Johann Wolfgang von Goethe @ www.Wissen-im-Netz.info
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   Literatur
      Johann Wolfgang von Goethe
         Biografien
            Schaefer - Goethes Leben
               Inhalt
               Erster Band
                  Vorrede
                  Kindheit und Jugend
                     1749 - 1765
                     1765 - 1768
                     1768 - 1771
                     1771 - 1773
                     1744
                     1775
                  Weimarsche Lehrjahre
                     1776
                     1777, 1778
                     1779
                     1780, 1781
                     1782
                     1783 - 1786
               Zweiter Band
                  Widmung
                  Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche
                     1786 - 1788
                     1788 - 1791
                     1792, 1793
                     1794 - 1796
                     1797 - 1799
                     1799 - 1805
                  Goethe im Alter
                     1806 - 1813
                     1813 - 1819
                     1820 - 1825
                     1826 - 1832
                  Beilagen
                     I. Charlotte von Stein
                     II. Rede weißer Falkenordens
                     III. Vermächtnis j. Nachwelt
                  Schlusswort

2. Kapitel: 1788 - 1791

   Goethe war von Italien geschieden, ohne alle seine Wünsche befriedigt zu sehen; denn aus den Resultaten des Studiums erzeugten sich neue Probleme, und er sah ein, „dass man ein ganzes Leben studieren könne und am Ende doch noch ausrufe: „Jetzt seh’ ich, jetzt genieße ich erst.“ Dennoch hatte teils die Abneigung, sich als Reisebegleiter der Herzogin Amalie ihrem Gefolge anzuschließen, teils das Gefühl dankbarer Verpflichtung, die er gegen seinen Herzog hatte, ihn eben jetzt gedrängt, nach Weimar zurückzukehren. „Bei Ihnen und den Ihrigen“, schreibt er dem Herzog, „ist mein Herz und Sinn, wenn sich gleich die Trümmer einer Welt in die andere Wagschale legen. Der Mensch bedarf wenig; Liebe und Sicherheit seines Verhältnisses zu dem einmal Gewählten und Gegebenen kann er nicht entbehren.“ Der Herzog bezeigte ihm während seiner Abwesenheit eine so liebevolle Gesinnung, dass es nur ein leeres weimarsches Gerede war, er habe seinen Minister gefordert und ihm eine Verlängerung seines Urlaubs abgeschlagen. Überdies war Goethe schon in Italien, wo er sich nach und nach von jedem falschen und eitlen Streben befreit und sich innerhalb der Grenzen seiner individuellen Lebensaufgabe beschränken gelernt hatte, darüber mit sich im Reinen, in die früheren, amtlichen Verhältnisse nicht wieder einzutreten. Ein Brief, den er von Rom aus an den Herzog richtete, spricht neben seinem dankbaren Gefühl in zartester Weise seien Wünsche hinsichtlich seiner künftigen Stellung aus:

   „Wie sehr danke ich es Ihnen, dass Sie mir diese köstliche Muße geben und gönnen. Da doch einmal von Jugend auf mein Geist diese Richtung genommen, so hätte ich nie ruhig werden können, ohne dies Ziel zu erreichen. Mein Verhältnis zu den Geschäften ist aus meinem persönlichen zu Ihnen entstanden; lassen Sie nun ein neu Verhältnis zu Ihnen nach so manchen Jahren aus dem bisherigen hervorgehen. Ich darf wohl sagen, ich habe mich in dieser anderthalbjährigen Einsamkeit selbst wieder gefunden. Aber als was? – Als Künstler! Was ich sonst noch bin, werden sie beurteilen und nutzen. Sie haben durch Ihr fortdauerndes wirkendes Leben jene fürstliche Kenntnis, wozu die Menschen zu brauchen sind, immer mehr erweitert und geschärft, wie mir jeder Ihrer Briefe deutlich sehen lässt; dieser Beurteilung unterwerfe ich mich gern. Fragen Sie mich über die Symphonie, die Sie zu spielen gedenken, ich will gern und ehrlich jederzeit meine Meinung sagen. Lassen Sie mich an Ihrer Seite das ganze Maß meiner Existenz ausfüllen, so wird meine Kraft, wie eine neu geöffnete, gesammelte, gereinigte Quelle von einer Höhe, nach Ihrem Willen leicht da oder dorthin zu leiten sein. Schon sehe ich, was mir die Reise genützt, wie sie mich aufgeklärt und meine Existenz erheitert hat. Wie Sie mich bisher getragen haben, sorgen Sie ferner für mich; Sie tun mir mehr wohl, als ich selbst kann, als ich wünschen und verlangen darf. Ich habe so ein großes und schönes Stück Welt gesehen und das Resultat ist: Dass ich nur mit Ihnen und mit den Ihrigen leben mag. Ja, ich werde Ihnen noch mehr werden, als ich oft bisher war, wenn Sie mich nur das tun lassen, was niemand al ich tun kann, und das Übrige andern auftragen. Ihre Gesinnungen, die Sie mir in Ihren Briefen zu erkennen geben, sind so schön, für mich bis zur Beschämung ehrenvoll, dass ich nur sagen kann: Herr! Hier bin ich, mache aus deinem Knecht, was du willst.“

   Diese Wünsche wurden erfüllt. Die Geschichte des Präsidiums der Kammer und der Kriegskommission wurden Goethe abgenommen. Durch herzogliches Reskript an die Kammer vom 11. April 1788 wurde dieser Behörde eröffnet, dass der zum geheimen Rat beförderte, bisherige geheime Assistenzrat Schmid zum Kammerpräsidenten ernannt sei, dass aber der geheime Rat von Goethe, um in beständiger Connexion mit den Kammerangelegenheiten zu bleiben, berechtigt sei, den Sessionen des Collegii von Zeit zu Zeit, so wie es seine Geschäfte erlauben würden, beizuwohnen und dabei seinen Sitz auf dem für den Herzog bestimmten Stuhl zu nehmen.“ Goethe behielt nur die Bergbaukommission bei. Nach und nach wurden seiner Oberaufsicht die Landesanstalten für Wissenschaft und Kunst zu Weimar, Jena und Eisenach zugewiesen, welche zum Teil auf seine Anregung erst von Karl August ins Leben gerufen oder zu Bedeutung gelangt waren. Somit erhielt er einen seinen geistigen Bestrebungen angemessenen Geschäftsbereich, der ihm für jene eine freiere Muße übrig ließ.

