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Homepage Literatur Johann Wolfgang von Goethe Biografien Schaefer - Goethes Leben Inhalt Erster Band Vorrede Kindheit und Jugend 1749 - 1765 1765 - 1768 1768 - 1771 1771 - 1773 1744 1775 Weimarsche Lehrjahre 1776 1777, 1778 1779 1780, 1781 1782 1783 - 1786 Zweiter Band Widmung Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche 1786 - 1788 1788 - 1791 1792, 1793 1794 - 1796 1797 - 1799 1799 - 1805 Goethe im Alter 1806 - 1813 1813 - 1819 1820 - 1825 1826 - 1832 Beilagen I. Charlotte von Stein II. Rede weißer Falkenordens III. Vermächtnis j. Nachwelt Schlusswort |
3. Kapitel: 1792, 1793Als Goethe an der Seite der Herzogin Amalie in Venedig verweilte, hatte sich der dort residierende französische Gesandte, Marquis von Bombelles aufs zuvorkommendste bemüht, der Fürstin durch seinen Einfluss zu manchem, was Fremden sonst verschlossen ist, Zutritt zu verschaffen und ihr durch heitere, Sinn und Geschmack erfreuende Feste den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Als sie sich nach zwei Jahren auf dem unheilvollen Rückzug der Alliierten wieder zusammenfanden, der Marquis unter den Emigrierten, äußerte dieser mit Wehmut, wie ihm schon damals, als er seine edlen Gäste mit scheinbarer Heiterkeit unterhielt, der Wurm am Herzen genagt und er die Folgen dessen, was in seinem Vaterland vorgehe, vorausgesehen habe. Goethe war in ähnlichem Fall1). Mit dem Abschluss des Tasso und den venezianischen Epigrammen scheidet die alte Zeit, in der sich der Dichtergeist mit einem innigen Gemütsleben oder den Bildern einer heiter genießenden Menge beschäftigt. Die düstere Ahnung der Auflösung der sozialen Verhältnisse steigt im Groß-Cophta gespenstisch empor, und bald folgten, erschütternd und überwältigend, Schlag auf Schlag die Revolutionsbegebenheiten, welche die Blicke aller nach Frankreich zogen. Goethe, der sein Leben der Betrachtung ruhiger, sittlicher Zustände und naturgemäßer Entwicklung gewidmet hatte, der in der Harmonie der Kunstschöpfungen und der Organisation der Gebilde der Natur für sein Denken einen Mittelpunkt gefunden hatte, in den alle Radien seiner vielseitigen Bestrebungen zusammenliefen, war solchen inhaltsschweren, die alt gewohnten Formen schonungslos zertrümmernden Weltereignissen nicht gewachsen. Das Einzelne empörte seinen sittlichen Sinn; er fürchtete die Auflockerung aller sittlichen Bande, das Verschwinden der Ehrfurcht vor dem Großen und Hohen. In dem Streben des Volks nach Anteil an der Regierung sah er nur das Werk ehrsüchtiger, die Leidenschaften der Menge missleitender Demagogen. „Einem tätigen, produktiven Geist“, so erklärt er sich nachmals darüber, „einem wahrhaft vaterländisch gesinnten und einheimische Literatur befördernden Mann wird man es zugute halten, wenn ihn der Umsturz alles Vorhandenen schreckt, ohne dass die mindeste Ahnung zu ihm spräche, was denn Besseres, ja nur anderes daraus erfolgen solle.“ Noch klarer äußert er sich über seinen damaligen Standpunkt im Vergleich mit seiner späteren Ansicht in den Gesprächen mit Eckermann: „Es ist wahr, ich konnte kein Freund der französischen Revolution sein; denn ihre Gräuel standen mir zu nahe und empörten mich täglich und stündlich, während ihre wohltätigen Folgen damals noch nicht zu ersehen waren. Auch konnte ich nicht gleichgültig dabei sein, dass man in Deutschland künstlicher Weise ähnliche Szenen herbeizuführen trachtete, die in Frankreich Folge einer großen Notwendigkeit waren. Ebenso wenig war ich ein Freund herrischer Willkür. Auch war ich vollkommen überzeugt, dass irgendeine große Revolution nie Schuld des Volkes ist, sondern der Regierung. Revolution sind ganz unmöglich, sobald die Regierungen fortwährend wach sind, so dass sie ihnen durch zeitgemäße Verbesserungen entgegenkommen und sich nicht so lange sträuben, bis das Notwendige von unten her erzwungen wird.“ Wegen der in diesen Worten deutlich bezeichneten Stellung, welche Goethe den Revolutionsbewegungen gegenüber einnahm, mag nun ein jeder nach seiner Parteimeinung entweder ihm beipflichten oder, wie der neueste Liberalismus gewohnt ist, ihn darüber mit Vorwürfen überhäufen, dass er dem Geist der neuen Zeit, der über den Trümmern und Leichen seinen Einzug hielt, nicht hoffnungsreich entgegenjauchzte; uns kann es nur bei der historischen Auffassung seines individuellen Bildungsganges darauf ankommen, im Einzelnen nachzuweisen, wie die Zeitereignisse ihn ergriffen, wie er sie nach und nach in seinem Geist bewältigte und verarbeitete, wie sich dieser Stoff an Lebenserfahrungen in seinen dichterischen Produktionen gestaltet hat. Von vornherein müssen wir den Vorwurf zurückweisen, als habe Goethe teilnahmslos den Ereignissen den Rücken gewandt und sie gegen die Geschicke der Menschheit gleichgültig gewesen. Wenn er auch, um aus Unmut und Sorge sich zu retten, in Kunst und Wissenschaft ein Asyl suchte, „sich an diese Studien, wie an einen Balken im Schiffbruch festklammerte“ und in Betrachtung des Dauernden einer hohen Kultur und der ewigen Gesetze der Natur sich über die beengende Wirklichkeit der schwankenden, zerstörenden Gegenwart erhob: So treten doch auch alle die brennenden Zeitfragen, von denen Europa ergriffen ward, in den Bereich seines Denkens ein. Jedoch hält seine politische Ansicht an der früheren Baiss fest, und nur wer in der Täuschung befangen ist, als ob Götz und Egmont einer abstrakten Freiheitsschwärmerei das Wort redeten, kann Goethes spätere Äußerungen für einen Abfall von der Überzeugung der früheren Lebensepoche halten. Seinen Hass gegen Willkürhandlungen der Regierungen, gegen das Unheil eines verderbten aristokratischen Regiments, gegen Rechtverletzungen und jesuitische Intrigen spricht Goethe wiederholt und eindringlich aus. Dagegen hat er kein Vertrauen zu der Teilnahme der Masse an der Regierung und sieht dadurch nur Tyrannei und Willkür in anderen Formen wiederkehren.
Goethes politische Ansicht ist daher keineswegs ein Parteistandpunkt und eben deshalb fern von Leidenschaft. Ihm war im Beginn des Feldzugs gegen Franreich der wütende Franzosenhass des deutschen Junkertums ebenso unleidlich, wie die Deklamationen der Demagogen. Seiner innersten Natur nach ein Feind alles Maßlosen, verbarg er sich nicht die Gebrechen des alten Staats. Die Missbräuche des geistlichen Regiments hatte er in Italien mit eigenen Augen angeschaut, in das Verderbnis der Aristokratie hatte ihn der Halsbandprozess blicken lassen. Auf diesem Boden erwuchs sein Groß-Cophta, auf diesem sein politischer Roman ‚die Reisen der Söhne des Magaprazon’, welcher gleichzeitig mit jenem Drama im Jahre 1791 begonnen ward. Goethe legte diesem Roman2), von dem wir nur einen Teil des Plans und einige ausgeführte Kapitel besitzen, den Pantagruel des Rabelais zugrunde; es schien die märchenhaft humoristische Form die geeignetste zu sein, um Erzählung und Räsonnement bunt ineinander zu schlingen und darin die verworrenen Zustände der Gegenwart wiederzuspiegeln. Magaprazons sechs Söhne, mit Anlagen reichlich, doch verschiedenartig ausgestattet und durch den Vater trefflich vorgebildet, beginnen die Reise in die Weite, damit jeder die ihm verliehenen Kräfte anwenden und üben lerne und dadurch zum Besten des Ganzen wirke. Sie gelangen zu verschiedenen Inselvölkern und beschäftigen sich mit der Beobachtung ihrer Verfassungen und Kulturzustände. Ob in diesem Plan auch die Demokratie der Freiheit und Gleichheit aufgenommen war, kann zweifelhaft scheinen. An den Bewohnern von Papimanie ward das Verderbnis des geistlichen Regiments nach dem von Rabelais gegebenen Vorbild geschildert. Eine von diesem unabhängige Erfindung Goethes ist die unter den Bruchstücken ausgeführte Erzählung von der Insel der Monarchomanen: Nach einer Periode des Glücks, wo alle Stände zum wohl des Ganzen zusammenwirkten, ward diese durch eine Vulkan verwüstet und zerrissen, und die drei zerrissenen Teile schwimmen nach verschiedenen Seiten umher, das Abbild einer Monarchie, wo Königtum, Aristokratie und Volk sich selbstsüchtig voneinander trennen und den Staat dem Untergang zuführen. Ein anderes humoristisch ausgeführtes Bruchstück ist das Gespräch der Brüder über den Kampf der Kraniche und der Pygmäen, das beinahe in Tätlichkeiten übergegangen wäre, wenn nicht der Schlaftrunk einer Flasche Madeira, die ein vorüber fahrender Schiffsherr ihnen reicht, sie von dem bösartigen Zeitfieber heilte, „von dem so viele Menschen jetzt heftig, ja bis zum Wahnsinn ergriffen sind.