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Homepage Literatur Johann Wolfgang von Goethe Biografien Schaefer - Goethes Leben Inhalt Erster Band Vorrede Kindheit und Jugend 1749 - 1765 1765 - 1768 1768 - 1771 1771 - 1773 1744 1775 Weimarsche Lehrjahre 1776 1777, 1778 1779 1780, 1781 1782 1783 - 1786 Zweiter Band Widmung Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche 1786 - 1788 1788 - 1791 1792, 1793 1794 - 1796 1797 - 1799 1799 - 1805 Goethe im Alter 1806 - 1813 1813 - 1819 1820 - 1825 1826 - 1832 Beilagen I. Charlotte von Stein II. Rede weißer Falkenordens III. Vermächtnis j. Nachwelt Schlusswort |
5. Kapitel: Von 1797 bis zum Frühjahr 1799Goethe führte mit der Raschheit jugendlichen Feuers sein idyllisches Epos ‚Hermann und Dorothea’ aus; Schiller wandte sich mit dem endlich entschiedenen Bewusstsein, dass seine poetische Anlage nur im Drama ihren Gipfelpunkt erreichen könne, zur Bearbeitung des Wallenstein. Ihre Geister richteten sich aneinander auf, überall sich liebevoll fördernd und zum höchsten Streben ermutigend. Ihr Briefwechsel verbreitete sich über die wichtigsten Angelegenheiten ihrer geistigen Tätigkeit, und wiederholte Zusammenkünfte bald in Jena, bald in Weimar unterhielten den lebhaftesten Ideenaustausch. Der erste Entwurf zu Hermann und Dorothea schloss sich unmittelbar an die lyrische Idylle Alexis und Dora an, indem, wie Goethe bemerkt, ein Gegenstand, der zu einem ähnlichen kleinen Gedicht bestimmt war, sich zu einem größeren ausdehnte und ihn dadurch in das verwandte epische Feld führte. Ihm schien der Gegenstand äußerst glücklich zu sein, den er, wie Schiller an Körner berichtet, schon mehrere Jahre mit sich herumgetragen hatte, „ein Sujet, wie man es in seinem Leben vielleicht nicht zweimal findet.“ Diese Worte machen es wahrscheinlich, dass die zugrunde liegende epische Begebenheit nicht reine Erfindung des Dichters ist, sondern eine ähnliche Erzählung von der Heirat einer auswandernden Salzburgerin in der „ausführlichen Historie der Emigranten oder vertriebenen Lutheraner aus dem Erzbistum Salzburg“ (1732) ihm die Grundlinien dazu an die Hand gegeben hat. Der Plan dazu ward gleichzeitig mit den Tagesereignissen im August des Jahres 1796 ausgedacht und reifte während des Herbstaufenthalts in Ilmenau, der Wiege manches Goetheschen Meisterwerks, zur Ausführung. „Sie können dort“, meint Schiller mit Recht, „das Städtchen Ihres Hermanns finden, und einen Apotheker und ein grünes Haus mit Stuckaturarbeit gibt es dort wohl auch.“ Während des Winters rückte das Gedicht rasch vor. „Die Ausführung“, schreibt Schiller an Körner, „ist mit einer mir unbegreiflichen Leichtigkeit und Schnelligkeit vor sich gegangen, so dass er neun Tage hintereinander jeden Tag über anderthalbhundert Hexameter schrieb.“ Es entstand zugleich die als Zueignung dienende schöne Elegie, welche uns des Dichters gemütliche Teilnahme an seiner Dichtung, sowie Idee und Tendenz derselben in ergreifenden Worten ans Herz legt:
Ihn selbst hatten Süjet und Ausführung so lebhaft ergriffen, dass ihn beim Vorlesen der ersten Gesänge des Gedichts im Schillerschen Kreis die Rührung übermannte; „so zerschmilzt man“, äußerte er unter Tränen, „an seinen eigenen Kohlen!“ Was ihn dabei ergriff, war die Gewalt der Erinnerung an die Gefühle seiner Jugend und die unerfüllt gebliebene Sehnsucht, die er in dieser Dichtung niedergelegt hatte. Gegen das Ende des Jahres war mehr als die Hälfte des Gedichts fertig. Der Schluss ward während der Reise nach Leipzig und Dessau, die er in den letzten Dezembertagen in Gesellschaft des Herzogs unternahm, vollständig schematisiert. Er rühmt den guten Einfluss dieser Reise auf seine Stimmung. Ungeachtet eines anhaltenden Katarrhs arbeitete er in den Wintermonaten, die sonst seine poetischen Produktion nicht günstig zu sein pflegten, fleißig daran fort, so dass er im April seinem Freund Meyer das Gedicht als fertig ankündigt. Die vier ersten Gesänge wurden zum Druck gesandt, nachdem mit Wilhelm von Humboldt noch „ein prosodisches Gericht gehalten, und so viel als möglich gereinigt worden war.“ An die übrigen Gesänge legte der Dichter während seines Aufenthalts in Jena vom 20. Mai bis 21. Juni die letzte Hand, Schillers und Humboldts Bemerkungen nutzend. Mit diesem Gedicht erwarb sich Goethe aufs Neue die ungeteilte Bewunderung seiner Nation. Auch war es eine durchaus nationale Dichtung, in der die Verhältnisse deutschen Familienlebens mit den alles erschütternden Zeitbewegungen in die innigste Verbindung gebracht waren. Obwohl der Dichter selbst anerkennt, dass ihn „der Geist des Dichters der Luise dabei begleitet habe“, so führt er uns doch von dem beschränkten Standpunkt des idyllischen Familienlebens auf den weiteren Schauplatz der Völkerbewegung, des Schicksals der Nationen hinaus, lässt in belebten Gruppen alle bedeutenden Momente des Lebens an uns herantreten und erhebt uns wiederum durch das Gefühl, dass mitten im wechselnden Geschick Liebe und häusliches Glück ein Dauerndes und Unzerstörbares zu begründen und den Wogen der Zeit das feste Ufer entgegenzustellen vermögen. Die künstlerische Form dieses Epos zeigt uns Goethe auf der klaren Höhe epischer Plastik. „Es sind“, sagte Wieland, „Figuren in Marmor gehauen; alles im großen Stil.