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Homepage Literatur Johann Wolfgang von Goethe Biografien Schaefer - Goethes Leben Inhalt Erster Band Vorrede Kindheit und Jugend 1749 - 1765 1765 - 1768 1768 - 1771 1771 - 1773 1744 1775 Weimarsche Lehrjahre 1776 1777, 1778 1779 1780, 1781 1782 1783 - 1786 Zweiter Band Widmung Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche 1786 - 1788 1788 - 1791 1792, 1793 1794 - 1796 1797 - 1799 1799 - 1805 Goethe im Alter 1806 - 1813 1813 - 1819 1820 - 1825 1826 - 1832 Beilagen I. Charlotte von Stein II. Rede weißer Falkenordens III. Vermächtnis j. Nachwelt Schlusswort |
4. Kapitel: 1780. 1781„Das Tagewerk, das mir aufgetragen ist, das mir täglich leichter und schwerer wird, erfordert wachend und träumend meine Gegenwart. Diese Pflicht wird mir täglich teurer, und darin wünscht’ ich’s den größten Menschen gleich zu tun und in nichts Größerem. Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles andere und lässt kaum augenblickliches Vergessen zu. Ich darf mich nicht säumen; ich bin schon weit in Jahren vor, und vielleicht bricht mich das Schicksal in der Mitte, und der babylonische Turm bleibt stumpf unvollendet. Wenigstens soll man sagen, es war kühn entworfen, und, wenn ich lebe, sollen, will’s Gott, die Kräfte bis hinauf reichen.“ Diese aus frischer Lebensfreudigkeit, aus dem Frohgefühl einer zum höchsten hinan strebenden Tätigkeit hervorquellenden Worte, die er im Sommer des Jahres 1780 an Lavater aussprach, stehen als eine erhebende Inschrift über dem Eingang zu den beiden folgenden Lebensjahren unsers Dichters, zu denen das Jahr der Iphigenie und der Schweizerreise die Vorhalle und Weihe war. Aus der Mannigfaltigkeit einer nach allen Seiten tastenden unermüdlichen Tätigkeit entwickelte sich kein Geist zu immer größerer Klarheit und Sicherheit; mit innigem Behagen erfüllt ihn das Bewusstsein der Planmäßigkeit und Umsicht in Geschäften, das Gefühl der Selbstbeherrschung und sittlichen Stärke, und, auf dem sichern Mittelpunkt seiner Individualität ruhend, breitet er sich mit einer wundersamen Elastizität des Geistes in den Gebieten des Wissens aus. Sorge und Missmut über die lästigen Forderungen des Tages zeihen nur hin und wieder gleich leichten Wölkchen an dem reinen Äther der Seele vorüber; die Liebe und die Poesie steigen jetzt in voller Reinheit als Morgen- und Abendstern des Daseins vor dem geweihten Auge des Dichters empor. Seine Amtsgeschäfte bleiben die bisherigen; aber sie greifen minder störend in den Gang seines Inneren ein, wenn er auch mitunter über die „leidige“ Kriegskommission klagt (einen lästigen, hemmenden Kollegen ward er jetzt zu seiner Freude los), und in seinem Tagebuch bemerkt, dass er sich’s recht sauer werden lasse; doch meint er, viel saurer würde es ihm noch werden, wenn er sich als einen Leibeigenen und Tagelöhner um der Bedürfnisse willen ansehen müsse. „Glauben Sie mir“, schreibt er der Mutter, „dass ein großer Teil des guten Muts, womit ich trage und wirke, aus dem Gedanken quillt, dass alle diese Aufopferungen freiwillig sind, und dass ich nur dürfte Postpferde anspannen lassen, um das Notdürftige und Angenehme des Lebens mit einer unbedingten Ruhe bei Ihnen wieder zu finden.“ In dieser Geschäftstätigkeit begegnen wir wiederholt dem mit den Jahren mehr und mehr zunehmenden Sinn für Ordnung und Genauigkeit. In der Kriegskommissions-Repositur will er es „So sauber schaffen, als wenn’s die Tauben gelesen hätten.“ Dies erstreckt sich auch auf seine Privatangelegenheiten; er merkt in seinem Tagebuch manchen aufräumenden und ordnenden Tag an und schreibt an Lavater: „Halte künftig meine Briefe hübsch in Ordnung und lass sie lieber heften, wie ich es mit den Deinigen auch tun werde; denn die Zeit vergeht, und das Wenige, was uns übrig bleibt, wollen wir durch Ordnung, Bestimmtheit und Gewissheit in sich selbst vermehren.