| Johann Wolfgang von Goethe @ www.Wissen-im-Netz.info | |
|
Homepage Literatur Johann Wolfgang von Goethe Biografien Schaefer - Goethes Leben Inhalt Erster Band Vorrede Kindheit und Jugend 1749 - 1765 1765 - 1768 1768 - 1771 1771 - 1773 1744 1775 Weimarsche Lehrjahre 1776 1777, 1778 1779 1780, 1781 1782 1783 - 1786 Zweiter Band Widmung Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche 1786 - 1788 1788 - 1791 1792, 1793 1794 - 1796 1797 - 1799 1799 - 1805 Goethe im Alter 1806 - 1813 1813 - 1819 1820 - 1825 1826 - 1832 Beilagen I. Charlotte von Stein II. Rede weißer Falkenordens III. Vermächtnis j. Nachwelt Schlusswort |
2. Kapitel: 1813 - 1819Mit dem Beginn des Jahres 1813 ging ein neuer Geist durch Deutschland. Das gewaltsam niedergehaltene, tief verletzte Nationalgefühl loderte in hellen Flammen der Begeisterung auf, und die Hoffnung flog freudig der Tat voran. Goethe teilte diese Stimmung nicht. Er sah nur neue Verwirrung und schwere Zeiten vor sich und ergriff jedes Mittel, um sich den Ereignissen, auf deren Gang er nicht einzuwirken vermochte, fern zu halten und ihre Rückwirkung von seiner geistigen Tätigkeit abzuwenden. Tags vor der Besetzung Weimars durch die Franzosen, am 17. April, trat er seine Reise in die böhmischen Bäder an. In Dresden, das von den Russen besetzt war, sah er Stein und Arndt1). Er machte auf diese keinen erfreulichen Eindruck, da er über die neuen Unternehmungen sich nicht freudig und hoffnungsvoll äußerte, sondern bekommen erschien. Als Körner, dessen Sohn in die Reihen der Freiwilligen getreten war, von Hoffnungen glücklicher Zeiten sprach, fuhr Goethe schon heftig gegen ihn auf mit den Worten: „Ja, schüttelt nur an euren Ketten! Der Mann ist euch zu groß; ihr werdet sie nicht zerbrechen, sondern nur noch tiefer ins Fleisch ziehen“: Eine Besorgnis, die allerdings die ersten Kriegsereignisse zu rechtfertigen schienen, da man überdies noch ungewiss war, welche Stellung Österreich in dem europäischen Kampf einnehmen werde. Auch von Teplitz aus kommen uns nur sorgenvolle Äußerungen des nach Frieden verlangenden Dichters entgegen: „Wer es jetzt möglich machen kann“, schreibt er unterm 21. Juli, „soll sich ja aus der Gegenwart retten, weil es unmöglich ist, in der Nähe von so manchen Ereignissen nur leidend zu leben, ohne zuletzt von Sorge, Verwirrung und Verbitterung wahnsinnig zu werden.“ Indes war er wieder froh, dass er in dieser jetzt zerrissenen Welt, wo man nicht mehr wisse, wem man angehöre, gesund sei und arbeiten könne. Außer der Vollendung des dritten Teils von Dichtung und Wahrheit beschäftigte ihn eine Abhandlung über Shakespeare, obgleich seine gedrückte Stimmung wohl nicht geeignet war, die großartigen dramatischen Weltgemälde dieses Riesengeistes von einem unbefangenen Standpunkt aus zu betrachten, und zwar in einer Epoche, wo seine Poesie sich schon der orientalischen Kontemplation zuneigte. Die Balladen „der Totentanz“, „Der getreue Eckart“, „Die wandelnde Glocke“, wurden damals gedichtet, und in einem Opernentwurf „Der Löwenstuhl“ nahm er das Sujet wieder auf, welches er früher unter dem Titel „Die Jagd“ episch hatte behandeln wollen; die Idee, dass die losgelassene wilde Gewalt durch Liebe und Sanftmut versöhnt werde (in der „Novelle“ führte er sie nachmals aus) war ihm wieder durch die Zeit nahe gelegt worden. Daneben gewährten mineralogische Exkursionen und Sammlungen seinem Geist ebenfalls eine erwünschte Ableitung. Mit innigem Wohlbehagen führt uns seine Schilderung des Ausflugs nach den Zinnbergwerken von Zinnwald und Altenberg (10.-12. Juli) in die Stille der Natur und die idyllische Gewerbetätigkeit der Gebirgsbewohner, welche nicht lange darauf, nach dem Ablauf des Waffenstillstands und dem Eintritt Österreichs in die Reihen der Verbündeten, allen Schrecknissen des Krieges ausgesetzt waren. Auf der Heimreise traf Goethe in Dresden mitten unter kriegerische Zurüstungen. In Weimar rückte die jüngste französische Garde ein: General Travers, den er früher in Gesellschaft des Königs Ludwig von Holland kennen gelernt hatte, ward in seiner Wohnung einquartiert. Goethe suchte sich durch literarische Beschäftigung mannigfacher und zerstreuter Art über die Sorgen der Zeit, welche die Unfälle von 1806 noch einmal über Weimar bringen konnten, hinwegzuhelfen; sogar die Beschäftigung mit chinesischer Geschichte schien für den Augenblick ein willkommenes Beruhigungsmittel. Von poetischen Arbeiten ist der ‚Epilog’ zu dem Trauerspiel ‚Essex’ zu erwähnen, welchen Goethe für die Schauspielerin Wolf schrieb, um ihre fatale Rolle der Elisabeth zum Schluss noch einigermaßen glänzend auszustatten. Diese nach vorgängigen geschichtlichen Studien sorgfältig ausgeführte Dichtung steht in Beziehung zu den Geschicken Napoleons und gibt der unter dem Abfall der Freunde sich kühn behauptenden, mutvollen Gesinnung einen Ausdruck, nicht ohne die tragische Ahnung des Sturzes: „Der Mensch erfährt, er sei auch wer er mag, ein letztes Glück und einen letzten Tag.“ Dies ward gerade am 18. Oktober, dem Tag der Leipziger Schlacht, geschrieben. An eben dem Tag fiel das Brustbild Napoleons aus Gips, das in Goethes Zimmer hing, von der Wand herab; doch nur der Rand hatte gelitten; Goethe ließ um den Rand des Bildes, den Vers eines römischen Dichters parodierend, die Worte setzen: Scilicet immenso superest ex nomine multum. Dem Rückzug der französischen Armee entging Weimar über Erwarten glücklich. Die Österreicher rückten ein, und der Herzog trat am 1. November vom Rheinbund zurück. Bald darauf zog er an der Spitze des dritten preußischen Armeekorps nach den Niederlanden. Goethe, vor allem erfreut, der Ruhe seiner Studien zurückgegeben zu sein, blieb den Ereignissen gegenüber in der Haltung des parteilosen Beobachters. Der Macht des Augenblicks, dessen Kind der Enthusiasmus ist, schien ihm der nicht unterworfen zu sein, „der in der Weltgeschichte lebt.“ Seine Natur war, wie er selbst erörtert, der „höheren“ Kulturstufe gemäß, auf der der Nationalhass verschwindet, wo man gewissermaßen über den Nationen steht und ein Glück oder ein Wehe seines Nachbarvolks empfindet, als wäre es dem eigenen begegnet. Wenn er daher inmitten der patriotischen Aufwallung anderer den Storm der Ereignisse in ruhiger Haltung an sich vorbei gleiten ließ und die politischen Zukunftsträume erregter edler Männer nicht teilte, so konnte es nicht fehlen, dass er manchem teilnahmslos erschien. Indes war diese scheinbare Kälte nicht, wie Stein sie glaubte entschuldigen zu müssen, eine Folge seines Alters, sondern stimmt nur zu der seit dem Beginn der Revolutionszeit erworbenen und geübten Mäßigung. Er rückt sich die Ereignisse der Gegenwart in die Ferne und betrachtet sie gleichsam vom historischen Standpunkt, weshalb auch der nachherige Erfolg in den meisten Fällen der Klarheit seines politischen Urteils Gerechtigkeit hat widerfahren lassen. Dabei bewahrte er dennoch in der Tiefe seiner Seele eine warme Liebe für sein Volk und den Glauben an dessen steigende Entwicklung und höhere Bestimmung. Wer in jenen Jahren Gelegenheit hatte, mit ihm die Geschicke der Gegenwart zu besprechen, schied (wie namentlich Varnhagen von Ense und Luden ausdrücklich versichern) mit der Überzeugung, „dass die im ärgsten Irrtum seien, welche den Dichter beschuldigen, er habe keine Vaterlandsliebe, kein Gefühl für Deutschlands Ehre und Schande, keinen Glauben an unser Volk gehabt.“ – „Er sieht nur“, schreibt Varnhagen von Ense gleich nach seinem Besuch bei Goethe (im Nov. 1817) „früh und schnell die Dinge, wie die Meisten erst spät sie sehen; er hat vieles schon durchgearbeitet und beseitigt, womit wir uns noch plagen, und wir verlangen, er soll unsere Kindereien mitmachen, weil wir sie noch als Ernst nehmen.