“ Goethe selbst bekennt gegen Schiller, er verdanke alle Vorteile, deren er sich in dem Gedicht bedient, der bildenden Kunst, und an Meyer spricht er den Wunsch aus, dass das Gedicht vor ihm die Probe aushalten möge; denn die höchste Instanz, vor der es gerichtet werden könne, sei die, vor welche der Menschenmaler seine Kompositionen bringe.1) Seitdem Goethe durch dieses Werk sein Talent für die epische Dichtung zu seiner eigenen Überraschung kennen gelernt hatte, folgte eine Reihe epischer Entwürfe, ohne dass es gelungen wäre, dem Hermann ein Seitenstück zu geben. Durch seine philosophierende Umgebung mehr und mehr in die Spekulation hineingezogen, machte er sich jetzt mit der Theorie des Epos und der Bestimmung der Grenzen des Epischen und Dramatischen viel zu schaffen und verzehrte seine produktive Kraft durch Theoretisieren, Schematisieren und mancherlei dadurch veranlasste Abschweifungen. Die Resultate der mit Schiller über dies ästhetische Problem gepflogenen Unterhaltungen sind in dem Aufsatz ‚Über epische und dramatische Poesie’ aufgezeichnet; auch ward die Dichtkunst des Aristoteles wieder mit erneutem Interesse studiert. Wolfs Prolegomena regten ein kritisches Studium der homerischen Gedichte an, und das Nachdenken über die epischen Anfänge der Völkergeschichten führte in das verwandte Gebiet der alttestamentlichen Patriarchenidylle. Eichhorns Einleitung ins alte Testament zog ihn an: „Die wunderbarsten Lichter gingen ihm auf.“ Er versuchte eine neue Berechnung und Erklärung des ‚Zugs der Kinder Israel’ durch die Wüste und schrieb darüber eine Abhandlung nieder, welche er später in die Erläuterungen zum westöstlichen Divan einschaltete. Indes war mit dem Abschluss des Hermann zugleich der Entwurf zu einem zweiten epischen Gedicht ‚Die Jagd’ entstanden2); doch mochte er keinen Vers davon niederschreiben, ehe er über das Wesen des Epos ganz im Klaren sie. Es ist, wie kaum zu bezweifeln ist, dasselbe Sujet, welches Goethe späterhin in der Novelle vom Kind mit dem Löwen behandelte. Dass sich dieses zu einer Behandlung in antiker Hexameterform nicht eigene, leuchtete Goethe bald ein, und er war daher geneigt, es in achtzeiligen Stanzen auszuführen. Übrigens teilten sowohl Schiller als Humboldt das in ihm rege gewordene Bedenken, ob überhaupt dieser Stoff sich zu einer epischen Darstellung eigene; er selbst spricht die Besorgnis aus, dass das „eigentlich Interessante des Sujets sich zuletzt gar in eine Ballade auflösen möchte.“ Das neue Epos wollte keine Gestalt gewinnen und machte andern Entwürfen Platz. Der modernen Reimpoesie war er dadurch wieder näher gebracht und ergriff in Gemeinschaft und im Wetteifer mit Schiller die Balladendichtung, so dass Schiller das Jahr 1797 als das Balladenjahr bezeichnen konnte. Goethe wählte vorzugsweise seine Stoffe aus dem Kreis antiker Vorstellung, während Schiller sich mehr an romantisch-sentimentale hielt. Von jenem erhielten wir die meisterhaften Dichtungen ‚Die Braut von Korinth’, ‚Der Zauberlehrling’, ‚Der Schatzgräber’, ‚Der Gott und die Bajadere’. In die anmutigste dramatisch-elegische Form kleidet sich ‚Der neue Pausias und sein Blumenmädchen’. Ibykus ward an Schiller überlassen, gleichwie später ‚Hero und Leander’. Goethe fand sich jetzt (im Juni 1797) wieder in geeigneter Stimmung, den Faust fortzusetzen. „Unser Balladenstudium hat mich wieder auf diesen Dunst- und Nebelweg gebracht.“ In der Spannung, in der ihn das Projekt der Reise nach Italien erhielt, fühlte er sich zu keiner größeren zusammenhängenden Komposition aufgelegt; dagegen ließen sich bei den fragmentarischen Szenen des Faust einzelne günstige Momente nutzen, und es gelang ihm, diese Dichtung „in Absicht auf Schema und Übersicht in der Geschwindigkeit recht vorzuschieben.“ In diesen Tagen ward die Zueignung, „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten“, und der ‚Prolog im Himmel’ gedichtet, auch das xenienartige Intermezzo ‚Oberons und Titanias goldene Hochzeit’, womit die Brockenszene ausgestattet ward. Die Liebe zum Faust verschwand bald wieder, als gegen Ende des Junis Hofrat Hirt, der gelehrte Kenner antiker Kunst, zu Besuch nach Weimar kam; „die nordischen Phantome wurden durch die südlichen Reminiszenzen verdrängt.“ Hirts Aufsatz über Laokoon regte Goethe an, seine Ansichten über diesen schon früher behandelten Gegenstand zusammenzustellen, und er konnte nach wenig Tagen seien Abhandlung an Schiller übersenden. „Sie haben“, erwiderte Schiller, „mit wenig Worten und in einer kunstlosen Einkleidung herrliche Dinge in diesem Aufsatz ausgesprochen, und eine wirklich bewundernswürdige Klarheit über die schöne Materie verbreitet. In der Tat, der Aufsatz ist ein Muster, wie man Kunstwerke ansehen und beurteilen soll; er ist aber auch ein Muster, wie man Grundsätze anwenden soll; in Rücksicht auf beides habe ich sehr viel daraus gelernt.