“ Diese Dichtung blieb ohne Fortsetzung, als die Revolution über die Verfassungsdiskussionen hinaus auf das Schlachtfeld schritt und der Einmarsch der verbündeten Heere das Signal zum Umsturz des französischen Königthrons und der Septembermorde gab. Goethe ward Zeuge eines Wendepunkts der Weltgeschichte, und von ihm selbst galt das Wort, das er am Abend nach der Kanonade von Valmy zu den Soldaten sprach: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“ Preußen gab nach der Reichenbacher Konvention seine oppositionelle Stellung gegen Österreich auf und vereinigte sich mit diesem durch den Pillnitzer Vertrag im Jahr 1791 zur Unterdrückung der französischen Staatsveränderung und zur Herstellung des absoluten Königtums. Eine preußische Armee, verstärkt von großen Scharen französischer Emigranten, zog unter der Anführung des Herzogs von Braunschweig im August des Jahres 1792 längs dem linken Moselufer auf Longwy und Verdun, um in dieser Richtung die Straße von Chalons an der Marne zu gewinnen und nach Paris zu ziehen. Österreichische Armeekorps sollten von Belgien aus sich den Operationen der Hauptarmee anschließen. König Friedrich Wilhelm II. befand sich selbst bei dem Heer. Herzog Karl August von Weimar zog als Chef eines Regiments mit ins Feld, und Goethe beschloss ihn auf diesem Feldzug, den man infolge der entstellten Berichte der Emigranten sich im Voraus als einen militärischen Spaziergang ausgemalt hatte, zu begleiten, wobei ebenso sehr das Verlangen, die Welt von einer neuen Seite kennen zu lernen, als der Wunsch des Herzogs, ihn als Freund zur Seite zu haben und dem stockenden Stubenleben zu entreißen, den Ausschlag gaben. Die freudigsten Tage dieser Kampagne waren für Goethe die, welche er in den gastlichen Wohnungen der Mutter und der Freunde in den Rheinlanden zubrachte, nur dass er nebenbei zu klagen hat, dass durch das eintönige Thema der politischen Diskussionen alle geistreiche Unterhaltung verdrängt werde. Um die Mitte des Augusts verweilte er mehrere Tage bei seiner Mutter in Frankfurt. Seinen alten Freund Merck fand er nicht mehr. Von ihm hatte Goethe nach seiner Rückkehr aus Italien nur Briefe des schmerzlichsten Inhalts erhalten, Zeugnisse, dass der Lebensmut des einst so geisteskräftigen und charakterstarken Mannes infolge häuslicher Trübsal und nicht ganz unverschuldeter Zerrüttung seiner Vermögensverhältnisse gebrochen sei. Es geht aus diesen Briefen hervor, dass Goethe und Karl August sich mit warmer Freudnesteilnahme bemühten, seine Lage zu erleichtern, wenn sie gleich Glück und Zufriedenheit ihm nicht wiederherstellen konnten. Zu dem Seelenleiden trat ein schmerzhaftes, körperliches Leiden hinzu, und in einem Anfall düsterer Schwermut machte er am 27. Juni 1791 seinem Leben ein Ende. Am 20. August reiste Goethe nach Mainz und verlebte einige heitere Abende mit Sömmering, Forster, Huber und andern Freunden in wissenschaftlicher Unterhaltung; politische Gespräche wurden absichtlich von den republikanisch gesinnten Freunden vermieden. Über Trier reiste er dem inzwischen in Frankreich eingerückten Heer nach, bei welchem er am 27. August, wenige Tage nach der Übergabe der Festung Longwy, eintraf. Seinen Geburtstag feierte er diesmal in Longwy; am Morgen ritt er mit einigen Freunden dorthin und ließ sich bei heiterer Mittagstafel im traulichen Kreis alter Kriegs- und Garnisonskameraden die Abenteuer ihres bisherigen Zuges erzählen. Hass und Verachtung des revolutionären Frankreichs zeigte sich allenthalben in der Armee, und mancher fand es auffallend, dass er nicht mit gleicher franzosenfresserischer Wut in Frankreich hineinstürmte, während ihm „weder am Tod der aristokratischen noch der demokratischen Sünder im mindesten etwas gelegen war.“ Mit den Offizieren des herzoglich-weimarschen Regiments verabredete er, dass er sich immer an sie und, wo möglich, an die Leibschwadron anschließen wolle. Ward er gleich dadurch größerer Gefahr ausgesetzt, so war ihm dies doch lieber, als sich im Train der Nachzügler fortziehen zu lassen. Auf dem Marsch nach Verdun fuhr er im offenen Wagen vor der ganzen Armeekolonne vorauf. Von seiner unerschütterlichen Gemütsruhe im Angesicht der Gefahr und seinem persönlichen Mut sind uns mache treffende Züge aufbehalten. Nicht minder bewährt sich mitten im Kriegsgewühl die rein-menschliche Teilnahme an fremdem Geschick und das Bemühen, durch Rat und Tat hilfreich zu sein. Seine Schilderung der Kampagne in Frankreich, allzu detailliert und tagebuchartig, um gleich den andern biografischen Schilderungen allgemein anzuziehen, ist ein wichtiger Beitrag zur Zeitgeschichte sowohl wie zur Charakteristik des Dichters. Die Handlungen roher Kriegswillkür, die Not der Einzelnen, deren Zeuge er sein musste, ohne helfen zu können, gruben sich schmerzlich in sein Gemüt ein, während er die eigenen Entbehrungen und Strapazen stets mit stoischem Gleichmut und meist mit heiterstem Humor überstand. Schon die Requisitionen im Namen Ludwigs XVI. erschienen ihm als die empörendste Willkürhandlung, und er gesteht, ihm sei nicht leicht eine grausamere Szene und ein tieferer männlicher Schmerz in allen seinen Abstufungen jemals vor Augen und zur Seele gekommen, als da man auf dem Marsch nach Verdun die Schafherden wegnahm und unter die Regimenter verteilte, den Besitzern dagegen ganz höflich auf Ludwig XVI. gestellte Papiere überreichte. Während des langweiligen Lagerlebens vor der Festung Verdun fand Goethe sein wissenschaftliches Nachdenken durch einen günstigen Zufall aufs glücklichste angeregt: „Glückselig der“, konnte er ausrufen, „dem eine höhere Leidenschaft von Busen füllte!