Johann Wolfgang von Goethe @ www.Wissen-im-Netz.info
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   Literatur
      Johann Wolfgang von Goethe
         Biografien
            Schaefer - Goethes Leben
               Inhalt
               Erster Band
                  Vorrede
                  Kindheit und Jugend
                     1749 - 1765
                     1765 - 1768
                     1768 - 1771
                     1771 - 1773
                     1744
                     1775
                  Weimarsche Lehrjahre
                     1776
                     1777, 1778
                     1779
                     1780, 1781
                     1782
                     1783 - 1786
               Zweiter Band
                  Widmung
                  Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche
                     1786 - 1788
                     1788 - 1791
                     1792, 1793
                     1794 - 1796
                     1797 - 1799
                     1799 - 1805
                  Goethe im Alter
                     1806 - 1813
                     1813 - 1819
                     1820 - 1825
                     1826 - 1832
                  Beilagen
                     I. Charlotte von Stein
                     II. Rede weißer Falkenordens
                     III. Vermächtnis j. Nachwelt
                  Schlusswort

4. Kapitel: 1794 - 1796

   Die Weltgeschichte ging im Sturmschritt einher; alle Gemüter blickten mit ängstlicher Spannung in die Zukunft. Die Zeit war in Deutschland vorüber, wie man in politischen Gesprächen sich über Aristokratie und Volksrechte gegenseitig erhitzte und in naiver Unerfahrenheit mit dem Feuer der Freiheitsideen spielte; die Gräuel des Terrorismus hatten die Enthusiasten enttäuscht. Wenn sich nun in dem Augenblick, wo der Krieg bereits an Deutschlands Grenzen pochte, der Blick des Patrioten auf das eigene Vaterland wandte, so erregte hier die Schwäche und Haltlosigkeit der Verteidigungsanstalten die größte Besorgnis. Innerer Zwiespalt lähmte die Kriegsunternehmungen; im Baseler Frieden (1795) trat Preußen von der Koalition zurück, und die Reichsverfassung ging ihrer völligen Auflösung entgegen. Die kleineren Staaten schwankten zwischen preußischen und österreichischen Interessen. Weimar ging mit Preußen. Ward es auch durch seine Lage im Norden der Demarkationslinie gegen die französischen Armeen gesichert, so machte doch die Stellung von Kursachsen, welches sein Kontingent auch ferner bei der Reichsarmee ließ, auch fernere Unterhandlungen und Rüstungen nötig. Der Herzog von Weimar war indes schon nach beendigtem Feldzug von 1793 aus dem preußischen Dienst ausgetreten. Goethe war im Lager bei Aschersleben gegenwärtig, als sein Fürst von seinem Armeecorps Abschied nahm. „Das Wehklagen des Regiments“, berichtet er, „war groß durch alle Stufen. Sie verloren Anführer, Fürsten, Ratgeber, Wohltäter und Vater zugleich. Auch ich sollte von eng verbundenen, trefflichen Männern auf einmal scheiden; es geschah nicht ohne Tränen der besten. Die Gegend um Aschersleben, der nahe Harz, von dort aus so leicht zu bereisen, erschien für mich verloren; auch bin ich niemals wieder tief hinein gedrungen.“

   Indes hatte sich Goethe über die dadurch auch für ihn herbeigeführte Änderung seiner Lebensweise nur zu freuen, indem er sich von jetzt an ungestörter seinen friedlichen Beschäftigungen hingeben konnte. Einen Auftrag, der ihn noch einmal auf den Schauplatz des Krieges geführt haben würde, lehnte er ab. Doch ward während der Kriegsstürme sein Gemüt durch Sorge und Schmerz stets dort zu verweilen genötigt, wo teure Angehörige und Freunde von den Ereignissen unmittelbar berührt wurden. Ihm wurden von dort her manche Schatzkästchen und Kostbarkeiten zum Aufbewahren eingesandt, Zeugnisse sowohl des Zutrauens, als der dort herrschenden Angst und Not. Viele seiner Freunde flüchteten damals, um vor den Drangsalen des Krieges sich zu retten, vom heimischen Herd. Jacobi verließ im Herbst 1794 seinen freundliches Pempelfort, von wo er noch vor kurzem in der Widmung des Woldemar dem Freund in der Ferne den Gruß wärmster Liebe und Verehrung hinüber gesandt hatte. „Es war mir so schmerzlich“, schrieb ihm Goethe am 31. Oktober, „als wenn ich mit Dir hätte auswandern sollen.“ Jacobi lebte seitdem mehrere Jahre in Freundeskreisen zu Hamburg und im Holsteinischen, namentlich mit Claudius, Stolberg und der geistvollen Gräfin Julie von Reventlow. Goethe wurde mehrmals dringend dahin eingeladen, und die Verheiratung seiner Nichte Luise Schlosser mit Nicolovius zu Eutin schien dazu eine noch nähere Veranlassung zu sein. Allein Goethe war dieser Verbindung abgeneigt und blieb dem Gemahl seiner Nichte stets fremd. Ebenso wenig zog ihn der pietistische Geist und die beschränkte Prüderie jener Kreise, welche er beim Erscheinen seines Wilhelm Meister von neuem zu erfahren Gelegenheit hatte, „nach den nordischen Sumpf- und Wassernestern“, denen er „nichts Gutes zutraute“. Neue Lektionen dort persönlich entgegenzunehmen, fühlte er keinen Trieb.

   Auch Schlosser verließ damals den Oberrhein und siedele nach Ansbach über. Goethes Mutter heilt in Frankfurt standhaft aus, obwohl der Sohn bereits Vorbereitungen getroffen hatte, sie bei sich aufzunehmen. Auf sein Anraten verkaufte sie den wohl bestellten Weinkeller, die Bibliothek und wertvolle Gemäldesammlung, endlich auch das Haus und das entbehrliche Mobiliar und bezog ein schönes neues Quartier an der Hauptwache, das sie bald darauf, beim Bombardement 1796 nach Offenbach flüchtend, wieder verlassen musste; ihre Habseligkeiten hatte sie in feuerfeste Keller gerettet.

   Goethe selbst beschäftigte manchmal der Gedanke an die Möglichkeit, bei annähernder Gefahr emigrieren zu müssen, und wenn er dennoch mitten in bedrohlichen Zeitläufen mit emsiger Tätigkeit seinen Geschäften und Studien nachging, mochte er sich wohl mit jenem Bauer vergleichen, der während der Mainzer Belagerung im Bereich der Kanonen hinter einem Schanzkorb, den er von Stelle zu Stelle schob, ruhig sein Feld bestellte.