“ Nebenher nährte Goethe seine Sehnsucht nach den Kunstgenüssen des Südens durch den Entwurf zu einer Schilderung der Peterskirche und die Fortsetzung des Benevenuto Cellini. Vornehmlich regten die Briefe seines Freundes Meyer dies Verlangen immer von neuem an, indem er sich durch dessen Abwesenheit von allem Genuss der bildenden Kunst getrennt sah und sich zugleich bewusst war, dass auch der Freund das, was seine Briefe schilderten, ohne ihn nur halb genösse. Solange der Krieg sich über Oberitalien daherwälzte, war an eine Ausführung des Reiseplans nicht zu denken, und die Freunde mahnten dringend ab. Als aber im Frühling 1797 der Waffenstillstand von Leoben Ruhe brachte, lebte die Hoffnung, den Freund auf italienischen Boden wieder zu sehen, aufs Neue auf: „Seitdem bin ich mit aller Welt Freund.“ Schiller versprach sich für Goethe von einem längeren Aufenthalt in Italien nicht viel Gewinn „für seinen höchsten und nächsten Zweck.“ Er war überzeugt, dass Goethe auf dem Gipfel, wo er jetzt stehe, mehr darauf denken müsse, die schöne Form, die er sich gegeben haben, zur Darstellung zu bringen, als nach neuem Stoff auszugehen, und die Foglezeit bewies, dass er richtig geurteilt habe. Goethes Äußerung: „Nicht eher will ich wiederkommen, als bis ich wenigstens eine Sattheit der Empirie empfinde, da wir an eine Totalität nicht denken dürfen“, deutet auf die Gefahr hin, welche die realistische Tendenz seines diesmaligen Reiseunternehmens seiner poetischen Produktivität zu bringen drohte. Meyer war inzwischen seiner leidenden Gesundheit wegen in seine Heimat zurückgegangen, und Goethe schickte sich daher an, dort mit ihm zusammenzutreffen: „Sind wir nur einmal erst wieder zusammen, so wollen wir fest aneinander halten und unsere Wege weiter zusammen fortführen.“ Da Goethe die Rückkehr des Herzogs, der ihn über manches zu sprechen wünschte, abwarten musste, so verzögerte sich seine Abreise bis zum Ende des Julis. Kurz zuvor verbrannte er noch „aus entschiedener Abneigung gegen Publikation des stillen Ganges freundschaftlicher Mitteilung“ einen großen Teil der seit 1772 an ihn gesandten Briefe (nicht, wie er sagt, alle; denn er legte noch Eckermann die großen Konvolute der „seit 1780“ von den bedeutensten Männern Deutschlands an ihn eingegangenen Briefe vor). Fast möchten wir, wenn wir ihn auf seiner diesmaligen Reise begleiten, diesem Autodafé der Jugenddenkmale eine symbolische Deutung geben. Er scheidet von der poetischen Fülle seiner Jugendwelt, die noch zuletzt in Hermann und Dorothea herrlich vor uns ausgebreitet lag. Nicht mehr wie sonst sprechen Natur und Menschenwelt tausendstimmig zu seinem Herzen; der Strom des Lebens reißt ihn nicht mehr anregend und erwärmend in seine Mitte hinein. Wenn wir diese brieflichen Relationen und Tagebuchsskizzen mit den früheren Berichten aus der Schweiz und Italien vergleichen, in denen selbst das flüchtig hingeworfene Blättchen von der Lebenswärme der Poesie durchdrungen ist, so drängt sich uns die Bemerkung auf, dass er an jene scheide der Lebensperioden gelangt war, wo der dichterische Genius die Flügel zu senken beginnt. Noch bewahrte sich der Geist den klaren, scharf beobachtenden Blick und die Lust des Forschens; allein wir begegnen nicht mehr der lebendigen, jugendfrischen Auffassung, die, das Detail leicht und rasch überfliegend, an das Große und Bedeutende sich heftet. „Für einen Reisenden“, bekennt er, „geziemt sich ein skeptischer Realism; was noch idealistisch an mir ist, wird in einem Schatullchen wohl verschlossen mitgeführt, wie jenes Undinische Pygmäenweibchen.“ Dies Idealistische tritt jetzt an die Gegenstände mehr als ein Hang zu symbolischer Deutung heran, wodurch eine Neigung zum Sentimentalen gefördert wird, während er zu poetischem Produzieren sich wenig aufgelegt fühlt. Deutlich genug ist die Änderung in seiner Auffassung der Außenwelt dadurch bezeichnet, dass er auf den Einfall gerät, „eine sentimentale Reise“ zu schreiben. Durch symbolisch-sentimentale Auffassung wird das Kleine bedeutend, und das Große verliert seine Erhabenheit, es tritt mit dem Alltäglichen auf gleiche Fläche. Schon die Hinreise nach Frankfurt ward mit einer Bedächtigkeit betrieben, wie nie zuvor; vier Tage war er unterwegs. Christiane und seinen Sohn führte er zum ersten Mal der Mutter zu, welche sich über die neue Bekanntschaft sehr erfreut zeigte und ihnen viel Liebe bewies; von Frankfurt sandte er die Seinigen wieder nach Weimar zurück. Die Schilderungen aus Frankfurt führen uns in seine neue bedächtige Reisemethode ein, in die unbegrenzte Breite des Stoffsammelns, wobei ihm die Überzeugung wohl tut, dass er jetzt erst reisen lerne und zum Bewusstsein seiner Besonnenheit komme. Er glaubte einzusehen, worin gewöhnlich der Fehler der Reisebeschreibungen liege. „Man mag sich stellen wie man will, so sieht man auf der Reise die Sache nur von einer Seite und übereilt sich im Urteil; dagegen sieht man aber auch die Sache von dieser Seite lebhaft, und das Urteil ist im gewissen Sinn richtig. Ich habe mir daher Akten gemacht, worin ich alle Arten von öffentlichen Papieren, die mir jetzt begegnen, Zeitungen, Wochenblätter, Predigtauszüge, Verordnungen, Komödienzettel, Preiscourante einheften lasse und sodann auch sowohl das, was ich sehe und bemerke, als auch mein augenblickliches Urteil einschalte. Ich spreche nachher von diesen Dingen in Gesellschaft und bringe meine Meinung vor, da ich denn bald sehe, inwiefern ich gut unterrichtet bin und in wiefern mein Urteil mit dem Urteil wohlunterrichteter Menschen eintrifft. Sodann nehme ich die neue Erfahrung und Belehrung auch wieder zu den Akten, und so gibt es Materialien, die mir künftig als Geschichte des Äußeren und Innern interessant genug bleiben müssen. Wenn ich bei meinen Vorkenntnissen und meiner Geistesgeübtheit Lust behalte, dieses Handwerk eine Weile fortzusetzen, so kann ich eine große Masse zusammenbringen.