Johann Wolfgang von Goethe @ www.Wissen-im-Netz.info
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   Literatur
      Johann Wolfgang von Goethe
         Biografien
            Schaefer - Goethes Leben
               Inhalt
               Erster Band
                  Vorrede
                  Kindheit und Jugend
                     1749 - 1765
                     1765 - 1768
                     1768 - 1771
                     1771 - 1773
                     1744
                     1775
                  Weimarsche Lehrjahre
                     1776
                     1777, 1778
                     1779
                     1780, 1781
                     1782
                     1783 - 1786
               Zweiter Band
                  Widmung
                  Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche
                     1786 - 1788
                     1788 - 1791
                     1792, 1793
                     1794 - 1796
                     1797 - 1799
                     1799 - 1805
                  Goethe im Alter
                     1806 - 1813
                     1813 - 1819
                     1820 - 1825
                     1826 - 1832
                  Beilagen
                     I. Charlotte von Stein
                     II. Rede weißer Falkenordens
                     III. Vermächtnis j. Nachwelt
                  Schlusswort

1. Kapitel: 1806 - 1813

   Die Literaturperiode des letzten Jahrzehnts, in deren Mittelpunkt Goethe und Schiller standen, hatte reiche Früchte getragen. Eine jüngere Generation hatte sich an ihnen empor gearbeitet und den Kampf gegen die abgestandenen Literaturtendenzen, welchen die Xenien eröffneten, erfolgreich fortgekämpft. Über Schillers Grab schwieg die Stimme der Missgunst, und einzelne Anfechtungen der ästhetischen Kritik, welche namentlich von den neidischen Wortführern der romantischen Schule ausgingen, konnten der Anerkennung und Verehrung der Nation keinen Eintrag tun. Um Goethe scharten sich enger die Genossen der jüngeren Dichterschule; jedoch verschmähte er es, ein Parteihaupt zu sein, und ließ sich von ihrem anhänglichen Lob nicht bestechen, da die Absicht nicht zu verkennen war, ihre einseitige ästhetische Richtung durch berühmte Namen zu decken. Indes waren sie die Ersten, welche den dichterischen Charakter Goethes in helleres Licht setzten und die richtige Einsicht in seine Dichtungen eröffneten; kaum dass jetzt noch einer, wie zur Zeit des Xenienkampfes, seine Dichtergröße in Zweifel zu stellen wagte. Auch das hatte Goethe vor seinem früh geschiedenen Freund voraus, den Glanz des Ruhmes noch ein langes glückliches Alter hindurch genießen zu können.

   Dass für ihn mit Schillers Tod die Sonne der Poesie sich verhüllt habe, dass der produktive Trieb, den des Freundes aufmunternde und anregende Gegenwart stets lebendig erhalten hatte, ermattet sei, fühlte er selbst, und in dem schwermütigen Worte an Zelter: „Ich sollte eigentlich eine neue Lebensweise anfangen“, liegt eben das Bekenntnis, dass die Fäden, die ihn an die Poesie knüpften, fürs erste zerrissen seien. Es war ihm daher gewissermaßen der Abschluss einer Lebensepoche, dass er im Jahr 1806 zum ersten Mal eine vollständige Sammlung seiner poetischen Werke zur Herausgabe ordnete, so dass im März des nächsten Jahres die erste Lieferung erscheinen konnte. Er blieb dabei seinem Grundsatz getreu, „nichts eigentlich umzuschreiben oder auf einen hohen Grad zu verändern.“ Mit dieser Gesamtausgabe ward auch der erste Teil des Fausts (im Winter 1806 bis zum Mai 1807) in der Form zusammengestellt, wie er uns jetzt vorliegt. Es traf diese genialste der Goetheschen Dichtungen gerade den rechten Zeitmoment, um in einer von philosophischen Bestrebungen erregten Generation zu zünden. An eine Fortsetzung des fragmentarisch begonnen zweiten Teils wurde zunächst nicht gedacht; auch den wieder auftauchenden Plan, das Epos Tell wieder vorzunehmen und in Hexameterform auszuführen, drängten die Stürme der Zeit bald wieder zurück.

   Schon mit dem Beginn des Jahres 1806 zog sich über das nördliche Deutschland, das sich während eines zehnjährigen Friedens über das Ziel der Napoleonischen Politik getäuscht hatte, die drohende Kriegswolke dichter zusammen. Der Rheinbund ward geschlossen; Preußen zog die kleineren norddeutschen Staaten zu einem engeren Bund an sich. Während noch unterhandelt ward, sammelten sich die Armeen im Zentrum Deutschlands. Auch der Herzog von Weimar übernahm wieder das Kommando eines preußischen Armeekorps. Goethe verbrachte die Sommermonate in Karlsbad, dessen Heilquellen er diesmal eine besondere Stärkung seiner wankenden Gesundheit verdankte. Als er im September nach Thüringen zurückkehrte, fand er alles in kriegerischer Aufregung und die nächsten Freunde in ängstlicher Erwartung der Entwicklung der Ereignisse. Mit seinem Kollegen von Voigt hatte er „viele sorgenvolle Verhandlungen“; er war unzufrieden mit dem Gang der Dinge, und diese Ahnung einer nahe bevorstehenden, trüben Zukunft war auch unstreitig der Inhalt der letzten „höchst prägnanten“ Unterhaltung mit seinem Herzog im Hauptquartier zu Nieder-Roßla. Nach dem Treffen bei Jena war man in Weimar auf das Schlimmste gefasst, da Napoleons Zorn über die Parteinahme des Herzogs nicht unbekannt war. Die Herzogin-Mutter, der Erbprinz und die Erbprinzessin hatten die Stadt verlassen. Nur die Herzogin Luise blieb im Schloss zurück, inmitten von Plünderung und Brand, der auch das Schlossgebäude bedrohte, ein ermutigendes Vorbild für die geängstigten Bürger1). In der ersten Nacht herrschte Todesangst in der der Plünderung preisgegebenen Stadt. Goethe erhielt nicht, wie Wieland, welcher Mitglied des Nationalinstituts war, eine Schutzwache; doch war sein Haus, das zum Quartier des Marschalls Mey bestimmt war, von der Plünderung ausgenommen; der ihm die Nachricht brachte, war ein junger Husarenoffizier von Türkheim, ein Sohn Lilis. Da der Marschall die Nacht nicht anlangte, so ward in Goethes Haus mehrmals hereingestürmt. Zwei eingedrungenen Tirailleurs, die er anfangs durch seine imponierende Persönlichkeit zur Ordnung gebracht hatte, schlichen, vom Wein erhitzt, ihm auf sein Zimmer und bedrohten sein Leben. Es gelang Christiane, die sich überhaupt in diesen Stunden der Angst sehr standhaft benahm, einen anderen der ins Haus Geflüchteten zu Hilfe zu rufen, der ihn von den Wütenden befreite. Er fand am nächsten Tag in seinem Haus überall zerstreutes Pulver und gefüllte Patronen; in einem haus ihm gegenüber war förmlich Feuer angelegt, das nur durch Zufall entdeckt und gelöscht wurde. Am Morgen kam der Marschall und sogleich trat eine Schutzwache vor das Haus. Napoleon langte am nächsten Vormittag im Schloss an, wo ihn die Herzogin an der Treppe empfing. Nach einer rauen Begrüßung begab er sich sogleich in die für ihn bereit gehaltenen Gemächer. Bei der nachfolgenden Unterredung stand ihm die Herzogin mit solcher Würde und Festigkeit gegenüber, dass sie ihm Anstand und Achtung abnötigte, und er der Zügellosigkeit seiner Truppen Einhalt tat. Dem Herzog wurde Verzeihung versprochen, wenn er binnen 24 Stunden die preußische Armee verlasse; nur mit Mühe erlangte man, dass diese Frist auf drei Tage ausgedehnt wurde.

   Goethe hatte nichts verloren; am meisten hatte er den Verlust seiner Sammlungen und Papiere gefürchtet, das Unersetzlichste seiner Habe; die Manuskripte zur Farbenlehre waren das erste, was er in Sicherheit zu bringen gesucht. Sein Freund Meyer hatte alles verloren, auch seine Zeichnungen; der Herdersche handschriftliche Nachlass war vernichtet. „Da eine trübe Zeit heranrückt“, sagte Goethe zu seinen Freunden, „so müssen auch wir enger aneinander rücken.“ Dies erfüllte er auch in Bezug auf sein häusliches Verhältnis. Am ersten Sonntag nach den Schreckenstagen, den 19. Oktober, fuhr er mit Christiane, seinem Sohn und Riemer, als Zeugen, Morgens nach der Schlosskirche und ließ vom Oberkonsistorialrat Günter in der Sakristei den Akt der ehelichen Trauung vollziehen. Die vorwaltende Rücksicht war dabei ohne Zweifel, für den Fall einer unglücklichen Wendung der politischen Ereignisse die Zukunft seines Sohnes sicher zu stellen.