   Nach der Rückkehr von der Kampagne des Jahres 1793 war des Dichters nächste Beschäftigung, an den ‚Reinecke Fuchs’ die letzte Hand zu legen, so dass gegen den Winter der Druck beginnen konnte. „Es macht mir noch viel Mühe“, schreibt er am 18. November an Jacobi, „dem Vers die Aisance und Zierlichkeit zu geben, die er haben muss. Wäre das Leben nicht so kurz, ich ließe ihn noch eine Weile liegen; so mag es aber gehen, dass ich ihn loswerde.“ Er teilte Wieland die Handschrift zur Durchsicht mit und bat ihn, seine Verbesserungsvorschläge anzumerken. Wie sich erwarten ließ, fand J. H. Voß, als Hexameter-Fürst in großem Ansehen, an den Goetheschen Hexametern viel auszusetzen, und hätte in metrischem Rigorismus sie gern ebenso durchkorrigiert, wie er die ganze Iphigenie kritisch überarbeitete, um die deutschen Jamben den griechischen getreuer nachzubilden.

   Der Leitung des Theaters widmete Goethe auch ferner viel Zeit und Kräfte und wusste auch für diese untergeordnete Sphäre seiner Tätigkeit einen höheren Gesichtspunkt zu finden, wodurch diese Beschäftigung einen poetischen Reiz gewann. „Ich betrachtete“, äußert er, „das Theater als eine Lehranstalt zur Kunst mit Heiterkeit, ja als ein Symbol des Welt- und Geschäftslebens, wo es auch nicht immer sanft hergeht, und übertrug, was er Unerfreuliches haben mochte.“ Seitdem er mit Sinn und Neigung wieder auf das Bühnenwesen einging, war ihm sein Roman ‚Wilhelm Meister’ wieder näher getreten, hatte er doch selbst in Italien diese Dichtung stets als ein Gefäß, worin er einen Teil seiner Kunst- und Weltbetrachtungen niederzulegen gedachte, im Auge behalten. Seit 1791 begann er das Vorhandene gelegentlich u ordnen und zu überarbeiten. Er betrachtete es auf seinem jetzigen Standpunkt als seine Aufgabe, den früheren Entwurf, der sich allzu ausführlich in der Darstellung der dramatischen Kunst erging und zu sehr in den Kreisen des Schauspielerlebens verweilte, mehr zusammenzudrängen (er ward fast um ein Drittel verkürzt), damit dieser Teil der Lehrjahre des Helden nur als ein einzelnes Moment, als der Durchgangspunkt zu höherer Geistes- und Charakterbildung erschiene. Von dieser Basis aus führt daher der Roman in eine unendliche Stufenfolge menschlicher Bildung hinein. Aus des Dichters eigener Bildungsgeschichte ist die Idee des Romans entnommen. Es ist die Versöhnung der poetisch-phantastischen Auffassung des Lebens mit der Wirklichkeit, die Erziehung für die Welt. Der Held wird durch die Konflikte des Lebens hindurchgeführt, damit er durch sie lerne, sein Inneres mit den Bedingungen der Außenwelt, wenn auch mit manchen Entsagungen, in Harmonie zu setzen, und die Kraft gewinne, sich durch seine Tätigkeit für das Verlorene neue Lebensverhältnisse zu schaffen. Es ward daher dieser Roman, wie Faust, eine Produktion, die sich nicht in sich selbst abschließt, sondern immer vorwärts weist. Froh, über den Anfang hinaus zu sein, ließ Goethe, da der Verleger ihn drängte, 1794 den Abdruck des ersten Bandes vor sich gehen. Wegen der Fortsetzung war er nicht ohne Sorge; doch hoffte er, dass die Notwendigkeit der beste Ratgeber sein werde.

   Ungeachtet dieser umfangreichen Produktion fand er dennoch in diesen Jahren, deren hohe geistige Anspannung nur mit der italienischen Studienzeit verglichen werden kann, noch Muße für viele poetische Nebenarbeiten; er vermochte auch seine übrigen Geistesrichtungen zu verfolgen und den Geschäften, die ihm neben der Theaterleitung oblagen, die gewohnte Tätigkeit zu widmen. Diese Amtsgeschäfte zogen ihn oft nach Ilmenau und Jena hinüber, und es bewährte sich die frühere Erfahrung, dass er von diesen Ausflügen stets den besten Gewinn für Poesie und Wissenschaft heimbrachte.

   Nach Ilmenau riefen ihn mehrmals die Bergbauangelegenheiten, die ihm gemeinschaftlich mit dem Geheimrat von Voigt oblagen. An und für sich boten sie wenig Erfreuliches, da es sich mehr und mehr herausstellte, dass bei den beschränkten Mitteln von dem isoliert gewagten Unternehmen kein Gewinn zu erreichen sei, und nur durch neue Bewilligung von Zuschüssen ward verhindert, dass nicht das Bergwerk schon eher ins Stocken geriet, als bis der Stollenbruch von 1795 dem dortigen Bergbau ein Ende machte. Es ward jedoch unserm Dichter auch jetzt noch recht jugendlich wohl in dem stillen Tal zwischen den sanften Wald bewachsenen Höhen, besonders als er jetzt seinen Knaben dort mit sich herumführen konnte, „der diese Gegend mit frischem, kindlichen Sinn wieder auffasste, alle Gegenstände, Verhältnisse, Tätigkeiten mit neuer Lebenslust ergriff und viel entschiedener, als mit Worten hätte geschehen können, durch die Tat aussprach, dass dem Abgestorbenen immer etwas Belebtes folge, und der Anteil der Menschen an dieser Erde niemals erlöschen könne.“ Hier ward Wilhelm Meister fortgeführt, und man erkennt aufs Neue, wie das eigene Erlebnis den Einschlag zum Gewebe des Romans darbot; hier ward Hermann und Dorothea entworfen. Einen gleichen Dienst leisteten auch der Produktion des Dichters die von jetzt an häufig wiederkehrenden Badereisen nach Karlsbad und Teplitz.