   Die weimarsche Gesellschaft, in die er jetzt wieder eintrat, kam dem Dichter mit den größten Erwartungen entgegen; sie hoffte aus den neu erfrischten Strömen seines Geistes zu trinken und die Blüten der Poesie in lebendigster Fülle von seinem Genius zu empfangen. Allein Goethe war ein anderer geworden; er hatte einen Standpunkt in seiner Bildung gewonnen, auf den ihm in der damaligen Umgebung keiner folgen konnte. Niemand verstand seine Sprache, wenn er die Welt der neuen Anschauungen, die in seinem Innern lebendig war, mit Entzücken schilderte, und seine Sehnsucht nach dem Verlornen, seine Klagen schienen zu beleidigen. Seine Gemütsstimmung war mit der verwandt, welche Winckelmann zur schleunigen Umkehr nach dem geleibten Süden trieb. Durch solche Erfahrungen und sein Inneres oft den nächsten zu verschließen, um sich die Klarheit seiner Ansicht nicht trüben, den Entwicklungsgang seines Geistes nicht hemmen zu lassen. Es ist seitdem, mehr als je zuvor, ein charakteristischer Zug in seinem Wesen, dass er sich in seiner inneren Welt gegen das Andrängen des Äußeren wie in einer wohl verwahrten Burg sicher zu stellen sucht, dass er, seiner Empfänglichkeit und Reizbarkeit sich bewusst, sich gegen das verschließt, was seiner Natur nicht gemäß ist. Es konnte nicht ausbleiben, dass er in dieser abgemessenen Haltung vielen kalt und selbstsüchtig erschien, und vor allen die sich verletzt fühlten, welche die Offenheit und vertrauliche Hingebung früherer Jahre gewohnt waren.

   Die nächsten Jahre nach seiner Rückkehr aus Italien lebte er sehr zurückgezogen, ohne einen lebhaften Verkehr mit Freunden. Herder ging am Anfang des Augusts 1788 auf ein Jahr nach Italien, das für ihn, der mit sich fertig und in sich abgeschlossen war, nicht eine gleiche Bildungsschule, wie für seinen Freund werden konnte, und nach seiner Rückkehr lockerte sich das Freundschaftsband, je mehr Herders Geist durch körperliches Leiden und mancherlei Verdrießlichkeiten umwölkt ward. Das innige Verhältnis zu Charlotte von Stein, welches noch während der italienischen Reise dem Dichter den Genuss verschönert und in beständiger Verbindung mit dem heimatlichen Freundeskreis erhalten hatte, auch dieses erkaltete. Wenn auch auf eine längere Periode der Entfremdung später wieder eine Annäherung folgte, so war doch die belebende, begeisternde Kraft, welche die auf das höchste Vertrauen und die innigste Geistesgemeinschaft gegründete Liebe gehabt hatte, für immer dahin1).

   In dieser Zeit, wo Sehnsucht nach dem Verlornen, Missstimmung über die Gegenwart ihm manche schwere Stunde bereiteten, so dass er diese Unbehaglichkeit später als einen Zustand der Verzweiflung bezeichnet, brachte er sein Drama Tasso, das er einst im Sonnenschein beglückender Liebe begonnen hatte, zum Abschluss (im Juli 1789), wie er berichtet, „bei einem zufälligen Aufenthalt zu Belvedere, wo so viele Erinnerungen bedeutender Momente mich umschwebten.“ Es ist gewiss ein tief empfundenes Wort von ihm, dass er dieser Dichtung vor allen sein Herzblut gegeben habe, gleich wie Werther das Vermächtnis schmerzlicher Stunden. Während dies Drama einerseits ein historisches Charakterbild ist, in welchem die Züge aus Tassos Leben mit feinster Berechnung aufs kunstreichste ineinander verwebt sind, erfüllt es sich zugleich mit der Kontemplation und der Gefühlswärme der Lyrik. So ward Goethes Tasso die Elegie eines friedelosen Dichterlebens, die Darstellung seines weichen, oft zu schwermütiger Selbstqual hinneigenden Gemüts, das zuletzt durch Resignation das Gleichgewicht zwischen Innerem und Äußerem herzustellen sucht. Mit der Herausgabe des Tasso ward zugleich im Jahr 1790 die Göschensche Ausgabe der Schriften Goethes abgeschlossen. Zur Fortsetzung des Faust fand er nicht Stimmung und Sammlung; er ließ ihn als Fragment erscheinen, in welchem die Szenen, die ihm keiner weiteren Überarbeitung zu bedürfen schienen, zusammengestellt waren. Das Publikum, schon mit den politischen Ereignissen beschäftigt, nahm dieses, wie überhaupt die neuesten Dichtungen Goethes sehr kühl auf, so dass der Verleger über den geringen Absatz der Ausgabe Klage zu führen hatte.

   Wenn die Prinzessin im Tasso so eindringlich der edeln Sitte, dem „Erlaubt ist, was sich ziemt“ das Wort redet, so schildert uns dagegen die nächste Dichtung Goethes die goldene vom Tasso geträumte Zeit, den glücklichen Naturzustand, wo das „Erlaubt ist, was gefällt“ Geltung hat. Die Römischen Elegien, vielleicht schon teilweise in Italien begonnen, wohin der Inhalt und die antike Form auch ferner die Szene zu verlegen gebot, wurden der poetische Ausdruck des Liebesverhältnisses, das Goethe bald nach seiner Rückkehr aus Italien einging. Bei einem Spaziergang im Park – „ich ging im Wald so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn“ – trat zu ihm eines Tages ein junges Mädchen, Christiane Vulpius, die Schwester eines damals viel genannten Romandichters, um eine Bittschrift zu überreichen. Ihr munteres, zutrauliches Wesen gewann ihr seine Zuneigung; sie besuchte ihn seitdem öfter, und „die Göttin Gelegenheit“, von der die vierte der Elegien berichtet, schloss den engeren Bund: – „Lieblich gab sie Umarmung und Kuss blad mir gelehrig zurück.“ Sie war nicht schön, doch damals noch von zierlichem, wenn auch kleinem Wuchs. Ihr volles, rundes Gesicht mit dem kleinen Stumpfnäschen und schwellenden Lippen hatte mehr den Reiz einer jugendfrischen Sinnlichkeit, als anmutiger Schönheit. „Kurze Locken ringelten sich um’s zierliche Halschen, ungeflochtenes Haar krauste vom Scheitel sich auf“ (Röm. El. IV).

   Diese Stunden des Glücks und des Verlangens malen uns die Elegien, von denen die kleineren den venezianischen Epigrammen angehängt sind, so wie das Gedicht „Morgenklagen“. Diese Dichtungen sind, so sehr man ihnen den Zauber poetischer Kunst hat zugestehen müssen, oft angefochten worden, weil sie sich zu dem sinnlichen Genuss weiblicher Reize mit einer Offenheit bekennen, welche die konventionelle Dezenz und oft weit unsittlichere Prüderie unserer Zeit nicht gestattet. Goethe stellte sich mit diesen Elegien, die erst in den Schillerschen Horen von 1795 abgedruckt wurden, da Goethe anfänglich durch Herders Abraten von der Veröffentlichung abgehalten worden war, entschieden auf den Boden der griechischen Kunst, welche die Schönheit in ihrer Nacktheit, nicht in Draperien verehrte, und von diesem Standpunkt reiner Plastik der Natur wollen diese Gedichte, gleich den Dichtungen der griechischen Lyriker und ihrer römischen Nachahmer, beurteilt sein. Zwei derselben wurden beim Abdruck weggelassen, „als verfänglichen Inhalts, aber notwendig in diesen Kreis gehörig, und ein Muster, wie auch solche Materien mit Geist und Geschmack im großen Stil behandelt werden können.“ Denn gerade die antike Form adelt den Stoff, weshalb Goethe die bezeichnende Äußerung tat, in modernen Stanzen würde sich der Inhalt verrucht ausnehmen.