   Der Herzog, welcher sein Armeekorps mutig an der Elbe zurückgeführt hatte, wurde von Preußen selbst aufgefordert, sich dem Sieger zu unterwerfen. Er kehrte in seine Residenz zurück, begrüßt vom Jubel der Seinigen. Seine Staaten mussten sich jetzt dem Rheinbund anschließen; indes setzte man noch immer französischerseits großes Misstrauen in ihn; er war von Horchern umgeben, und sein künftiges Schicksal noch zweifelhaft. Von der anhänglichen und wahrhaft deutschen Gesinnung Goethes unter diesen gefahrvollen Zuständen hat uns Falk ein schönes Zeugnis aufbewahrt, wenn wir auch einiges Phrasenbeiwerk in Abzug zu bringen haben. Dieser, als Dolmetscher bei den französischen Behörden angestellt, hatte Gelegenheit gehabt, eine Reihe von Beschwerdepunkten gegen den Herzog aufzufangen und teilte eines Tages Goethe ein Verzeichnis derselben mit. In lebhafteste Aufregung versetzt, verteidigte Goethe seinen fürstlichen Freund. „Was wollen sie denn, diese Franzosen?“, sagte er unter anderem, „sind die Menschen? Warum verlangen sie gerade das Unmenschliche? Was hat der Herzog getan, was nicht lobens- und rühmenswert ist? … Ich sage euch, der Herzog soll so handeln, wie er handelt! Er muss so handeln! Er täte sehr Unrecht, wenn er je anders handelte. Ja, und müsste er darüber Land und Leute verlieren…, so soll und darf er doch um kein Haarbreit von dieser edeln Sinnesart und dem, was ihm Menschen- und Fürstenpflicht in solchen Fällen vorschreibt, abweichen. Unglück! Was ist Unglück? Das ist Unglück, wenn sich ein Fürst dergleichen von Fremden in seinem eigenen Haus muss gefallen lassen. Und wenn es auch dahin mit ihm käme…, dass beides, sein Fall und sein Unglück gewiss wäre, so soll uns auch das nicht irre machen, sondern mit einem Stecken in der Hand wollen wir unsern Herrn … ins Elend begleiten und treu an seiner Seite aushalten. Die Kinder mit Frauen, wenn sie uns in den Dörfern begegnen, werden weinend die Augen aufschlagen und zueinander sprechen: Das ist der alte Goethe und der ehemalige Herzog von Weimar, den der französische Kaiser seines Thrones entsetzt hat, weil er seinen Freunden so treu im Unglück war… Ich will in alle Dörfer und in alle Schulen ziehen, wo irgend der Name Goethe bekannt ist: Die Schande der Deutschen will ich besingen, und die Kinder sollen mein Schandlied auswendig lernen, bis sie Männer werden und damit meinen Herrn wieder auf den Thron herauf- und euch von dem euern herunter singen…“ Falk standen beim Abschied die Tränen in den Augen.

   Solche Anhänglichkeit an sein edles Fürstenhaus machte Goethe noch nicht zum „Hofmann“ und „Fürstenknecht“, wie es manchmal dem Aberwitz heuchlerischer Liberalen ihn zu benennen beliebt hat. Neben Falks Berichte möge eine andere Erzählung, die ebenfalls dem Jahr 1806 angehört, eine Stelle finden. „Einmal bei Tisch“, so berichtet Oehlenschläger, der damals in Weimar sich aufhielt, „sprach er so feurig und mit so vieler Achtung und Kraft ‚für Bürgerrechte und Bürgerehre gegen einen kalten Hofmann’, der zur Unzeit über das wackere Betragen eines Bürgers spotten wollte, dass ich nicht lassen konnte, als der Fremde weg war, ihm um den Hals zu fallen und zu küssen. „Ja, ja! Lieber Däne“, sagte Goethe, „Ihr meint’s auch treu und gut in der Welt!“

   Goethe erwartete eine Wiedergeburt Deutschlands (denn schon in jenen Tagen äußerte er, es beginne eine neue Epoche der Weltgeschichte) besonders von innen heraus, von den geistigen Bestrebungen. Gegen Fernow sprach er sich bei Gelegenheit eines Gesprächs über das deutsche Journalwesen sehr ernstlich dahin aus, dass man jetzt besonders, wo Deutschland nur eine große und heilige Sache habe, die, im Geist zusammen zu halten, um in dem allgemeinen Ruin wenigstens das bis jetzt noch unangetastete Palladium unserer Literatur auf seifersüchtigste zu bewahren, keine Frivolitäten, die nur zum Geklatsch der Müßiggänger dienen, in den Journalen hegen und pflegen dürfe; nach dem 14. Oktober dürfe kein „Freimütiger“ (das Kotzebue-Merkelsche Literaturblatt) mehr existieren. Jetzt, wo alles auf der Spitze stehe, sei es eine wahre Verräterei, mit dem alten Leichtsinn fort zu fahren; sonst würden die Franzosen die einzige Achtung, die sie noch für die Deutschen haben könnten, die Achtung für unsere Kultur und für unser geistiges Streben verlieren und uns umso weniger ehren, je weniger wir vor uns selbst Achtung bewiesen.

   Bald regelten sich wieder die Angelegenheiten in Weimar, und man kehrte zu den gewohnten Geschäften der friedlichen Zeiten zurück. Das Theater, das eine Zeitlang zum Lazarett gedient hatte, wurde gegen Ende des Jahres 1806 wieder eröffnet. Tasso ward auf lebhaftes Dringen der Schauspieler zur Aufführung gebracht, und der Dichter selbst war überrascht von dem glücklichen Gelingen. Nicht ohne Beziehung auf die Zeitereignisse ließ Goethe den „standhaften Prinzen“ von Calderon, ein Drama, das er sehr hoch schätzte, einstudieren und eröffnete damit den Zyklus spanischer Tragödien. „Das Leben ein Traum“ und zuletzt die „Zenobia“ reihten sich nach und nach an. Calderons „Andacht zum Kreuz“ liebte und bewunderte Goethe sehr und hatte die Absicht, dies Drama ebenfalls auf die Bühne zu bringen.

   Auch die geselligen Kreise belebten sich wieder. Schon im November nahmen die Abendgesellschaften der Hofrätin Schopenhauer ihren Anfang2). Der Anfangs kleine Kreis erweiterte sich mit jedem Donnerstagabend. Wir brauchen nur die Namen Goethe, Wieland, Meyer, Fernow, Falk, Einsiedel zu nennen, um ihn als die Elite des geistreichen Weimars zu bezeichnen. Fremde von Bedeutung wurden stets hier eingeführt, auch fürstliche Personen nahmen Teil. Eine ungezwungene Unterhaltung verbreitete sich über das Schönste und Tiefste in Poesie und Wissen; nur die Politik ward vermieden. Manchmal wurden auch wissenschaftliche Vorträge gehalten. Goethe war gern in diesem Kreis, den seine belebte Unterhaltung oft stundenlang an seine Lippen fesselte. Indes ward sein geselliges Talent sehr von der Stimmung beherrscht, und da man wusste, dass er manchmal nicht zum Reden aufgelegt war, so stand für ihn ein Tisch bereit, an den er sich schweigsam setzen konnte; hier brachte er manche Landschaften zustande.

   Im Frühling 1807 ward Weimar von einem tief von allen empfundenen Verlust getroffen. Die Herzogin Amalie schied nach kurzer Krankheit aus dem Kreis, den sie so viele Jahre durch Geist und Anmut belebt hatte. Ihre Kraft war unter den Erschütterungen der letzten Zeit, welche auch ihrem Bruder, dem Herzog von Braunschweig, den Tod brachte und seine Familie ins Exil trieb, zusammengebrochen. „Wir wollen uns glücklich preisen“, schrieb Fernow, der in den letzten Jahren als ihr Bibliothekar ihr nahe stand, damals an einen Freund, „dass wir in dieser Zeit gelebt und diese Fürstin gekannt haben; eine bessere sehen wir nicht wieder, auch ihresgleichen nicht. Das fühlt jeder hier, und das ist das Gefühl, mit welchem wir um sie trauern. Ja, es liegt selbst ein Trost darin, das Vortreffliche und Unersetzliche gekannt zu haben und es betrauern zu dürfen.“ Und in gleichen Gefühlen schrieb Goethe die ihrem Andenken gewidmeten Blätter, welche zunächst zu dem Zweck geschrieben waren, beim Trauergottesdienst in den Landeskirchen vorgelesen zu werden3). Das Lebensbild, das er vorführte, schloss er mit den erhebenden Worten: „Das ist der Vorzug edler Naturen, dass ihr Hinscheiden in höhere Regionen segnend wirkt, wie ihr Verweilen auf der Erde; dass sie uns von dorther gleich Sternen entgegenleuchten, als Richtpunkte, wohin wir unsern Lauf bei einer nur zu oft durch Stürme unterbrochenen Fahrt zu richten haben; dass diejenigen, zu denen wir uns als zu Wohlwollenden und Hilfreichen im Leben hinwendeten, nun die sehnsuchtsvollen Blick nach sich ziehen, als Vollendete, Selige.“