“ In allem zeigt sich ein konsequentes Bemühen, mäßiger und haushälterischer zu sein und besonders die Zeit, den kostbaren Schatz, zu sparen. Dennoch finden wir ihn nicht in jener Abgeschlossenheit und Zurückgezogenheit, in die er sich früher periodisch aus dem Treiben der Welt rettete, so dass er den Freunden launisch und kalt erscheinen konnte. Sein Herz öffnet sich mehr der Freundschaft; nicht bloß der bewährten Freundin teilt er das Geheimste seiner Seele mit, auch die Freunde zog er durch die Milde, die jetzt sein Gemüt durchwehte, enger an sich. Wieland berichtet, er sei so sanft und gutmütig gegen alle Leute, dass er von dieser Seite nicht mehr zu kennen sei. Mit Knebel verkehrte er inniger, denn je. Herder, er sich bis dahin nur kalt und hofmeisterlich gegen ihn verhalten hatte, so dass Goethe gegen Lavater (August 1780) klagt, er mache sich und andern das Leben sauer, näherte sich ihm, und es schloss sich seit 1781 wieder ein engeres Freundschaftsband. Wahrscheinlich ist er gemeint, wenn Goethe in den Schlussworten seines Tagebuchs von 1781 seine Freude äußert, die dicke Haut mehrerer Personen durchbrochen zu haben. In diesem erneuten Streben nach freundschaftlichen Verbindungen erwachte auch das Verlangen, Lessing aufzusuchen; schon war der Plan zu einer Reise nach Wolfenbüttel gefasst, als er die Nachricht von dem Tod des großen Mannes erhielt, dessen Wert er mit immer gleicher Verehrung anerkannt hat. Freunde früherer Jahre besuchten ihn in Weimar, unter ihnen Behrisch und Gotter. Mit Merck traf er im Herbst 1780 auf einen Tag zusammen, meinte jedoch, die Zusammenkunft habe ihm zugleich geschadet und genützt, was sich nun einmal in dieser Welt nicht trennen lasse. Besonders erfreute ihn das längere Zusammensein mit seinem Jugendfreund, dem Musiker Kayser, mit dem er viele Gespräche über Musik hatte. Goethe bemühte sich, für die Fortbildung seines Freundes zu sorgen. Kayser wurde nach Wien geschickt, um sein Talent unter Glucks Leitung auszubilden. Karl August und Goethe versahen ihn mit dem nötigen Geld. „Glaub’ mir“, schreibt er damals an seine Freundin, „ich fühle mich ganz anders; meine alte Wohltätigkeit kehrt zurück, und mit ihr die Freude meines Lebens. Du hast mir den Genuss im Gutes tun gegeben, den ich ganz verloren hatte. Ich tat’s aus Instinkt, und es ward mir nicht wohl dabei.“ In der Äußerung, dass auf diesem beweglichen Erdball nur in der wahren Liebe, der Wohltätigkeit und den Wissenschaften die einzige Freude und Ruhe sei, spricht sich der sittliche Friede seines Innern in einfach schönen Worten aus. Mit diesem frohen Selbstgefühl floss auch die Freude über die Entwicklung seines jungen, fürstlichen Freundes zusammen, der ihm täglich zu wachsen und „von den Fesseln, an denen ihn die Geister führten“, sich mehr und mehr frei zu machen schien. In vertraulicher Mitteilung unterdrückt er auch nicht ganz den Unwillen, wenn er ihn zwischen großen und törichten Unternehmungen hin und her schwanken sieht und beklagt dabei, dass ein Fürst, der etwas angreifen wolle, nie in die Gelegenheit komme, die Dinge im Alltagsgang von unten auf zu sehen. Aber wiederholt hat er denn auch Anlass, den „guten, braven“ Sinn des Herzogs in mancher „sinnigen Unterredung“ anzuerkennen. Ihr Verkehr bestand in alter Innigkeit fort. Noch waren sie zusammen auf häufigen Ausflügen nach den thüringischen Städten, nach Leipzig und Dessau. Doch versucht Goethe schon, sich nach und nach von den Exkursionen des allzu beweglichen Fürsten zurückzuziehen, da der Gewinn an Lebenserfahrung und