Johann Wolfgang von Goethe @ www.Wissen-im-Netz.info
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   Literatur
      Johann Wolfgang von Goethe
         Biografien
            Schaefer - Goethes Leben
               Inhalt
               Erster Band
                  Vorrede
                  Kindheit und Jugend
                     1749 - 1765
                     1765 - 1768
                     1768 - 1771
                     1771 - 1773
                     1744
                     1775
                  Weimarsche Lehrjahre
                     1776
                     1777, 1778
                     1779
                     1780, 1781
                     1782
                     1783 - 1786
               Zweiter Band
                  Widmung
                  Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche
                     1786 - 1788
                     1788 - 1791
                     1792, 1793
                     1794 - 1796
                     1797 - 1799
                     1799 - 1805
                  Goethe im Alter
                     1806 - 1813
                     1813 - 1819
                     1820 - 1825
                     1826 - 1832
                  Beilagen
                     I. Charlotte von Stein
                     II. Rede weißer Falkenordens
                     III. Vermächtnis j. Nachwelt
                  Schlusswort

5. Kapitel: 1782

   Goethe schloss das Jahr 1781 mit behaglichem Rückblick auf die Ordnung und Konsequenz seiner Tätigkeit, und es schienen mit dem neuen „die schönsten Aussichten“ vor ihm zu liegen. Immer besser wusste er sich in das Beschwerliche seiner Ämter zu schicken und „sich die Rüstung nach seinem leib zurechtzuschnallen.“ Nachdem es ihm gelungen war, in dem Geschäftsbereich der Kriegskommission Ordnung herzustellen, war ihm nicht bange, einer noch größeren Aufgabe seien ordnende und leitende Tätigkeit zu widmen. „Sind auch“, sagte er sich, „Dinge, die mir nicht anstehen, so komme ich darüber gar leicht weg, weil es ein Artikel meines Glaubens ist, dass wir durch Standhaftigkeit und Treue in dem gegenwärtigen Zustand ganz allein der höheren Stufe eines folgenden wert und sie zu betreten fähig werden, es sei nun hier zeitlich oder dort ewig.“ Eine mannigfaltige Tätigkeit dünkte ihm ein Bedürfnis seines Lebens, und er war von sich überzeugt, „in dem geringsten Dorf und auf einer wüsten Insel ebenso betriebsam sein zu müssen, um nur zu leben.“ Manchmal fällt es ihm schon schwer aufs Herz, „dass das Leben so stark vorrücke“, und es leidet die ernstere Stimmung seltener eine Unterbrechung. Diesmal war ihm daher „die Narrenrolle“, welche die Karnevalszeit ihm aufzwang, mehr als je zuwider. Die Wintervergnügungen waren im Beginn dieses Jahres sehr glänzend und rauschend, weil mehrere hohe Gäste, unter ihnen der Prinz August von Gotha und der regierende Herzog von Meiningen, die in Weimar längere Zeit weilten, vom Herzog mit gewohnter Gastlichkeit bewirtet und auf ausgesuchte Weise unterhalten wurden. „Seit Anfang des Jahres“, schreibt Goethe an Knebel, „hat es viel Treibens zur Komödie und Redouten gegeben, da ich denn freilich meine Hand, den Kreisel zu reiben, habe hergeben müssen, die von andern Expeditionen schon herzlich müde ist.“ Zu den sechs Redoutenaufzügen wurden von ihm mehrere Programme entworfen und einige poetische Gaben, die sich jetzt unter seinen Gedichten finden, dienten zur festlichen Ausstattung. In dem Aufzug der weiblichen Tugenden (am 1. Februar) hatte er Gelegenheit, der Herzogin Luise eine Artigkeit zu erweisen, indem die weiblichen Tugenden in einem Reihen, nachdem jede es zu tun abgelehnt hatte, ihr durch die Bescheidenheit Kränze überreichen ließen, die mit dem Band, worauf Goethes Gedicht stand, geflochten waren. Der Aufzug der vier Weltalter, mit einem gehaltvollen Gedicht, ward veranstaltet, auch der Aufzug des Winters wiederholt.

   Zum Geburtstag der Herzogin ordnete Goethe ein Ballet, das meist von Kindern gegeben wurde. Aus einem Bericht des Fräuleins von Göchhausen erfahren wir den näheren Inhalt: „Eine Fee und ein Zauberer hatten einen mächtigen Geist beleidigt, und ihnen wurde dadurch das Vorrecht, ewig jung zu bleiben, geraubt. Sie wurden alt mit allen Feen und Zauberern, die ihnen ergeben waren. Diese Strafe sollten sie dulden, bis in gewissen Bergklüften der große Karfunkel gefunden würde, dem das verzaubert war, was ihnen allen fehlte. Diesen Stein zu erhalten, vereinigten nun die Fee und der Zauberer ihre Macht. Die Berggeister wurden beschworen; Feen, Gnomen und Nymphen taten durch wunderbare Zaubereien ihr Bestes, und das Abenteuer wurde bestanden, der große Karfunkel herbeigeschafft, geöffnet, und – Amor sprang heraus. In diesem Augenblick gingen die großen Verwandlungen vor sich, und aus einem ganzen Theater voll alter Mütterchen und Gnomen wurden lauter schöne Mädchen und Jünglinge. Diese Verwandlungen gingen sehr gut, und Dekoration und Musik warn recht artig. Das Ganze war mit Gesang und Tänzen gemischt und endigte mit einem großen Ballet.“ Zum Schluss brachte Amor der Herzogin ein Band mit dem lieblichen Begrüßungsgedicht, das unter den Maskenzügen aufbewahrt ist.