   Getreu seinem Vorsatz „von seinem geistigen Dasein zu retten, was er könne“, verfolgte Goethe eifrig die seinem Geist vorgezeichneten Bahnen, indem er sich der Sorgen um die Zeitläufe möglichst entschlug und sich von der Außenwelt so sehr abschloss, dass er zeitweise auch das Zeitungslesen von sich wies. Am meisten war daher sein Sinn zu der friedlichen Stille der Naturwissenschaft hingewandt, in deren Mittelpunkt jetzt die Bearbeitung seines größeren Werkes über die Farbenlehre stand, dessen Druck im Jahr 1806 begonnen ward. Die Tafeln dazu wurden gezeichnet und gestochen, und die Geschichte der Farbenlehre, vornehmlich durch jenasche Studien, fortgeführt. Erst im Mai 1810 ward er von dieser Arbeit befreit und sah mit Freuden „achtzehn Jahre nach dem Gewahrwerden eines alten Irrtums, infolge von unablässigen Bemühungen“ das letzte Blatt in die Druckerei wandern, fürs erste entschlossen, diesen Betrachtungen, insofern es möglich wäre, sobald nicht weiter nachzuhangen. Den gesamten Apparat zur Farbenlehre schenkte er an das physikalische Kabinett zu Jena. Auf die Polemik der Physiker von Fach neben vereinzelter freudiger Anerkennung des Geleisteten, z.B. von Seiten Hegels, können wir hier nicht weiter eingehen. Goethe ließ sich dadurch nicht irre machen. Er war sich bewusst, wie er an Frau von Stein schreibt, durch diese Arbeit zu einer Kultur gelangt zu sein, die er sich auf anderem Weg schwerlich verschafft hätte, und was er von der Zukunft hoffte, ist in seinen Worten zusammengefasst: „Mir können sie nichts zerstören, denn ich habe nicht gebaut; aber gesät habe ich, und so weit in die Welt hinaus, dass sie die Saat nicht verderben können, und wenn sie noch so viel Unkraut zwischen den Weizen säen.“ Es war sein Vorsatz, nichts zu erwidern, sondern nach gewohnter Weise „allen öffentlichen und heimlichen Angriffen auf sein Tun und Bemühen nichts entgegenzustellen, als fortwährende Tätigkeit.“

   Da sich die Karlsbader Kur während des Sommers 1806 seiner Gesundheit sehr zuträglich erwiesen hatte, so besuchte er während der nächsten Jahr bis 1813 regelmäßig die böhmischen Bäder4) mit alleiniger Ausnahme des durch den österreichischen Krieg beunruhigten Jahres 1809. Hier zog ihn der Verkehr in freier Natur vornehmlich zu mineralogisch-geognostischen Forschungen hin, und, immer von neuem angeregt, durchstreifte er, seine Sammlungen bereichernd, Tal und Höhen längs der Eger; reiche Ausbeute ward in der Sammlung der mineralogischen Gesellschaft zu Jena niedergelegt. Höchst belehrend waren für ihn auch manche schon an Ort und Stelle vorhandenen Sammlungen, namentlich die reichhaltige Joseph-Müllersche zu Karlsbad. Die er 1807 in die neue Ordnung brachte, welche sie seitdem behalten hat, so dass sie auch die Goethesche genannt zu werden pflegt. Es erwuchsen aus diesen geognostischen Forschungen mehrere Abhandlungen, „Sammlung zur Kenntnis der Gebirge von und um Karlsbad“, „Beschreibung des Kammerbergs bei Eger“ u. and.

   Von großem Einfluss auf seine geistige Tätigkeit und seine gelehrten Verbindungen ward ihm der Aufenthalt in den Bädern durch den Verkehr mit vielen bedeutenden Gelehrten und ausgezeichneten Zeitgenossen. Besonders war in dieser Hinsicht der Sommer des Jahres 1807, wo er vom Mai bis in den September in Karlsbad verweilte, von vielseitiger Anregung und dauerndem Gewinn. Durch die Anwesenheit des Herzogs von Weimar ward er in die höchsten Kreise der Gesellschaft eingeführt, welche der geistvolle Fürst vornehmlich belebte. Die Fürstin Soms, nachmalige Königin von Hannover, mit der Goethe damals bekannt wurde, gab bei späteren Gelegenheiten wiederholte Beweise, wie sehr sie den Dichter verehre. In der Gesellschaft der reizenden Fürstin Bagration lernte er den Fürsten von Ligne kennen, dessen heitere, geistreiche Persönlichkeit ihn sehr anzog. Eine engere freundschaftliche Verbindung schloss er mit dem französischen Gesandten Grafen Reinhard, der auch im französischen Staatsdienst den Sinn für deutsch Bildung sich erhalten hatte. Von Goethes Seite hatte eine Auseinandersetzung seiner Farbentheorie, von Reinhards Seite die Erzählung der Geschichte seines viel bewegten Lebens5) ein engeres Anschließen vermittelt. Mit Wärme erfasste Reinhard, wie seien eigenen Worte aussprechen, in Goethe „diese mit allem Menschlichen und Göttlichen sich befreundende Aneignungsfähigkeit, dieses allseitige Eindringen in Wissenschaft und Kunst, diese Gelehrsamkeit mit diesem Schöpferblick, diese Toleranz bei dieser Entschiedenheit, diesen Mutwillen bei diesem hohen Gefühl fürs Würdige und Edle, diese Jugendlichkeit bei dieser Reife“, und nennt e seinen unschätzbaren Gewinn, „in ihm nicht nur den Dichter und Schriftsteller, sondern den Menschen gekannt zu haben, indem er erst dadurch jenen völlig begreifen gelernt habe.“ Er unterhielt seitdem mit Goethe einen Briefwechsel, welcher, wenngleich verstümmelt herausgegeben6), doch ein schätzbares Dokument dieser auf gegenseitige Hochschätzung gegründeten Freundschaft bleibt. Er zeigt uns, wie Goethes sittliche Natur die an ihn fesselte, denen er sein Innerstes aufschloss. Der sächsische Oberhofprediger Reinhard, zu dessen Unterhaltung er durch das Bedürfnis der ernsten Seite seines Wesens sich hingezogen fühlte, war überrascht, mit dem Dichter in den Hauptpunkten einer sittlich-ernsten Lebensansicht zusammenzutreffen. Goethe spricht bei Erwähnung dieser Bekanntschaft, ein bedeutsames Wort aus, das bei Beurteilung von einzelnen seiner Äußerungen nicht zu übersehen ist: „Er mochte einsehen, dass mein scheinbarer liberalistischer Indifferentismus doch nur eine Maske sein dürfte, hinter der ich mich sonst gegen Pedanterie und Dünkel zu schützen suchte.“

   Zwischen Goethe und Alexander von Humboldt, der 1804 von seiner großen amerikanischen Reise zurückkehrte und die reichste Ausbeute für Naturkunde heimbrachte, ward das alte Verhältnis erneuert und die geistige Wahlverwandtschaft unterhielt ein enges Freundschaftsband, das erst der Tod löste. Jene höhere Einsicht in die organische Bildung der Natur, wohin Goethes Forschung gerichtet war, erschloss sich in schönster Fülle in Humboldts Ideen zur Physiognomik der Gewächse und verwandten Schriften. Goethe verglich ihn „einem Brunnen mit vielen Röhren, wo man nur Gefäße unterzuhalten braucht, und wo es uns immer erquicklich und unerschöpflich entgegenströmt“; einige Tage in seiner Gemeinschaft waren ihm, als hätte er Jahre verlebt.

   Auch die osteologischen Forschungen wurden nicht außer Acht gelassen. Im Jahr 1808 gründete Goethe das osteologisch-zoologische Kabinett in Jena, zu welchem in vieles aus seinem Eigentum schenkt. 1812 ward zu Jena die Sternwarte in dem ehemaligen Schillerschen Garten errichtet. Die Oberaufsicht zu übernehmen lehnte Goethe anfangs ab, weil er sich die dazu erforderlichen mathematischen Kenntnisse nicht zutraute, gab jedoch nachher seine Bedenken auf.