“ Wie sehr diese anschwellen musste, wird uns erklärlich, wenn wir selbst in den zum druck redigierten Auszügen weitläufige Berichte über Lage und Bauart der einzelnen Städte, Betragen, Kleidung und Beschäftigung Einheimsicher und Fremder bis zu dem Feldbau und den Holz- und Butterpreisen herab angemerkt finden. Von Frankfurt, wo er sich drei Wochen aufgehalten hatte, ging am 25. August die Reise weiter nach Heidelberg, wo er sich freute die Freundin früherer Jahre, Fräulein Delf, wieder zu sehen, und dann über Heilbronn nach Stuttgart, wo er neun Tage verweilte. Hier bot sich seinem Kunstsinn in den Werkstätten Danneckers und anderer Künstler manches Bemerkenswerte dar. Da man gerade damals mit dem weimarschen Schlossbau beschäftigt war, so zogen besonders die Zimmerdekorationen des neu gebauten Schlosses zu Stuttgart seine Aufmerksamkeit auf sich. Er sandte darüber an den Herzog einen ausführlichen Bericht und unterrichtete sich über das Einzelne durch wiederholte Unterhaltungen mit dem Professor Thouret, der später zur Dekoration des herzoglichen Schlosses in Weimar herbeigerufen ward. Da sich Goethe auch mit dem Plan der Erweiterung und Verschönerung des Weimarers Theaters trug, so fand er auch hier, wie in Frankfurt, Gelegenheit sich über Dekorationsmalerei und anderen theatralischen Apparat genauer zu unterrichten. Seine Poesie, die bei dem allen wenig Anregung fand, pflückte sich wenigstens in diesen Tagen ein duftiges Blümchen „Der Edelknabe und die Müllerin“ („der Junggesell und der Mühlbach“), ein lyrisch-dramatisches Gedichtchen, das der Anfang einer Reihe von romanzenartigen „Gesprächen in Liedern“ sein sollte. In den Liedern „der Müllerin Verrat“, der Bearbeitung eines französischen Gedichts, und „der Müllerin Reue“ ward später dieser idyllische Roman weitergeführt. In Tübingen logierte er bei Cotta, in welchem er bei näherer Bekanntschaft „so viel Mäßiges, Sanftes und Gefasstes, so viel Klarheit und Beharrlichkeit fand“, dass er ihn zu den seltenen Erscheinungen zählen musste. Er ward der Verleger seiner späteren Werke. Die Besuche bei einigen Professoren der Universität bereicherten seine naturhistorischen Kenntnisse, und mehrere Naturalienkabinette gaben Stoff zu neuen Beobachtungen. Von Tübingen fuhr er am 16. September über Tuttlingen, wo er übernachtete, nach Schaffhausen. Hier stand er am 18. wieder an dem Rheinfall, wo er vor 18 Jahren mit Lavater sich über das Erhabene mit poetischem Feuer unterhielt. Jetzt genügten ihm diese allgemeinen Eindrücke der großartigen Naturerscheinung nicht. Mit der Ausdauer eines Naturforschers bemühte er sich, sie im Einzelnen zu zergliedern und verwendete fast den ganzen Tag bis zur sinkenden Sonne, um die Bewegungen der brausenden Wassermassen, die ihren Sturz begleitenden Farberscheinungen von den mannigfaltigsten Standpunkten aus, bald an den Ufern, bald vom Strom aus aufzufassen und das Detail der Phänomene und Prospekte zu beobachten und mit den dadurch erregten Ideen in Skizzen niederzuschreiben. An Schiller schrieb er, dass der Vers des Tauchers „es wallet und siedet und brauset und zischt“ etc. sich dabei vortrefflich legitimiert habe und die Hauptmomente der ungeheuren Erscheinung in sich begreife. Auf dem Weg nach Zurück erblickte Goethe eine Apfelbau, der unter dichter Efeuumrankung verkrüppelt war. Er ward ihm ein Symbol der in der Umschlingung der Fesseln der Liebe ermattenden männlichen Kraft, welche es nicht über sich gewinnen kann, das harte Heilmitteln anzuwenden, die Schlingen der verderblichen Ranken zu zerstören, und es entstand die Elegie Amyntas. Diese schmerzvolle Klage des Leidenden, dem „der gefährliche und doch geliebte Gast“ die strebende Kraft abschmeichelt, so dass die gewaltige Wurzel nur zur Hälfte lebendigen Saft hinauf sendet, lässt eine unsern Dichter sehr nahe berührende Deutung zu, wenn wir eine spätere Äußerung Schillers an Körner, mit der er seine geschwächte Produktivität zu erklären sucht, damit zusammenhalten: „Sein Gemüt ist nicht ruhig genug, weil ihm seine elenden häuslichen Verhältnisse, die er zu schwach ist zu ändern, viel Verdruss erregen“, worauf Körner erwidert: „Solche Verhältnisse machen den kraftvollsten Mann endlich mürbe; es ist kein Widerstand da, der durch Kampf zu überwinden ist, sondern eine heimlich nagende Empfindung, deren man sich kaum bewusst ist und die man durch Betäubung zu unterdrücken sucht.“ Am 20. September traf er mit seinem geliebten Heinrich Meyer in Zurück zusammen, mit dem er sich am folgenden Tag nach Stäfa, dessen Wohnort, begab. Es folgten genussreiche, Geist anregende Stunden, wo er die von seinem Freund verfertigten oder mitgebrachten Kunstwerke betrachtete und an seiner Seite, zum Teil auf Wanderungen an den freundlichen Ufern des Sees „was Ehrliches zusammen durchschwätzte.