   Mehrere Äußerungen in Goethes Briefen lassen erkennen, dass ihm bei alle dem nicht froh zumute war. Noch nie hatte er das Ende des Karnevals so sehnlich herbeigewünscht, wie diesmal, und mit Verlangen kehrte er zurück „zu den Wohnungen der Weisheit und Güte.“ Überdies war seine Gesundheit leidend; schon am 8. Februar schreibt der Herzog an Knebel, Goethe gehe gelb und bleich umher und flicke an sich herum. Es war daher für Geist und Körper heilsam, dass im März ihn die übliche Rundreise im weimarschen Land, wenn gleich zu „dem albernen Geschäft der Rekrutenaushebung“, aus der Stadt entführte. In den ersten Tagen der Reise vollendete er das Gedicht ‚Auf Miedings Tod’, des unermüdlichen Theatermaschinisten, der am 27. Januar gestorben war. Diese Elegie, voll tiefen Sinns in anspruchsloser Form, geht, gleich wie „Hans Sachs poetische Sendung“, von einem beschränkten Kreis aus, um ihn vor uns zu einer allgemein menschlichen Lebenssphäre zu erweitern, und wir finden hier im Kleinen, die für Goethes künstlerisches Verfahren charakteristischen Grundzüge wieder. Nicht nur der Tod macht alle gleich; auch im Leben haben Hohe und Nieder darin ein gleiches Geschick, dass jedem die Aufgabe gestellt ist, seinen Wirkungskreis durch treue Tätigkeit auszufüllen. Indem er dem wackeren Mieding die Worte der Anerkennung weiht, wird ihm die Dichtung die „eigene Parentation“, und eine höhere Wehmut, als die Totenklage um den aus engem Kreis des Wirkens Geschiedenen, schlingt die bescheidenen Blumen zu einem schönen Kranz liebevollen Andenkens zusammen. In der weimarschen Gesellschaft wurde dies Gedicht mit lebhafter Anerkennung aufgenommen.

   Kaum war am 16. März dies abgeschlossen, als Goethe nächsten Tages wieder den ‚Egmont’ vornahm, worin ihm „der fatale vierte Akt“, den er ganz umarbeiten musste, noch immer zu schaffen machte. Um noch mehr historische Züge darein zu verweben, studierte er Stradas Werk über den niederländischen Krieg und „fand gar treffliche Schilderungen von Personen“ darin. „Zum Egmont“, schreibt er am 20. März, „habe ich Hoffnung, doch wird’s langsamer gehen, als ich dachte. Es ist ein wunderbares Stück. Wenn ich’s noch zu schreiben hätte, schriebe ich es anders und vielleicht gar nicht. Da es nun aber dasteht, mag es stehen; ich will nur das allzu Aufgeknöpfte, Studentenhafte der Manier zu tilgen suchen, das der Würde des Gegenstandes widerspricht.“ Goethe brachte dies Drama gewissermaßen zum Abschluss, obwohl er sich auch jetzt noch nicht recht befriedigt fühlte. Als er es an Justus Möser übersandte, schrieb er unter dem 5. Mai an dessen Tochter: „Sie erhalten hier einen Versuch, den ich vor einigen Jahren gemacht habe, ohne dass ich seit der Zeit so viel Muße gefunden hätte, um das Stück so zu bearbeiten, wie es wohl sein sollte. Legen Sie es, wie es ist, Ihrem Herrn Vater vor, und denn bitte ich Sie, recht aufrichtig und ausführlich zu sein und mir umständlich zu melden, was er darüber sagt. Mir ist eben sowohl um sein Lob als um seinen Tadel zu tun. Ich wünsche zu wissen, von welcher Seite er es ansieht.“ So bescheiden, so streng gegen sich selbst waren unsere größten Dichter, so unermüdlich rangen sie darnach, die Gebilde ihrer Kunst in möglichster Vollendung ihrer Nation und der Nachwelt zu übergeben.

   An diese Geschäftsreise schloss sich, nach einer nur dreitägigen Rast in Weimar, am 28. März eine zweite nach dem Fürstentum Eisenach, wo er mit dem Herzog, der damals den Wunsch hegte, sich mit diesem etwas vernachlässigten Landesteil näher bekannt zu machen, in dem abgebrannten Kreuzburg zusammentraf und mit ihm und dem Landkommissarius Bätty mehrere Ortschaften bereiste. Die Zerstreuungen und Störungen dieser beschwerlichen Reise ließen an die größeren poetischen Arbeiten nicht denken, und nur einige flüchtige Eingebungen des Augenblicks wurden in poetische Form gefasst. Es entstanden die ersten jener Epigramme, in denen Goethe die antike Form nachzuahmen suchte, wahrscheinlich veranlasst durch die ihm im März übersandte Toblersche Übersetzung von Gedichten der griechischen Anthologie. Sie sind nebst einigen späteren unter der Überschrift „Antiker Form sich nähernd“ seinen Gedichten eingereiht. „Ich bin“, schreibt er, „auf dieser Wanderung auf den Geschmack von Inschriften gekommen, und es werden bald die Steine zu reden anfangen.“ Es wurden auch wirklich mehrere derselben als Inschriften im Weimarer und Tiefurter Park angebracht. Einem Stein in dem traulichen Gärtchen des Dichters ward das Epigramm „Erwählter Fels“ eingegraben, als ein Denkmal der glücklichen Stunden, wo „der Liebende im Stillen der Geliebten gedachte.“ Wie dieses, erhalten auch andere ihren zarten dichterischen Hauch von der Liebe zu der Freundin; die Gedichtchen „Versuchung“ und „Ferne“ waren Briefen an sie beigelegt. Vielleicht sind auch die Oden „Ganymed“, „Grenzen der Menschheit“, „das Göttliche“ in diese Frühlingstage zu setzen; jedenfalls gehört die letztere dem Jahre 1782 an. An die Stelle des früheren Prometheischen Trotzes tritt in diesen Gedichten das Gefühl des demütigen, der Schranken des Daseins bewussten Hingebens and as Ewige und Göttliche, das in den Gesetzen der Natur und dem Wirken der Menschheit waltet, und dem der Mensch sich dadurch nähert, dass er, „hilfreich und gut, unermüdet das Nützliche und Rechte schafft.“

