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Homepage Literatur Johann Wolfgang von Goethe Biografien Schaefer - Goethes Leben Inhalt Erster Band Vorrede Kindheit und Jugend 1749 - 1765 1765 - 1768 1768 - 1771 1771 - 1773 1744 1775 Weimarsche Lehrjahre 1776 1777, 1778 1779 1780, 1781 1782 1783 - 1786 Zweiter Band Widmung Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche 1786 - 1788 1788 - 1791 1792, 1793 1794 - 1796 1797 - 1799 1799 - 1805 Goethe im Alter 1806 - 1813 1813 - 1819 1820 - 1825 1826 - 1832 Beilagen I. Charlotte von Stein II. Rede weißer Falkenordens III. Vermächtnis j. Nachwelt Schlusswort |
3. Kapitel: 1820 - 1825„Das Leben“, äußert Goethe in einem Brief an den Staatsrat Schulz, „gleicht denn doch zuletzt den sibyllinischen Büchern; es wird immer kostbarer, je weniger davon übrig bleibt.“ Er ward daher, je näher er dem unvermeidlichen Ziel rückte, umso haushälterischer in der Verwendung der Zeit, und sein alter Wahlspruch: „Die Zeit ist mein Reichtum und mein Acker“ (tempus divitiae meae, tempus ager meus) bewährt sich gerade in den letzten Jahren seines Lebens in vollstem Maß. Zwar widmete er noch in den nächstfolgenden Jahren einen Teil des Sommers den Zerstreuungen und geselligen Aufheiterungen des Badelebens; sonst schloss er sich möglichst in die Einsamkeit seines Studierzimmers ein, wo schon die frühen Morgenstunden ihn regelmäßig an seine Arbeiten und wissenschaftlichen Forschungen riefen. Aus seinen Tagebüchern, die er regelmäßig in zwei Abschnitten des Tages diktierte – so berichtet Kanzler von Müller – ersieht man, „wie noch im höchsten Lebensalter er von frühester Morgenstunde an in ruhig abgemessener Folge sich einer Unzahl von literarischen Arbeiten, brieflichen Mitteilungen, geschäftlichen Expeditionen, Prüfung und Beschauung von eingesendeten Produktionen und Kunstwerken, ernster und heiterer Lektüre der mannigfaltigsten Art widmete.“ Sein Arbeitszimmer, das mehr und mehr seine Welt ward, in der er die ganze Behaglichkeit und Fülle seines geistigen Daseins empfand, lag still nach dem Garten zu, klein und schmucklos, damit nicht Gegenstände des Luxus seinen Geist zerstreuen möchten. Besuche wurden hier nicht angenommen, und nur den intimsten Freunden öffnete sich dies Heiligtum; sein Bibliothekszimmer und Schlafkabinett lagen daran. Ein kleiner Eckschrank im Arbeitszimmer, berichtet A. von Sternberg, „hatte die Bestimmung Geldrollen aufzunehmen, die als Almosen auf die diskreteste und wirksamste Weise verteilt wurden.“ Seine amtliche Tätigkeit hatte sich, seitdem er die Theaterleitung aufgegeben hatte und die Bibliothekseinrichtung der Hauptsache nach beendigt war, sehr vereinfacht, und was noch zu tun war, wickelte sich ohne große Opfer an Zeit mit Hilfe der Unterbeamten von selbst ab. Aus der Korrespondenz mit dem Großherzog geht hervor, wie sehr er auch ferner bemüht war, das Gute in seinem Verwaltungszweige zu fördern. Man durfte durchaus nicht ermangeln, sagt von Müller, ihm bei jeder neuen vaterländischen Anlage, mochte sie eine Chaussee, Kirche, Schule oder auch nur ein Torhaus betreffen, die Risse vorzulegen. Großes Interesse nahm er 1822 an dem Bau der Weimarer Bürgerschule und beriet den Bauplan mit. Am 17. November ward von Karl August feierlich der Grundstein gelegt. Bei dieser Gelegenheit berühren wir noch einmal das herzliche Verhältnis, das zwischen Goethe und seinem Fürsten bis ans Ende ihres Lebens unverändert fortbestand. Als eine Gabe des Dankes für die neue Stiftung ließ Goethe zum Weihnachtsfest 32 Gedichte sammeln und unter der Aufschrift: „Dem Landesfürsten zum Weihnachten von seinen Kindern, 1822“, überreichen; der Goethesche Gruß „Bäume leuchtend, Bäume blendend etc.“, der die Erfüllung der einst in dem Gedicht „Ilmenau“ ausgesprochenen Hoffnungen in einfachem Bild ausdrückt, eröffnete diese Sammlung. Am nächsten Morgen erhielt Goethe ein Billet des Fürsten, worin wir die schönen Zeilen finden: „Du weißt selbst, wie vielen Teil Du von allem dem, was seit etlichen und zwanzig bei uns zum Guten gediehen ist, Dir zuschreiben kannst, als dass ich nötig hätte, Dir zu sagen, dass ich es lebhaft erkannte, indem Du gewiss nicht an meiner Erkenntlichkeit zweifeln kannst, noch an der Gerechtigkeit, die mein Herz Deinen seltenen Verdiensten gern widerfahren lässt.“ In gleicher Gesinnung begrüßte er auch am nächsten Neujahrstag seinen „lieben alten Freund und Waffenbruder in dieser stürmischen Welt“, dankend „für die Ausdrücke der unveränderlichen Freundschaft.“ Goethe kam jetzt selten an den Hof. So unabhängig war seine Stellung am weimarschen Hof, so fern von aller Servilität, die man diesem edlen Verhältnisse so gern hätte andichten mögen, dass dies von Seiten der fürstlichen Familie durchaus keine Missbilligung erfuhr. Vielmehr suchte sie den Dichter oft in seiner Wohnung auf und führten auch fürstliche Gäste, unter andern den König von Württemberg und den Großfürsten, nachmaligen Kaiser, Nicolaus mit seiner Gemahlin ihm zu. „Von unserer Großherzogin kann ich nur sagen“, schreibt er an Zelter, „dass Bewunderung und Verehrung gegen sie immer mehr wachsen muss … Sie besucht mich die Woche gewöhnlich einmal, da ich mich dann jederzeit vorbereite, irgendetwas Interessantes vorzulegen, wo dann ihre ruhige gründliche Teilnahme an Gegenständen aller Art höchst ergötzlich und belohnend wird.“ Nicht minder war Goethe durch die regelmäßigen bis zu seinen letzten Tagen fortgesetzten Besuche der geistvollen Erbgroßherzogin beglückt. „Was auch im Lauf der Woche an interessanten Gegenständen in Kunst, Literatur und Naturwissenschaften bei Goethe einlief“, so berichtet von Müller, „das Erfreulichste war ihm stets dasjenige, was er seinen erhabenen Fürstinnen vorzeigen, erläutern, ihrer Teilnahme daran gewiss sein konnte. Trat zuweilen eine unwillkürliche Verhinderung jener Besuche ein, so war es ihm, als fühle er eine Lücke in seinem Dasein; denn gerade das Beständige, genau Wiederkehrende jener Tage und Stunden verlieh ihnen noch einen besonderen Reiz, der die ganze Woche hindurch erfrischend auf ihn wirkte.“ Die friedliche Einsamkeit ward ihm auch durch den fortgesetzten Verkehr mit vertrauten Freunden und Genossen seiner Studien belebt. Am liebsten sah er jeden einzeln in traulichen Abendstunden bei sich, um die wissenschaftlichen Gespräche nach einer Richtung zu lenken und sie dadurch für sich instruktiver zu machen. Mit Meyer wurden Gegenstände der Kunst besprochen. Riemers Urteil nutzte er bei der Redaktion seiner Schriften und unterwarf sich willig seiner philologischen Kritik, die manche Einseitigkeiten in Goethes letzten Schriften verschuldet haben dürfte. In ein ähnliches Verhältnis trat als vertrauter Gehilfe der junge Eckermann, der damals nach Weimar kam und durch Goethe Unterstützung und Beförderung fand. Die von ihm aufgezeichneten Gespräche verbreiten ein helles Licht über die letzten Jahre des Dichters und gewähren uns einen tiefen Einblick in dessen geistige Eigentümlichkeit und die Lebensfülle seines Gemüts. Auch Hofrat Soret aus Genf, der Erzieher des jungen Erbprinzen, war in jenen Jahren oft um Goethe und diesem besonders durch seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse und Studien sehr wert1). Endlich gehörten auch sein Arzt, der Hofrat Vogel und Kanzler von Müller, einer der wärmsten seiner Verehrer, zu diesem Kreis der intimsten Hausfreunde. Müller war, wie Soret sich ausdrückt, gewissermaßen der Vermittler zwischen Goethe und der Gesellschaft; indem er, begabt mit einer lebhaften poetischen Einbildungskraft, im höchsten Grad das Talent besaß, alle interessanten Vorfälle zu sammeln und sie auf pikante Weise zu erzählen, belebte er seine Unterhaltung mit allem, was er gesehen und gehört hatte, weshalb sie für den Dichter stets anregend und erheiternd war. Nur einige kleine Gelegenheitsschriften lassen uns ahnen, welch eine reichhaltige Darstellung wir besitzen würden, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, sein Verhältnis zu Goethe, wie er beabsichtigte, in besonderen Denkwürdigkeiten zu schildern und dadurch für das Publikum fruchtbar zu machen. Riemers Mitteilungen berühren nur die Oberfläche, da er nicht imstande war, Goethe geistige Tiefe und Größe aufzufassen. Bedeutende Fremde sah Goethe ebenfalls häufig bei sich. Wolf kam einige Male, noch zuletzt 1824 auf der Reise nach dem südlichen Frankreich, von der er nicht wiederkehrte. Besonders sprach sich eine lebhafte Freude bei den Besuchen der beiden Humboldt aus. Und wie viele andere bereiteten ihm, neben den lästigen Besuchen mancher Neugierigen, die angenehmsten Stunden! Ein ausgezeichneter Briefwechsel erhielt ihn im geistigen Verkehr mit ausgezeichneten Männern verschiedener Nationen. Vornehmlich tat sich in jenen Jahren Berlin durch den Kultus des Goetheschen Genius hervor. Obgleich es der Dichter vermied, den von dort an ihn ergehenden dringenden Einladungen Folge zu leisten, so nahm er doch durch Zelters Vermittlung an allen dortigen Vorgängen den regsten Anteil. Durch Meyers Aufenthalt daselbst sowie durch den Besuch von Tieck und Rauch, welche seine Büste modellierten, erheilt er sich auch in Kenntnis von den dortigen Kunstschätzen und Bemühungen für die Beförderung der Kunst. Für die Eröffnung des neuen Schauspielhauses in Berlin am 26. Mai 1821 verfasste er den Prolog, der, von Madame Stich gesprochen, mit großem Enthusiasmus aufgenommen ward, so dass er am 29. wiederholt werden musste; mit der Goetheschen Iphigenie wurden die Vorstellungen eröffnet. Den Faust brachte man durch die Bemühungen des Fürsten Radziwill in den Hofkreisen zur Aufführung. In Frankfurt ging man 1820 mit dem Plan um, dem Dichter schon bei seinen Lebzeiten ein Denkmal zu errichten. „Ich verhalte mich“, schreibt Goethe an den Grafen Reinhard, „dagegen ganz still, kontemplierend; denn da es mehr ist, als was ein Mensch erleben sollte, so muss er sich gar wundersam bescheiden zusammennehmen, um nur die Legung des Grundsteins zu überleben.