   Zu den wissenschaftlichen Beziehungen, die Goethe seit Jahren mit den Lehrern der Universität Jena unterhielt, war jetzt auch ein innigeres, geschäftliches Band hinzugekommen. Bei dem einsichtsvollen Eingehen des Herzogs auf die Naturstudien ward es Goethes Verwaltung möglich, selbst bei nicht reichlich fließenden Mitteln, diesen Zweig der Universitätsstudien aus der Abhängigkeit von der medizinischen Fachwissenschaft zu befreien und die darauf bezüglichen Anstalten teils zu erweitern, teils neu zu gründen. Er ordnete und vergrößerte die naturhistorischen Sammlungen und ließ unter seiner Leitung 1794 den neuen botanischen Garten anlegen, der in dem kenntnisreichen, tätigen Professor Batsch einen trefflichen Vorsteher erhielt. Goethe bemühte sich überall selbst zu lernen und an Strebende sich anzuschließen; daher schämte er sich auch nicht als Lernender zu den Füßen der Meister zu sitzen. Regelmäßig wohnte er den Sitzungen der unter Batsch’ Leitung gebildeten naturforschenden Gesellschaft bei. Als er sich im Januar 1795 einige Wochen in Jena aufhielt, wanderte er, in Begleitung Meyers so wie der zur Zeit dort anwesenden Brüder Humboldt, in den frühen Morgenstunden, oft durch tiefen Schnee, zu dem Hörsaal des Hofrats Loder, der über Bänderlehre, einen höchst wichtigen Teil der Anatomie, Vorlesungen hielt. Zugleich wurden mit Göttling chemische Versuche angestellt. Als ein Beweis seiner Uneigennützigkeit verdient angeführt zu werden, dass er stets die Kosten seines Aufenthalts in Jena, auch wenn er zunächst durch amtliche Verhältnisse dorthin gerufen ward, aus eigenen Mitteln bestritt.

In Verbindung mit den jugendfrischen, kräftig emporstrebenden Talenten, welche sich damals auf der rasch empor blühenden Universität Jena sammelten, erhielt Goethe, was sein vorwärts strebender Geist im Verkehr mit den gealterten Freunden in Weimar seit langem entbehrt hatte, lebendige Anregung, und seinem Geist wuchsen neue Schwingen. War dies vielleicht das Gefühl, welches ihn antrieb, im Jahr 1795 ein Drama ‚der befreite Prometheus’ zu beginnen?

   In den Wochen, welche er im Januar 1795 mit Alexander von Humboldt, der schon von Bayreuth aus mit ihm einen naturwissenschaftlichen Briefwechsel unterhalten hatte verlebte, wurde das ganze Gebiet der Naturwissenschaft durchgesprochen, und Goethes morphologische Ansichten begegneten hier eine geistvollen anregenden Auffassung. Die vergleichende Anatomie nahm daher in seinen Studien wieder einen großen Raum ein. In seinem umfassenden Geist, der das Entlegenste durch die höhere Idee zusammenzuhalten vermochte, erheilt jede Einzelne klar geordnet seine Stelle; in ernster Gedankenfolge schließen sich in einem Brief an Schiller (26. Oktober 1796) den ästhetischen Erörterungen die Worte an: „Ich habe diese Tage die Eingeweide der Tiere näher zu betrachten angefangen, und wenn ich hübsch fleißig fortfahre, so hoffe ich diesen Winter diesen Teil der organischen Natur recht durchzuarbeiten.“ Da er den Brüdern Humboldt seine Ideen über vergleichende Anatomie und deren methodische Behandlung im Gespräch mitteilte, so ward er dringend aufgefordert, sie niederzuschreiben. Daraus entstand der „erste Entwurf einer allgemeinen Einleitung in die vergleichende Anatomie, ausgehend von der Osteologie“ (1795), worin er einen anatomischen Typus für den organischen Bau der Tiere aufstellte; zur Erläuterung schrieb er im folgenden Jahr „Vorträge über die drei ersten Kapitel des Entwurfs.“

   Über die gleichzeitige Beschäftigung mit den Problemen der Farbenlehre gibt uns Goethe in einem Brief an Jacobi vom 29. Dezember 1794 ein Bekenntnis, in welchem uns der hohe Ernst seines geistigen Strebens entgegen tritt: „Der Dir gesagt hat, ich habe meinen optischen Studien aufgegeben, weiß nichts von mir und kennt mich nicht. Sie gehen immer gleichen Schritts mit meinen übrigen Arbeiten, und ich bringe nach und nach einen Apparat zusammen, wie er wohl noch nicht beisammen gewesen ist. Die Materie, wie Du weißt, ist höchst interessant, und die Bearbeitung eine solche Übung des Geistes, die mir vielleicht auf keinem andern Weg geworden wäre. Die Phänomene zu erhaschen, sie zu Versuchen zu fixieren, die Erfahrungen zu ordnen und die Vorstellungsarten darüber kennen zu lernen, bei dem Ersten so aufmerksam, bei dem Zweiten so genau als möglich zu sein, beim dritten vollständig zu werden und beim Vierten vielseitig genug zu bleiben, dazu gehört eine Durcharbeitung seines armen Ichs, von deren Möglichkeit ich auch sonst keine Idee gehabt habe.“ Wenn er dabei die Klage über die Fachgelehrten wiederholt, so hat er doch namentlich von Sömmering zur rühmen, dass sein Eingreifen geistreich und selbst sein Widerspruch fördernd gewesen sei.

   Indes muss Goethe selbst eingestehen, dass durch diese wissenschaftlichen Beschäftigung ein Zwiespalt in seinem Dasein entstanden sei, indem die Anrechte, welche Poesie und Kunst geltend machten, sich mit jenen nicht ganz versöhnen ließen. Völlig ward er erst ausgeglichen, als sich mit dem Jahr 1794 das Verhältnis zu Schiller zu einer innigen Freundschaft gestaltete und jenen herrlichen Geistesbund zwischen den beiden größten Dichtern herbeiführte, der für die Entwicklung ihres Geistes und dadurch für unsere Literatur überhaupt von der folgenreichsten Bedeutung ward. In freudiger Erinnerung blickt Goethe auf jene Jahre zurück, als auf einen „neuen Frühling, in welchem alles froh nebeneinander keimte und aus aufgeschlossenen Samen und Zweigen hervorging.“ Werfen wir einige Rückblicke auf die vorangegangenen flüchtigen Berührungen beider Dichter1).