“ Während er dem Fischfang der Soldaten an dem Rand eines kleinen Teichs zusah, bemerkte er, wie in dem klaren Wasser die kleinen Fischlein, indem sie sich bewegten, verschiedene Farben spielten. Durch die Beobachtung dieses Phänomens sah er sich in seiner Farbenlehre gefördert und gab sich wieder mit Leidenschaft diesen Beobachtungen hin. Während des nächtlichen Bombardements traf er mit dem ihm befreundeten Fürsten Reuß XI. zusammen, und „nach mancherlei politischen Gesprächen, die sie nur in ein Labyrinth von Hoffnungen und Sorgen verwickelten“, fragte ihn der Fürst, womit er sich gegenwärtig beschäftige, und war sehr verwundert, als der Dichter, statt von Tragödien und Romanen, von der Farbenlehre zu berichten begann. Unter dem Lärm der Kanonenkugeln ward der Vortrag fortgesetzt, und da die Aufmerksamkeit des Fürsten ihm mit lebhaften Anteil folgte, zuletzt, als die Kälte des einbrechenden Morgens sie ins Biwak der Österreicher trieb, an einem mächtigen Kohlenfeuer zu Ende geführt. Unter den Strapazen der nächsten Tage verließ ihn jene Farberscheinungen keinen Augenblick und während am 12. September heftige Regengüsse alles unter die Zelte trieb, diktierte er seinem Kanzleigefährten Vogel die Resultate seines Nachdenkens und zeichnete darauf die Figuren daneben. Diese Papiere mit den Merkmalen des durch die Zeltdecke durchdringenden Regens blieben Goethe später lieb als Zeugnisse jener bewegten Tage und eines treuen Forschens. Verdun war inzwischen am 2. September den Alliierten übergeben worden, und die Straße von Paris schien ihnen offen zu stehen. Allein mehr und mehr machten sie die Erfahrung, dass sie von den Emigrierten über die Stimmung des Volkes getäuscht seien. Von einer feindlich gesinnten Bevölkerung umgeben, wagte der Herzog von Braunschweig nicht vorzudringen, ohne die Flanke des Heeres zu denken: Kühnheit und Entschlossenheit lag nicht in seinem Charakter. Überdies hatte der unaufhörliche Regen den zähen Lehmboden in unwegsame Sümpfe verwandelt, und die aus den Strapazen und der mangelhaften Verpflegung entstehenden Krankheiten begannen die Armee zu entmutigen. Statt sofort nach der Einnahme von Verdun die Straße nach Paris einzuschlagen oder die wichtigen Pässe des Ardennerwaldes zu besetzen, die man noch ohne Schwertstreich hätte einnehmen können, säumte der Herzog mehrere Tage bei Verdun und zog dann unter bedächtigen Anordnungen langsam am Rande des Waldes hin. Dadurch erhielt Dumouriez, der Befehlshaber des anfangs sehr schwachen und unzuverlässigen französischen Armeekorps, Zeit, sich in Besitz der wichtigsten Pässe des Waldes von Argonne, eines Teils des Ardennerwaldes, zu setzen und nach und nach Verstärkung an sich zu ziehen. Am 18. September stieß Beurnonville mit 17000 Mann zu ihm, am 19. traf Kellermann mit 20000 Mann ein, so dass die Franzosen jetzt über 50000 Mann hatten, und den Verbündeten um ein Drittel überlegen waren. Der kampflustige König von Preußen drängte zur Schlacht; der Herzog, scheinbar nachgebend, doch auch jetzt noch einer energischen Unternehmung abgeneigt, eröffnete am 20. September das verhängnisvolle Gefecht bei Valmy. Nach dem ersten Angriff auf Kellermanns Korps, das leicht zu durchbrechen gewesen wäre, ward der Kampf abgebrochen, und der Tag verfloss unter heftigem Kanonenfeuer, das wenig Schaden tat. „Von der ungeheueren Erschütterung“, so erzählt Goethe, „klärte sich der Himmel auf; denn man schoss mit Kanonen völlig als wäre es Pelotonfeuer, zwar ungleich, bald abnehmend, bald zunehmend. Nachmittags ein Uhr, nach einer Pause, war es am gewaltsamsten, die Erde bebte im ganz eigentlichsten Sinn, und doch sah man in den Stellungen nicht die mindeste Veränderung.“ Goethe war an diesem Tag zu Pferde und rückte mit dem herzoglich weimarschen Armeekorps, welches den Vortrab bildete, vor, so dass er gleich beim ersten Angriff in den Bereich der feindlichen Kugeln kam und sie dutzendweise vor und um sich niederschlagen sah; der Befehl zum Rückzug entfernte ihn bald von der gefährlichen Stelle. Doch wie in den stürmenden Jugendtagen zog ihn auch jetzt noch die Gefahr mit magischer Gewalt zu sich. Er hatte so viel vom Kanonenfieber gehört und wünschte zu wissen, wie es eigentlich damit beschaffen sei. Ganz allein ritt er seitwärts auf den Höhen weg in die Nähe der feindlichen Stellung, die er deutlich überschauen konnte. Bekannte Offiziere, denen er begegnete, waren höchst verwundert, ihn hier zu finden und wollten ihn mit sich zurücknehmen. Er aber entwand sich ihnen, indem er von besonderen Absichten sprach, und sie überließen ihn seinem „bekannten, wunderlichen Eigensinn.“ Als er in die Region gelangt war, wo die Kugeln herüberspielten, bemerkte er bald, dass etwas Ungewöhnliches in ihm vorgehe. Ohne dass er eine heftigere Bewegung des Blutes bemerken konnte, schien ihm, als wäre er an einem sehr heißen Ort und er selbst von dieser Hitze völlig durchdrungne; die Augen behielten ihre Stärke und Deutlichkeit; aber es war, als ob die Umgebung einen braunrötlichen Ton hätte, dieser bängliche Zustand schien ihm jedoch eigentlich nur durch das Gehör erregt zu werden, als sei das Heulen, Pfeifen und Schmettern der Kugeln durch die Luft die alleinige Ursache dieser Empfindungen. Eine große Gleichgültigkeit gegen die Gefahr, die sein Leben bedrohte, spricht wenigstens aus jeder Zeile seines Berichts. Als er zurück geritten und völlig in Sicherheit war, fühlte er jene Glut sogleich erloschen; nicht das Mindeste von einer fieberhaften Bewegung war übrig geblieben. Nachmals ward dieses abenteuerlichen Rittes noch oft im Kreis der Kriegskameraden mit Scherz und Verwunderung gedacht. Einige Tage blieben noch die Preußen in ihrer Stellung, nicht um nochmals anzugreifen, sondern um mit Dumouriez wegen einer Waffenruhe zu unterhandeln und ihn, wo möglich, in das Interesse der Alliierten zu ziehen. Große Niedergeschlagenheit herrschte im Lager, wo es an Lebensmitteln gebrach und die Ruhr mit jedem Tag furchtbarer ums ich griff. Am 1. Oktober begann der Rückzug auf den von anhaltenden Regengüssen durchweichten Straßen, „wo der beste Wille gleitete und versank, ehe er sich’s versah.“ Der einzige Trost war, dass der Feind die abziehende Armee nicht belästigte. Die Leiden dieser Tage, die gedrückte Stimmung des Heeres hat Goethe anschaulich beschrieben. Er selbst hatte alle seine geistige Stärke zusammenzunehmen, um von der allgemeinen Verzagtheit nicht mit ergriffen zu werden. Mitten in diesen grauenvollen Szenen tat er ein Gelübde, zu Hause niemals wieder über Unannehmlichkeiten und Missbehagen Klage zu führen. Manchmal kam ihm auch der Humor zu Statten, und er suchte sich und andere durch Erzählung und heitere Einfälle zu zerstreuen. In der nie schlummernden Beschäftigung des Geistes lag ein kräftiges Heilmittel gegen die überwältigende Sorge und Not. Noch konnte es ihm die Seele erheben, wenn der Mond bei beruhigter, nur von leichtem Gewölk durchstreifter Luft über die weithin gelagerten Massen von schlafenden Menschen und Pferden, auf die malerisch gruppierten Bagagewagen ein reizendes Dämmerlicht breitete, und ein Bild zu entstehen schien, dem der größte Maler sich glücklich schätzen würde, gewachsen zu sein. Über manche missmutige Stunde brachte ihn Fischers physikalisches Wörterbuch, dessen dritter Band ihn begleitete, hinweg. Einmal finden wir ihn in dem großen Küchenwagen, wohin er sich hatte flüchten müssen, weil seine mit vier Pferden bespannte Equipage in dem tiefen Kot nicht weiter konnte, mit dieser Lektüre beschäftigt, während die verdrießliche Küchenmagd, in der Ecke sitzend, seine Gesellschaft ausmachte, bis er endlich ein Reitpferd erhaschte, und, das Wörterbuch der Fürsorge der Magd übergeben, sich darauf schwang. Aber dies waren nur einzelne Momente, wo der Geist sich den Eindrücken des furchtbaren Elends entreißen konnte, das sein teilnehmendes Gemüt täglich und stündlich in Spannung erheilt. Einer der schmerzlichsten Momente war das Scheiden vom Schloss Grandpré, wo mehrere hundert Kranke der Menschlichkeit der Feinde überlassen wurden. In Goethes Umgebung erzählte man, dies sei das einzige Mal gewesen, wo er ein verdrießliches Gesicht gemacht und sie weder durch Ernst gestärkt, noch durch Scherz erheitert habe. Nicht minder tat ihm oft die Angst und Not der unglücklichen Landbewohner weh, welche von den Plünderungen ausgehungerter Nachzügler zu leiden hatten. Aus solchen Erlebnissen sind manche Züge in das Gemälde des Kriegesunglücks aufgenommen, welches in Hermann und Dorothea den Hintergrund der gemütvollen Idylle bildet. Inmitten dieser Mühsal hatte Goethe die ersten freundliche Begegnung von Seiten des Herzogs von Braunschweig zu erfahrne, der ihm bisher abgeneigt war und es ihm zu erkennen gab; „nun aber war das Unglück eine milde Vermittlerin geworden.