“ Man übereilte sich jedoch in Frankfurt nicht, und erst nach dem Hinscheiden des Dichters gelang es, das Erzbild des größten Sohnes der freien Stadt aufzustellen. In der Zurückgezogenheit des Jahres 1820 machte Goethe die Fortsetzung seines Romans ‚Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die Entsagenden’ zu seiner Hauptaufgabe. Er war bei diesem Roman von der Grundidee ausgegangen, welche sein Lebensprinzip geworden war, dass der Mensch sich selbst beschränken und entsagen müsse. „So viel kann ich Sie versichern“, heißt es in einem Brief an Plessing, „ dass ich mitten im Glück in einem anhaltenden Entsagen lebe und täglich bei aller Mühe und Arbeit sehe, dass nicht mein Wille, sondern der Wille einer höheren Macht geschieht, deren Gedanken nicht meine Gedanken sind.“ Während dies Gesetz der Entsagung die sittliche Tendenz der Hauptpersonen des Romans ist, bringen die eingeschalteten, kleinere Novellen die gesellschaftlichen Verwicklungen, die eine Folge der Leidenschaft sind, in der Weise der Wahlverwandtschaften, die anfänglich ein Glied in dieser Kette bilden sollten, zur Darstellung. Nach der Wiederaufnahme der Dichtung verknüpfte sich mit der Idee der Beschränkung die der Tätigkeit; es trat die Ansicht als leitend in den Vordergrund, dass sich jeder seiner Natur und seinen Anlagen gemäß zu einer für sich und andere nützlichen geregelten Wirksamkeit ausbilden müsse. Schon in dem ersten Band, denn mehr erschien 1821 nicht, war viel Tiefgedachtes niedergelegt; aber die fragmentarische, mitunter abstruse Form, in der Absicht des Dichters nur unklar hervortrat und die poetischen Partien nur durch ein schwaches Band erklärender Einschiebsel zusammengehalten wurden, ließ die gespannte Erwartung der Leser unbefriedigt, musste er doch selbst gestehen, dass das Ganze nicht sowohl aus einem Stück, als in einem Sinn gebildet sei. Es wurde diese Produktion zuerst benutzt, um Goethes gesamte Dichtertätigkeit anzugreifen. Ein gewisser Pustkuchen, Prediger zu Lieme bei Lemgo, machte nicht geringes Aufsehen, als er, anonym und gewissermaßen durch ein Falsum sich eindrängend, unter gleichem Titel ein Gegenstück zu jenem Roman herausgab, worin er, in parodierend, das Verwerfliche der Goetheschen Lebensansicht darzutun suchte. Goethe schwieg, nur dass er im Stillen seinem Humor in einigen ‚Zahmen Xenien’ Lust machte.
Diese ‚Zahmen Xenien’ bilden einen Teil der reichhaltigen Epigrammdichtung, worin der Dichter eine Reihe von Maximen und Urteilen über Welt und Literatur in leichte Reime band, Einfälle des Augenblicks, meist auf Papierschnitzel und die Rückseite von Visitenkarten in flüchtigen Zügen hingeworfen. Selbst Gervinus, vor dessen einseitiger Kritik keine der späteren Goetheschen Dichtungen Gnade findet, muss diese Epigramme als ein „unschätzbares Vermächtnis“ anerkennen und gestehen: „Mit Beifall und stiller Freude wird jeder wahre Verehrer des großen Mannes diese Äußerungen über die Missstände einer überwuchernden Literatur lesen; denn sie zeugen von dem klaren Sinn, den der Lebensweise Dichter bis in das höchste Alter festhielt, wo er ein bestimmtes äußeres Objekt vor sich hatte.“ Seine Teilnahme an allem Bedeutenden, was sich in nahen und fernen Teilen der gebildeten Welt, sei es in Literatur oder Kunst, in Naturwissenschaft oder industrieller Technik hervortat, schien sich mit seinen höheren Lebensjahren noch zu steigern. Nie war sein Sinn lebendiger der unmittelbaren Gegenwart zugewendet, als auf den letzten Stufen des Lebens. Seine Kenntnis und Beobachtung der Literatur war so umfassend, so fern von einseitiger Vorliebe, dass sich in seinem Geist die Idee einer Weltliteratur ausbildete, in der die Völker, unabhängig von nationaler Absonderung, durch ein gemeinsames Band der höchsten geistigen Kultur zusammengehalten werden. Dieser ästhetische Universalismus setzte das Entlegenste an die richtige Stelle, überall „das Tüchtige“ anerkennend und das Seelenverwandte verknüpfend. Orient und Okzident, Altertum und Neuzeit, eins diente ihm zur Erklärung des anderen. Die Dichtergärten des Orients blieben ihm auch ferner lieb; selbst in der Phantasiewelt der indischen Poesie erging er sich mit Entzücken. Seinen Divan vervollständigte er 1820 mit den blühenden Gedichten des Paradieses, und in dem Paria, einer balladenartigen Trilogie, behandelte er 1821 einen indischen Legendenstoff, der schon vierzig Jahre früher sein Nachdenken beschäftigt hatte. Die Studien altgriechischer Literatur wurden durch Gottfried Hermanns mythologische Forschungen angeregt, an denen er umso lebhafteren Anteil nahm, als auch er auf der Seite der Antisymboliker stand. Diese wissenschaftlichen Probleme wurden bei ihrem Zusammentreffen in Karlsbad im Jahr 1820 vielfach durchgesprochen. Die von Hermann 1821 mitgeteilte Schrift über die Fragmente des Euripideischen Phaethon wirkte, „wie alles, was von diesem edlen Geist- und Zeitverwandten jemals zu ihm gelangte, auf sein Innerstes kräftig und entschieden“, und veranlassten ihn, aus diesen Bruchstücken die Idee dieses Dramas und der Gang der Handlung nachzuweisen und zu erläutern, eine philologische Arbeit, die den vollsten Beifall des großen Philologen sich erwarb. Das dadurch in ihm wieder angeregte Studium des Euripides, das nachmals noch wieder aufgenommen wurde, flößte ihm unstreitig wieder Liebe zu seiner „Helena“ ein, welche er, nachdem sie seit Schillers Tod nicht wieder angesehen worden war, 1825 wieder vornahm. In den Literaturen unserer Nachbarländer, besonders der französischen und englischen, von denen früher nur Werther, doch ohne Einwirkung auf die Richtung derselben, mit Anerkennung aufgenommen worden war, begannen jetzt auch die späteren Goetheschen Dichtungen wirksam zu werden. Die Faustdichtung warf jetzt ihre hell leuchtenden Strahlen über die moderne Poesie, und auch die milde Wärme und Anmut anderer Dichtwerke verbreitete ihren still wirkenden Einfluss. Goethe ward von diesen Bestrebungen umso lebhafter angezogen, als er darin zugleich die Bewegung der Literaturperiode seiner Jugend widergespiegelt sah. Denn erst jetzt brach man dort mit der steifen so genannten Klassizität, und das jüngere Dichtergeschlecht, an der Brust der deutschen Literatur genährt, suchte durch freiere Bewegung der Phantasie und lebendiges Eingreifen in das Leben und die Ideenwelt der neuen Zeit die Poesie die höhere Bahn hinanzuführen; im Gegensatz zu den herkömmlichen Formen pflegte man sie als die Romantiker zu bezeichnen. In Italien wagte zuerst Manzoni im Drama und im historischen Roman diese neue Richtung einzuschlagen. Angefeindet von seinen Landsleuten, fand er durch Goethe die erste Anerkennung und Aufmunterung, als dieser 1820 seine Verteidigung des „Graf Carmagnola“ gegen die Angriffe der Kritik siegreich führte. Manzoni hing dem deutschen Dichter mit rührender Pietät an. „Es ist gewiss“, äußerte er gegen einen Reisenden, der ihn nach einigen Jahren auf seiner Villa bei Mailand besuchte, „ich bin mir erst selbst dadurch etwas wert geworden, dass ich mich der Liebe und Achtung Goethes erfreue. Es ist lediglich sein Verdienst, wenn man mir Beifall zollt; vorher ging man schlecht genug mit mir um; seit er aber sich großmütig meiner annahm, hat sich das freilich geändert, und ich selbst bin erst durch ihn über mich ins Klare gekommen.