Naturgenuss nicht mehr den Verlust der Zeit aufwog, zumal da Goethe außerdem durch sein Amt zu wiederholten Streifzügen durch das wimarsche Land genötigt ward. Wenn wir uns erinnern, wie viel Wert Goethe darauf legte, in des Herzogs Seele die in der Schweiz erhaltenen, sittlichen Eindrücke und männlichen Entschlüsse lebendig zu erhalten, so werden wir nicht verkennen, dass der bald nach der Rückkehr mit Eifer ergriffene Plan, das Leben des Herzogs Bernhard von Weimar, des ruhmvollen Vorfahren seines Fürsten, zu beschreiben, in enger Beziehung zu jener Absicht steht. Goethe erkannte, dass in dem Charakter „dieses als Helden und Herrschers sehr merkwürdigen Mannes, der in seiner kurzen Laufbahn ein Liebling des Schicksals und der Menschen gewesen sei, manche Züge sich fänden, die in dem Fürsten, dem er nahe stand, wiederkehrten. Ihn wollte er daher als lebendiges Zeugnis des Ruhm gekrönten, kühnen Strebens hinstellen, ein anziehendes Charakterbild des in verworrener Zeit mutvoll handelnden Mannes. Man möchte fragen, warum nicht der Dichter des Götz und Egmont die dramatische Kunstform der historischen Erzählung vorzog. Allein die Mühe, die ihn noch immer von den historischen Szenen des Egmont zurückschreckte, mochte ihm ein ähnliches Unternehmen bedenklich erscheinen lassen, zumal die Rücksichten auf den Hof seine dichterische Freiheit beengt haben würden. Er entschloss sich daher zu einer historischen Darstellung und war im Frühjahr 1780 mit dem Sammeln des Materials eifrigst beschäftigt. Der Herzog interessierte sich sehr für das Werk. Er erwirkte für Goethe die Benutzung des gothaschen Archivs und versuchte auch, obwohl vergeblich, bei einem gewissen Albrecht Friedrich von Erlach, Baron von Spiez, die Herzog Bernhard betreffenden Papiere aus dem Erlachschen Familienarchiv zu Spiez bei Bern mitgeteilt zu erhalten. „Zur Geschichte Herzog Bernhards“, schreibt Goethe am 7. April an Merck, „habe ich viele Dokumente und Collectaneen zusammengebracht [der in Ilmenau sich aufhaltende Kraft war ihm beim Exzerpieren besonders behilflich], kann sie schon ziemlich erzählen, und will, wenn ich erst den Scheiterhaufen gedruckter und ungedruckter Nachrichten, Urkunden und Anekdoten recht zierlich zusammengelegt, ausgeschmückt und eine Menge schönes Rauchwerks und Wohlgeruchs darauf herumgestreut habe, ihn einmal bei schöner trockener Nachtzeit anzünden und auch dieses Kunst- und Luftfeuer zum Vergnügen des Publici brennen lassen.“ An Lavater berichtet er noch im Juni, dass er die Zeit erwarte, wo es ihm vielleicht glücken werde, ein Feuerwerk daraus zu machen. Wir kennen bereits Goethes Eigentümlichkeit – er selbst bezeichnet sie als eine seiner Unarten – ein Projekt rasch zu ergreifen und dann bei vermindertem Interesse liegen zu lassen. Durch andere Pläne von größerem poetischen Reiz ward nach und nach die historische Arbeit in den Hintergrund geschoben. Er sah bei fortgesetztem Studium ein, dass das Leben Bernhards sich nicht als ein einzelnes biographisches Gemälde absondern lasse, sondern sich auf dem weiten Tummelplatz des dreißigjährigen Krieges ausbreite und zu einer Darstellung der gleichzeitigen, politischen Verhältnisse und einer Geschichte des Krieges erweitere. Die Ereignisse des jugendlichen Helden „machten kein Bild“, und wo dieser Kunstform nicht Genüge geleistet ward, ließ sich unser Dichter nicht fesseln. Auch Schiller brachte seinen Vorsatz, Bernhard zum Helden einer Tragödie zu machen, wohl aus gleichen Gründen nicht zur Ausführung. Überdies war zu einer umfassenden, historischen Arbeit über jene verworrene Epoche der deutschen Geschichte ein folgerechtes, gründliches Geschichtsstudium erforderlich, wozu es Goethe damals an Zeit und