“ Das schönste Denkmal von Goethes vaterländischer Gesinnung wie politischem Scharfblick hat uns Luden aufbewahrt; es ist umso schätzbarer, da der Charakter dieses trefflichen Historikers die beste Bürgschaft treuer Berichterstattung ist. Luden teilte im November 1813 Goethe die Absicht mit, eine zunächst gegen Napoleon und die Franzosen gerichtete Zeitschrift unter dem Titel „Nemesis“ herauszugeben. Goethe riet ihm von dieser publizistischen Tätigkeit ab, indem er auf dieser Bahn sich in vielfache Händel verwickeln und bald ermüden werde. „Glauben sie ja nicht“, fuhr Goethe darauf fort, „dass ich gleichgültig wäre gegen die großen Ideen Freiheit, Volk, Vaterland. Nein, diese Ideen sind in uns, sie sind ein Teil unseres Wesens, und niemand vermag sie von sich zu werfen. Auch liegt mir Deutschland warm am Herzen. Ich habe oft einen bittern Schmerz empfunden bei dem Gedanken an das deutsche Volk, das so achtbar im Einzelnen, und so miserabel im Ganzen ist. Eine Vergleichung des deutschen Volkes mit andern Völkern erregt uns peinliche Gefühle, über welche ich auf jegliche Weise hinweg zu kommen suche, und in der Wissenschaft und in der Kunst habe ich die Schwingen gefunden, durch welche man sich darüber hinweg zu heben vermag: Denn Wissenschaft und Kunst gehören der Welt an, und vor ihnen verschwinden die Schranken der Nationalität; aber der Trost, den sie gewähren, ist doch nur ein leidiger Trost und ersetzt das stolze Bewusstsein nicht, einem großen, starken, geachteten und gefürchteten Volk anzugehören. In derselben Weise tröstet auch nur der Glaube an Deutschlands Zukunft; ich halte ihn so fest, als Sie, diesen Glauben; ja, das deutsche Volk verspricht eine Zukunft und hat eine Zukunft. Das Schicksal der Deutschen ist, mit Napoleon zu reden, noch nicht erfüllt.“ Nachdem er unter Hinweisung auf die frühere Weltstellung des deutschen Volks dies näher begründet hat, fährt er fort: „Sie sprechen von dem Erwachen, von der Erhebung des deutschen Volks und meinen, dieses Volk werde sich nicht wieder entreißen lassen, was es errungen, und mit Gut und Blut teuer erkauft hat, nämlich die Freiheit. Ist denn wirklich das Volk erwacht? Weiß es, was es will und was es vermag? Der Schlaf ist zu tief gewesen, als dass auch die stärkste Rüttelung so schnell zur Besinnung zurückzuführen vermöchte. Und ist denn jede Bewegung eine Erhebung? Erhebt sich, wer gewaltsam aufgestöbert wird? Wir sprechen nicht von den Tausenden gebildeter Jünglinge und Männer, wir sprechen von der Menge, von den Millionen. Und was ist denn errungen oder gewonnen worden? Sie sagen, die Freiheit; vielleicht aber würden wir es richtiger Befreiung nennen, nämlich Befreiung, nicht vom Joch der Fremden, sondern von einem fremden Joch. Es ist wahr, Franzosen sehe ich nicht mehr und nicht mehr Italiener, dafür aber sehe ich Kosaken, Baschkieren etc… Wir haben uns seit einer langen Zeit gewöhnt, unsern Blick nur auf Westen zu richten, und alle Gefahr von dorther zu erwarten; aber die Erde dehnt sich auch noch weithin nach Morgen aus.“ Das aber bezeichnete Goethe als die Pflicht jedes Einzelnen, „nach seinen Talenten, seiner Neigung und seiner Stellung die Bildung des Volkes zu mehren, zu stärken, und durch dasselbe zu verbreiten nach allen Seiten, und wie nach unten, so auch, und vorzugsweise, nach oben, damit es nicht zurückbleibe hinter den anderen Völkern, sondern wenigstens hierin voraufstehe, damit der Geist nicht verkümmere, sondern frisch und heiter bleibe, damit es nicht verzage, nicht kleinmütig werde, sondern fähig bleibe zu jeglicher großen Tat, wenn der Tag des Ruhmes anbricht2). Goethe, fühlte keinen Beruf, die Zeitereignisse poetisch zu verherrlichen. Die poetische Stimmung während des Frühlingsaufenthalts (1814) zu Berka an der Ilm veranlasste den Entwurf zu einem Vorspiel zu den Sommervorstellungen der Weimarer Schauspielergesellschaft auf dem 1811 erbauten Theater zu Halle. Allein er überließ die Vollendung desselben an Riemer, indem er der Aufforderung Ifflands, für die preußische Hauptstadt ein auf den Befreiungskrieg bezügliches Festspiel zu dichten, nachgab. Im Mai 1814 wurde ‚Des Epimenides Erwachen’ begonnen. Da die Festdichtung auf den preußischen Hof und seine Gäste berechnet werden musste, so blieb ei so nahe liegenden Begebenheiten und so delikaten Beziehungen kaum eine andere Form als die allegorische übrig, welche überdies, obgleich an und für sich undramatisch, der beabsichtigten opernartigen Ausstattung günstig war. Der Dämon der Unterdrückung – das sind die Grundzüge der Haupthandlung – hat im Verein mit den Dämonen der List und des Kriegs den Glauben und die Liebe in Fesseln gelegt, doch nicht die Hoffnung. Diese verbinden sich untereinander und stärken sich zu unüberwindlicher Kraft. Sie werden durch gütige Genien ihrer Bande entledigt und besiegen den Dämon der Unterdrückung. Zum Rahmen dieses allegorischen Zeitgemäldes wählte der Dichter die Erzählung von Epimenides aus Kreta, welcher, der altgriechischen Sage nach, über fünfzig Jahre in einer Höhle schlief und bei seinem Erwachen verwundert war, die Welt um sich ganz verändert zu finden. Durch die musikalische Komposition, welche Kapellmeister Weber in Berlin übernahm, und anderweitige Vorbereitungen ward die Aufführung bis zum nächsten Frühjahr hingezögert. Am 30. März 1815 fand sie zum ersten Mal in Berlin statt und ward am nächsten Tag in Gegenwart des Hofes wiederholt. Nach Zelters Bericht war „der Beifall wütend“, und die auf die Zeitereignisse bezüglichen Stellen wurden lebhaft applaudiert; waren doch auch dem alten Blücher bei dem Chorgesang des Vorwärts-Liedes die Tränen geflossen. In Weimar ward der 30. Januar des folgenden Jahres durch die Aufführung des Festspiels gefeiert. Eine nachhaltige Wirkung war von dieser Dichtung nicht zu erwarten. Ungeachtet der Zierlichkeit und Künstlichkeit der Komposition hat sie kein rechtes inneres Leben, und der Dichter selbst hat zugegeben, dass es diesem allegorischen Drama an Einbildungskraft und Wärme fehle. Die Schlussstrophe, welche (an das Gespräch mit Luden erinnernd) auf die wiederum den politischen Horizont verdüsternden Wolken hinweist, ward bei der Aufführung weggelassen oder ist später hinzugedichtet:
Den glücklichen Zustand Deutschlands nach der Befreiung von dem Joch der Fremdherrschaft, „die große politische Atmosphären-Veränderung“ äußerte auch auf Goethe eine verjüngende Wirkung, und er fühlte, dass es jetzt „dem Epimenides nicht heilsam sein würde, im Schlummer zu verharren.“ Ein dichterisches Wohlgefühl kommt wieder über ihn, als er in den nächsten beiden Jahren 1814 und 1815, statt in dem engen Karlsbader Tal Pflanzen und Steine zu sammeln, „zu des Rheins gestreckten Hügeln – Wein geschmückten Landesweiten“ hinzieht und in offenem Verkehr mit vertrauten Freundeskreisen Herz und Sinn wieder der Fülle des Lebens öffnet: „Der Wunsch in die freie Welt“, das sind seine eigenen Worte, „besonders aber ins freie Geburtsland, zu dem ich wieder Lust und Anteil fassen konnte, drängte mich zu dieser Reise.“ Einen besonderen Reiz hatte dieser Ausflug an den Rhein noch dadurch, dass er in Wiesbaden einige Wochen mit seinem Freund Zelter zusammen zu sein hoffte. Das Verhältnis zu diesem hatte sich seit einigen Jahren zur innigsten Freundschaft gesteigert; das Unglück hatte das Band fester geschlungen. In der schmerzlichen Lebensepoche im November des Jahres 1812, da Zelter über den Tod seines ältesten Sohnes, der sich selbst entleibt hatte, in tiefe Trauer versetzt war, gaben ihm Goethes tröstende Zeilen das brüderliche Du; die viel sagenden Worte: „Du hast Dich auf dem schwarzen Probierstein des Todes als ein echtes geläutertes Gold aufgestrichen; wie herrlich ist ein Charakter, wenn er so von Geist und Seele durchdrungen ist“, waren eine fürs Leben gewonnene Überzeugung, die niemals wankte. Seit diesem Brief durfte Zelter, um seine eigenen Worte zu gebrauchen, denken, an die Stelle eines verlorenen Sohnes einen lebendigen Bruder gewonnen zu haben. Zwar gehörte Zelter als Musiker einer ganz andere Sphäre der geistigen Tätigkeit an, als Goethe, und konnte diesem nicht, wie Schiller, so viel zurückgeben, als er empfing; aber Goethe hatte seinen rein-menschlichen Wert, die Kernhaftigkeit seiner sittlichen Natur erkannt und schätzte in ihm vor allem die Tüchtigkeit und Geradheit seines Charakters, der „von allen seltenen Gaben die seltenste ein Freund zu sein“ in reichem Maß besaß3). Schon während des frischen Naturgenusses auf der Hinreise fand Goethe die innigen, heiteren Töne seiner Lyrik wieder, die viele Jahre hindurch geschlummert hatten.