“ Lavater vermied er zu besuchen, obwohl dieser ihn im Gasthof aufgesucht und seinen Namen an die Tür geschrieben haben soll. In einer Allee sah er ihn an sich vorübergehen, ohne von ihm erkannt zu werden. Er scheute die peinlichen Momente, wo man versuchen würde, die abgerissenen Fäden wieder anzuknüpfen; doch hätte die Erinnerung an schöne Jugendtage, wie weit sie auch seitdem auseinander gekommen waren, mächtiger sein sollen3). Inzwischen hatten die fortdauernden Unruhen in Italien ihm bereits den Plan einer italienischen Reise verleidet. Er begnügte sich mit Meyer eine Reise durch die Urkantone auf den Gotthard zu machen und dann „vom Gipfel der Alpen wieder zurück dem Fall des Wassers zu folgen und sich wieder nach Norden zu bewegen“, jetzt durch die Aussicht beglückt, im nächsten Winter wieder mit Schiller „vergnügt am Fuß des Fuchsturms zusammen zu wohnen.“ Es war die Straße seiner ersten Schweizerreise, als er Lilis Bild im beglückten, jungen Herzen trug, als „goldene Träume“ das auf dem klaren Spiegel des Züricher Sees dahin gleitende Schiff umschwebten, und der schönste Schmuck im Schatz der Kirche zu Einsiedeln ihn an ihre wallenden Locken erinnerte. Mancher Denkstein der Jugenderinnerung stand am Wege; doch fühlte er zugleich, wie er an Schiller schreibt, dass er ein anderer Mensch geworden sei, und die Gegenstände ihm anders erscheinen mussten. Als er am 1. Oktober in Altorf beim Erwachen den nahen Berg, der noch Tags zuvor ihm den braunen Gipfel gezeigt, mit dem über Nacht gefallenen Schnee bedeckt sah, war es wohl ein tief aus dem Herzen quellendes elegisches Gefühl, das in den zart hingehauchten Distichen sich ausspricht:
Am 3. Oktober stand er zum letzten Mal auf dem Gipfel des Gotthard, noch ein rüstiger Bergwanderer. Mineralogische Schätze wurden reichlich zusammengeladen; er verspricht seinem Freund von Voigt unter mehreren bekannten Dingen auch einige seltene und vorzüglich schöne Sachen heimzubringen. Von da wandte er sich mit seinem Gefährten aufs Neue dem Vierwaldstätter See zu, dessen Umgebungen er diesmal mit besonderer Aufmerksamkeit betrachtete und sich die einzelnen Lokalitäten so genau einprägte, dass seinen mündlichen Schilderungen Schiller nachmals die treffenden Landschaftszeichnungen in seinem Tell entnehmen konnte. Goethe hatte nämlich während dieser Reise die Idee zu einem Epos Wilhelm Tell erfasst und studierte daher das Lokal und die Natur des Schweizer Landvolks umso sorgfältiger. Er las zu diesem Zweck gleich nach seiner Rückkehr nach Stäfa (8. Oktober) Tschudis Schweizerchronik und besprach mit Meyer die Behandlung dieses Stoffs. Es war sein Wunsch, wieder eine größere Arbeit in Hexametern zu unternehmen. „Eine solche Ableitung und Zerstreuung“, äußert er, „war nötig, da mich die traurigste Nachricht mitten in den Gebirgen erreichte. Christiane Neumann, verehelichte Becker, war von uns geschieden, [am 22. September]. Diese hoffnungsvolle Schauspielerin war Goethe zuerst wert geworden, da er sie als Kind in der Darstellung der Rolle des Artur (in Shakespeares Johann) unterrichtete, in der sie das Publikum zur Bewunderung hinriss. Seitdem hatte er ihr wachsendes Talent mit innigster Teilnahme begleitet und gefördert. „Sie war mir“, schreibt er unterm 25. Oktober an Böttiger, „in mehr als einem Sinn lieb. Wenn sich manchmal in mir die abgestorbene Lust fürs Theater zu arbeiten wieder regte, so hatte ich sie gewiss vor Augen, und meine Mädchen und Frauen bildeten sich nach ihr und ihren Eigenschaften. Es kann größere Talente geben, aber für mich kein anmutigeres… Liebende haben Tränen, und Dichter Rhythmen zur Ehre der Toten. Ich wünschte, dass mir etwas zu ihrem Andenken gelungen sein möchte.“ Das war die Elegie Euphrosyne, eine Dichtung in edler, streng antiker Haltung, der letzten Elegie des Properz verwandt: Der Dichter lässt den scheidenden Geist mitten zwischen den düstern Gebirgsmassen zu sich heranschweben, um von ihm die kindlichen Worte dankbarer Erinnerung und den Auftrag zu vernehmen, ihn nicht ungerühmt zu den Schatten hinabgehen zu lassen, da nur die Muse dem Tod einiges Leben zu gewähren vermöge4). Neue Anhaltspunkte für das Studium der Kunst gewährte die Ankunft des letzten Kastens von Rom, der über Triest, Villach und Konstanz endlich glücklich in die Hände des Eigentümers gelangte. Er enthielt die Kopie des antiken Gemäldes der so genannten Aldobrandinischen Hochzeit, wozu Meyer einen ausführlichen Kommentar geschrieben hatte. „Das Bild“, schreibt Goethe, „nunmehr, so viel es möglich war, nachgebildet und wieder hergestellt vor sich zu sehen, sich daran erfreuen und sich über seine Tugenden und Mängel besprechen zu können, ist eine sehr reizende und belehrende Unterhaltung.“ Es ward, sorgfältig eingepackt, auf der Heimreise mitgeführt, um diesen Schatz nicht fremden Händen und neuen Zufällen auszusetzen. Daneben ward auch wieder viel theoretisiert und mit Meyer ein Schema ‚Über die zulässigen Gegenstände der bildenden Kunst’ entworfen. Meyers Studien waren vornehmlich dahin gerichtet, die Geschichte der Kunst im Sinn Winckelmanns fortzuführen. Mit großer Genauigkeit hatte er die Kunstschätze Italiens verzeichnet, und Goethe war erfreut, „aus diesen Trümmern eine Kunstgeschichte aufsteigen zu sehen, gleichsam wie ein Phönix aus einem Aschenhaufen.