt, seine Augen hatten noch ganz den strahlenden Glanz, der sie vor vielen anderen charakterisierte.“ Das im vorigen Abschnitt gezeichnete Bild der Lebensordnung und der Verhältnisse des Dichters in seiner letzten Lebensepoche haben wir uns wieder zu vergegenwärtigen. Ungetrübt bestanden die edlen Beziehungen zu den Gliedern der fürstlichen Familie, zu dem Kreis der erwählten Freunde, und wenn er auch schon ein „Vorwärts über Gräber“ sich ermutigend zuzurufen hatte, so ward ihm doch das Glück dass die am innigsten mit ihm verwachsenen Freunde bei ihm ausharrten, zum Teil um gleich nach ihm sich zur Ruhe zu legen. Noch wechselten die Stunden der ernsten Arbeit mit heiterer geselliger Unterhaltung ab. Große Freude machte ihm sein Enkelpaar, Walther und Wolfgang (sein „Wölfchen“), die er gern beim Frühstücken um sich hatte, gleichsam durch ihre munteren Tändeleien in die rechte Stimmung versetzt, um dann zu der Arbeit des Tages überzugehen. Dieser waren die Vormittagsstunden meist ununterbrochen gewidmet; erst nach 12 Uhr nahm er Besuche an, von Freunden auch wohl früher, doch nicht vor 11 Uhr. Sein Sekretär wurde regelmäßig mehrere Stunden hintereinander beschäftigt. Unablässig konnte der Greis die Geistesanstrengung fortsetzen. Sitzend oder auf- und abschreitend ließ er die Gedanken in raschem Fluss hervorströmen; auch die Manuskripte seiner größeren Werke erhielten nach alter Gewohnheit auf diese Weise ihre Gestalt. Sonst pflegte er an einem Stehpult zu schrieben, den Rücken gegen das Licht gewendet. Wenn er dichtete, sprach er die Verse laut vor sich hin, um das Ohr zum Richter über die Melodie und den Rhythmus der Worte zu machen. Es würde indes eine ganz falsche Vorstellung sein, dächte man sich Goethe in diesem Studierzimmer als einen einsiedlerischen Greis die Welt und die Gegenwart abgeschlossen. Nie war sein Briefwechsel ausgebreiteter und vielseitiger, nie sein Interesse an literarischen und künstlerischen Produktionen, großen industriellen Unternehmungen reger, nie seine Lektüre, selbst politisch-historischer Werke, mannigfaltiger, nie seine Beachtung der Entwicklung naturhistorischer Probleme lebendiger. Und nicht Briefe und Bücher allein unterhielten ihn in diesem Wechselverkehr mit der Außenwelt, sondern die Unterhaltung mit den Freunden und den zahlreichen Besuchenden aus den verschiedensten Ländern äußerte ihre anregende und belehrende Einwirkung in gleichem Maß, wie bisher. Vor allem bewährt sich darin eine seltene Kraft des Geistes, dass er ungeachtet seines hohen Alters keinen der früher angesponnenen Fäden fallen lässt, sondern bis zuletzt das Gewebe zu immer breiterer Fläche fortführt. In den amtlichen Geschäften der „Oberaufsicht“, deren alleiniger Chef er seit v. Voigts Tod war, ließ er sich mehr und mehr durch jüngere Kräfte vertreten; besonders nahm er für die jenaschen Anstalten die Assistenz seines Sohnes, dermaligen geheimen Kammerrats und Kammerherrn, in Anspruch, an dessen Stelle zuletzt Hofrat Vogel trat. Mehrere seiner amtlichen schreiben und ausführlichen Berichte gehören seinen letzten Lebensjahren an, und den ihm untergeordneten Instituten gab er viele Beweise seiner fortdauernden Fürsorge; z.B. gründete er 1826 in dem weimarschen Münzkabinett eine „Sammlung von Münzen solcher Münzstätten, welche in der allgemeinen Weltumbildung ihr Münzrecht verloren, zugleich aber auch anderer, die sich für kurze Zeit dergleichen angemaßt, nicht weniger solcher, welche neu aufgetreten und ihr Recht zu behaupten gewusst haben“, worin sich, unter anderen, Münzen von schon wieder untergegangenen südamerikanischen Staaten befinden. Auf seine Veranlassung ward 1831 eine wertvolle Sammlung griechischer und römischer Münzen aus v. Voigts Nachlass angekauft. Dieselbe Ordnungsliebe, die er in allen seinen literarischen und Privat-Angelegenheiten beobachtete, bewährte er auch in Verwaltungssachen. Daher war es für ihn sehr verletzend, als der Landtag von 1831 von ihm die Vorlage der Rechnungsführung der Oberaufsicht verlangte. Die öffentlichen Blätter benutzen seine Weigerung sogleich, um seine Verwaltung zu verdächtigen; es ward, wie Hofrat Vogel sich ausdrückt, „auf das hämischeste darüber abgeurteilt.“ Allerdings wendete Goethe – wir berichten mit Vogels Worten – alles an, um von der Befolgung des ihm nach 53jähriger, rühmlicher Dienstzeit und im 81sten Lebensjahr zum ersten Mal ernstlicher gestellten Ansinnens dispensiert zu werden. Dabei ist des zu bemerken, dass alle desfallsigen Verhandlungen nicht förmlich geführt worden, und dass es daher keineswegs über allen Zweifel feststeht, dass Goethe nicht auch in diesem Fall, wie früher immer, einem ausdrücklichen Befehl seines Fürsten Folge geleistet haben würde. Sein Tod machte einen solchen überflüssig, und das Anerkenntnis, welches der Landtag nach Einsicht der Rechnungen und Dienstführung des Verewigten offiziell und öffentlich angedeihen lassen, beweist, wie wenig Ursache Goethe hatte, seine Verwaltung, die er jederzeit dem Ministerium bereitwilligst dargelegt, nicht auch der Prüfung durch den Landtag zu unterwerfen. Indem wir uns zu Goethes geistiger Tätigkeit zurückwenden, ist vornehmlich darauf Nachdruck zu legen, dass er sich in seinem höchsten Alter angelegentlicher mit den Interessen der Gegenwart beschäftigte, als in manchen früheren Lebensepochen, wo er oft nach Mitteln sucht, ihrem unmittelbaren Einfluss sich zu entziehen. Das Zeitungslesen versagte er sich manchmal eine Zeitlang, wenn eine Arbeit ihn beschäftigte, welche eine anhaltende geistige Konzentration erforderte. Übrigens war sein Nachdenken der neuesten politischen Entwicklung Europas gar sehr zugewendet. Über die griechischen Angelegenheiten, über Cannings staatsmännische Wirksamkeit konnte man warme Äußerungen von ihm vernehmen; unter anderem ward er von Cannings Rede über Portugal, welche der liberalen Politik Englands die Bahn vorzeichnete, zu begeisterter Zustimmung hingerissen. Die Memoiren und Geschichtswerke, welche die Revolutionsepoche und die Zeit der Napoleonischen Kaiserherrschaft darstellen, waren ein stehender Teil seiner Lektüre. Es sind vornehmlich die Charaktere, von denen er sich ein klares Bild zu entwerfen suchte, ein Mirabeau, ein Napoleon etc. Über letzteren verglich er die Darstellungen Walter Scotts, der ihm seine Biografie des Kaisers mit einem verbindlichen Schreiben zugesandt hatte, Bignons, Bourriennes u.a., und bewahrte ihm auch nach seinem Sturz die Hochachtung, die er einst vor dem mächtigen Herrscher gehabt hatte. Unter den Ereignissen der neuesten Zeit zogen seinen Geist vor allem die großen Projekte an, in denen die Riesenkraft des Unternehmungsgeistes der Friedenszeiten hervortrat. Nachdem er das Werk Alexanders von Humboldt über Kuba und Kolumbien gelesen hatte, sprach er mit großer Teilnahme von dem Unternehmen des Durchstichs der Landenge von Panama. Nicht minder interessierte ihn die Kanalverbindung von Donau und Main, sowie die Anlage eines Kanals durch die Landenge von Suez und meinte, nur um diese drei großen Dinge zu erleben, sei es wohl der Mühe wert, es noch einige fünfzig Jahre auszuhalten. Auch mit Plänen und Rissen großartiger Bauunternehmungen, z.B. des Londoner Tunnels, des neuen Hafens an der Wesermündung, war er anhaltend beschäftigt. Mit der schönen Literatur der Nachbarländer blieb er in vertrautem verkehr und stand mit mehreren ihrer Vertreter in näherem Verhältnis. Man ersieht dies schon aus den Abhandlungen, welche in diese letzten Jahre fallen: Über „Neuere französische Literatur“, über „Manzonis Adelchi“, über „Volkspoesie“ und „serbische Lieder“, über das „Livre des Cent-et-un“, wobei er so genau verfuhr, dass er die Sittenschilderungen desselben in einen tabellarischen Auszug sich zusammenstellte. „Den Vorlesungen von Guizot, Villemain und Cousin“, so schreibt er 1829, „folg’ ich in ruhiger Betrachtung; ‚le Globe, la revue française’ und ‚… le temps’ führen mich in einen Kreis, den man in Deutschland vergebens suchen würde.“ Auch auf die neuere deutsche Literatur blieb stets sein aufmerksamer Blick gerichtet; mehrere beurteilende Artikel wurden ihren Erscheinungen gewidmet. Wenn man ihm dabei vorwirft, dass er mit dem Lob zu freigebig sei, so vergisst man, dass es keine eigentliche Kritiken, sondern nur Selbstbekenntnisse sein sollen, für welche der richtige Gesichtspunkt in den Worten an Zelter angedeutet ist: „Was ein Buch sei, bekümmert mich immer weniger; was es in mir aufregt, das ist das Höchste.“ Unter diese anregenden Werke sind auch mehrere philosophische zu zählen; Stiedenroths Psychologie z.B. hatte er aufs sorgfältigste durchgearbeitet und mit Randbemerkungen versehen. Von der mehr steigenden Polemik gegen seine Schriften, durch die sich die jüngere Schriftstellerwelt den Schein geistreicher Originalität zu geben gedachte, nahm er wenig Notiz. Von Menzels Angriffen erfuhr er zuerst aus dem Globe und erwiderte auf Zelters Anfrage kurz, er habe viel zu tun, wenn er sich darum bekümmern wolle, wie die Leute ihn und seine Arbeiten betrachten. Im Stillen schüttelte er wohl den gerechten Unmut in den leichten Blättchen der zahmen Xenien ab. Das Selbstgefühl, das sich hier edel und würdig ausspricht, kleidet ihn besser, als ihn die affektierte Bescheidenheit zieren würde. Allein die Worte echter Bescheidenheit kommen nur so wahrer aus seiner Seele, und manche Xenie spricht in dem Sinn seiner Äußerung an Krug von Nidda: „Man ehrt mich zu hoch! Ich habe mit meiner Zeit gelebt und verkehrt, und einer hat sich an dem andern erhoben. Den Vordern sind wir auf die Schultern gestiegen, sahen hierdurch vielleicht etwas weiter, als sie, und so gestaltete sich manche neue Erscheinung.