   In den Elegien schildert uns der Dichter dies Liebesverhältnis in den beglücktesten Momenten, wo es von dem Reiz des Geheimnisses umhüllt war. Als die „kleine Freundin“ ihn zum Weihnachtsfest 1789 mit einem Knaben (später seinem einzigen, da die nachher gebornen Kinder in zartem Alter starben) beschenkte, nahm er sie nebst Mutter und Schwester in sein Haus auf und glaubte, sittlich zu handeln, indem er diese Verbindung als eine unzertrennliche, als eine „Ehe“ betrachtete; er äußert daher gelegentlich in einem Brief an Schiller vom 13. Juli 1796, sein „Ehestand“ sei gerade acht Jahre alt. Die Abneigung gegen kirchliche Zeremonien, die sich während des Aufenthalts in Italien zu einem offen gestandenen Hass gesteigert hatte, die Ansicht, dass eine solche Verbindung die Welt nichts angehe, sondern lediglich die dabei Beteiligten – „unsre Zufriedenheit dringt keine Gefährde der Welt“ – dazu die Scheu, ein Mädchen von geringer Bildung in die weimarsche Gesellschaft als seine Gattin einzuführen, alles dies hielt ihn lange Zeit davon ab, diese Verbindung durch die kirchliche Trauung zu einer legitimen zu machen; erst im Jahr 1806 glaubte er den geeigneten Zeitpunkt dazu gefunden zu haben, nachdem bereits einem August die Rechte legitimer Geburt von dem Herzog, der bei ihm Patenstelle vertreten hatte, zuerkannt waren2).

   Der Anstoß, den dies häusliche Verhältnis gab, hatte zur Folge, dass man es meist nur so auffasste, als sei es nicht über das sinnliche Bedürfnis hinausgegangen, und Christiane sei im Übrigen nichts als Goethes Wirtschafterin gewesen. Eine solche Verleugnung seiner sittlichen Natur war aber für ihn nicht möglich. Vielmehr blickt aus mancher Äußerung, aus mancher Zeile seiner Gedichte (z.B. der Elegie „Metamorphose der Pflanzen“) eine herzliche Zuneigung hervor, wenngleich der tiefere Gefühlsinhalt einer auf sittliche Achtung und Geistesgemeinschaft gegründeten ehe von dieser Verbindung schon deshalb nicht zu erwarten stand, weil die Geliebte und nachmalige Gattin an geistiger Bildung und mehr noch an sittlichem Wert tief unter ihm stand und im Bewusstsein ihrer unwürdigen Stellung sich nicht zu dem Gefühl edlerer Weiblichkeit erheben konnte. Wer behauptet, Goethe habe für seine geistige Tätigkeit größere Unabhängigkeit gewonnen, als wenn ihm eine Lebensgefährtin von höherer Bildung und von angesehener gesellschaftlicher Stellung zu Teil geworden wäre, ist im Irrtum. In geistiger wie in sittlicher Beziehung kann sich eine edle Natur nicht rein und frei erhalten in beständiger Berührung mit einer unedlen Umgebung, und der Ausruf der Frau von Stein: „Der arme Goethe, der immer nur edle Umgebungen hätte haben sollen!“, ist nur allzu wahr. Überdies hat die Nation ihrem größten Dichter die Entzweiung mit Sitte und Gesetz nie verziehen; nichts hat der richtigen Würdigung von Goethes sittlichem Charakter so sehr im Wege gestanden, nichts so sehr zu falschen Urteilen über die Tendenz seiner Dichtungen verleitet, als dies Halb-Ehe.

   Was Goethe in dieser Periode der Zurückgezogenheit neben seinen Dichtungen niederschrieb, bezeichnet die anscheinend fern voneinander liegenden Gedichte wissenschaftlicher Erkenntnis, denen sich von jetzt an seine geistige Tätigkeit zuwendete. Über ihre innere Verbindung und Verwandtschaft spricht er sich in einem späteren Aufsatz klar aus: „Wie die begünstigte griechische Nation verfahren, um die höchste Kunst im eigenen Nationalkreis zu entwickeln, hatte ich bis auf einen gewissen grad einzusehen gelernt, so dass ich hoffen konnte, nach und nach das Ganze zu überschauen und mir einen reinen vorurteilsfreien Kunstgenuss zu bereiten. Ferner glaubte ich der Natur abgemerkt zu haben, wie sie gesetzlich zu Werke gehe, um lebendiges Gebilde als Muster alles künstlichen hervorzubringen. Das Dritte, was mich beschäftigte, waren die Sitten der Völker: An ihnen zu lernen, wie aus dem Zusammentreffen von Notwendigkeit und Willkür, von Antrieb und Wollen, von Bewegung und Widerstand ein Drittes hervorgeht, was weder Kunst noch Natur, sondern beides zugleich ist, notwendig und zufällig, absichtlich und blind; ich verstehe die menschliche Gesellschaft. Ich schrieb zu gleicher Zeit (1789) einen Aufsatz über ‚Kunst, Manier und Stil’, einen andern die ‚Metamorphose der Pflanzen’ zu erklären, und der ‚römische Karneval’3). Sie zeigten sämtlich, was damals in meinem Innern vorging, und welche Stellung ich gegen jene drei großen Weltgegenden genommen hatte.“