Lust gebrach, weshalb er zu dem Ausweg sich entschlossen hatte, nur einen ersten Band zu schreiben und auf die Darstellung der welthistorischen Begebenheiten in Bernhards letzter Lebensperiode zu verzichten. Auch dies unterblieb1). Übrigens waren diese historischen Studien für in nicht ohne Gewinn; sie schlossen sich an die Vorstudien zum Götz und Egmont, die ihm die tiefere Einsicht in die Bewegungen des sechzehnten Jahrhunderts verschafft hatten, in richtiger Folge an und führten ihn zu einer gründlicheren Kenntnis des siebzehnten Jahrhunderts. Häufiger als früherhin finden wir unter den Werken, deren Lektüre ihn beschäftigte, auch Geschichtswerke verzeichnet. Mittelbar kam diese Anregung des historischen Sinnes dem Egmont zugute, zu dem er im Jahre 1781 zurückkehrte. Goethe wissenschaftliche Studien wandten sich nach der Schweizerreise mit immer größerer Entschiedenheit den Naturwissenschaften zu. In dem einige Jahre früher niedergeschriebenen aphoristischen Aufsatz „Die Natur“ spricht sich noch jene pantheistische Mystik der Naturbetrachtung aus, deren ahnungsvolle Antithesen seine Dichtung so schön kleiden: „Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend aus ihr herauszutreten und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen – sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht – sie baut immer und zerstört immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich – jedes ihrer Werke hat ein eigenes Wesen, jede ihrer Erscheinungen den isoliertesten Begriff, und doch macht alles eins aus – man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt; man wirkt mit ihr, auch wenn man gegen sie wirken will – sie hat keine Sprache noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen, durch die sie fühlt und spricht; ihre Krone ist die Liebe, nur durch sie kommt man ihr nahe – durch ein Paar Züge aus dem Becher der Liebe hält sie für ein Leben voll Mühe schadlos – sie hat mich hereingestellt, sie wird mich auch herausführen, ich vertraue mich ihr, sie mag mit mir schalten, sie wird ihr Werk nicht hassen.“ In Bezug zu diesen Aphorismen bezeichnete Goethe die Stufe der Einsicht, zu der sich damals sein Geist ausgebildet hatte, als „einen Komparativ, der seine Richtung gegen einen noch nicht erreichten Superlativ zu äußern gedrängt sei“, und blickt „nicht ohne Lächeln“ auf jene Vorstufe zurück. Dieser gehört auch der Entwurf zu einem Roman ‚Über das Weltall’ an, den er 1781 durchdachte. Die Idee zu demselben ward wahrscheinlich durch Buffons „Epochen der Natur“ angeregt, ein Werk, das der Goetheschen Naturanschauung höchst förderlich entgegenkam, indem es die Natur in ihrer Mannigfaltigkeit als ein zusammengehörendes, in wechselseitigen Beziehungen sich begegnendes Ganzes auffasste. „Ich akquiesziere dabei“, schreibt er am 7. April 1780 an Merck, „und leide nicht, dass jemand sagt, es sei eine Hypothese oder ein Roman [eine Äußerung Georg Forsters]. Es ist leichter das zu sagen, als es ihm in die Zähne zu beweisen. Es soll mir keiner etwas gegen ihn sagen, als der ein größeres und zusammenhängenderes Ganze machen kann. Wenigstens scheint mir das Buch weniger Hypothese, als das erste Kapitel Mosis zu sein.