“ Pläne wurden bereits entworfen, den gewonnenen Stoff in ansprechender Form für das deutsche Publikum zu verarbeiten. Am 26. Oktober brach Goethe mit seinem Freund zur Heimreise auf. Sie wandten sich über Schaffhausen nach Stuttgart und wählten von da die Straße über Nürnberg, wo sie einige Tage (6.-15. November) mit Knebel zubrachten und sich and en alten Kunstwerken und sonstigen Merkwürdigkeiten dieser interessanten Stadt erfreuten. Die Unterhaltung mit Meyer ließ zu ausführlichen Tagebuch-Aufzeichnungen nicht Zeit und Lust, so dass der Reisebericht zuletzt in kleine Blättchen ausläuft. Die Nachwirkung dieser Reise erwies sich für Goethes Produktivität nicht günstig. Hatte er gleich während seiner Reise die Meinung gehegt, bei der Leichtigkeit, die Gegenstände aufzunehmen, reich geworden zu sein, ohne beladen zu sein, und von dem Stoff nicht inkommodiert zu werden, weil er ihn gleich zu ordnen und zu verarbeiten wisse, so vernehmen wir doch blad nach seiner Rückkunft die Klage, dass er das Reisematerial zu nichts brauchen könne und außer aller Stimmung gekommen sei etwas zu tun, so dass ihm kaum gelingen wolle, einen erträglichen Brief zu diktieren. Er erinnerte sich dabei früherer ähnlicher Wirkungen. Eindrücke, meinte er, müssten bei ihm lange im Stillen wirken, ehe sie zum poetischen Gebrauch sich willig finden ließen. Die Freundschaft mit Schiller war vornehmlich das Band, das ihn an die Poesie fesselte. In dem Brief, der jene Klage enthält, erkennt Goethe zugleich dankbar an, dass ihn Schiller von der allzu strengen Beobachtung der äußern Dinge und ihrer Verhältnisse auf sich selbst zurückgeführt: „Sie haben mich die Vielseitigkeit des innern Menschen mit mehr Billigkeit anzuschauen gelehrt, Sie haben mir eine zweite Jugend verschafft und mich wieder zum Dichter gemacht, welches zu sein ich so gut als aufgehört hatte.“ Schiller war aufs eifrigste mit der Bearbeitung des Wallenstein beschäftigt, und Goethe begleitete dies Werk schrittweise mit seinem Rat und seiner aufmunternden Anerkennung. Es war Schiller darum zu tun, sich Goethe Natur möglichst anzunähern und eine Dichtung zustande zu bringen, die dessen Anforderungen Genüge leiste; er war sich’s bewusst, dass nur der fortgesetzte Verkehr mit einer ihm objektiv so entgegengesetzten Natur und sein lebhaftes Hinstreben danach ihn fähig gemacht hatten, über seine subjektiven Grenzen so weit hinauszugehen. In längeren Konferenzen wurden alle einzelnen Teile durchgesprochen, ein schöner Beweis, wie bereit stets Goethe war, das Treffliche neidlos zu fördern und anzuerkennen. Da Goethe sich während des Winters „von aller Produktion beinahe abgeschnitten“ fühlte, so warf sich sein unruhiger Geist in eine zerstreuende Vielgeschäftigkeit. Faust trat ihm wieder nahe. Märchen und Novellen wurden ausgesonnen, die er als einen zweiten Teil den Unterhaltungen der Ausgewanderten anzuschließen gedachte. Die Ilias ward wieder vorgenommen, und die Bemerkung, dass zwischen Ilias und Odyssee ein Epos ‚der Tod des Achilles’ mitten inne liege, führte ihm ein neues Sujet zu einer epischen Dichtung zu, deren Entwurf viel durchdacht und mit den Freunden besprochen wurde. Meyer zog ihn zu Betrachtungen der Kunst und zu den Studien der Kunstgeschichte, und da er über florentinische Kunstgeschichte schrieb, so nahm Goethe den Cellini wieder vor und schrieb kleine historische Aufsätze dazu. Beide bereiteten eine archäologische Zeitschrift vor, deren erstes Heft im Jahr 1798 unter dem Titel Propyläen ans Licht trat. Goethe bezeichnet sie als eine wahre Wohltat für seinen Geist, indem sie ihn endlich nötige, die Ideen und Erfahrungen, welche er solange mit sich herumschleppe, auszusprechen. Schillers Horen, im letzten Jahrgang schon ermattet, hörten auf zu erscheinen. Neben diesen Beschäftigungen blieb auch der Naturforschung ihre Stelle. Abwechselnd zogen ihn Insekten, Mineralien und Farben an. Er schrieb seine Ideen über Metamorphose der Insekten nieder, teilte in dem Aufsatz „über pathologisches Elfenbein“ das Ergebnis seiner Beobachtungen mit, nahm die weitschichtigen Papiere zur Farbenlehre wieder vor und machte den Entwurf zur Geschichte derselben. Schillers reflektierender Geist griff auch hier fördernd und ordnend ein. Physikalische und philosophische Lektüre schloss sich daran. Von Schellings naturphilosophischen Schriften fühlte Goethe sich lebhaft angezogen, da sie mit seiner spekulativen Naturforschung sich nahe berührte. „Die Philosophie“, schreibt er, „wird mir immer werter.“ Durch den Verkehr mit Meyer trat die Farbentheorie wieder in engere Beziehung zur bildenden Kunst, und in den Propyläen beabsichtigte man die ästhetische Seite der Farbenlehre näher zu beleuchten. Ein kurzer Aufenthalt in Jena, im März 1798, während dessen über Wallenstein beraten ward, regte die Neigung zu poetischen Arbeiten wieder an. Goethe benutzte „die lyrische Stimmung des Frühlings“, um den Faust fortzusetzen, und „brachte ihn um ein Gutes weiter.