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Homepage Literatur Johann Wolfgang von Goethe Biografien Schaefer - Goethes Leben Inhalt Erster Band Vorrede Kindheit und Jugend 1749 - 1765 1765 - 1768 1768 - 1771 1771 - 1773 1744 1775 Weimarsche Lehrjahre 1776 1777, 1778 1779 1780, 1781 1782 1783 - 1786 Zweiter Band Widmung Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche 1786 - 1788 1788 - 1791 1792, 1793 1794 - 1796 1797 - 1799 1799 - 1805 Goethe im Alter 1806 - 1813 1813 - 1819 1820 - 1825 1826 - 1832 Beilagen I. Charlotte von Stein II. Rede weißer Falkenordens III. Vermächtnis j. Nachwelt Schlusswort |
6. Kapitel: Von 1783 bis zur italienischen Reise, 1786Nach seiner Rückkehr fand Goethe in Weimar eine ruhige Zeit. Der Januar, sonst mit Hoflustbarkeiten angefüllt, die sein erfinderisches Talent in Anspruch zu nehmen pflegten, verfloss geräuschlos; der 30. Januar ward diesmal nicht, wie sonst, durch dramatische Aufführungen gefeiert, sondern Goethe nahm nur an der stillen Feier des Geburtstages der regierenden Herzogin in Amalies Abendzirkel Teil. Weimar harrte gespannt des Ereignisses, das in der Frühe des zweiten Februars Stadt und Land in die freundigste Bewegung versetzte. Die Hoffnung des Landes war endlich erfüllt, der Erbprinz war geboren. Der Jubel war über die Maßen groß; die Ankunft des Prinzen, äußert Wieland, hat allen Leuten den Kopf verrückt. „Kaum erscholl“, heißt es in Herders Dankpredigt, „die lang erwünschte Nachricht, so ging die allgemeine Freude schon dem Morgen voraus; die dunkle Nacht ward Licht und Regung. Mit Ungeduld erwartete man die öffentlichen lauten Zeugen davon ins Land, und Haufen drängten sich am frühen Morgen in den Tempel, um Gott durch Lieder und stille Gebete zu danken.“ Am 5. Februar fand die feierliche Taufe Karl Friedrichs statt, zu der die gothaschen und dessauschen Herrschaften herübergekommen waren. Wielands Kantate ward gesungen, und Herder heilt die herrliche Taufrede, von der Wieland sagt, er habe geredet, wie ein Gott. Am Sonntag darauf war kirchliche Feier, welche durch eine Kantate von Herder erhöht wurde, und am Abend ein Fackelzug der Bürger. Auch zum Kirchgang der Herzogin am 9. März wurden Festlichkeiten angeordnet. Verschiedene Festzüge geleiteten sie in die Kirche; des Abends erschienen zwei Fackelzüge, einer der herzoglichen Jägerei und einer der jenaschen Studenten. Tags darauf führte der Herzog die berittenen Jäger in festlichem Jagdaufzug bei Fackelschein und Musik durch die Stadt. Am 13. März ward ein öffentlicher Ritteraufzug und Kavalkade in Maskenkleidern veranstaltet, wobei 139 Personen und 89 Pferde erschienen, ein Fest, dessen sinnvolle Anordnung dem Sitze der Musen alle Ehre machte. Der Freude des Herzogs, sich in einem Sohn und Erben verjüngt zu sehen, fehlte auch der tiefere sittliche Einfluss nicht. In dieser Beziehung schreibt Goethe an Knebel: „Die Ankunft des Erbprinzen, die größte Begebenheit, die sich für uns zutragen konnte, hat eine zwar nicht sichtbare, aber doch sehr fühlbare Wirkung. Die Menschen sind nicht verändert, jeder einzelne ist, wie er war; doch das Ganze hat eine andere Richtung, und wenn ich sagen soll: Er wirkt in seiner Wiege, wie der Ballast im Schiff, durch die Schwere und Ruhe. Die Herzogin ist gar wohl und glücklich; denn freilich konnte der Genuss ihr durch nichts anderes gegeben werden.“ Der Herzog selbst spricht die edle Fürstingesinnung, die ihn jetzt ernster, als je vorher, beseelte, in den schönen Worten aus, womit er Mercks Glückwunschschreiben erwiderte: „Sie haben Recht, dass Sie Sich mit mir freuen; denn wenn je gute Anlagen in meinem Wesen waren, so kennte sich Verhältnisse halber bis jetzt kein sicherer Punkt finden, wo sie zu verbinden waren; nun aber ist ein fester Haken eingeschlagen, an welchen ich meine Bilder aufhängen kann. Mit Hilfe Goethes und des guten Glücks will ich sie so ausmalen, dass wo möglich die Nachkommenschaft sagen soll: Auch er war ein Maler! Wünschen sie mir Glück zu diesem Vorhaben.“ Die tätigere Teilnahme Karl Augusts an den Landesangelegenheiten finden wir in Goethes Äußerungen wiederholt anerkannt. So schreibt er im Juni an die Freundin: „Der Herzog ist auf sehr guten Wegen; wir haben über viel dinge gar gut gesprochen; es klärt sich vieles in ihm auf, und er wird gewiss in sich glücklicher und gegen andere wohltätiger werden.“ Mit der Offenheit und Zartheit einer edlen Freundesseele stellte er in dem köstlichen Gedicht „Ilmenau, am 3. September“, das dem Geburtstag des Herzogs gewidmet ward, die Zeichnung der gegenwärtigen Reise des strebenden Fürsten neben das entschwundene Traumbild seiner ungestümen Jugend, nicht schmeichelnd, sondern mit ernster Hinweisung auf das höhere Ziel fürstlicher Pflichten:
Zu jener Art von Gelegenheitsdichtung, womit Goethe sonst die Feste des Hofes verschönert hatte, ließ er sich jetzt nur selten noch bereit finden und äußerte wohl gelegentlich der Freundin, er habe längst aufgehört „Großmeister der Affen zu sein“. Bei den Festlichkeiten zur Geburt des Erbprinzen verhielt sich seine Muse auffallend schweigsam, so dass es seiner in vollem Entzücken über die glückliche Botschaft schwelgenden Mutter unbegreiflich war und sie gegen die Herzogin Amalie bemerkte, ihr Sohn müsse sich mit den Musen überworfen haben. Es scheinen ihn damals einige unangenehme Geschäftsvorfälle um die poetische Stimmung gebracht zu haben, so dass er mit dem Gedichtchen „Zur Feier der Geburtsstunde des Erbprinzen“ nur ein schwaches Lebenszeichen seiner Poesie geben konnte. Es wird freilich berichtet, er habe zur Feier des Kirchganges der Herzogin ein großes Drama bearbeitet, es seien jedoch davon nur zwei Akte fertig geworden. Dies ist wohl eine Verwechselung mit dem Trauerspiel ‚Elpenor’, von welchem im März der zweite Akt beendigt wurde. Die Tragödie ‚Elpenor’ ward im August 1781 angefangen, als der Dichter gleichzeitig bemüht war, seiner Iphigenie mehr Harmonie im Stil zu geben. Die erneute Beschäftigung mit dem griechischen Drama führte ihn zu der Bearbeitung eines tragischen Stoffs, in welchem die Idee der antiken Tragödie sich durchführen ließ. Dass er jetzt die Fortsetzung des Tasso unterließ und einen Gegenstand, der seiner Subjektivität ferner lag, dramatisch zu bearbeiten unternahm, ist nur aus der ihm eigentümlichen geistigen Beweglichkeit und Unruhe zu erklären, welche ihm selten ein konsequentes Ausharren bei einer und derselben Arbeit gestattete. Treffend verglich er sich daher, als er die ersten beiden Akte des Tasso seinen Schweizer Freunden zusandte, den Verschwendern, „die in dem Augenblick, wenn über Mangel an Einnahme, überspannte Schulden und Ausgaben geklagt wird, gleichsam von einem Geist des Widerspruchs außer sich gesetzt, sich in neue Verbindungen von Unkosten zu stürzen pflegen.