“ Wenn es äußerer Ehre und Auszeichnung bedurft hätte, um ihn für Angriffe und Herabwürdigungen schadlos zu halten, so genoss er diese auch jetzt noch im vollsten Maß. Sein Geburtstag ward an vielen Orten von seinen Verehrern festlich begangen. An seinem achtundsiebzigsten Geburtstag trat der König Ludwig von Bayern bei ihm ein, vom Großherzog begleitet, und überreichte ihm das Großkreuz des Zivilverdienstordens der bayerischen Krone. Er blieb seitdem mit dem Dichter in Korrespondenz. Im nächsten Jahr sandte er seinen Hofmaler Stieler nach Weimar, um für ihn des Dichters Bildnis zu malen. Und welch herzliche Verehrung kam ihm aus weiter Ferne entgegen! Von keinem Fürsten beauftragt, sondern nur von der Verehrung zu dem großen Dichter getrieben, reiste der französische Bildhauer David 1829 nach Weimar, in der Absicht, Goethes Büste zu modellieren und dann in Paris in Marmor auszuführen. Er sandte sie 1831 dem Dichter zum Geschenk unter Ausdrücken der liebevollsten Verehrung, welche einem deutsch Künstler kaum verziehen worden wären: „Es war mir“, heißt es in diesem Schreiben, „ein unverdientes Glück aufbewahrt, die Züge des Größten, des Erhabensten nachzubilden. Ich bringe Ihnen diese schwache Nachbildung Ihrer Züge dar, nicht als ein Ihrer würdiges Werk, sondern als der Ausdruck eines Herzens, das besser fühlt, als es ausdrücken kann. Sie sind die große Dichtergestalt (la grande figure poétique) unsrer Epoche, sie ist Ihnen eine Bildsäule schuldig; aber ich habe gewagt, ein Bruchstück derselben zu bilden; ein Genius, der Ihrer würdiger ist, wird sie vollenden.“ Die kolossale Büste wurde Goethes Bestimmung zufolge auf dem Saal der großherzoglichen Bibliothek aufgestellt und an dem letzten Geburtstag, den er erlebte, in feierlicher Weise von dem Schleier, womit sie bis dahin verhüllt war, befreit. Vor seine Nation trat Goethe im März 1826 mit der Ankündigung einer neuen, seit längerer Zeit vorbereiteten Ausgabe seiner Werke, welche als Ausgabe letzter Hand bezeichnet ward. Mancher fand den Dank and en Bundestag, der des Dichters Eigentum durch bündige Privilegien gegen den Nachdruck und gegen den Verkauf des Nachdruckes schützte, sowie die freundlich einladende Ansprache an das Publikum nicht so stolz und selbstbewusst, wie es dem Dichtergreis geziemen mochte, und glossierte darüber. Eher mochte man es als einen traurigen Beweis von der Rechtlosigkeit, welcher damals noch der deutsche Schriftsteller preisgegeben war, beklagen, dass die Sicherung gegen den literarischen Diebstahl durch Petitionen zu erwirken und mit Ausdrücken des Dankes anzuerkennen war. Auch hatte wohl, der seine literarische Tätigkeit nie durch die Rücksicht auf Erwerb hatte bestimmen lassen, am Ende seiner ruhmvollen Laufbahn ein Recht, darauf aufmerksam zu machen, dass von der Anzahl der Unterzeichnungen nicht allein des Verlegers Vorteil abhänge, sondern sie unmittelbar ihm und den Seinigen zugute kommen werde; dem deutschen Volk war eine Gelegenheit gegeben, besser als durch ein Standbild, dem Dichter bei seinen Lebzeiten einen Tribut des Dankes zu zollen. Wie bei den früheren Ausgaben ward auch diesmal zu den älteren Produktionen wenig geändert; es möchte nur der neue Schluss von Jery und Bätely in dieser Hinsicht zu erwähnen sein. Für Übereinstimmung in Orthografie und Interpunktion wie für die Revision der neu hinzukommenden Manuskripte sorgten die jüngeren Gehilfen, Riemer, Götting und Eckermann. Der letztere, welchen Goethe wie einen Sohn fast täglich um sich hatte, war vorzüglich mit den „alten hoffnungslos zugeschnürten Manuskriptmassen“ beschäftigt; manches aus früherer Zeit ward dadurch erhalten und der neuen Ausgabe einverleibt; keine geringe Aufgabe war es, die Sprüche und zahmen Xenien aus ihrer Hieroglyphenschrift zu enträtseln. Außer diesen ward der Sammlung der kleineren Gedichte noch eine Reihe von „Denk- und Sendeblättern“ hinzugefügt, in denen der Dichtergreis in Nähe und Ferne an Freunde und Freundinnen zierliche Begrüßungen zu spenden und die von allen Seiten ihm reichlich dargebotene Huld und Verehrung zu erwidern pflegte, zum Teil erbetene Blätter des Andenkens, Dankesworte für Geschenke oder Glückwünsche zu festlichen Lebensmomenten. Früher hatte er solche flüchtige Reimzeilen wenig beachtet und meist verloren gehen lassen; jetzt war zu fürchten, dass man ihm die Scherzworte, mit denen er die Himburgsche Sammlung seiner Gedichte abgefertigt hatte, zurückgab. Goethe schätzte sehr das Gelegenheitsgedicht, aber frisch duftende Blätter konnten nur die sein, wo volle Liebe und Begeisterung sich in einen bedeutungsvollen Moment zusammendrängte. Dann vernehmen wir auch jetzt noch den lebenvollen Klang der Jugendlieder, z.B. in dem Tischlied zu Zelters siebzigsten Geburtstag (11. Dezember 1828). Vor allem ist das Festgedicht zum 30. Januar 1828 Goethes vollendetsten Gelegenheitsgedichten beizuzählen. Ein poetischer Dialog zwischen dem Gnomen, der Geognosie und der Technik ausgestattet mit der phantasievollen Tiefe seiner Naturbetrachtung, begleitete die ersten Erzeugnisse der Stotternheimer Saline, welche zum Geburtstag der Großherzogin von dem Salinendirektor Glenck überreicht wurden. Diese und andere kleinere lyrische Gedichte, darunter die „chinesisch-deutschen Tags- und Jahreszeiten“ (1827) wurden in den deutschen Musenalmanachen veröffentlicht, deren Herausgeber ihn sehr dringend um Beiträge angingen. Goethe fürchtete aber das Schicksal des alten Gleim, dessen Name lange Zeit in Almanachen unter unbedeutenden Reimen zu finden war, und lehnte fernere Ansuchen ab; „was sie brauchen“, äußerte er gegen Zelter, „habe ich nicht, und was ich habe, können sie nicht brauchen.“ Wie gefällig er übrigens mit seinem Dichtertalent war, erfuhr z.B. der Intendant des Berliner Theaters, Graf Brühl. Brühl bat ihn im Januar 1828 um die Erlaubnis, „Hans Sachs poetische Sendung“ als Prolog zu Deinhardsteins „Hans Sachs“ rezitieren zu lassen. Goethe erbot sich sogleich, dazu eine Einleitung in gleichem Sinn und Stil niederzuschreiben, wodurch der Vortrag des Gedichts anschaulicher gemacht werde. Dieser der Person eines Nürnberger Meistersängers angepasste Prolog1 ist, gleich anderen Gedichten jener Jahre, ein Beweis, dass dem Dichter auch im Alter der muntere humoristische Ton der Hans-Sachsischen Poesie nicht abhanden gekommen war. Goethe hatte der Tätigkeit dieser Jahre, welche er gegen Zelter als „testamentlich“ bezeichnete, drei Hauptaufgaben gestellt, worauf auch in dem Programm der Ausgabe seiner Werke hingedeutet war: Die Vervollständigung seiner biografischen Berichte, die Umarbeitung der Wanderjahre und die Vollendung des zweiten Teils des Faust. Diese Arbeiten schlingen sich durcheinander bis in sein letztes Lebensjahr, gleich als ob sich an ihm sein mutiges Wort bewähren sollte: Solange man schaffe, habe man keine Zeit zum Sterben. In den Annalen seines Lebens arbeitete er 1826 die Epoche seines Zusammenlebens mit Schiller nebst der kurzen Eingangsskizze aus. Seine Betrachtung und sein Gespräch wandte sich daher mit erneuter Anhänglichkeit dem früh geschiedenen Freund zu. In das Jahr 1826 fällt das erhabene Gedicht „Bei Betrachtung von Schillers Schädel“. Dieser ward damals noch auf der großherzoglichen Bibliothek abgesondert verwahrt. Im darauf folgenden Jahr erhielten auf Karl Augusts Anordnung die Überreste des Dichters, in einem dauerhaften Sarkophag wieder vereinigt, einen Platz in der auf dem neuen Friedhof erbauten großherzoglichen Familiengruft. Die Anordnung der Beisetzung war Goethe übertragen, dem der Schlüssel zum Sarkophag überliefert ward. Goethe entschloss sich, seinen ‚Briefwechsel mit Schiller’ schon bei seinen Lebzeiten zu veröffentlichen. Riemer unterstützte ihn bei dem schließlichen Redaktionsgeschäft, indem manche Auslassung durch Rücksicht auf lebende Zeitgenossen geboten zu sein schienen. Die Autografen wurden wieder unter Siegel gelegt, die seinem letzten Willen zufolge erst 1850 gelöst werden sollten, damit alsdann dieser Briefwechsel unverkürzt, als das wichtigste Dokument unserer Literaturgeschichte, der Nation übergeben werden könne, der die Goethe-Schillerschen Erben ihn hoffentlich nicht lange mehr vorenthalten werden. Goethe widmete seine Ausgabe der Briefsammlung, welche in den Jahren 1828 und 1829 in sechs Bänden ans Licht trat, dem König Ludwig von Bayern. In dem pretiös gehaltenen Dedikationsschreiben tritt aufs neue die Befangenheit hervor, welche Goethe fürstlichen Personen gegenüber nicht ablegen konnte. Wie warm sind dagegen die einfachen Worte, welche von ihm zwei Jahre später als Vorwort zu der deutschen Übersetzung von Carlyles Biographie Schillers geschrieben wurden! Während der Bearbeitung der Annalen seines Lebens kam Goethe auch auf den Gedanken, eine ähnliche sorgfältige Redaktion den mit Zelter gewechselten Briefen zu widmen, welche sich gewissermaßen als eine Fortsetzung anschlossen, „indem das Verhältnis beider Freunde von 1800 an sich durch alle Lebensereignisse hindurch schlingt, so dass er es zu einem ewigen Zeugnis wünschte erscheinen zu lassen.“ Mit Anfang des Jahres 1825 wurden die früheren Zelterschen Briefe mit den Goetheschen ins Reine geschrieben und die nachfolgenden Jahrgänge regelmäßig angereiht. Von dem Augenblick an war es freilich kein unbelauschtes Freundesgespräch mehr; doch ändert das in Rücksicht auf Goethe nichts, der längst bei jedem Brief, den er schrieb oder diktierte, an künftige Veröffentlichung zu denken hatte. Durch beiderseitige, testamentliche Bestimmung wurde die dereinstige Herausgabe der Briefe dem Hofrat Riemer übertragen, der schon bei der Vergleichung und Durchsicht der Abschrift Goethe behilflich war. Seine letzten Briefe aus Italien, besonders die an Frau von Stein, gaben ihm den Faden zur Darstellung seines ‚Zweiten Aufenthalts in Rom’, die er schon, um sie den Schilderungen der italienischen Reise unmittelbar anzuschließen, im Jahr 1820 vorgenommen hatte. Jedoch erst im Mai 1828 berichtet er, das „Märchen“ seines zweiten Aufenthalts in Rom habe er zu diktieren angefangen. Die eigentliche Ausführung ward nach Beendigung der Wanderjahre im Sommer 1829 vorgenommen; er bezog seine stille Gartenwohnung, um in der Einsamkeit „seines grünen Tals“ die fern liegenden Erlebnisse in seiner Phantasie wieder hervorzurufen. „Ich habe“, schreibt er am 18. Juli an Zelter, „mir hier in meinem Erdsälchen das alte und neue Rom in weitschichtigen Bildern, nicht weniger das alte Latium vor Augen gehängt und gestellt, viele Bücher dieses Inhaltes und Sinnes um mich versammelt und belebe so möglichst die Erinnerungen an meinen zweiten Aufenthalt in Rom.