(Fulda, 26. Juli.) Zwar erneuern sich auch in Wiesbaden die Karlsbader Studien, indem das mineralogische Kabinett des Bergrats Cramer die Merkwürdigkeiten der dortigen Gebirgsbildung, unter andern viele „Prachtstücke“ aus den Bergwerken des Westerwaldes, vor Augen legte. Allein in all seinen Schilderungen der Ausflüge ins schöne Rheingau weht uns wieder die poetische Fülle des Naturgenusses entgegen. Er fühlt sich der bewegten Menschenwelt wieder näher und mischt sich froh in das rege Leben des munteren Rheinvolkes. Dem St. Rochusfest, welches am 16. August in der St. Rochuskapelle bei Bingen von einem Strom Wallfahrender festlich begangen ward, widmete er wieder die Aufmerksamkeit, wie einst in friedlichen Tagen den römischen Kirchenfesten, und ließ sich, um alle Vorgänge im bunten Menschengewimmel anzuschauen, in und außer der Kapelle hin und her drängen. Es rührte ihn die innige Freude der Menge, welche mit diesem Fest das Glück des wiedergekehrten Friedens und den Beginn goldener Zeiten feierte. In den ersten Septembertagen verlebte er schöne Stunden auf dem Landsitz Winkle bei der Familie Brentano, in deren Begleitung er viele Ausflüge längs des Rheins machte und bei Schlössern und Kapellen, schönen Aussichten und Wein begrünten Landschaften wieder mit dem entzückten Blick der Jugend verweilte. Er bekennt es selbst, seit dieser Reise an den Rhein eine größere Milde und Schonung gegen die Menschen gewonnen zu haben. Es ist die „milde Sonne seiner letzten Jahre“, welche seit jenen am Rhein genossenen Tagen ihren freundlichen Glanz über den Abend seines Lebens verbreitete. Seine Vaterstadt Frankfurt hatte er in siebzehn Jahren nicht gesehen. Inzwischen hatte er ihr noch vor kurzem in seiner Biografie den schönsten Tribut dankbarer Anhänglichkeit gezollt. Diesmal bereitete man ihm einen Empfang, in welchem sich die lebhafteste Verehrung aussprach. Die Vorstellung des Tasso wurde angeordnet, und Goethe von den Direktoren des Frankfurter Theaters feierlich dazu eingeladen. Als er Abends in die für ihn bestimmte Loge trat, welche mit Blumengewinden und Lorbeerkränzen geschmückt war, empfing ihn das überfüllte Haus mit lautem Jubel, der während einer Symphonie von Haydn noch fortwährte. Erst als sich der Vorhang hob, trat eine feierliche Stille ein, und ein Prolog begrüßte den Dichter. Während des am Schluss gesprochenen Epilogs wurden die Kränze von den Büsten Ariosts und Virgils genommen und ihm überreicht. Als er as Theater verließ, waren Treppen und Gänge von dicht gedrängten Reihen von Zuschauern gefüllt, durch die er freundlich dankend hindurchging. Auch ein schönes, öffentliches Fest genoss er hier; er konnte in seiner befreiten Vaterstadt der ersten Feier des 18. Oktobers beiwohnen. In Frankfurt freute er sich besonders des vielseitig angeregten Interesses für Kunst und Naturwissenschaften; was in Privatsammlungen an Kunstsachen und sonstigen belehrenden Schätzen vorhanden war, ward im Einzelnen sorgfältig betrachtet und beschrieben. Viel Genuss und Belehrung fand er in Hanau im Umgang mit Geheimrat von Leonhard, mit dem er schon seit Jahren über Mineralogie korrespondiert hatte; bei ihm fand er ein ausgezeichnetes Mineralienkabinett. Unter den Sammlungen des Darmstädter Museums hatte er seines wackeren Merck zu gedenken; Manches, was er früher in dessen Privatbesitz gesehen und bei seinen ersten naturwissenschaftlichen Studien benutzt hatte, fand er hier wieder. Nach Heidelberg zog ihn Sulpiz Boisserée. Im Jahr 1811 war dieser begeisterte, sinnvolle Kenner mittelalterlicher Kunst mit einer wichtigen Folge von darauf bezüglichen Zeichnungen und Kupfern nach Weimar gekommen und hatte schon damals Goethes Kunstbetrachtung auf den Wert der Kunst des Mittelalters hingelenkt; „es ward ein treuer Sinnes- und Herzensbund mit dem edlen Gast geschlossen, der für die übrige Lebenszeit folgereich zu werden versprach.“ Diese Einwirkung trat jetzt in gemeinsamen Studien erst nach ihrer ganzen Bedeutung hervor. Die Boisseréesche Sammlung niederländischer und altdeutscher Gemälde, die Pläne und Risse des Kölner Doms und anderer altdeutschen Gebäude gewährte Goethe eine klare Einsicht in ein Gebiet der Kunstgeschichte, das er bis dahin nur flüchtig durchstreift hatte. Auf dieser Reise an den Rhein, von der er am 27. Oktober zurückkehrte, waren ihm so „unendliche Schätze des Anschauens und der Belehrung geworden, vom Granit an bis zu den Arbeiten des Phidias und von da rückwärts bis auf unsere Zeiten“, dass er sich angetrieben fühlte, sie im nächsten Jahr zu wiederholen. Zwar war 1815 der politische Horizont nicht mehr so heiter, wie das Jahr vorher: „Napoleons Wiederkehr von Elba erschreckte die Welt; hundert schicksalsschwangere Tage mussten wir durchleben.“ Als er in Wiesbaden gegen die Mitte des Juni anlangte, fand er dort die preußische Garde. Die Schlacht von Waterloo ward in Wiesbaden zu großem Schrecken voreilig als verloren gemeldet, und viele Badegäste machten schon in Furcht vor schneller Ausbreitung der französischen Truppen Anstalten zum Einpacken. Die rasche Entscheidung brachte bald wieder alle Verhältnisse ins Gleiche. In der Nähe und Ferne wurden die Rheingegenden von unserm Dichter wieder durchstreift, und neue Bekanntschaften mit ausgezeichneten Männern schlossen sich an altbewährte an. Zu Biberich traf er mit dem Erzherzog Karl zusammen, welcher ihn durch seine belehrenden Unterhaltungen sehr anzog und mit seinen Werken über seine Feldzüge beschenkte. Mit Bergrat Cramer ward eine Reise durch das Lahntal ausgeführt, von wo sie geognostische Ausbeute heimbrachten. In Gesellschaft des Minister von Stein war Goethe auf der Fahrt nach Köln, wohin er sich in der Absicht, in die altdeutsche Kunst durch gründlicheres Anschauen einzudringen, begab; „der Aufenthalt, so kurz er war, ließ doch unvergängliche Wirkungen zurück.“ Die Seele dieser kunstgeschichtlichen Forschungen war der Umgang mit Sulpiz Boisserée. Mit ihm machte Goethe die Reise von Wiesbaden über Mainz, Frankfurt und Darmstadt. In seiner Gesellschaft betrachtete er abermals die wertvollen Sammlung dieser Städte. Jene Studien der Kunst, denen Boisserée sein Leben gewidmet hatte, waren fast der alleinige Inhalt ihrer Gespräche. In Heidelberg fand Goethe bei dem Freund die gastlichste Aufnahme. Bei einem Aufenthalt von mehreren Tagen hatte er die schönste Gelegenheit die kostbaren Sammlungen mehrere Tage zu betrachten und sich in historischer wie artistischer Hinsicht von ihrer charakteristischen Vortrefflichkeit zu überzeugen. Die Kölner Studien kamen bei den Zeichnungen und Rissen altertümlicher Gebäude wieder zur Sprache, und durch vielfache Verhandlungen fühlte man sich befähigt, „aus einer großen, oft wunderlichen und verwirrenden Masse das Reine und Schöne, wohin der menschliche Geist unter jeder Form strebt, herauszufinden und sich zuzueignen.“ Von Heidelberg auf Würzburg reiste Goethe noch in Gesellschaft von Sulpiz Boisserée; „da uns beiden der Abschied weh tat, so war es besser, auf fremden Grund und Boden zu scheiden, als auf dem heimischen.