“ Auch dies neue Drama ward nur bis zum Schluss des zweiten Akts geführt und hatte nicht das Glück des Tasso, unter Italiens Himmel noch einmal in verklärter Gestalt in des Dichters Seele aufzuerstehen und in unvergänglicher Schönheit mit ihm die Unsterblichkeit zu teilen. Das den Goetheschen Dramen eingereihte Bruchstück ist nach dem ersten Entwurf abgedruckt, ohne die überarbeitende Fürsorge des Dichters zu erfahren, nur dass die dem jambischen Maß sich nähernde rhythmische Prosa, in der es, ähnlich wie anfangs Iphigenie und Tasso, abgefasst war, von einer andern Hand in Verszeilen abgeteilt ward, was indes ein Missgriff ist, da lückenhafte und fehlerhaft gemessene Verse mehr den Genuss stören, als die anspruchslos auftretende Prosa. Die Exposition des Dramas, welche die vorhandenen beiden Akte geben, ist sehr dramatisch und trägt den Stil der hohen Tragödie. Schwere Verbrechen des Fürstenhauses stehen, wie im Geschlechte der Tantaliden, im Hintergrund. Der hoffnungsvoll in die Welt eintretende Jüngling erhält den Beruf sie zu rächen und zu sühnen, und legt in die Hände der Mutter das Rachegelübde ab. Diese leidenschaftliche Steigerung der Handlung spannt auf eine erschütternde tragische Entwicklung. Allein eben hierdurch ward diese dramatische Arbeit dem Dichter entfremdet, der lieber das stille Natur- und Gemütsleben oder die Kämpfe in den Tiefen der Seele, als die tragische Handlung schilderte. Übrigens hielt auch die Last der neu übernommenen Amtsgeschäfte, „die Rolle des Alhafi“, in den nächsten Jahren Goethes poetische Tätigkeit nieder. In allen seinen Briefen und Äußerungen fühlt man eine gedrücktere Stimmung durch, als unter den früheren Geschäften, wo er heiter von sich sagte, dass ihn das Lumpige nicht um seinen guten Humor bringe. Nicht mehr mit solchem scherzhaften Ton wirft er jetzt eine Beschwerde hin, z.B. er sei von Arbeiten gesotten und gebraten; es gehe ihm so viel durch den Kopf, dass er manchmal die Schiefertafel abwischen müsse, um wieder rechnen zu können; das Gegenwärtige dringe so auf ihn zu, dass er nur sehen müsse, wie er durchkomme. Noch unmutiger äußert er einmal seiner Freundin, es sei ein sauer Stückchen Brot, wenn man darauf angenommen sei, die Disharmonie der Welt in Harmonie zu bringen; das ganze Jahr suche ihn kein angenehmes Geschäft auf, und er werde von Not und Ungeschick der Menschen hin und her gezogen. In sehr niedergeschlagener Stimmung ist der Brief der Teilnahme an Jacobi nach dem Tod der Frau (1784) geschrieben. „Ich bin“, heißt es zum Schluss, „ein armer Sklave der Pflicht, mit welcher mich das Schicksal vermählt hat; drum verzeihe, wenn ich trocken und träge scheine.“ Es spricht sich indes diese Unbehaglichkeit nicht in einer bitteren Weise aus, sondern mehr als Wehmut, die seinem Wesen eine große Milde verleiht und zuletzt in der Sehnsucht nach Italien ein bestimmteres Ziel erhält. Wer kennte nicht den unvergleichlich schönen, zarten Hauch sehnsüchtiger Wehmut, „Wanderers Nachtlied“? Er schreib es am 7. September 1783 mit Bleistift an die Wand eines Bretterhäuschens auf dem Gickelhahn bei Ilmenau, in welchem er übernachtete.
So die ursprüngliche, in der Sammlung der Gedichte ein wenig veränderte Form. Seine Tätigkeit charakterisiert er durch „Stille und Ernst“, und in dieser Weise geht sie mit geringen Unterbrechungen in gleichem Schritt bis zur Reise nach Italien. Noch kurz vor derselben schreibt er an Jacobi: „ich lebe in einer Einsamkeit und Abgeschiedenheit von aller Welt, die mich zuletzt stumm wie einen Fisch macht.“ Auch der Herzog spricht schon 1783 von der „Taciturnität seines Herrn Kammerpräsidenten“, die er froh ist durch Akquisition einer neuen Handzeichnung oder eines Kupferstichs zuweilen „entrunzeln“ zu können. Dazu kam, dass die Leitung der Finanzsachen ihn manchmal in eine schwierige Stellung zum Hof und persönlich zum Herzog brachte. Goethe hielt „streng über seine Pläne und Grundsätze“; dahin gehörte namentlich, dass er den Herzog zu vermögen suchte, einen jährlichen Etat der Ausgaben festzusetzen, der nicht überschritten werde. Hierzu war indes der Herzog nicht zu bewegen, und dies soll Goethe die Stelle eines Kammerpräsidenten am meisten verleidet haben. Dahin deutet auch eine Stelle in einem Brief Wielands an Merck (3. Januar 1784): „Goethe schickt sich überaus gut in das, was er vorzustellen hat, ist im eigentlichen Verstand l’honnête homme à la cour; leidet aber nur allzu sichtlich an Seel’ und Leib unter der drückenden Last, die er sich zu unserm Besten aufgeladen hat. Mir tut’s zuweilen im Herzen weh, zu sehen, wie er bei dem allen Contenace hält und den Gram gleich einem verborgenen Wurm an seinem Inwendigen nagen lässt. Seine Gesundheit schont er so viel wie möglich, auch hat er sie sehr vonnöten.“ Da solche bedenkliche Berichte auch zu dem Ohr der Mutter gedrungen waren und sie mit Besorgnis erfüllt hatten, so beruhigte sie Goethe in einem Brief am Schluss des Jahres 1783, der wenigstens die ernste resignierte Stimmung, die ihn jetzt beherrschte, nicht verbirgt: „Sie haben mich nie mit dickem Kopf und Bauch gekannt, und dass man von ernsthaften Sachen ernsthaft wird, ist auch natürlich, besonders wenn man von Natur nachdenklich ist und das Gute und Rechte in der Welt will. Lassen Sie uns hübsch dieses Jahr daher als Geschenk annehmen, wie wir überhaupt unser ganzes Leben anzusehen haben, und jedes Jahr, das zurückgelegt wird, mit Dank erkennen. Ich bin nach meiner Konstitution wohl, kann meinen Sachen vorstehen, den Umgang guter Freunde genießen und behalte noch Zeit und Kräfte für ein’ und andere Lieblingsbeschäftigung. Ich wüsste nicht mir einen bessern Platz zu denken oder zu ersinnen, da ich einmal die Welt kenne, und mir es nicht verborgen ist, wie es hinter den Bergen aussieht. Sie, von Ihrer Seite, vergnügen Sie Sich an meinem Dasein jetzt; und wenn ich auch vor Ihnen aus der Welt gehen sollte, ich habe Ihnen nicht zur Schande gelebt, hinterlasse gute Freunde und einen guten Namen, und so kann es Ihnen der beste Trost sein, dass ich nicht ganz sterbe. Indessen leben Sie ruhig; vielleicht gibt uns das Schicksal noch ein anmutiges Alter zusammen, das wir denn auch mit Dank ausleben wollen.“ Die Hoffnung ging in Erfüllung. Die Mutter bewahrte sich ihrer liebenswürdige Heiterkeit bis in ein hohes Alter und umso ungetrübter, nachdem sie der Tod ihres Gemahls 27. Mai 1782) von den Quälereien seiner mürrischen Laune befreit hatte. Wie unerträglich diese in den letzten Jahren seines Lebens gewesen sei, lässt sich aus der herben Äußerung des Herzogs in einem Brief an Merck schließen: „Goethes Vater ist ja nun abgestrichen, und die Mutter kann nun endlich Luft schöpfen.“ Das vom Vater ererbte Vermögen setzte Goethe in Stand, auf seine Sammlungen und Reisen mehr zu verwenden, da er bis 1816 ein verhältnismäßig geringes Gehalt (1800 Taler) bezog. Ein freudiger Moment in seiner amtlichen Wirksamkeit war es, dass die Vorbereitungen zur Wiederaufnahme des Ilmenauer Bergbaus, für die er seit Jahren tätig gewesen war, endlich nach Beseitigung vieler Schwierigkeiten so weit gediehen waren, dass am 24. Februar 1784 die Eröffnung des neuen Johannisschachtes stattfinden konnte. Als die Bergleute eintraten, um die fürstliche Kommission zu den Feierlichkeiten abzuholen, heilt Goethe die Festrede, welche aus seinem Nachlass jetzt unter seine Schriften aufgenommen ist. Beinahe wäre ihm der Versuch, ohne Hilfe des Konzepts zu reden, misslungen. Mitten in ihrem Lauf stockte plötzlich die geläufige Rede, und eine ängstliche Pause trat ein; doch der Redner war nicht verlegen, sondern blickte fest und ruhig im Kreis umher, bis er den Faden wieder fand, worauf er die Rede wieder in raschem Fluss zum Ende führte. Der Stil dieser Eröffnungsrede ist herzlich und lebendig, obwohl ohne Wortfülle, indem Goethe auch in der rhetorischen Form nicht von der edlen Simplizität ließ, die seiner Prosa wie seiner Dichtung eigen ist. Bescheiden schweigt er von dem, was sein Eifer für dies Unternehmen gewirkt hat und weist die Ehre desselben allein seinem Herzog zu; er erwähnt nur in Bezug auf sich, dass er diesem Augenblick seit acht Jahren, als so lange er diesem Land angehöre, mit Sehnsucht entgegengesehen habe und sich jetzt mit einem jeden freue, der heute sich zu freuen die nächste Ursache habe. Die Hoffnung für die Zukunft spricht er gegen den Schluss in schönen