   Dieses durch sein eigenes Wirken wahr zu machen, sehen wir ihn auf dieser Reise treulich bemüht. Von Eisenach aus schreibt er an seine Freundin: „Von Gotha, wo es mir so weich wie einem Schoßkind ergangen, komme ich hierher, wo mich die Sorgen wie hungrige Löwen anfallen. Hätte ich die Angelegenheiten unseres Fürstentums auf so einem guten Fuß, als meine eigenen, so könnte ich von Glück sagen, und wäre alsdann das Glück uns so treu und hold, als Du mir bist, so würde man uns vor dem Tod selig preisen können. Liebste Lotte, dass doch der Mensch so viel für sich tun kann und so wenig für andere! Dass es doch ein fast nie befriedigter Wunsch ist, Menschen zu nutzen! Das Meiste, dessen ich persönlich fähig war, hab’ ich auf den Gipfel des Glücks gebracht oder sehe vor mir, es wird werden. Für andere arbeite ich mich ab und erlange nichts. Für mich mag ich kaum einen Finger rühren, und es wird mir alles auf einem Kissen überreicht.“

   Er beschäftigte sich auf dieser Reise angelegentlich mit landwirtschaftlichen Plänen; auch in dem Epigramm „dem Ackersmann“ finden wir die sinnige Betrachtung des Landbaus wieder. Er hatte ein tiefes Mitgefühl für die mühevolle Lage der niederen Stände; allein er erkannte mehr und mehr, dass der Wurzel des Übels nicht beizukommen sei. Indem er am Schluss der Reise in einem Brief an Knebel seine Freude ausspricht, dass er jetzt von jedem Berg und jeder Flur Rechenschaft zu geben wisse – auch gegen die Freundin äußert er, dass er in Beurteilung des Bodens und der Landesart immer zunehme – fügt er ein offenes, wehmütiges Bekenntnis hinzu: „So steige ich durch alle Stände aufwärts, sehe den Bauersmann der Erde das Notdürftige abfordern, das doch auch ein behaglich Auskommen wäre, wenn er nur für sich selbst schwitzte. Du weißt aber, wenn die Blattläuse auf den Rosenzweigen sitzen und sich hübsch dick und grün gesogen haben, dann kommen die Ameisen und saugen ihnen den filtrierten Saft aus den Leibern. Und so geht’s weiter, und wir haben’s so weit gebracht, dass oben immer in einem Tage mehr verzehrt wird, als unten in einem beigebracht werden kann.“ Zu solchen Betrachtungen fühlt er sich jetzt umso mehr aufgelegt, als mit dieser Reise auch ein mehrtägiger Aufenthalt erst am gothaschen, später am meiningschen Hof verbunden war. Er genoss hier eine auszeichnende Aufnahme. Stets bemüht, jede Stellung, die ihm das Leben auferlegte, als eine Kunstaufgabe zu behandeln, hatte er auch in den letzten Jahren die Maximen des feinen Umgangs, „des Welthabens“, über die er mit der Freundin wiederholt theoretisiert hatte, mehr und mehr praktisch auszuüben gesucht, und scheint in diesen fürstlichen Verhältnissen die Rolle des eleganten Hofmanns mit anmutiger Leichtigkeit durchgeführt zu haben, so dass er sich in dem Bewusstsein „glücklich fühlte, an jedem Ort in richtigem Verhältnis zu seinem und anderer Vergnügen existieren zu können.“ Doch fügt er für die Freundin bei nächster Gelegenheit hinzu: „Die Seele aber wird immer tiefer in sich selbst zurückgeführt, je mehr man die Menschen nach ihrer und nicht nach seiner Art behandelt; man verhält sich zu ihnen wie der Musikus zum Instrument, und ich könnte es nicht acht Tage treiben, wenn mein Geist nicht in der glückseligen Gemeinschaft mit dem Einigen lebte.“ Daher muss er auch bekennen, recht zu einem Privatmenschen erschaffen zu sein und nicht zu begreifen, wie ihn das Schicksal in eine Staatsverwaltung und eine fürstliche Familie habe einflicken mögen.