“ In gleichem Sinn sprach er sich in einem Brief vom 23. Januar 1821 aus, der in Goethes Werken aufbewahrt ist. Frankreich war zuerst durch Frau von Stael und Benjamin Constant über den Wert der deutschen Literatur belehrt worden. Eine gründlichere Kenntnis Goethes verbreitete sich seit 1821 durch die Übersetzungen und Abhandlungen von Stapfer, Cousin und anderen, und in Zeitschriften, namentlich im Globe, trat eine gediegene Kritik an die Stelle der früheren hochmütigen Oberflächlichkeit. Goethe begleitete alle bedeutenderen Erscheinungen der neueren französischen Literatur. Dies Interesse erstreckte sich keineswegs bloß auf poetische Werke, sondern auch auf Naturwissenschaft, Reisewerke und geschichtliche Memoiren. Eine gleiche lebendige Wechselwirkung fand zwischen Goethe und den Führern der englischen Literatur statt. Durch vortreffliche Übersetzungen und Kritiken wurden die deutschen Meisterwerke im Vaterland Shakespeares zur Anerkennung gebracht; Faust, anfänglich in diesem Boden wurzelnd, fand dort eine zweite Heimat. Walter Scott, schon in Jugendjahren der Übersetzer des Götz von Berlichingen, blieb stets ein dankbarer Verehrer Goethes2) und fand bei diesem die bereitwilligste Anerkennung seines ausgezeichneten Darstellungstalents. Den Lord Byron hielt Goethe in hohen Ehren; er war der Ansicht, dass kaum bei irgendeinem Dichter die poetische Naturanlage eminenter gewesen sei, so wenig er sich mit der misanthropischen Beigabe, welche er als „verhaltende Parlamentsreden“ bezeichnete, befreunden konnte. Die anerkennenden Worte, welche Goethe öffentlich dem Talent Byrons widmete, wurden von diesem mit der verehrungsvollen Dedikation des Trauerspiels Sardanapalus erwidert, worin er „als literarischer Vasall seinem Lehnsherrn, dem ersten der jetzt lebenden Schriftsteller, welcher die Literatur seines eigenen Landes geschaffen und die von Europa verherrlicht hat“ („the first of existing writers, who has created the literature of his own country an dillustrated that of Europe“) seine „Huldigung“ darbrachte. Da dies an Goethe vorgängig eingesandte Dedikationsblatt, wegen zufälliger Verspätung, der ersten Ausgabe des Sardanapal nicht mehr vorgedruckt werden konnte, so eignete ihm Byron das Trauerspiel Werner mit den Worten zu: „to the illustrious Goethe by one of his humblest admirers this tragedy is dedicated.“ Durch einen jungen Mann, der im Jahr 1823 mit einigen empfehlenden Zeilen des Lords bei Goethe eingeführt worden war, übersandte ihm dieser als freundlichen Gruß das Gedicht „Ein freundlich Wort kommt eines nach dem anderen etc.“, welches gerade in Byrons Hände gelangte, als er, schon auf der Reise nach Griechenland begriffen, in den Hafen von Livorno eingelaufen war. Noch im Augenblick der Abfahrt schrieb er eine dankbare Erwiderung, und Goethe bewahrte dies Blatt als ein teures Vermächtnis des Dichters, „als wertestes Zeugnis eines würdigen Verhältnisses.“ Dem hohen Sinn und edlen Streben des außerordentlichen Mannes, der in Missolunghi ein frühes Grab fand, ist in der Helena von der Hand der Poesie ein schöner Kranz gewidmet worden. Euphorion, der personifizierte Genius der Poesie, trägt die Züge des englischen Dichters, und der Chor spricht die edle Totenklage. „Nun erhebt sich die Überzeugung, dass seine Nation aus dem teilweise gegen ihn aufbrausenden, tadelnden, scheltenden Taumel plötzlich zur Nüchternheit erwache und allgemein begreifen werde, dass alle schalen und Schlacken der Zeit und des Individuums, durch welche sich auch der Beste hindurch und heraus zu arbeiten hat, nur augenblicklich, vergänglich und hinfällig gewesen, wogegen der staunenswürdige Ruhm, zu dem er sein Vaterland für je und künftig erhebt, in seiner Herrlichkeit grenzenlos und in seinen Folgen unberechenbar bleibt.“ So schrieb Goethe bald nach Byrons Tod, Worte, die auch auf ihn selbst im vollsten Maß Anwendung finden. Gegen so große Ausländer, meinte er nicht mit Unrecht, könnten freilich die neueren Deutschen keine Probe halten. Er bedauerte, dass unserer Poesie so sehr „das Männliche“ fehlte; Mangel an Charakter sei die Quelle alles Übels in unserer neusten Literatur. Von der schwäbischen Dichterschule wandte er sich daher entschieden ab und äußerte sich auch dahin, aus der Region, worin Uhland walte, möchte wohl nichts Aufregendes, Tüchtiges, das Menschengeschick Bezwingendes hervorgehen. Von Rückert hielt er viel und hegte von ihm die besten Erwartungen. Auch das Talent des Grafen Platen achtete er hoch; nur bedauerte er, dass ihm zum Dichter das Wichtigste, die Liebe, fehle. Goethes Teilnahme an heimischer und ausländischer Literatur zog einen so weiten Kreis, dass kaum etwas unbeachtet blieb, worin sich die Wahrheit der Poesie, wenn auch nur in den kräftigen Naturlauten origineller Volkspoesie, vernehmen ließ. Das neu angeregte Interesse für Volkslieder und die dadurch hervorgerufenen Sammlungen fanden an ihm einen Beförderer. Aus dieser sinnvollen Teilnahme flossen die klar gedachten Abhandlungen über Volkspoesie, vornehmlich über die serbischen und neugriechischen Lieder. Er selbst übersetzte und bearbeitete eine Reihe neugriechischer Poesien. Unter diesen war Charon sein Liebling; es ist uns berichtet, wie ergreifend dies kleine balladenartige Gemälde des seine Beute entführenden Todes durch seinen dramatischen Vortrag ward. Ebenso ungeschwächt dauerte das Interesse für die Werke der bildenden Kunst fort, wobei ihm Meyer treulich an die Hand ging. Er war diesem wiederum bei der letzten Durcharbeitung und Redaktion seiner Geschichte der Kunst behilflich, so dass dies Werk 1825 ans Licht treten konnte, ein Abschluss der gemeinsamen Studien. Während Goethe mit den Elegin-Marmoren und verwandten Denkmälern altgriechischer Kunst sich enthusiastisch beschäftigte, wandte sich sein gebildeter Schönheitssinn von den indischen und ägyptischen Bildwerken mit Widerwillen ab; er erklärte in seinen Xenien offen, dass ihm die indischen Götzen ein Graus seien. Zur Betrachtung altdeutscher Kunst führte ihn Boisserées Werk über den Kölner Dom und Mollers „deutsche Baudenkmale“ zurück; er schrieb 1823 über altdeutsche Baukunst, sich Glück wünschend, nach fünfzigjährigem Streben durch die Bemühung patriotisch gesinnter Männer zu der Klarheit gelangt zu sein, jene Bauwerke nicht mit einem trüben Vorurteil oder einer übereitlen Abneigung, sondern als ein Wissender und in die Hüttengeheimnisse Eingeweihter betrachten und das Vermisste in Gedanken ersetzen zu können. Eine umfassende Abhandlung über neuere Malerkunst entstand in den Jahren 1820 und 1822, nämlich über den Triumphzug Cäsars von dem Maler Mantegna, zu deren Behelf er fleißige Studien der späteren römischen Historiker vornahm, um den Apparat und die Geschichte der Triumphzüge genauer kennen zu lernen. Manche neuere bedeutende Produktion ward mit Sorgfalt betrachtet, auch ein Versuch gemacht, in Weimar lithographische Hefte unter dem Titel einer Pinakothek mit erklärendem Text herauszugeben, die zwar Anerkennung, aber wenig Käufer fanden, so dass sie nur langsam fortgesetzt werden konnten. Tischbein erfreute ihn durch seine Zeichnungen zum Homer sowie durch Übersendung eines Bandes idyllischer Skizzen, welche Goethe auf dessen Wunsch mit Gedichten begleitete. Eine ähnliche Reihe erläuternder Gedichte verfasste er, als 1821 Schwerdtgeburth „Radierte Blätter nach Handzeichnungen von Goethe“ herausgab; es war ihm eine Freude, „ältere längst verklungene Bilder aus dem letheischen Strom wieder hervorgehoben zu sehen.“ Für das Studium der Natur blieb sein Geist bis ans Ende der Tage offen, stets mit andächtiger Scheu ihrem verschleierten Heiligtum nahend, daher schloss er sich auch nie unbedingt einer Sekte an, sondern „blieb Liebhaber bis ans Ende.“ – „Die Natur“, äußerte er einmal zu Soret, „gleicht einer Koketten; sie macht uns beständige Lockungen und ermutigt uns durch ihre Avancen; aber im Augenblick, wo wir sicher zu sein glauben sie zu besitzen, macht sie sich aus unsern Armen los und lässt uns nur einen Schatten.