Worten aus: „Jede neue Anstalt ist wie ein Kind, dem man mit einer geringen Wohltat fort hilft, für die ein Erwachsener nicht danken würde, und so wünsche ich, dass ein jeder die unsrige ansehen möge. Es tue ein jeder, auch der Geringste, dasjenige, was er in seinem Kreis zu deren Beförderung tun kann, und so wird es gut gehen. Gleich zu Anfang, jetzo, meine Herren, ist es Zeit, dem Werk aufzuhelfen, es zu schützen, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, Missverständnisse aufzuklären, widrige Leidenschaften zu unterdrücken, und dadurch zu dem gemeinen Besten mitzuwirken. Kommt dereinst der Bergbau in einen lebendigen Umtrieb, wird die Bewegung und Nahrung dadurch in diesen Gegenden stärker, erhebt sich die Stadt Ilmenau wieder zu ihrem alten Flor, so kann ein jeder, er sei, wer er wolle, er habe viel oder wenig getan, zu sich sagen: Auch ich bin nicht müßig geblieben, und auch ich habe mich dieses Unternehmens, das nunmehr zu einer männlichen Stärke gereift ist, als es noch ein Kind war, liebreich angenommen; ich habe es nähren, schützen, erziehen helfen, und es wird nun zu meiner Freude uns die Nachkommenschaft für das, was wir von heute an tun werden, segnen, und die Unsrigen diesen Segen genießen!“ Hatte er in Ilmenau die Freude genossen, ein lange vorbereitetes Werk zustande gebracht zu sehen, um der Natur etwas abzugewinnen, so ward diese, wenige Tage nach seiner Rückkehr, durch ein Ereignis getrübt, in welchem ihm die zerstörende Kraft der Elemente vor die Augen trat. Infolge eines Eissturzes war die Saale aus ihren Ufern getreten, so dass in einem Teile von Jena das Wasser zwei bis drei Ellen hoch in Häusern und Straßen stand. Während der Wassernot brannte ein Dorf ab, wobei sechs Menschen das Leben verloren. Wir haben schon bei ähnlichen Unglücksfällen Goethes entschlossene und gewandte Tätigkeit kennen gelernt; auch diesmal gibt ihm der Herzog selbst in einem Brief an Merck das Zeugnis, er habe sich bei der Gefahr sehr brav gehalten und die besten Anstalten getroffen. – Auch an dem Ilmenauer Bergwerk sollte er erfahren, wie schnell die Natur das mühevolle Werk der Menschenhand zu zerstören vermag; ein bedeutender Stollenbruch machte elf Jahre später dem dortigen Bergbau ein Ende, und er „sah mit Betrübnis ein Werk, worauf so viel Zeit, Kraft und Geld verwendet worden, in sich selbst erstickt und begraben.“ Da zu Goethes Geschäftskreis die oberste Verwaltung der herrschaftlichen Einkünfte gehörte, die vornehmlich in dem bestanden, was Berg und Flur eintrugen, so leuchtet ein, dass zwischen seiner amtlichen Stellung und seiner Liebe zu den Naturstudien eine enge Verbindung stattfand. Sie legten in den einförmigen Geschäftsgang ein höheres geistiges Interesse, ohne welches Goethe sich nicht einer Sache mit Eifer hinzugeben vermochte, und was als dilettantische Beschäftigung begonnen war, wuchs bald aus unscheinbarem Keim zu umfangreichen Forschungen empor. Die geologisch-mineralogischen Untersuchungen blieben vor der Hand sein Lieblingsfach, und mit jeder neuen Gebirgswanderung wuchs das Material und die Einsicht. Auf kleinern Ausflügen, die zunächst zur Erholung und Stärkung der Gesundheit unternommen wurden, war das Mineralogische sein vorzüglichstes Augenmerk, bis sich nach und nach die Liebe zur Botanik hinzugesellte. Im September 1783 machte er wiederum eine Reise in den Harz. Auf dieser begleitete ihn der zehnjährige Fritz von Stein, der damals viel um ihn war und auch in Weimar eine Zeitlang in seinem Hause wohnte. „Unendlich“, so äußert dieser in späteren Jahren in einer Bemerkung zu einem Briefe Goethe, „war die Sorge und Liebe, mit der er mich behandelte.“ Der Knabe war ihm teuer als ein „Pfand“ von der geliebten Lotte; auch jetzt „leitet ihn ihre Liebe wie ein bekanntes Gestirn“, dessen Glanz auch nicht neben der schönen Branconi erblich, welche er zu Langenstein, ihrem damaligen Aufenthaltsorte, besuchte. „Ich werde Dir“, schreibt er von Klausthal aus, „viel von der schönen Frau erzählen; sie wusste nicht, woran sie mit mir war, und gern hätte ich ihr gesagt, ich liebe, ich werde geleibt, und habe auch nicht einmal Freundschaft zu vergeben übrig.“ Den ersten schönen Reisetag hatte er am 11. September an der Roßtrappe. „Nachdem ich mich oben umgesehen hatte, stiegen wir ins Tal herunter, wo ich Dich hundertmal hingewünscht habe, als ich mit Fritz auf einem großen in den Fluss gestürzten Granitstück zu Mittag aß.“ Nachdem er darauf wieder die Baumannshöhle besucht hatte, wandte er sich nach Halberstadt, um am 14. September mit der Herzogin Amalie und dem braunschweigschen Hof, der sie bis dahin begleitete, zusammenzutreffen; er war sehr begierig, den Herzog von Braunschweig kennen zu lernen und brachte einen Tag in seiner Nähe zu. Am 18. kam er nach Klausthal, durchwanderte die Umgebung des Brockens und erstieg ihn am 21. September; diesmal übernachtete er auf der Höhe. Für die mineralogischen Sammlungen ward reiche Ausbeute gewonnen. „Ich habe mich recht mit Steinen angefüttert; sie sollen, denke ich, wie die Kiesel den Auerhahn, zur Verdauung meiner übrigen schweren Winterspeise helfen.“ Er reiste darauf nach Göttingen, um die Bekanntschaft mehrerer Professoren zu machen, und, von Fritz getrieben, „der besonders den Riesen auf dem Winterkasten zu sehen“ wünschte, noch bis Kassel. Hier ginge er auch an den Hof und wurde sehr gut aufgenommen. Besonders erfreute ihn der Umgang mit dem gelehrten Naturforscher Sömmering, dem er bei Füllung einer aërostatischen Kugel behilflich war – Experimente, die damals durch den Reiz der Neuheit die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zogen – sowie mit Georg Forster, welcher im nächsten Jahr, dem Ruf an die Universität zu Wilna folgend, auch in Weimar einen Besuch machte. Am 5. Oktober reiste er von Kassel ab und rasch über Eisenach nach Weimar zurück, wo sogleich neben vielen Geschäftsarbeiten ihn die Festlichkeiten am Hof in Beschlag nahmen, indem der Herzog Karl von Kurland und gleich darauf der Markgraf und der Erbprinz von Baden dort einige Wochen verweilten. Im nächsten Jahr unternahm er wiederum eine mineralogische Harzwanderung in Begleitung des Malers Kraus, der ihm „alle Felsarten, nicht malerisch, sondern wie sie dem Mineralogen interessant sind, nach einer geheimen wissenschaftlichen Regel charakteristisch zeichnete.“ Diese schönen Zeichnungen, meist in Groß-Folioblättern, befinden sich noch unter den nachgelassenen Goetheschen Sammlungen. An Merck schrieb er kurz vor der Reise: „Ich komme nunmehr wieder auf den Harz und werde meine mineralogischen und oryktologischen Beobachtungen, in denen ich bisher unermüdet fort gefahren, immer weiter treiben. Ich fange an auf Resultate zu kommen, die ich auch bis jetzt noch für mich behalte, damit sie mir nicht weggeschnappt werden.“ In Gesellschaft Knebels durchforschte er um Pfingsten 1785 den Saalgrund und machte mit ihm gegen Ende des Juni eine mineralogische Reise durchs Fichtelgebirge. Sie tranken aus der Quelle des Mains und erstiegen mehrere Höhen, auch den Ochsenkopf. Aus den in Knebels Briefen enthaltenen Berichten von diesen Wanderungen geht hervor, dass es mit den mineralogischen Untersuchungen auf allen Schritten ganzer Ernst war und viel Gestein gesammelt wurde; indes tauchten daneben auch andere Interessen hervor. Goethe entwarf mehrere Zeichnungen, las seinen Freunden in den Abendstunden die zuletzt fertig gewordenen Abschnitte des Wilhelm Meister vor und unterhielt sich lebhaft über Shakespeares Hamlet, den sie zusammen lasen. Über Wunsiedel und Eger langten sie am 5. Juli in Karlsbad an, wo sie die Herzogin Luise, Frau von Stein, Herders und andere Weimarer Notabilitäten antrafen. Knebel machte noch eine Reise nach Bayern und Tirol, von wo er, in mineralogischen Forschungen fortfahrend, anziehende Berichte einsandte. „Du siehst“, erwidert ihm Goethe, „wie notwendig jene ersten großen Begriffe sind, auf denen ich ruhe und zu ruhen empfehle, um über große und neue Gegenstände der Natur und Kultur richtig und leicht zu urteilen. Der Mensch ist mit seinem Wohnort so nahe verwandt, dass die Betrachtung über diesen auch uns über den Bewohner aufklären muss.