“ Über Meiningen, den Thüringer Wald und Gotha langte er am 11. Oktober wieder in Weimar an. Er hatte sich wieder mit liebevollem Entzücken in der Welt umgesehen, und das Gefühl dieses glücklichen Zustandes musste noch dadurch erhöht werden, dass er kurz vor und nach dieser zweiten Rheinreise die Schilderungen seiner italienischen Reise redigierte, aus denen die Lichtblicke der reinsten Seelenerhebung aufs neue erwärmend und belebend ihm entgegenleuchteten. Indes wollte er auch nicht die Früchte der gegenwärtigen Reisen dem deutschen Publikum vorenthalten. Er begann die Zeitschrift ‚Kunst und Altertum’, welche von 1816 bis 1828 die Studien des Greises begleitete und ihm Gelegenheit bot, mit allem, was die weiter schreitende Zeit Bedeutendes hervorbrachte, in lebendiger Berührung zu bleiben und von dem hohen Standpunkt seiner individuellen Bildung auf die Gegenwart zu wirken. Die ersten Hefte, deren Titel noch die Beziehung auf die Kunstgegenstände der Rhein- und Maingegenden andeutete, enthielten die Ergebnisse der letzten Reisebeobachtugnen und waren vornehmlich in Bezug auf die Boisseréeschen Sammlungen von entschiedenem Einfluss auf das öffentliche Kunsturteil. Goethe wies mit kunsthistorischem, vorurteilsfreiem Blick das Verhältnis der ältesten deutschen Malerei zur byzantinischen Kunst nach und war der Erste, welcher der Wirksamkeit des Johann van Eyck Anerkennung verschaffte. Übrigens beschränkte sich diese Zeitschrift nicht auf Kunst und Altertum; „denn“, sagte er schon im Beginn des Unternehmens, „wie lassen sich die beiden ohne Wissenschaft und diese drei ohne Natur denken?“ Hatte er sich zur Zeit der Propyläen auf seinem antiken Standpunkt mehr abwehrend der Richtung der modernen Kunst zur Romantik entgegengestellt, so war er jetzt mit dem neuen Geist mehr versöhnt und hatte vielfach Anlass, fördernd einzugreifen. Als die mecklenburgischen Stände im Dezember 1814 den einstimmigen Beschluss fassten, die Verdienste des Fürsten Blücher durch Errichtung eines Denkmals in seiner Geburtsstadt Rostock zu ehren, ward Goethe von dem damit beauftragten ständischen Ausschuss angegangen, durch seinen Rat und sein Gutachten die Ausführung des Planes zu unterstützen und zu leiten. Nachdem mit Direktor Schadow in Berlin vorgängig über die Idee des Kunstwerkes korrespondiert worden war, kam dieser mit dem Modell nach Weimar, wo sich beide über die noch vorzunehmenden Veränderungen verständigten. Im Sommer 1818 wurde der Erzguss der neun Fuß hohen Statue vollendet und im folgenden Jahr das Denkmal aufgestellt. Zwei Relieftafeln wurden von Goethe entworfen; die eine stellt dar, wie der Held vom Sturz mit dem Pferd sich aufrafft, während der Genius des Vaterlandes ihn mit der Ägide beschützt; die andere zeigt den Helden zu Pferde, indem er dämonische Gestalten in den Abgrund jagt. Die Zeilen der von Goethe verfassten Inschrift lauten:
In eben diesem Jahr erhielten Goethes Kunststudien von vielen Seiten die lebendigste Anregung, so dass ihm das Jahr 1818 in dieser Hinsicht als eine neue Epoche erscheinen konnte. Die Elgin-Marmoren, diese herrlichen Überreste griechischer Kunst, aus der Periode ihrer höchsten Blüte, waren im britischen Museum angelangt. Gipsabgüsse und Zeichnungen gelangten bald auch in Goethes Nähe, und mit der Begeisterung seiner italienischen Studien ergriff er die, wenn auch nur in mangelhaften Kopien, dargebotene Belehrung. Er erzählt uns, wie die Begierde, etwas dem Phidias Angehöriges mit Augen zu sehen, so lebhaft und heftig ward, dass er, an einem schönen, sonnigen Morgen ohne Absicht aus dem Haus fahrend, von seinem leidenschaftlichen Verlangen plötzlich ergriffen, aus dem Stegreif nach Rudolstadt lenkte und sich dort „an den erstaunenswürdigen Köpfen von Monte Cavallo für lange Zeit herstellte.“ Mit Abzeichnungen und Gipsabgüssen gelang es ihm seine eigenen Sammlungen zu vervollständigen. Auch seine Münzsammlung erhielt wertvolle Zugaben. Nach Beobachtungen antiker Münzen verfasste er den Aufsatz über Myrons Kuh. Diese anhaltende Beschäftigung mit antiker Kunst trieb ihn (1818) zu dem Versuch, die Gemäldeschilderungen des Philostrat, mit denen er sich schon in der Epoche der Prophyläen eifrig beschäftigt hatte, zu bearbeiten, „mit dem Vorsatz, das trümmerhaft Vergangene durch einen Sinn, der sich im gleich zu bilden trachtet, wieder zu beleben.“ Manche Belehrung über neuere Kunst ward ihm durch Ankauf von Zeichnungen und Kupferstichsammlungen. Vieles Wertvolle brachte der Herzog von seiner Reise nach Oberitalien heim, unter anderem Abzeichnungen von ‚Leonardo da Vinci’s Abendmahl, welche, in Verbindung mit dem Werk Bossis, Goethe 1817 zu der ausführlichen Abhandlung über dies fast vernichtete Meisterwerk veranlassten. Fast sollte man aus dieser Schilderung seiner umfangreichen Tätigkeit für ältere und neuere Kunst den Schluss ziehen, dass die Naturwissenschaften und andere geistige Interessen dadurch zurückgedrängt worden seien. Und doch, welche weite Gebiete vermochte dieser große Geist nebeneinander mit gleicher Liebe und Tiefe zu umfassen! Schon im Obigen wird mehrmals angedeutet, wie angelegentlich er während seiner Reisen in den Rheingegenden sich mit mineralogischen Forschungen beschäftigte. Diese wurden auch fernerhin mit solchem Eifer fortgesetzt, dass er zum Jahr 1817 die Bemerkung machen kann, Geognosie, Geologie, Mineralogie und angehöriges seien an der Tagesordnung gewesen. Die merkwürdigen Tonschieferplatten aus dem Lahntal stellte er als Tableau zusammen. Er studierte eine große Anzahl geologischer Werke und Charten; nach v. Leonhards großen Tabellenwerken ordnete er seine Privatsammlung und die durch neue ansehnliche Anschaffungen bereicherten Sammlungen des Museums. In den Sommermonaten der Jahre 1818 und 1819 hielt er sich in Karlsbad auf und nahm die böhmsche Geognosie wieder mit ungeschwächter Energie auf. „Bei dem schönsten denkbaren Wetter“, schreibt er im Oktober 1819 an Zelter, „ging und fuhr ich in der ganzen Gegend umher … überall Steine geklopft, so dass ich zuletzt die bekannte Müllersche Sammlung von hundert Stücken ebenso, als wenn der gute Alte noch lebte, zusammenlegen konnte.“ Auch die Geologie entfernter Länder und Weltteile ward zu diesen Studien mehr und mehr herangezogen, und es verband sich damit eine so umfangreiche Lektüre wissenschaftlicher Reisewerke, dass mancher Besucher nicht wenig überrascht war, Goethe z.B. von den sittlichen und politischen Zuständen Nordamerikas mit der genauesten Detailkenntnis reden zu hören. Im Jahr 1816 bereitete Goethe die Herausgabe mehrerer naturwissenschaftlichen Abhandlungen vor, welche unter dem Titel „Zur Naturwissenschaft überhaupt, besonders zur Morphologie; Erfahrung, Betrachtung, Folgerung, durch Lebensereignisse verbunden“ seit 1817 heftweise erschienen. Ein poetisches Seitenstück zu der Elegie „Metamorphose der Pflanzen“ gab er 1819 in dem didaktischen Gedichte „Metamorphose der Tiere.