“ Goethe war froh, in dieser Zurückgezogenheit gegen den zeitraubenden Zudrang von Besuchenden mehr geschützt zu sein, muss jedoch beim Abschluss seiner Arbeit bekennen, er habe wohl das Doppelte tun können, ohne das unaufhörliche Hin- und herzerren von guten, lieben Fremden, die nichts bringen und nichts holen. Doch würden wir durch größere Ausführlichkeit (es wäre denn, dass er die Schilderung seiner Rückreise hinzugefügt hätte) wenig gewonnen haben, da er sich’s von vornherein versagte, das Liebesverhältnis, welches ihn in Rom umschlang und ihm den Abschied so überaus schmerzlich machte, nach seiner eigentlichen Beziehung und Bedeutung hervortreten zu lassen, während der dem wahren Hergang substituierten Dichtung das frische Kolorit früherer ähnlichen Darstellungen abgeht. Nahe dem Ziel den weiten Gang seines Lebens überblickend, empfand es Goethe aufs tiefste und bekannte es mit den lebhaftesten Ausdrücken, dass alle seien Liebesverhältnisse, so leidenschaftlich sie im Moment sein mochten, doch nur „leicht und oberflächlich“ gewesen seien im Vergleich zu seinem mit ganzer Hingebung eines vollen warmen Herzens geschlossenen Bund mit Lili. Dies Gefühl zog ihn wiederholt zu der Darstellung dieses schmerzlich-glücklichen Lebensjahres; allein das Verhältnis erschien ihm noch in der Erinnerung so zart, dass er nur zögernd die Hand an die Zeichnung legte; sie ward von Zeit zu Zeit in kleinen Abschnitten fortgeführt und beschäftigte ihn noch in dem letzten Jahr seines Lebens. 1830 sah er das reizende Fräulein von Türkheim, eine „Verwandte“ [doch wohl Enkelin] Lilis, in Weimar. Als Soret bald nach ihrer Abreise in Anmut des Mädchens und den Eindruck, den sie in Weimar gemacht, schilderte, erwiderte Goethe, ihm würden alle seine alten Erinnerungen erweckt; er sehe die reizende Lili wieder in aller Lebendigkeit vor sich und ihm sei, als fühle er den Hauch ihrer beglückenden Nähe. Indem das Gespräch sich zu dem noch ungedruckten vierten Teil von „Dichtung und Wahrheit“ wandte, äußerte Goethe: „Ich hätte ihn längst früher geschrieben und herausgegeben, wenn mich nicht gewisse zarte Rücksichten gehindert hätten, und zwar nicht Rücksichten gegen mich selber, sondern gegen die damals noch lebende Geliebte. Ich wäre stolz gewesen es der ganzen Welt zu sagen, wie sehr ich sie geliebt, und ich glaube, sie wäre nicht errötet, zu gestehen, dass meine Neigung erwidert wurde. Aber hatte ich das Recht es öffentlich zu sagen, ohne ihre Zustimmung? Ich hatte immer die Absicht, sie darum zu bitten; doch zögerte ich damit hin, bis es denn endlich nicht mehr nötig war.“ Lili von Türkheim hatte am 6. Mai 1817 auf dem Gut Kraut-Ergersheim bei Straßburg ihr schönes irdisches Dasein beschlossen2. Den zweiten Teil des Faust und die Wanderjahre hatte Goethe 1825 zu gleicher Zeit zu bearbeiten angefangen und ließ diese Arbeiten miteinander abwechseln. Helena, als der Mittelpunkt der Fortsetzung der Faustdichtung, größtenteils schon in früherer Abfassung vorhanden, ward zuerst vorgenommen und im Sommer 1826 vollendet. Die neue Zugabe scheint an der Stelle zu beginnen, wo Faust und Helena verschwinden und aus ihrem Liebesbund Euphorion hervorgeht, in welchem der Genius der neuern Poesie, in welchem Klassisches und Romantisches sich vereint, in nächster Beziehung zu Lord Byron zur Erscheinung kommt. Goethe war um diese Zeit wieder sehr mit der griechischen Tragödie beschäftigt; er vervollständigte seien Arbeit über Euripides Phaethon und entsagte nur mit Widerstreben dem Genuss, auf längere Zeit in jenen Regionen zu verweilen, in die er besonders durch ein Programm Hermanns über drei antike Philoktete sich verlockt fühlte; aber „ich musste mich bald los machen von diesen Betrachtungen, sie hätten mich ein Vierteljahr gekostet, das ich nicht mehr nebenher auszugeben habe.“ Er hielt seine Tätigkeit zunächst bei den Wanderjahren fest, da er bei der Ankündigung seiner Gesamtausgabe versprochen hatte, das Werk „wieder neu aufzubauen, so dass nun in einem ganz anderen dasselbe wieder erscheinen werde.“ An Eckermann erzählte er eines Tages: „Um den vorhandenen Stoff besser zu benutzen, habe ich den ersten Teil ganz aufgelöst und werde nun so durch Vermischung des Alten und Neuen zwei Teile bilden. Ich lasse nun das Gedruckte ganz abschreiben; die Stellen, wo ich Neues auszuführen habe, sind angemerkt, und wenn der Schreibende an ein solches Zeichen kommt, so diktiere ich weiter und bin auf diese Weise genötigt, die Arbeit nicht in Stocken geraten zu lassen.“ Auch wurden einige der einzuschaltenden Novellen, „die Geschichte des nussbraunen Mädchens“ und „der Mann von fünfzig Jahren“ fortgeführt. Die im Jahr 1826 ausgearbeitete Novelle vom Kind und Löwen3, deren Sujet Goethe schon vor dreißig Jahren episch zu behandeln gedachte, war anfangs ebenfalls dazu bestimmt, an den Faden der Wanderjahre angereiht zu werden. Da sie jedoch außer Zusammenhang mit der Hauptidee des Romans steht, so ließ er sie mit Recht davon getrennt. Den früheren Entwurf hatte er nicht wieder auffinden können, daher war er genötigt ein neues Schema zu machen. In der durchsichtigen Form und klassischen Darstellung dieser Novelle hat sich die künstlerische Klarheit und Sicherheit des Dichters wieder in so ausgezeichnetem Grad bewährt, dass er wohl berechtigt war, auf dies Juwel unter seinen kleineren Dichtungen mit besonderer Zuneigung zu blicken. In dem Gleichnis, dass er in Beziehung auf diese Erzählung gegen Eckermann gebrauchte, spricht er im Grunde das Geheimnis seines geistigen Schaffens überhaupt aus: „Denken Sie sich aus der Wurzel hervorschießend ein grünes Gewächs, das eine Weile aus einem treibt und zuletzt mit einer Blume endet; die Blume war unerwartet, überraschend, aber sie musste kommen; ja das grüne Blätterwerk war nur für sie da und wäre ohne sie nicht der Mühe wert gewesen.“ Nachdem Goethe im Frühling des Jahres 1827 die Wanderjahre so weit geführt hatte, dass er Zelter den zweiten Band als fertig ankündigen konnte, ward er wieder mehr zum Faust hingezogen. Nach alter Gewohnheit arbeitete er nicht einen Akt nach dem andern vorwärts schreitend aus, sondern bald vorn, bald am Schluss, je nachdem ihn eine oder die andere Partie besonders anzog. Er widmete dieser Dichtung die frühen Morgenstunden; doch rückte sie nur langsam vor, so dass oft nicht mehr als ein Blatt fertig wurde. 1827 wurde der fünfte Akt, mit Ausnahme des Eingangs, ins Reine gebracht; dann kehrte er zu den ersten beiden Akten zurück, welche die Bestimmung hatten, die Vorstufen zur Helena zu bilden. „In den ersten beiden Akten“, äußerte er gegen Eckermann, „klingt schon das Klassische und Romantische an und wird zur Sprache gebracht, damit es zur Helena hinaufgehe, wo beide Dichtungsformen entschieden hervortreten und eine Art von Ausgleichung finden.“ Da unterdes die Herausgabe seiner Werke vorwärts rückte, so drang Eckermann in ihn, alles beiseite zu lassen und den Sommer von 1828 dazu anzuwenden, die Wanderjahre reicher auszustatten. Nochmals fühlte Goethe ein Verlangen, sich nach Böhmen zu begeben; dahin luden ihn namentlich die persönlichen Beziehungen zu dem Grafen Caspar von Sternberg4, der als kenntnisreicher Botaniker und Mineraloge, besonders in Hinsicht auf Petrefaktenkunde ihm zur Erweiterung seiner Kenntnisse bedeutenden Gewinn versprach. Seine Teilnahme für die wissenschaftlichen Bestrebungen Böhmens war, wenn auch die früheren regelmäßigen Besuche unterblieben, unverändert, ja noch gesteigert, seit er von der 1822 gegründeten Gesellschaft des vaterländischen Museums in Böhmen, deren Vorsitz Graf Sternberg führte, zum Ehrenmitglied ernannt war; sein ausführlicher Bericht über die Monatsschrift, der sich zu einer tief eingehenden Schilderung des böhmischen Landes und seiner Kultur erweitert, gibt davon Zeugnis. Da er auf die böhmische Reise glaubte verzichten zu müssen, so beabsichtigte er wenigstens einen Ausflug nach Freiberg zu machen, um dort die unterbrochenen mineralogischen Studien wieder anzuknüpfen und „nachzuholen“. Eine unerwartete Trauerbotschaft machte alle Pläne zunichte. Sein geliebter Fürst endete am 14. Juni 1828 auf der Rückreise von Berlin, zu Graditz bei Torgau vom Schlag gerührt. Schon kränkelnd, war Karl August nach Berlin gereist und hoffte nach diesem zerstreuenden Ausflug in den Bädern von Teplitz die schwindenden Kräfte wieder herzustellen. Trotz seiner körperlichen Erschöpfung war sein Geist noch jugendlich rege; es schien in den letzten Lebensblicken seine edle Natur noch einmal in ihrer ganzen Fülle und Schönheit hervorzutreten. „Als sei eine solche Lucidität“, heißt es in einem Brief Alexanders von Humboldt an den Kanzler v. Müller, „wie bei den erhabenen schneebedeckten Alpen, der Vorbote des scheidenden Lichtes, nie habe ich den großen menschlichen Fürsten lebendiger, geistreicher, milder und an aller ferneren Entwicklung des Volkslebens teilnehmender gesehen, als in den letzten Tagen, die wir ihn hier besaßen.“ Humboldt ließ er fast nicht von seiner Seite und durchsprach mit ihm die verschiedenartigsten Gegenstände der Wissenschaft, vor allen die Probleme der neueren Naturforschung, dabei mit einer so aufgeregten Lebendigkeit von dem einen zum andern greifend, dass Humboldt in ahnungsvoller Besorgnis gegen seine Freunde äußerte, ihm sie diese Lebendigkeit, diese geheimnisvolle Klarheit des Geistes bei so viel körperlicher Schwäche ein schreckhaftes Phänomen. Der Schmerz über diesen unersetzlichen Verlust erschütterte Goethe aufs tiefste; alle Trostworte lehnte er ab und wollte davon nichts wissen. „Ich hatte gedacht“, sagte er zu Eckermann, der spät am Abend zu ihm kam und ihn ganz niedergebeugt antraf, „ich wollte vor ihm hingehen; aber Gott fügt es, wie er es für gut findet, und uns armen Sterblichen bleibt weiter nichts, als zu tragen und uns empor zu halten, so gut und so lange es gehen will.