   So sehr auch die objektive Darstellung der Karnevalslustbarkeiten Beifall fand, wollten die gelehrten Botaniker doch den Dichter auf dem Gebiet der Naturwissenschaften nicht als zünftiges Mitglied ansehen und lehnten seine Ansichten als eine poetische Spielerei vornehm ab. Goethe wies in seiner 1790 erschienen Abhandlung ‚Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären’ in klarer Darstellung nach, was ihm während seiner Reise in Italien zur Überzeugung geworden war, dass alle Pflanzenteile identisch seien, dass, „möge eine Pflanze sprossen, blühen oder Früchte bringen, es doch immer dieselbigen Organe seien, welche in vielfältigen Bestimmungen und unter oft veränderten Gestalten die Vorschrift der Natur erfüllen.“ Es war erst späteren Jahren vorbehalten, diese Idee zur Anerkennung zu bringen. „Zu hohem und verdientem Ruhm“, um einen Kenner der Wissenschaft (L. Reichenbach) reden zu lassen, „reifte erst spät heran Goethes geistvolle Schrift über die Metamorphose der Pflanzen, eine Abhandlung von ebenso trefflicher Beobachtungsgabe geleitet, als durch glückliche Deutungsgabe belebt. Diese Metamorphose, diese Entwicklung der Pflanze, übertragen auf das ganze Gewächsreich, gibt die Gesetze für ideale Anordnung, für Darstellung des lebendigen, natürlichen Zusammenhanges, dem wir nachforschen sollen, ohne jemals ihn ganz erreichen zu können. Nur die ahnungsvolle Deutung dazu belebt die Schriften des Meisters, die Ausführung bleibt jedem überlassen nach Maßgabe von Einsicht, Eifer und Kraft.“ Es blieb der Grundzug von Goethes wissenschaftlichem Denken, alle Naturerscheinungen als Glieder einer ununterbrochenen Entwicklung des Lebendigen aufzufassen. Diese Idee greift auch hinüber in das Gebiet der Poesie, welche ebenfalls ein Lebendiges in seiner Totalität zu erfassen und darzustellen hat. Die didaktische Elegie „Metamorphose der Pflanzen“, welche das Resultat in poetischer Form zur Anschauung zu bringen sucht, führt uns in anmutiger Parallele das Bild der Liebe vor, die, aus zartem Keim sich entfaltend, in mannigfach wechselnden Gefühlen sich fortentwickelnd, zu der höchsten Frucht gleicher Gesinnungen aufstrebt. Unbeirrt durch kalte, absprechende oder spöttische Urteile schritt Goethe in seiner Forschung fort. Herbarien wurden angelegt und besonders „Beispiele des Bildens, Umbildens und Verbildens“ gesammelt, manches ward abgezeichnet und so die Fortsetzung der ersten Arbeit vorbereitet. Wenn auch die nächsten Jahre ihn mehrmals aus der stillen Tätigkeit rissen und zu andern Beschäftigungen hinüberzogen, so fand er doch stets Gelegenheit, sich mit dem Mittelpunkt seiner botanischen Studien in Verbindung zu erhalten.

   Der Frühling des Jahres 1790 rief Goethe noch einmal über die Alpen. Die Herzogin Amalie kam aus dem Süden zurück, und Goethe reiste ihr bis Venedig entgegen, wo er auch mit einigen römischen Freunden zusammenzutreffen hoffte. Da ihre Ankunft sich bis in den Mai hinausschob, so verweilte er mehrere Wochen allein in der alten Dogenstadt. Wie er diese Muße benutzt hat, um das Volksleben zu beobachten und die Betrachtung der dortigen Kunstschätze fortzusetzen, darüber belehrt uns ein Teil der ‚venezianischen Epigramme’. Die meisten dieser kleinen Sammlung sind in Venedig entstanden; doch sind mehrere ältere und spätere Epigramme bei der erst 1795 erfolgten Herausgabe im Schillerschen Musenalmanach eingeschaltet und angehängt worden, so dass man sich hüten muss, in allen venezianische Beziehungen zu suchen. Viele sind augenscheinlich aus den weimarschen „angenehmen häuslich-geselligen Verhältnissen“ entsprungen, andere enthalten spätere Reflexionen über die französische Staatsumwälzung, wieder andere deuten auf den damals noch nicht angeregten Streit über die Farbentheorie4). An den italienischen Epigrammen fällt es besonders auf, dass nirgends jene Begeisterung anklingt, die früher jeden seiner Schritte zum geliebten Süden begleitet und noch in den römischen Elegien ihren poetischen Ausdruck gefunden hatte. Er muss es selbst gestehen: „Das ist Italien nicht mehr, das ich mit Schmerzen verließ.“ Hatte er früher nur leise die Missstände in den italienischen Verhältnissen und die Leiden des Reisenden angedeutet, so bricht jetzt der Unwille unverhaltener hervor:

Deutsche Redlichkeit suchst du in allen Winkeln vergebens;
   Leben und Weben ist hier, aber nicht Ordnung und Zucht.

   Manche Epigramme verbergen in der scherzenden Umhüllung einen scharfen Stachel, und wir erkennen an diesem und jenem leicht hingeworfenen Worte, dass er sich gegen die Welt mehr verschlossen hat. Zuletzt sind Bettinens Gaukelsprünge und das Dunkel der Spelunke nur die unheimliche Kehrseite der seelenvollen Erhebung zu dem Großen und Schönen, das einst Italien vor seinen Augen ausgebreitet hatte.

   Die Herzogin langte am 6. Mai in Venedig an, mit ihr Heinrich Meyer und der Maler Bury, mit denen Goethe seit dem zweiten Aufenthalt zu Rom durch herzliche Freundschaft verbunden war. Die lebendige Unterhaltung mit Kennern der Kunstwerke, die gemeinschaftliche Betrachtung der vorzüglichsten Werke der venezianischen Malerschule führte ihn wieder in das Kunstelement ein, das er in Weimar so schmerzlich entbehrt hatte. Sie begleiteten ihn bis Manuta, wo sie mit ihm den Genuss der Fülle ausgezeichneter Werke der bildenden Kunst teilten. Bury begab sich nach Rom zurück, Meyer nach seinem Heimatland, der Schweiz, von wo auch er nach Rom zurückging; der Herzog von Weimar hatte ihm eine jährliche Unterstützung von 100 Scudi zugesichert, mit dem Wunsch, dass er später nach Weimar komme. Um den Anfang des Juni traf Goethe mit der Herzogin-Mutter wieder in Weimar ein.

   Wenige Tage zuvor war der Herzog nach Schlesien abgereist, um den Übungen des preußischen Feldlagers beizuwohnen, das dort zum Behelf einer Demonstration gegen Österreich und Russland gebildet worden war, während Österreich Truppen in Mähren, Böhmen und Galizien zusammen zog. Durch den Kongress von Reichenbach wurden die Kriegsbesorgnisse beseitigt. Der Herzog berief auch Goethe dorthin, „wo er einmal statt der Steine und Pflanzen die Felder mit Kriegern werde besät finden.“ Goethe folgte der Einladung, halb wider Willen, und begab sich nach Breslau. Das militärische Leben, das hier ihn empfing, der Glanz der Feste, die Mannigfaltigkeit der in den fürstlichen Kreisen versammelten Gesellschaft hatte indes wenig Reiz für ihn. Er ließ sich nicht mehr so freudig, wie früher, von der Woge des bunt wechselnden Lebens tragen, immer beobachtend, immer lernend von neuen Erscheinungen, von eigentümlichen Charakteren, so dass selbst das, was seiner Natur fern lag, die Schule der Weltbildung erweiterte! Der Blick ist nach innen gekehrt und ernster geworden, seit die geistige Kraft sich der inneren Gedankenwelt zugewendet hat und mehr auf die Deutung der Geheimnisse der Natur, als der Rätsel der Menschenwelt sich richtet. „In der Art“, schreibt er um diese Zeit an Jacobi, „auf dem Weg, wie Du mein botanisches Werkchen wirst gesehen haben, setze ich meine Betrachtungen über alle Reiche der Natur fort und wende alle Kunstgriffe an, die meinem Geist verliehen sind, um die allgemeinen Gesetze, wonach die lebendigen Wesen sich organisieren, näher zu erforschen.“