“ Sein botanisches Studium, dessen Geschichte er damals in einem ausführlichen Aufsatz darlegte, ward durch mannigfache Beobachtungen gefördert. Die chemischen Studien wurden unter Döbereiners Leitung fortgesetzt. Die Farbenlehre erhielt eine Erweiterung durch die Theorie jener Farberscheinungen, welche von „seinem vieljährigen Freund und Mitarbeiter“ Doktor Seebeck zuerst entdeckt und von ihm entoptisch genannt waren. Goethe fasste die Resultate der während dieser Jahre angestellten Versuche, welche er „bis ins Grenzenlose vermannigfacht hatte“, als Supplement seiner Farbenlehre in zwei Abhandlungen zusammen, worin er ihren atmosphärischen Ursprung nach seiner Theorie erklärte. „Die Richtigkeit meiner Ansichten“, so spricht er sich in dem Vorwort aus, „kenne ich zu gut, als dass mich die Unfreundlichkeit der Schule im mindesten irre machen sollte; mein Vortrag wirkt in verwandten Geistern fort; wenige Jahre werden es ausweisen.“ Kaum lässt unsere bisherige Erzählung ahnen, dass neben dieser vielseitigen Tätigkeit sich ein neues, weit aussehendes Feld geistiger Interessen aufgetan hatte, in dessen Mitte ein anmutiger Dichtergarten fröhlich emporwuchs. Es war mitten unter den Besorgnissen des Jahres 1813, als Goethe an der Hand des ausgezeichneten persischen Lyrikers Hafis, dessen „Divan“ ihm in der von-Hammerschen Übersetzung zukam, sich in der freundlichen Phantasiewelt der morgenländischen Dichtung4) erging und sich durch diese Beschäftigung „über bedenkliche Zeiten hinweghalf.“ Mit besonderer Vorliebe ergriff er das innerste Wesen dieses lebensfrohen Dichters und „suchte sich durch eigene Produktion mit ihm in Verhältnis zu setzen.“ Es dürften daher wohl schon in den Tagen, als die verbündeten Armeen über den Rhein zogen, nicht erst nach dem Datum der Überschrift ein Jahr später, die Strophen der Hegire gesungen sein:
Diesen Quell der Verjüngung empfing bald seine lyrische Poesie von innen heraus, als mit der Wiederkehr der Friedenszeit das Gemüt des Dichters wieder von Liebe und heiterer Lebensfreude erfüllt ward. Für diese lyrischen Empfindungen des Greises, die sich von selbst zur Reflexion und allegorischen Einkleidung neigten, schienen die Formen der orientalischen Poesie das zierlichste und geeignetste Gefäß zu sein. „Diese muhamedanische Religion“, schreibt er später an Zelter, „Mythologie, Sitte geben Raum einer Poesie, wie sie meinen Jahren ziemt. Unbedingtes Ergeben in den unergründlichen Willen Gottes, heiterer Überblick des beweglichen, immer kreis- und spiralartig wiederkehrenden Erdetreibens, Liebe, Neigung zwischen zwei Welten schwebend, alles Reale geläuten, sich symbolisch auflösend – was will der Großpapa weiter?“ Während der geistesfrischen Jahre 1814 und 1815 quollen die lyrischen Gedichte so reichlich hervor, dass er nach dem Muster seines Hafis einen westöstlichen Divan gründen und ihn schon nach der Verschiedenartigkeit des poetischen Inhalts in Bücher abteilen konnte. Einige, wie das Buch des Timur, welches Rückblicke auf die napoleonische Zeit enthalten sollte, gediehen nicht weit; aber die der Liebe gewidmeten Bücher schlagen sich rasch zu vollen Liederkränzen zusammen. Das stärkste der Sammlung ward das Buch Suleika. In diesen Liebe glühenden Liedern zieht die Leidenschaft des Dichtergreises den Glanz orientalischer Bildersprache heran, um die jugendliche Geleibte und ihre beglückende Gegenliebe zu feiern. Der größte Teil derselben ward während des Herbstaufenthalts 1815 in Frankfurt gedichtet und lässt auf ein leidenschaftliches Liebesverhältnis schließen, das ihm die Wärme jugendlicher Liebesempfindung zurückgab.
Darauf deuten auch des Dichters Worte hin, wenn er in den Erläuterungen sagt, dies Buch möchte wohl für abgeschlossen anzusehen sein; „der Hauch und Geist einer Leidenschaft, der durch das Ganze weht, kehrt nichtelicht wieder zurück, wenigstens ist dessen Rückkehr, wie die eines guten Weinjahrs, in Hoffnung und Demut zu erwarten.“ Dass diese Lieder in keiner Beziehung stehen zu dem schon seit vier Jahren völlig abgebrochenen Briefwechsel mit einem Kind, das sich auch als Suleika hat eindrängen wollen, bedarf wohl kaum einer Bemerkung. Es war Goethes Absicht, im Jahr 1816 mit herannahender guter Witterung die schönen Tage der Rheinreise abermals zu genießen. Meyer wollte ihn begleiten. Man hoffte in den Kunstsammlungen die gemeinschaftlichen Studien zu erneuern und dann in Baden-Baden die Heilkraft der Mineralquellen und der reizenden Naturumgebung zu genießen: „Pläne waren entworfen, wie alles zu genießen und zu nutzen wäre.“ Aber kaum war am 20. Juli die Hälfte des Erfurter Weges zurückgelegt, als „der ungeschickteste aller Fuhrknechte“ auf ebener Straße den Wagen umwarf. Die Achse brach, und Meyer beschädigte sich so bedenklich an der Stirn, dass sie sogleich nach Weimar umzukehren genötigt waren, und die Reise wenigstens um 14 Tage verschoben werden musste. Goethe hatte, wie alle tiefpoetischen Gemüter, einen Glauben an Ahnungen, an geheimnisvolle Wechselbeziehungen der Ereignisse. Den Lesern von Dichtung und Wahrheit ist bekannt, wie sich dieser Hang seines Gemüts schon in seiner Jugend in mancherlei Kombinationen manifestiert. Auch glaubte er späterhin, bei mehreren Gelegenheiten diesen Glauben erprobt gefunden zu haben. „Aus Unmut und Aberglaube“, wie er selbst sich ausdrückt, ward daher die Reise an den Rhein, wo man ihn schon sehnlichst erwartet hatte, übereilt aufgegeben, und die Freunde verweilten einige Wochen in dem kleinen thüringischen Bad Tennstädt in der Nähe der Unstrut. Auch Wolf kam auf ein paar Tage dorthin und belebte die Unterhaltung, obgleich Goethe seinen Unwillen nicht zurückhalten kann, dass dessen zunehmende Widerspruchslust seinem Umgang mehr und mehr das Erfreuliche und Anregende früherer Jahre entziehe. Viele Freude machte ihm in diesen einsamen Wochen das Studium der Humboldtschen Übersetzung des Agamemnon von Äschylus, da er dies Stück „von jeher abgöttisch verehrt hatte.“ Auch verdanken wir dem Tennstädter Aufenthalt die ausführliche Darstellung des Rochusfestes, welche als ein Seitenstück zu der Karnevalsschilderung im Detail ausgemalt ward. Der rheinische Liederfrühling war mit dem Jahr 1816 verblüht. Es brachte viele trübe Ereignisse, unter diesen auch den Tod seiner Frau, der ihn mehr, als man erwarten mochte, niederbeugte. In den an ihrem Todestag (6. Juni) niedergeschriebenen Zeilen:
und in den Worten an Zelter: „Wenn ich Dir, derber, geprüfter Erdensohn, vermelde, dass meine liebe, kleine Frau uns in diesen Tagen verlassen: So weißt Du, was es heißen will“, spricht sich ein ungeheuchelter Schmerz aus. Auch der Tod der Kaiserin von Österreich, welche er innig verehrte, „versetzte ihn in einen Zustand, dessen Nachgefühl ihn nicht wieder verließ.“ Nicht minder tief schmerzte das frühe Hinscheiden der „unvergesslichen“ Prinzessin Caroline von Weimar, welche mit dem Erbprinzen von Mecklenburg-Schwerin vermählt war. Mitten unter so vielen Gräbern der Geliebten (Zelter verlor in diesem Jahr einen hoffnungsvollen Sohn und eine blühende Tochter) erklang kein Lied der Freude, sondern jener feierliche Gesang der „Trauerloge“: „Ach, von neuen frischen Hügeln Freund an Freunden überdeckt!“ Doch freudige Hoffnung erweckte wieder der Beginn des nächsten Jahres, da sein Sohn August, der bereits in weimarschen Staatsdienst getreten war, sich mit dem Fräulein Ottilie von Pogwisch verlobte. Diese eheliche Verbindung erheiterte den Lebensabend des Dichters durch die geistreiche und liebevolle Nähe einer geliebten Schwiegertochter, und in der zärtlichen Anhänglichkeit an die Enkel genoss er noch einmal das Glück des Vatergefühls. Im nächsten Jahre sang er seinem Walther ein heiteres Wiegenlied. Wenngleich in diesen Jahren die Liedersammlung des westöstlichen Divans keinen erheblichen Zuwachs erhielt, und auch der Entwurf zu einer orientalischen Oper bald wieder beiseite gelegt ward, so wurden gleichwohl die philologisch-historischen Studien orientalischer Literatur mit unausgesetztem Fleiß betrieben. Durch ältere und neuere Reisebeschreibungen suchte sich Goethe ein deutliches Bild von den Kulturzuständen und Sitten des Orients zu verschaffen. Viel Belehrung verdankte er den Werken von Jones, den „Fundgruben“ von Hammers, den Denkwürdigkeiten des Orients von dem Prälaten von Diez etc. Mit letzterem trat er in einen wissenschaftlichen Briefwechsel, der bis an dessen Tod fortgesetzt ward. Diez und der gelehrte Orientalist J. G. L. Kosegarten übersetzten für ihn manches, wodurch er glaubte er seinen Studien Aufklärung zu erlangen; auch bleib er nicht ohne Berührung mit Silvestre de Sacy, dem Meister orientalischer Gelehrsamkeit. Um aber diese Literaturkunde nicht bloß aus zweiter Hand zu empfangen, beschäftigte er sich auch, besonders in dem Winter 1817-18, mit orientalischen Sprachstudien und bemühte sich Manuskripte so zierlich wie möglich nachzuschreiben. Von diesen Übungen im Schönschreiben findet man in den Gedichten des Divans mehrere Spuren. Da die ersten Proben dieses lyrischen Zyklus im Damenkalender von 1817 mehr irre gemacht als vorbereitet hatten, so entschloss er sich, als er im März 1818 den druck des Divans beginnen ließ, das Material seiner gelehrten Studien über den Orient in einzelnen erläuternden Abhandlungen zu bearbeiten und mit diesen die vollständige Ausgabe von 1819 zu begleiten. Diese wertvolle Zugabe beweist, wie der sichere klare Blick des Naturforschers sich auch in der Darstellung der Eigentümlichkeit der Weltansicht und Sitte ferner Völker und Zeiten bewährte. Mit dem „Buch des Sängers“, dessen Lieder sich auf die persönlichen Verhältnisse des Dichters beziehen, verbindet sich, wie er selbst andeutet, dem Geist nach die Dichtung zu dem Weimarer Maskenzug, welcher bei Anwesenheit der Kaiserin-Mutter Maria Feodorowna am 18. Dezember 1818 stattfand. „Der Zug“, berichtet Goethe an Zelter, „bestand beinahe aus 150 Personen; diese charakteristisch zu kostümieren, zu gruppieren, in Reihe und Glied zu bringen, und bei ihrem Auftritt endlich exponieren zu lassen, war keine kleine Aufgabe, sie kostete mich fünf Wochen und darüber. Dafür genossen wir jedoch des allgemeinsten Beifalls… Ich habe mich persönlich am wenigsten zu beklagen; denn die Gedichte, auf die ich viel Sorgfalt verwendet, bleiben übrig, und ein kostbares Geschenk von der Kaiserin, erhöht durch freundliche, gnädige und vertrauensvolle Aufnahme, belohnte ich über alle Erwartung.“ Indem die Erbgroßherzogin ihn mit der Anordnung dieses Festzugs und der Ausführung der ihn erläuternden Dichtung beauftragt hatte, war es ihr Wunsch, dass dabei die einheimischen Geisteserzeugnisse in beziehungsreichen Bildern vorgeführt würden. Der Dichter hatte daher Gelegenheit, die glänzende Literaturperiode Weimars, als deren Repräsentant er übrig geblieben war, in erhebenden Bildern zur Anschauung zu bringen. Eine große Gesinnung hat jene Strophen eingegeben, welche die dahingeschiedenen Größen Weimars, von denen er im Leben manche unfreundliche Begegnung erfahren hatte, charakterisieren. „Eine reine, wohl gefühlte Poesie“, sagt er in den Noten zum Divan in Bezug auf diese Geschichte, augenscheinlich im Hinblick auf Herder, „vermag allenfalls die eigentlichsten Vorzüge trefflicher Männer auszusprechen, deren Vollkommenheiten man erst recht empfindet, wenn sie dahingegangen sind, wenn ihre Eigenheiten uns nicht mehr stören und das Eingreifende ihrer Wirkungen uns noch täglich und stündlich vor Augen tritt.“ Von seinen eigenen Leistungen spricht er mit der ihm eigenen wahren Bescheidenheit; von der falschen, die auf eine mit Verstellung verknüpfte Selbstverleugnung und Schmeichelei gegen die behagliche Nullität anderer hinausläuft, hat er zum „Buch des Unmuts“ ein treffendes Wort gesagt. Übrigens ward in dem Zeitabschnitt, bei welchem wir jetzt verweilen, Goethes Geschäftstätigkeit auch durch anderweitige amtliche Verpflichtungen sehr in Anspruch genommen. Nach wiedererlangtem Frieden zeigte sich in allen deutschen Staaten ein Drang nach neuen Organisationen, und auch Weimar, durch die Wiener Kongressbeschlüsse vergrößert und zum Rang eines Großherzogtums erhoben, blieb nicht zurück. 1815 ward das Staatsministerium neu organisiert, wodurch auch Goethes Ministerialgehalt auf 3000 Taler nebst einem Zuschuss zur Haltung eigener Equipage erhöht ward. Eine landständische Verfassung wurde versprochen, deren Grundgesetz am 15. Mai des nächstfolgenden Jahres vollzogen wurde. Bei der Huldigungsfeierlichkeit am 7. April 1816 stand Goethe als ältester Diener und Freund des Großherzogs rechts zunächst am Thron. Er erhielt, gleichwie sein Kollege von Voigt, das Großkreuz des am 30. Januar gestifteten weimarschen, weißen Falkenordens5). „Die Würden, Ehren und Auszeichnungen“, berichtet er an Zelter, „die uns zu Teil wurden, sagten jedem Verständigen mit vernehmlicher Stimme, dass er sich in der ersten Zeit nicht selbst angehören werde. Mir wird indessen die heiterste Aufgabe zu Teil; mir liegt nichts ob, als was ich gut verstehe, und ich fahre nur fort, dasjenige zu tun, was ich seit vierzig Jahren getan habe, mit auslangendem Mitteln, großer Freiheit und ohne Qual und Hass.“ Goethe behielt unter dem Titel eines Staatsministers (im wirklichen Staatsministerium nahm er auch jetzt seinen Sitz nicht wieder ein) die „Oberaufsicht“ (dies war der offizielle Titel der großherzoglichen Ministerialkommission) über die landesherrlichen Anstalten für Wissenschaft und Kunst6). Teilweise ward er dabei von dem Minister von Voigt unterstützt. Zwischen ihnen bestand, wie Kanzler und Müller sich ausdrückt, „eine Wechselwirkung von Vertrauen, Ideentausch, eigentümlicher Anerkennung und heiterer Zutätigkeit, die sich bis zum letzten Lebenshauch treulichst bewährt hat.“ Diese Anhänglichkeit an seinen „teuren vieljährigen Mitarbeiter und Beförderer seiner wohlgemeinten Unternehmungen“ spricht Goethe auch in poetischer Form in den Strophen aus, welche er ihm zur Feier des Dienstjubiläums, am 27. September 1816, widmete.