“ Die neuen Entdeckungen auf diesem Gebiete der Wissenschaft begleitete er unablässig mit seinen Beobachtungen und Forschungen; hier vor allem erhielt das Wort des Greises: „Ich lerne immer; daran merke ich, dass ich älter werde“, seine volle Wahrheit. Man durchblickte nur die letzten Blätter der Annalen, um die nach allen Seiten der Naturkunde gerichtete Tätigkeit, die sich nichts Bedeutendes, so sehr auch andere gerichtete Tätigkeit, die sich nichts Bedeutendes, so sehr auch andere geistige Interessen sich daneben geltend machten, entgehen ließ, zu bewundern. Die Theorie der entoptischen Farben ward 1820 beendigt; chromatische Versuche wurden mit Staatsrat Schultz und Professor von Hennings fortgesetzt. Für botanische Studien wurde die Erweiterung der belvedereschen und jenaschen Anstalten, die zum Teil unter Goethes Leitung geschah, aufs neue anregend; Goethe verfasste ein Schema zur Pflanzenkultur im Großherzogtum Weimar. Von dem Interesse für Osteologie geben seine Abhandlungen über die Faultiere, über die Skelette der Nagetiere und fossile Urstiere Zeugnis. Zum Behuf geognostischer Forschungen nahm er 1820 auf der Reise nach Karlsbad seinen Weg über Wunsiedel und Alexandersbad, wo er die Trümmer eines Granitberges, welche er schon 1785 besucht hatte, zum ersten Mal wieder durchforschte. Goethe, den gewaltsamen Erklärungen der Vulkanisten abgeneigt, fühlte sich durch diese neue Untersuchung in seiner Theorie bestärkt, die im Allgemeinen an dem Wernerschen Standpunkte festhielt. Auch den Kammerberg bei Eger betrachtete er aufs neue sorgfältig und gewann im Gegensatz zu seinen früher ausgesprochenen Behauptungen die Überzeugung, dass er den pseudovulkanischen Gebirgsbildungen beizuzählen sei. Der Aufenthalt in Marienbad in den Sommern von 1822 und 1823 wurde zur Vervollständigung der mineralogischen Sammlungen fleißig benutzt. Zur Kenntnis einheimischer Gebirgsbildung erheilt er manchen erwünschten Beitrag durch den Rentamtmann Mahr zu Ilmenau und den Bergrat Lenz zu Jena; den letzteren begrüßte er zur Jubelfeier am 25. Oktober 1822 mit einem Gedicht, das ein Geschenk des Großherzogs begleitete. Durch seinen Beirat war Goethe auch tätig bei der Herausgabe von Käfersteins geologischem Atlas für Deutschland. Von Eschwege kam 1822 aus Brasilien zurück und belehrte ihn über brasilianische Gebirgsarten der neuen Welt mit denen der alten in der ersten Urerscheinung vollkommen übereinstimmen.“ Eine von diesem gelehrten Reisenden mitgebrachte Sammlung von Diamantkristallen gab ihm „eine ganz neue Ansicht über dieses merkwürdige und höchste Naturereignis.“ An den meteorologischen Beobachtungen, welche in Deutschland besonders durch die Bemühungen des Professors Brandes in Breslau angeregt wurden, nahm Karl August einen lebhaften Anteil. Er errichtete einen meteorologischen Apparat auf dem Rücken des Ettersberges, verfolgte die Beobachtungen, welche Professor Posselt auf der jenaschen Sternwarte leitet, und ließ im ganzen Großherzogtum meteorologische Anstalten einrichten, welche mit der Sternwarte in Verbindung gesetzt wurden. Goethe, von Jugend auf der Beobachtung der atmosphärischen Veränderungen mit Interesse zugewandt, blieb auch diesem Zweig der Naturforschung nicht fremd. Er studierte Howards Theorie der Wolkenbildung und legte sie als Schema seinen eigenen Bemerkungen unter. Auch hier knüpfte die Naturbeobachtung wieder an die Poesie an; er verfasste 1821 einige Strophen zu Howards Ehrengedächtnis, worin sich ihm die Wolke zum sinnvollen Bild des Lebens und des geistigen Dranges, der zum Ewigen emporstrebt, gestaltet. Der treffliche englische Meteorologe ward dadurch zu einem verbindlichen Schreiben und zur Übersendung seines neuesten Werkes über das Klima von London veranlasst. Besonders sah sich Goethe durch Brandes und dessen „Beiträge zur Witterungskunde“ aufgemuntert und gefördert; hier zeigte sich, „wie ein Mann, die Einzelheiten in Ganze verarbeitend, auch das Isolierteste zu nutzen weiß.“ Dieser lebhafteren wissenschaftlichen Anregung folgte bald darauf seine Reise nach Karlsbad im Frühling des Jahres 1820. Er entschloss sich während dieses Aufenthalts in der freien Natur die atmosphärischen Erscheinungen in der strengsten Folge zu beobachten und zu verzeichnen. Der lange zurückgehaltene Frühling trat im Beginn des Maies in seiner ganzen Fülle herrlich hervor: „Der Himmelfahrtstag war ein wahres Himmelsfest.“ – „Es ist“, schreibt er unterm 11. Mai an Zelter, „als wenn bei ihrem Erwachen die Bäume verwundert wären und beschämt, sich schon so weit im Jahre zu finden und von ihrer Seite noch so sehr zurück zu sein. Mit jedem Tag eröffnen sich neue Knospen, und die eröffneten entwickeln sich weiter… Das junge, gelbliche Grün scheint völlig durchsichtig, und an diesem stufenweise wachsenden Genuss kann man sich gewiss noch vierzehn Tage ergötzen.“ Mit solch jugendlich poetischer Empfänglichkeit entzückte sich der Greis an den Reizen des werdenden Frühlings; mit der einfachen Poesie dieses Briefes, den man ganz nachlesen möge, verbinden wir die schönen Worte, die er gleichfalls in jener Zeit einmal gegen Eckermann äußerte: „Die frische Luft des freien Feldes ist der eigentliche Ort, wo wir hingehören; es ist, als ob der Geist Gottes dort den Menschen unmittelbar anwehte und eine göttliche Kraft ihren Einfluss ausübte.“ In dieser innigen Hingebung an den Genuss der Natur versäumte er nicht sein Tagebuch der Wolkenerscheinungen bis zum 28. Mai, dem Tag seiner Rückreise, ununterbrochen fortzuführen. Später wurden diese Aufzeichnungen gelegentlich fortgesetzt und durchdacht, besonders während der Badekuren zu Marienbad. Er zeichnete die merkwürdigsten Wolkenbildungen und suchte Künstler dafür zu interessieren. Eine Instruktion für die sämtlichen Beobachter im Großherzogtum ward aufgesetzt, neue Tabellen gezeichnet und gestochen. Aus diesen Studien ging 1825 die Abhandlung Versuch einer Witterungslehre hervor. Wenn diese auch an und für sich nicht von Bedeutung ist, so kann sie doch wiederum beweisen, wie in Goethes geistiger Tätigkeit stets ein gleiches Streben waltet in dem Schwankenden das gesetzliche aufzufinden; denn – so äußert er sich auch in diesen Blättern – „das Höchste, was dem Gedanken gelingt, ist gewahr zu werden, was die Natur in sich selbst als Gesetz und Regel trägt, jenem ungezügelten, gesetzlosen Wesen zu imponieren.“ „Ein fast blendendes Licht tat sich auf“ mit Oersteds Entdeckung des Elektromagnetismus. Goethe ließ sich durch Döbereiner in diese physikalischen Phänomene gründlicher einführen und hatte auch die Freude, Oersted 1822 bei sich in Weimar zu empfangen. Gegen Ende dieses Jahres kam Döbereiner nach Weimar, um vor dem Großherzoge und einer gebildeten Gesellschaft die wichtigsten Versuche galvanisch-magnetischer wechselseitiger Einwirkung vorzuzeigen und zu erläutern. Man ersieht aus diesem Überblick von Goethes wissenschaftlicher Tätigkeit, dass er sich im Lauf dieser Jahre sowohl in Literatur und Kunst, als besonders in den Naturwissenschaften mit einer Vielseitigkeit und einem Ernst nach allen Richtungen bewegte, dass zu einer größeren dichterischen Produktion nicht Ruhe und Muße blieb. Die Wanderjahre kamen nicht über den ersten Band hinaus; die Kälte des Publikums und die misswollende Kritik hatte ihm fürs erste diese Arbeit verleidet. Dagegen zog es ihn wieder zur Fortsetzung seiner biografischen Darstellungen, und gern verweilte die Erinnerung bei dem Liebesverhältnis zu Lili, das in dem Fortgang des Werkes in den Vordergrund der Erzählung trat. Ein Drittteil des vierten Bandes, in diesem die Schilderung des Festes zu Ehren Lilis (von ihm als Geburtstagsfest dargestellt) ward 1821 vollendet. Die Erzählung dieses Bandes wurde erst kurz vor seinem Tod bis zu der Reise, die ihn nach Weimar führte, fortgesetzt und abgeschlossen. Er wandte sich zunächst in den Jahren 1821 und 1822 zu der Redaktion und teilweisen Ausführung der Feldzüge und Rheinreisen der Jahre 1792 und 1793, wobei er den Grundsatz festhielt, „durchaus wahr zu bleiben und zugleich den gebührenden Euphemismus nicht zu versäumen.“ Durch diesen ist die Darstellung sehr beeinträchtigt worden, und man muss in dem diplomatischen Stil gar viel zwischen den Zeilen lesen, bis mit der Schilderung der Rheinreise, des Verhältnisses zu Plessing und der Tage von Pempelfort und Münster sich die Erzählung wieder in den Reiz der gemütvollen Ausführlichkeit kleidet. Gelegentlich beschäftigte ihn auch die Redaktion seines zweiten Aufenthalts in Rom. Es war ihm indes klar geworden, dass es ihm bei seinem vorgerückten Alter kaum noch möglich sein werde, einen bedeutenden Teil seines Lebens in der anziehenden Breite der früheren Darstellungen seiner Nation vorzuführen. Rücksichten auf den weimarschen Hof, mit dem seine Lebensereignisse seit seiner Jugendzeit eng verschlungen waren, sowie die den lebenden Zeitgenossen schuldige Diskretion stellten einer offenen und wahrhaften Berichterstattung große Schwierigkeiten entgegen. Er entschloss sich daher, den übrigen Teil seiner Lebensgeschichte nur übersichtlich zu behandeln. Die erste Veranlassung zu dieser Arbeit fand er, als er der zweiten Gesamtausgabe seiner Werke, welche 1819 mit dem zwanzigsten Bande abgeschlossen ward, eine „summarische Jahresfolge“ seiner Schriften beifügte. Er war dadurch zu chronologischen Auszügen Auszügen aus Tagebüchern und anderen älteren Papieren genötigt worden. Um diese genauer zu übersehen, und sowohl die Herausgabe einer Gesamtausgabe seiner Werke vorzubereiten als auch für den Fall seines Todes seine Schriften wohlgeordnet zu hinterlassen, ließ er durch den Bibliothekssekretär Kräuter während des Jahres 1823 seine sämtlichen gedruckten und ungedruckten Schriften, Tagebücher, eingegangene Briefe und Kopien der abgesendeten, die er seit 1807 regelmäßig nehmen ließ, sammeln, ordnen und wie in einem Archiv beschließen. Durch diese Vorarbeit war es ihm möglich, im Lauf der nächsten Jahre einen Auszug seiner Lebensgeschichte annalistisch zu bearbeiten. Die erste Hälfte seines Lebens ist in diesen „Annalen“ oder „Tages- und Jahresheften“ nur leicht skizziert und selbst das erste Weimarer Jahrzehnt nur obenhin berührt. Erst nach dem Feldzug von 1792 gewinnt die Erzählung an Reichhaltigkeit des Details, und hin und wieder belebt sich auch die Darstellung bei dem Ausmalen einzelner Ereignisse. Denn er arbeitete nicht nach dem chronologischen Fortgang, sondern rückwärts, den Knäuel der Erinnerungen abwickelnd, und partienweise, je nachdem ihn die eine oder andere Epoche gerade anzog. Es können diese Annalen vornehmlich einen Begriff von der staunenswerten Tätigkeit und Vielseitigkeit seiner letzten Lebensjahre geben. Im Beginn eben dieses Jahres 1823 ward Goethes Leben von einer jener gewaltsamen Krisen bedroht, welche seien Natur schon einige Male durchgekämpft hatte. Am 17. Februar wurde er plötzlich von einer Entzündung des Herzbeutels und wahrscheinlich auch eines Teils des Herzens befallen. Am fünften Tag der Krankheit schien alle Hoffnung verschwunden zu sein, und er selbst hielt sich für verloren; „ich fühle“, sagte er zu seiner Schwiegertochter, „dass der Moment gekommen ist, wo in mir der Kampf zwischen Leben und Tod beginnt.