   Eine neue Exkursion oder vielmehr diplomatische Mission an die kleinen thüringischen Höfe in der ersten Hälfte des Mais gab ihm aufs neue Gelegenheit, sich mit Geschick in den parquetierten Sälen der Fürstenschlösser zu bewegen. Er meldet darüber am 12. Mai seiner Freundin von Meiningen aus: „Meine Sachen gehen ordentlich und gut; es ist freilich nichts Wichtiges noch Schweres; indessen da ich, wie Du weißt, alles als Übung behandle, so hat auch dies Reiz genug für mich. Ich habe als Gesandter eine förmliche Audienz bei beiden Herzogen gehabt, die Livreen auf dem Saal, der Hof im Vorzimmer, an den Türflügeln zwei Pagen und die gnädigen Herrn im Audienzgemach. Morgen geh’ ich nach Koburg, dieselbe Komödie zu spielen, will in Hildburghausen mich auch an Hof stellen, und gegen Ende der Woche nach Rudolstadt gehen, da ich einmal auf dem Wege bin und hiermit alle thüringischen Höfe absolviere.“ Als einen glücklichen Tag aber bezeichnet er den, wo er mit dem Bergrat Baum zu Friedrichsrode „in den Eingeweiden der Erde herumkroch und sich recht was zu Gute tat.“ Das Wirken dieses tüchtigen Mannes in einem engen, doch sehr mannigfaltigen Kreis dünkte ihm fast beneidenswert. „Er versicherte, es ginge nichts über das Vergnügen ein Bergmann zu sein, und wenn er auch die Gaben hätte und er könnte Minister sein, würde er es ausschlagen, meint er, und ich glaube es gerne – besonders wenn er recht wüsste, was das hieße, Minister sein.“ Diesen Kontrast, die vom Hofzeremoniell umgebene Exzellenz und den nach der Einfachheit der Natur sich sehnenden Dichter, zeichnet ein kleines nach der Koburger Hofkomödie hingeworfenes Scherzgedicht, durch dessen Lächeln der Ernst hindurchblickt:

Man lauft, man drängt, man reißt mich mit!
Was hat das zu bedeuten?
Sechs Pferde mit gemess’nem Schritt
Erblick’ ich schon von weiten.
Ein Dichter, der so manches litt,
Fährt her, begafft von Leuten,
Steigt aus und kommt mit stolzem Tritt,
Begrüßt von allen Seiten.
Doch kommt ein Wurm im Herzen mit
Und lässt ihn vieles leiden.
Er muss bei stolzem Tritt und Schritt
Ein armes Volk beneiden.
O Pegase! O nimm ihn mit
In der Begeist’rung Weiten;
Er gibt gewiss für einen Ritt
Das Sechsgespann mit Freuden.

   Gerade in diesen Tagen beschäftigten sich seien Gedanken mit einem Abschiedsgedicht an seinen Garten, dessen ländliche Stille er in diesem Frühling mit einer städtischen Wohnung vertauschte. Die zunehmenden Geschäfte hatten dies längst nötig gemacht; doch zögerte er so lange als möglich, weil er es sich „ärger als den Tod“ dachte, sich von seinem Garten zu trennen. Er gab endlich den freundlichen Vorstellungen der Herzogin Amalie nach, die ihm zugleich versprochen hatte, „da er so fein artig sei“, ihm einen Teil der Möbel für die neue Wohnung machen zu lassen. Am 1. Juni zog er in diese nach weimarschem Maßstab „geräumige und prächtige“ Wohnung ein. Nicht nur für seine Staatsgeschäfte, sondern auch für seien Kunst- und Naturaliensammlungen war ihm der größere Raum von vielem Nutzen. Daher freute er sich bald dieses neuen Quartiers, in welchem er sich, wie Wieland bemerkt, auf ministerialischen Fuß einzurichten begann; sein Garten ward jetzt die Zuflucht seiner Mußestunden. Es wünschte ihn damals jemand zu kaufen; aber „jede Rose sagte zu mir: Und du willst uns weg geben? In dem Augenblick fühlt’ ich, dass ich diese Wohnung des Friedens nicht entbehren könnte.“

   Bald nach seinem Einzug in die neue Wohnung erhielt er das Diplom, womit Kaiser Joseph II. ihn in den Adelsstand erhob; die Absicht des Herzogs, dies zu erwirken, war ihm schon gegen Ende des vorigen Jahres mitgeteilt worden. Wie wenig Wert er indes auf diese Standeserhöhung legte, sieht man aus der Äußerung an die Freundin, er sei so wunderbar gebaut, dass er sich nichts dabei denken könne. In der weimarschen Gesellschaft machte die Sache nicht viel Aufsehen, weil sie nicht unerwartet kam, und man gleich darauf sich über ein wichtigeres Hofereignis zu verwundern hatte. Der Kammerpräsident von Kalb wurde auf einmal (jedoch „auf’s ehrenvollste“!) entlassen. „Jeden Tag, je tiefer ich in die Sachen eindringe“, äußerte Goethe gegen Knebel, „sehe ich, wie notwendig dieser Schritt war. Als Geschäftsmann hat er sich mittelmäßig, als politischer Mensch schlecht, und als Mensch abscheulich aufgeführt.“ – „Der Schlag“, schreibt Wieland an Merck, „kam ihm so unerwartet, als dem Publico, welches sich noch nicht davon erholen kann. Goethe, heißt es, soll einstweilen die Kammerpräsidentenstelle nur versehen. Man nenne es aber, wie man wolle, so wird er, ohne seine Stelle im Geheimen Konzil aufzugeben, in der Kammer präsidieren“; darauf folgt noch einiges Achselzucken, ob man z.B. dem Homer das Kommando einer Flotte übergeben hätte, woraus wir auf die bedenklichen und neidischen Gesichter der Residenz schließen mögen. Eine Ernennung Goethes zum Kammerpräsidenten hat nicht stattgefunden, obwohl er es tatsächlich in den nächsten Jahren war. Das herzogliche Reskript an die Kammer vom 11. Juni (ein Erlass an den geheimen Rat Goethe ist von gleichem Inhalt) bezeichnet die Anordnung als interimistisch und fährt dann fort:

   „Die Geschäfte Eures Departements gehen vorerst in der zeitherigen Ordnung und in dem hergebrachten gewöhnlichen Gang unter der Leitung des jedes Mal vorsitzenden Geheimen Kammerrats fort. Ihr zusammen expediert die kurrenten und ordinären, durch Etat und andere Vorschriften bestimmten Angelegenheiten, so wie zeither geschehen. So viel hingegen alle etwas beträchlicheren, aus der gewöhnlichen Bahn herausschreitenden, eine Abweichung von dem, was obgedachtermaßen durch Etat und sonst festgesetzt ist, mit sich führenden Vorfallenheiten anbelangt, geht unsere Intention dahin, dass, da wir unseren Geheimen Rat Goethe Gelegenheit, sich mit denen Kammer-Angelegenheiten näher bekannt zu machen und uns in diesem Fach in der Folge nützliche Dienste zu leisten, verschaffen wollen, Ihr über alle dergleichen Vorfallenheiten mit demselben Rücksprache halten, ihm, wenn er, so oft es seine übrigen Dienst-Verrichtungen gestatten, denen Sessionen Eures Collegii beiwohnen will, so wie außer denselbigen, mit allen ihm nötig scheinenden Informationen an Händen gehen, die von ihm verlangten Akten ihm verabfolgen und alle Auskunft geben lassen sollet.“

   Wenn Goethe auch wohl scherzend äußerte, es gehe ihm wie dem Treufreund in seinen Vögeln, ihm werde ein Stück des Reichs nach dem andern auf einem Spaziergang übertragen, so fühlt er doch den ganzen Ernst seines neuen Berufs, dem er alle seine Kräfte „aufopfernd“ zu widmen bereit steht. In einem Brief an Knebel spricht er sich am offensten darüber aus: „Nun hab’ ich von Johanni an zwei volle Jahre aufzuopfern, bis die Fäden nur so gesammelt sind, dass ich mit Ehren bleiben oder abdanken kann. Ich sehe aber auch weder rechts noch links… Dabei bin ich vergnügter, als jemals; denn nun habe ich nicht mehr, wenigstens in diesem Fach, das Gute zu wünschen und halb zu tun, und das Böse zu verabscheuen und ganz zu leiden; was nun geschieht, muss ich mir selbst zuschreiben, und es wirkt nichts dunkel durch den Dritten, sondern hell gleich gerade auf mich. Dass ich bisher so treu und fleißig im Stillen fortgearbeitet habe, hilft mir unendlich. Ich habe nun anschauliche Begriffe fast von allen notwendigen Dingen und kleinen Verhältnissen, und komme so leicht durch. Du kannst denken, dass ich über diese Dinge mit niemanden spreche, und also bitte ich Dich auch keinen Gebrauch, selbst zu meinem Vorteil, zu machen. Die Menschen müssen verschieden über solche Vorfälle urteilen, und man muss tun, was man muss.“

   Die Einsprache, welche der Dichter in ihm gegen diese Amtsbürde erhob, hat er in der Romanze „der Sänger“ („Was hör’ ich draußen vor dem Tor“ etc.) aufs anmutigste eingekleidet: „Die goldne Kette gib mir nicht“ – Sie entstand in diesem oder dem vorhergehenden Jahre nebst andern romanzen- und balladenartigen kleineren Gedichten, die zu den Perlen goethescher Poesie gehören. Teils wurden sie in die ersten Bücher des Wilhelm Meister eingeschaltet, teils zu dem Singspiel „die Fischerin“ verwendet. Anregung und Motive zu diesen Balladen verdankte er mehrfach der Herderschen Sammlung von Volksliedern, die seit ihrem ersten Entstehen seinen Zug zur volksmäßigen Dichtung genährt hatte und von ihm daher mit vielen Beiträgen ausgestattet worden war. Dort findet sich auch das Motiv zum „Erlkönig“; doch nur der Poesie Goethes konnte es gelingen, das gespenstische Bild durch die Schauer der nächtlichen Waldeinsamkeit so ergreifend zu beleben. Die Ballade vom Wassermann so wie die den Schluss des Singspiels bildenden Brautlieder sind, mit Ausnahme des Schlussverses, wörtlich daher entnommen.