Diese Schlusszeilen deuten schon auf die politischen Gärungsstoffe der Restaurationszeit hin. Kaum des wieder errungenen Friedens froh, ward Goethe von den Freiheitsbestrebungen, welche der Anspannung der Gemüter während des Befreiungskrieges folgten, von neuen Besorgnissen erfüllt. Der staatsmännische Blick, welcher die Bewegungen des politischen Lebens in großen Verhältnissen richtig zu beurteilen und auch in dem Widerstreit der Parteien ein gedeihliches Ringen nach reineren Zuständen anzuerkennen vermag, war Goethe nicht eigen. Seiner innersten Natur war alles Gewaltsame, alles unklare Schwärmerwesen, das sich mit der politischen Aufregung jener Jahre verband, zuwider. Er fürchtete, dass die ruhig fortschreitende Geistesbildung, von der er, wie er auch im Gespräch mit Luden sich äußerte, alles Heil für Deutschlands Zukunft erwartete, aufs neue gestört werde. Weil er in manchen bedenklichen Erscheinungen des öffentlichen Lebens den Missbrauch der freieren Bewegung vor Augen hatte, so ward er gegen diese überhaupt prinzipiell eingenommen. Mit der Pressefreiheit, welche auch die neue weimarsche Verfassung gewährleistete, konnte er sich nicht befreunden, weil er sie alsbald zu Angriffen auf achtungswerte Persönlichkeiten und nützliche Institute missbrauchen sah, und dagegen lehnte sich sein sittliches Gefühl auf. Ihre nächste Folge, meinte er, sei „tiefe Verachtung öffentlicher Meinung.“ Seinen bürokratischen Standpunkt charakterisiert sein Gutachten7) über die Unterdrückung von Okens Isis, einem 1816 gegründeten Oppositionsblatt. Die Angriffe dieser Zeitschrift auf die eben erst verliehene weimarsche Verfassung ließen höheren Ortes die Mittel in Beratung ziehen, auf welche Weise diesem Beginn zu begegnen sei; auch Goethe erhielt (im Oktober 1816) vom Herzog den Auftrag, seine Ansichten darzulegen. Die übrigen Vorschläge widerlegend, riet er in seinem Gutachten, Okens Person aus dem Spiel zu lassen und den ferneren Druck der Zeitschrift polizeilich zu verbieten. „Man fürchte sich ja nicht“, heißt es in seinem Schreiben, „vor den Folgen eines männlichen Schrittes; denn es entstehe daraus, was da wolle, so behält man das schöne Gefühl recht gehandelt zu haben, da die Folgen des Schwankens und Zauderns auf alle Fälle peinlich sind. Mit dem Verbot der Isis wird das Blut auf einmal gestopft; es ist männlicher, sich ein Bein abnehmen zu lassen, als am kalten Brand zu sterben.“ Der Herzog folgte übrigens diesem Vorschlag nicht, sondern erwartete die Heilung von der Zeit. Ebenso wenig konnte sich Goethe von dem Wert der neueren konstitutionellen Formen überzeugen. Er hatte einen tief gewurzelten Widerwillen gegen die Herrschaft der Majorität der Kopfzahl. „Alles Große und Gescheite“, äußerte er einmal, „existiert in der Minorität … die Vernunft wird immer nur im Besitz einiger Vorzüglicher sein.“ Aus manchen treffenden Urteilen, die uns Epigramme und vertraute Gespräche aufbewahrt haben, ersehen wir, dass sein Blick, wenn er auch einseitig auf den Missbrauch konstitutioneller Formen gerichtet war, sich auch hier seine Klarheit und Schärfe bewahrte. Oder kann etwas schlagender die Abwege des Konstitutionalismus bezeichnen, als seine Äußerung: „Nichts ist widerwärtiger als die Majorität; denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkomodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will?“ Wo die Menge zu entschieden hätte, heißt es in einem seiner Epigramme, würden Wellington und Aristides bald beiseite sein. Daher erschien er selten in den Sitzungen der Stände, weil „er nicht vor Langeweile schwitzen möge; der Mehrheit sei er immer gewärtig.“ Ungeachtet dieser Abneigung gegen die Formen des modernen Liberalismus blieb er der warme Freund protestantischer Denkfreiheit und begrüßte das Reformationsjubiläum des Jahres 1817 mit lebhaftester Teilnahme. Er bearbeitete um diese Zeit eine große welthistorische Kantate auf Luther, „unsern Heros“, welche sich, wie Kanzler von Müller berichtet, nach allen Abteilungen aufs vollständigste skizziert, unter seinen Papieren vorfindet. Goethes öffentliche Wirksamkeit beschränkte sich auf die Leitung der ihm untergebenen Anstalten. Die weimarsche Bühne war nach Goethes Bemerkung um das Jahr 1815 auf den nächsten ihr erreichbaren Punkt gelangt; „natürliches zugleich und kunstreiches Darstellen“ verband sich mit „reiner Rezitation und kräftiger Deklamation.“ Goethes Bemühungen, sie auf dieser klassischen Höhe zu erhalten, ließen nicht nach. 1815 ward Calderons große Zenobia aufgeführt. Goethes Monodrama Proserpina ward, mit Eberweins Komposition und glänzend ausgestattet durch Dekoration und Schlusstableau, zu wirkungsvoller Darstellung gebracht. Am 10. Mai ward eine Leichenfeier zu gemeinschaftlichem Andenken Schillers und Ifflands veranstaltet. Die Aufführung der „Glocke“ wurde erneuert, und der Goethesche Epilog, um zwei Schlussverse vermehrt, wieder rezitiert. Man führte zugleich die letzten beiden, ein Ganzes bildenden, Akte von Ifflands Hagestolzen auf, und diesen wurde ein von Goethe in Verbindung mit Peucer bearbeitetes Nachspiel, das die Verdienste des Verstorbenen feierte, angehängt. Dass Goethe nicht aufhörte, sich zum Besten der Bühnenvorstellungen solchen untergeordneten Arbeiten zu unterziehen, bewies er noch im Beginn des Jahres 1817, wo er Kotzebues „Schutzgeist“ und dessen Lustspiel „die Bestohlenen“ sorgfältig überarbeitete. Um diese Zeit trat sein Sohn ihm in der Theaterintendanz an die Seite, und damit war er wohl schon entschlossen, das zeitraubende Geschäft, das ihm keine Freude mehr machte und ihm besonders durch die Opposition der einflussreichen Jagemann-Heigendorf erschwert ward, bei passender Gelegenheit abzuwerfen. Diese fand sich im Frühjahr 1817. Goethe hatte die Aufführung des nach dem Französischen bearbeiteten Stücks „Der Hund des Aubry“ abgeschlagen, weil er die Rolle eines Hundes für eine Entweihung der Bühne ansah. Man wusste jedoch die Erlaubnis zur Aufführung an höchster Stelle durchzusetzen. Wegen dieser Nichtachtung seiner Autorität legte Goethe die Theaterintendanz nieder und begab sich am Tag der Vorstellung nach Jena. Das innige Verhältnis zum Großherzog litt jedoch keine Unterbrechung, sondern heitere Stunden vereinigten sie bald hernach in Jena. Goethe war hoch erfreut, die Theaterangelegenheiten im Rücken zu haben. Goethe hatte nach Jena seine Arbeiten nebst Apparaten und Kollektanen mitgenommen und verweilte dort vier Monate. Da der Großherzog die dortigen akademischen Anstalten „großartig zu beleben“ wünschte, so beschäftigte er sich näher mit dem Detail derselben, richtete ein botanisches Museum ein, brachte die 1816 gegründete Tierarzneischule, der manche Vorurteile entgegenwirkten, in Gang und bearbeite zu Michaelis einen amtlichen Bericht an den Großherzog über den Zustand der einzelnen Institute. Unter Goethes amtlichen Berichten dieses Jahres findet sich auch ein Blättchen, das wegen der darin sich kundgebenden Pietät gegen Schillers Andenken charakteristisch ist. Er macht darin den Vorschlag, das kleine schon verfallende Häuschen, das Schiller in die Ecke seines Gartens gebaut hatte, als ein durch seinen Aufenthalt geweihtes Plätzchen, das von Fremden häufig aufgesucht wurde, anständig zu restaurieren, des Dichters Büste und eine kalligrafische Tafel mit dem Epilog zur Glocke darin aufzustellen und das Zimmer mit einigen Gegenständen, deren er sich im Leben bedient, auszustatten. Goethes sinniger Wunsch fand keine Genehmigung. Die schwierigste Aufgabe, der sich Goethe im Herbst des Jahres 1817 zu unterziehen hatte, war die Umgestaltung der jenaschen Bibliothekeinrichtung. Die akademische Bibliothek bestand aus mehreren Sammlungen, welche nach und nach durch Ankauf und Vermächtnis zusammengekommen waren. Diese waren getrennt nebeneinander aufgestellt, die Räume langten nicht mehr zu, und die Bücher standen und lagen so ungeordnet durch- und übereinander, dass es beinahe ein ausschließendes Geheimnis mehr des Bibliothekdieners als der höheren Angestellten war, wie und wo man ein Buch finden sollte; ein wohlgeordneter vollständiger Katalog war gar nicht vorhanden. Der Großherzog hatte über diesen Übelstand mehrmals mit Goethe vertraulich gesprochen und ihn zur