   Überhaupt wenn sich auch Goethe in sicher umschriebenen Kreisen geistiger Bestrebungen bewegt und manches, was seiner Natur nicht gemäß ist, ablehnt, so bewahrt er sich doch, auch im höchsten Alter, die Elastizität des Geistes dadurch, dass er überall mit warmer Teilnahme sich dahin wendet, wo geistiges Leben sich regt, immer zu fördern und selbst zu lernen sucht, und nicht, wie es auch ausgezeichneten Geistern so oft begegnet ist, von den neuern Bestrebungen weg gewendet, mit seiner Bildung abschließt. „Von dem Standpunkt aus“, so lautet ein schönes Bekenntnis seiner letzten Jahre, „worauf es Gott und der Natur mich zu setzen beliebt und wo ich zunächst den Umständen gemäß zu wirken nicht unterließ, sah ich mich überall um, wo große Bestrebungen sich hervortaten und andauernd wirkten. Ich meines Teils war bemüht, durch Studien, eigene Leistungen, Sammlungen und Versuche ihnen entgegenzukommen und so, auf den Gewinn dessen, was ich nie selbst erreicht hätte, treulich vorbereitet, es zu verdienen, dass ich unbefangen ohne Rivalität oder Neid ganz frisch und lebendig dasjenige mir zueignen durfte, was von den besten Geistern dem Jahrhunderte geboten ward. Und so zog sich mein Weg gar manchen schönen Unternehmungen parallel, nahm seine Richtung grad’ auf andere zu; das Neue war mir deshalb niemals fremd, und ich kam nicht in Gefahr, es mit Überraschung aufzunehmen oder wegen veralteten Vorurteils zu verwerfen.“

   Mitten unter der Anspannung seiner Kräfte für die Naturforschung begegnen wir den vielseitigsten Interessen für Kunst und Literatur. Mit großer Freude spricht er von den jährlichen Akquisitionen wertvoller Zeichnungen, Kupferstiche und Bildwerke älterer und neuerer Zeit, an denen sich sein Kunstsinn in wiederholtem Studium erbaute. Meyers Bearbeitung der Geschichte der bildenden Kunst heilt Betrachtung und Unterhaltung über diese Gegenstände stets rege. Das Interesse für Musik steigerte sich durch den Verkehr mit Zelter, Goethe brachte 1808 in Weimar nach dem Muster seiner Theaterschule einen kleinen Gesangsverein, eine „Hauskapelle“, unter Eberweins Leitung zustande. Donnerstags Abends war Probe, nach der man meistens zu einem fröhlichen Mahl zusammenblieb, Sonntags Aufführung vor großer Gesellschaft, wobei ein Frühstück gereicht ward. Ältere und jüngere Theatersänger, Choristen und Liebhaber nahmen Teil. Seit 1810 konnten von dieser Gesellschaft öffentliche Musikvorträge im Theater gehalten werden, wobei solche Musikstücke gewählt wurden, welche zu hören das Publikum sonst nicht leicht Gelegenheit fand. Doch löste sich im folgenden Jahr dieser Verein wieder auf. Wie innig bei Goethe die ästhetischen Genüsse mit der Erforschung der Naturgesetze verbunden sind, sieht man aus den Tabellen der Tonlehre, welche „nach vieljährigen Studien“, besonders nach den Unterhaltungen mit Zelter, 1810 abgefasst wurden; auch über dies Kapitel der Physik wollte er dadurch zu klarer Einsichtig gelangen.

   Auch mit den rezitierenden Schauspielern wurden die Didaskalien fortgesetzt, mit den geübtesten nur bei neuen Stücken, mit den jüngeren bei frischer Besetzung älterer Rollen. „Ganz allein durch solches Nachholen und Nacharbeiten“, äußert Goethe, „wird ein ungestörtes Ensemble erhalten.“ Die Höhe der Leistungen der weimarschen Bühne fand eine glänzende Anerkennung bei den Darstellungen in Leipzig im Sommer des Jahres 1807, welche am 24. Mai mit einem Prolog Goethes eröffnet wurden; schöner hat er nicht die Anhänglichkeit an Leipzig, die er stets bewahrte, ausgesprochen. „Im Ensemble, wie im Einzelnen ist Kunst, deutsche Kunst“, schrieb Graf Reinhard, nachdem er der meisterhaften Aufführung des Torquato Tasso beigewohnt hatte; „Sie sind“, fügte er hinzu, „der Einzige, der in dieser Art etwas geschaffen hat, das sich den Franzosen gegenüberstellen lässt.“ Von dramaturgischen Redaktionen, welche er in dieser Epoche zum Behelf der theatralischen Darstellung unternahm, ist die bedeutendste die Bearbeitung von Shakespeares ‚Romeo und Julie’, wobei er nach ähnlichen Grundsätzen die Szenen um die Haupthandlung zusammenzudrängen suchte, wie in seinem Götz, und sich daher von den Verehrern Shakespeares keinen Dank erwarb, da nicht zu verkennen war, dass er in diesem „konzentrierten Romeo“ viel der wesentlichen Schönheiten der Shakespearischen Dichtung geopfert hatte. Den Versuch, seinen Faust für die Bühne zu bearbeiten, gab er bald wieder auf. Die französische Spionerie ward 1811 auch in Betreff der Bühnenvorstellungen so lästig, dass Goethe nicht länger die Verantwortlichkeit allein haben wollte. Daher stand ihm sein Freund, Kanzler von Müller, in der Prüfung der Stücke bei, und es gelang jeden Anstoß zu vermeiden.

   In Bezug auf Goethes Verhältnis zu der Literaturbewegung der romantischen Schule ist vornehmlich bemerkenswert, dass er von dem strengen Festhalten an den antiken Formen nachließ und bis zu einem gewissen Grad die Berechtigung der modern-romantischen Wendung der poetischen Literatur anerkannte, so dass er sich zum großen Verdruss des alten Voß sogar der früher abgelehnten Sonettenkünstlerlei annahm. Er war umsichtig genug, die Tendenzen zum Mittelalter „als einen Übergang zu höheren Kunstregionen“ zu betrachten; nur konnte er sich weder mit Werners mystischen Tragödien noch mit Arnims romantischen Extravaganzen befreunden. Was seinem klaren Geist behagen sollte, musste sich durch Gesundheit und Naturwahrheit empfehlen. Dem regenerierten Minnegesang konnte er keinen Geschmack abgewinnen, aber er entzückte sich an den altdeutschen Volksliedern, die in „des Knaben Wunderhorn“ (1806) zusammengestellt waren. Unter den wiedererweckten epischen Dichtungen der Vorzeit würdigte er das Lied von den Nibelungen nach Verdienst. Wie er früher dem Vossischen Homer durch seine Vorträge mehr Eingang und tieferes Verständnis verschaffte, so machte es ihm auch jetzt Freude, das deutsche Nationalepos durch neudeutsche Versionen zugänglich zu machen, und lebhaft leuchteten die Strahlen seines Auges, wenn er die herrliche Dichtung in befreundeten Kreisen vorlas. Es erwuchs daraus weiter keine poetische Produktion, als die dem 30. Januar 1810 gewidmeten Stanzen zur Erklärung eines Maskenzuges, die romantische Poesie, in denen wir den Namen Siegfried, Brunhild, König Rother etc. begegnen.

   Obwohl Goethe sich in dieser Epoche von den höheren Kunstformen der Poesie mehr weg gewendet hatte, so zeiht sich doch auch durch diese Jahre ein poetischer Faden hindurch. Die Balladen- und Liederdichtung trieb auch jetzt noch manche Blüte hervor, wenn auch nicht mehr ganz so frühlingsfrisch, wie in verschwundenen Tagen. In der Muße des Badelebens richtete sich sein Blick hauptsächlich auf leidenschaftliche Verwicklungen des gesellschaftlichen Lebens, welche er in Novellenform zur Darstellung brachte. Es war dabei Plan, diese einzelnen Bilder sozialer Verhältnisse unter dem Titel Wilhelm Meisters Wanderjahre zu einem Ganzen aneinander zu reihen. Während des Karlsbader Aufenthalts von 1807 entstanden die Erzählungen St. Joseph der zweite, die neue Melusine, die pilgernde Törin, die gefährliche Wette und der schon früher begonnene Mann von fünfzig Jahren. Die Wahlverwandtschaften dehnten sich zu einem größeren Roman aus, dem die wunderlichen Nachbarskinder eingefügt wurden. 1810 wurde in Karlsbad das nussbraune Mädchen geschrieben. Das erste Buch der Wanderjahre erschien 1810 im Taschenbuch für Damen; in den nächsten zehn Jahren unterblieb die Fortsetzung.

   Wie aber stets die Goethesche Poesie in des Dichters eignen Busen griff, so hatten auch an diesen anscheinend rein objektiven Darstellungen einzelne leidenschaftliche Beziehungen Anteil. Während des gesellschaftlichen Verkehrs in den Badeorten hatten er nicht nur Gelegenheit, manche wahlverwandtschaftliche Verwicklung zu beobachten, sondern auch des Dichters Gemüt bewahrte sich noch bis ins höchste Alter die jugendliche Empfänglichkeit für weibliche Reize, und es entzückte ihn, von Geist und Anmut der Frauen, welche er durch die Anziehungskraft seiner liebenswürdigen Persönlichkeit an sich fesselte, in einem kleinen Roman, der über die Alltäglichkeit den Schimmer der Poesie breitete, verstrickt zu werden. Aus solchen Verhältnissen erwuchs der Plan zu einer Erzählung „der Sultan wider Willen“, der ihn besonders 1806 beschäftigte. Der Grundzug war darin das Interesse, womit vier Damen von ganz verschiedenen Charakteren sich einem Mann zuwenden, jede in ihrer Art liebenswürdig.