   Zu der Ausarbeitung der Fischerin hatte Goethe noch mitten unter den Zerstreuungen der ersten Hälfte des Jahres Zeit und heitern Humor gehabt, so dass am 1. Juli die erste Probe stattfinden konnte; Corona Schröter hatte die Rolle des Dortchen (Goethe spielte nicht mit). Das Stück war zur Vorstellung auf der Naturbühne im Tiefurter Park eingerichtet, wo es mit überraschendem Effekt am 22. Juli zum ersten Mal aufgeführt, und am 18. September schlechter wiederholt wurde. Die Zuschauer, für die ein bedecktes Amphitheater erbaut war, saßen so, dass sie den sich schlängelnden Fluss vor sich hatten. Als nun in der Mitte des Stücks der Vater die Nachbarn herbeiruft, um das verschwundene Dortchen aufzusuchen, „sah man erst Fackeln sich in der Nähe bewegen; auf mehreres Rufen erschienen sie auch in der Ferne; dann loderten auf den ausspringenden Erdzungen flackernde Feuer auf, welche mit ihrem Schein und Widerschein den nächsten Gegenständen die größte Deutlichkeit gaben, indessen die entferntere Gegend rings umher in tiefer Nacht lag. Selten hat man eine schönere Wirkung gesehen; sie dauerte unter mancherlei Abwechselungen bis an das Ende des Stücks, da denn das ganze Tableau noch einmal aufloderte.“ Eine unwillkommene Schlussszene hätte leicht schlimm ablaufen und alle gute Laune verderben können: Die von Neugierigen überlastete Ilmbrücke brach zusammen, und viele stürzten in den Fluss. Da sie aber mit dem Schrecken und dem kalten Bad davon kamen, ohne dass jemand Schaden genommen, so machte dieser Vorfall die Ergötzlichkeit des Schauspiels nur noch vollkommener.

   Dem Dichter schien von dieser Aufführung nichts übrig zu bleiben, als der Verdruss, dass seine liebe Lotte es nicht mit angesehen hatte. Ein Missverständnis, wie sich nachher ergab, drohte gerade um die Zeit der ersten Vorstellung ihn um ihre Liebe zu bringen. Es wird uns solch ein Moment beachtenswert, weil wir in seinen schmerzvollen Herzensergießungen den weich hinschmelzenden Dichter des Tasso wieder finden, und zugleich erkennen, welch ein Schatz ihm eine Liebe sein musste, deren leisteste Störung „ein Erdbeben in den innersten Festen der Tiefe seines Herzens“ erregte. „So tief Deine Liebe drang und mir wohl machte, so tief hat der Schmerz die Wege gefunden und zieht mich in mir selbst zusammen; ich kann nicht weinen und weiß nicht wohin.“ Als nach wenig Tagen der Einlang der Seelen sich hergestellt hatte, schreibt er ihr: „Du bist herzlich gut und leib, aber Du kannst auch nicht zu viel tun; denn nur ein Hauch, nur ein Laut, der nicht stimmend von Dir zu mir herüberkommt, verändert die ganze Atmosphäre um mich.“ Sie ist ihm „die Seele seines Lebens, Treibens und Schreibens“ geworden.

   Auch Wilhelm Meister ward in diesem Jahr rascher gefördert. Nachdem er im Juni das zweite Buch zum Abschluss gebracht hatte, machte ihm die Bearbeitung des dritten viele frohe Stunden, in denen er wieder lebhaft inne wurde, dass er eigentlich zum Schriftsteller geboren sei; denn es gewähre ihm mehr als jemals eine reine Freude, wenn er etwas nach seinen Gedanken gut geschrieben habe. Einige Abschnitte wurden der Freundin in die Feder diktiert. Dem herzoglichen Paar las er das zweite Buch vor, und „es ward gut aufgenommen.“ Ebenso munterte ihn die Herzogin Amalie durch ihre anhängliche Anerkennung auf. Goethe schenkte ihr zu ihrem Geburtstag (24. Oktober) eine Abschrift von allen seinen ungedruckten Schriften. Indem sie Knebel davon berichtet, fügt sie hinzu: „Sollte das einem nicht schmeicheln, lieber Knebel? Ich bin aber auch ganz stolz darüber.“

   Nachdem die Zerstreuungen des Spätsommers vorüber waren, wo Goethe, besonders während er Septemberreise des Herzogs nach Dessau und Dresden ins Lustlager des Kurfürsten von Sachsen, für die Unterhaltung des lange Zeit in Weimar verweilenden Prinzen August von Gotha zu sorgen hatte, folgte für ihn eine glückliche Zeit, wo er wieder „ganz sich selbst leben konnte.“ Er fühlte, dass er mit dem Schluss dieses Jahres an die Grenze einer inhaltsreichen Lebensepoche gelangt sei, und, wie er es in ruhigen Stunden leibte, beschäftigten ihn in dieser gesammelten Stimmung die Rückblicke auf den zurückgelegten Lebensweg. Einigen Einfluss auf diese Betrachtungen des eigenen Lebens hatte ohne Zweifel die Lektüre von Rousseaus Bekenntnissen und Briefen, für welche er ein begeistertes Interesse äußert. „Alle Briefe an mich seit 72“, äußert er unter dem 21. November in einem Brief an Knebel, „und viele Papiere jener Zeiten lagen bei mir in Päcken ziemlich ordentlich gebunden. Ich sondere sie ab und lasse sie heften. Welch ein Anblick! Mir wird’s doch manchmal heiß dabei. Aber ich lasse nicht ab, ich will diese zehn Jahre vor mir liegen sehen, wie ein langes durchwandertes Tal vom Hügel gesehen wird. Meine jetzige Stimmung macht diese Operation erträglich und möglich. Ich seh’ es als einen Wink des Schicksals an. Auf alle Weise macht’s Epoche in mir.“ Damals knüpfte er auch den freundschaftlichen Verkehr mit Friedr. Jacobi durch herzliche Worte wieder an und wälzte dadurch ein drückendes Gefühl vom Herzen. Erfreut, dass Jacobi die dargebotene Hand der Versöhnung ergriff, sandte er ihm (17. November) die Iphigenie: „Dass sich mein Geist mit dem Deinigen unterhalte, wie mir das Stück mitten unter kümmerlichen Zerstreuungen vier Wochen eine stille Unterhaltung mit höheren Wesen war.“ Jacobi antwortete mit jenem jugendlichen Liebesenthusiasmus, wie ihn die Freunde empfanden, als sie, aneinander gelehnt, auf den im Mondschein zitternden Spiegel des Rheins nieder blickten und in der Unendlichkeit des Geistes und der Liebe schwelgten. „Ich habe Dein Paquet, Du Lieber! Und ich hang’ an Deinem Hals. O, ganz anders, wie ehemals, Bruder! Unaussprechlich! Wortlos, bildlos, begrifflos, heißt Dich mein tiefstes Inneres: Bruder! – So viel ich wollte, könnt’ ich weinen, aber ich mag der Tränen nicht los sein, die mir wie Saft und Blut durch alle Nerven und Adern dringen.“ So entbehrte er den auch diese Freundschaft nicht, um die Erinnerung der Jugend ganz und rein genießen zu können. Selbst für seinen jetzigen Ministerialberuf wusste er einen Gesichtspunkt aufzufinden, der diesen mit der Tätigkeit des Jünglings in Parallele stellen ließ, und wenn er Knebel freudig gesteht, dass er sein jugendliches Glück wiederhergestellt finde, so fügt er hinzu: „Wie ich mir in meinem väterlichen Haus nicht einfallen ließ, die Erscheinungen der Geister und die juristische Praxis zu verbinden, ebenso getrennt lass’ ich jetzt den Geheimrat sehr gut bestehen kann“: – was denn doch im Grunde nur die Maxime war, nach der er bewusst oder unbewusst zu allen Zeiten handelte.