   Als Goethe eines Tages auf den Dünen des Lido, welche die venezianischen Lagunen vom Meer trennen, spazieren ging, fand er in dem Sand des Judenkirchhofs einen Schafschädel, der so geborsten war, dass er ihn nicht nur für die früher ausgesprochene Behauptung, die sämtlichen Schädelknochen seien aus verwandelten Wirbelknochen entstanden, einen neuen Beweis gab, sondern auch den Übergang des tierischen Organismus zu fortschreitender Entwicklung und Veredlung der vorzüglichsten Sinneswerkzeuge vor Augen stellte. Er glaubte zu erkennen, dass die Gesichtsknochen gleichfalls aus Wirbeln abzuleiten seine, indem ihm der Übergang vom ersten Flügelbein zum Siebbein und den Muscheln ganz deutlich vor Augen trat. Diese Beobachtung bestärkte ihn in der Überzeugung, „ein allgemeiner, durch Metamorphose sich erhebender Typus gehe durch die sämtlichen organischen Geschöpfte durch, lasse sich in allen seinen Teilen auf gewissen mittleren Stufen gar wohl beobachten und müsse auch noch da anerkannt werden, wenn er sich auf der höchsten Stufe der Menschheit ins Verborgen bescheiden zurückzieht.“ Auf die Fortsetzung dieser osteologischen Forschungen war während seines Aufenthalts in Schlesien vornehmlich seine Tätigkeit gerichtet, und er lebte daher mitten in der bewegtesten Welt „wie ein Einsiedler in sich selbst abgeschlossen.“ Er begann eine Abhandlung über die Bildung der Tiere zu schreiben; daneben ward an einer komischen Oper gedichtet.

   Gegen Ende des Augusts treffen wir Goethe in den schönen Gebirgsgegenden am Fuß des Riesengebirges, in Adersbach und der Grafschaft Glatz. Viel Belehrung schöpfte er aus der im September ausgeführten Lustfahrt nach Galizien. Er besah unter anderem die Berg- und Hüttenwerke von Tarnowitz und die Salinen von Wiliczka. Manche Beobachtungen wurden aufgezeichnet; doch geben uns von diesen Erfahrungen und Erlebnissen nur einige Epigramme und kurze Andeutungen eine oberflächliche Nachricht; es ist zu erwarten, dass man eine ausführliche Schilderung, auf die schon Goethe Hoffnung machte, späterhin aus seinen Papieren zusammenstellen wird. Im Oktober war er wieder in Weimar.

   Es folgte eine Zeit der ungestörtesten Muße. Daher wandten Herzogin Amalie und Herder ihren Einfluss an, ihn für eine größere dichterische Arbeit zu gewinnen, zunächst für die Vollendung des Wilhelm Meister, worin er nach der Versicherung seiner italienischen Briefe alles das zusammenfassen wollte, was er durch den Reichtum der Kunstanschauungen an neuen Ansichten gewonnen hatte. Wirklich wandte er auch sein Augenmerk dahin, als er sein osteologisches Werkchen, an dem er mehrere Wochen, ohne zum Abschluss kommen zu können, gearbeitet hatte, wieder beiseite legte. „Vielleicht rückt“, schrieb er am Schluss des Jahres, „in dem neuen Jahr auch dieses alte Werk seiner Vollendung näher.“ Allein als Dichter fühlte er sich durch die drückenden und spannenden Zeitereignisse aus dem sonst gewohnten Element hinausgedrängt, zumal auch im engeren Kreis die erfrischende Quelle versiegte, die zu mancher Stunde der Begeisterung geweckt hatte; er äußerte später in einem Brief an Schiller, er habe damals aufgehört ein Dichter zu sein. „Hätte ich“, sagte er zu Eckermann, „in der bildenden Kunst und in den Naturstudien kein Fundament gehabt, so hätte ich mich in der schlechten Zeit und deren täglichen Einwirkungen auch schwerlich oben gehalten.“ Es mussten erst einige Jahre vergehen, bis er auch die neuen gewaltsamen Erscheinungen der politischen und sittlichen Welt in sich durchdacht und bewältigt hatte, so dass er aufs neue zu künstlerischer Gestaltung fähig ward. Aufgefordert durch den ihm inwohnenden Trieb zu der Erforschung der Lebensgesetze in der sittlichen Welt wie in der Natur, suchte er die Ordnung, die im äußeren Leben gestört war, in dem stillen Weben und walten der Natur freudig zu erkennen. Auf diesem unermesslichen Gebiete erwuchsen ihm stets neue, ungeahnte Probleme, und der leidenschaftliche Fleiß, sie zu seiner Befriedigung zu lösen, in den Erfahrungen der Außenwelt den Grundgedanken seiner Naturforschung überall wieder zu finden und bestätigt zu sehen, wuchs in eben dem Maß, als er einsehen musste, dass die Kraft des Einzelnen zu den großen Aufgaben, die auf die ausgebreitetste Universalität der Naturbeobachtungen hindeuteten, im Missverhältnis stehe. Bisher hatte sich seine Naturforschung meist auf das naturhistorische Gebiet beschränkt, auf welchem er mit ebenso viel poetischer Divinationals sorgfältiger Beobachtung der einzelnen Erscheinungen in die Grundgesetze der Organisation und der Metamorphose alles Lebendigen eindrang. Es war dieselbe Geistestätigkeit, die seine dichterischen Produktionen zur Reife brachte, nur auf einem andern Gebiet, dem man selten die Grenzverbindung mit der Poesie zugestehen wollte. Bei Goethe wurzelte die Naturforschung in der erhabensten sittlichen Anschauung, weshalb er für sie eine harmonisch-allgemeine Ausbildung des Individuums fordert. Folgerichtig nimmt sie die spekulative Richtung des Goetheschen Geistes in sich auf. Denn obgleich Goethe bekennen muss, dass ihm das Organ für Philosophie im eigentlichen Sinn abgehe, so entzog er sich doch keineswegs der Einwirkung ausgezeichneter philosophischer Denker. Wie er mit jugendlicher Begeisterung den Kern des Spinozismus in sich aufnahm, so verfolgte er auch nachmals die Entwicklung deutscher Philosophie, nachdem sie mit Kants Kritik der reinen Vernunft zu dem ernst des wissenschaftlichen Denkens zurückgekehrt war und auf verschiedenen Bahnen die Lösung der höchsten Probleme des Geistes versuchte. Zwar stand ihm Kants Kritik der reinen Vernunft in der Umhüllung der esoterischen Sprache der Metaphysik noch fern; doch dem Standpunkt des großen Philosophen hatte er, ohne seiner Methode bestimmt bewusst zu sein, durch die Anschauung der Gegenstände der Erscheinungswelt, welche ihm ein spekulatives Denken ward, sich genähert. Freudig stimmte er dem Kantschen Satz bei, wenn gleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung angehe, so entspringe sie darum doch nicht alle aus der Erfahrung: „Zum ersten Mal schien eine Theorie mich anzulächeln.“ Eine schönere Klarheit ging ihm in Kants Kritik der Urteilskraft auf, welcher er nach seinem eigenen Geständnis eine höchst frohe Lebensepoche schuldig ward. „Hier sah ich meine disparatesten Beschäftigungen nebeneinander gestellt; Kunst- und Naturerzeugnisse, eins behandelt, wie das andere; ästhetische und teleologische Urteilskraft erleuchteten sich wechselweise. Wenn auch meiner Vorstellungsart nicht eben immer dem Verfasser sich zu fügen möglich werden konnte, wenn ich hie und da etwas zu vermissen schien, so waren doch die großen Hauptgedanken des Werks meinem bisherigen schaffen, Tun und Denken ganz analog; das innere Lebend er Kunst wie der Natur, ihr beiderseitiges Wirken von innen heraus war im Buch deutlich ausgesprochen… Mich freute, dass Dichtkunst und vergleichende Naturkunde so nah’ miteinander verwandt seien, indem beide sich derselben Urteilskraft unterwerfen. Leidenschaftlich angeregt, ging ich auf meinen Wegen nur desto rascher fort.“ Da Goethe bei Kants Schriften dasselbe widerfuhr, wie früher beim Studium des Spinoza, dass er mehr das herauslas, was in seinem eigenen Denken schon vorbereitet war, und das Fremde sich auf seine Weise zurecht legte, so musste er’s sich gefallen lassen, dass seine Auffassung der Kantischen Doktrin bei den Kantianern wenig Anklang fand und bei seinen spekulativen Erörterungen der eine und der andere mit lächelnder Verwunderung äußerte: „Es sei freilich ein Analogon Kantischer Vorstellungsart, aber ein seltsames5).“