“ Wiederholt begegnen wir seinen Bemühungen, sich des Details der Naturerscheinungen durch Sammlungen, Versuche und Lektüre zu bemächtigen. Reisebeschreibungen widmete er ein fleißiges Studium; besonders gewährte ihm Saussures Beschreibung der Alpenreise hohen Genuss und reiche Belehrung. Seit mehreren Jahren war durch das Interesse für den Bergbau die Erforschung der Gebirgsbildung ihm nahe gelegt. Er ergab sich jetzt, wie er gegen Merck äußert, den mineralogischen Forschungen „mit einer völligen Leidenschaft“ und hatte große Freude daran. Besonders benutzte er dazu den Aufenthalt in Ilmenau und die Streifzüge durch das Thüringerland. „Wir sind“, schreibt er am 7. September 1780 von dort, „Auf die hohen Gipfel gestiegen und in die Tiefen der Erde eingekrochen, und möchten gar zu gern der großen formenden Hand nächste Spuren entdecken. Es kommt gewiss noch ein Mensch, der darüber klar sieht. Wir wollen ihm vorarbeiten. Wir haben recht schöne, große Sachen entdeckt, die der Seele einen Schwung geben und sie in der Wahrheit ausweiten.“ Einen jungen Mann, der auf der Freiberger Bergakademie gute Studien gemacht hatte, ließ er die thüringischen und die benachbarten Gebirge durchreisen, um seine mineralogischen Sammlungen zu vervollständigen, und brachte dadurch „die meisten Stein- und Gebirgsarten aus allen diesen Gegenden beisammen.“ – „Durch dieses alles zusammen“, fährt er in dem Brief an Merck (Oktober 1780) fort, „und durch die Krämereien einiger Vorgänger bin ich imstande, einen kleinen Aufsatz zu liefern, der gewiss interessant sein soll. Ich habe jetzt die allgemeinsten Ideen und gewiss einen reinen Begriff, wie alles aufeinander steht und liegt, ohne Prätension, auszuführen, wie es aufeinander gekommen ist. Da ich einmal nichts aus Büchern lernen kann, so fang’ ich erst jetzt an, nachdem ich die meilenlangen Blätter unserer Gegenden umgeschlagne haben, auch die Erfahrungen anderer zu studieren und zu nutzen… Ich bin überzeugt, dass bei so viel Versuchen und Hilfsmittel ein einziger großer Mensch, der mit den Füßen oder dem Geist die Welt umlaufen könnte, diesen seltsamen zusammengebauten Ball ein für allemal erkennen und uns beschreiben könnte.“ Dies Studium ward ein neuer geistiger Berührungspunkt zwischen Goethe und Merck, welcher sich durch seine mineralogischen Forschungen die Anerkennung der Meister der Wissenschaft erwarb. Mit gleichem Eifer warf er sich im folgenden Jahr auf das Studium der Anatomie und Osteologie, das ihn schon in seinen Jugendjahren lebhaft angezogen hatte. Die Übungen im Zeichnen und die Physiognomik führten ihn häufig dahin zurück. Was in Lavaters physiognomischen Fragmenten von Tierschädeln vorkommt, ist von Goethes Hand. Jetzt begann er unter Anleitung des Professors Loder zu Jena ein genaues wissenschaftliches Studium, weshalb er sich im Oktober 1781 einige Zeit dort aufhielt, und suchte durch mündlichen Vortrag seinen Kenntnissen mehr Zusammenhang und Klarheit zu geben. Er schreib darüber im November an Merck und an Lavater: „Diesen Winter habe ich mir vorgenommen, mit den Lehrern und Schülern unserer Zeichen-Akademie den Knochenbau des menschlichen Körpers durchzugehen, sowohl um ihnen als mir zu nutzen, sie auf das Merkwürdige dieser einzigen Gestalt zu führen und sie dadurch auf die erste Stufe zu stellen, das Bedeutende in der Nachahmung sinnlicher Dinge zu erkennen zu suchen. Zugleich behandle ich die Knochen als einen Text, woran sich alles Leben und alles Menschliche anhängen lässt. Habe dabei den Vorteil, zweimal die Woche öffentlich zu reden und mich über Dinge, die mir wert sind, mit aufmerksamen Menschen zu unterhalten, ein Vergnügen, welchem man in unserm Welt-, Geschäfts- und Hofleben gänzlich entsagen muss. Diejenigen Teile, die abgehandelt werden, zeichnet alsdann ein jeder und macht sie sich zu eigen. Durch diesen Weg denke ich selbst in der Zeichnung, Richtigkeit und Bedeutsamkeit der Formen zuzunehmen.