“ Als man sich eines Tags am Ufer der Maas durch eine sumpfige Wiese hindurcharbeiten musste, um an die gebahnte Heerstraße zu gelangen, ritt der Herzog auf ihn zu, indem er sagte: „Es tut mir zwar leid, dass ich sie in dieser unangenehmen Lage sehe, jedoch darf es mir in dem Sinn erwünscht sein, dass ich einen einsichtigen, glaubwürdigen Mann mehr weiß, der bezeugen kann, dass wir nicht vom Feind, sondern von den Elementen überwunden worden.“ Goethe hat zwar in seiner Erzählung den Herzog möglichst geschont, verhehlt indes nicht, „dass das Vertrauen, welches man dem berühmten Feldherrn so lange Jahre gegönnt hatte, für immer verloren schien.“ Um mehr als die Hälfte der Mannschaft vermindert, kam die preußische Armee, nachdem auch Verdun und Longwy geräumt waren, am 23. Oktober auf deutschem Boden an, und Luxemburg ward zu einem ungeheuren Lazarett. Goethe war her schon am 14. Oktober angelangt. Die aufeinander getürmte Festung fesselte sein Auge durch ihre malerische Bauart; er suchte sich durch wiederholte einsame Wanderungen in derselben zu orientieren und entwarf zu Hause mehrere Zeichnungen. Das Kriegsgetümmel war ihm verleidet, und gern flüchtete er sich in die Ruhe seiner abgelegenen Wohnung, wo er zum ersten Mal wieder seine Manuskripte vornehmen konnte, die er im Gewirr des Rückzugs schon verloren geglaubt hatte. Das Tagebuch des Feldzugs wagte er nicht anzublicken; das Convolut zur Farbenlehre brachte er in Ordnung. In einem hübschen Garten im Pfaffental fand das Bedürfnis nach Ruhe und Sammlung für manche Stunde ein willkommenes Asyl. Auf der Weiterreise nach Trier ward die unbehagliche Stimmung noch durch einen Ruhranfall verstärkt; es ist uns daher bei unserm, den ästhetischen Genüssen seit lange entrückten Dichter sehr erklärlich, dass das römische Monument bei Igel, dessen Darstellung und Idee der Versöhnung von Leben und Tod, Gegenwart und Zukunft versinnbildlichen und ihn in die schönste Epoche der antiken Kunst versetzten, ihm, „wie der Leuchtturm einem nächtlich Schiffenden, entgegenglänzte.“ Auch in Trier fand er achtungswerte Überreste römischer Bauwerke, bei denen er lieber verweilte, als bei den mittelalterlichen Bauten, an denen Trier überaus reich ist; denn dieser Geschmacksrichtung fühlte er sich längst entfremdet. Er fand hier auch einige ruhige Stunden zur Fortsetzung seiner chromatischen Arbeiten und zeichnete mehrere Figuren zu den Farbentafeln, um seine Ansichten immer anschaulicher zu machen. Hier ermittelte er auch die Magd, der er den dritten Teil von Fischers physikalischen Wörterbuch aufzuheben gegen hatte; sie lag im Lazarett, das Buch unter ihrem Kopfkissen; sie erkannte ihn, konnte aber nicht reden und überreichte ihm den Band, den sie unter ihrem Haupt hervorzog, so reinlich und wohlerhalten, wie er ihn überliefert hatte. Noch bedrängt von der Erinnerung an die überstandenen Leiden, welche, wie Goethe sich beklagt, noch dadurch lästiger ward, dass sie dem, der sich ihrer entschlagen mochte, zum Überdruss wiederkäuend vorgetragen wurden, sah man schon neues Unheil and en deutschen Grenzländern entstehen, als sie Nachricht von Custines raschen Handstreichen auf Speyer und andere benachbarte Rheinstädte anlangte, als man die Übergabe von Mainz und Frankfurt vernahm. Die Umstände, unter denen sie erfolgte, beweisen, dass die Franzosen nicht bloß mit Waffengewalt siegten, sondern dass der Zündstoff der Freiheitsideen ihrer Revolution in die auf politische Reformen sehnlich harrenden Gemüter der Deutschen fiel und ihnen eine mächtige Bundesgenossenschaft zuzuführen versprach. Goethe war umso mehr davon ergriffen, als nahe Angehörige und Freunde bei diesen Vorfällen beteiligt waren und zu leiden hatten. Seinen Freund Forster sah er im Club der „Patrioten“, welcher die zum Anschluss an die französische Republik auffordernden Proklamationen Custines verbreitete und die Tore von Mainz den Franzosen öffnete. In Frankfurt traf er die Mutter und andere, die ihm nahe standen, von den Lasten einer militärischen Okkupation bedroht. Ein Brief der Mutter, der, bereits vor jenen Ereignissen geschrieben, erst jetzt verspätet in seine Hände kam, sprach noch nicht von diesen Besorgnissen, sondern brachte ihm eine Nachricht, die ihn auf Augenblicke in die Träume seiner Kindheit versetzte. Sein Oheim, Schöff Textor, dessen nahe Verwandtschaft bei seinen Lebzeiten den Neffen von der Stelle eines Frankfurter Ratsherren ausschloss, war gestorben, und Goethes Mutter hatte den Auftrag erhalten, bei ihrem Sohn anzufragen, ob er die Ratsherrenstelle annehmen würde, wenn die Wahl auf ihn fallen sollte. Goethe antwortete ablehnend, wie man auch wohl nicht anders erwartet haben mochte. Er fühlte sich den reichsstädtischen Zuständen zu sehr entfremdet, um mit freudigem Wirken in diesen neuen Geschäftskreis eintreten zu können, zumal da die drohenden politischen Verhältnisse für die Zukunft der freien Reichsstadt wenig Erfreuliches erwarten ließen. Aber auch abgesehen von diesen Bedenken hielten ihn Neigung und Dankbarkeit an das edle weimarsche Fürstenhaus gefesselt, und auch spätere Anerbietungen vermochten ihn nicht von der Seite des Fürsten zu ziehen, „der ihm gegeben hatte, was Große selten gewähren, Neigung, Muße, Vertrauen, Felder und Garten und Haus.“ Jeder kennt die von dankbarer Liebe eingegebenen Distichen, die umso schöner sind, als kein Schmeichelwort der Phrase sich in dies einfache Fürstenlob eingemischt hat. Von Trier fuhr Goethe in Gesellschaft eines preußischen Offiziers auf einem Boot die Mosel abwärts, erheitert von den mannigfaltig wechselnden Uferansichten des in zahllosen Krümmungen zwischen den Felsen sich hindurch windenden Flusses. Mitten in dem Felsenlabyrinth überfiel sie die Nacht und ein heftiger Sturm, dessen Stöße die Wellen über den Bord des Kahns trieben, so dass der Ruderer, welcher nicht mehr wusste, wo er war, und nirgends eine Zuflucht sah, selbst zu verzagen anfing. Doch es bewährte sich „Cäsar und sein Glück“ auch in dieser Gefahr; ganz durchnässt erreichten sie tief in der Nacht das Städtchen Trarbach, wo sie durch freundliche Bewirtung erheitert und erquickt wurden. Am nächsten Tag fuhren sie nach Koblenz hinunter. Mit jugendlichem Entzücken genoss unser Dichter von der Moselbrücke aus den Anblick der Stadt und des gegenüberliegenden Ehrenbreitstein; dies Naturbild blieb so lebhaft in seiner Erinnerung, dass er es zu den schönsten zählt, die ihm je vor die Augen gekommen seien. Auch zu manchen Farbenbeobachtungen hatte ihm diese Wasserfahrt Gelegenheit gegeben, besonders war ihm über die epoptischen Farben ein neues Licht aufgegangen. Der Anblick des Rheins rief in seiner Seele eine Reihe der schönsten Jugenderinnerungen wach, und wenn er jene friedlichen, sorgenlosen Tage mit den erschütternden Ereignissen verglich, von denen er jetzt wiederum an diese reizenden Ufer geführt ward, so ergriff ihn eine tiefe Wehmut. Er sehnte sich aus dem beengenden Kriegsgetümmel, das auch hier ihn empfing, ins Weite hinaus; „ihn verlangte aus der gewaltsamen Welt an Freundesbrust.