   Inzwischen hatte ihn der Verfolg seiner Naturbetrachtung zu neuen wissenschaftlichen Forschungen hinübergeführt, aus denen ihm nach und nach eine Lebensaufgabe erwuchs, welcher er mit größter Anstrengung die besten Kräfte seiner späteren Jahre widmete. Schon da er in Italien den Reiz der Farben in den Erscheinungen der Natur, wie in den Werken der Malerkunst aufs lebendigste empfand, begann er den Gesetzen ihrer Entstehung nachzusinnen. Wiederholt machte sich das einmal angeregte Interesse wieder geltend. Er machte sich mit Hilfe eines Kompendiums mit der auf Newtons Forschungen gegründeten Theorie der Optik bekannt. Hofrat Büttner in Jena bot ihm den zu den Experimenten erforderlichen Apparat an. Anderweitige Beschäftigungen schoben indes die Versuche noch hinaus; zu andern Hindernissen kam noch der Einzug in eine neue Wohnung und die Unruhe der neuen Einrichtung. „Die Prismen standen eingepackt, wie sie gekommen waren, in einem Kasten unter dem Tisch, und ohne die Ungeduld des jenaschen Besitzers hätten sie noch lange da stehen können.“ Auf dringende Mahnung eines Freundes zu Jena war er schon im Begriff, die Prismen ungebraucht zurückzuschicken, weil er noch immer keine Zeit fand, um sich mit diesen Untersuchungen abzugeben; nur einige flüchtige Beobachtungen konnte er sich vor der Absendung nicht versagen, und plötzlich ging ihm die Überzeugung auf, die Newtonsche Lehre sei falsch. Er erbat sich die Erlaubnis, den Apparat noch länger benutzen zu dürfen, und widmete das Jahr 1791 vornehmlich den chromatischen Beobachtungen. Er fühlte sich in ein neues, absehbares Feld versetzt, welches zu durchmessen er sich nicht Kraft genug getraute. Er sah sich überall nach Teilnehmern um, und hätte gern seine Beobachtungen und Überzeugungen einem andern überlassen, wenn er hätte hoffen können, sie fruchtbar zu sehen. Allein seine Mitteilungen erweckten keine Teilnahme: „Überall fand ich Unglauben an meinen Beruf zu dieser Sache; überall eine Art von Abneigung gegen meine Bemühungen, die sich, je gelehrter und kenntnisreicher die Männer waren, immer mehr als unfreundlicher Widerwille zu äußern pflegte.“ Dies hätte ihm allerdings Zweifel in die Richtigkeit seiner Bemerkungen einflößen können, zumal ihm nicht entgehen konnte, wie gefährlich es sei, ohne mathematische Kenntnisse sich in physikalische Forschungen einzulassen. Jedoch war er bei seiner Entdeckung der Pflanzenmetamorphose und seinen osteologischen Beobachtungen den Widerspruch der Fachgelehrten schon zu sehr gewohnt, als dass dieser ihn hätte irre machen können, seinen eigenen Weg zu gehen; „ein entschiedenes Aperçu ist wie eine inokulierte Krankheit anzusehen; man wird sie nicht los, bis sie durchgekämpft ist.“ – „Es ging mir“, äußert er an einer anderen Stelle, „mit diesen Entwicklungen natürlicher Phänomene wie mit Gedichten, ich machte sie nicht, sondern sie machten mich.“

   Von anderer Seite kam man auch wiederum seinem Vorhaben förderlich entgegen. Herzog Ernst von Gotha eröffnete ihm sein physikalisches Kabinett, wodurch er die Versuche zu vermannigfaltigen und ins Größere zu führen in Stand gesetzt wurde. Prinz August von Gotha verehrte ihm aus England verschriebene, sowohl einfache als zusammengesetzte achromatische Prismen. Über das Nähere seiner Beobachtungen findet man ausführlichen Bericht in der „Konfession“, welche Goethe seiner Geschichte der Farbenlehre angehängt hat. Eine Kritik derselben wird man dem Biographen, der seine Inkompetenz in diesem wissenschaftlichen Fach zu gestehen hat, umso mehr erlassen, als das Urteil über Goethes Verdienste um die Farbentheorie noch nicht einmal bei den Physikern festgestellt ist. Uns interessiert sie, abgesehen von ihren wissenschaftlichen Resultaten, als ein neues Moment der Geistestätigkeit Goethes, welche, zu der Farbenlehre fortschreitend, das Prinzip der Einheit des Innern und Äußern, des Denkens und des Phänomens auch hier zur Geltung zu bringen und in der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen das Gesetz zu finden sucht. Wenn er in seiner Farbenlehre die ideale Einheit des Subjektiven und Objektiven in die Worte zusammenfasst: „Wenn die Farbentotalität von außen dem Auge als Objekt dargebracht wird, so ist sie ihm erfreulich, weil ihm die Summe seiner eigenen Tätigkeit als Realität entgegenkommt“: So mag uns dies im voraus eine Andeutung sein, dass die Beschäftigung mit der Farbenlehre keine Abschweifung von seinem bisherigen Standpunkt war, sondern das Grundprinzip seines Dichtens und seiner Kunstanschauung auch hier aufs neue hervortritt. „Als ich lange genug in diesen fremden Regionen verweilt hatte, fand ich den glücklichen Rückweg zur Kunst durch die physiologischen Farben und durch die sittliche und ästhetische Wirkung derselben überhaupt.“