“ Die verwitwete Großherzogin befand sich in Wilhelmsthal; an sie richtete er, was Liebe und Fürsorge ihm in diesen Momenten Tröstendes und Erhebendes eingab. Sie benahm sich, wie stets im Unglück, standhaft und gefasst. Der neu antretende Großherzog befand sich mit seiner Gemahlin in Russland und kehrte erst im Juli zurück. Um „bei dem schmerzlichsten Zustand des Innern“ den öffentlichen Trauerfeierlichkeiten zu entgehen, begab sich Goethe am 7. Juli nach dem im reizenden Saaltal gelegenen Schloss Dornburg. Mögen uns seine eigenen Worte diesen Zufluchtsort und den Frieden den er wiederum über sein Gemüt verbreitete, schildern. „Ich weiß nicht“, schreibt er am 10. Juli an Zelter, „ob Dornburg Dir bekannt ist; es ist ein Städtchen auf der Höhe im Saaltal unter Jena, vor welchem eine Reihe von Schlössern und Schlösschen, gerade am Absturz des Kalkflözgebirges, zu den verschiedensten Zeiten erbaut ist; anmutige Gärten ziehen sich an Lusthäusern her; ich bewohne das alte neu aufgeputzte Schlösschen am südlichsten Ende. Die Aussicht ist herrlich und fröhlich, die Blumen blühen in den wohl unterhaltenen Gärten, die Traubengeländer sind reichlich behangen, und unter meinem Fenster seh’ ich einen wohl gediehenen Weinberg, den der Verblichene auf dem ödesten Abhang noch vor drei Jahren anlegen ließ und an dessen Ergrünung er sich die letzten Pfingsttage noch zu erfreuen die Lust hatte. Von den anderen Seiten sind die Rosenlauben bis zum Feenhaften geschmückt und die Malven, und was nicht alles, blühend und bunt, und mir erscheint das alles in erhöhteren Farben wie der Regenbogen auf schwarzgrauem Grunde. Seit fünfzig Jahren hab’ ich an dieser Stätte mich mehrmals mit ihm des Lebens gefreut, und ich könnte diesmal an keinem Ort verweilen, wo seine Tätigkeit auffallender anmutig vor die Sinne tritt. Das Ältere erhalten und aufgeschmückt, das Neuerworbene (eben das Schlösschen, das ich bewohne, ehemals ein Privat-Eigentum) mäßig und schicklich eingerichtet, durch anmutige Berggänge und Terrassen mit den früheren Schlossgärten verbunden, für eine zahlreiche Hofhaltung, wenn sie keine übertriebene Forderungen macht, geräumig und genügend, und was der Gärtner ohne Pedanterie und Ängstlichkeit zu leisten verpflichtet ist, alles vollkommen, Anlage wie Flor. Und wie es ist, wird es bestehen, da die jüngere Herrschaft das Gefühl des Guten und Schicklichen dieser Zustände gleichfalls in sich trägt und es mehrere Jahre bei längerem und kürzerem Aufenthalt bewährt hat. Dies ist denn doch auch ein angenehmes Gefühl, dass ein Scheidender den Hinterbliebenen irgendeinen Faden in die Hand gibt, woran ferner fortzuschreiten wäre. Und so will ich denn an diesem mir verliehenen Symbol halten und verweilen.“ Eine weitere Ausführung dieser symbolischen Betrachtung seines gegenwärtigen Aufenthaltsortes enthält sein Schreiben5 an den Kammerherrn von Beulwitz, welchen der Großherzog Karl Friedrich beauftragt hatte, sich nach Goethes Befinden zu erkundigen und die Versicherung der wohlwollendsten Gesinnungen hinzuzufügen. In Erwiderung dieser Zuschrift sprach Goethe ausführlich aus, was ihm in seinem Schmerz Beruhigung gegeben, die Zuversicht, dass wohl gegründete und geordnete Zustände von Geschlecht zu Geschlecht fortdauern werden. „Ein so geregeltes sinniges Regiment“, heißt die mit der Schilderung des trefflich kultivierten Tals verknüpfte Betrachtung, „waltet von Fürsten zu Fürsten. Feststehend sind die Einrichtungen, zeitgemäß die Verbesserungen. So war es vor, so wird es nach uns sein, damit das hohe Wort eines Weisen erfüllt werde, welcher sagt: Die vernünftige Welt ist als ein großes, unsterbliches Individuum zu betrachten, welches unaufhaltsam das Notwendige bewirkt und dadurch sich sogar über das Zufällige zum Herrn erhebt.“ In Bezug auf sich selbst fügt er hinzu, dass er seine unwandelbare Anhänglichkeit an den hohen Abgeschiedenen nicht besser zu betätigen wisse, als wenn er alles, was noch an ihm sei, seinem Fürsten und seinem Land von neuem anzueignen sich ausdrücklich verpflichte. Zehn Wochen verweilte er auf dem Dornburger Schloss, wiederholt erfreut durch den Besuch der Freunde aus dem nahen Jena, zu denen auch er manchmal hinübereilte; auch die Weimarer Freunde suchten ihn auf. Jede Spur von Feierlichkeiten zu seinem Geburtstag hatte er „verbeten und verboten“; den 3. September ließ er, wie sonst, durch Weimarer Kunstausstellung feiern. Was er in diesen Wochen „aus Unruhe, Neigung und Langeweile“ treib und leistete, war „sehr vielerlei, dergestalt dass es nicht leicht zur Erscheinung kommen“ konnte. „Also sitze ich hier“, schreibt er an Knebel, „auf dieser Felsenburg, von der aufgehenden Sonne geweckt, mit der scheidenden gleichfalls Ruhe suchend, den Tag über in grenzenloser, fast lächerlicher Tätigkeit; es sähe prahlerisch aus, herzurechnen, wie viel Alphabete ich gelesen, und wie viel Buch Papier ich verdiktiert habe.“ Sein Geist fand, wie er in trüben Stimmungen pflegte, Erheiterung im Studium der Natur, besonders der Botanik und Meteorologie. Mochte er gleich von der Witterungskunde keine großen Resultate erwarten, so zog sie ihn doch als Naturbeobachtung an. Er gibt darüber seinem Zelter ein charakteristisches Bekenntnis: „Das Studium der Witterungslehre geht, wie so manches andere, nur auf Verzweiflung hinaus. Die ersten Zeilen des Fausts lassen sich auch hier vollkommen anwenden. Doch muss ich zur Steuer der Wahrheit hinzufügen: Dass derjenige, der nicht mehr verlangt, als dem Menschen gegönnt ist, auch hier für angewandte Mühe gar schön belohnt werde. Sich zu bescheiden ist aber nicht jedermanns Sache. Hier, wie überall, verdrießt es die Leute, dass sie dasjenige nicht erlangen, was sie wünschen und hoffen, und da glauben sie gar nichts empfangen zu haben. Man müsste z.B. vor allen Dingen auf das Vorauswissen und Prophezeien Verzicht tun, und wem ist das zuzumuten?“ Mehrere Witterungsbeobachtungen und daneben manches fein gezeichnete Naturbild nahmen die Briefe an Zelter auf und werden in den Dornburger Liedern zu erhebenden poetischen Klängen. Den Hauch dieser dichterischen Stimmung fühlt man selbst in den kurzen Tagebuchsaufzeichnungen: „18. August. Vor Sonnenaufgang aufgestanden. Vollkommene Klarheit des Tales. Der Ausdruck des Dichters: Heilige Frühe ward empfunden.“ – „Und so fortan in Ehrfurcht der allwaltenden Mächte“, schließt ein Brief an Zelter. Als Goethe nach Weimar zurückkehrt war (11. September), forderte zunächst die Vollendung der Wanderjahre, deren Druck gegen das Ende des Jahres beginnen musste, seine ganze Tätigkeit. „Hieran ist zwar“, heißt es in Eckermanns dermaligen Aufzeichnungen, „bereits viel getan, aber noch sehr viel zu tun. Das Manuskript hat überall weiße Papierlücken, die noch ausgefüllt sein wollten. Hier fehlt etwas in der Exposition, hier ist ein geschickter Übergang zu finden, damit dem Leser weniger fühlbar werde, dass es ein kollektives Werk sei; hier sind Fragmente von großer Bedeutung, denen der Anfang, andere, denen das Ende mangelt, und so ist an allen drei Bänden noch viel nachzuhelfen.“ Das Werk wurde wieder in Fluss gebracht und schloss sich fester zusammen; im Februar des nächsten Jahres konnte der letzte Rest des Manuskripts zum Druck übersandt werden. Die Überarbeitung leistete dem Roman wesentliche Dienste. Mehrere Abteilungen von bedeutendem Gehalt wurden hinzugefügt, andere erhielten eine zweckmäßigere Anordnung, und die einzelnen Partien wurden durch neue Übergänge und Ergänzungen miteinander verbunden. Die frühere Tendenz dieser Dichtung, dass jeder seine Kräfte zum wohl des Ganzen anwenden müsse, ist geblieben, aber mehr aus einem allgemeinen sozialen Gesichtspunkt behandelt worden. Damit aber die vorwaltenden materiellen Bestrebungen ein Gegengewicht erhalten, hat der Dichter die ideale Erscheinung der dem Überirdischen zugewendeten Makarie in die Handlung verflochten, die aus dem Äther der klarsten Herzensreinheit auf die irdischen Verwirrungen niederschaut und die Verwicklungen durch die Hoheit ihrer Seele versöhnend löst. Zwar ist diesem letzten Roman Goethes das frische Leben, das die Darstellung der Lehrjahre auszeichnet, durch die Hinneigung zum Didaktischen und die fragmentarische Behandlung, welche auch die letzte Bearbeitung nicht ganz zu verdecken vermochte, entzogen worden, und der Stil fließt nicht mehr in so leichten klaren Wellen dahin, wie in den Jahren der vollen männlichen Kraft; jedoch zeugt auch diese Dichtung von einer so vielseitigen Anschauung, von einer so großartigen Auffassung des modernen Lebens, dass sie an Reichtum der Ideen keinem seiner älteren Werke nachsteht6. Nachdem Goethe im Sommer 1829 die Schilderung seines römischen Aufenthalts durchgearbeitet und mehrere Redaktionsgeschäfte, auch seiner naturwissenschaftlichen Aufsätze, beseitigt hatte, ruhte sein Geist wieder ganz auf seinem Faust. Er glaubte damals schon den Abschluss so gut als vollbracht, indem er alles so deutlich in Herz und Sinn habe, dass es ihm oft unbequem falle, und hoffte schon mit nächstem Frühling den Freunden die Beendigung seines Werkes mitteilen zu können. Allein er wälzte diesen Stein nur langsam von der Stelle; die klassische Walpurgisnacht lag noch als eine unüberwindliche Höhe vor ihm. Durch angestrengte Tätigkeit suchte er auch den Schmerz zu überwinden, der ihn mit dem am 14. Februar 1830 erfolgten Hinscheiden der verwitweten Großherzogin traf. Anfangs schien er seiner Empfindungen Herr werden zu wollen. „Der Schlag, der uns lange bedroht“, sagte er zu Soret, der im Auftrag der Großherzogin Marie zu ihm ging, um ihm in ihrem Namen einen Kondolenzbesuch zu machen, „hat endlich getroffen, und wir haben wenigstens nicht mehr mit der grausamen Ungewissheit zu kämpfen; wir müssen nun sehen, wie wir uns mit dem Leben wieder zurechtsetzen.“ Als Soret auf Goethes Papiere hinwies und die Arbeit als die beste Trösterin bezeichnete, erwiderte er: „Solange es Tag ist, wollen wir den Kopf schon oben halten, und solange wir noch schaffen können, werden wir nicht nachlassen“, und lenkte dann mit Lebhaftigkeit das Gespräch auf andere Gegenstände. Als jedoch Soret sich am folgenden Vormittag im Auftrag der Großherzogin nach seinem Befinden erkundigte, fand er ihn betrübt und gedankenvoll. „Ich muss mit Gewalt arbeiten“, sagte er, „um mich oben zu halten und mich in diese plötzliche Trennung zu schicken. Der Tod ist doch etwas so Seltsames, dass man ihn ungeachtet aller Erfahrung bei einem uns so teuren Gegenstand nicht für möglich hält, und er immer als etwas Unglaubliches und Unerwartetes eintritt.