“ – „Das alte noch vorrätige höchst konfuse Manuskript ist abgeschrieben, und die Teile sind in abgesonderten Langen nach den Nummern eines ausführlichen Schemas hintereinander gelegt; nun kann ich jeden Augenblick der Stimmung nutzen, um einzelne Teile weiter auszuführen und das Ganze früher oder später zusammenzustellen.“ Da Goethe gegen Schiller äußert, dass ihn die tragischen Szenen sehr angegriffen hätten, so sind unstreitig um jene Zeit die Abschnitte entstandne, welche den ersten Teil schließen. Jene Prosaszene zwischen Faust und Mephistopheles diktierte Goethe in raschem Fluss, wie sie jetzt dasteht. Weimar ließ aber Sammlung und ruhige Stimmung nicht aufkommen. Der Ankauf des Oberrosslaer Freiguts brachte neue Wirtschaftssorgen mit sich. Der Schlossbau, zu dessen Dekoration Thouret herbeigerufen war, nahm ihn gleichfalls in Anspruch. Für Ifflands Gastspiel, das am 24. April begann, mussten Vorbereitungen getroffen werden. Übrigens ließ dies eine gute Nachwirkungen zurück, und Goethe fühlte sich wieder zu dramatischen Arbeiten aufgelegt. Doch war es nur ein Zeitverlust, wenn er sich durch Iffland zu der Bearbeitung eines zweiten Teils der Zauberflöte bestimmen ließ, was ihm Schiller vergebens mit einem „Trachtet nach dem, was droben ist“ auszureden suchte. Goethe meinte, es könne nicht schaden, die schon vor drei Jahren angefangene Arbeit in Zeiten mittlerer Stimmung durchzuführen. Er hat es jedoch nicht über sich vermocht, diese Nebenarbeit fertig zu machen. Der Sommer, in den wieder in längerer Aufenthalt in Jena fiel, gewährte einige poetische Lichtblicke. Achill und Tell, die antike und moderne Welt, stritten um den Vorrang, und noch zögerte die Ausführung, weil die Bedenklichkeiten in der Theorie noch nicht überwunden waren. Das Studium der Ilias „hatte ihn wieder in dem Kreis von Entzückung, Hoffnung, Einsicht und Verzweiflung durchgejagt“ und ihn drückte die Furcht, sich im Stoff zu vergreifen, der mehr tragisch-sentimental, als homerisch-antik sei. Schiller hielt es eher für eine Tugend als einen Fehler des Stoffs, dass er den Forderungen unseres Zeitalters entgegenkomme, indem es für den Dichter ebenso unmöglich als undankbar sei, seinen vaterländischen Boden ganz zu verlassen. Goethe hielt den Gedanken fest, und es hatte sich im Beginn des nächsten Jahres das Gedicht bis in seine kleinsten Teile organisiert; fünf Gesänge waren motiviert, so dass Schiller erstaunt war, wie deutlich Goethe alles vor sich sehe, ohne es aufzuschreiben. Er entschloss sich endlich, den ersten Gesang auszuführen, welchen er am 2. April 1799 an Schiller übersandte, und hatte so guten Mut zur Fortsetzung, dass er im Lauf des Jahres hoffte fertig werden zu können. Allein dieser verlor sich bald wieder, indem er einsehen mochte, dass di künstlerische Behandlung dem antiken Stoff nicht das warme Interesse von Hermann und Dorothea zu leihen vermochte. Jener erste Gesang ist uns als Probe geblieben, wie sehr er sich der homerischen Behandlung zu nähern gesucht hatte. Ein späterer Vorsatz, das Sujet als Roman zu bearbeiten, zeigte sich noch weniger ausführbar. In den Juni 1798 fallen auch außer dem Abschluss der Elegie Euphrosyne die kleineren lyrisch-didaktischen Gedichte, ‚Bakis Weissagungen’ und ‚deutscher Parnass’ (anfangs ‚Sängerwürde’ überschrieben), sowie die nähere Motivierung der ersten Gesänge des Tell. Die Behandlung des Gedichts trat klarer hervor und ward in den Unterhaltungen mit Schiller viel hin und her überlegt. Tell war in dem Goetheschen Entwurf als ein kräftiger Lastträger dargestellt, der die rohen Tierfelle und sonstige Waren durchs Gebirge herüber und hinüber zu tragen beschäftigt ist; ohne sich weiter um Herrschaft noch Knechtschaft zu kümmern, treibt er sein Gewerbe und ist fähig und entschlossen, die unmittelbarsten persönlichen Übel abzuwehren. In diesem Sinn ist er seinen Landsleuten bekannt und harmlos auch unter den fremden Bedrängern. Der Landvogt war einer von den behaglichen Tyrannen, welcher herz- und rücksichtslos auf ihre Zwecke hindringen, übriges sich gern bequem finden, deshalb auch leben und leben lassen, dabei auch humoristisch dies oder jenes verüben, was gelegentlich zu Nutzen oder Schaden wirken kann. Diese beiden Charaktere sollten persönlich gegeneinander stehen und unmittelbar aufeinander wirken. Die älteren Schweizer und deren treue Repräsentanten, an Besitz und Ehre verletzt, sollten das sittlich Leidenschaftliche zur innern Gärung und zum endlichen Ausbruch treiben. Dass die Ausarbeitung dieses epischen Gedichts unterblieben ist, haben wir weniger zu bedauern, indem uns in dem dramatischen Gemälde Schillers, dem Goethe sein Sujet förmlich abtrat, ein hinlänglicher Ersatz geworden ist, wobei wir zugleich den Einfluss der Goetheschen Lokal- und Sittenschilderungen sehr hoch anzuschlagen haben, das Siegel des zehnjährigen Bundes unsrer größten Dichter. „Sobald ich mich von Jena entferne“, klagt Goethe gleich nach der kurzen jenaschen Junisaison, „werde ich gleich von einer anderen Polarität angezogen, die mich dann wieder eine Weile festhält.