“ Daher beurlaubte er sich bei seinem herzog, dessen Armeekorps am rechten Rheinufer aufgestellt ward, mietete ein Ruderboot und fuhr den Rhein hinab, um seinen Jacobi durch einen Besuch zu überraschen. In sternheller, kalter Nacht wurde Bonn erreicht, wo der Bootsmann einkehrte; wochenlang gewohnt, die Nacht im Freien zuzubringen, beschloss Goethe in seinem Kahn zu übernachten, unvorsichtig jedoch, indem bald das durch einen Leck ins Schiff dringende Wasser ihn aus tiefem Schlaf weckte, so dass er, ganz durchnässt, ein Wirtshaus aufsuchen musste. Am nächsten Tag gelangte er bei Dunkelheit nach Düsseldorf und ließ sich mit Laternen nach Pempelfort bringen, wo er nach augenblicklicher Überraschung die freundlichste Aufnahme fand. Das lebhafte Gespräch, welches das unverhoffte Wiedersehen anregte, ward bis tief in die Nacht fortgesetzt. Acht Jahre waren verflossen, seit die Freunde voneinander zum letzten Mal gerührt Abschied genommen hatte. Jacobi hatte indes in seinem idyllischen Pempelfort, von einem gemütvollen und gebildeten Familienkreis umgeben, ein stilles Leben geführt. Goethe hatte die bewegteste Lebensepoche durchgemacht. Der zweimalige Aufenthalt in Italien, das Feldlager in Schlesien, die Kampagne in Frankreich – welch eine Reihe von Lebenserfahrungen, welche eine Umgestaltung und Erweiterung seiner Gedankenwelt, wovon die spärlichen Briefe nur weniges hatten andeuten können! Befriedigter und entschiedner trat er vor den Freund, als in der sehnsüchtigen Epoche ihres letzten Wiedersehens, und an die Stelle jener Milde und Weichheit der Stimmung schien Herbheit und Kälte getreten z sein. Noch lagen die Bilder der letzten Wochen schwer auf seiner Seele und hemmten die freudige Bewegung. Dazu kam, dass für manches, was ihm wert geworden war, den Freunden das Organ fehlte, um mit regem Interesse darauf einzugehen. Seine naturhistorischen Forschungen erschienen in diesem Kreis nur als eine Nebenbeschäftigung, von der man wenig Notiz nahm, nicht verbergend, dass es für ihn Besseres zu tun gebe. Indes ließ man sich einen Vortrag über die Optik gefallen und hörte seinen morphologischen Erörterungen zu, denen Jacobis Vorstellungsart wenig abzugewinnen vermochte. Von Goethes letzten poetischen Arbeiten war nicht die Rede, und er konnte daraus schließen, dass sein Groß-Cophta, der auch an Jacobi übersandt war, eher verletzt, als erfreut hatte. Eine Vorlesung der Bruchstücke der Reise der Megaprazons-Söhne fand so wenig Anklang, dass der Dichter froh war, die Reisenden in irgendeinem Hafen zur Ruhe zu bringen. Ward denn bei solchen Anlässen auch diesmal offenbar, wie sehr sie in den Richtungen ihres Denkens voneinander abwichen, so liebten sie sich doch aufrichtig, und die Liebe verwischte schnell die verletzenden Eindrücke einzelner herber Äußerungen. Goethe fühlte sich bald in dem Elemente des friedlichen Familienkreises so wohl und heimisch, dass er eine Woche nach der andern sich von dem gastlichen Haus fesseln ließ und, wie Jacobi sich äußert, mit jeder milder wurde; seine Liebenswürdigkeit und Liebefähigkeit traten in weit höherem Maße hervor, als es sein späterer Bericht, welcher die Divergenzen allzu scharf betont, schließen lässt. Nach dem Abschied konnte er wieder in dem früheren liebevollen Ton dem Freund schreiben: „Das Bild, das ich von Dir und den Deinigen mitnehme, ist unauslöschlich, und die Reife unserer Freundschaft hat für mich die größte Süßigkeit.“ Und Jacobi konnte noch zwanzig Jahre später von den fünf Wochen, die sie zusammen im Pempelfort verlebt hatten, das Bekenntnis ablegen: „Wir hatten Stunden miteinander verlebt, die keiner von uns je vergessen konnte. Jene Ahnungen in der Mitternachtsstunde zu Köln wurden uns jetzt zu Erkenntnissen; wunderbar hatten selbst die Täuschungen sich zur Wahrheit verklärt.“ Das eben musste die gehaltvollen Gespräche sein, wo sie über die höchsten Probleme der Philosophie ihre Gedanken austauschten. Hatte Goethe anfänglich nicht verhehlt, dass er gegen das Christentum und namhafte Christen einen wahrhaft Julianischen Hass hege, so milderte sich auch diese schroffe Opposition, in der er sich seit seiner Trennung von Lavater, besonders während seines Aufenthalts in Italien, bestärkt hatte. „Du gestandest zu“, hießt die charakteristische Äußerung Jacobis, „von einem gewissen Christentum, dass es der Gipfel der Menschlichkeit sei, und wie ich Dein Heidentum jenem Dir verhassten Christentum, das auch ich nicht mochte, vorzog, so zogst Du hinwiederum Deinem eigenen Heidentum vor, was Du mein Christentum nanntest, ohne jedoch Dir dieses aneignen zu können.“ Dies erhält noch mehr Licht, wenn wir Goethes Worte an die Fürstin Gallitzin vergleichen: „Geben Sie mir zu, verehrte Freundin, ich stelle mich nicht fromm, ich bin es am rechten Ort; mir fällt nicht schwer, mit einem klaren unschuldigen Blick alle Zustände zu beobachten und sie wieder auch ebenso rein darzustellen. Jede Art fratzenhafter Verzerrung, wodurch sich dünkelhafte Menschen nach eigener Sinnesweise an dem Gegenstand versündigen, war mir von jeher zuwider. Was mir widersteht, davon wend’ ich den Blick weg; aber manches, was ich nicht gerade billige, mag ich gern in seiner Eigentümlichkeit erkennen, und da zeigt sich denn meist, dass die andern ebenso Recht haben, nach ihrer eigentümlichen Art und Weise zu existieren, als ich nach der meinigen.“ Herr von Dohm, der ausgezeichnete, preußische Staatsmann, welcher sich in jenen Tagen ebenfalls als Gast im Pempelfort aufhielt und an diesen Unterhaltungen Teil nahm, zeichnete damals in seinem Tagebuch an: „Goethe sprach viel und gut; tiefe Blicke über christliche Religion; überall tief eindringender Scharfsinn zugleich mit sehr viel Witz.“ Als von Dohm nachmals mit Jacobi für die bei ihm verlebten, reichen Tage und die gemachte, hoch erfreuliche Bekanntschaft seinen Dank aussprach, erwiderte dieser: „Ich freue mich darauf, wenn wir uns wieder sehen, recht viel mit Ihnen von Goethe zu sprechen. Mein Vorsatz war, den Verfolg meiner Gespräche mit ihm ihrem Hauptinhalt nach aufzuschreiben; meine Krankheit hat das aber verhindert.“ Wir würden köstliche Beiträge zur Kenntnis des Goetheschen Geistes besitzen, wenn die älteren Freunde des Dichters sich dem Geschäft der Aufzeichnung inhaltreicher Gespräche hätten unterziehen mögen, das erst in dessen Greisesjahren von jüngeren Freunden unternommen ward. Die Blüte seiner Unterhaltungen, womit er jedes Mal die ganze Pempelforter Gesellschaft in Entzücken versetzte, waren seine Schilderungen der italienischen Reise. Die herrliche Landschaft und das bunte Volksleben war bis ins kleinste Detail seiner Einbildungskraft unmittelbar gegenwärtig; „er konnte beschreiben, als wenn er’s vor sich sähe, und von belebender Staffage wimmelte es durch und durch.“ Es war, wie er äußert, das Zauberstäbchen, womit er stets alle bösen Geister vertreiben konnte. Einsame Stunden gab es in dem gastlichen Haus nicht viel. Jeder Sonnenblick ward zu Spaziergängen ins Freie benutzt. Den Freunden in dem benachbarten Düsseldorf ward auch manche Stunde gewidmet, und die dortige Gemäldegalerie lud zu fleißigen Besuchen ein. Die Bewunderung der Meisterwerke italienischer Kunst hatte ihn nicht gegen den Wert der niederländischen Schule unempfänglich gemacht; er hielt sich viel im Saal des Rubens und der vorzüglichsten Niederländer auf und „fand sich Gewinn fürs ganze Leben.