“ Wenn er davon komme, meinte er, so müsse man gestehen, er habe für einen Greis ein zu hohes Spiel gespielt. Mit dem 24. Februar trat indes eine günstige Wendung der Krankheit ein. Am nächsten Tag konnte er den Großherzog, den die Ärzte Tags zuvor nicht hatten zu ihm lassen wollen, empfangen; er verlangte nach seinem Freund Meyer. Seine Genesung ging über Erwarten rasch vorwärts; schon am 2. März konnte er aufstehen und ohne Beschwerde in sein Schlafzimmer und wieder zurückgehen. Aus der Nähe und Ferne kam ihm die wärmste Teilnahme und Freude über seine Genesung entgegen. In einem gesellschaftlichen Verein zu Weimar ward, um nur ein Beispiel anzuführen, ein bereits angekündigter Ball aus Achtung für ihn abbestellt; erst als sein Leben gerettet war, fand er statt, und in der Einladung hieß es: „Jetzt ziemt es sich zu tanzen.“ Am 22. März wurde Torquato Tasso zur Feier seiner Wiedergenesung gegeben, eingeleitet durch einen Prolog Riemers, der von Frau von Heigendorf gesprochen ward. Seine Büste ward unter lautem Jubel der gerührten Zuschauer mit einem Lorbeerkranz geschmückt. Nach beendigter Vorstellung begab sich Frau von Heigendorf im Kostüm der Leonore zu dem Dichter und überreichte ihm den Kranz des Tasso. Goethe bekennt, einige Mäßigung gebraucht zu haben, um nicht allzu lebhaft gerührt zu werden. „Freunde, nach langem Schweigen, belebten das Verhältnis aufs neue; gar manche Schriftzüge erinnerten mich an würdige vorige Zeiten und Verhältnisse, ja was von der größeren Bedeutung zu sein scheint, Personen, die einigen Widerwillen gegen mich hegten, … wandten sich wieder zu mir; die alte Neigung trat hervor; das Gefühl des Zusammenseins auf Erden und des daraus entspringenden Glücks behielt die Oberhand. Ich vernahm von freundlichen Gastmahlen, bei welchen man festlich dem Äskulap einen Hahn opfert, von anderen, mehr zufällig durch eingegangene Nachricht von meiner Wiedergenesung, erregten fröhliche Augenblicke. Herzliche Lieder, geistreich poetische Darstellungen erquickten mich, und auch an sinnlicher Ladung wollte man mir’s nicht fehlen lassen; die Früchte ferner Gegenden gelangten zu mir und erneuerten die Empfindungen einer frischen Kindheit.“ In diesen letzten Worten klingt es durch, wovon auch wiederholt die Gespräche mit seinen Freunden Zeugnis geben, dass er gern und mit wehmütiger Erinnerung sich mit den Erlebnissen seiner Kindheit und Jugend beschäftigte; es gibt den letzten Lebensjahren des Greises einen eigentümlichen Reiz, wie sein Gemüt sich mit jedem schritt, der sein Leben dem Ziel näher bringt, tiefer in die Empfindungen der Vergangenheit hinein lebt, an ihren freundlichen Bildern sich erhebt und am dämmernden Nachglanz der gesunkenen Sonne der herrlichen Jugendzeit sich erquickt. Es war gerade in den Tagen, wo ihn die Schilderung seines Verhältnisses zu Lili beschäftigte, als ihm die Vertraute der Freuden und Leiden jener Jahre, seine Jugendfreundin Auguste Stolberg (Gräfin Bernstorff), noch einmal überraschend nahe trat. Mehr als vierzig Jahre, ein Leben, lag zwischen jenem Briefwechsel und jetzt, wo sie sich noch einmal gedrungen fühlte, gegen „den Freund ihrer Jugend“ (in einem Brief vom 22. Oktober 1822) „ihr Herz auszuschütten.“ Die Jahre nicht nur, sondern weit früher unsägliche Leiden hatten, wie sie hier schreibt, ihr Haar schneeweiß gebleicht, ihr Gatte, ihre Kinder, ihre Brüder waren vor ihr dahingeschieden; sie lebte nur noch „in Hoffnung dessen, was zukünftig ist“, und „so gerne nähme ich auch die Hoffnung mit mir hinüber, Sie, lieber Goethe, auch einst da kennen zu lernen.“ – „Ich las in diesen Tagen wieder einmal Ihre Briefe nach, the songs of other times; die Harfe von Selma ertönte – Sie waren der kleinen Stolberg sehr gut, und ich Ihnen auch herzlich gut – das kann nicht untergehen, muss aber für die Ewigkeit bestehen – diese unsre Freundschaft, die Blüte unsrer Jugend, muss Früchte für die Ewigkeit tragen, dachte ich oft, und so nahm ich die Feder… Ich habe denn einen Wunsch, einen dringenden Wunsch ausgesprochen, den ich so oft wollte laut werden lassen: O ich bitte, ich flehe Sie, lieber Goethe, abzulassen von allem, was die Welt Kleines, Eitles, Irdisches und nicht Gutes hat, Ihren Blick und Ihr Herz zum Ewigen zu wenden. Ihnen ward viel gegeben, viel anvertraut; wie hat es mich oft geschmerzt, wenn ich in Ihren Schriften fand, wodurch Sie so leicht anderen Schaden zufügen. – O machen Sie das gut, weil es noch Zeit ist, bitten Sie um höheren Beistand, und er wird Ihnen, so wahr Gott ist, werden.“ Die Worte, womit Goethe diesen, wenn auch pietistisch-zudringlichen, doch von wärmster Liebe diktierten Brief der Jugendfreundin erwiderte, sind zu charakteristisch, als dass sie hier nicht vollständig eingeschaltet werden müssten: „Von der frühsten, im Herzen wohl gekannten, mit Augen nie gesehenen teuren Freundin endlich wieder einmal Schriftzüge des traulichsten Andenkens zu erhalten, war mir höchst erfreulich-rührend; und doch zaudere ich unentschlossen, was zu erwidern sein möchte. Lassen Sie mich im Allgemeinen bleiben, da von besonderen Zuständen uns wechselseitig nichts bekannt ist. Lange leben heißt gar vieles überleben, geliebte, gehasste, gleichgültige Menschen, Königreiche, Hauptstädte, ja Wälder und Bäume, die wir jugendlich gesät und gepflanzt. Wir überleben uns selbst und erkennen durchaus noch dankbar, wenn uns auch nur einige Gaben des Leibes und Geistes übrig bleiben. Alles dieses Vorübergehende lassen wir uns gefallen; bleibt uns nur das Ewige jeden Augenblick gegenwärtig, so leiden wir nicht an der vergänglichen Zeit. Redlich habe ich es mein Leben lang mit mir und anderen gemeint und bei allem irdischen Treiben immer aufs Höchste hingeblickt; Sie und die Ihrigen haben es auch getan. Wirken wir also immerfort, so lang’ es Tag für uns ist; für andere wird auch eine Sonne scheinen, sie werden sich an ihr hervortun und uns indessen ein helleres Licht erleuchten. Und so bleiben wir wegen der Zukunft unbekümmert! In unseres Vaters Reiche sind viele Provinzen und, da er uns hierzulande ein so fröhliches Ansiedeln bereitete, so wird drüben gewiss auch für beide gesorgt sein; vielleicht gelingt alsdann, was uns bis jetzo abging, uns angesichtlich kennen zu lernen und uns desto gründlicher zu lieben. Gedenken Sie mein in beruhigter Treue. – Vorstehendes war bald nach der Ankunft Ihres lieben Briefes geschrieben, allein ich wagte nicht, es wegzuschicken; denn mit einer ähnlichen Äußerung hatte ich schon Ihren edlen, wackeren Bruder wider Wissen und Willen verletzt. Nun aber, da ich von einer tödlichen Krankheit ins Leben wieder zurückkehre, soll das Blatt dennoch zu Ihnen, unmittelbar zu melden: dass der Allwaltende mir noch gönnt, das schöne Licht seiner Sonne zu schauen; möge der Tag Ihnen gleichfalls freundlich erscheinen und Sie meiner im Guten und Lieben gedenken, wie ich nicht aufhöre, mich jener Zeiten zu erinnern, wo das noch vereint wirkte, was nachher sich trennte. Möge sich in den Armen des allliebenden Vaters alles wieder zusammen finden. Wahrhaft anhänglich Weimar, den 17. April 1823. Goethe.