   Im Jahr 1787 verweilte Schiller zum ersten Mal in Weimar, damals schon ein gefeierter Dichtername und seit dem Erscheinen des Don Carlos auch über die Kreise hinaus, in denen die Räuber und verwandte Erzeugnisse des stürmenden Jugenddranges gezündet hatten. In den literarischen Zirkeln Weimars und bei den dortigen Notabilitäten, Herder und Wieland, fand er ein freundliches Entgegenkommen; Goethe war in Italien. Der scharfe Ton, mit dem er in seien Briefen an Körner Einzelheiten von Goethe erzählt, die einfach referierende Weise, womit er die aus Herders Mund in den wärmsten Ausdrücken hervorströmende Charakteristik mitteilt, beweisen hinlänglich, dass er Goethe nicht mit der Begeisterung eines Verehrers, nicht mit dem Verlangen, durch den Umgang mit ihm in eine neue Schule der poetischen Kunst zu kommen, entgegensah; vielmehr hatte er schon bei seinem Namen jene unheimliche Empfindung, wie sie nach seinem seltsamen Geständnis Brutus und Cassius dem Cäsar gegenüber gehabt haben müssten. In diese Zeit fiel die Rezension des Egmont. In dem Sommer 1788, wo Goethe aus Italien zurückkehrte, wohnte Schiller in Rudolstadt und dem nahen Volkstädt, beschäftigt mit der Bearbeitung der Geschichte des Abfalls der Niederlande und zugleich beglückt durch den Umgang in dem edlen Familienkreis der Frau von Lengefeld, deren jüngste Tochter Charlotte nachmals seine Lebensgefährtin ward. Am 7. September, einem Sonntag, traf Goethe, der in Begleitung von Herder und Frau von Stein zu einem Besuch bei dieser auch ihm befreundeten und ihn innig verehrenden Familie herübergekommen war, mit Schiller zusammen. Zu einer herzlichen Annäherung, wie die jungen Freundinnen gehofft hatten, konnten diese Stunden nicht führen. Schillers erste dramatische Werke, die letzten Nachklänge der Sturm- und Drangperiode unserer Literatur, waren Goethe zuwider, „weil ein kraftvolles, aber unreifes Talent gerade die ethischen und theatralischen Paradoxen, von denen er sich zu reinigen gestrebt, recht in vollem hinreißenden Strom über das Vaterland ausgegossen hatte.“ Wenn er auch anerkannte, dass der Dichter im Don Carlos sich bemüht habe, „sich zu beschränken, dem Rohen, Übertriebenen, Gigantischen zu entsagen“, so war er doch nach dem Läuterungsprozess, den seien Kunstansichten in Italien durchgearbeitet hatten, nicht fähig, sich mit dieser Dichtung zu befreunden. „Den redlichen und so seltenen Ernst“, so äußert er sich jedoch später offen gegen Schiller, „der in allem erscheint, was Sie geschrieben und getan haben, habe ich immer zu schätzen gewusst.“ Die Freundinnen erwarteten von Goethe freundlichere Worte der Anerkennung, von Schiller mehr Wärme in seinen Äußerungen; dieser aber stand damals im Zenit des jugendlichen Dichterstolzes, und wie er mit dem Selbstgefühl eines Marquis Posa vor Könige hingetreten wäre, so stand er auch jetzt als ein kalter, schweigsamer Beobachter im Bewusstsein geistiger Ebenbürtigkeit dem gefeierten Dichter gegenüber, dessen „erster Anblick schon die hohe Meinung, die man ihm von dieser anziehenden und schönen Figur beigebracht hatte, ziemlich tief herunter stimmte.“ – „Im Ganzen genommen“, äußert er in der bekannten Stelle an Körner, „ist meine in der Tat große Idee von Goethe nach dieser persönlichen Bekanntschaft nicht vermindert worden; aber ich zweifle, ob wir einander je sehr nahe rücken werden. Vieles, was mir jetzt noch interessanter ist, was ich noch zu wünschen und zu hoffen habe, hat seine Epoche bei ihm durchlebt. Sein ganzes Wesen ist schon von Anfang her anders angelegt, als das meinige, unsere Vorstellungsarten scheinen wesentlich verschieden. Indessen schließt sich aus einer solchen Zusammenkunft nicht sicher und gründlich. Die Zeit wird das Weitere lehren.“

   Als Schiller im November nach Weimar zurückgekehrt war, lebte er sehr zurückgezogen. Ob er gleich seinem Freund Körner mitteilt, dass Goethe „die Götter Griechenlands“ sehr günstig beurteilt habe und ihm an dessen Urteil viel liege, so suchte er ihn doch nur selten auf, und in den Worten „dieser Mensch, dieser Goethe, ist mir einmal im Weg, und er erinnert mich so oft, dass das Schicksal mich hart behandelt hat“, bricht wieder die Empfindung des Cassius hervor. Auch Goethe gesteht, Schiller gemieden zu haben und besonders durch Moritz, welcher den Winter 1788/9 bei ihm zubrachte, in der Abneigung gegen die schillersche Dichtung leidenschaftlich bestärkt worden zu sein. Dessen ungeachtet war er bemüht, Schiller im Weimarschen festzuhalten und betrieb in Gemeinschaft mit von Voigt, dass ihm nach Eichhorns Abgang eine außerordentliche Professur der Geschichte übertragen ward, wozu seine Geschichte des Abfalls der Niederlande eine ausgezeichnete Befähigung darzutun schien. Goethe machte selbst ihm Mut dazu und ermunterte den angehenden Dozenten der Geschichte mit dem ‚docendo discitur’. Schiller trat im Frühling 1789 sein Amt an und führte im nächsten Jahr seine Charlotte heim. Es folgten die glücklichen Jahre der tieferen Durchbildung, der Läuterung und Reise seines Geistes.

   Im Herbst erheilt Schiller einen Besuch von Goethe, der von Dresden kam, wo er Körners Bekanntschaft gemacht und sich viel mit ihm über Kunst und Kantische Philosophie unterhaltne hatte. Diese war auch der Gegenstand seiner Unterredung mit Schiller, dem dabei „interessant war, wie er alles in seiner eigenen Manier kleide und, was er lese, überraschend zurückgebe.“ Sie führte noch zu keiner Annäherung. Schiller gefiel die Goethesche Philosophie nicht: „Sie holt zu viel aus der Sinnenwelt, wo ich aus der Seele hole“ – „aber“, fügt er doch anerkennend hinzu, „sein Geist wirkt und forscht nach allen Direktionen, und strebt sich ein Ganzes zu erbauen, und das macht mir ihn zum großen Mann.“ Goethe schien aufs Neue eingesehen zu haben, dass eine „ungeheure Kluft zwischen ihren Denkweisen klaffte“ und „an keine Vereinigung zu denken“ sei. Die Kantsche Philosophie, welche Schiller mit Freuden in sich aufnahm, „entwickelte das Außerordentliche, was die Natur in sein Wesen gelegt, und er, im höchsten Gefühl der Freiheit und Selbstbestimmung, war undankbar gegen die große Mutter, die ihn gewiss nicht stiefmütterlich behandelte. Anstatt sie als selbstständig, lebendig vom Tiefsten bis zum Höchsten gesetzlich hervorbringend zu betrachten, nahm er sie von der Seite einiger empirischen menschlichen Natürlichkeiten.“ Diesen Gegensatz sprach Schillers Abhandlung über Anmut und Würde deutlich aus, und wenn er dort das Genie als Günstling der Natur gegen die durch Anstrengung erworbene Kraft des Geistes mit einigen bittern Seitenbemerkungen herabsetzt, so waren diese Worte unstreitig direkt gegen Goethe gerichtet. Es blieb daher auch das Zureden gemeinschaftlicher Freunde, unter andern Dalbergs, der Schiller sehr hoch schätzte, vergeblich. Die beiden großen Geister mussten sich im rechten Zeitpunkt selbst finden.