“ In seinen Äußerungen blickte seit der Zeit häufiger das Vorgefühl seines nahen Todes durch. Soweit die regierende Familie imstande war, diese schmerzlichen Verluste gewohnter Liebe durch eine freundliche Gegenwart vergessen zu machen, hatte er die herzlichste Teilnahme und Fürsorge dankbar anzuerkennen. „Wenn ich Ihnen nun versichern kann“, schreibt er im April an Varnhagen von Ense, „dass Ihre kaiserliche Hoheit die Frau Großherzogin sich fortwährend alles zu tun geneigt erweist, was mir in meinen Zuständen Freude machen kann, indem sie die mir noch anvertrauten Geschäfte und was mich sonst berührt, auf die zarteste und sinnigste Weise zu fördern und mich dadurch zu überzeugen fortfährt, dass manches von mir gestiftete Gute mich überleben solle: So wird gewiss auch eine neigungsvolle Verehrung in Ihrem teilnehmenden Geist immer tiefer sich einwurzeln.“ Ihre regelmäßigen Besuche zählte er stets unter seine schönsten Stunden. Nicht minder gab ihm der Großherzog immer neue Beweise seiner Anhänglichkeit und besuchte ihn manchen Abend ganz allein auf seinem Studierzimmer. Dass er Goethe „wie einen Vater“ geehrt und geliebt habe, sprach er noch kurz vor dessen Hingang aus. Eine erheiternde Nachfeier seines Weimarer Jubelfestes konnte Goethe noch in diesem Jahr mit eng verbundenen Freunden begehen; am Vorabend des Johannisfestes waren fünfzig Jahre seit seiner Aufnahme in die Freimaurerloge verflossen. Die Festlichkeit, welche die Brüder zu diesem Tag veranstaltet hatten, erwiderte Goethe am nächsten Tag mit dem Gedicht „Fünfzig Jahre sind vorüber etc.“, hinweisend auf ferneres freudiges Zusammenwirken, „um die Menschheit fortzuehren.“ Goethe brachte den Sommer von 1830 in größter Zurückgezogenheit zu, angestrengt mit der Vollendung des Fausts beschäftigt. Alles Zeitungslesen, selbst der von ihm so geschätzten französischen und englischen Zeitschriften, schaffte er ab, um durch nichts zerstreut zu werden. Die Unterhaltungen der Freunde setzten ihn von allem Bedeutenden in Kenntnis. Daher ließ er sich auch nicht um seine Ruhe bringen, als die Juli-Revolution, die er schon seit einiger Zeit hatte herankommen sehen, Frankreich und blad einen großen Teil Europas erschütterte. Man kann sich Sorets Erstaunen vorstellen, als er in höchster Aufregung über die Nachricht von den Pariser Ereignissen zu Goethe kam und dessen erste Frage, was denken Sie von dieser großen Begebenheit? Sich nicht auf die Revolution, sondern auf den gleichzeitig zum Ausbruch gekommenen wissenschaftlichen Streit der beiden großen Naturforscher St. Hilaire und Cuvier bezog. Goethe glaubte nicht, wie Niebuhr, an eine hereinbrechende Barbarei, sondern bewahrte sich sein klares politisches Urteil und beweist aufs Neue, dass er es verstand, die ihn umgebenden Ereignisse auf den historischen Standpunkt zu bringen. „Das Pariser Erdbeben“, schreibt er am 5. Oktober an Zelter, „hat seine Erschütterungen durch Europa lebhaft verzweigt; Ihr habt davon ja auch einen Fieberanstoß empfunden. Alle Klugheit der noch Bestehenden liegt darin, dass sie die einzelnen Paroxysmen unschädlich machen, und das beschäftigt uns denn auch an allen Orten und Enden. Kommen wir darüber hinaus, so ist’s wieder eine Weile ruhig. Mehr sag’ ich nicht. Außerhalb Trojas versieht man’s und innerhalb Trojas desgleichen.“ Goethe ließ sich dadurch nicht in seiner Arbeit unterbrechen und war froh, die klassische Walpurgisnacht (die „republikanische“ im Gegensatz zu der monarchischen Brockennacht) glücklich zu bezwingen. Da traf ihn im Anfang des Novembers, wie ein Blitzstrahl aus heiterer Luft, die Nachricht von dem Tod seines einzigen Sohnes und gebot Stillstand. August von Goethe hatte am 22. April in Begleitung Eckermanns seine Reise nach Italien angetreten, um seine nicht ohne eigene Schuld zerrüttete Gesundheit herzustellen. Der Vater hoffte zugleich, dass das Land der Künste sein geistiges Interesse wieder lebhaft anregen werde, „dass er sich selbst gewahr werde.“ Goethe hatte eine wahrhafte Liebe zu seinem Sohn und „schenkte ihm“ (es sind die Worte Vogels) „fast unbegrenztes Vertrauen; dieser widmete seinem Vater die innigste Verehrung.“ Allein die vom Vater angeerbten trefflichen Naturanlagen und eine vielseitige Bildung hatten den Hang zu einer ungeregelten Lebensweise nicht zu unterdrücken vermocht. Seine ersten Briefe aus Oberitalien waren sehr erfreulich; „sein ununterbrochenes Tagebuch zeugte von einem offenen, ungetrübten Blick für die Natur und Kunst; er war behaglich bei Anwendung und Erweiterung seiner früheren mehrfachen Kenntnisse.“ In Genau trennte er sich von Eckermann, der nach der Heimat zurückging. Der Bruch des Schlüsselbeins, der sich zwischen Genua und Spezia ereignete, hielt ihn hier an vier Wochen fest. Nachdem er darauf einen längeren Aufenthalt in Florenz „musterhaft benutzt“ hatte, schiffte er sich in Livorno direkt nach Neapel ein. Er schloss sich hier an den kenntnisreichen Architekten Zahn an und verweilte in dessen Gesellschaft mit reger Kunstliebe bei den Überresten von Pompeji. In seiner Gegenwart begann am 28. August die Ausgrabung eines der ausgezeichnetsten Privathäuser Pompejis, welches zu Ehren des Tages den Namen Casa di Goethe erhielt. Seine Briefe aus Neapel deuteten indes schon auf eine krankhafte Exaltation und wollten dem Vater nicht recht gefallen. „Eine Schnellfahrt nach Rom“, fährt Goethe in seinem Bericht an Zelter fort, „konnte die schon sehr aufgeregte Natur nicht besänftigen; die ehren- und liebevolle Aufnahme der dortigen deutschen Männer und bedeutender Künstler scheint er nur mit einer fieberhaften Hast genossen zu haben. Nach wenigen Tagen [28. Oktober] schlug er den Weg ein, um an der Pyramide des Cestius auszuruhen, an der Stelle, wohin sein Vater, vor seiner Geburt, sich dichterisch zu sehnen geneigt war.“ (In schwermütiger Stunde während seines römischen Aufenthalts hatte Goethe sein Grab bei der Pyramide des Cestius gezeichnet, worauf auch in den Elegien hingedeutet wird). Um Goethe einen Beweis seiner Verehrung zu geben, erbot sich Thorwaldsen, ein von ihm skizziertes Denkmal für den Verstorbenen auf eigene Kosten auszuführen. Als in den ersten Tagen des Novembers die Trauerbotschaft an Goethe gelangte, nahm er alle seien Kraft zusammen, um auch diesen Schmerz mit Würde und Fassung zu tragen. „Es scheint“, schreibt er an Zelter, „als wenn das Schicksal die Überzeugung habe, man sei nicht aus Nerven …, sondern aus Draht zusammen geflochten.“ Eines Tages äußerte er „mit hervorbrechendem Unmut“ gegen Dr. Vogel – es erinnert an seine Elegie „Euphrosyne“ – „dass die Eltern vor den Kindern sterben, ist in der Ordnung; unnatürlich aber ist, wenn der Sohn vor dem Vater abgefordert wird.“ Zu dem Schmerz über den Verlust gesellte sich noch die Sorge, dass er alle Lasten, die er demnächst, ja mit dem neuen Jahr, abzustreifen und einem Jüngeren zu übertragen hoffte, nunmehr wieder allein weiter zu tragen habe. Namentlich beschwerte ihn jetzt von neuem die Verwaltung seiner eigenen, weitläufigen Privatangelegenheiten. „Hier nun“, so fährt er mit der Entschlossenheit eines großen Charakters fort, „allein kann der große Begriff der Pflicht uns aufrecht erhalten. Ich habe keine Sorge, als mich physisch im Gleichgewicht zu bewegen; alles andere gibt sich von selbst. Der Körper muss, der Geist will, und wer seinem Wollen die notwendigste Bahn vorgeschrieben sieht, der braucht sich nicht zu besinnen.“ Er zwang sich zwei Wochen hindurch zur Fortsetzung des vierten Teils von „Dichtung und Wahrheit“, um seine Gedanken von dem traurigen Ereignis abzuleiten, „über Gräber vorwärts“. Allein der Gemütserschütterung, verbunden mit dieser Geistesanstrengung, vermochte der Körper auf die Länge nicht zu widerstehen. „Plötzlich“, so berichtet er später an Zelter, nachdem keine entschiedene Andeutung noch irgendein drohendes Symptom vorausging, öffnete sich ein Gefäß in der Lunge [in der Nacht vom 24. zum 25. November], und der Blutauswurf war so heftig, dass, wäre nicht gleich und kunstgemäße Hilfe zu erhalten gewesen, hier wohl die ultima linea rerum sich würde hingezogen haben.“ Das bis zum Ersticken stromweise aus den geborstenen Blutgefäßen durch den Mund fließende Blut hatte ein tiefes und weites Waschbecken halb gefüllt. Dennoch mussten noch durch Aderlässe ihm zwei Pfund Blut entzogen werden, wodurch der Puls, der kaum fünfzig Mal in der Minute schlug, weicher ward. Schon verbreitete sich die Todeskunde; doch noch einmal half ihm seine gesunde Natur durch. Am 29. November konnte er eigenhändig seinem Zelter melden, das Individuum sei noch beisammen und bei Sinnen. Seien Genesung schritt rasch vor, und er genoss bis zu seinem letzten kurzen Krankenlager, außer einigen katarrhalischen Beschwerden, an denen er von je her häufig litt, eine gute Gesundheit. „Stellten sich auch“, berichtet sein Arzt, Hofrat Vogel7, „Schwächen des Alters, besonders Steifheit der Gliedmaßen, Mangel an Gedächtnis für die nächste Vergangenheit, zeitweise Unfähigkeit, das Gegebene in jedem Augenblick mit Klarheit schnell zu überlesen, und Schwerhörigkeit bei ihm immer merklicher ein, so genoss er doch, und zumal im Vergleich mit andern Greisen seines Alters, noch einer solchen Fülle von Geistes- und Körperkraft, dass man sich der frohen Hoffnung, er werde uns noch lange durch seine Gegenwart erfreuen, mit Zuversicht hingeben durfte.“ Doch verhehlte sich Goethe sein nahes Ende nicht und sprach mit Ruhe davon; „ich traue dem Landfrieden nicht“, schreibt er nach seiner Wiederherstellung an Zelter, „und befleißige mich das Haus zu bestellen.