   Das seltsamste Dokument eines romantischen Liebesverhältnisses zwischen dem bejahrten Dichter und einem jugendfrischen Mädchen würde „Goethes Briefwechsel mit einem Kind“ sein, wenn nicht diese durch ihr lebhaftes Kolorit geistreich täuschende Komposition den faktischen Vorfällen und Beziehungen jener Momente ein späteres Phantasiebild unterschöbe. Wer sie vorurteilsfrei prüft und das Detail dieser Berichte mit dem, was wir über Goethes dermalige innere und äußere Zustände wissen, zusammenhält, muss sich zu dem Resultat der Kritik Riemers bekennen, der in seiner nahen Stellung zu ihm am meisten zu einem Urteil befähigt war, „dass das Ganze ein Roman sei, der von der Wirklichkeit Zeit, Ort und Umstände entlehne.“ Für den wahrheitsliebenden Biographen ist er ganz wertlos; selbst die eingeflochtenen Geschichten aus Goethes Kindheit sind durch phantastisches Ausmalen entstellt, und noch weniger wird man wagen dürfen, die sinnlich-übersinnlichen nächtlichen Besuche, wobei der Geheimrat keinen Anstand nimmt, den Gastwirt zum Elefanten um 3 Uhr nachts aus dem Bett zu treiben, Promenaden und Mantelszene zur Charakteristik des fast sechzigjährigen Dichtes heranzuziehen. Auch das ist schon aus dem Stil der Briefe, der doch auch für die Kritik ein Hauptmoment ist, unzweifelhaft zu beweisen, dass die Goethes Namen untergelegten Briefe stellenweise interpoliert und überarbeitet sind, und dass ebenfalls die Partien in den Briefen der Bettina Brentano, welche sich für Präludien Goethescher Gedichte ausgeben, nichts als spätere Prosaauflösungen sind, welche noch einen Teil der Reime mit sich schleppen. Aus dem, was uns für authentische Nachricht gelten muss, geht hervor, dass Goethe Bettinas phantastischer Leibe gegenüber eine ablehnende Haltung beobachtete.

   Bettina Brentano war die Tochter der in die Wertherdichtung verflochtenen Maximiliane. Sie war viel um die Frau Rat Goethe, der sie durch ihr munteres Wesen manche Stunde des Alters erheiterte. Im Jahr 1807 kam sie, damals fast zwanzig Jahr alt, zum ersten Mal nach Weimar und brachte dem Dichter, der sie freundlich empfing, die schwärmerischen Huldigungen ihrer Liebe dar. Goethe äußerte sich damals gegen Riemer als Bewunderer „ihres geistreichen, wenn auch barocken Wesens“; nichts deutete indes auf eine leidenschaftliche Neigung, und Bettina beklagte sich eines Tages gegen Riemer, dass Goethe sich gegen sie so wunderlich und sonderbar zeige. Diesem abwehrenden Verhalten entspricht auch Goethes Gemessenheit, als Bettina als von Arnims Gattin 1811 in Weimar sich aufhielt. Als sie ihm bei ihren abendlichen Besuchen (so berichtet Riemer) von ihren Herzensangelegenheiten vorerzählen wollte, kam er ihr beständig dadurch in die Quere, dass er sie auf den Kometen, der gerade in seiner völligen Pracht und Größe am Abendhimmel stand, aufmerksam machte, ein Fernrohr nach dem andern herbeiholte und sich weitläufig über dies Meteor erging. Endlich kam es aber in diesen Herbsttagen zu einem völligen Bruch, dessen nähere Ursachen unbekannt sind; Goethes Zorn traf sie (nach der Bezeichnung von Stephan Schütze) wie ein Donner vom Sinai. Goethe ließ ihre späteren Briefe, wenn wir diesem Teil des Romans einige faktische Wahrheit zugestehen dürfen, unbeantwortet; „ich mag sie mir gern vom Leib halten“, äußerte er gegen einen Freund, als sie ihn später in Weimar wieder aufsuchte. Bei ihrem letzten Besuch weigerte er sich, sie zu sehen, trotz inständiger Bitte.

   Durch jene Jahre jedoch, in welchen Bettinas Roman spielt, zieht sich ein anderes leidenschaftliches Verhältnis zu einem jungen Mädchen. Dass wir darüber nichts als einige wenige Andeutungen haben, und selbst Riemer, was er sagen konnte, verschweigen zu müssen glaubte, ist umso mehr zu bedauern, als dieser Kampf des Herzens gegen die Glut der Neigungen mit mehreren Dichtungen Goethes in unmittelbarer Verbindung steht. Wenig enthüllen uns nur die Sonette, welche 1807 während eines Jenaer Aufenthalts, wo die Sonettisten A. W. Schlegel, Gries und Werner ihn mit einer „Sonettewut“ entzündet hatten, entstanden; ein Dutzend derselben wurde vom Adventstag (29. November) bis zum 16. Dezember gedichtet. Wer die Muse dieser Liebessonette gewesen sei, hat der Dichter in das Geheimnis einer Charade gehüllt7); dass sie außer Beziehung zu Bettina stehen, ist erwiesen, obwohl sie sich einige derselben zuzueignen gesucht hat.

   „Wie Petrarkas Brust der Karfreitag“, so ist dem Herzen unseres Dichters der Advent von 1807 als ein ewiger Maitag eingegraben, wo ihm die schon als Kind Geliebte nun als blühende Jungfrau wieder erschien und mit allen Banden zärtlicher Liebe ans ich fesselte. Die meisten der Sonette sind Elegien der schmerzlichen Scheidestunde und der Trennung der Liebenden; einige herzliche Zeilen, vom 24. Dezember 1807, begleiten ein kleines Christgeschenk. Bringen wir damit in Verbindung, was Goethe über seine nächstfolgenden größeren Dichtungen äußert, dass Pandora sowohl als die Wahlverwandtschaften das schmerzliche Gefühl der Entbehrung ausdrücken, dass niemand an diesem letzteren Roman eine tief leidenschaftliche Wunde verkenne, die im Heilen sich zu schießen scheue, ein Herz, das zu genesen fürchtete, dass er darin wie in einer Grabesurne so manche herbe Geschicke tief bewegt niedergelegt habe, so deutet dies wohl hinreichend den Kampf der Resignation an, durch den er sich nochmals, und noch nicht zum letzten Mal, aus den Wellend er Leidenschaft rettete, und lässt uns auch diese späteren Dichtungen als den poetischen Ausfluss derselben erscheinen.

   Zu der dramatischen Dichtung Pandora erhielt Goethe eine äußere Veranlassung durch einen Besuch der Herausgeber der Wiener Zeitschrift Prometheus, Leo von Seckendorf und Stoll, welche sich von ihm einen poetischen Beitrag erbaten. Es wurde dadurch die ihm so geläufige Prometheusmythe wieder in seiner Phantasie lebendig und bildete sich zu einer symbolischen Dichtung, welche er streng im Charakter der antiken Tragödie zu halten gedachte. In „Pandoras Wiederkehr“ sollte die aus lebendigster Erinnerung des genossenen Glückes quellende Sehnsucht nach dem Schönen, und die allen Widerstreit der Leidenschaft verklärende Hoffnung der Wiederkunft des Glückes symbolisch dargestellt werden. Nicht die frühere Titanenidee des Prometheus kehrt wieder, sondern es läutert und versöhnt das besonnene Streben und die gottergebene Resignation, welche zuletzt zum Besitz der idealen Schönheit führen.

„Was zu wünschen ist, ihr unten fühlt es;
Was zu geben sei, die wissen’s droben.
Groß beginnt ihr Titanen; aber leiten
Zu dem ewig Guten, ewig Schönen
Ist der Götter Werk; die lasst gewähren.“

   Der größere Teil dieser Dichtung, voll tiefen Sinnes, obwohl in etwas schwerfälliger Form („ein abstruses Werkchen“ nennt es Goethe in einem Brief an Frau von Grotthuß), wurde in Jena gleichzeitig mit jenen Sonetten fertig, deren elegischer Ton sich in den Klageliedern des Epimetheus wiederholt und ward 1808 in den ersten Heften des Prometheus veröffentlicht. Goethe hatte damals große Liebe zu dieser poetischen Arbeit; „Pandora“, schrieb er um jene Zeit an Reinhard, „ist mir eine liebe Tochter, die ich wunderlich auszustatten gedrungen bin.“ Aber sei es, dass die voreilige Herausgabe eines Bruchstücks und die geringe Teilnahme des Publikums sie ihm verleidete, oder dass die Idee der Wahlverwandtschaften ihn davon abzog: Sie gedieh nicht über den ersten Akt, welcher 1810 herausgegeben wurde. Später ward sie nicht wieder aufgenommen. Die Wiederkehr der Pandora, in der die Fülle der Gaben des Schönen sich verkörpert, und ihr Emporschweben mit dem verjüngten Epimetheus sollten den Inhalt der nicht ausgeführten Teile bilden8).