   Schiller bereitete 1794 die Herausgabe der Horen vor, einer Zeitschrift, welche, der Geschichte, Philosophie und schönen Literatur gewidmet, die vorzüglichsten Schriftsteller Deutschlands vereinigen sollte. Auf das zur Mitwirkung einladende Schreiben antwortete Goethe unterm 24. Juli mit freundlicher Zusage und sprach die Hoffnung aus, es werde eine nähere Verbindung mit so wackern Männern, wie die Unternehmer seien, manches, das bei ihm ins Stocken geraten sei, wieder in einen lebhaften Gang bringen. Im Juli kam Goethe nach Jena, und es dürfte erst um diese Tage das von Goethe erzählte, folgenreiche Zusammentreffen in Batsch naturforschender Gesellschaft zu verlegen sein, indem die Briefe an Körner diese Juli-Unterhaltungen als den ersten offenen Gedankenaustausch, als die erste Mitteilung der Hauptideen, zwischen denen sich eine unerwartete Übereinstimmung gefundne habe, bezeichnen. Aus den obigen Angaben wissen wir schon, dass es nicht, wie Goethes Worte schließen lassen, das erste Mal war, wo sie auf dem Gebiete des philosophischen Denkens ihre Ansichten einander mitteilen.

   Aus einer Sitzung der naturforschenden Gesellschaft gingen sie („zufällig“ ?) beide zugleich heraus; ein Gespräch knüpfte sich an, und Schiller bemerkte unter anderem, „wie eine so zerstückelte Art die Natur zu behandeln, den Laien, der sich gern darauf einließe, keineswegs anmuten könne.“ Hiermit berührte er den Angelpunkt der Naturbetrachtung Goethes, der darauf erwiderte: „Dass es wohl noch eine andere Weise geben könne, die Natur nicht gesondert und vereinzelt vorzunehmen, sondern sie wirkend und lebendig, aus dem Ganzen in die Teile strebend, darzustellen.“ Goethe ward dadurch veranlasst, seine morphologischen Theorien auseinander zu setzen, und fühlte sich durch das Gespräch so lebhaft angezogen, dass er Schiller auf sein Zimmer folgte, wo die Ideenentwicklung nach den beiderseitigen verschiedenen Gesichtspunkten fortgesetzt ward. Man sah jetzt nicht mehr bloß die Linien, die sie trennten, sondern mehr die Beziehungen, die zwischen ihren Standpunkten obwalteten, das Ziel, worin ihre verschiedenen Wege zusammentrafen. Es war die künstlerische Produktivität, welche die Radien ihres Wesens um einen Mittelpunkt vereinigte. Sie zog Schiller aus den ideellen Regionen der Spekulation und lehrte ihn die reelle Welt mit Liebe ergreifen; sie schützte Goethe gegen mikrologisches Hingeben der Aufmerksamkeit an die äußeren Gegenstände und ließ ihn den innern Menschen wieder mit mehr Wärme erfassen. Jeder hob daher und stärkte die Dichterkraft des anderen, und es gilt von der ganzen Zeit ihrer Freundschaft, was Schiller von jenen ersten Gesprächen sagt: „Ein jeder konnte dem andern etwas geben, was ihm fehlte, und etwas dafür empfangen.“ Goethe äußerte in einem Brief an Meyer über das Zusammensein mit Schiller, er habe lange nicht solch einen geistigen Genuss gehabt, wie in jenen Tagen, und erwiderte Schillers freundschaftliche Worte mit dem Geständnis, dass auch er von den Tagen jener Unterhaltungen an eine Epoche rechne.2)

   Nach der Rückkehr von einem Ausflug nach Dessau erhielt Goethe von Schiller einen tief eingehenden Brief, „worin dieser mit freundschaftlicher Hand die Summe seiner Existenz zog“ und Goethe den Beweis gab, dass seine Eigentümlichkeit als solche nicht nur von Schiller begriffen, sondern auch anerkannt sei. „Sie suchen“, sagt Schiller, „das Notwendige der Natur, aber sie suchen es auf dem schwersten Weg, vor welchem jede schwächere Kraft sich wohl hüten wird. Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um über das Einzelne Licht zu bekommen; in der Allheit ihrer Erscheinungsarten suchen sie den Erklärungsgrund für das Individuum auf. Von der einfachen Organisation steigen Sie Schritt vor Schritt zu der mehr verwickelten hinauf, um endlich die verwickeltste von allen, den Menschen, genetisch aus den Materialien des ganzen Naturgebäudes zu erbauen. Dadurch, dass sie ihn der Natur gleichsam nacherschaffen, suchen Sie in seine verborgene Technik einzudringen: Eine große und wahrhaft heldenmäßige Idee, die zur Genüge zeigt, wie sehr Ihr Geist das reiche Ganze seiner Vorstellungen in einer schönen Einheit zusammenhält.“ Mit eben derselben Klarheit und Selbsterkenntnis zeichnet Schiller in dem folgenden Brief, auf Goethes Veranlassung, sein eigenes Wesen, die Mischung von Reflexion und Phantasie, so dass ihn „der Poet übereilte, wo er philosophieren sollte, und der philosophische Geist, wo er dichten wollte.“ Das schönste Los, meinte er, würde ihm noch zu Teil werden, wenn er diese beiden Kräfte insoweit Meister werden könne, dass er einer jeden mit Freiheit ihre Grenzen zu bestimmen vermöge. Goethe übersandte an Schiller einen Aufsatz, worin er die Erklärung der Schönheit, dass die Vollkommenheit mit Freiheit sei, auf organische Naturen anwandte; Schiller teilte ihm das Manuskript seiner Abhandlung über das Erhabene mit. „Über alle Hauptpunkte, sehe ich“, konnte Goethe jetzt erwidern, „sind wir einig, und was die Abweichungen der Standpunkte, der Verbindungsart, des Ausdrucks betrifft, so zeugen diese von dem Reichtum des Objekts und der ihm korrespondierenden Mannigfaltigkeit der Subjekte.“