   Es ist uns somit kein Rätsel, was ihm gerade damals, wo die Gefühlswelt seiner Jugend wieder in ihm lebendig wurde, seinen Werther in die Hand gab und ihm Lust machte, diese Jugenddichtung in ihrem ursprünglichen Sinn und Geist zu überarbeiten und zu ergänzen. Mit Recht nannte er dies Geschäft ein delikates und gefährliches; auch dürfte kaum behauptet werden, dass der Roman, kleine Verbesserungen des gereifteren Geschmacks abgerechnet, durch die Vervollständigung gewonnen habe1). Die Milderung des Verhältnisses zwischen Albert und Lotte, dessen frühere Schilderung das Kestnersche Ehepaar verletzt hatte, hat der Dichtung etwas von dem leidenschaftlichen Schwung genommen, der ihr so wesentlich ist, und die Einschaltung der Geschichte des Bauerburschen, welcher aus Eifersucht einen andern Knecht erschlägt, bringt ein fremdes Element hinein, das den reinen lyrisch-elegischen Eindruck stört und als Motiv zu Werthers Katastrophe entbehrlich ist. Es erinnert ns diese Erzählung, die dem Dichter vielleicht durch einen wirklichen Vorfall nahe gelegt wurde, an ein ernstes Wort, das er von Ilmenau aus unterm 9. September 1780 in einem Brief an seine Freundin äußerte: „Heute früh haben wir alle Mörder, Diebe und Hehler vorführen lassen und sie alle gefragt und konfrontiert. Ich wollte anfangs nicht mit, denn ich fliehe das Unreine –; es ist ein groß Studium der Menschheit und der Physiognomik, wo man gern die Hand auf den Mund legt und Gott die Ehre gibt, dem allein ist die Kraft und der Verstand etc. in Ewigkeit. Amen.“ Gleich darauf hatte er ein langes Gespräch mit dem Herzog über den Wert und Unwert menschlicher Taten. Hiermit betrat er wieder das Gebiet seines Werther, und da er kurz zuvor seinen Roman zum ersten Mal ganz gelesen und ihn wieder lieb gewonnen hatte, so mochte Werthers Verteidigung des offenkundigen Verbrechens ihm schon damals als eine notwendige Ergänzung zu der einseitigen Auffassung, mit der dieser, als entschiedener Gefühlsmensch, die menschlichen Verhältnisse betrachtet, erscheinen. Aber was uns in jener Erzählung verletzt, ist eben – das Unreine.

   Mit dieser Arbeit am Werther hängt das Fragment von Werthers Reisen, welches, als ‚erste Abteilung der Briefe aus der Schweiz’, erst 1806 den Werken Goethes eingereiht wurde, dem Geist und wahrscheinlich auch der Zeit nach zusammen. Es sollten diese aphoristischen Betrachtungen „das Herankommen Werthers bis zur Epoche, wo seine Leiden geschildert sind, einigermaßen darstellen und den Widerstreit des von seinem jugendlichen Wahn geforderten Naturlebens mit der bürgerlichen Ordnung und gesetzlichen Beschränkung schildern.“ Nach einer mündlichen Äußerung des Dichters wollte er, um objektiv zu werden, die Briefe unter mehrere verteilen. Dass er sie in den einleitenden Worten für Mitteilungen aus Werthers Papieren ausgibt, ist vielleicht eine Hindeutung, dass manche Blätter aus Goethes Jugendperiode, welche ihm die damalige Durchsicht seiner älteren Papiere in die Hand gab, eingeschaltet oder bei der Ausführung benutzt sein mögen. Auf die Dauer vermochte ein solcher Plan ihn nicht zu fesseln, und es ist wohl kein Gewicht auf seine Äußerung zu legen, er habe die beabsichtigte Fortsetzung unterlassen, weil die Schweizer sehr unwillig darüber geworden seien; denn außer dem zweiten der Fragmente ist von der Schweiz kaum die Rede, und ebenso wenig war die Fortsetzung dieser Romanbriefe ihrer bezeichneten Tendenz nach von der Lokalität und den Zuständen der Schweiz abhängig.