“ Diesen Worten, welche den Kern von Goethes religiöser Überzeugung berühren und aus dem innersten Heiligtum seines Gemüts sanft hervor klingen, möge noch einiges sich anschließen, um diese Seite seiner geistig-sittlichen Individualität, gegen welche häufige Angriffe gerichtet worden sind, etwas näher zu beleuchten. Es ist eine bekannte Tatsache, dass Goethe kein Anhänger des positiven Dogmas des Christentums war; insofern nennt er sich, besonders in der mittleren Lebensperiode, wo sich diese Abneigung am stärksten geltend machte, manchmal einen Heiden. Jedoch hasste er nur jenes beschränkte Christentum, das die ganze Fülle des Geistes in ein Symbol zu fassen und die Geheimnisse der Seele, die Rätsel des Lebens durch die Formeln des dogmatischen Lehrbegriffs zu lösen unternimmt und jeder individuellen geistigen Entwicklung, die von diesem schmal begrenzten Pfade abweicht, die Berechtigung abspricht. Ebenso sehr hasste er übrigens den Nihilismus der einseitigrationalen Aufklärung; „alles“, äußert er, „was unsern Geist befreit, ohne uns die Herrschaft über uns selbst zu geben, ist verderblich“ – und hinsichtlich der Voltaireschen Opposition gegen positiven Glauben spricht er sich dahin aus, es sei der Welt wenig damit gedient; denn es lasse sich nichts darauf gründen. In demselben Sinn sagt er in den Anmerkungen zum Divan: „Alle Epochen, in welcher der Glaube herrscht, unter welcher Gestalt er auch wolle, sind glänzend, Herz erhebend und fruchtbar für Mitwelt und Nachwelt; alle Epochen dagegen, in welchen der Unglaube, in welcher Form es sei, einen kümmerlichen Sieg behauptet, und wenn sie auch einen Augenblick mit einem Scheinglanz prahlen sollten, verschwinden vor der Nachwelt, weil sich niemand gern mit Erkenntnis des Unfruchtbaren abquälen mag.“ Mit jener Ehrfurcht, welcher er in den Wanderjahren eine hohe Stelle unter den Tugenden anwies, spricht er, besonders in dem letzten Abschnitt seines Lebens, von der welthistorischen Bedeutung und der sittlichen Macht des Christentums. „Die christliche Religion“, äußerte er gegen Eckermann, „ist ein mächtiges Wesen für sich, woran die gesunkene und leidende Menschheit von Zeit zu Zeit sich immer wieder emporgearbeitet hat, und indem man ihr diese Wirkung zugesteht, ist sie über alle Philosophie erhaben und bedarf von ihr keine Stütze.“ Auf der Reise nach Karlsbad 1812 erwähnte ein Mitreisender, dass ein Engländer berechnet habe, wann das Christentum von der Erde verschwundne sein werde, worauf Goethe erwiderte: „Das Christentum ist so tief in der menschlichen Natur und ihrer Bedürftigkeit begründet, dass auch in dieser Beziehung mit Recht zu sagen ist: Des Herrn Wort bleibt ewiglich!“ In gleichem Sinn sagte er zu Eckermann: „Mag die geistige Kultur nun immer fortschreiten, mögen die Naturwissenschaften in immer breiterer Ausdehnung und Tiefe wachsen, und der menschliche Geist sich erweitern, wie er will – über die Hoheit und sittliche Kultur des Christentums, wie es in dem Evangelium leuchtet, wird er nie hinauskommen.“ Allein so sehr er diese Weltstellung des Christentums anerkannte, wollte er doch für sich das Recht in Anspruch nehmen, unabhängig von aller exklusiven Dogmatik, mit freiem Geist sich das Göttliche anzueignen, wo es ihm auch, sei es im Universum der Natur oder in Geist und Leben des Menschen, sich offenbare; er wollte sich, wie er es kurz zusammenfasst, „als einem Protestanten, die Freiheit erhalten, sein reines Innere ohne Bezug auf irgendeine bestimmte Religion religiös zu entwickeln.“ Daher durchleuchtet und durchwärmt die Religion sein ganzes Leben und geistiges Schaffen. Die Natur verkündet ihm auf allen ihren Blättern das Dasein Gottes und zeigt ihm „Gottes Handschrift“. Das Göttliche erscheint ihm in allen Edlen der Menschheit, in liebevoller Hingebung und tüchtigem wirken, in Wissenschaft und Kunst; wer diese besitze, meint er, der habe auch Religion. „Ich glaube an einen Gott: Das ist ein schönes, löbliches Wort“ – so spricht er sich in seinen Reflexionen aus – „aber Gott anerkennen, wo und wie er sich offenbare das ist eigentlich die Seligkeit auf Erden.“ Aus dem Begriff des Göttlichen im Menschengeist entsprang bei ihm auch der Glaube an eine Fortdauer der Seele über die Grenzen des irdischen Daseins hinaus. Die geistige Kraft, der dem Geist innewohnende Trieb zur Tätigkeit galten ihm als eine Bürgschaft dafür. Er war daher geneigt, nur da eine Fortdauer des Geistes für möglich zu halten, wo diese höhere Kraft desselben vorhanden sei, indem er überhaupt die Unsterblichkeit nur unter der Idee einer unendlichen geistigen Fortentwicklung auffasste. Sein Hoffen und Wünschen ist in den schönen an Zelter gerichteten Worten ausgedrückt: „Wirken wir fort, bis wir vor oder nacheinander, vom Weltgeist berufen, in den Äther zurückkehren! Möge dann der ewig Lebendige uns neue Tätigkeiten, denen analog, in denen wir uns schon erprobt, nicht versagen! Fügt er sodann Erinnerung und Nachgefühl des Rechten und Guten, was wir hier schon geleistet, väterlich hinzu, so würden wir gewiss nur desto rascher in die Kämme des Weltgetriebes eingreifen.“ Nachdem Goethe im Frühjahr 1823 von seiner schweren Krankheit wieder erstanden war, vollendete die Heilkraft des Marienbader Brunnens seine Genesung. Wie durch ein Wunder, hatten seine Kräfte sich erholt. Die ihn in jener Zeit in Marienbad sahen, versichern, er sei ihnen um dreißig Jahre verjüngt vorgekommen. Auch die Seele ward noch einmal durchglüht vom Feuer leidenschaftlicher Liebe, als wendete sie sich in die Wertherzeit zurück; Entzücken und Sehnen, Wiedersehensfreude und Trennungsleid wiederholen sich noch einmal, wie in längst verklungenen Jugendstunden. Mit solch überwältigendem Gefühl ward der Dichter durch die Bekanntschaft mit einem Fräulein von Lewezow entzündet, welche sich während dieses Sommers mit ihrer Mutter und Schwester in Marienbad aufhielt3). In den Marienbader Gedichten liegt das Bekenntnis seines Glücks und seiner Schmerzen:
Das ward ihr Motto, und wir entnehmen aus ihnen die Züge zu diesem nur schwach aufgehellten Lebensbild. Noch lag ein inneres Bangen, eine unwillkommene Schwere auf Geist und Körper, der Blick war noch umwölkt, das Herz fühlte sich leer. Da erschien sie, die lieblichste der lieblichen Gestalten, und vor ihrem Blick, wie vor dem Walten der Sonne, vor ihrem Atem, wie vor den Lüften des Frühlings, schmolz sein Inneres dahin. An ihrer Seite verflogen ihm entzückende Stunden in lieblichem Wechsel, und der Kuss beim Scheiden am Abend war ein Pfand, dass die nächste Sonne ihn zu demselben Paradies führen werde. Zu seliger Höhe des Gefühls hob ihn das Anschauen dieses einzigen Schönen empor; in dem Bewusstsein, ihr anzugehören, empfand er den heitersten Frieden des Herzens, in der Begeisterung seiner Liebe keimte die Hoffnungslust zu freudigen Entwürfen und Entschlüssen. So ward von Tag zu Tag ein Traum gedichtet. Inmitten dieses glücklichen Phantasielebens begrüßte ihn die Kunde von der beabsichtigten Feier seines Geburtstages in Weimar. Er sandte den Freunden in der Heimat im Voraus ein herzliches Gedichtchen zu, um zu dem Fest sein dankbares Gefühl auszusprechen; er verschweigt darin nicht, dass ihm im Waldgebirge Marienbads Armida in Hygieas Gestalt erschienen sei. Es war dieses Liebesverhältnis so wenig ein Geheimnis geblieben, dass sich das Gerücht verbreitete, Goethe gedenke eine neue eheliche Verbindung einzugehen. Allein wenn auch von Seiten der Geleibten ein solcher Wunsch Gewährung gefunden hätte, was bei der nicht minder leidenschaftlichen Erwiderung seiner Liebe kaum zu bezweifeln sein möchte, so gewann doch die Besonnenheit, verstärkt durch die Vorstellungen der Freunde, den Sieg über die Leidenschaft. Er riss sich los; doch es war ein schwerer Kampf, der sein Innerstes aufs tiefste erschütterte. Wenn sonst seine Dichtungen die Schilderung der stürmischen Bewegung erst nach eingetretener ruhiger Sammlung des Gemüts unternahmen, so ward diesmal seine Elegie das unmittelbare „Produkt eines höchst leidenschaftlichen Zustands.“ Er schrieb sie gleich nach seiner Abreise von Marienbad, nachdem er kurz zuvor die Geliebte noch bis Karlsbad begleitet hatte, von Station zu Station, so dass sie abends fertig auf dem Papiere stand. Und welch eine innere Bewegung klang in den schmerzlichen Worten der Schlussstrophe aus:
In Eger, „vor seinem Austritt aus dem
böhmschen Zauberkreis“, empfand es Goethe als eine besondere Gunst des
Geschicks, dass ihm eine Fülle musikalischen Genusses sein liebekrankes
Gemüt in sanfte Wehmut löste. Der Gesang der Madame Milder, das heitere
Pianofortespiel der Madame Szymanowska, einer polnischen Virtuosin,
„falteten mich“, wie er gegen Zelter sich ausdrückt, „auseinander, wie man
eine geballte Faust freundlich flach lässt; zu einiger Erklärung sag ich
mir: Du hast seit zwei Jahren und länger gar keine Musik gehört (außer
Hummeln zweimal), und so hat sich dieses Organ, insofern es in dir ist,
zugeschlossen und abgesondert; nun fällt die Himmlische auf einmal über
dich her, durch Vermittelung großer Talente, und übt ihre ganze Gewalt
über dich aus,