   Eine vorläufige Darstellung einzelner von ihm beobachteter Phänomene gab er in seinen ‚Beiträgen zur Optik’, 1791 und 1792 in zwei Heften erschienen, welche auf seine Theorie vorbereiten und ihm die Teilnahme des größeren Publikums verschaffen sollten. Indes wurden sie ebenso kalt, wie seine früheren naturwissenschaftlichen Aufsätze aufgenommen, und er sah sich weder ermuntert noch gefördert. In dem Kreis der Weimarer Freunde machte er wiederholte Versuche, seine Theorie zu verdeutlichen und durch mündliche Vorträge sie mehr und mehr beherrschen zu lernen. In Weimar war eine gelehrte Gesellschaft gestiftet worden, welche am 5. Juli 1791 ihre Statuten erhielt. Sie versammelte sich anfangs bei der Herzogin Amalie, später in Goethes Haus; auch die herzogliche Familie wohnte mehreren Sitzungen bei. In einigen derselben trug Goethe seine Optik vor, und selbst Böttiger, der sonst ihn herunterzuziehen liebt, muss nach der Sitzung vom 4. November gestehen, Goethe sei ebenso groß als scharfsinniger Demonstrator an der Tafel, wie er es als Dichter sei. Goethe fühlte stets einen lebhaften Trieb, durch Mitteilung seiner wissenschaftlichen Ansichten sie zu größerer Klarheit in sich zu entwickeln. „Ich hielt“, äußert er bei einer spätern Gelegenheit, „niemals einen Vortrag, ohne dass ich dabei gewonnen hätte; gewöhnlich gingen mir unterm Sprechen neue Lichter auf, und ich erfand im Fluss der Rede am gewissesten.“

   Indem Goethe inmitten dieser Beschäftigungen das Band, das ihn mit der Poesie verknüpfte, keineswegs zerriss, konnte es ihm nur erwünscht sein, wenn es durch äußere Anregung praktischer Tätigkeit noch mehr befestigt wurde. Die Darstellungen der Bellomoschen Schauspielergesellschaft hatten in letzter Zeit nicht mehr befriedigt. Man beschloss sie zu entlassen; nur einige tüchtige Mitglieder derselben wurden beibehalten und die Truppe durch neue Anwerbungen von den bedeutenderen deutschen Bühnen ergänzt. Goethe übernahm am 1. Mai 1791 „mit Vergnügen“ die Leitung dieses Hoftheaters. Nur wenig Vorstellungen wurden nach der Eröffnung in Weimar gegeben; bald darauf zog die Gesellschaft nach dem Badeort Lauchstädt hinüber, wo sie auch ferner im Sommer zur Unterhaltung der Badegäste zu spielen pflegte. Im nächsten Winter widmete sich Goethe dem Theater mit großer Liebe und Anstrengung. Die Neigung zu Oper und Singspiel, in welcher er in Italien sehr bestärkt war, ließ ihn zunächst diese das größere Publikum vornehmlich anziehende Seite der Theatervorstellungen am meisten begünstigen. Der Konzertmeister Cranz und der immer tätige Theaterdichter Vulpius griffen lebhaft mit ein; auch das leichte Talent Einsiedels, der ein gleiches Interesse für die musikalische Poesie aus Italien heimgebracht hatte, leistete gute Dienste. Einer Menge italienischer und französischer Opern wurden deutsche Texte unterlegt und die vorhandenen verbessert. Goethe selbst überarbeitete mehrere Texte und die Oper „Circe“ wurde ganz umgedichtet.

   Das vielleicht schon in Italien begonnenen Singspiel die ungleichen Hausgenossen, in welchem sieben Personen, die aus Zufall oder in Folge von Verhältnissen auf einem Schloss zusammentreffen, Gelegenheit gaben, durch Verschiedenheit der Charaktere eine poetische und musikalische Abwechselung herbeizuführen, wurde jedoch nicht wieder aufgenommen, obwohl es schon ziemlich weit gediehen war. Einige Arien daraus finden sich in der Sammlung seiner Gedichte unter den Überschriften „verschiedene Empfindungen an einem Platz“ und „Antworten bei einem gesellschaftlichen Fragespiel“ zusammengestellt.

   Nicht minder war indes das Bemühen Goethes dahin gerichtet, das rezitierende Drama „auf eine würdige Weise zu behandeln und von Grund aus zu beleben.“ Von dem Repertoire Ifflandscher und Kotzebuescher Stücke vermochte man sich bald zu sorgfältiger Darstellung klassischer Dramen zu erheben; die Aufführung von Shakespeares König Johann und Schillers Don Carlos erschien als ein „großer Gewinn“; denn erst mit solchen Darstellungen stieg das Theater von der Stufe flüchtiger Unterhaltung in das Gebiet der höheren Kunst empor. Die nächstfolgenden Jahre werden uns zeigen, welch glänzende Erfolge durch ein reines, folgerechtes Wirken errungen wurden.

   Die erste poetische Frucht der aufs Neue in Goethe angeregten Liebe zur Bühne war das Lustspiel der ‚Groß-Cophta’, dessen Abfassung dem Jahr 1791 angehört. Den Stoff zu diesem Drama hatte der Dichter schon viele Jahre mit sich herumgetragen. Die berüchtigte Halsbandgeschichte, in welche die Königin Marie Antoinette so unheilvoll verflochten war, erschreckte Goethe im Jahr 1785 „wie das Haupt der Gorgone“, und wenn ihm auch damals seine Freunde (wahrscheinlich Herder) vorwarfen, dass er zu viel Wert und Gewicht auf dieses oder jenes Ereignis des Tages lege, so hielt er doch daran fest, dass er sich auf einer prägnanten Stelle befinde, von wo manches zu erwarten sei, und er hatte die Überzeugung, die auch Talleyrand damals geäußert hat, dieser Prozess könne den französischen Thron umstürzen. Besonders zog ihn darin ein geheimnisvoller Charakter an, der schon seit längerer Zeit in Europas Hauptstädten die Rolle eines Magiers mit geistreicher Schlauheit spielte und vielen als ein Wunder, allen als ein Rätsel erschien. Es war der so genannte Graf Cagliostro, welcher, gewonnen von der betrügerischen Gräfin Lamotte, zu der Überlistung des Kardinals Rohan, der zu seinen blindgläubigen Verehrern gehörte, durch seinen Rat mitwirkte und daher in jenen Prozess verwickelt ward. So groß war Goethes Interesse für den seltsamen Abenteurer, dass er bei seiner Anwesenheit in Palermo der Mutter und Schwester desselben, die dort in Dürftigkeit lebten, einen Besuch machte und ihn später noch von Weimar aus Geldunterstützung zukommen ließ. Einen Aufsatz über Cagliostros Stammbaum und Familie gab er später im ersten Band seiner „neuen Schriften“ (1792) heraus, damit, wie er an Jacobi schreibt, über diesen Nichtswürdigen gar kein Zweifel übrig bleibe.