“ Die Propyläen, zu deren erstem Heft das Manuskript redigiert und abgesandt werden musste, gestatteten der Muse der Poesie nur flüchtigen Besuch. Überdies zerstreute ihn der neue Theaterbau, durch den der Zuschauerraum so erweitert ward, dass er zweihundert Personen mehr als bisher fassen konnte. Die Notwendigkeit dieser Veränderung war längst fühlbar geworden; die Anwesenheit des Baumeisters Thouret beschleunigte die Ausführung, welche so rasch betrieben ward, dass das neue Haus am 12. Oktober eröffnet werden konnte. Es begann damit eine neue Epoche der deutschen Bühne; denn ‚Wallensteins Lager’ von Schiller ward zur Aufführung gebracht, eingeleitet durch den köstlichen Prolog, welcher die dem Drama durch die gewaltigen Zeitbewegungen gebotene höhere Ausgabe in glänzender Rede hervorhebt. Goethe hatte nicht die Vorstellung einer eigenen Dichtung jemals mit solchem Eifer betrieben, wie diese. Er hatte bei den Proben die äußeren Anordnungen übernommen; Meyer hatte bei den Kostümen und Dekorationen mitgewirkt. Die Generalprobe ward im Theaterkostüm gehalten. „Wir waren“, berichtet Schillers Schwägerin, Frau von Wolzogen, „mit Goethe und Schiller bei der letzten Probe gegenwärtig und überließen uns ganz dem hinreißenden Vergnügen, diese so ganz eigentümliche Dichtung in ihrem vollen Leben zu sehen. Es war ein schöner Abend. Schiller war sehr gerührt, und Goethes herzlicher Anteil äußerte sich höchst liebenswürdig.“ Die Artikel über den Wert des Werkes und die erste Aufführung wurden von Goethe selbst für die Cottasche allgemeine Zeitung geschrieben, um schiefen Beurteilungen anderer Skribenten zuvorzukommen. Wenn ein lange Zeit in Deutschland verbreitetes Gerücht Goethe einen großen Anteil an der Bearbeitung dieses Dramas zuschrieb, so lag dem allerdings das richtige Gefühl zugrunde, dass es im Goetheschen Geist gedichtet sei. Unmittelbar sind nur von Goethe hie und da einige „Pinselstriche“ hinzugetan. Zur Kapuzinerpredigt, welche man vornehmlich auf Goethes Rechnung gesetzt hat, übersandte Goethe seinem Freund einen Band Predigten des Abraham a Sancta Clara, wonach Schiller die nachträglich eingeschobene Szene rasch komponiert hat5). In gleicher Weise machte sich Goethes freundschaftlicher Beistand im Verlauf des Werkes geltend, indem er überall mit seinem Rat dem Dichter zur Seite stand. Besonders fühlte sich Schiller durch Goethes inhaltsschweren Brief über das astrologische Motiv in einem der schwierigsten Punkte der Dichtung gefördert, so dass er erwidert: „Es ist eine rechte Gottesgabe um einen weisen und sorgfältigen Freund, das habe ich bei dieser Gelegenheit aufs Neue erfahren.“ Wenn ihn unter der Last der Arbeit manchmal ein Misstrauen in seine Kräfte anwandeln wollte, so gab ihm Goethes Beifall stets neuen Mut. Am 30. Januar 1799, dem Geburtstag der Herzogin Luise, konnten die ‚Piccolomini’ zur Aufführung gebracht werden, zu welcher auch Schiller nach Weimar herüberkam. Am 20. April folgte ‚Wallensteins Tod’. „Schillers Wallenstein ist so groß, dass zum zweiten Mal nichts Ähnliches vorhanden ist“, so äußerte sich Goethe mehr als zwanzig Jahre nach des Freundes Tod. „Es ist mit diesem Stück“, bemerkte er bei anderer Gelegenheit, „wie mit einem ausgelegenen Wein: Je älter sie werden, desto mehr Geschmack gewinnt man an ihnen.“ 1) Über ‚Hermann und Dorothea’ s. W. v. Humboldts ästhetische Versuche, I. [und einziger] Teil, 1799; A. W. v. Schlegels Abhandlung in den Charakteristiken und Kritiken etc. 1801. Bd. II. S. 197 ff. 260 ff. Über die Quelle von Hermann und Doroteha vgl. Yxem in v.d. Hagnes Neuem Jahrb. Für deutsche Sprache und Altertumskunde, 1836, II. 2. S. 98 ff. 137 ff. Burmeister in Viehoffs Archiv für das Studium der neuern Sprachen, I. 1. S. 257 ff. 2) Über den Entwurf des epischen Gedichts „die Jagd“ s. Düntzer a.a.O. S. 47 ff. 3) Vgl. über Goethes Verhältnis zu Lavater die Äußerung in dem Brief an Frau von Stein, Beilage I. S. 317 f., wodurch sich auch die harten Urteile der Xenien und des Walpurgisnachtstraums im Faust, wo er als Kranich auftritt, erklären. Als Schiller am 14. Okt. 1796 Lavaters Ankunft in Jena meldete, erwiderte Goethe: „Für die sonderbare Nachricht, dass der Prophet in Jena sei, danke ich aufs beste. Ich werde mich seiner zu enthalten suchen und bin sehr neugierig auf das, was Sie von ihm sagen werden.“ – Um so wohltuender ist die anerkennende Schilderung Lavaters in „Dichtung und Wahrheit“. 4) Zu ihrem Andenken erschien 1836 die kleine Schrift: Euphrosyne, Leben und Denkmal (von Musculus). Sie hatte die Rolle der Euphrosyne in dem tragikomischen Märchen „das Petermännchen“ gespielt. Über ihren Tod war eine allgemeine Trauer in Weimar. Am 29. September ward auf dem Theater eine Totenfeier veranstaltet, und zu ihrem Andenken ein kleines, trefflich ausgeführtes Denkmal im Weimarer Park errichtet, das später in den Garten der Gesellschaft „Erholung“ versetzt worden ist. 5) Das Verhältnis der Schillerschen Dichtung zu den Schriften des Abraham a Sancta Clara erläutern die Auszüge aus den letzteren in Wachsmuts historischen Darstellungen, 1831. II. S. 83 ff. und in dessen Schrift: Weimars Musenhof S. 132 ff. Einen der „Pinselstriche“ Goethes erfahren wir aus seinen Gesprächen mit Eckermann; er schob, um nichts unmotiviert zu lassen, die Verse ein:
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