“ Die Zeichenschule, die er hier erwähnt, bestand seit kurzem unter der Leitung des Malers Kraus und pflegte seit 1779 den Geburtstag des Herzogs durch eine öffentliche Ausstellung ihrer Zeichnungen zu feiern. Goethe widmete diesem, durch ihn hervorgerufenen Institut seine tätige Teilnahme. Seine eigenen Übungen im Zeichnen wurden auch in diesen Jahren fortgesetzt. Von Landschaften ging er mehr zum Kopieren ausgezeichneter Kupferstiche über, in denen er die menschliche Gestalt studieren konnte; daher übte er sich auch im Zeichnen nach dem Nackten, wovon der Schluss der Wertherschen Schweizerbriefe uns in ausführlicher Schilderung Bericht erstattet. Er machte auch Versuche im Porzellanmalen, um der Freundin eine Freude zu machen. Die durch Merck angeregte Liebhaberei des Herzogs, wertvolle Handzeichnungen und Kupferstiche zu sammeln, verschaffte auch Goethe eine gründlichere Einsicht in die Geschichte der Kunst und die Richtungen der einzelnen Malerschulen, und er fing selbst an, für sich zu sammeln. Außer den Niederländern fand jetzt auch die deutsche und italienische Schule gebührende Beachtung. Vor Albrecht Dürer gesteht er alle Tage mehr Respekt zu bekommen. Nach Rafael ward kopiert. „Ach Gott“, ruft er beim Anblick der schönen Caracche aus, „dass man so lange leben muss, eh’ man so was sieht und sehen lernt!“ Besonders bemühte er sich, solche Blätter zu erhalten, wo „die erste unmittelbarste Äußerung des Künstlergeistes“ ausgedrückt war. Damals wurde auch die später so innige Freundschaft mit dem Maler Tischbein angeknüpft, der, von Rom zurückkehrend, durch Lavater dem Herzog und Goethe empfohlen war. Es glückte Goethes Verwendung beim Herzog von Gotha, ihm ein Reisestipendium zu erwirken. Fügen wir noch hinzu, dass er manche Stunde mit dem Bildhauer Klauer zusammen war, der damals unter andern auch des Dichters Büste verfertigte, dass er sich mit Kayser über musikalische Arbeiten besprach, und man sich um diese Zeit in Weimar mit der Aufführung größerer Musikwerke, z.B. des Händelschen Messias, beschäftigte, so zeigt sich uns ein Streben, wie die Natur, auch das ganze Gebiet der Kunst zu durchwandern und durch eigene Anschauung kennen zu lernen. Auch die dramatische Kunst ward noch wie vordem in Ehren gehalten. Ein neues Theater war eingerichtet worden, und Goethe wirkte bei Theaterproben und Aufführungen eben so eifrig mit, wie bei Feuerspritzenproben und Feuersbrünsten, die mehr denn je im Sommer 1780 seine Sorge in Anspruch nahmen. Im Anfang des Frühlings wurde Iphigenie einstudiert. In Seckendorfs Kallisto spielte Goethe „eine schlechte Rolle mit großem Fleiß.“ Auch Jery und Bätely (nach Seckendorfs Komposition) schloss sich an. „Ist Kallisto ein schlechtes Stück“, so äußert er sich nach diesen Aufführungen, „und Bätely schlecht komponiert, es unterhält mich doch. Das Theatralische ist noch eins von den wenigen Dingen, an denen ich noch Kinder- und Künstlerfreude habe.“ Die Wahrheit dieser Bemerkung beweisen die in jenen Jahren gearbeiteten ersten Bücher des Wilhelm Meister. Während des Sommers 1780 war wieder „Lust und Leben“ in Ettersburg. „Das dramatische Wesen“, schreibt Herzogin Amalie an Merck, „hat seinen glücklichen Fortgang, und Freund Wolf tut treulich das Seinige dazu.“ Auch „der alte Oeser“ kam im Juni wieder an und brachte nicht nur wieder herrliche Kunstsachen mit, sondern nahm sich auch der Dekorationsmalerei an. Goethe, welcher schon im März sich mit dem Entwurf zum Torquato Tasso trug, sah sich dadurch veranlasst, nochmals die humoristische Dichtung früherer Zeit wieder zu erwecken. Da ihn das durch die Iphigenie veranlasste Studium des Euripides mehr mit dem griechischen Drama vertraut gemacht hatte, so erheiterte er sich damals manche Stunde mit der Lektüre der Komödien des Aristophanes und wählte sich eine derselben, ‚die Vögel’, zu einer freien Bearbeitung aus. Diese ward mitten unter vielfachen Geschäften in der frohen Lauen einiger Sonntagsstunden zustande gebracht. Er wollte, um den Stoff kurz zusammenzudrängen, nur „den Rahm abschöpfen.