   Nach der Beendigung des Tasso begann Goethe die Bearbeitung des Süjets in der Operform. Mit Reichardt ward die Komposition verabredet. Von dieser Bearbeitung des Groß-Cophta (so nannte sich Cagliostro als Wiederhersteller der angeblichen ägyptischen Maurerei) sind nur die Arien übrig geblieben, welche als ‚Cophtische Lieder’ unter den lyrischen Gedichten stehen. Wir werden dem Dichter unbedenklich beistimmen, dass der Gegenstand sich besser zu einer Oper, wo uns das Magische weniger befremdend, das Unsittliche weniger verletzend erscheinen würde, als zu einem Drama getaugt hätte.

   Bei der Wiederaufnahme des Stoffes zog Goethe die Form des Lustspiels vor. Weil der Dichter uns in eine sittlich verdorbene Gesellschaft führt, welche durch den Schein des Guten auch das edle Gemüt zu täuschen und zum Dienst des Bösen zu missbrauchen weiß, weil er das Gewebe einer schändlichen betrügerischen Mystifikation mit historischer Treue vor unsern Blicken enthüllt, so ist dies Drama meist mit einem absprechenden Urteil, oft von solchen, die es nicht einmal gelesen haben, als eine Goethes unwürdige Arbeit beiseite geschoben worden, wobei man noch die Freu hatte, sich auf ein Urteil Georg Forsters berufen zu können, der den Groß-Cophta auf den ersten Eindruck hin in einem Brief an Jacobi „ein Ding ohne Salz“ nannte, „ohne einen Gedanken, den man behalten kann, ohne eine schöne entwickelte Empfindung, ohne einen Charakter, für den man sich interessiert etc.“ Freilich war in diesem Gemälde schändlicher Torheit für Entwicklung von Empfindungen keine Stelle, und die Sprache, welche Forster einen platten Alltagdialog nennt, soll eben die Leere und Hohlheit der „hochadligen“ Kreise, in denen die Handlung sich bewegt, veranschaulichen. Allein wenn wir gleich die Tiefe und Wärme, wodurch die größeren Dichtungen Goethes hervorragen, hier nicht finden, weil das Sujet sie ausschließt, und wir auf einen heitern, wohltuenden Eindruck verzichten müssen, so sind doch Klarheit der Exposition, Lebendigkeit der Handlung, feine Zeichnung der Charaktere als die Eigenschaften anzuerkennen, welche diesem Drama als Kunstwerk eine hohe Stelle unter Goethes Dichtungen anweisen. Dass es bei der ersten vortrefflich gespielten Aufführung einen widerwärtigen Eindruck gemacht habe, bekennt Goethe selbst mit gewohnter Offenheit: „Kein Herz klang an … und weil geheime Verbindungen sich ungünstig behandelt glaubten, so fühlte sich ein großer, respektabler Teil des Publikums entfremdet, so wie das weibliche Zartgefühl sich vor einem verwegenen Liebesabenteuer entsetzte.“ Vergleicht man mit diesem Erfolg die heiteren Stunden in Ettersburg und Tiefurt, so fühlt man eine schmerzliche Resignation in den Worten durch: „Ich war immer gegen die unmittelbare Wirkung meiner Arbeiten gleichgültig gewesen und sah auch diesmal ganz ruhig zu, dass diese letzte, an die ich so viel Jahre gewendet, keine Teilnahme fand.“

Ü   Þ


1) Dass ich schon vor dem Erscheinen des dritten Teils der ‚Briefe Goethes an Frau von Stein’ das Nähere über die Auflösung dieses Verhältnisses so wie einige Nachträge zu dem ersten Band dieser Biographie habe mitteilen können, verdanke ich der Güte des Herrn Hofrat Schöll in Weimar, welcher mir die noch unedierten Briefe Goethes teils in den Aushängebogen, teils in der Originalhandschrift mitteilte und mir gestattete, davon für meine biografische Darstellung beliebigen Gebrauch zu machen. Der Druck dieses Bandes war damals schon zu weit vorgerückt, als dass meine Auszüge dem ersten Buch hätten zugute kommen können. Die erste Beilage enthält, was zur Ergänzung nötig war. ­

2) Über diese Verbindung s. die möglich schonende, doch im Faktischen wahrheitstreue Darstellung in Riemers Mitteilungen I. S. 354 ff. „häuslicher Zustand“. Minder rücksichtsvoll äußerst sich J. W. K. Ludecus in dem anonym erschienen Schriften „Aus Goethes Leben. Wahrheit und keine Dichtung, von einem Zeitgenossen“, der jedoch einräumt, dass die Vulpius das Hauswesen Goethes ordentlich besorgt, keine Ansprüche gemacht und alles Unangenehme von ihm fern zu halten gesucht habe. ­

3) ‚Der römische Karneval’ erschien zuerst einzeln, Weimar und Gotha 1789, 4. mit 20 illuminierten Kupfertafeln. Diese Ausgabe ist sehr selten geworden. Goethe besaß kein Exemplar davon; er ließ einmal in einer Auktion sechs Taler dafür bieten, ohne es zu erhalten. – Über das Schicksal der Schrift ‚Über die Metamorphose der Pflanzen’ s. Goethes ausführlichen Bericht in der „Geschichte meines botanischen Studiums“. ­

4) Meine Ansicht über die ‚venezianischen Epigramme’ habe ich näher begründet in einem Aufsatz, der in dem deutschen Museum, hgg. von Prutz von Wolfsohn, erscheinen wird. An der metrischen Korrektheit der Epigramme und Elegien hat A. W. v. Schlegel großen Anteil, s. Briefe Schillers u. Goethes an A. W. Schlegel, 1846. ­

5) Über den Gang dieser wissenschaftlichen Studien f. Goethes Aufsatz „Einwirkung der neuern Philosophie“ und die „Konfession des Verfassers“ am Schluss der Geschichte der Farbenlehre. – Aus Goethes ‚Aufenthalt in Schlesien’ möge hier noch ein charakteristischer Vorfall erzählt werden, der mir von zuverlässiger Hand mitgeteilt ist. Während einer Feuersbrunst in Breslau trat mitten unter die mit dem Löschen Beschäftigten ein Mann in langem Überrock, der durch seine imponierende Gestalt und kräftig gebietende Stimme sich bald der Leitung des Löschdienstes bemächtigte. Niemand kannte ihn. Nachher erfuhr man, dass es Goethe gewesen sei. ­

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