   Die naturwissenschaftlichen Studien hatten nebenher ihren ununterbrochenen Fortgang. Er spricht seine Freude aus, dass er seine Osteologie an den Fingern herzuzählen und bei jedem Tierskelett die Teile nach den Namen, welche man den menschlichen beilegt, sogleich zu finden und zu vergleichen wisse; er berichtet in einem andern Brief, die Kosmogonie und die neuesten Entdeckungen darüber, die Mineralogie und neuestens der Beruf, sich der Ökonomie zu nähern, die ganze Naturgeschichte umgebe ihn wie Bacons großes Salomonisches Haus. Aus einer Äußerung an die Freundin unterm 10. Oktober, dass er sich nur mit Mühe vom Aristoteles losgerissen habe, um zu Pachtsachen und Triftangelegenheiten überzugehen, dürfen wir schließen, dass er sich damals angelegentlich mit der Naturgeschichte des großen griechischen Naturforschers beschäftigt habe. Für seine geognostischen Zwecke ließ er die Charpentiersche mineralogische Karte erweitern, so dass sie vom Harz bis an den Fichtelberg, von dem Riesengebirge bis an die Rhön reichte, und machte den Versuch, darauf nach Charpentiers Vorgang die Gebirgsarten mit symbolischen Zeichen einzutragen, um sich dadurch eine klare Übersicht des Ganzen zu verschaffen. Da er sich stets durch das Bemühen, andern seine wissenschaftlichen Resultate zu verdeutlichen, in Einsicht und Zusammenhang gefördert fand, so übte er bei der Freundin sein didaktisches Talent, und manche der Abendstunden, die er ihr nach vollendeten Geschäften des Tages zu widmen pflegte, ward mit geologischen Erörterungen ausgefüllt.

   Gegen Weihnachten machte er mit dem Herzog, den er im September, obgleich „sehr freundlich eingeladen“, wahrscheinlich um nicht mit dem großen Hofgefolge zu ziehen, zu begleiten abgelehnt hatte, eine Reise nach Leipzig. Er verweilte dort noch einige Tage länger als der Herzog und kehrte am 2. oder 3. Januar nach Weimar zurück. „Seit 69 [1768], da ich von hier wegging“, heißt es in einem Brief an Charlotte von Stein vom 27. Dezember, „bin ich nie über ein Paar Tage hier gewesen; auch habe ich nur meine alten Bekannten besucht, und Leipzig war mir immer so eng, wie jene ersten Jahre. Diesmal mache ich mich mit der Stadt auf eine neue Weise bekannt, und es ist mir eine neue, kleine Welt.“ Einige Tage später lässt er sich noch weiter darüber aus: „Ich wünschte mich ein Vierteljahr hier aufhalten zu können; denn es steckt unglaublich viel hier beisammen. Die Leipziger sind als eine kleine moralische Republik anzusehen. Jeder steht für sich, hat einige Freunde und geht in seinem Wesen fort; kein Oberer gibt einen allgemeinen Ton an, und jeder produziert sein kleines Original, er sei nun verständig, gelehrt, albern oder abgeschmackt, tätig, gutherzig, trocken oder eigensinnig, und was der Qualitäten mehr sein mögen. Reichtum, Wissenschaft, Talente, Besitztümer aller Art geben dem Ort eine Fülle, die ein Fremder, wenn er es versteht, sehr gut genießen und nutzen kann.“ Er rühmt, dass man ihm mit großer Achtung begegne, wogegen auch er freundlich, aufmerksam, gesprächig und zuvorkommend gegen jedermann sei. Er nahm Teil an einem glänzenden Ball, war im Konzert, „sah und hörte viel“, besonders suchte er sich den Genuss der in Privatbesitz befindlichen Kunstsachen zu verschaffen, wobei ihm sein alter Oeser wieder getreulich an die Hand ging. Es gemahnt uns wie ein Blatt aus den ersten Jugendjahren, wenn er an die Freundin schreibt: „Wie süß ist es, mit einem richtigen, verständigen, klugen Menschen umgehen, der weiß, wie es auf der Welt aussieht, und was er will, und der, um dieses Leben anmutig zu genießen, keinen superlunarischen Aufschwung nötig hat, sondern in dem reinen Kreis sittlicher und sinnlicher Reize lebt. Denke Dir hinzu, dass der Mann ein Künstler ist, hervorbringen, nachahmen und die Werke andrer doppelt und dreifach genießen kann, so wirst Du wohl nicht einen glücklicheren denken können. So ist Oeser, und was müsste ich Dir nicht sagen, wenn ich sagen wollte, was er ist. Wir haben ein Portefeuille aus Winklers Kabinett zusammen durchgesehen. Bei jedem Blatt hab’ ich Dich herbeigewünscht, immer eins köstlicher, als das andere.“ Blickt er dann zurück auf die Zeit vor 15 Jahren, so muss er ausrufen: „Was sich der Mensch kümmerlich durch Stufen hinaufarbeiten muss!“ So knüpfte er auch bei diesem Aufenthalt an der Stätte glücklicher Jugendtage den Abschluss einer reichen Lebensepoche mit dem Anfang zusammen.

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1) Über die Veränderungen der neuen Ausgabe s. Düntzer in den Studien etc. S. 176 ff. ­

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