“ Der Epilog ließ eine Fortsetzung hoffen, die indes unterblieben ist. Nur die Hauptmotive sind dem griechischen Komödiendichter, „dem ungezogenen Liebling der Grazien“, entlehnt; im Übrigen lässt der Dichter seine Lauen frei walten und würzt sein Lustspiel mit Beziehungen auf moderne Verhältnisse. Zwei Literaten, die mit ihrer Existenz unzufrieden sind, weil sie in ihrer Heimat immer weniger haben, als sie brauchen, und für ihre Mühe, im Wirtshaus zu sitzen, nicht einmal bezahlt werden, suchen den Schuhu auf, den großen Kritikus, der mit allem unzufrieden ist, mit allen Malkontenten in Korrespondenz steht, und dem man deshalb große Kenntnis zuschreibt. Durch diesen hoffen sie zu der Stadt ihrer Hoffnungen gewiesen zu werden, wo sie alle Tage an eine wohl besetzte Tafel geladen werden, wo vornehme Leute bereit sind, die Vorteile ihres Standes mit ihnen zu teilen, wo die reichen Leute Zinsen geben, damit man ihnen nur das Geld abnimmt und verwahrt, und wo ein Mann, der ein gutes Buch geschrieben hat, gleich auf Zeitlebens in allem freigehalten wird. Von dem Schuhu abgewiesen, geraten sie unter die Krallen der Vögel, welche sie dadurch zu gewinnen wissen, dass sie ihnen vorschwatzen, die Vögel seien das erste, urälteste Geschlecht, vom Schicksal bestimmt, Herren des Himmels und der Erde zu sein, und das Reich der Lüfte sei das größte und unüberwindlichste, das über alle Reiche herrschen werde, wenn sie es mit vereinten Kräften einzurichten und ihre Macht zu gebrauchen lernen. Die politisch-soziale Tendenz dieses Lustspiels, worin manche Ideen der späteren Revolutionszeiten anklingen, hat ihre Grundzüge schon in der Dichtung des Aristophanes. Die Aufführung zu Ettersburg (18. August), bei der Goethe den Treufreund spielte, machte, wie Wieland an Merck berichtet, „einen gar possierlichen Effekt.“ – „Außer der mächtigen Freude“, fährt er fort, „die der Herzog und die Herzogin Mutter an diesem aristophanischen Schwank gehabt hat, ist’s auch für Goethes Freunde tröstlich zu sehen, dass er mitten unter den unzähligen Plackereien seiner Ministerschaft noch so viel gute Laune im Satz hat.“ Diese poetische Lauen verließ ihn auch nicht, wenn er sich im Winter durch die Hofvergnügungen, genötigt sah, „im Dienste der Eitelkeit die Feste der Torheit zu schmücken und mit Maskenzügen und glänzenden Erfindungen oft eigene und fremde Not zu übertäuben.“ Er schließt diese Klage an Lavater mit der Bemerkung, dass es noch gehe, da er diese Sachen als Künstler traktiere; er hätte hinzufügen können, dass die anmutige Gegenwart der geliebten Freundin ihm bei diesen Hoffesten manche frohe Stunde bereitete. Sie war ihm zur Seite in der Maske der „Nacht“ in dem ‚Aufzug des Winters’, welcher unter den Maskenzügen in Goethes Gedichten abgedruckt ist, Er erwähnt in den einleitenden Zeilen, dass die meisten Programme, sowie die zu den Aufzügen bestimmten und dieselben gewissermaßen erklärenden Gedichte verloren gegangen seien. Auch der ‚Zug der Lappländer’ wird in diesen Winter gesetzt, obwohl er nicht, wie angegeben, zum Geburtsfest der Herzogin stattfinden konnte, wo Iphigenie aufgeführt wurde. Durch eine Maskengesellschaft wurde auch bei einem der Hoffeste das Geeicht ‚Epiphanias’, die Sendung der „drei Könige aus fernem Morgenland“, dramatisch dargestellt. Eine größere humoristische Dichtung, das ‚Neueste von Plundersweilern’, war bestimmt, die Herzogin Mutter zum Weihnachtsfest 1780 zu erheitern. Da sie den Personen ihres nächsten Kreises eine Weihnachtsfreude zu machen pflegte, so überraschte man auch sie diesmal mit einer Gabe, einem von Kraus nach Goethes Erfindung und Entwurf ausgeführtem Gemälde, das die deutsche Literatur der