Durchführung einer völlig neuen Anordnung der Bibliothek zu veranlassen gesucht; allein „unter diesen Umständen war wohl niemand zu verdenken, wenn er den Angriff des Geschäfts zu beschleunigen Anstand nahm“, zumal da bis dahin die Bibliothek unter der unmittelbaren Leitung des akademischen Senats stand und die Hindernisse ebenso sehr in den Personen, als in dem verworrenen Zustand der Bibliothek lagen. Endlich brachte im September 1817 die gothasche Regierung den Zustand der Bibliothek zur Sprache mit dem Wunsch, dass die großherzogliche Oberaufsicht diese Angelegenheit übernehmen möchte. Sehr unangenehm war Goethe überrascht, als unterm 7. Oktober an ihn ein höchstes Reskript erfolgte, das ihm die oberste Leitung des Geschäfts der neuen Anordnung übertrug. Jedoch von dem Augenblick an unterzog er sich dem lästigen „unabsehbaren“ Geschäft mit dem entschiedensten Eifer und einer Energie, die alle Hindernisse niederwarf und auch eigenmächtige Schritte nicht scheute, um das Bessere zu schaffen. Er verlangte dazu eine ausgedehnte Vollmacht und die Bewilligung der nötigen Mittel. „Dieser neuen Umschaffung“, sagte er in seiner Relation, „darf nichts im Wege stehen, was nach vermoderten Vorurteilen schmeckt, welche eigentlich die Hauptursache an der Vermoderung der Bibliothek selbst sind.“ Am 6. November begab er sich nach Jena und begann trotz vielfachen Widerstrebens einzelner dabei beteiligter Personen und Korporationen die Erweiterung und Verbesserung der bisher düsteren und feuchten Räume des Bibliotheksgebäudes. Der große untere Saal ward trocken gelegt, die beschränkende Mauer niedergerissen, unbenutzte anstoßende Lokalitäten der Universität wurden für die Bibliothek in Besitz genommen. Noch in seinen letzten Tagen blickte Goethe mit Freuden auf die entschlossene Tat zurück, wie er von dem medizinischen Auditorium trotz des Widerspruchs der Akademie und der medizinischen Fakultät, welche den Schlüssel auszuliefern sich weigerte, Besitz nahm, indem er die Wand durchbrach und die Bücherrepositorien aufstellen ließ; sein Verfahren wurde später höchsten Orts vollkommen gebilligt. Zugleich ward die Schlossbibliothek hinübergeschafft, die neue Aufstellung nach wissenschaftlichen Fächern geordnet und durch Katalogisierung ihre Benutzung erleichtert, und alles dieses, ohne dass die Benutzung der Bibliothek unterbrochen worden wäre. Inzwischen arbeitete Goethe auch selbst die neue Anordnung der Rechnungsführung aus, da dies delikate Geschäft nicht wohl einem andern überlassen werden konnte. Auf seinen Bericht vom 1. Dezember 1819, welcher die mit einem Aufwand von nicht mehr als 2700 Talern durchgeführte Vollendung des Hauptgeschäfts melden konnte, erfolgte auch die verdiente Anerkennung. „Wir mögen uns nicht versagen“, heißt es in dem höchsten Reskript vom 17. Dezember 1819, „Euch bei dieser Gelegenheit die Bezeigung unsrer Freude und unsres Beifalls über die Einsicht und Liebe zu erneuern, womit Ihr in tätigster Förderung dieses mühevollen und schwierigen Geschäfts einen von uns mit besonderer Neigung aufgefassten und gehegten Wunsch der völligen Ausführung schon jetzt nahe gebracht habt.“ Sein Kollege, Minister von Voigt, dessen Mitwirkung er sich noch bei diesem Geschäft zu erfreuen gehabt hatte, war schon im Frühling dieses Jahres, am 22. März, geschieden, in letzter Zeit sehr angegriffen von den revolutionären Bewegungen, Goethe pries ihn glücklich, „dass er die Ermordung Kotzebues nicht mehr erfuhr, noch durch die heftige Bewegung, welche Deutschland hierauf ergriff, ängstlich beunruhigt wurde.“ Im Sommer 1819 erfolgten die Karlsbader Beschlüsse. Wenige Tage nach Goethes Ankunft in Karlsbad, wo er am Abend seines Geburtstages anlangte, ging der Kongress auseinander; mit mehreren diplomatischen Notabilitäten kam er dort noch in nähere Berührung, auch mit dem Fürsten Metternich. Seinen siebzigsten Geburtstag hatte er im Reisewagen zwischen Hof und Karlsbad in stiller Sammlung, wie er pflegte, begangen. Allen lauten Festlichkeiten ging er an diesem Tag gern aus dem Weg; daher lehnte er auch die Teilnahme an einem Festmahl ab, das man ihm am 29. zu veranstalten beabsichtigte. Erfreulich waren ihm jedoch die Beweise der Liebe, die ihn aus der Ferne in Karlsbad aufsuchten, begrüßende Gedichte von freunden und Berichte von der sinnvollen Feier dieses Tages, welche seine Verehrer in seiner Vaterstadt veranstaltet hatten. Bei dem dort angeordneten Festmahl prangte ein mit Smaragden kostbar verzierter Lorbeerkranz, welcher Goethe demnächst als Geschenk zugesandt wurde. Im Theater gab man ihm zu Ehren den Torquato Tasso. Die Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde, welche 1819 durch den Freiherrn von Stein konstituiert war, ernannte ihn zu ihrem Ehrenmitglied. Die mecklenburgischen Stände verehrten ihm zu diesem Tag eine goldene Medaille zum Dank für den Anteil, den er an der Anfertigung der Blücherstatue genommen hatte. Ein sinniges Geschenk ward ihm durch den Großherzog von Mecklenburg. Dieser hatte Gelegenheit gefunden, die Uhr, welche in den Kindertagen des Dichters im elterlichen Haus gestanden hatte, anzukaufen, und ließ sie heimlich im Goetheschen Haus aufstellen. Als Goethe sie zum ersten Mal morgens fünf Uhr schlagen hörte, rief er seinem Bedienten zu: „Ich höre ein Uhr schlagen, welche alle Erinnerungen meiner Kindheit erweckt; ist es Traum oder Wirklichkeit?“ Dann stand er auf und vergoss beim Anblick Tränen der Rührung8). Der Dichter sprach seinen Freunden durch das in einzelnen Drückblättern übersandte Gedicht „die Feier des 28. Augusts dankbar zu erwidern“ seinen Dank aus; welchen er an das auf einer Münze ihm dargebotene bild von dem Ritter, der seine vierundzwanzig Söhne dem Fürsten zur Huldigung vorstellt, anknüpft:
1) S. das Leben des Freih. Von Stein, von Pertz, III. S. 374. 2) S. Rückblicke in mein Leben. Aus dem Nachlass von Heinrich Luden, 1847. S. 119 ff. – Ungeachtet Goethes kühler Beurteilung der politischen Vorgänge nach der Befreiungszeit konnten ihm doch die jungen patriotischen Schwärmer in ihrem Enthusiasmus höchst liebenswürdig erscheinen. „So erzählte er“, berichtet Frommann, „eines Abends meiner Mutter, wie ihn am Morgen ein Student besucht habe, schilderte, wie nur er und auch nur mündlich schildern konnte, wie diesem unter den schwarzen Locken die feurigen Augen hervorgeglänzt hätten, während er ihm allerlei redlich gemeintes, aber überspanntes Zeug geredet, und endigte mit den Worten: „Ich hätte ihm um den Hals fallen mögen: Lieber Junge, sei nur nicht so dumm!“ 3) Von jetzt an wird eine Hauptquelle für die Biografie Goethes: Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter in den Jahren 1796 bis 1832, hgg. von Riemer, 1833 ff. 6 Teile. Wer als Biograph Goethes in dieser Wasserflut die Taucherkünste unendliche Male hat wiederholen müssen, um das Goethesche Gold heraufzuholen, wird das Bild Rückerts sehr treffend finden, wenn er Goethe dem König von Thule vergleicht. 4) Soret erzählt in der Notice sur Goethe, dem Besten, was in französischer Sprache über den Dichter geschrieben ist (Bibliothèque universelle des sciences, belles-lettres et arts. 1832. Tom. II. Litté-rature. Pag. 113-147; 262-288), dass im Jahr 1811 ein Offizier Goethe einige Blätter eines arabischen Manuskripts des Korans, das er aus Spanien mitgebracht hatte, überließ. Die Schönheit der Handschrift und der Zeichnung zog Goethe sehr an und gab ihm schon damals die erste Anregung zu den orientalischen Studien. 5) In der zweiten Beilage sind die von Goethe bei dieser Feierlichkeit gesprochenen Worte abgedruckt, deren abschriftliche Mitteilung ich meinem Freunde, dem Herrn Hofrat Sauppe in Weimar, verdanke. 6) Hinsichtlich der amtlichen Wirksamkeit Goethes, besonders in seinen letzten Lebensjahren, findet man detaillierte Berichte nebst einer Menge von Aktenstücken und Briefen in: Goethe in amtlichen Verhältnissen etc. von seinem letzten Amtsgehilfen Dr. C. Vogel, 1834. 7) Dies Gutachten ist abgedruckt in Düntzers Studien etc. S. 375-385. 8) Ich bin in dieser Erzählung einer Aufzeichnung Sauppes gefolgt. Nach Laube (in seinen Reisenovellen) wäre dies Geschenk zum Jubiläum angelangt. |
|
© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle |
|