“ Da Goethe vergeblich von Woche zu Woche auf seine Reisechaise wartete, die ihm von Koblenz aus hatte nachgeschickt werden sollen, so fuhr er endlich um den Anfang des Dezembers in Jacobis Reisewagen ab, um bei der Fürstin Gallitzin zu Münster, mit der er einst in Weimar schöne Stunden verlebt hatte, zu einem kurzen Besuch einzukehren. Unterwegs erneuerte er mit dem Professor Plessing zu Duisburg das Andenken an das abenteuerliche Zusammentreffen früherer Jahre und fand in der Unterhaltung mit dem Naturhistoriker Merrem „einige gute Ideen über die Wissenschaft, die ihm so sehr am Herzen lag.“ In Münster fand er im Haus der Fürstin alles zur freundlichsten Aufnahme vorbereitet. In der Nähe dieser schönen Seele, in der sich Frömmigkeit und zarter Sinn für alles Edle in Kunst und Wissenschaft begegneten, war sich unser Dichter selbst „milder als seit langer Zeit.“ Er erkannte es als ein großes Glück, „nach dem schrecklichen Kriegs- und Fluchtwesen endlich wieder fromme, menschliche Sitte auf sich einwirken zu fühlen.“ Es war dies eine Sehnsucht seines edleren Selbst, die ihn zu den Freundeskreisen im Norden hingezogen hatte und ihn in Pempelfort wochenlang fesselte. Die Misstöne, die er in seinem Innern barg, waren schon nach und nach verscheucht, und wenn man sich auch die Verschiedenheit des Standpunktes offen gestand, so trafen doch die tiefer eingehenden Gespräche, die sich zunächst an Hamann und Hemsterhuys, die abgeschiedenen Freunde der Fürstin, anknüpften, in der Anerkennung des Edelsten und Höchsten im menschlichen Dasein zusammen. Schilderungen Italiens gaben auch diesen Unterhaltungen einen hohen Reiz, besonders wurden die katholischen Geistlichen, die vornehmlich den Gesellschaftskreis der Fürstin bildeten, durch die anschauliche Schilderung der katholischen Kirchenfeste angezogen. An einem Protestanten fiel diese tolerante Objektivität so sehr auf, dass man sich heimlich erkundigte, ob denn Goethe katholisch geworden sei; schon während seines Aufenthalts in Italien tauchte dies Gerücht hin und wieder auf. Im Verkehr mit dem trefflichen von Fürstenberg, der mathematischen und naturhistorischen Studien nicht fremd war, kamen auch Goethes naturgeschichtliche Forschungen zur Sprache. Zu Erörterungen antiker Kunst gelangte man wiederholt durch die Betrachtung der vorzüglichen Sammlung geschnittener Steine, welche im Besitz der Fürstin war, ein Nachlass von Hemsterhuys. Goethe fühlte sich durch das Studium lebhaft angesprochen, so dass die Fürstin ihm beim Scheiden die ganze Sammlung mitgab, damit er in Weimar zu sorgfältigeren Studien Muße habe. Es war ihr abgeraten worden, Goethe dies kostbare Besitztum anzuvertrauen, worauf sie jedoch erwidert hatte: „Glaubt Ihr denn nicht, dass der Begriff, den ich von ihm habe, mir lieber sei, als diese Steine? Sollt’ ich die Meinung von ihm verlieren, so mag dieser Schatz auch hinterdrein gehen.“ Nach dem Abschied von Münster begleitete ihn noch die Fürstin bis auf die erste Station, indem sie sich zu ihm in den Wagen setzte. Noch einmal tauschten sie ihre Religionsansichten gegenseitig aus, und sie trennte sich von ihm mit dem Wunsch, ihn, wo nicht hier, doch dort wieder zu sehen. Indes hatte sich das Fluchtgetümmel vom Rhein her nach Westfalen hereingewälzt. Goethe geriet mitten in den Schwarm der Emigrierten, nicht wenig erfreut, dass er durch die Fürsorge der Fürstin durch Laufzettel auf den Poststationen angemeldet und empfohlen war, so dass er, wenn gleich bei dem schlechtesten Wetter oft auf ungebahnten Wegen hin und her geschüttelt, doch rasch über Paderborn nach Kassel weiter befördert ward. In Kassel war man der Anmaßung der Emigrierten schon so überdrüssig geworden, dass er den in französischer Sprache ihn höflichst abweisenden Kellner deutsch anreden musste, um nur im Gasthof Aufnahme zu finden. Über Eisenach gelangte er dann um die Mitte Dezember nach Weimar zurück. Während Goethes Entfernung hatte der Herzog den Neubau seines Hauses besorgen lassen. Er fand es schon meistens wohnbar, doch war ihm noch die Freude gegönnt, beim weiteren Ausbau mit- und einzuwirken. Nach der mühseligen Wanderzeit genoss er das Glück des stillen häuslichen Herdes mit innigem Behagen. Christiane („die Kleine, wie er sie zu nennen pflegte) rühmt er in einem Brief an Jacobi als „Gar sorgfältig und tätig“ im Hauswesen; sein Knabe wuchs munter heran. Heinrich Meyer, der inzwischen aus Italien zurückgekommen war, wurde sein Haus- und Tischgenosse. An ihm besaß er jetzt, was er so lange entbehrt hatte, einen durch herzliche Zuneigung und gleiche Studienzwecke treu verbundenen Freund, der ihm die Erinnerungen an Italien neu belebte, im Studium der Kunst ihn bei gleichen Grundsätzen durch seine ausgebreitete Kenntnisse förderte und durch sein teilnehmendes Eingehen auf die optischen Versuche des Freundes die Freudigkeit des Strebens erhöhte. Diesen Freund gefunden zu haben nennt Goethe eins der glücklichsten Ereignisse seines Lebens. Für ihre gemeinsamen Studien der antiken Kunst war jene durch künstlerischen Wert ausgezeichnete Gemmensammlung ein neuer Gewinn, den man möglichst ausbeutete. Die Besitzerin ließ Goethe mehrere Jahre in Besitz derselben. Die Hoffnung nach dem 1806 erfolgten Tod der Fürstin diesen Kunstschatz für Weimar oder Gotha zu erwerben, ging ihm nicht in Erfüllung; jetzt ist jene Sammlung dem Gemmenkabinett im Haag einverleibt. Hinsichtlich der Farbentheorie begegneten sich die Studien der Freunde vornehmlich in den Untersuchungen der ästhetischen Wirkung und Kunstharmonie der Farben. Meyer entwarf mehrere Zeichnungen, um die Goetheschen Farbenspekulationen zur Anwendung zu bringen und die Theorie des Colorits näher zu begründen. Wie hoch Goethe den Wert eines solchen gemeinschaftlichen Arbeitens anschlug und welche Hoffnungen er überhaupt für die deutsche Wissenschaft auf ein Zusammenhalten der mit gleichen Problemen beschäftigten Gelehrten baute, geht aus dem im Jahr 1793 verfassten Aufsatz „der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt“ hervor, worin er nachzuweisen sucht, dass nur aus einer Reihe von einzelnen auf dasselbe Ziel gerichteten Erfahrungen die höhere Formel wissenschaftlicher Wahrheit gezogen werden könne. Seine Anhänglichkeit an die lieb gewonnene Wissenschaft blieb auch fernerhin unverändert und ging stets neben den übrigen Beschäftigungen her. Er wandte sich jetzt mehr der Physik und Chemie zu und knüpfte zu dem Ende einen näheren brieflichen Verkehr mit Lichtenberg in Göttingen an, durch den er sich sehr gefördert fühlte. Die Leitung des Theaters nahm ihn zugleich sehr in Anspruch, da er stets auf Proben und Ausstattung, selbst der unbedeutenden Stücke, die größte Aufmerksamkeit wendete. Daraus ging auch die kleine dramatische Produktion ‚Der Bürgergeneral’ hervor, die er im Lauf einer Woche diktierte. Da der Schauspieler Beck die Rolle des Schnaps in den beiden Billets nach Florian und dem Stammbaum von Anton Wall, einer Fortsetzung jenes Stücks, mit ganz individueller Trefflichkeit spielte, so konnte Goethe sich nicht enthalten, diesen Schnaps nochmals zu produzieren und zwar als Propagandisten der neuen überrheinischen Freiheitsideen, wovon er einem gutmütigen Bauern vorschwatzt, um sich gelegentlich eine gute Mahlzeit zu gewinnen. Die Posse ist ganz der Wirklichkeit entnommen, wie denn das Felleisen mit den Utensilien des Freiheitsapostels von Goethes Diener auf dem Feldzug erbeutet worden war und jedes Mal bei der Aufführung seine Dienste tat. Da das Stück im lebendigsten Dialog gehalten ist, so machte es auf der Bühne eine gute Wirkung. „Den Bürgergeneral“, schreibt Goethe am 7. Juli 1793 an Jacobi, „habe ich vor meiner Abreise in Weimar spielen lassen; er nimmt sich sehr gut aus“, und gegen Eckermann äußerte er, „das Stück habe manchen heitern Abend gemacht.