“ Goethe blieb länger als die übrige weimarsche Gesellschaft in Karlsbad und setzte seine mineralogischen Untersuchungen im Erzgebirge fort, indem er die Umgegend von Johanngeorgenstadt und Schneeberg durchwanderte. Karlsbad wurde ihm seitdem sehr lieb; er fühlte sich nach dem Gebrauch dieses Bades so gesund und wohl, dass er bekannte, ihm eine ganz andere Existenz schuldig zu sein. Er kehrte daher auch im nächsten Jahr dahin zurück. Neben der Mineralogie begann auch die Botanik mehr und mehr Goethes Interesse auf sich zu ziehen. Schon in den ersten Jahren seines Weimarer Aufenthalts hatte das Leben in der freien Natur, die Beachtung der Kultur des Bodens, des Wiesenbaus und des Forstwesens ihn nach und nach mit der Pflanzenwelt oberflächlich bekannt gemacht. Zur Förderung eines wissenschaftlichen Studiums diente die Anlegung eines botanischen Gartens bei Weimar, wozu der Herzog die Kenntnisse des tüchtigen Apothekers Dr. Bucholz benutzte, dessen gründliche Naturstudien für Goethe vielfach anregend und belehrend wurden. Um über botanische Gegenstände mehr Aufklärung zu erlangen, arbeitete Goethe sich in die Schriften Linnés hinein, von dem er bekennt, dass er nach Shakespeare und Spinoza die größte Wirkung auf seine geistige Entwicklung gehabt habe. Er trat zu jenem in ein ähnliches Verhältnis, wie zu diesen. Unfähig, ein Überliefertes in sich aufzunehmen, musste er sich ihm gegenüber produktiv verhalten. „Indem ich“, sagt Goethe in dem Aufsatz „Geschichte meines botanischen Studiums“, „sein scharfes, geistreiches Absondern, seine treffenden, zweckmäßigen, oft aber willkürlichen Gesetze in mich aufzunehmen suchte, ging in meinem Innern ein Zwiespalt vor; das, was er mit Gewalt auseinander zu halten suchte, musste nach dem innersten Bedürfnis meines Wesens zu Vereinigung anstreben.“ Viel verdankte er auch den botanischen Schriften Rousseaus, dessen minder strenge, mehr übersichtliche Methode dem Dilettanten vornehmlich zusagen musste. Auch die Nähe der Universität Jena wusste Goethe, wie wir schon aus Früherem wissen, für seine wissenschaftlichen Studien zu nutzen. Besonders förderte ihn der Verkehr mit dem Hofrat Büttner, der von Göttingen nach Jena gezogen war, indem der Herzog seine reiche Privatbibliothek, die dem Sammler noch für Zeit seines Lebens zur Benutzung überlassen blieb, angekauft hatte. Indem Goethe die Anordnung und Aufstellung dieser Bibliothek zu leiten hatte, brachte ihn dies in ein näheres Verhältnis zu dem gelehrten Mann, der sich über Botanik mit besonderer Vorliebe unterhielt. Auch die botanischen Exkursionen fähiger Jünglinge machten ihn mehr und mehr mit der Landesflora bekannt. Einen munteren Burschen aus Ziegenhayn, Namens Dietrich, der in der Gewächskunde sich viel praktische Erfahrung gesammelt hatte, nahm er mit sich nach Karlsbad. In gebirgigen Gegenden immer zu Fuß, brachte dieser mit eifrigem Spürsinn alles Blühende zusammen und reichte ihm die Ausbeute wo möglich an Ort und Stelle sogleich in den Wagen herein, indem er die Linnéschen Bezeichnungen dabei ausrief. In Karlsbad selbst war er mit Sonnenaufgang im Gebirge und brachte Goethe eine reichliche Sammlung an den Brunnen, ehe er noch seine Becher geleert hatte. Dies erregte die Aufmerksamkeit kundiger Botaniker und leitete Unterhaltungen mit ihnen ein, aus denen Goethe manche wissenschaftliche Belehrung gewann. Wie beschränkt nun auch noch die Kenntnis des Einzelnen sein mochte, sie erregte doch in Goethes Geist sogleich den Trieb, in dem Mannigfaltigen die Einheit zu finden, und dieser hängt mit den Grundsätzen seiner gesamten geistigen Tätigkeit zusammen. Was er damals für die Pflanze noch nicht fand, das Grundgesetz der Entwicklung, obwohl er schon gegen Merck von „hübschen Entdeckungen und Kombinationen in der Botanik“ spricht, das ward ihm zunächst im Knochenbau der Tiere klar. Seitdem sich Goethe unter Loders Anleitung eifrig mit Anatomie und Osteologie beschäftigte, war sein Bemühen darauf gerichtet, einen allgemeinen Knochentypus zu finden. Er „musste deshalb annehmen, dass alle Abteilungen des Geschöpfes, im Einzelnen wie im Ganzen, bei allen Tieren aufzufinden sein möchten, weil ja auf dieser Voraussetzung die schon längst eingeleitete, vergleichende Anatomie beruht. Hier trat nun der seltsame Fall ein, dass man den Unterschied zwischen Affen und Menschen darin finden wollte, dass man jenem ein os intermaxillare [Zwischenknochen der oberen Kinnlade], diesem aber keines zuschrieb. Da nun aber genannter Teil darum hauptsächlich merkwürdig ist, weil die oberen Schneidezähne darin gefasst sind, so war nicht begreiflich, wie der Mensch Schneidezähne haben und doch des Knochens ermangeln sollte, worin sie eingefügt stehen.“ Goethe suchte daher nach Spuren desselben und glaubte ihn zu entdecken, nur dass „dieser Knochen, der bei Tieren so außerordentlich vorgeschoben ist, sich bei Menschen auf ein sehr kleines Maß zurückzieht.“ Diese Ansicht entwickelte er 1784 in der Abhandlung: „Dem Menschen wie dem Tiere ist ein Zwischenknochen der oberen Kinnlade zuzuschreiben.“ Indem er in einem Brief an Knebel den Grundgedanken dieser Schrift auseinandersetzt, charakterisiert er mit wenig Worten seine Naturanschauung: „Eine jede Kreatur ist nur ein Ton, eine Schattierung einer großen Harmonie, die man auch im Ganzen und Großen studieren muss; sonst ist jedes Einzelne ein toter Buchstabe. Aus diesem Gesichtspunkt ist die kleine Schrift geschrieben, und das ist eigentlich das Interesse, das darin verborgen liegt.“ Herder, dem er die Abhandlung vorlas, äußerte sich beifällig und nannte sie gegen Knebel einfach und schön; „der Mensch“, fügt er hinzu, „geht auf dem rechten Naturweg, und das Glück geht ihm entgegen.“ Sömmering indes, dem er eine Abschrift zusandte, nahm die Sache sehr gleichgültig auf; dies befremdete Goethe nicht; „einem Gelehrten von Profession“, schreibt er an Merck, „traue ich zu, dass er seine fünf Sinne ableugnet; es ist ihnen selten um den lebendigen Begriff der Sache zu tun, sondern um das, was man davon gesagt hat.“ Er war sehr begierig auf das Urteil des berühmten holländischen Anatomen Peter Camper, dem er den Aufsatz in schöner Handschrift mit beigefügter lateinischer Übersetzung durch Merck mitteilte. Dieser lobte zwar Arbeit und Bemühung, versicherte aber nach wie vor, der Mensch habe keinen Zwischenknochen1). Erst die jüngere Naturforschung hat der Goetheschen Auffassung Gerechtigkeit widerfahren lassen, und ihre Richtigkeit wird nicht mehr bezweifelt. Der Ernst und die Zurückgezogenheit, in der Goethe jetzt lebte, teilte sich der ganzen höheren weimarschen Gesellschaft mit. Sobald er aufhörte, sie mit dem Zauberstab seines genialen Humors zu berühren, sobald er nicht mehr Spiel und Fest mit Poesie und Dekoration ausschmückte und dem geselligen Leben mit erfindungsreicher Kunst den Reiz des Neuen und Ungewöhnlichen gab, ward es in Weimar und Tiefurt sehr still; die Herzogin Mutter sagte: „Sie schlafen alle!