   Am 13. September kam Schiller auf Goethes dringende Einladung nach Weimar und wohnte vierzehn Tage bei ihm. „Jeden Augenblick“, schreibt Schiller an Körner, „wo ich zu irgendetwas aufgelegt war, habe ich mit Goethe zugebracht, und es war meine Absicht, die Zeit, die ich bei ihm zubrachte, so gut als möglich zur Erweiterung meines Wissens zu benutzen… Ich bin sehr mit meinem Aufenthalt zufrieden, und ich vermute, dass er sehr viel auf mich gewirkt hat.“ Dies waren die ersten jener gedankenreichen „Konferenzen“, die seitdem abwechselnd in Weimar und Jena gehalten wurden und oft einen Wilhelm und Alexander von Humboldt und andere ausgezeichnete Männer jener großen Literaturepoche zu Genossen hatten. Der Briefwechsel, so reichhaltig er ist, bringt doch nur Fragmente, die auf das schöne Ganze dieser Unterhaltungen schließen lassen.

   Schiller ward durch die Herausgabe der Horen, Goethe durch die Bearbeitung des Wilhelm Meister in den nächsten Jahren in der höchsten Anspannung der produktiven Kräfte gehalten. Die ersten beiden Bücher des Wilhelm Meister sah Schiller erst im Abdruck, die folgenden begleitete er schrittweise mit seiner ratenden Kritik, deren Forderungen Goethe durch mehrere Änderungen Genüge zu tun suchte; über manche Bücher wurden förmliche Konferenzen gehalten. Die Bewunderung, womit Schiller diesen Roman aufnahm, das Lob, das er allen einzelnen Teilen desselben, selbst denen, die den Helden in niederer Sphäre des Lebens sich bewegen lassen, spendet, ist ein Zeugnis, dass Schiller die Einseitigkeit seiner idealen Natur überwunden hatte und mit dem Ausspruch: „Sobald mir einer merken lässt, dass ihm in poetischen Darstellungen irgendetwas näher anliegt, als die innere Notwendigkeit und Wahrheit, so gebe ich ihn auf“, den engherzigen moralischen Standpunkt der Jacobischen Kritik auf der jetzt gewonnenen Stufe seiner ästhetischen Ansicht von sich wies. Schon der erste Teil, worin die Schilderung der lockeren Schauspielerwirtschaft manchen Anstoß erregte, hatte, wie er an Körner Schreibt, seine Erwartungen weit übertroffen. „Es gibt wenig Kunstwerk, wo das Objektive so herrschend ist – die lebendigste Darstellung der Leidenschaft abwechselnd mit dem ruhigsten, einfachsten Ton der Erzählung“, was ihm die Äußerung abnötigt, dass der Dichter der einzige wahre Mensch, und der beste Philosoph nur eine Karikatur gegen ihn sei. Dies Entzücken steigt mit dem Fortgang des Romans: „Er möchte mit dem nicht gut Freund sein, der diesen nicht zu schätzen wüsste.“ In diesen Anteil stimmen Körner und die Humboldt ein; das war der Freundeskreis, in dem Goethe jetzt seine Welt sah, der ihm die lebendige Stärkung seiner Dichterkraft zurückgab und für manche unfreundliche Stimmend es Publikums, unter die sich auch das Anathema Schlossers, Stolbergs und Jacobis mischte, bei denen nur die „Bekenntnisse einer schönen Seele“ Gnade fanden, einen hinreichenden Ersatz gab.

   Im Sommer 1796 brachte endlich Goethe, zuletzt fast ermüdet von den Anstrengungen, welche die letzten Bücher des Romans ihm gekostet hatten, das Werk zum Abschluss, ließ jedoch „Verzahnungen“ stehen, die auf künftige Fortsetzung deuteten. Schiller rechnete es zu dem schönsten Glück seines Daseins, dass er die Vollendung dieses Produkts erlebe, dass sie noch in die Periode seiner strebenden Kräfte falle und er noch aus dieser reinen Quelle schöpfen könne. Das Verhältnis der Freunde und ihr inniges Verständnis spricht sich am schönsten in den Worten Schillers aus. „Ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie sehr mich die Wahrheit, das schöne Leben, die einfache Fülle dieses Werkes beengte [bewegte?]. Die Bewegung ist zwar noch unruhiger, als sei sein wird, wenn ich mich desselben bemächtigt habe, und das wird dann eine wichtige Krise meines Geistes sein; sie ist aber doch der Effekt des Schönen, nur des Schönen, und die Unruhe rührt bloß davon her, weil der Verstand die Empfindung noch nicht hat einholen können. Ich verstehe Sie nun ganz, wenn Sie sagten, dass es eigentlich das Schöne, das Wahre sei, was Sie oft bis zu Tränen rühren könne. Ruhig und tief, klar und doch unbegreiflich, wie die Natur, so wirkt es, und so steht es da, und alles, auch das kleinste Nebenwerk, zeigt die schöne Klarheit, Gleichheit des Gemüts, aus welchem alles geflossen ist.“

   Um Schiller bei der Herausgabe der Horen und des demnächst hinzutretenden Musenalmanachs behilflich zu sein, ward Goethe veranlasst, manches Ältere hervorzusuchen und zu redigieren, sowie durch kleinere Dichtungen sich von der Arbeit am Roman eine Ausspannung zu gewähren. Die römischen Elegien erschienen in den Horen, eine Auswahl von Epigrammen der letzten Jahre, mit den venezianischen zu einem Zyklus verbunden, brachte der Musenalmanach. Auch die Episteln, welche eine größere Folge anmutiger Lehrdichtung eröffnen sollten, wurden dadurch hervorgerufen, und die Elegien fortgesetzt. Alexis und Dora, ein reizendes lyrisch-idyllisches Gemälde, ursprünglich daher Idylle überschrieben, tritt schon an den Eingang zur epischen Dichtung, zu der er sich jetzt mehr als zur dramatischen hingezogen fühlte. Hero und Leander lag ihm eine Zeit lang im Sinn, ward aber durch Hermann und Dorothea verdrängt. Vossens Überarbeitung der Luise, seine Übersetzung der Ilias hielt er sehr hoch. Es war ihm sehr erfreulich, den „wackern, liebenswürdigen Mann, dem es strenger Ernst ist um das, was er tut“, bei dessen Besuch in Weimar kennen zu lernen, und die Grundsätze, nach denen er arbeitete, aus seinem Mund zu vernehmen. Bei mehreren Abendversammlungen der gelehrten Freitagsgesellschaft, die sich in seinem Haus versammelte, las er die Ilias in so schönem Vortrag vor, dass Humboldt und Böttiger mit Entzücken von diesen genussreichen Stunden sprechen. Daher fühlte er sich zu einem ähnlichen Versuch der Nachdichtung homerischer Gedichte angetrieben und übersetzte den Hymnus auf Apollo, den die Horen anonym brachten.