   Der Roman die ‚Wahlverwandtschaften’ wurde 1808 entworfen und während der Sommermonate des Jahres 1809 ausgearbeitet. Wie Goethe es seit den Zeiten seiner ersten Jugenddichtungen als die Hauptaufgabe seiner poetischen Darstellung angesehen hatte, „Herzensirrung und Weltverwirrung zu betrachten“, so führte er in diesem epischen Gemälde den Konflikt der Naturgewalt der Leidenschaft mit den Gesetzen sittlicher Verhältnisse in seiner tragischen Entwicklung vor. Da es durch die Natur des Stoffes etwas Düsteres hat, und die im Sinn der antiken Tragödie behandelte erschütternde Katastrophe mit der epischen Ruhe des modernen Romans kontrastiert, so war diese Dichtung, obwohl sie ihrer Tendenz nach gerade die sittliche Macht der wahren Ehe zur Anschauung bringt, vielen Missdeutungen ausgesetzt, weil die beschränkte Auffassung die objektive Schilderung der Krankheit als einen Rechtfertigungsversuch ansah, gleichwie man einst dem Werther die Absicht der Verteidigung des Selbstmords unterlegte.

   Es lag in dem Wesen dieser letzten Dichtungen und der sie begleitenden Herzenserfahrungen, dass sich vielfach die Jugenderinnerungen des Dichters darin verschlagen. Daher kam ihm mit den Wahlverwandtschaften zugleich der Gedanke, die Geschichte seiner Jugend zu schreiben. Im August 1808 sprach er zuerst seine Absicht gegen Riemer aus und setzte die Ausführung auf das nächste Jahr fest. Wenige Wochen nach diesem Entschluss versiegte die Quelle, aus der ihm für die Schilderung der Ereignisse seiner Kindheit die reichste Mitteilung hätte zufließen können. Seine Mutter starb in ihrem achtundsiebzigsten Jahr, in der Nacht des 13. Septembers sanft entschlummernd. Ihr munterer Sinn war ihr bis ans Ende auch unter den Beschwerden und Leiden des Alters geblieben9). Kurz vor ihrem Ende hatte sie noch die Freude gehabt, ihren Enkel August auf seiner Durchreise nach Heidelberg, wo er seine Studien begann, bei sich zu sehen. Frau von Goethe reiste auf einige Wochen nach Frankfurt hinüber, um dort die Familienangelegenheiten zu ordnen.

   Übrigens wurde die biographische Arbeit noch durch manche andere Umstände hinausgeschoben. Außer der Ausarbeitung des Romans und dem Abschluss der Farbenlehre drängte sich noch ein Geschäft dazwischen, das nicht aufzuschieben war. Der Maler Philipp Hackert, uns von der italienischen Reise her als Freund Goethes bekannt, war 1807 gestorben, und Goethe erhielt mit der Nachricht von seinem Tod ein Packet biographischer Aufsätze, deren Redaktion und Herausgabe er ihm bei seinen Lebzeiten zugesagt hatte. Nach der Befriedigung der Farbenlehre nahm Goethe diese biografische Arbeit vor, welche 1811 herausgegeben und der Erbprinzessin Maria Paulowna zugeeignet ward. Da Goethes Absicht hauptsächlich dahin ging, die Hackertschen Papiere zu ordnen und in eine gefällige, lesbare Form zu bringen, so hatte er in diesem Buch nur stellenweise Gelegenheit, die Kunst der biografischen Schilderung geltend zu machen. Während dieser literarischen Beschäftigung, die ihn vielfach an den eigenen Lebensgang erinnerte, entwarf er zuerst das Schema seines autobiografischen Werks.

   Man hat es Goethe in neuester Zeit (der patriotische Jahn nahm 1810 keinen Anstand, ihn den deutschesten Dichter zu nennen) oft zum Vorwurf gemacht, dass er, statt an den Bestrebungen patriotisch tätiger Männer teilzunehmen, das Nationalgefühl gegen die Unterdrückung aufzurufen und eine Volkserhebung gegen die Fremdherrschaft vorbereiten zu helfen, sich während der Zeit der Erniedrigung Deutschlands in Naturstudien, Novellistik und biografische Schilderungen der Vergangenheit zurückzog. Ein solches politisches Wirken lag nun einmal Goethes kontemplativer Natur fern, und niemals griff er da ein, wo er nicht ein seinen Anlagen gemäßes Gebiet der Tätigkeit fand. Er sah ein, dass er, der sich durchaus zu einem literarischen Charakter ausgebildet hatte, auf ruhiges Forschen und Bilden hingewiesen sei; was ihn in diesem folgerechten Schaffen stören konnte, lehnte er von sich ab. Was hätte er überhaupt als Minister in einem kleinen, von dem mächtigen Gewalthaber nur tolerierten Staat für Deutschlands Rettung tun können? In Weimar ließen sich weder Fichtesche Reden an die deutsche Nation halten, noch ein Tugendbund stiften. Die Schmach des Vaterlands hat auch er tief empfunden – „unsrer Herrlichkeit Verhöhnen, der Erniedrigung Gewöhnen“, wie er im Epimenides sich ausdrückt; aber zu dem Erfolg vereinzelter patriotischer Bestrebungen hatte er zu wenig Vertrauen, als dass er sich ihnen hätte anschließen mögen, und überdies nicht jenes spezifische Nationalgefühl, das manches Herz mit glühendem Hass gegen die Franzosen und ihren Herrscher wegen der den Deutschen zugefügten Unbilden erfüllte. Auf seinem kosmopolitischen Standpunkte konnte er der Heldengröße, der Energie und dem Herrschertalente Napoleons seine Achtung nicht versagen, und mag man es immerhin unpatriotisch nennen wollen: Er war Napoleonisch gesinnt.

   Viel trug dazu auch die Macht des persönlichen Eindrucks bei. Während des Kongresses zu Erfurt im Herbst 1808, wo die Kaiser Napoleon und Alexander über Europas Geschicke Rat hielten, wurde auch Goethe, der sich anfangs fern gehalten hatte, von seinem Herzog dahin beschieden und blieb mehrere Tage dort. Die ausgezeichneten Darstellungen der französischen Schauspieler, die den Kaiser der Franzosen begleiteten, um vor einem „Parterre von Königen“ zu spielen, vor allem die Kunstleistungen Talmas, bereiteten ihm großen Genuss. Nach jeder Vorstellung unterhielt er sich mit dem Herzog voll Feuer stundenlang über die Stücke und die Leistungen der Darstellenden. Am 2. Oktober wurde er zu dem französischen Kaiser gerufen10). Die Audienz dauerte fast eine ganze Stunde. Talleyrand, Berthier und Savary waren gegenwärtig, nachher trat auch Daru hinzu. Der Kaiser saß an einem großen runden Tisch frühstückend, und indem er ihm winkte, näher zu kommen, fragte er nach seinem Alter und sprach seine Verwunderung aus, ihn so frischen Aussehens zu finden. Als das Gespräch sich auf Goethes poetische Werke lenkte, nahm Daru Gelegenheit, von der Übersetzung des Mahomet zu sprechen, worauf Napoleon auseinandersetzte, weshalb es ein schlechtes Stück sei. Den Werther versicherte er sieben Mal gelesen zu haben, und bewies seine genaue Kenntnis desselben durch eine ausführliche Analyse, wobei er bemerkte, dass an einigen Stellen die Motive des gekränkten Ehrgeizes mit denen der leidenschaftlichen Leibe vermischt seien; „das“, sagte er, „ist nicht naturgemäß und schwächt bei dem Leser die Vorstellung von dem übermächtigen Einfluss, den die Liebe auf Werther gehabt hat. Warum haben Sie das getan?“ Goethe hörte ihm mit heiterem Gesicht zu und erwiderte: Er wisse zwar nicht, ob ihm jemand denselben Vorwurf gemacht habe; aber er finde ihn ganz richtig und gestehe, dass hier etwas Unwahres nachzuweisen sei; allein es sei dem Dichter vielleicht zu verzeihen, wenn er sich eines Kunstgriffes bediene, um gewisse Wirkungen hervorzubringen, die er auf einem einfachen natürlichen Weg nicht hätte erreichen können. Der Kaiser schien mit dieser Antwort zufrieden und ging wieder zum Drama über, wobei er sich über die Schicksalsstücke missbilligend aussprach, die einer dunkleren Zeit angehört hätten. „Was will man“, sagte er, „jetzt mit dem Schicksal? Die Politik ist das Schicksal.“ Jedes Mal, wenn er etwas zu Ende gesprochen, setzte er hinzu: „Qu’en dit Mr. Goet?“

   Die Unterhaltung ward unterbrochen, indem Napoleon mit Daru über die großen Kontributionsangelegenheiten sprach. Dann trat Soukt ein, mit dem über polnische Angelegenheiten verhandelt ward. Der Kaiser stand auf, ging auf Goethe zu und fragte nach seiner Familie und dem herzoglichen Hause. Noch einmal zum Drama überspringend, äußerte er: „Das Trauerspiel sollte die Schule der Könige und der Völker sein; das ist das Höchste, was der Dichter erreichen kann. Sie sollten z.B. den Tod Cäsars auf eine würdige Weise, besser als Voltaire, schreiben; das könnte eine würdige Weise, besser als Voltaire, schreiben; das könnte eine würdige Aufgabe ihres Lebens werden. Man müsste der Welt zeigen, wie Cäsar sie beglückt haben würde, wie alles ganz anders geworden wäre, wenn man ihm Zeit gelassen hätte, seine hochsinnigen Pläne auszuführen. Kommen Sie nach Paris; ich fordere es durchaus von Ihnen. Dort gibt es größere Weltanschauung; dort werden Sie überreichen Stoff für Ihre Darstellungen finden.“ Als Goethe endlich Abschied nahm, hörte man den Kaiser zu Berthier und Daru sagen: Voilà un homme!