“ Sie bewahrte sich noch ihre muntere Laune und vergnügte sich damals mit den Scherzen des Aristophanes, indem sie ihr Studium des Griechischen so weit gebracht hatte, um unter Wielands Anleitung das griechische Lustspiel im Original genießen zu können. „Ohne sie“, schreibt Wieland im Januar 1785, „würde Weimar nach weniger Zeit wieder ein so unbedeutendes, langweiliges und Seelen tötendes Nest werden, als irgendeins in deutschen oder wälschen Landen.“ Auch der Herzog klagt um dieselbe Zeit gegen Knebel, die öffentliche Gesellschaft sei so insipid, als möglich, und fügt als Grund hinzu, dass die, welche sonst durch Jugend und Schönheit den Kreis des Hofes belebt hatten, nun älter geworden seien, und der weibliche Teil sich größtenteils verheiratet habe. Auch bei ihm hatten ja die Jahre eine Änderung hervorgebracht. Er widmete sich mehr den Geschäften, und in Wintertagen trat an die Stelle der abenteuerlichen Jagdfahrten die „Leidenschaft fürs l’Hombre“. Das Liebhabertheater, sonst der Mittelpunkt der Hofvergnügungen, hörte auf. Da man sich indes des Genusses theatralischer Vorstellungen nicht entwöhnen konnte, so engagierte man, anfänglich für die ersten drei Monate des Jahres 1784, die Schauspielertruppe eines Wiener Unternehmers Bellomo, welche bis 1791, wo die Hofbühne errichtet ward, in Weimar blieb und im Sommer in dem Badeort Lauchstedt spielte. „Die Gesellschaft“, berichtet der Herzog an Knebel, „ist eben nicht ausnehmend gut, doch hat sie das Glück, ziemlich gute Stimmen zu besitzen und sehr guten Geschmack in Auswahl der komischen Opern zu haben; sie spielen meistens italienische Musik , deren Schönheit die Güte des Spieles und der Übersetzug ersetzt.“ Bei Goethe ging keine geistige Anregung verloren. Während Geschäfte und wissenschaftliche Forschungen seinen Geist eingeengt zu haben schienen, machte die unversiegbare Quelle seines dichterischen Genius sich immer wieder dazwischen Raum. Gleichzeitig mit der Abhandlung vom Knochenbau hatte er noch Laune genug, ein komisches Singspiel im italienischen Genre, Scherz, List und Rache, zu dichten: Die Mystifikation und Überlistung eines geizigen Pedanten durch die Schlauheit Scapins und Sapines, ein Süjet, das in italienischen und französischen Operetten häufig wiederkehrt. Er schrieb das Stück vornehmlich in der Absicht, seinen Freund Kayser in Zürich dadurch zu fördern, indem er aus dessen Briefen von seiner italienischen Reise schloss, dass er den Geist der komischen Oper gut gefasst habe. Kayser griff die Komposition ernsthaft an, und Goethe trat mit ihm in lange briefliche Verhandlungen, in denen er ausführlich in die Einzelheiten der musikalischen Komposition einging; Riemer bemerkt, dass die Bekanntmachung dieser Briefe das beste Zeugnis von Goethes musikalischen Einsichten geben würde. Am Schluss des Jahres 1784 hatte der Dichter bereits zwei Akte in Händen, welche bei den Proben den größten Beifall aller Musikverständigen fanden. Goethe baute darauf die besten Hoffnungen für seinen Freund. Ein Brief an Knebel, der sich damals in München aufhielt, ist der schönste Beweis seiner treuen, freundschaftlichen Fürsorge: „Was sagst Du aber dazu? Wenn das Stück fertig wäre, wollte ich ihn nach München schicken; er sollte dort vor Kennern und Liebhabern nur in Konzerten einige Arien ohne Prätension produzieren, da er selbst ein trefflicher Klavierspieler isst, sich hören lassen, ohne den Virtuosen zu machen, ohne sich bezahlen zu lassen, solle sich empfehlen, den Geschmack des Publikums studieren, mir seine Gedanken schreiben, und ich könnte ihm alsdann, wenn ich besonders durch Deine Bemerkungen, was dort gefällt, was von Ernst und Scherz am meisten Effekt macht, genugsam unterrichtet wäre, ein Stück machen, das gewiss wirken sollte. – Ein Ähnliches habe ich auf Wien mit ihm vor. Er kann und wird sich poussieren. Du tust mir einen wesentlichen dienst, wenn Du ihm Freunde vorbereitest und dich um die Verhältnisse des Virtuosentums erkundigst, damit er in ein bekannt Land komme. Dies ist’s was mir jetzo sehr am Herzen liegt; hilf mir es ausführen!“ Diesen Erwartungen entsprach der Erfolg nicht. Kayser hatte, Goethes Urteil zufolge, die Komposition nach altem Schnitt zu ausführlich, wenn auch stellenweise glücklich und mit Anmut im Ganzen, behandelt; dadurch häuften sich die Musikstücke dergestalt, dass drei Personen sie nicht zu leisten vermögen. Auch fehlte der Chor; der Gesang stieg nicht weiter, als bis zum Terzett, und man hätte, sagt Goethe, zuletzt die Theriaksbüchsen des Doktors gern beleben mögen, um einen Chor zu gewinnen. „All unser Bemühen daher, uns im Einfachen und Beschränkten abzuschließen, ging verloren, als Mozart auftrat. Die Entführung aus dem Serail schlug alles nieder, und es ist auf dem Theater von unserm so sorgsam gearbeiteten Stück niemals die Rede gewesen.“ Einen Teil der Schuld des Misslingens schiebt er auf das Süjet, indem ein solcher frecher Betrug, wie er hier vorgestellt wird, für einen rechtlichen Deutschen keinen Reiz habe, wenn Italiener und Franzosen sich daran wohl ergötzen möchten; bei uns könne die Kunst den Mangel des Gemüts nicht wohl entschuldigen. Außerdem fuhr Goethe fort, seine Ansichten über dramatische Dichtung und theatralische Darstellung in die Schilderungen seines Wilhelm Meister zu verweben, dessen Bearbeitung ihn während der Jahre, von denen wir reden, in poetischen Mußestunden vornehmlich beschäftigte2). Das vierte Buch ward am 12. November 1783 beendigt, gerade ein Jahr, nachdem er es angefangen hatte. Im Oktober 1784 wurde das fünfte, im November des folgenden Jahres das sechste Buch vollendet. Es wurde darauf der Entwurf zu sechs folgenden Büchern gemacht, von denen ihn das siebente im Frühling des Jahres 1786 beschäftigte. Von den Freunden, denen er einzelne Abschnitte mitteilte, erntete er reichlichen Beifall; doch fühlte und bekannte er selbst, dass er wegen der häufigen Unterbrechungen, unter denen das Werk nur langsam vorrückte, weit hinter seiner Idee zurückbleibe und nicht imstande sei, das Ganze zu übersehen. Im Jahre 1785 war er mit der Auslegung des Hamlet beschäftigt, ohne dass wir bestimmt erfahren, dass er damals schon beabsichtigte, sie in die Erzählung zu verflechten. Bei der späteren Überarbeitung des Romans wurde die Handschrift um ein Drittteil verkürzt, und es ist aus einzelnen Hindeutungen zu schließen, dass der vor der italienischen Reise vollendete Teil jetzt die ersten vier Bücher nebst dem Anfang des fünften umfasst. Diese dichterischen Produktionen Goethes konnten indes auf seine nächste Umgebung nur geringen Einfluss äußern, da sie nicht auf augenblickliche Wirkung berechnet waren, und seine Muse nicht mehr der Ergötzung des Augenblicks diente. Dagegen zog seine Liebe zur Naturwissenschaft mehr und mehr die Geister nach sich; er konnte schon gegen das Ende des Jahres 1783 die Bemerkung machen, Welt- und Naturgeschichte „rase“ in der weimarschen Gesellschaft. „Wir sind jetzt“, schreibt er am 14. November 1783 an Knebel, „ganz in Welt- und Naturgeschichte, Reisebeschreibungen und was dahin gehört, ausgegossen“, und fügt die Bitte hinzu, er möge ihm aus Nürnberg einen ausgesuchten Homannschen Atlas der zur Zeit neuesten Karten und einen Globus senden. Goethe suchte „Proselyten zu machen“ und hatte die Freude, mehrere, selbst ältere Männer für die Naturwissenschaften zu gewinnen. In den mineralogischen Forschungen schloss sich mit ernsten wissenschaftlichem Eifer Hofrat von Voigt an ihn an, welcher seit 1783 in der Direktion des Ilmenauer Bergbaus ihm als Kollege zur Seite stand. Auch der Herzog ging mit lebhaftem Eifer auf diese Studien ein und ward