Was anfangs an ihm die heilende und verjüngende Kraft bewährt hatte, ward durch Sehnsucht und Trennungsschmerz im Herbst die Ursache zu neuer Erkrankung. Er fühlte wieder denselben Schmerz an der Seite des Herzens, der seiner schweren Krankheit vom vorigen Winter vorangegangen war. Dieser leidende Zustand ward sehr langwierig, und er fühlte sich lange zu jeder Art von geistiger Tätigkeit unfähig. In dieser Zeit kam, schmerzlich-süße Erinnerungen weckend, Madame Szymanowska nach Weimar aus Liebe zu dem Dichter, in den sie, nach Zelters Ausdruck, „rasend verliebt“ war. Goethe entzückte sich noch einmal an dem Genuss ihres seelenvollen Spiels, „der wie alle höheren Genüsse den Menschen aus und über sich selbst, zugleich auch aus der Welt und über sie hinaus hebt.“ Als sie in einer Abendgesellschaft bei Goethe auf dem Flügel phantasierte, war er, wie Soret bemerkt, im Anhören verloren und schien sehr ergriffen und bewegt. Er widmete ihr später noch manche Zeichen liebevollen Andenkens. Auch erfreute ihn im Spätherbst ein Besuch Wilhelms von Humboldt, der ihm „stets die wohltätigste Aufheiterung“ gewährte. Zelter verweilte um den Anfang des Dezembers drei Wochen in Weimar, und seine „liebe Gegenwart war ihm in seinem peinlichen Zustand höchst erquickend“: „Ich fühlte es und weiß es, und es freut mich, dass die anderen es anerkennen, die niemals recht begreifen, was ein Mensch dem andern sein kann und ist.“ Wie sehr die Erinnerungen an Marienbad und die daraus hervorgegangenen Gedichte in ihren Unterhaltungen wiederkehrten, sieht man aus dem Brief an Zelter vom 4. Januar 1824, dem er schließlich noch beifügt: „Kennst du nachstehende Reimzeilen? Sie sind mir ans Herz gewachsen; du solltest sie wohl durch schmeichelnde Töne wieder ablösen:
Aus dieser Anführung geht hervor, dass diese Strophe in enger Beziehung zu dem geliebten Mädchen steht, und da sie dem Gedicht „Äolsharfen“ von 1822 angehört, so möchte man daraus schließen, dass die erste minder leidenschaftliche Bekanntschaft schon während des vorigjährigen Marienbader Aufenthalts angeknüpft worden sei. Noch war diese weiche elegische Stimmung nicht verklungen, als er von der Leipziger Verlagshandlung seines Werther die Aufforderung erhielt, seine Jugenddichtung durch eine poetische Zugabe einzuleiten. Es schloss sich daher an die Elegien seiner letzten Liebe das Gedicht ‚An Werther’ als ein Rückblick auf den Genossen von Lieb’ und Leid seiner Jugend an, und – „es wiederholt die Klage des Lebens labyrinthisch irren Gang.“ Gegen das Frühjahr 1824 fühlte er sich wieder genesen, und es schien ihm, nachdem der Kampf durchgekämpft war, als ob das, was die Ursache der Krankheit gewesen, „sich als das Element seines Wohlbefindens manifestieren“ werde; daher erschien er auch den Freunden (nach Sorets Bemerkung) seitdem geistig kräftiger als seit Jahren. Fürs erste unterzog er sich jedoch keiner größeren allzu sehr anstrengenden Arbeit; er suchte zuvörderst „das Versäumte nachzuholen“, um auf weitere Schritte denken zu können. Mit der Musik hatte er sich so tief eingelassen, dass er sich mit der Händel-Mozartschen Partitur des Messias zu schaffen machte und darüber mit Zelter korrespondierte. Für dessen Komposition verfasste er das Gedicht ‚Zu Thaers Jubelfeste’ auf dringendes Gesuch der Freunde desselben, welche dieses am 14. Mai 1824 zu begehen wünschten. Goethes Studien bewegten sich nach verschiedenen Seiten in den sicher umschriebenen Kreisen. Er arbeitete kleinere Aufsätze für seine Hefte „Kunst und Altertum“ und „zur Naturwissenschaft“, ordnete seine Papiere, schrieb fleißig an den Annalen seines Lebens und redigierte, da er gerade diesen Abschnitt zu behandeln unternahm, seinen Briefwechsel mit Schiller. „Es wird“, schreibt er am 30. Oktober an Zelter, „eine große Gabe sein, die den Deutschen, ja ich darf wohl sagen, den Menschen geboten wird: Zwei Freunde der Art, die sich immer wechselseitig steigern, indem sie sich augenblicklich expektorieren. Mir ist es dabei wunderlich zumute; denn ich erfahre, was ich einmal war.“ Nicht lange darauf war die Stätte verschwunden, wo das Zusammenwirken der Freunde die glänzendsten Erfolge errungen hatte. Mit Anbruch des 22. März 1825 bald nach Mitternacht stand das Theatergebäude in Flammen, in welchem noch wenige Stunden zuvor das treffliche Spiel des Laroche im „Juden“ von Cumberland die Zuschauer entzückt hatte. Das Feuer, wahrscheinlich durch Heizung veranlasst, hatte bald durch die Masse brennbarer Stoffe Nahrung erhalten und schlug nach allen Seiten zum Dach heraus, so dass alle Löschversuche vergeblich waren. Der Großherzog selbst war zugegen und befahl, das Haus in sich zusammenstürzen zu lassen und die Spritzen zum Schutz der Nachbarhäuser zu verwenden. Goethe war zuhause geblieben und sah, von seinen Fenstern aus, die Flamme zum Himmel steigen. „Der Schauplatz meiner fast dreißigjährigen liebevollen Mühe liegt in Schutt und Trümmern“, sagte er am folgenden Morgen zu Eckermann; „Sie mögen denken, dass mir mancher Gedanke an die alten Zeiten, an meine vieljährigen Wirkungen mit Schiller und an das Herankommen und Wachsen manches lieben Zöglings durch die Seele gegangen ist, und dass ich nicht ohne einige innere Bewegung davongekommen bin.“ Übrigens war das alte Theater weder schön noch geräumig genug. Daher war schon an einen Neubau gedacht worden. Goethe hatte im vorigen Winter mit dem Baudirektor Coudray den Riss zu einem neuen Theaterbau beraten, ein Beweis, dass er ungeachtet der Niederlegung der Intendanz nicht aufgehört hatte, sich für die Bühne zu interessieren. „Ich habe“, äußerte er gegen Eckermann, „dem Volk und dessen Bildung mein ganzes Leben gewidmet; warum sollte ich ihm nicht auch ein Theater bauen?“ Der vorgelegte Bauplan ward vom Großherzog genehmigt, und die Grundmauern des neuen Gebäudes stiegen schon im April empor, während man vorläufig im Saal des Stadthauses Vorstellungen gab. Allein eine andere Partei, welche schon früher bei Goethes Theaterleitung von Einfluss gewesen war, wusste es durchzusetzen, dass der ursprüngliche Plan aufgegeben ward, indem man dem Großherzog überzeugend dartat, dass bei einem andern Bauplan, durch den derselbe Zweck erreicht werde, große Ersparungen zu machen seien. Coudray trat von der Leitung des Baues zurück. Goethe zeigte indes keine Empfindlichkeit. „Ihr werdet immerhin“, äußerte er, „ein ganz leidliches Haus bekommen, wenn auch nicht gerade so, wie ich es mir gewünscht und gedacht hatte. Ihr werdet hineingehen, und ich werde auch hineingehen, und es wird am Ende alles ganz artig ausfallen.“ Übrigens machte der verfehlte Bauplan später so viele Veränderungen nötig, dass das Gebäude, ohnehin keine Zierde Weimars, auch nicht einmal geringere Kosten verursachte, als wenn der Goehte-Coudraysche Riss befolgt worden wäre. Auf einen still zu Hause „in seiner einsamen Schmiede“ verlebten Sommer, wo ihn besonders die Ausarbeitung seiner biographischen Annalen beschäftigte, folgten mehrere Jubelfeste, die Feier der fünfzigjährigen Regierung Karl Augusts am dritten September und das goldene Vermählungsfest vom dritten Oktober. Goethe zeigte sich bei Verherrlichung dieser Tage sehr tätig, wie es Liebe und Dankbarkeit von ihm forderten4). Um bei der Feier des Regierungsjubiläums seinem fürstlichen Freund die erste Begrüßung zu bringen, begab er sich schon vor sechs Uhr Morgens zu ihm; er überreichte ihm eine nach seiner Angabe und nach Meyers Zeichnung geprägte Denkmünze, deren Vorderseite das mit einem Lorbeerkranz umwundene Bildnis des Großherzogs zeigt; auf der Rückseite ist der Tierkreis graviert, oben die Waage, in deren Zeichen der Fürst geboren war; mit der Inschrift: Der fünfzigsten Wiederkehr MDCCCXXV. Zur Logenfeier dieses Festtages verfasste er eine lyrische Trilogie, welche die Hinweisung auf das Dauernde im flüchtigen Wechsel des Daseins in erhebenden Worten ausführt. Goethes Haus war mit symbolischen Gemälden und mannigfachen Gewächsen längs der Front wie mit einem Garten geschmückt und jedem zu freiem Zutritt geöffnet. „Der beglückteste Diener seines Fürsten“, hatte er geäußert, „müsse an diesem Tag auch das Recht haben, ihn aufs ausgelassenste zu feiern, und daran, wer uneingeladen zu ihm komme, werde er seien Freunde erkennen.“ In den Abendstunden waren alle Zimmer seines Hauses glänzend erleuchtet, und es wogte auf und ab von Besuchenden, di aufs freundlichste bewirtet wurden. Nach dem Schluss der Theatervorstellung, mit der das neue Gebäude eingeweiht ward, empfing er in diesen Räumen auch seien geliebten Fürsten und alle Notabilitäten, welche die Feier dieses seltenen Festes in Weimar vereinigt hatte. Auf seinem Gesicht war die herzlichste Freude zu lesen, und bis nach Mitternacht verweilte er unter seinen Gästen. „In jenen Tagen des Festes“, schreibt er an Zelter, „hab’ ich mich, wie ich nicht leugnen will, männlicher benommen, als die Kräfte nachhielten; was ich aber tat, war notwendig und gut, und so wird sich denn auch wohl das gewohnte liebe Gleichgewicht bald wieder herstellen.“ Zum 14. Oktober widmete er der Großherzogin eine sinnreich erdachte Denkmünze, welche an die Katastrophe von 1806, die zum unvergänglichen Gedächtnis der Größe ihres Charakters ward, erinnerte. Goethe konnte nicht ahnen, dass auch er seinem goldenen Jubeltag so nahe sei. Allein der Großherzog beschloss, dass die fünfzigste Wiederkehr des Tages, wo Goethe in Weimar eintraf, der siebte November, zugleich als sein Dienstjubiläum gefeiert werden solle. Die Glieder der großherzoglichen Familie und der zahlreiche Kreis seiner Freunde und Verehrer schienen an diesem Tag zu einer großen Festgenossenschaft verbunden zu sein; nicht der äußere Glanz, sondern die enthusiastische Liebe, die sich von allen Seiten kund gab, weihte ihm diesen Tag zum schönsten Fest5). Der Großherzog hatte zu der Jubelfeier eine goldene Denkmünze prägen lassen, welche auf der einen Seite die Brustbilder des fürstlichen Paares, auf der andern das Lorbeer bekränzte Bildnis des Dichters trug; dem Rand waren einfach die Namen Karl August und Luise eingraviert. „Mehr als Gold“ enthielt das sie begleitende Handschreiben des Großherzogs, welches, wenngleich das offizielle Sie diesmal nicht zu umgehen war, doch den warmen Blick der Freundschaft nicht verbirgt: Sehr wertgeschätzter Herr Geheimer