“ Mehrmals nahm er Veranlassung, seinem Amtsgenossen Vogel die von ihm gepflegten Anstalten und vorzüglich auch einzelne bei denselben Angestellten zu empfehlen, und mehrere testamentliche Anordnungen wurden getroffen. Indes hatte das Wort Tod etwas Düsteres für ihn, dem er daher gern mit euphemistischer Wendung auswich, und wie mit kalter Hand ergriff ihn mitunter der Gedanke „an die dunkle Nacht, wo alles Wirken aufhört.2 Überhaupt fühlte er sich verstimmt, wenn man zwecklos finstere Bilder durch die Unterhaltung hervorrief. So war es ihm unleidlich, von der Cholera, die im Jahr 1831 zum ersten Mal Deutschland erschreckte, reden zu hören; „es verdirbt mir die Phantasie auf lange Zeit“, pflegte er bei Ablehnung solcher Gegenstände entschuldigend zu äußern. Etwas anderes war es für ihn, sich ausführlich mit Ärzten über die Natur und den Verlauf dieser Krankheit zu unterhalten und sie in ihrer physiologischen Erscheinung kennen zu lernen. Ottilie von Goethe suchte dem Greis die letzten Lebenstage durch die treueste Pflege und Fürsorge zu erheitern und zu erleichtern. Sie entsagte den gesellschaftlichen Verpflichtungen, um ihm möglichst viel sein zu können, begleitete ihn auf seinen Spaziergängen und widmete ihm die Abendstunden. Er ließ sich von ihr vorlesen oder las auch selbst vor. In den Abenden des letzten Winters wurden vorzüglich die Biographien Plutarchs gelesen, nicht in der von dem Autor beliebten vergleichenden Zusammenstellung, sondern in chronologischer Folge, erst die Griechen, dann die Römer; durch Niebuhrs Werk über die römische Geschichte, in das er sich im Jahr 1830 mit großem Interesse hineingelesen hatte, war er wieder zu der Geschichte des Altertums hingezogen worden. Den zweiten Teil seines Fausts las er niemandem, außer seiner Schweigertochter, vor. Sie leitete in den Jahren 1830 und 1831 die Herausgabe einer originellen weimarschen Zeitschrift, welche dem Tiefurter Journal zu vergleichen war, unter dem Titel Chaos. Soret, Eckermann und Parry, ein in Weimar lebender Engländer, unterstützten sie bei der Redaktion. Jeden Sonntag erschien ein Blatt. Nur wer 24 Stunden in Weimar zugebracht hatte, durfte Mitarbeiter und Mitleser des Journals sein; andern durfte es nicht einmal gezeigt werden, und die Namen der Verfasser und Verfasserinnen erfuhr nur Frau von Goethe. Vorzüglich nahmen auch die in Weimar sich aufhaltenden Fremden, Franzosen und Engländer, daran Teil, so dass die Beiträge die verschiedensten Sprachen redeten, was der damals eingerissenen Mode entsprach, in Gesellschaften fremde Sprachen zu reden. Obgleich Goethe das Unternehmen nur als einen „dilettantischen Spaß“ ansah, bei dem nichts Großes und Dauerhaftes herauskomme, so freute es ihn doch, dass die Herren und Damen, die oft gar nicht wüssten, was sie mit sich anfangen sollten, einen geistigen Mittelpunkt hätten, wodurch sie gegen „den ganz hohlen und nichtigen Klatsch“ geschützt würden, und er selbst lieferte einige Beiträge dazu8. Im Jahr 1830 wurde die Gesamtausgabe seiner Werke mit dem vierzigsten Band geschlossen, vollständig so wenig, dass sie nach des Dichters Tod noch um zwanzig Bände erweitert ward. Den zweiten Teil des Fausts zu vollenden, bot er die letzte produktive Kraft auf, die ihm nach der letzten Erschütterung noch geblieben war. „Es ist keine Kleinigkeit“, äußerte er in einem Brief an Zelter, „das, was man im zwanzigsten Jahr konzipiert hat, im zweiundachtzigsten außer sich darzustellen, und ein solches inneres lebendiges Knochengerippe mit Sehnen, Fleisch und Oberhaut zu bekleiden.“ Unterm 4. Januar 1831 konnte er Zelter berichten, dass die beiden ersten Akte fertig seien. Die Ausführung des vierten Aktes und des noch fehlenden Eingangs zum fünften nahm ihn bis in den Sommer in Anspruch. Er war entschlossen, vor seinem Geburtstag fertig zu werden; denn seit dreißig Jahren, so versicherte er oft, habe er sich zur Geistestätigkeit, zumal in produktiver Hinsicht, nicht so aufgelegt gefunden, wie in diesem Sommer. Unterm 20. Juli meldete er Meyer die Vollendung. Nachdem er seinen nächsten Freunden einige Abschnitte der neu hinzugekommenen Dichtung mitgeteilt hatte, siegelte er das Manuskript ein, damit er sich nicht etwa verleitet fühle, nochmals sein Werk vorzunehmen und an einzelnen Partien zu rütteln. Als Goethe wenige Tage von seinem Ende eine Mappe seiner Zeichnungen mit Coudray durchging, verweilte dieser mit anhaltender Teilnahme bei einer Landschaft, die den Untergang der Sonne darstellte. „Ja!“, sagte Goethe, ebenfalls ergriffen, „sie ist groß und erhaben, auch wenn sie untersinkt.“ An diese Worte werden wir vorzüglich bei der Betrachtung des zweiten Teils des Fausts erinnert. Es ist nicht mehr die klare Sonne des mit voller Kraft des dichterischen Genius geschaffenen ersten Teils; aber sie zeigt sich noch herrlich und erhaben in den ermattenden milden Abendstrahl der letzten Szenen9. Die hohe Idee, aus der diese Dichtung hervorging – Goethe versichert wiederholt, der ursprünglichen Konzeption treu geblieben zu sein, was nur ganz allgemein verstanden werden kann – trägt noch alle, auch die späteren Teile; er bezeichnet sie aufs treffendste, wenn er gegen Eckermann sich äußert: „In den Versen: Wer immer sterbend sich bemüht usw. ist der Schlüssel zu Fausts Rettung enthalten: Im Faust selber eine immer höhere und reinere Tätigkeit bis ans Ende und von oben die ihm zu Hilfe kommende ewige Liebe.“ Allein diese Idee hüllt sich, anstatt ihrer lebenvollen Erscheinung in den früheren Abteilungen, mehr und mehr in den Schleier der Allegorie, welche, wie Danzel richtig bemerkt, das notwendige Endschicksal seiner auf das Wahre gerichteten Dichtungsweise war, indem sie die tiefsten Ideen enthält, welche vollständig künstlerisch zu verarbeiten die Kraft oder Zeit nicht mehr ausreichte, die aber als Resultate der konkretesten Lebensentwicklung umso mehr nur aus dieser verstanden werden können. Indem er nur diese vor Augen hatte und das Bewusstsein in sich trug, aus den Täuschungen der Jugend zu immer größerer Einsicht und Geistesklarheit gelangt zu sein, so betrachtete er das Verhältnis der beiden Teile nur aus dem Gesichtspunkt seiner individuellen Entwicklung, deren Phasen er in dieser die ganze Weite des menschlichen Daseins umspannenden Dichtung in den großartigsten Umrissen gezeichnet hatte, und äußerte daher gegen Eckermann: „Der erste Teil ist fast ganz subjektiv; es ist alles aus einem befangeneren, leidenschaftlicheren Individuum hervorgegangen, welches Halbdunkel den Menschen auch so wohl tun mag. Im zweiten Teil aber ist fast gar nichts Subjektives; es erscheint hier eine höhere, breitere, hellere, leidenschaftslosere Welt, und wer sich nicht etwas umgetan und einiges erlebt hat, wird nichts damit anzufangen wissen.“ Übrigens brechen auch durch die allegorische Nebelhülle viele hell leuchtende Strahlen der Poesie, und der tief gedachte Gehalt vermag auch da die Betrachtung zu fesseln, wo er nicht in reiner Schönheit der Form sich darstellt. Es war des Dichters letztes Vermächtnis. Das volle Bewusstsein seines eigenen über alle Grenzen des Erdenlebens hinausgreifenden und ins Unendliche wirkenden, reichen Daseins schließt sich in Fausts letzten Worten zusammen:
Mit der Beendigung des Faust sah er sein eigentliches Tagewerk für abgeschlossen an. Die Lebenstage, die ihm noch verliehen würden, wollte er als eine Zugabe zum Leben dankbar willkommen heißen. Zwar ward er von Zelter ermahnt, gleichfalls „Die natürliche Tochter“ zu Ende zu führen, aber an diese, erwiderte er, „darf ich gar nicht denken; wie wollt’ ich mir das Ungeheure, das da gerade bevorsteht, wieder ins Gedächtnis rufen?“ Sein zunächst auszuführender Vorsatz war, in seiner biografischen Schilderung fort zu fahren; denn sein Sinn ruhte mehr und mehr auf dem Vergangenen, und er musste bekennen (in einem Brief an W. von Humboldt vom 1. Dezember 1831), dass ihm alles mehr und mehr historisch werde, ja er sich selbst mehr und mehr geschichtlich erscheine. Der Schilderung Lilis gedachte er noch eine größere Verherrlichung seiner Mutter anzuschießen, was er als die Aristeia bezeichnete, anspielend auf die Überschrift der homerischen Schilderung einzelner Heldenkämpfe. Er nahm dies Werk in den Herbsttagen wieder vor, legte es aber bald wieder beiseite, um das Weitere für eine günstigere Stimmung sich vorzubehalten. Für seinen Geburtstag (es war der letzte seines Lebens) war an mehreren Orten eine festliche Feier vorbereitet. Er glaubte indes den Weimarer Festlichkeiten ausweichen zu müssen, weil er solche in seinem Alter nicht persönlich mehr abwarten könne, und begab sich einige Tage vorher nach Ilmenau, um an dem Ort, an den sich viele Erinnerungen bedeutender Lebensmomente knüpften, „nach einer langen Pause des Wiedersehens“ einige Tage im Frieden der Natur zu verleben. Mit große Freude betrachtete er den Bergbau und die Gewerbetätigkeit des Städtchens, für das er in früheren Jahren viel getan hatte – „das Gelungene trat vor und erheiterte, das Misslungene war vergessen und verschmerzt“, verkehrte viel mit den dortigen Beamten, unter denen der Rentamtmann Mahr ihm durch Teilnahme an mineralogischen Sammlungen besonders wert geworden war10. Am 27. August lud er diesen zu sich in den Wagen, um mit ihm die Straße nach dem Gickelhahn hinan zu fahren, auf dessen Höhe das einsame Bretterhäuschen steht, für ihn die Stätte der Erinnerung an bewegte Jugendjahre. Als sie am Ende der Fahrstraße ausgestiegen waren, betrachtete Goethe mit Entzücken das reizend ausgebreitete Tal, und zugleich mit Wehmut: „Ach“, rief er aus, „wenn das doch unser guter Großherzog noch einmal hätte mit genießen können!“ Wie mit jugendlicher Rüstigkeit eilte dann der zweiundachtzigjährige Greis durch Gebüsch und Gestrüpp nach dem Bretterhaus, stieg rasch die Treppe in demselben hinauf, jede Unterstützung seines zutätigen Begleiters freundlich ablehnend. Als er vor der Inschrift stand, jenem „Nachtlied des Wanderers“, womit er einst mitten im Drang des tätigen Lebens seine Sehnsucht nach Beruhigung ausgedrückt hatte, hielt er die ihn übermannende Rührung nicht zurück. Er las diese Frieden hauchenden Worte laut vor sich hin und trocknete sich die reichlich hervordringenden Tränen, die Schlussworte mit Nachdruck ahnungsvoll wiederholend: „Ja! Warte nur, bald ruhst du auch!