“ Es ist daher unbegreiflich, wie Goethe in dem Bericht, welcher der Darstellung der Kampagne angehängt ist, ganz im Widerspruch damit behaupten konnte, das Stück habe die widerwärtigste Wirkung, selbst bei Freunden und Gönnern, hervorgebracht, indem doch selbst Jacobi, der vom Groß-Cophta schwieg, über dies Stück seinen Beifall aussprach; ebenso unbegreiflich, dass man in politischem Rigorismus diesen anspruchslosen Scherz als einen Angriff auf die weltbewegenden Freiheitsideen, als einen Beweis, dass der Dichter die welthistorische Bedeutung der Revolution nicht verstanden habe, gedeutet hat. Goethe war vielmehr tief ergriffen von den fortrollenden Ereignissen; nach seinem Geständnis war nicht leicht jemand in so weiter Entfernung vom eigentlichen Schauplatz des Unheils gedrückter, als er; er gehörte zu dem Kreis der „Aufgeregten“, die er in dem gleichnamigen Drama und in dem wohl schon damals niedergeschriebenen Eingang zu den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten uns vorführt – „Bekenntnisse dessen, was damals in meinem Busen vorging.“ Der Plan des Dramas ‚Die Aufgeregten’ ist vortrefflich erfunden, um die verschiedenen, politischen Parteistellungen nebeneinander vorzuführen; doch lagen die Hauptszenen desselben nicht in dem Kreis, in welchem sich die Goetheschen Poesie am liebsten bewegte, und es ist daher lückenhaft geblieben. Des Dichters politischen Standpunkt (gegen Eckermann nannte er es daher sein „politisches Glaubensbekenntnis“) legt es uns am klarsten dar, wofür auch die um dieselbe Zeit entstandenen politischen Epigramme, die unter die venezianischen eingeschaltet worden sind, uns Fingerzeige geben. In der Rolle des Hofrats, der das Bestehende schätzt, aber zu jeder notwendigen und nützlichen Reform die Hand zu bieten bereit ist, zeichnet Goethe sich selbst und lässt ihn den vermittelnden Standpunkt zwischen den Ultra’s der Parteien vertreten. Das Unrecht des aristokratischen Egoismus, der den aus offenkundigen Missbräuchen fließenden Vorteil nicht opfern mag, wird ebenso scharf verurteilt, wie der alles nivellierende Radikalismus, der „das große Gewicht des höheren Standes im Staate“ nicht anerkennt. In der Einleitung zu den Unterhaltungen der Ausgewanderten wiederholt sich die Klage, dass der Dämon des politischen Gesprächs in alle geselligen Kreise eindringe. Es steht in deutlicher Beziehung zu der einst so geistreich belebten weimarschen Gesellschaft, wenn dort der Baronin die Worte in den Mund gelegt werden: „Wo sind die schönen, zierlichen Gedichte geblieben, die sonst so oft aus den Brieftaschen unsrer jungen Frauenzimmer zur Freude der Gesellschaft hervorkamen? Wohin haben sich die unbefangenen philosophischen Betrachtungen verloren? Ist die Lust gänzlich verschwunden, mit der ihr von euren Spaziergängen einen merkwürdigen Stein, eine uns wenigstens unbekannte Pflanze, ein seltsames Insekt mitbrachtet, und dadurch Gelegenheit gabt, über den großen Zusammenhang aller vorhandenen Geschöpfte wenigstens angenehm zu träumen?“ Mitten unter den Gräueln des Terrorismus, „wo ihm die Welt blutiger und blutdürstiger als jemals erschien“, war es nicht möglich auf produktivem Weg der Missstimmung Herr zu werden; doch war es ein verwandtes Heilmittel, dass er den ‚Reinecke Fuchs’ zu überarbeiten unternahm. Dies satirische Tierepos, welches uns ein durch niedere Leidenschaften zerrüttetes Staatsleben vorführt, wo Gewalt und List sich um den Sieg streiten, erschien ihm jetzt als ein Spiegel der Zeitläufe, als „die unheilige Weltbibel“. Während hier „das Menschengeschlecht sich in seiner ungeheuchelten Tierheit ganz natürlich vorträgt“ (ein Ausdruck, den man in dieser Verbindung und Beziehung nicht so herb deuten darf, um dabei ein Kreuz zu schlagen), hilft doch über Anarchie und Gemeinheit ein ergötzlicher Humor hinweg. Durch Voß’ Homerübersetzung und Luise, welche er „leidenschaftlich“ leibte und gern vorlas, war er mit dem epischen Hexameter vertraut geworden; er sah hier eine erwünschte Gelegenheit, sich durch eine größere Produktion dieser Versart noch mehr zu bemeistern, und warum sollte eine Form, welche die Idylle so trefflich kleidete, den satirisch-epischen Szenen der Tierwelt widersprechen? Ging dabei von dem ursprünglichen Volkston viel verloren, so ward der Dichter umso mehr zu einer selbstständigen Reproduktion des Originals aufgefordert, und er nahm dabei ein Recht für sich in Anspruch, dessen sich schon die früheren Bearbeiter der Tiersage bedient hatten. Von den Goetheschen Hexametern hat man hauptsächlich aus dem Grunde wegwerfend geredet, weil er selbst sie so bescheiden in Vergleich mit der vossischen Technik herabsetzt und offen bekennt, sie nur dem Gehör nachgebildet zu haben. Allein man wird trotz mancher prosodischen Mängel doch diesen leicht hinfließenden Rhythmus dem Genius unserer Sprache angemessener finden, als die steifleinene Struktur der Vossischen Hexameter. Goethe arbeitete an dieser Dichtung mit anhaltendem Fleiß, so dass er schon am 2. Mai seinem Jacobi die Arbeit als fertig ankündigen konnte; doch beschäftigte ihn die Vollendung und Ausfeilung des Einzelnen noch längere Zeit; sie gewährte ihm eine angenehme Zerstreuung während der neuen Kampagne, zu der am 10. Mai 1793 abreiste. Die Verbündeten betrachteten die Wiedereroberung von Mainz als die Hauptaufgabe des nächsten Feldzugs. Eine preußische Armee schloss seit Mitte des Aprils die von einem ansehnlichen französischen Armeekorps besetzte und stärker befestigte Stadt ein. Auch Goethe verließ Weimar, um in Gesellschaft seines Herzogs zu sein. Nachdem er einige Wochen in Frankfurt, das bereits wieder in deutschen Händen war, verweilt hatte, wo er mit Sömmering, der aus Mainz hierher geflüchtet war, „in einsamen Stunden viel arbeitete“, langte er am 27. Mai bei dem Armeekorps des Herzogs von Weimar im Lager von Marienborn an. Von weimarschen Freunden traf er unter andern dort den Rat Kraus und den Engländer Gore, ebenfalls einen geschickten Maler, der sich seit einigen Jahren in Weimar niedergelassen hatte; die Belagerung von Mainz „als ein seltener, wichtiger Fall, wo das Unglück selbst malerisch zu werden versprach“, hatte sie herbeigelockt. Während des Bombardements „machten sie so viele Brandstudien, dass es ihnen später gelang ein durchscheinendes Nachtstück zu verfertigen, welches mehr als irgendeine Wortbeschreibung die Vorstellung einer unselig glühenden Hauptstadt des Vaterlandes zu überliefern imstande sein möchte.