Rat Gewiss betrachtete ich mit vollem Recht den Tag, wo Sie, meiner Einladung folgend, in Weimar eintrafen, als den Tag des wirklichen Eintritts in meinen Dienst, da Sie von jenem Zeitpunkt an nicht aufgehört haben, mir die erfreulichsten Beweise der treuesten Anhänglichkeit und Freundschaft durch Widmung Ihrer seltenen Talente zu geben. Die fünfzigste Wiederkehr des Tages erkenne ich sonach mit dem lebhaftesten Vergnügen als das Dienst-Jubelfest meines ersten Staatsdieners, des Jugendfreundes, der mit unveränderter Treue, Neigung und Beständigkeit mich bisher in allen Wechselfällen des Lebens begleitet hat, dessen umsichtigem Rat, dessen lebendiger Teilnahme und stets wohlgefälligen Dienstleistungen ich den glücklichen Erfolg der wichtigsten Unternehmungen verdanke und den für immer gewonnen zu haben, ich als eine der höchsten Zierden meiner Regierung achte. Des heutigen Jubelfestes frohe Veranlassung gern benutzend, um Ihnen diese Gesinnungen auszudrücken, bitte ich der Unveränderlichkeit derselben sich versichert zu halten. Weimar, 7. November 1825. Karl August. Dem edlen Verhältnis, dem Goethe dankbar und anhänglich angehörte, gab der Besuch der gesamte großherzoglichen Familie, welche eine Stunde bei ihm verweilte, den schönsten Ausdruck. Die von der Malerin Luise Seidler, der warmen Verehrerin des Dichters, entworfene Zeichnung hatte in mehr als einem Sinn das Richtige getroffen, wenn sie Goethes Ankunft in Weimar im Geleit holder Genien darstellte. Er führte sie mit sich, und er fand sie auch. Die Landeskollegien, die jenaschen Fakultäten, die Freimauerloge etc. brachten ihm durch Deputationen ihre Glückwünsche. Seitens der Landesuniversität ward er durch ein lateinisches Gedicht des Hofrats Eichstädt begrüßt. Die medizinische und die philosophische Fakultät überbrachten die Diplome ihrer Doktorwürde; von der theologischen erhielt er eine Votivtafel in Form eines Diploms, begleitet von einem Schreiben, das ein Zeugnis war für die echt-protestantische Denkfreiheit, welche das geistige Wirken des Dichters in seinen Beziehungen zu der Entwicklung deutschen Geistes auch vom theologischen Standpunkt zu würdigen wusste. „Ew. Exzellenz“, heißt es darin, „haben nicht nur unsere Wissenschaft und ihre Grundlagen oft sinnvoll, tief und erregend gewürdigt, sondern auch als Schöpfer eines neuen Geistes in der Wissenschaft und dem Leben und als Herrscher in dem Reich freier und kräftiger Gedanken das wahre Interesse der Kirche und der evangelischen Theologie mächtig gefördert.“ Der Stadtrat der Residenz ließ durch den Bürgermeister, Hofrat Schwabe, eine Urkunde überreichen, durch welche Goethes Sohn, dem Kammerrat von Goethe, und seinen beiden Enkeln, Walther und Wolfgang, sowie allen seinen rechten männlichen Nachkommen auf ewige Zieten das Bürgerrecht der Residenzstadt Weimar verliehen wurde, „auf dass der gefeierte Name Goethe immerdar in ihren Urkunden als höchste Zierde derselben vorhanden sein möge.“ Die übrigen reichen Gaben, welche Liebe und Verehrung dem Dichter zu diesem Tag darbrachte, müssen wir hier übergehen; zarte Frauenhände waren für ihn sehr geschäftig gewesen. Eine sinnvoll angeordnete Feier vereinigte in den letzten Vormittagsstunden die Freude des Dichters in dem großen Saal der großherzoglichen Bibliothek, wo Sängerchöre und Reden von dem Kanzler Müller und Riemer abwechselten. Bei dem Mittagsmahl in dem festlich geschmückten Saal des Stadthauses die Freude der zahlreichen Festgenossen zu teilen, musste sich Goethe versagen und sich durch seinen Sohn vertreten lassen, der auf den Wunsch seines Vaters den Festestoast dem alten Freund Knebel darbrachte, welchem Goethe den Eintritt in den weimarschen Kreis verdankte. Am Abend ward die Iphigenie, von der zu Ehren des Tages ein Prachtdruck veranstaltet war, zur Aufführung gebracht. Goethe erschien, er wie der Großherzog von endlosem Jubel des Publikums empfangen, der aufs Neue sich erhob, als nach dem Wegziehen des Vorhanges statt des Haines der Diana ein Saal mit Goethes Büste auf Lorbeer umkränztem Postament sich auftat. So war es von Karl August selbst im Stillen angeordnet. Madame Seidel sprach den von Kanzler Müller gedichteten Prolog, der die Bedeutung des Festes in klangreichen Strophen schilderte. Der dringenden Mahnung des Arztes folgend, zog sich Goethe nach dem dritten Akt zurück. Eine Illumination der Stadt und eine Abendmusik der großherzoglichen Hofkapelle unter Hummels Leitung beschloss die Feier, während noch ein Kreis der nächsten Freunde und Freundinnen den heiteren Greis in den letzten Stunden des festlichen Tages umgaben. Viele Beweise der Liebe wurden ihm auch aus der Ferne zu Teil; in mehreren benachbarten Städten, zu denen die Kunde gedrungen war, hatten sich seien Verehrer ebenfalls zu einer Festfeier vereinigt. Dankbare Erwiderungen hielten Goethe noch einige Wochen hindurch beschäftigt. Am 24. November wurden die Schreiben an die einzelnen jenaschen Fakultäten ausgefertigt, in denen er vornehmlich hervorhob, wie viel seine wissenschaftlichen Studien seinem engen Verhältnis zu der Universität Jena schuldig geworden seien. Am 26. November meldet er seinem Zelter: „So wie der Eindruck des Unglücks durch die Zeit gemildert wird, so bedarf das Glück auch dieses wohltätigen Einflusses; nach und nach erhole ich mich vom siebten November. Solchen Tagen sucht man sich im Augenblick möglichst gleich zu stellen, fühlt aber erst hinterher, dass dergleichen Anstrengung notwendig einen abgespannten Zustand zur Folge hat.“ In ruhiger Stunde seine literarische Wirksamkeit überblickend, sprach er Hoffnung und Mahnung in dem (im Anhang mitgeteilten) Gedicht Vermächtnis an die jüngere Nachwelt in erhebenden Worten aus. 1) Eckermanns Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. 3 Teile, 1836. 48. (neuerdings von Oxenford ins Englische übersetzt) gehören bekanntlich zu den wertvollsten Beiträgen zur Charakteristik des Dichters, besonders seiner letzten Lebensepoche. Der 3. Teil enthält auch Auszüge aus Sorets Aufzeichnungen in deutscher Übersetzung, von denen sich schon ein Teil in dessen Notice sur Goethe findet. Wo ich im Ausdruck von Eckermann abweiche, habe ich den französischen Text vor Augen gehabt. 2) In einem Brief Walter Scotts an Goethe vom Jahr 1827 heißt es: „Es gibt allen Bewunderern des Genius ein wohltätiges Gefühl zu wissen, dass eines der größten europäischen Vorbilder einer glücklichen und ehrenvollen Zurückgezogenheit in einem Alter genießt, in welchem er auf eine so ausgezeichnete Weise sich geehrt sieht. Dem armen Lord Byron ward leider vom Schicksal kein so günstiges Los zu Teil, indem er ihn in der Blüte seiner Jahre hinweg nahm und so vieles, was noch von ihm gehofft und erwartet wurde, für immer zerschnitt. Er schätzte sich glücklich in der Ehre, die Sie ihm erzeigten, und fühlte, was er einem Dichter schuldig war, dem alle Schriftsteller der lebenden Generation so viel verdanken, dass sie sich verpflichtet fühlen, mit kindlicher Verehrung zu ihm hinaufzublicken.“ (Eckermann, III. S. 176). Über Goethes Verhältnis zu Lord Byron berichtet Medwin in den Conversations of Lord Byron (London, 1824) und Goethe in dem bekannten Aufsatz. 3) Zu Eckermanns Notizen (I. 70. 91; III. 21-30) sind einige Nachträge gegeben von Guhrauer, Goethe in Karlsbad a.a.O. S. 210. 11. 4) S. „Weimars Jubelfest“. Weimar, 1825. 5) S. „Goethes goldener Jubeltag“. Weimar 1826, worin auch die einzelnen an Goethe gerichteten Beglückwünschungsschreiben, Reden und Gedichte nebst seinen Antwortschreiben an die jenaschen Fakultäten abgedruckt sind. |
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