durch die Gründung und Förderung nützlicher Anstalten in Weimar und Jena unter Deutschlands Fürsten einer der ersten Beschützer der naturwissenschaftlichen Studien. Man hört den Zögling Goethes reden, wenn er in einem Brief an Knebel (Dezember 1784) äußert: „Die Naturwissenschaft ist so menschlich, so wahr, dass ich jedem Glück wünsche, der sich ihr auch nur etwas ergibt. Sie fängt an leicht zu werden, so dass auch gern trägere Menschen sich eher dazu einladen lassen. Sie ist so leicht wahr zu behandeln, dass sie den Geschmack zum Unwahren überwiegen kann; sie beweist und kehrt so bündig, dass das Größte, das Geheimnisvollste, das Zauberhafteste so ordentlich, einfach, öffentlich, unmagisch zugeht; sie muss doch endlich die armen, unwissenden Menschen von dem durst nach dem dunklen Außerordentlichen heilen, da sie ihnen zeigt, dass das Außerordentliche ihnen so nahe, so deutlich, so unaußerordentlich, so bestimmt wahr ist. Ich bitte täglich meinen guten Genius, dass er auch mich von aller andern Art von Bemerken und Lernen abhalte und mich immer auf dem ruhigen, bestimmten Weg leite, den uns der Naturforscher so natürlich vorschreibt.“ Herder, den es früher manchmal verstimmt hatte, immer von Gestein reden zu hören, trat jetzt, da er die naturwissenschaftlichen Abschnitte seiner Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit ausarbeitete, ebenfalls der Naturforschung näher. Goethe las mit ihm zusammen die ersten Kapitel, welche er, wie er gegen Knebel (Dezember 1783) bemerkt, köstlich fand. Er verhandelte mit ihm „an sehr guten Abenden“ die anziehendsten Probleme des Denkens und trieb sich, wie er sagt, durch Disputieren in seinen Naturansichten immer weiter. Manches ist aus diesen Gesprächen in Herders Werk übergegangen. Caroline Herder erzählt in einem ihrer Briefe von dem Beisammensein in einer schönen Mondnacht, wo Goethe sich über den Zustand der Seele nach dem Tod aussprach, „nur ein wenig nicht schwärmerisch genug für das überirdische Licht, in dem wir dahin gleiteten.“ Goethe war über diesen anregenden Verkehr mit Herder sehr erfreut. „Von meinem Leben ist es wieder ein schönes Glück“, schreibt er unterm 12. November 1783 an Jacobi, „dass die leidigen Wolken, die Herder so lange von mir getrennt haben, endlich und, wie ich überzeugt bin, auf immer sich verziehen mussten.“ Ihn und Frau von Stein bezeichnet er als die einzigen Kapitalien in Weimar, von denen er Interessen ziehe. Ebenso anerkennend spricht sich Herders freundschaftliche Gesinnung aus, wenn er (2. März 1785) an Knebel schreibt: „Er (Goethe) trägt seinen Kopf und sein Herz immer auf der rechten Stelle und ist in jedem Schritt seines Lebens ein Mann. Wie viele gibt’s solcher?“ Ähnlich sprach sich Herder gegen Schiller (1787) bei dessen ersten Besuchen in Weimar aus; er nannte Goethe einen allumfassenden Geist und wollte ihn mehr noch als Geschäftsmann, denn als Dichter bewundert wissen; er habe einen klaren, universalischen Verstand, dabei das wahrste und innigste Gefühl, die größte Reinheit des Herzens; alles, was er sei, sei er ganz, und er könne, wie Julius Cäsar, vieles zugleich sein. Überhaupt war jetzt in Weimar so sehr die Stimme des Misswollens verstummt, dass Schiller an Körner berichten konnte, Goethe werde von sehr vielen Menschen mit einer Art von Anbetung genannt und mehr noch als Mensch, denn als Schriftsteller, geliebt und bewundert.“ Friedrich Jacobi, der gemeinschaftliche Freund Goethes und Herders, die beide einen Briefwechsel mit ihm unterhielten, folgte im Herbst 1784 der wiederholt an ihn ergangenen Einladung zu einem Besuch in Weimar und „verlebte dort selige Tage.“ Mit Goethe verknüpfte ihn wieder ein Band offener und herzlicher Freundschaft, wie es die Jünglinge umschlungen hatte. Es war ein wehmütiger Abschied. Als er auf der Rückreise, das weiche Gemüt voll freudiger Erinnerung, von Koblenz rheinabwärts fuhr, breitete sich das Mondlicht wieder über den klaren Spiegel des Stroms und vergegenwärtigte ihm die schönsten Stunden der Jugendfreundschaft. „Ich habe Dich also wieder gesehen“, so beginnt der erste Brief nach seiner Rückkehr (Düsseldorf, 13. Oktober), „und viel mehr als das! Als ich wegging, war es mir nicht, als ob ich Dich verließe; ich war innig glücklicher, froher, heiterer, als da ich kam. Du weißt, wie ich Eindrücke annehme und sie in mir haften. Auch die leisteste Berührung, die ich kaum im Augenblick selbst gewahr wurde, entwickelt sich im Stillen und wächst zu vollem Leben auf. So bin ich jetzt noch im seligsten Genuss Deiner und weiß von nichts, das mir vergangen wäre. Erhalte mich so; Du kannst es – Du weißt es!“ Jacobi war um jene Zeit mit Mendelssohn über Lessings Spinozismus in Streit geraten. Daher war über die Lehre des Spinoza vorzugsweise in Gesprächen mit Herder und Goethe verhandelt, welche eine nachhaltige Wirkung auch für den Letzteren hatten; in einem Brief vom 3. Dezember 1784 äußert er: „Du scheinst uns auch Lust und Liebe zur Metaphysik zurückgelassen zu haben.“ Er liest die philosophischen Abhandlungen Hemsterhuysens mit großem Anteil und berichtet seinem Freund, dass er sich am Spinoza übe und ihn wieder und wieder lese; er sei mit Herder in diesen Materien einverstanden, müsse jedoch, ehe er eine Silbe Metaphysisches schreibe, erst die Physika besser absolviert haben. „Ich kann nicht sagen“, bekennt er in Bezug auf Spinoza (9. Juni 1785), „dass ich jemals die Schriften dieses trefflichen Mannes in einer Folge gelesen habe, dass mir jemals das ganze Gebäude seiner Gedanken völlig überschaubar vor der Seele gestanden hätte. Meine Vorstellungs- und Lebensart erlauben’s nicht. Aber wenn ich hineinsehe, glaub’ ich ihn zu verstehen, das heißt, er ist mir nie mit sich selbst in Widerspruch, und ich kann für meine Sinnes- und Handelsweise sehr heilsame Einflüsse daher nehmen.“ Jacobis Schrift „über die Lehre des Spinoza“, worin er im Herbst 1785 die Korrespondenzakten seines Streits mit Mendelssohn über Lessings Spinozismus veröffentlichte, wurde von Herder wie von Goethe mit lebhaftem Interesse aufgenommen. Goethe fand, dass die Idee, welche Jacobi darin von der Lehre des Spinoza gebe, der Ansicht, die er sich davon gebildet, um vieles näher rücke, als nach dessen mündlichen Äußerungen zu erwarten gewesen, und glaubt, sie würden im Gespräch völlig zusammenkommen. Insbesondere aber protestiert er dagegen, dass sein Freund Spinozismus mit Atheismus zusammenwirft: „Spinoza beweist nicht das Dasein Gottes; das Dasein ist Gott, und wenn ihn andere deshalb Atheum schelten, so möchte ich ihn Theissimum und christianissimum nennen und preisen.“ Gegen die Schmähschrift, womit Mendelssohn Lessings Ehre gegen die Beschuldigung des Spinozismus retten zu müssen glaubte, schrieb Jacobi die Replik: Wider Mendelssohns Beschuldigungen in dessen Schreiben an die Freunde Lessings (1786). Goethe nahm an dem übermütigen Ton, womit in dieser Schrift die Gegner abgefertigt wurden, Anstoß, und indem er die Selbstzufriedenheit und Selbstüberhebung seines Freundes in etwas herber Weise ahnte, „wenn Selbstgefühl sich in Verachtung anderer, auch der Geringsten, auslässt, muss es widrig ausfallen … was sind wir denn alle, dass wir uns viel erheben dürfen?“, stellte er im Gegensatz zu der Jacobischen Glaubensphilosophie den Standpunkt seines spinozistischen Realismus fest; wenn Jacobi sage, man könne an Gott nur glauben, so halte er dagegen viel aufs Schauen und fühle in Spinozas Worten eine Ermutigung, sein ganzes Leben der Betrachtung der Dinge zu widmen, die er erreichen und von denen er sich eine entsprechende Idee bilden könne, ohne sich im mindesten zu bekümmern, wie weit er kommen könne und was ihm zugeschnitten sei. „Übrigens“, fügte er hinzu, „bist Du ein guter Mensch, dass man Dein Freund sein kann, ohne Deiner Meinung zu sein; denn wie wir voneinander abstehen, habe ich erst wieder aus dem Büchlein selbst gesehen.