   Die Erzählungen deutscher Ausgewanderten3) kamen durch die Horen ebenfalls wieder in Fluss und gestalteten sich zu einem Novellenkranz, der durch die Unterhaltungen der Gesellschaft zusammengehalten ward. Ein Teil fließt aus ältern Novellenstoffen, andere sind freie Erfindungen des Dichters. An vier gespenstische und mysteriöse Erzählungen reihen sich zwei moralischen Inhalts, unter denen die Geschichte vom Prokurator dem Dichter am längsten im Sinn gelegen zu haben scheint. Den Schluss macht „das Märchen“ von der Erlösung der verzauberten Lilie, eine meisterhafte Dichtung, in der die beweglichste Phantasie mit symbolischen Rätseln heiter spielt, doch voll tiefen Sinnes, dessen Deutung damals wie jetzt den Auslegern viel zu schaffen gemacht hat. Es scheint mit Goethes politischen Ansichten zusammenzuhängen und den Grundgedanken durchzuführen, dass die echte Freiheit nur unter einer weisen Regierung gedeihen könne.

   Mit der Produktivität gingen die theoretischen Erörterungen Hand in Hand. Über das Wesen der künstlerischen Komposition und die Grenzen der Dichtungsarten ward viel zwischen beiden Dichtern verhandelt; die schönste Frucht dieser ästhetischen Erörterungen ist Schillers Abhandlung über naive und sentimentalische Dichtung. Goethe übersetzte für die Horen den „Versuch über die Dichtungen“ von Frau von Stael, zu welchem Schiller eine Beigabe von Anmerkungen und Abhandlungen hinzuzufügen beabsichtigte, was nicht zur Ausführung kam.

   In Betreff der kunstgeschichtlichen Studien war ihm Meyer als kenntnisreicher Freund zur Seite, mit dem er 1794 nach einem Ausflug nach Dessau im Genuss der Dresdener Gemäldegalerie „schwelgte“. Im Oktober 1795 reiste Meyer nach Italien, und auch Goethes Sinn stand dorthin. Er hoffte ihm im nächsten Jahr dorthin folgen und nicht nur den Werken der Kunst, sondern auch dem Land und der nationalen Kultur des älteren und des neueren Italiens ein umfassendes Studium widmen zu können, weshalb er sich noch durch eine längere gründliche Vorbereitung zu dieser Aufgabe zu befähigen unternahm. Als sich jedoch im Sommer 1796, wo die Reise vor sich gehen sollte, die Fluten des Revolutionskrieges auch über Italien ergossen, musste er die Hoffnung aufgeben, und was er damals ahnte, dass sie damit für immer vernichtet sei, erfüllte sich; er betrat Italiens Boden nicht wieder. „Was ich noch an Kultur bedarf“, schrieb er an Schiller, „konnte ich nur auf jenem Weg finden; was ich vermag, konnte ich nur auf jene Weise nutzen und anwenden, und ich war sicher, in unsern engen Bezirk einen großen Schatz zurückzubringen, bei welchem wir uns der Zeit, die ich entfernt von Ihnen zugebracht hätte, künftig doppelt erfreut haben würden.“ Die Vorstudien waren indes nicht ohne Gewinn. Er arbeitete sich aufs Neue in die Werke Palladios hinein und war erfüllt von Bewunderung für das Genie, den Reichtum und die Grazie dieses außerordentlichen Künstlers. Durch die Beschäftigung mit florentinischer Kunstgeschichte wurde er zu der Selbstbiographie des Benvenuto Cellini geführt und von dem „naiven Detail eines bedeutenden Lebens“ so lebhaft angezogen, dass er im Februar 1796 eine Übersetzung derselben begann, welche nach und nach bruchstückweise in die Horen eingerückt und 1803, mit kunst- und kulturgeschichtlichen Erläuterungen vervollständigt, herausgegeben ward.