   Man konnte es Goethe anmerken, dass diese Audienz einen mächtigen Eindruck hinterlassen hatte, obgleich er vermied, von ihren Einzelheiten zu reden und selbst den Anfragen des Herzogs möglichst auszuweichen suchte. Mit dem Gedanken an eine Reise nach Paris beschäftigte er sich lange Zeit.

   In den nächsten Tagen beabsichtigte Napoleon zu einem Besuch nach Weimar zu kommen. Der Herzog forderte Goethe auf, etwas zur Verherrlichung dieser Tage auszusinnen. Mehrere großartige Pläne wurden in Vorschlag gebracht, aber die Zeit zur Vorbereitung erschien zu kurz. Eine große Jagd auf dem Schlachtfeld von Jena und ein glänzender Hofball ward zur Unterhaltung der hohen Gäste veranstaltet. Da Napoleon „zu Ehren der Herogin“ seine Schauspielertruppe in Weimar spielen lassen wollte, so begab sich Goethe am 4. Oktober zurück, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Am 6. ward „der Tod Cäsars“ aufgeführt, worin Talma als Brutus glänzte. Auf dem Hofball unterhielt sich Napoleon lange mit Goethe und Wieland, den er, da er nicht erschienen war, eigens in einem Hofwagen holen ließ. Das Gespräch wandte sich auf ältere und neuere Literatur. Gegen Goethe drückte der Kaiser aufs neue sein lebhaftes Interesse für Veredlung der tragischen Kunst aus; „das Trauerspiel“, sagte er, „steht gewissermaßen über der Geschichte.“ Dabei sprach er sich für scharfe Abgrenzung der Gattungen aus und tat die bezeichnende Äußerung: „Je suis étonné qu’un grand esprit comme vous n’aime pas les genres tranchés.“ Nochmals wurden Goethe und Wieland noch einmal zum Frühstück geladen und von Napoleon sehr wohlwollend behandelt, doch betraf die Unterhaltung mehr ihre persönlichen Lebensverhältnisse. Wenige Tage nach der Rückkehr des Kaisers nach Erfurt erhielten beide den Orden der Ehrenlegion. Vom Kaiser Alexander war Goethe schon das Jahr zuvor mit dem St. Annenorden dekoriert worden.

   Einige Jahre später kam Goethe in ein engeres Verhältnis zu dem Bruder des Kaisers, dem „grundedlen“, Ludwig, eine Zeitlang König von Holland. Er lernte ihn bald nach der Thronentsagung bei einem Aufenthalt in Teplitz im Jahr 1810 kennen. Sie wohnten zufällig in einem Haus und sahen sich häufig. Das edle zartsittliche Wesen des trefflichen Fürsten, das sich auf eine tiefe religiöse Weltanschauung gründete, zog Goethes Gemüt sehr zu ihm hin; er gestand, man verlasse ihn nicht, ohne sich besser zu fühlen11).

   Die politische Windstille des Jahres 1810 und der zunächst folgenden Zeit war Goethe für sein biografisches Werk höchst günstig; er konnte sich umso leichter von der Gegenwart abschließen und sich mit seiner Phantasie ganz der Vergangenheit hingeben; „die entschwundenen Geister“, sagt er, „musste ich in mir hervorrufen und manche Erinnerungsmittel gleich einem notwendigen Zauberapparat mühsam und kunstreich zusammenschaffen.“ Es kam ihm bei dieser Arbeit nicht auf historische Vollständigkeit an, sondern seine Absicht war vornehmlich, den Leser in Stand zu setzen, sich daraus den Begriff stufenweiser Ausbildung einer durch ihre Arbeiten schon bekannten Persönlichkeit zu bilden. „Denn dieses“, so spricht er sich in dem Vorwort aus, „scheint die Hauptaufgabe der Biografie zu sein, den Menschen in seinen Zeitverhältnissen darzustellen, und zu zeigen, inwiefern ihm das Ganze widerstrebt, inwiefern es ihn begünstigt, wie er sich eine Welt- und Menschenansicht daraus bildet, und wie er sie, wenn er Künstler, Dichter, Schriftsteller ist, wieder nach außen abspiegelt.“ Als nun mit dem Jahr 1811 der erste Band unter dem Titel: ‚Aus meinem Leben, Dichtung und Wahrheit’ ans Licht trat, wusste sich ein großer Teil der Leser in diese poetische Kindheitsidylle nicht zu finden; „die Deutschen“, so äußert sich Goethe unmutig in einem Brief an einen Freund, „haben die eigene Art, dass sie nichts annehmen können, wie man es ihnen gibt; reicht man ihnen den Stiel des Messers zu, so finden sie ihn nicht scharf, bietet man ihnen die Spitze, so klagen sie über Verletzung; sie haben so unendlich viel gelesen, und für neue Formen fehlt ihnen die Empfänglichkeit; erst wenn sie sich mit einer Sache befreunden, dann sind sie einsichtig, gut und wahrhaft liebenswürdig.“ Und das ist denn auch an diesem köstlichen Werk, das nicht nur in das individuelle Leben, sondern mit diesem tief in die ganze Bildungsperiode unserer Literatur einführt, in Erfüllung gegangen. Zur Erläuterung des Titels und der Behandlungsweise mögen noch einige Worte Goethes dienen: „Es war mein ernstestes Bestreben, das eigentliche Grundwahre, das, insofern ich es einsah, in meinem Leben obgewaltet hatte, möglichst darzustellen auszudrücken. Wenn aber ein solches in späteren Jahren nicht möglich ist, ohne die Rückerinnerung und also die Einbildungskraft wirken zu lassen, und man also immer in den Fall kommt, gewissermaßen das dichterische Vermögen auszuüben, so ist es klar, dass man mehr die Resultate und wie wir uns das Vergangene jetzt denken, als die Einzelheiten, wie sie sich damals ereigneten, aufstellen und hervorheben werde… Dieses alles, was dem Erzählenden und der Erzählung angehört, habe ich hier unter dem Wort Dichtung begriffen, um mich des Wahren, dessen ich mir bewusst war, zu meinem Zweck bedienen zu können.“

   Ein großer Teil dieses Werkes wurde während des Aufenthalts in den böhmischen Bädern in heiterster Muße ausgearbeitet. Die Naturwissenschaft trat für den Augenblick mehr in den Hintergrund. Dagegen erwachte mit der lebhaften Erinnerung der Jugend wieder ein reger Trieb zur lyrischen Dichtung, welche durch die Schilderungen seines Lebens überall mit ihren sanften Tönen hindurch klingt. In dem idyllischen Badeleben zu Karlsbad entsprang 1810 eine erotische Dichtung im Geist der römischen Elegien, worin der Dichter in einem Ariostischen Gemälde den Konflikt von Pflicht und Liebe durchführt. Weil die Schilderung der Szenen sinnlichen Liebesgenusses eine allzu lebhafte Farbengebung erhalten haben, so teilt dies Gedicht das Schicksal der unterdrückten römischen Elegien, von Goethes Werken ausgeschlossen zu bleiben; es ist in mehreren Abschriften vorhanden, und die Echtheit nicht zweifelhaft. Er bedurfte also nicht erst der in Karlsbad mehrfach geübten Gelegenheitsdichtung, um sich zu prüfen, „ob noch einiger poetischer Geist in ihm walte.“ Er ward zu dieser in den Sommern von 1810 und 1812 durch die Anwesenheit der Kaiserin von Österreich veranlasst, deren Liebenswürdigkeit er seine Huldigung in einer Reihe von Gedichten darbrachte, die im Namen der Bürgerschaft von Karlsbad überreicht wurden. Von der Kaiserin wurde er sehr ausgezeichnet und bewahrte ihr stets eine anhängliche Gesinnung. Auf ihren Wunsch verfasste er 1812 in Teplitz innerhalb weniger Tage das kleine Lustspiel ‚Die Wette’, wobei die Aufgabe war, das Betragen zweier durch eine Wette getrennten Liebenden darzustellen. Am 28. Juli ward der Auftrag erteilt, am 5. August konnte die Aufführung stattfinden. Im Grunde war diese Art höfischer Gelegenheitspoesie eine Sphäre, in der wir das Talent eines Goethe ungern verweilen sehen. Der Beglückwünschung der Kaiserin der Franzosen hätte der deutsche Dichter wohl überhoben sein können, wenn er gleich, wie er an Frau von Stein berichtet, von einem der ersten Staatsmänner Böhmens die Versicherung erhielt, eine bedenkliche Aufgabe glücklich gelöst zu haben. Der Umschwung der Ereignisse, den er damals nicht ahnte, nötigte ihn zu der Palinodie in den Motto-Stanzen des Epimenides.