“ Die waldigen Höhen, über die er oft sein Auge hatte schweifen lasse, überblickte er noch einmal tief bewegt, in den wärmsten Ausdrücken der Liebe seines vor ihm dahingeschiedenen Fürsten und Freundes gedenkend, und schritt dann rasch wieder zurück. Durch die Anhänglichkeit der Ilmenauer ward seinem Geburtstag eine sinnig ausgestattete Feier zu Teil. In der Frühe des nächsten Morgens – schon um fünf Uhr war er an der Arbeit – begrüßte ihn vor dem Gasthof zum Löwen der Chorgesang „Nun danket alle Gott“, worauf er, sichtlich ergriffen, allen aufs herzlichste dankte. Heiter und lebendig war seine Unterhaltung bei dem Mittagsmahl, das der Oberforstmeister von Fritsch zu Ehren des Tages veranstaltet hatte. Der Tag schloss mit ergötzlicher Unterhaltung. Musikstücke wurden vorgetragen, und die Bergleute führten ein unter ihnen althergebrachtes, kleines, humoristisches Bergmannsdrama auf. Sechs Tage, „die schönsten des ganzen Sommers“ verweilte Goethe in Ilmenau. „Wenn ich mich von da zu dir versetze“, äußert er in heiterer Rückerinnerung in dem nächsten, seinem Zelter zugedachten Brief, in welchem die Munterkeit früherer Jahre wieder sprudelt, „wünscht’ ich nichts mehr als dich den großen Kontrast zwischen deinen äußern Zuständen und diesem empfinden zu sehen.“ Der Freund konnte dagegen die Feier in der Berliner Gesellschaft der Dichterfreunde berichten. Von neunzehn Freunden in England, unter denen man die Namen Carlyle, Walter Scott, Wordsworth, Southey und der Redaktoren der namhaftesten kritischen Zeitschriften findet, erhielt Goethe ein kostbares Geschenk eingesandt, eine Petschaft, ein Kunstwerk von drei berühmten englischen Goldarbeitern. Das Siegel, ein grüner Jaspis, trägt die Inschrift: „Ohne Rast, doch ohne Hast“, welche einen Stein umgibt und wieder von einer Schlange im Kreis umschlossen ist; der Stein ist in einem ungefähr zwei Zoll hohen Griff von reinem Gold gefasst, der mit einer Menge, zum Teil in Email ausgeführten Verzierungen bedeckt ist; eingegraben sind die Worte: From Friends in England to the German Master. Ein in Ausdrücken dankbarster Verehrung abgefasstes Schreiben begleitete das Geschenk11. Der Dichter sprach in einem an die Inschrift des Siegels anknüpfenden Gedicht seinen Dank aus. Den Herbst und Winter verlebte Goethe gesund und in vielseitiger, wenn auch nicht gerade produktiver, geistigen Tätigkeit. Im Studium der Botanik, das er seit seinem Dornburger Aufenthalt wieder emsiger betrieben hatte, so dass er 1831 eine neue Ausgabe seiner Erklärung der ‚Metamorphose der Pflanzen’ mit Sorets französischer Übersetzung und erweiternden Zusätzen herausgab, verfolgte er aufmerksam die durch von Martius zuerst im einzelnen nachgewiesenen Spiraltendenz der Pflanzen, deren Gesetz unmittelbar mit dem der Metamorphose im Zusammenhang steht, und legte seine Beobachtungen und Ansichten über das Spiralsystem des Pfanzenlebens in einer ausführlichen Abhandlung vor. Die Anerkennung, welche seine Schrift über die Metamorphose in einen letzten Lebensjahren gefunden hatte, machte ihm große Freude; sowohl diese als der große Sinn, aus welchem seine Naturforschung hervorging, spricht sich in dem letzten „freundlichen Zuruf“ in begeisterten Worten aus: „Eine mir in diesen Tagen wiederholt sich zudringende Freude kann ich am Schluss nicht verbergen. Ich fühle mich mit nahen und fernen, ernsten, tätigen Forschern glücklich im Einklang. Sie gestehen und behaupten, man solle ein Unerforschtes voraussetzen und zugeben, alsdann aber dem Forscher selbst keine Grenze ziehen. Muss ich mich denn nicht selbst zugeben und voraussetzen, ohne jemals zu wissen, wie es eigentlich mit mir beschaffen sei; studiere ich mich nicht immerfort, ohne mich jemals zu begreifen, mich und andere, und doch kommt man fröhlich immer weiter und weiter. So auch mit der Welt! Liegt sie anfang- und endlos vor uns, unbegrenzt sie die Ferne und undurchdringlich die Nähe; es sei so! Aber wie weit und wie tief der Menschengeist in seine und ihre Geheimnisse zu dringen vermöchte, werde nie bestimmt noch abgeschlossen.“ Die Freude, sich mit ausgezeichneten Naturforschern auf gleichem Weg zu befinden, regte auch bei dem Streit Cuviers und St. Hilaires seine Teilnahme lebhaft an, indem er in der von dem Letzteren vertretenen Ansicht seine morphologischen Prinzipien wieder fand. In zwei ausführlichen Abhandlungen, deren letzte erst kurz vor seinem Tod abgeschlossen ward, verbreitete er sich, an St. Hilaires ‚Principes de philosophie zoologique’ anknüpfend, über die neueren osteologischen Forschungen und zeichnete den Gang derselben in der Charakteristik der namhaftesten Naturhistoriker, durch welche seine Studien gefördert waren. Für die Fortschritte der ‚plastischen Anatomie’ interessierte er sich sowohl als Anatomiker wie als Kenner der Plastik und richtete deshalb unterm 4. Februar ein Schreiben an den Geheimrat Beuth in Berlin, indem er überzeugt war, dass dort die Mittel und der Wille vorhanden seien, um diese „nationale, ja kosmopolitische“ Angelegenheit zu fördern. Mineralogische Sammlungen machten ihm ebenfalls zu schaffen. Er sandte an den Besitzer der Joseph-Müllerschen Sammlung, David Knoll in Karlsbad, am 6. Januar 1832 eine Vorrede zu der neuen Ausgabe seiner Schrift über diese Sammlung, so wie eine Vorrede zu der David-Knoll’schen Sammlung von Sprudelsteinen12. Auch die Farberscheinungen ließ er nicht außer Acht. Im Januar und Februar 1832 legte er seinem Freund Boisserée in einzelnen Aufsätzen seine Theorie des ‚Regenbogens’ dar. Übrigens hatte er sich mit meteorologischen Aufzeichnungen in der letztern Zeit nicht mehr beschäftigt. 1832 wurden auch die meteorologischen Anstalten im Großherzogtum eingezogen. Goethe äußert sich in der darauf bezüglichen Verordnung an den Vorsteher der Sternwarte: „Wenn man sich bei genauer Untersuchung der seit so vielen Jahren sorgfältig durchgeführten meteorologischen Beobachtungen nicht ohne Zufriedenheit versichern kann, dass für die Wissenschaft dadurch manche Resultate gewonnen sind, deren Anerkennung in der Folge sich von bedeutendem Einfluss erweisen wird, so hat man sich doch auch bei genauester Einsicht überzeugen können, dass fernerhin auf diesem Weg vorerst nichts weiter zu erreichen sei.“ Die Betrachtung seiner Sammlungen13 und der zahlreich an ihn eingehenden artistischen Zusendungen war ihm eine der genussreichsten Beschäftigungen in seinen einsamen Stunden. Noch in den letzten Lebenstagen bereitete ihm der Architekt Zahn, der beständig über seine italienischen Sammlungen und seine archäologischen Arbeiten mit ihm korrespondierte, eine Überraschung durch die Übersendung einer Beschreibung der pompejianischen ‚Casa di Goethe’ und einer Abzeichnung eines darin aufgefundenen ausgezeichneten Mosaikgemäldes, indem er zugleich in einem dankbaren Schreiben anerkannte, durch Goethes Teilnahme und freundliche Zuschriften Mut zu allen seinen Unternehmungen erhaltne zu haben. Goethe äußerte am 11. März gegen Zelter, „man möchte wohl sagen, dergleichen von malerischer Komposition und Ausbildung sei uns bisher aus dem Altertum nichts überkommen, und die wenigen, aber gründlichen Freunde hätten daran schon einige Zeit genugsamen Stoff zur Unterhaltung und Erbauung.“ Am 13. März schrieb er noch einen langen Brief an den jungen Künstler14. Die pompejianischen Gemälde waren der Hauptgegenstand seiner Unterhaltung mit der Großherzogin, als diese am 15. März, wie sie an jedem Donnerstag der Woche pflegte, in den Mittagsstunden zum Besuch bei ihm verweilte. Goethe war diesmal ungemein lebendig; es kamen auch die Tagesereignisse zur Sprache sowie mehrere der neuesten Schriften, unter denen sie ihn auf Salvandys ‚Seize mois ou la révolution et les révolutionnaires’ als auf ein geistreiches Buch aufmerksam machte. Mittags bei Tafel zeigte er sich sehr munter, unterhielt sich besonders mit Meyer über Pompeji und Zahns Sendungen und nahm noch nachher mehrere Fremde an. Keiner seiner Freunde ahnte, dass dies der letzte heitere Tag seines Lebens sei15. Er hatte sich an diesem Tage, vielleicht beim Hin- und Hergehen von seinem stark geheiztem Studierzimmer (er liebte die Wärme sehr) über die zu den Gesellschaftszimmern des Vorderhauses führende Treppe, eine Erkältung zugezogen. Nach einer unruhigen Nacht fühlte er beim Erwachen am Morgen Beschwerden in der Brust. Als sein „Wölfchen“ zur gewohnten Stunde kam, um mit dem Großvater zu frühstücken, war dieser noch im Bett. Der Hausarzt, Hofrat Vogel, der sogleich gerufen ward, fand den Kranken fieberhaft, dabei auffallend matt und resigniert. Doch trat schon gegen Abend Besserung ein; der Kopf war freier, das Gemüt heiterer. Riemer war in den Abendstunden bei ihm, mit dem er sich über Sprachstudien unterhielt. In den nächsten Tagen schritt die Genesung vor; er war sehr gesprächig und zum Scherz aufgelegt. Wenn das Datum genau ist, so diktierte oder schloss er doch am 17. einen gehaltvollen Brief an Wilhelm v. Humboldt, unstreitig die letzte Zuschrift, die von ihm ausgegangen ist. Am Montag konnte er den ganzen Tag außer Bett sein und äußerte seine Freude, dass er am nächsten Tag sein gewohntes Tageswerk wieder vornehmen könne. Im Gespräch mit Vogel kam er auf die öffentlichen Anstalten zurück, deren Leitung sie gemeinschaftlich führten, und teilte ihm nochmals seine darauf bezüglichen Pläne im Zusammenhang mit. „Wer ihn da“, fügt Vogel hinzu, „so wie bei früheren ähnlichen Gelegenheiten gehört hätte …, wer endlich, wie ich, so mancher Wohltaten, die Goethe aus eigenem Antrieb und Vermögen Hilfsbedürftigen, besonders Kranken, im Stillen angedeihen ließ, Vermittler gewesen wäre, der würde nicht zweifeln, dass der so häufige als lieblose Vorwurf: Der Verblichene habe sich um das Wohl und Wehe anderer, namentlich auch seiner Dienstuntergebenen, höchstens aus groben Egoismus bekümmert, nur von vorlauter, boshafter Verleumdung oder von der habgierigsten Unverschämtheit ersonnen sein könnte.“ Beide ahnten in diesen Augenblicken nicht, dass dieses Gespräch seine letzten amtlichen Verfügungen enthielten; sie schieden, wie Vogel sich ausdrückt, „froh, dass ein Leiden überstanden sei.“ In der Nacht vom 19. zum 20. März nahm die Krankheit plötzlich eine andere Gestalt an. Nach einigen Stunden sanften Schlafes wachte Goethe gegen Mitternacht auf und empfand eine von den Händen aus sich nach und nach über den ganzen Körper verbreitende Kälte, zu der sich blad heftiger Schmerz und Beklemmung der Brust gesellte. Dennoch erlaubte er dem Bedienten nicht, seine Familie und den Arzt zu benachrichtigen, „weil ja nur Leiden, aber keine Gefahr vorhanden sei.