   Unterdessen wurde in der Werkstatt der beiden Dichter ein poetisches Feuerwerk vorbereitet, das im Sommer 1796 leuchtend und zündend über die deutsche literarische Welt daherfuhr4). Schiller war verdrießlich über die Kälte und das Misswollen, womit seine unter so großen Erwartungen begonnene Zeitschrift aufgenommen und in elenden Kritiken heruntergerissen wurde. Goethe hatte ebenfalls von der Gleichgültigkeit und Beschränktheit es größeren Publikums so viel zu erdulden, dass es ihm nicht zu verargen war, wenn er es mit Verachtung behandelte. Er gab Schiller den Rat, alles, was gegen die Horen gesagt worden, zusammenzusuchen und beim Jahresschluss ein literarisches Gericht zu halten. Als er darauf zufällig im Dezember 1795 über die Xenien des Martial geriet, (einen Zyklus von Epigrammen in einzelnen Distischen, deren jedes eins der Leckerbissen, welche von nah und fern auf die römische Tafel gebracht wurden, bespricht,) kam ihm der Einfall, auf alle deutschen Zeitschriften Epigramme in dieser schlagenden Kürze zu machen und im nächsten Musenalmanach zu veröffentlichen. Als Probe übersandte er Schiller sogleich ein Dutzend solcher deutschen Xenien. Dieser ergriff den Gedanken mit Freunde und wünschte sie zu einem allgemeinen kritischen Gericht zu erweitern. Bei Goethes mehrmaligem Aufenthalt in Jena in der ersten Hälfte des Jahre 1796, wo ihm die Beendigung des Wilhelm Meister als Hauptaufgabe vorlag, wurden die Epigramme mit frischer Lust und Laune in freundschaftlichem Wetteifer, wobei oft der eine die Idee, der andere die Form an die Hand gab, in rascher Folge produziert. Auch während der Zeit der Trennung wanderten die Xenien-Kollationen hin und her. Immer mehr erweiterte sich der Plan über die anfängliche Tendenz hinaus. Jeder geistreiche Einfall ward in einem Monodistichon fixiert, und außer den satirischen Invektiven wurden auch ernste Lebensansichten und ästhetische Maximen in die gedrängte körnige Form gefasst. Diese letzteren wuchsen nach und nach zu solcher Zahl an, dass sie für die Epigramme des Hasses und Zorns eine zu gute Gesellschaft zu sein schienen. Goethe stimmte daher gern dem Wunsch seines Freundes bei, die „unschuldigen und gefälligen“ Xenien, in verschiedene Gruppen verteilt, unter die übrigen Gedichte des Almanachs zu stellen und die satirischen unter der Bezeichnung Xenien als Schluss anzuhängen. Übrigens ward der Grundsatz festgehalten, „sich so ineinander zu verschränken, dass sie niemand ganz auseinander scheiden und absondern solle.“ Unter den Epigrammgruppen trägt nur die „Eisbahn“ (jetzt in Goethes vier Jahreszeiten der „Winter“) die alleinige Chiffre G. Die übrigen unter den Aufschriften Votivtafeln, Vielen, Einer sind mit G. und S. unterzeichnet. Über das Eigentumsrecht, das sie anfänglich für ewige Zeiten auf sich berühren lassen wollten, haben sie zum Teil durch Aufnahme in die Sammlungen ihrer Gedichte entschieden, wobei jedoch vier Epigramme von beiden in Anspruch genommen und ohne Zweifel einige Schillersche Distichen zur Vervollständigung des Goetheschen Zyklus der vier Jahreszeiten verwandt worden sind; mehrere der treffendsten Epigramme haben nachmals in den Werken der beiden Dichter kein Unterkommen gefunden. Die eigentlichen Xenien, etwas über vierhundert Monodisticha, greifen ohne Schonung schlechte Zeitschriften, mittelmäßige Dichter und Schriftsteller, anmaßende Wortführer des Tages an, welche offen oder versteckt die beiden Meister gereizt hatten, unter andern Nicolai, Manso, Kapellmeister Reichardt, Friedrich Leopold von Stolberg. Schlagend trifft nach allen Seiten der geistvolle Witz dieser scharf gespitzten Epigramme; sie durchstreifen die verschiedenartigsten Gebiete der Wissenschaft und der Literatur und decken die Schwächen und Erbärmlichkeiten an Büchern und an den falschen Notabilitäten der Autorenwelt auf. In den meisten Fällen ist es das offene Urteil einer gereiften, durchgebildeten, ästhetischen Kritik, die das Schlechte beim rechten Namen nennt; nur in einzelnen Fällen hat persönliche Gereiztheit zu Ungerechtigkeiten verleitet. Die schärfsten Angriffe rühren von Schiller her, der im Hasen und Verachten energischer war, als Goethe, obwohl man diesem bei dem ganzen Handle die Rolle des Verführers zuschrieb. Von einem Ende Deutschlands zum andern erhob sich ein gewaltiger Lärm. Selbst die weimarschen Freunde, Wieland, Herder, Knebel, wenngleich nicht durch verletzende Erwähnungen gereizt, verhehlten ihren Verdruss nicht, und sogar der in eigenen Angelegenheiten so rücksichtslose Polemiker Voß, dessen in allen Ehren gedacht war, ward sentimental. Seufzend schrieb der alte Gleim: „Auf unserm Helikon wie war’s einmal so schön.“

   Die Presse geriet bald nach dem Erscheinen des Almanachs (gegen den Anfang des Oktobers) in Bewegung, um den Angriff abzuwehren und den Darbringern der Xenien die Bitterkeiten zurückzugeben. Im Beginn des Jahres 1797 sind die Zeitschriften voll von Aufsätzen über die Xenien, und gegen Goethe und Schiller folgt eine Schmähschrift der andern; es sind die Fluten in Goethes „Zauberlehrling“. Nicolai schrieb ein ganzes Buch gegen die Xenien, und aus den Titeln der Repliken „Gegengeschenke an die Sudelköche in Jena und Weimar“ (von dem Gift geschwollenen Manso), „Ochsiade“ und dergleichen, mag man schon auf die Urbanität schließen, womit man die Wiedervergeltung übte. Die beiden Dichter, der erwarteten Wirkung froh, ließen in olympischer Ruhe das Unwetter vorüberziehen und antworteten nur durch neue Meisterwerke. „Es ist lustig zu sehen“, schreibt Goethe an Schiller, „was diese Menschenart eigentlich geärgert hat, was sie glauben, dass einen ärgert, wie schal, leer und gemein sie eine fremde Existenz ansehen, wie sie ihre Pfeile gegen das Außenwerk richten, wie wenig sie nur ahnen, in welcher unzugänglichen Burg der Mensch wohnt, dem es nur irgend Ernst um sich und um die Sachen ist.“

Ü   Þ


1) Die zuverlässigsten Angaben, so kurz sie auch sind, findet man in Schillers Briefen an Körner (1847. 4. Tle.). Goethes spät geschriebener Aufsatz ‚Erste Bekanntschaft mit Schiller’ enthält einige Gedächtnisfehler, namentlich den, dass die vorangehenden Berührungen in Weimar und Jena ganz geleugnet werden, da doch z.B. Goethe auf der Rückreise von Dresden bei Schiller einkehrte und mit ihm philosophische Unterhaltungen hatte, die ihm gerade beweisen mochten, dass der Zeitpunkt für ein innigeres Aneinanderschießen noch nicht gekommen sei. Auch ist dort die Abneigung gegen Schillers Jugendwerke zu sehr in den Vordergrund geschoben. ­

2) Die Hauptquelle ist für das Folgende: Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe etc. 6 Bde. 1828. 29; ferner Goethes „Annalen“ oder „Tags- und Jahreshefte“, welche von diesem Zeitpunkt an mit größerer Ausführlichkeit verfasst sind. – Möchte zur Freude aller Verehrer unserer beiden größten Dichter der Plan der Ausführung kommen, ihre Doppelstatue (mit verschlungenen Händen) in Weimar aufzustellen! Das ist etwas, woran das deutsche Nationalbewusstsein sich wieder aufrichten kann. Oder werden wir, wie bei dem Herder-Denkmal, England und Amerika die Ehre überlassen, den größten Teil der Kosten zu decken? ­

3) Über die Unterhaltungen der Ausgewanderten, wie über das damit verbundene „Märchen“ s. Düntzer a.a.O. S. 13 ff. ­

4) Über Goethes Anteil an den Xenien und überhaupt an den Epigrammen des Musenalmanachs s. meinen Aufsatz in Prutzes literarhistorischem Taschenbuch auf 1846, S. 447 ff. Die vollständigste Erläuterung der Xenien und die beinahe erschöpfende Nachweisung über alles, was in Beziehung zu den Goethe-Schillerschen Epigrammen steht, gibt das gründliche, fast allzu gründliche Werk von Eduard Boas: Schiller und Goethe im Xenienkampf, 1851. 2 Teile. ­

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