“3) Die Wahrheit dieser Äußerung bestätigte sich nachmals mehrfach im Verlauf ihres Lebens und ist auch in den Worten an Eckermann (1827) ausgesprochen: „Er hatte mich persönlich lieb, ohne an meinen Bestrebungen Teil zu nehmen oder sie wohl gar zu billigen; es bedurfte daher der Freundschaft, um uns aneinander zu halten.“ Zwischen Lavater und Goethe führte um diese Zeit die Verschiedenheit der Religionsansichten eine völlige Auflösung der freundschaftlichen Verhältnisse herbei. Lavater konnte sich nicht dabei beruhigen, wie Goethe wünschte, die beiderseitigen Glaubensbekenntnisse „in zwei Kolumnen nebeneinander zu setzen und darauf einen Friedens- und Toleranzbund zu errichten.“ Er suchte seinem Freund wiederholt den Zusammenhang seines christlichen Offenbarungsglaubens darzulegen, welchen Goethe auf seinem Standpunkt mit eben derselben Entschiedenheit von sich ablehnte, so sehr er ihn auch als individuelle Religionsansicht an andern ehren und lieben konnte. Er will kein Widerchrist, kein Unchrist sein, aber bezeichnet sich als einen dezidierten Nichtchristen. „Deinen Christus“, schreibt er 1781, „habe ich noch niemals so gern als in diesen Briefen angesehen und bewundert. Es erhebt die Seele und gibt zu den schönsten Betrachtungen Anlass, wenn man Dich das herrliche kristallhelle Gefäß mit der höchsten Inbrunst fassen, mit Deinem eigenen, hochroten Trank schäumend füllen sieht. Ich gönne Dir gern dieses Glück, denn Du müsstest ohne dasselbe elend werden. Bei dem Wunsch und der Begierde, in einem Individuo alles zu genießen, und bei der Unmöglichkeit, dass Dir ein Individuum genugtun kann, ist es herrlich, dass aus alten Zeiten uns ein Bild übrig bleib, in das Du Dein alles übertragen und in ihm Dich bespiegeln, Dich selbst anbeten kannst.“ Goethe sieht das Göttliche als eine der ganzen Menschheit zugeteilte und in ihr fortwirkende Offenbarung an. „Wir geben uns“, fährt er fort, „einer jeden durch Menschen und dem Menschen offenbarten Weisheit zu Schülern hin und beten als Söhne Gottes ihn in uns selbst und allen seinen Kindern an. Ich weiß wohl, dass Du Dich darin nicht verändern kannst, und dass Du vor Dir Recht behältst; doch finde ich es auch nötig, da Du Deinen Glauben und Lehre wiederholend predigst, Dir auch den unsrigen als einen ehernen bestehenden Fels der Menschheit wiederholt zu zeigen, den Du und eine ganze Christenheit mit den Wogen eures Meeres vielleicht einmal übersprudeln, aber weder überströmen noch in seinen Tiefen erschüttern könnt.“ Bald darauf gab Lavater den Pontius Pilatus heraus, wovon er im Frühjahr 1782 Goethe die ersten Bogen zusandte. In diesem seltsamen Werk ist die phantastische Subjektivität der Lavaterschen Religionsansicht auf die Spitze getrieben; er wollte darin eine Darstellung der Höhe und Tiefe, der Würde und des Verfalls der menschlichen Natur geben, „ein Magazin menschlicher, christlicher, poetischer, sittlicher Bemerkungen und Gefühle über den Menschen.“ Er gesteht selbst von diesem Buch, dass es ohne das Medium seines Ich ungenießbar sei; dass, wer es hasse, auch ihn hassen, wer es leibe, auch ihn lieben müsse. Auf Goethe machte es einen „widrigen“ Eindruck; es war ihm ein schlagender Beweis, „wie sich bei Lavater der höchste Menschenverstand und der grasseste Aberglauben durch das feinste und unauflöslichste Band zusammenknüpfe.“ Auch Karl August bekannte in einem Brief an Knebel, nicht zu begreifen, wie so etwas albernes, ganz geschmackloses, sozusagen Übelriechendes aus einem so wohl duftenden Lavater kommen könne. Mit dem Jahr 1782 ging das herzliche Verhältnis zu Ende; im folgenden Jahr werden die Briefe zu kleinen Blättchen; darin trifft man die Äußerung: „Ich fühl’ erst jetzt, wie weit wir auseinander gekommen; ich kann Dir nichts schreiben.“ Bald war keine Berührung mehr zwischen den Männern, die noch wenige Jahre zuvor die seligsten Stunden freundschaftlicher Hingebung miteinander verlebt hatten. Als Lavater auf der Rückreise von Bremen nach Weimar kam, war Goethe in Italien. Aus späteren herben Äußerungen Goethes geht hervor, dass er nicht bloß an Lavaters mystischen Exzentrizitäten Anstoß nahm, sondern auch an seinem Charakter irregeworden war und ihn für einen Heuchler hielt4). Es lag in Goethes Wesen der Drang, aus dem Widerstreit der Meinungen sich mit Hilfe der Dichtkunst zu retten und sich auf eine poetische Höhe zurückzuziehen, welche ihm Ruhe und freien Umblick gewährte. Daher erwuchs aus den religionsphilosophischen Erörterungen mit Lavater, Jacobi und Herder das epische Gedicht ‚die Geheimnisse’; es kam leider nicht über den viel versprechenden Eingang hinaus, sonst würden wir ein Goethesches Seitenstück zum Nathan besitzen. Die 48 schönen Stanzen, welche die Erzählung einleiten, waren im März 1785 vollendet. Der fromme Bruder Marcus, so wird uns hier erzählt, trifft, nachdem er in einer gebirgigen Gegend umhergeirrt ist, zuletzt im freundlichen Tal ein herrliches Gebäude an, dessen Sinnbild an der Pforte, das mit Rosen umschlungene Kreuz, auf Wohnung von frommen, geheimnisvollen Männern deutet. Er findet dort zwölf Ritter, welche nach überstandenem mühe- und gefahrvollen Leben hier Gott im Stillen dienen und einem Oberen sich angeschlossen haben, der den Namen Humanus führt. – Über den weiteren Plan hat Goethe sich in späteren Jahren ausgesprochen. Indem der Dichter einen Verein der trefflichsten Männer hier versammelte, von denen jeder Gott auf seine Weise im Stillen verehrte, wollte er an ihnen „die verschiedensten Denk- und Empfindungsweisen, welche in dem Menschen durch Atmosphäre, Landstrich, Völkerschaft, Bedürfnis, Gewohnheit entwickelt oder ihm eingedrückt werden“, zur Anschauung bringen. Sie haben sich um Humanus als ihren Oberen versammelt, indem sie sämtlich eine Ähnlichkeit, eine Annäherung zu ihm fühlen; die Idee der höchsten humanen Ausbildung bestreben sich alle zu verwirklichen, wenn auch einzeln unvollkommen. „Hier würde sich dann gefunden haben, dass jede besondere Religion einen Moment ihrer höchsten Blüte und Frucht erreiche, worin sie jenen obern Führer und Vermittler sich angenaht, ja, sich mit ihm vollkommen vereinigt. Diese Epochen sollten in jenen zwölf Repräsentanten verkörpert und fixiert erscheinen, so dass man jede Anerkennung Gottes und der Tugend, sie zeige sich auch in noch so wunderbarer Gestalt, doch immer aller Ehren, aller Liebe würdig müsste gefundne haben.“ Die hier ausgesprochene Achtung vor der Religiosität als schöner Individualität, eine Auffassung, welche Goethe ungeachtet seiner persönlichen Ablehnung des positiven Offenbarungsglaubens an Fräulein von Klettenberg und Lavater gefesselt hatte, zog ihn auch zu der Fürstin Amalia von Gallitzin hin; er lernte diese seltene Frau, welche mit mehreren der hervorragendsten Geister Deutschlands in einem lebendigen, geistigen Verkehr stand, 1785 bei ihren Besuchen in Weimar kennen und verehren. In ähnlicher Weise, wie die Klettenberg, hatte sie das glänzende Leben der großen Welt mit frommer Zurückgezogenheit vertauscht. „Sie kam“, lauten Goethes Worte von ihr, „früh zu dem Gefühl, dass die Welt uns nichts gebe, dass man sich in sich selbst zurückziehen, dass man in einem beschränkten Kreis um Zeit und Ewigkeit besorgt sein müsse. Als die schönste Vermittlung zwischen beiden Welten entsprosste Wohltätigkeit, die mildeste Wirkung einer ernsten Asketik; das Leben füllte sich aus mit Religionsübung und Wohltun.