“ Als Dr. Vogel am Morgen kam, fand er den Zustand sehr bedenklich und befürchtete, der Kranke werde kaum noch eine Stunde leben. Schmerz und Unruhe trieben ihn bald ins Bett, wo er durch jeden Augenblick veränderte Lage Linderung zu finden hoffte, bald auf den neben dem Bett stehenden Lehnstuhl. Todesangst sprach aus Blick und Mienen; er fürchtete wieder einen Lungenblutsturz. Es gelang dem Arzt die schmerzhaften Zufälle zu erleichtern und erträglich zu machen, wenn auch bald die Hoffnung aufgegeben werden musste, ihn zu retten. Er blieb auf dem bequemen Lehnstuhl, in welchem sich die große Angst zuerst gelegt hatte, und sprach jetzt mit Ruhe und Besonnenheit. Es machte ihm sichtbare Freude, als Vogel ihm erzählte, dass eine Remuneration, für welche er sich angelegentlich verwendet hatte, durch ein im Laufe des Tages eingegangenes Reskript der Regierung bewilligt sei. Mit zitternder Hand unterzeichnete er noch eine Anweisung zur Auszahlung einer Unterstützung an eine junge weimarsche Künstlerin, für die er stets väterlich gesorgt hatte. Bei dieser seiner letzten Amtshandlung schrieb er seinen Namen zum letzten Mal. Das Blatt wird auf der großherzoglichen Bibliothek aufbewahrt. Am nächsten Tag fühlte Goethe wenig mehr von den Beschwerden der Krankheit; aber die Symptome der Auflösung nahmen besonders nach Mittag immer mehr zu. Ruhig im Lehnstuhl sitzend, antwortete er noch freundlich auf einzelne Fragen, die man an ihn richtete, und seine Geistestätigkeit erlosch erst mit dem letzten Lebenshauch. Er ließ sich von dem Bedienten Salvandys Buch bringen und einen Tisch hinstellen, fühlte sich aber, nachdem er im Buch hin und her geblättert, zu schwach zum Lesen und legte es wieder hin. Es ward zufällig an diesem Tag das für ihn schon lange bestimmte Portrait der Gräfin von Vaudreuil, Gemahlin des französischen Gesandten am großherzoglichen Hof, von Eisenach her eingesandt. Der Arzt erlaubte, es dem Kranken zu zeigen, weil es ihn erheitern würde. Nachdem Goethe das Bildnis mit Vergnügen eine Zeitlang betrachtet hatte, sagte er: „Nun, den Künstler muss man loben, der nicht verdarb, was die Natur so schön geschaffen hat.“ Er wollte zur Gegengabe einen Abdruck seines nach Stieler lithographierten Portraits zurücksenden und äußerte, er habe schon vier Zeilen gedichtet, die er darunter schreiben wolle, sobald er wieder hergestellt sei. Oft äußerte er sein Bedauern, seine Freunde nicht empfangen zu können. Spät abends ließ er sich das Verzeichnis der Namen derer geben, die sich im Lauf des Tages nach seinem Gesundheitszustand erkundigt hatten, und nachdem er beim Durchlesen lange verweilt, bemerkte er, man müsse die bewiesene Teilnahme ja nicht vergessen, wenn er wieder gesund wäre. Er verlangte, dass die Seinigen sich zur Ruhe begäben. Zu seinem Kopisten John, der die Nacht bei ihm wachte, während Goethe seinen von der Anstrengung erschöpften Bedienten in dem neben ihm stehenden Bett sich niederlegen ließ – er selbst blieb in seinem Lehnstuhl – sagte er in der Nacht einige Mal: „Halten Sie nur treulich bei mir aus, es kann doch nur noch ein Paar Tage dauern.“ Diese letzten Äußerungen sind verschieden gedeutet worden. Nach der Ansicht des Arztes hatte Goethe kein Vorgefühl seines nahen Scheidens, sondern gab vielmehr die deutlichsten Beweise von Hoffnung auf Genesung. Gegen seine Schwiegertochter äußerte er noch an seinem Todestag, der April bringe auch manche schöne Tage; dann wolle er sich durch Bewegung in der freien Natur wieder stärken. Am Morgen des 22. März ließ er sich in seinem Lehnstuhl aufrichten und tat einige Schritte nach seinem Studierzimmer; dann ging er wieder, sich sehr matt fühlend, zu seinem Sitz zurück. Im Krankenzimmer waren außer den Hilfe leistenden Bedienten nur die Schwiegertochter, die Enkel und der Arzt. Der Name Ottilie war oft auf seinen Lippen. Er bat sie sich neben ihn zu setzen und hielt ihre Hand lange in der seinigen. Die Freunde ließ man nicht zu ihm; selbst den Besuch des Großherzogs glaubte der Arzt nicht mehr gestatten zu dürfen. Einige Male ließ sich der Kranke noch aufrichten, um zu seinem Arbeitszimmer zu gehen, sank aber bald wieder zurück. Bisweilen phantasierte er; so fragte er unter anderem, als er ein Stück Papier auf dem Boden liegen sah, warum man denn Schillers Briefwechsel hier liegen lasse; man möge den doch aufheben. Im leichten Schlummer spielte seine Phantasie mit angenehmen Bildern. „Seht“, sprach er einmal träumend vor sich hin, „seht den schönen, weiblichen Kopf, mit schwarzen Locken, in prächtigem Kolorit, auf dunklem Hintergrund.“ Als er erwachte, verlangte er nach einer Mappe mit Zeichnungen, die er in seiner Vision glaubte vor sich gesehen zu haben. Die Sprache wurde immer mühsamer und undeutlicher, die Kraft der Sinne nahm ab. Zum Bedienten sagte er: Macht doch den zweiten Fensterladen auch auf, damit mehr Licht hereinkomme. Dies sollen die letzten verständlichen Worte gewesen sein. Er malte noch mit dem Zeigefinger der rechten Hand öfters Zeichen in die Luft, erst höher, dann, so wie die Kräfte sanken, immer tiefer, zuletzt auf die über seine Knie gebreitete Decke. Mit Bestimmtheit unterschied Dr. Vogel einige Male den Buchstaben W und Interpunktionszeichen. Um halb zwölf Uhr Mittags drückte er sich ohne das geringste Zeichen des Schmerzes in die linke Ecke des Lehnstuhls und entschlummerte so sanft, dass es lange währte, ehe die Umstehenden die Gewissheit hatten, dass Goethe ihnen entrissen sei. Der Genius des Lebens schien noch lange über der geliebten Hülle zu wachen; auf dem Gesicht war „Hoheit und heitere Würde“. Der Sarg, der sie aufzunehmen bestimmt war, wurde nach derselben Zeichnung angefertigt, welche Goethe entworfen hatte, als die Überreste Schillers in der Fürstengruft eine Stelle erhielten. Neben seinem Geistesgenossen, neben dem edlen Fürstenpaar Karl August und Luise, unvergänglichen Andenkens, ward er in eben dieser Gruft am 26. März feierlichst beigesetzt. Ein Chor sang die Zeltersche Komposition des Goetheschen Logengedichts: „Lasst fahren hin das allzu Flüchtige“; Generalsuperintendent Röhr hielt die Grabrede16. Erst am folgenden Tag ward das Theater wieder mit Goethes Tasso eröffnet – gleichsam ein Symbol, dass der Genius, über dem Grab sich verklärend, wieder mit neuem unvergänglichem Leben den kommenden Jahrhunderten angehört. Was bei der Trauerkunde die edelsten Geister unserer Nation empfanden, ist in manchem erhebenden Dichterwort niedergelegt. Es war nicht sowohl die Trauer um die Vollendung des Einzeldaseins, das den Kreis seiner irdischen Bestimmung vollständig durchmessen hatte, sondern mehr noch das Bewusstsein, dass hiermit die glanzvollste Periode unserer Literatur ihren letzten Abschluss erhalten habe. Diesem Gefühl hat Schelling in den wenigen Worten, die er am Tag nach erhaltener Nachricht von Goethes Tod in der Sitzung der Akademie der Wissenschaften zu München sprach, den treffendsten Ausdruck gegeben: „Es gibt Zeiten, in welchen Männer von großartiger Erfahrung, unerschütterlich gesunder Vernunft und einer über allen Zweifel erhabenen Reinheit der Gesinnung schon durch ihr bloßes Dasein erhaltend und bekräftigend wirken. In einer solchen zeit erleidet – nicht die deutsche Literatur bloß – Deutschland selbst den schmerzlichsten Verlust, den es erleiden konnte. Der Mann entzieht sich ihm, der in allen innern und äußern Verirrungen wie eine mächtige Säule stand, an der Viele sich aufrichteten, wie ein Pharus, der alle Wege des Geistes beleuchtete; der, aller Anarchie und Gesetzlosigkeit durch seine Natur Feind, die Herrschaft, welche er über die Geister ausübte, stets nur der Wahrheit und dem in sich selbst gefundenen Maß verdanken wollte; in dessen Geist und, wie ich hinzusetzen darf, in dessen Herzen Deutschland für alles, woran es in Kunst oder Wissenschaft, in der Poesie oder im Leben bewegt wurde, das Urteil väterlicher Weisheit, eine letzte versöhnende Entscheidung zu finden sicher war. Deutschland war nicht verwaist, nicht verarmt; es war in aller Schwäche und inneren Zerrüttung groß, reich und mächtig von Geist, solange – Goethe – lebte.“
1
Goethes Briefe an Graf Brühl s. in den Briefen von und an Goethe, hgg. von
Riemer, S. 155 ff., wo auch der Prolog Goethes S. 160-162 abgedruckt ist.
^ „Ich darf wohl sagen, dass mir, seit ich dem Grafen von Reinhard in Karlsbad begegnete, kein solches Glück [wie jetzt durch die Bekanntschaft mit dem Grafen Sternberg] wieder geworden. Wie wichtig ist es, einen Mann von diesen Jahren von solcher menschlichen Welt- und wissenschaftlichen Bildung anzutreffen, eine vollkommene Mitteilung möglich zu finden und durch wechselseitiges Empfangen und Geben des größten Vorteils zu gewinnen! Er ist aus einer Zeit, wo sich Aussichten hervortaten, Gesinnungen entwickelten, Studien besondere Reize ausübten, zu denen allen ich mich selbst bekenne. Eine solche Annäherung ist mir doch unendlich wert, und so waren wir denn zwei Wochen beisammen, wo Tausendfältiges zur Sprache kam. In gar manchem Kapitel habe ich durch ihn sehr schöne Nachweisungen und Aufklärungen erhalten. Ein fortgesetztes tätiges Verhältnis wird beiden Teilen zum Nutzen und Frommen gereichen.“ ^ 5
Dieses köstliche Schreiben findet man vollständig abgedruckt in Vogels
Schrift: Goethe in amtlichen Verhältnissen, S. 248-254 und danach auch in
Goethes Werken unter den biografischen Einzelheiten (Bd. LX. der Ausg. in
60 Bden; Bd. XXVII. der Ausg. in 40 Bden).
^
Darunter stehen die Data: 7. Sept. 1783. Das Häuschen auf dem Schwalbenstein, wo Goethe einen
Teil seiner (ersten) Iphigenie dichtete, steht nicht mehr.
^
Zelter, welcher noch am Todestag Goethes ohne eine Vorahnung einen Brief des heitersten Inhalts an ihn geschrieben hatte, der am Begräbnistag einlief, spricht dasselbe Gefühl in einem Brief an Kanzler v. Müller aus: „Wie er dahinging vor mir, so rück’ ich ihm nun täglich näher und werd’ ihn einholen, den holden Frieden zu verewigen, der so viel Jahre nacheinander den Raum von sechsunddreißig Meilen zwischen uns erheitert und belebt hat.“ ^ |
|
|
© 1999-2007 Copyright by
Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de. |
||