“ Der ausführliche Bericht, worin uns Goethe von dem Lagerleben und den Szenen der Belagerung in Kenntnis setzt, ist wiederum ein Beweis, mit welcher Aufmerksamkeit, gewissermaßen Forschungsbegier, er alles, was um ihn vorging, selbst die militärischen Stellungen und Bewegungen, verfolgte und in Wort und Bild skizzierte. Oft wandelte ihn auch hier die Lust an, der Gefahr ins Angesicht zu blicken, wenn es galt, eine anziehende Erscheinung, eine ungekannte Szene in der Nähe zu betrachten. „Man vergaß an eigene Sicherheit zu denken. Von der wilden, wüsten Gefahr angezogen, wie von dem Blick einer Klapperschlange, stürzte man sich unberufen in die tödlichen Räume, ging, ritt durch die Tranchen, ließ die Haubitzgranaten über dem Kopf dröhnend zerspringen, die Trümmer neben sich niederstürzen.“ Einstmals gewann er einen Mann des Wachpostens durch ein Trinkgeld, um sich von ihm zu den äußersten Schanzen führen zu lassen; er stand endlich in der letzten Schanze des rechten Flügels, wo man hinter einem Bollwerk von Schanzkörben auf ein Paar hundert Schritte Kanonenkugeln wechselte. „Hier fand ich es nun, aufrichtig gestandne, heiß genug, und man nahm sich’s nicht übel, wenn irgendeine Anwandlung jenes Kanonenfiebers ich wieder hervortun wollte; man drückte sich nun zurück, wie man gekommen war, und kehrte doch, wenn es Gelegenheit und Anlass gab, wieder in gleiche Gefahr.“ In manchen ruhigeren Stunden kehrte auch sein Geist zu der gewohnten Beschäftigung zurück. Die optischen Studien wurden fortgesetzt, und am Reineke Fuchs ward fleißig gearbeitet. In die Gemütsstimmung jener Tage lässt uns ein noch vor dem eigentlichen Bombardement geschriebener Brief an Jacobi einen Blick werfen: „Dein lieber Brief trifft mich hier und gibt mir einen guten Morgen, eben als ich mich von einem Strohlager erhebe, und die freundlichste Sonne in mein Zelt scheint. Ich schreibe gleich wieder und wünsche Euch Glück zu dem schönen Frühling in Pempelfort, da wir indes zwischen zerrissenen Weinstöcken, auf zertretenen, zu früh abgemähten Ähren uns herumtummeln, stündlich den Tod unserer Freunde und Bekannten erwarten, und ohne Aussicht, was es werden könne, von einem Tag zum andern leben. Das Wetter ist sehr schön, die Tage heiß, die Nächte himmlisch. Das werdet Ihr auch so haben und den lieben Frieden dazu, den Euch ein guter Geist erhalte und auch dieser Gegend wiedergebe.“ Nachdem der Kommandant der unglücklichen Stadt die Kapitulation abgeschlossen hatte, begann am Nachmittag des 24. Juli der Ausmarsch der 17000 Mann starken, französischen Besatzung, der unter der Bedingung, ein Jahr lang nicht gegen die Verbündeten zu fechten, mit allen Kriegsehren abzuziehen zugestanden worden war. Für die Clubbisten war ein gleiches Zugeständnis nicht zu erlangen gewesen; gegen sie, die eigentlichen Urheber des Unheils, wandte sich der Hass der Bürger, vornehmlich der Vertriebenen, welche jetzt mit den Verbündeten wieder einzogen. Einigen Clubbisten gelang es zu entfliehen. Goethe war Auenzeuge, wie einer derselben von der Volkswut, die man gewähren ließ, fürchterlich misshandelt wurde. Eine ähnliche Szene hätte sich beinahe unter den Fenstern seines Quartiers ereignet. Es erscholl plötzlich aus der Volksmenge der Ruf: „Haltet ihn an! Schlagt ihn tot! Das ist der Spitzbube von Architekten, der erst die Domdechanie geplündert und nachher selbst angezündet hat.“ Die Wut galt einem Mann zu Pferde, der sich in dem Zug der Franzosen befand; es kam auf einen einzigen entschlossenen Menschen an, und die Tat war geschehen. Ohne die Gefahr, in die er sich begab, zu überlegen, sprang Goethe hinaus unter die Menge und auf sein gebieterisches „Halt!“, trat die vollkommenste Stille ein. Dann fuhr er laut und heftig sprechend fort: „Hier sie das Quartier des Herzogs von Weimar, der Platz daran sei heilig; wenn sie Unfug treiben und Rache üben wollten, so fänden sie noch Raum genug. Wer sie auch seien, so hätten sie mitten in der deutschen Armee keine andere Rolle zu spielen, als ruhige Zuschauer zu bleiben; ihr Unglück und ihr Hass gebe ihnen hier kein Recht, und er leide an dieser Stelle durchaus keine Gewalttätigkeit“ – und was er noch weiter in ähnlichem Sinn hinzusetzte. Das Volk war nach und nach weiter zurückgetreten und ließ den Bedrohten ungefährdet seines Weges ziehen. Georg Forster, einer der wenigen Clubbisten, welche durch edle Motive verleitet worden waren mit den Franzosen gemeinschaftliche Sache zu machen, befand sich damals in Paris, wo er, bitter enttäuscht, im nächsten Jahr sein Leben beschloss; sein Schicksal ging Goethe sehr zu Herzen. Am 26. ritt Goethe mit einigen Freunden in die verwüstete Stadt, schmerzlich bewegt von der Erinnerung an glückliche, friedliche Stunden, die er hier in Freundeskreisen verlebt hatte. „Auf der Rheinbrücke holte man noch frischen Atem, wie vor Alters, und betrog sich einen Augenblick, las wenn jene Zeit wiederkommen könnte.“ Gore verfertigte eine Zeichnung der ganzen durch die Belagerung entstellten Stadt. Sömmering nahm wieder Besitz von seiner ausgeplünderten und übel zugerichteten Wohnung im Akademiegebäude, und man fand Muße, sich über die glücklich geborgenen wertvollen Präparate in belehrenden Gesprächen zu unterhalten. Goethe enteilte bald wieder dem Anblick der Verwüstung und des Jammers; die Bevölkerung von Mainz war von 30000 auf 6000 gesunken. Er erhielt Urlaub, nach Hause zurückzukehren. Indes wünschte er zuvor noch einige Wochen bei Freunden in den Rheingegenden zuzubringen. Schon aus dem Lager vor Mainz schrieb er am 7. Juli an Jacobi. „Wie gern käme ich wieder zu Euch! Neulich waren wir bis Bingen gefahren und stiegen an einem schönen Abend bei dem Mäuseturm ans Land. Ich sah dem Fluss nach, der zwischen die dunkeln Berge sich hineindrängt und wünschte mit ihm zu Euch zu gehen. Eigentlich sollte ich Schlosser besuchen; ich fürchte mich aber davor. Seien eine Tochter ist tödlich krank, und es wäre mit entsetzlich, meine Schwester zum zweiten Mal sterben zu sehen. Meine Mutter hat mir Briefe von dem Kind gezeigt, die höchst rührend sind.“ Am 19. schrieb er an Jacobi, er wolle nun doch Schlosser besuchen, da die arme Julie unterdessen „abgetreten“ sei. Schlosser, damals Direktor des Hofgerichts zu Karlsruhe, traf mit ihm in Heidelberg im Haus der alten, treuen Freundin Delf zusammen. In den wissenschaftlichen Unterhaltungen kam auch die Farbenlehre zur Sprache, über die ihm Goethe einen ausführlichen Vortrag heilt, ohne ihm seine Theorie ganz einleuchtend machen zu können. Auch einen Aufsatz über wissenschaftliches Zusammenwirken der Fachgelehrten (wahrscheinlich der oben erwähnte) ward mitgeteilt, worauf jedoch Schlosser sehr ungläubig erwiderte, dass er im Irrtum sei, wenn er sich einbilde, es werde jemand ein fremdes Verfahren billigen und zu dem seinigen machen, und es könne überhaupt in Deutschland irgendeine gemeinsame Wirkung und Mitwirkung stattfinden. Dass zwischen beiden auch manche verletzende Äußerungen vorfielen, hebt Goethe Bericht wohl allzu scharf hervor; an Jacobi schrieb er am 10. August: „Mit Schlosser brachte ich in Heidelberg einige glückliche Tage zu; es freut mich sehr und ist ein großer Gewinnst für mich, dass wir uns einmal wieder einander genähert haben.“ Goethe verweilte dann noch einige Tage bei der Mutter in Frankfurt und kehrte gegen Ende des Augusts in die behagliche Stille seines Hauses zurück, wohin er sich längst gesehnt.
1) Über Goethes politische Ansichten und seine Stellung zu den Bewegungen der Zeit s. Düntzer in den Studien etc. S. I-LXXVII, zum Teil eine Apologie, wie sie Goethe unter den Illusionen von 1848 zu bedürfen schien. 2) Über den Entwurf dieses Romans vgl. Düntzer a.a.O. S. 1-12. |
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