   Der dritte Band von ‚Dichtung und Wahrheit’ konnte noch beinahe zum Abschluss gebracht werden, ehe die Kriegsereignisse von 1813 von der sinnigen Betrachtung vergangener Zustände abzogen. Wenn er hier so manchem bedeutenden, vor ihm hingeschiedenen Freunde ein liebevolles Denkmal gesetzt hatte, so ward ihm noch durch das am 20. Januar 1813 erfolgte Scheiden Wielands, welches ihn so tief erschütterte, dass ihn die Freunde kaum jemals weicher gestimmt gefunden hatten, eine besondere Veranlassung, die Verdienste auch dieses Freundes mit beredter Anerkennung zu feiern. Die von Goethe in der Freimaurerloge gehaltene Gedächtnisrede ist der schönste Denkstein auf Wielands Grab.

Ü   Þ


1) Über die Einnahme Weimars vgl. vornehmlich die anziehenden „Denkwürdigkeiten aus den Kriegsjahren 1806-1813, von Kanzler v. Müller, hgg. von A. Schöll. 1851“; einige Notizen bei Falk und Böttiger (lit. Zustände etc. II. 264), der Fernows Bericht über sein Gespräch mit Goethe mitteilt, und in den Aufzeichnungen der Joh. Schopenhauer (Jugendleben und Wanderbilder. 2 Bde. hgg. von ihrer Tochter, 1839). Riemer nennt den Marschall Ney. Nach v. Müller ward am 17. Okt. Denon bei Goethe einquartiert, auf dessen besonderen Wunsch. Auch Lannes wohnte 1806 bei Goethe. ­

2) S. einen Aufsatz von Stephan Schütze: Die Abendgesellschaften der Hofrätin Schopenhauer in Weimar, in Weimar-Album S. 185 ff. ­

3) Die Abdrücke dieses biographischen Aufsatzes wurden dem Oberkonsistorium zu Weimar mit folgendem (bisher ungedruckten) Schreiben zugefertigt:

V. G. G. Karl August, Herzog etc.
      Veste, Würdige und Hochgelehrte, Räte!
      Liebe Andächtige und Getreue!

   Wir haben über die Personalien und Lebensumstände unserer verablebten Frau Mutter Gnaden beiliegenden Aufsatz zum Gebrauch der Gedächtnisfeier verfassen lassen und begehren bei Zusendung der erforderlichen Exemplare hiermit gnädigst, Ihr wollt nach der zu haltenden Gedächtnispredigt nächsten Sonntags solchen von den Kanzeln im Land also verlesen lassen, dass die dabei an Rand gesetzten Tage und Jahrzahlen nicht mit abgelesen und die Vorlesung dadurch nicht unterbrochen werde. An dem geschieht unsere Meinung, und wir sind Euch mit Gnaden gewogen. Gegeben Weimar, den 13. April 1807.

   In der Ausgabe der Werke ist daher dieser Aufsatz unpassend als eine Rede Goethes betitelt. – Die Herzogin Amalie starb am 10. April, Nachmittags 3 ½ Uhr. In der Ausgabe in 60 Bden. (XXII. S. 231) ist ein Druckfehler, den die neuesten Ausgaben verbessert haben. ­

4) Über Goethes Aufenthalt in den böhmischen Bädern, s. Guhrauer, „Goethe in Karlsbad“ in dem deutschen Museum, hgg. von Prutz und Wolfsohn, 1851. S. 105 ff. 201 ff. ­

5) Über sein Leben s. Guhrauer in Raumers histor. Taschenbuch. Neue Folge. VII. Jahrg. 1846. S. 189-275. ­

6) Briefwechsel zwischen v. Goethe und v. Reinhard, 1850. Kanzler v. Müller wollte schon früher diese Briefe nebst einem Leben und einer Charakteristik des Grafen Reinhard herausgeben. Die Dreiteiligkeit des Honorars ward aber nur von dem Sohn Reinhards, nicht von den Goetheschen Erben zugestanden, daher musste das Buch ohne seinen Namen und ohne seine Einleitung erscheinen. S. Schöll in der Vorrede zu v. Müllers Denkwürdigkeiten etc.

   Über die S. 184 erwähnte Bearbeitung von Shakespeares ‚Romeo und Julie’, welche in Boas Nachträgen, Thl. 2. vollständig abgedruckt ist, verdient ein Aufsatz in Viehoffs Archiv für das Studium der neueren Sprachen I. S. 264 ff. nachgelesen zu werden. – Goethe schreibt am 13. Februar 1812: „Ein Teil des Winters ist damit zugebracht worden, das Shakespearische Stück R. u. J. zu konzentrieren und diesen in seinen Hauptteilen so herrlich behandelten Stoff von allem Fremdartigen zu reinigen, welches, obgleich an sich sehr schätzbar, doch eigentlich einer früheren Zeit und einer fremden Nation angehörte, die es gegenwärtig selbst nicht einmal mehr brauchen kann. Zum 30. Januar, als dem Geburtstag der Herzogin, haben wir es zum ersten Mal, nachher noch einmal mit vieler Teilnahme des Publikums gegeben, welche sich umso mehr erwarten ließ, als die Rollen durchaus, besonders aber die Hauptrollen, den Schauspielern recht auf den Leib passten. Diese Arbeit war ein großes Studium für mich, und ich habe wohl niemals dem Shakespeare tiefer in sein Talent hineingeblickt; aber er, wie alles Letzte, bleibt denn doch unergründlich.“ ­

7) Es kann gar nicht bezweifelt werden, dass die Goethesche Charade mit dem wirklichen Namen der Geliebten liebe tändelt; umso unbegreiflicher ist es, dass Bettine diese Charade auf sich hat beziehen können. Um diesen Knoten zu lösen, versucht Guhrauer, der auch an andern Stellen dem Briefwechsel mit einem Kind zu viel biographische Glaubwürdigkeit beimisst, eine allegorische Deutung; „wenn ich recht geraten habe“, sagt er a.a.O. S. 202, „Herz und Geist in ihrer Vereinigung“, was am wenigsten zu Bettines Lesart „an schön beschloss’nen Tagen“ passen würde. Mir schien früher die Deutung auf den Namen Witzleben, dem man an mehreren Stellen in Goethes Werken begegnet, möglich. Nun löst mir Herr Hofrath Eckermann die Sache ganz einfach durch die gefällige Mitteilung, dass die Sonette sich auf ein Fräulein Herzlieb in Jena beziehen. ­

8) Über Goethes Pandora s. Düntzers Schrift: Goethes Prometheus und Pandora, 1850. S. 60 ff. – An Frau von Stein schreibt Goethe bei der Sendung von „Pandoras Wiederkunft“: „Eigentlich sollte dieser Teil Pandoras Abschied heißen, und wenn es mir so viele Mühe macht, sie wieder herbeizuholen, als es mir Mühe machte, sie fortzuschaffen, so weiß ich nicht, wann wir sie sehen werden.“ ­

9) Der lebensfrohe, energische Charakter der Frau Rat Goethe spricht sich am treffendsten in ihren Briefen aus; s. Briefe etc. an Fr. von Stein, hgg. von Ebers und Kahlert, 1846. (S. 75 ff.) an die Herzogin Amalie im Weimar-Album S. 115-122, und andere in Dorows Reminiszenzen etc. 1842. S. 132 ff. Vgl. den Aufsatz von K. G. Jacob in Raumers histor. Taschenbuch. N. Folge, 5. Jahrg. 1843. Goethe schreibt an Zelter bei Mitteilung eines ihrer Briefe: „Darin wie in jeder ihrer Zeilen spricht sich der Charakter einer Frau aus, die in alttestamentlicher Gottesfurcht ein tüchtiges Leben voll Zuversicht auf den unwandelbaren Volks- und Familiengott zubrachte, und als sie ihren Tod selbst ankündigte, ihr Leichenbegängnis so pünktlich anordnete, dass die Weinsorte und die Größe der Brezeln, womit die Begleiter erquickt werden sollten, genau bestimmt war.“ ­

10) Die ausführlichste und getreueste Schilderung dieser Audienzen in Erfurt und Weimar geben von Müllers Denkwürdigkeiten etc., welche ich infolge gütiger Mitteilung des Herrn Herausgebers vor ihrem öffentlichen Erscheinen benutzen konnte. Eine Notiz über die letztere Unterredung gibt Thiers in seinem bekannten Werk, vielleicht nach Talleyrands Aufzeichnungen; denn in einem später anzuführenden Aufsatz Sorets findet sich die Bemerkung: „Le prince de Talleyrand en a conservé dans ses mémoires encore inédits plusieurs détails.“ Vlg. über jene Vorgänge in und um Weimar die kürzlich erschienenen Memoiren von Müffling, hgg. von seinem Sohn. 1851. ­

11) Über Goethes Verhältnis zu diesem Fürsten s. Falk a.a.O. S. 163 ff., dessen Bericht nach Riemers Versicherung mit Goethes mündlichen Äußerungen übereinstimmt. ­

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