“ In seinen Briefen an Jacobi nennt er sie eine herrliche, eine kostbare Seele, von der es ihn nicht Wunder nehme, dass sie die Herzen so anziehe; sie habe ihn durch ihre Gegenwart in mancherlei Gutem geweckt und gestärkt. Wahrscheinlich gab diese Bekanntschaft die nächste Veranlassung zu den ‚Bekenntnissen einer schönen Seele’, welche jetzt das sechste Buch des Wilhelm Meister ausmachen. Idee und Entwurf scheinen aus jener Zeit zu stammen, wenngleich die genauere Ausführung der späteren Bearbeitung vorbehalten blieb. Er legte die Lebensschicksale des Fräuleins von Klettenberg zugrunde, deren Bild in der edlen, weiblichen Erscheinung der Fürstin wieder vor ihm erstanden war. Im Sommer des Jahres 1786 verweilte Goethe wieder in Karlsbad, diesmal in Gesellschaft des Herzogs, dessen geistreiche Laune den geselligen Kreis, der sich um sie bildete, in liebenswürdiger Weise belebte. Goethe verband mit diesem Badeausflug einen weiteren Plan. Der Wunsch, Italien zu sehen, wohin schon seit seiner Kindheit sein Verlangen gerichtet war, und dort eine längere Mußezeit im Genuss der Natur und dem Studium der dort aufgehäuften Kunstschätze zu verleben, hatte sich zu einer heißen, fast krankhaften Sehnsucht gesteigert. Er musste einige Jahre her die alten römischen Schriftsteller meiden, weil es ihn in eine schmerzliche Stimmung versetzte, wenn das Bild Italiens in ihm lebhaft wurde; Herder spottete, dass er all sein Latein aus dem Spinoza lerne. Er hatte jetzt in Weimar eine Reihe von Lehrjahren durchgemacht, im Leben nach verschiedenen Seiten sich erprobt, in Kunst und Wissen in mannigfachen Richtungen sich versucht. Aber, unbefriedigt durch das Erreichte, fühlte er, dass die höchste Stufe der Ausbildung, wozu sich der Ruf in seinem Innern ankündigte, ihm unter den bisherigen, den Geist nach und nach abstumpfenden, Verhältnissen zu erreichen verwehrt sei, dass er nur unter Italiens Himmel aus der Verworrenheit zur Klarheit, aus dem unsichern Hin- und Herschwanken zu einem festen Haltepunkt gelangen werde. „So alles zur rechten Zeit“, was er bei einem andern Anlass ausspricht, erfüllte sich auch diesmal. In der Jugendperiode würde der Aufenthalt in Italien mehr aufregend und verwirrend auf ihn gewirkt haben. Jetzt wandte er sich, von jedem falschen Streben befreit, sittlich und geistig geläutert, dahin, Er hatte sich durch vielseitige Studien so vorbereitet und vorgebildet, dass er von diesem Aufenthalt, als der hohen Schule seines Geistes, den größten Nutzen, der für ihn erreichbar war, ziehen konnte. Obwohl er Italien mit Recht das Land seiner Wiedergeburt nennt, hat es ihn doch nicht umgewandelt, nicht in neue Bahnen hineingetrieben; es hat nur die schon begonnene Richtung zu dem Ziel hingeführt, dem sie schrittweise entgegengegangen war. Es sind die Wanderjahre, die sich in naturgemäßer Entwicklung an die Lehrjahre anschließen, um die Bildung zur Meisterschaft zu vollenden. Daher erklärt es sich auch, weshalb er in Italien keine neuen Dichtungen schuf, sondern nur den Werken der letzten Jahren, die ihm mehr als Studien oder flüchtige Entwürfe erschienen, eine vollendetere Gestalt gab. Goethe war zu dem Entschluss gekommen, seine Werke im Göschenschen Verlag gesammelt herauszugeben. Zum Behelf der Redaktion hatte er seine sämtlichen Schriften, gedruckte wie ungedruckte, nach Karlsbad mitgenommen und war imstande, die vier ersten Bände, welche den größten Teil der schon gedruckten Schriften umfassen sollten, „unter der treusten Mitwirkung Herders“ von dort an die Verlagshandlung abzusenden. Es ist gewiss nicht ernstlich gemeint, wenn er äußert, er sei im Begriff gewesen, auch die ferneren vier Bände nachzusenden. Wir möchten vielmehr eher anzunehmen berechtigt sein, dass der Anblick so vieler Entwürfe und fragmentarischen Arbeiten, welche ihm das Geschäft der Sammlung seiner Schriften aufs neue in die Hände gab, nicht wenig dazu beigetragen habe, den Entschluss zu einer Reise, wo er ganz seinem Genius leben könne, zur Reife zu bringen. Die freunde in Karlsbad, denen er mehrere der angefangenen Dichtungen vorlas, hielten ihr Bedauern nicht zurück, dass so vieles Schöne nur Bruchstück geblieben sei, und ließen es an Ermunterungen zur Fortsetzung nicht fehlen. An seinem Geburtstag erhielt er von ihnen mehrere Gedichte im Namen seiner unternommenen, aber aufgegebenen, Werke, worin jedes nach seiner Art Beschwerde führte. Darunter zeichnete sich ein Gedicht im Namen der Vögel aus, worin eine an Treufreund gesandte Deputation diesen inständig bat, er möchte das ihnen zugesagte Reich nunmehr auch gründen und einrichten. Herder suchte ihn zu überreden, er möge vor allen der Iphigenie noch einige Aufmerksamkeit schenken und anstatt taubes Gestein zu klopfen (auf Goethes mineralogische Liebhabereien anspielend) seine Werkzeuge an diese Arbeit wenden. Goethe nahm, was für deutsche Poesie ein unvergänglicher Segen ward, den handschriftlichen Schatz mit sich nach Italien, um ihn zu Meisterwerken auszuprägen. Mit Goethes Reiseprojekt war nur der Herzog vertraut, und er, welcher nie vergaß, dass er in Goethe noch einen ganz andern Schatz zu hegen hatte, als den fleißigen Geschäftsmann, stellte seinen Absichten kein Hindernis entgegen. Vor den übrigen Freunden, selbst vor Herder, hielt Goethe seinen Plan noch verborgen und verriet erst vom italienischen Boden aus das Geheimnis. Er musste fürchten, dass sich ihm eine Reisebegleitung zugeselle, die ihm in der Verfolgung seiner nächsten Zwecke hinderlich werde. Zu den Studien, die er beabsichtigte, war ihm ungestörte Freiheit notwendig; nicht einmal von einem Bedienten ließ er sich begleiten. Karl August verließ schon vor ihm Karlsbad. Von dem jugendlichen Humor, den sie in den heiteren Stunden des ungebundenen Badelebens wieder gefunden hatten, ist uns ein Zeugnis geblieben in dem launigen Gedicht Goethes, womit er den Herzog beim Abschied durch die Bäuerinnen von Engelhaus, einem Dorf in der Nähe von Karlsbad, begrüßen ließ; in die Schlussworte: „So lass in Deines Herzens Schrein die Freunde desto fester sein!“, legte er den eigenen Herzenswunsch hinein. Goethe musste, um Aufsehen zu vermeiden und sein größeres Reiseprojekt nicht zu verraten, noch die Feier seines Geburtstages in Karlsbad abwarten. Am 3. September morgens 3 Uhr stahl er sich, wie er sich ausdrückt, in einer Postchaise fort und eilte dem Süden zu. Sein letzter Gruß an die Freunde in der deutschen Heimat, gleichsam ein Denkstein an der Scheide zweier Lebensabschnitte, ist das durch Gehalt wie durch vollendet schöne Form ausgezeichnete Gedicht ‚Zueignung’, womit die Ausgabe seiner gesammelten Schriften eröffnet wurde. In dem Sinn, wie er diese das Resultat eines halben Lebens nannte und ihnen das Zeugnis gab, dass sie keinen Buchstaben enthielten, der nicht gelebt, empfunden, genossen, gelitten, gedacht wäre, zeichnet er hier mit Meisterhand das allegorische Bild der Weihe des Dichters, welcher der Dichtung Schleier, gewebt aus Morgenduft und Klarheit, aus der Hand der Wahrheit empfängt.
1) 80) Siehe darüber Goethe in den Briefen an Merck etc. hgg. von Wagner, 1835. Nr. 215., 217. und Campers Briefe Nr. 231., 232. 2) 81) S. Düntzer in den Studien etc. S. 265 f. 3) 82) Über diesen philosophischen Streit vgl. Schöll in den Briefen und Aufsätzen von Goethe etc. S. 193 ff. 4) 83) Vgl. Düntzer. Goethe und Lavater, in den Monatsblättern zur allgemeinen Zeitung, 1847. S. 471 ff. |
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