nächstvergangenen Jahre, in satirischen Bildern darstellte. Nachdem es enthüllt war, trat Goethe in der Rolle des Marktschreiers von Plundersweilern herein und rezitierte das erklärende Gedicht, während die ihn begleitende „lustige Person“ die einzelnen Gegenstände nach der Reihe mit der Pritsche bezeichnete. Das Jahrzehnt der Sturm- und Drangperiode wird in einzelnen Gruppen aufs ergötzlichste porträtiert. Einige Anwesende fühlten sich empfindlich getroffen; allein auch Goethe hatte seine Jugendwerke nicht geschont. Über den Wert der jüngsten, deutschen Literaturepoche wurde um diese Zeit viel hin und her gestritten. Das wegwerfende Urteil, welches Friedrich II. in seiner Schrift ‚de la littérature allemande’ über die vaterländische Literatur ausgesprochen hatte, erregte durch die Persönlichkeit ihres Verfassers großes Aufsehen, obwohl sie nur dazu dienen konnte, den Standpunkt des französisch gebildeten Königs zu charakterisieren, der über das, was er kennen zu lernen nicht der Mühe wert geachtet hatte, auch nicht zu urteilen fähig war. Für die deutsche Literatur wurde indes manche Lanze gebrochen. Goethe diktierte in Bezug darauf am 6. Januar 1781 ein ‚Gespräch über die deutsche Literatur’, über das Merck, dem er es zugesandt hatte, mit vielem Lob an Georg Forster berichtete. Vielleicht wird es noch wieder aufgefunden. Der Verfasser unterließ die Herausgabe, so wie die anfangs beabsichtigte Hinzufügung eines zweiten Stücks, da inzwischen Möser in seinem „Schreiben über die deutsche Sprache und Literatur“ denselben Gegenstand mit gewohnter Klarheit und Umsicht behandelt hatte. Goethes Brief, worin er Mösers Tochter, Frau von Voigts, für die Übersendung dieser Schrift dankt (vom 21. Juni 1781), ist ein Beweis, dass er, obgleich sein Götz in der Abhandlung des Königs eine abscheuliche Nachahmung der schlechten englischen Stücke genannt war, doch den großen Herrscher schon damals ebenso human beurteilte, wie später in „Dichtung und Wahrheit“; es dünkt ihn, das Ausschließende zieme sich für Große und Vornehme, und ein Vielgewaltiger, der Menschen zu Tausenden mit einem eisernen Zepter führe, müsse die Produktion eines freien und ungezogenen Knaben unerträglich finden. Über seine eigenen Bestrebungen äußert er mit ebenso großem Sinn als Bescheidenheit: „Sagen Sie Ihrem Herrn Vater ja, er soll versichert sein, dass ich mich noch täglich nach den besten Überlieferungen und nach der immer lebendigen Naturwahrheit zu bilden strebe, und dass ich mich von Versuch zu Versuch leiten lasse, demjenigen, was vor allen unsern Seelen als das Höchste schwebt, ob wir es gleich nie gesehen haben und nicht nennen können, handelnd, schreibend und lebend immer näher zu kommen.“ In diesem Sinn für die ewig lebendige Natur, in diesem Streben nach dem Höchsten war ihm „die schöne unverwelkliche Gattin mit Himmelsband verbunden“, welche die Ode ‚Meine Göttin’ mit unvergleichlicher Anmut schildert. Diese duftige Blume der Poesie pflückte er am 5. September 1780 zu Kaltennordheim, als er das Thüringer Gebirge durchstreifte, und zum Behelf seiner mineralogischen Sammlung „an jeden Stein klopfte“, nebenbei in Gesellschaft des Herzogs und Steins mit Ochsenkauf und Besichtigung der Anstalten zur Wiesenbewässerung beschäftigt. Wie er immer seine Bilder von der augenblicklichen Anschauung zu entnehmen pflegt, so weiß er auch für seine geistige Tätigkeit Vergleichspunkte zu treffen, indem er in einem gleichzeitigen Brief seinen Kopf einer Mühle mit viel Gängen vergleicht, wo zugleich geschroten, gemahlen, gewalkt und Öl gestoßen wird, und in Bezug auf den poetischen Trieb hinzugefügt, er entziehe diesen Springwerken so viel möglich die Wasser und schlage sie auf Mühlen und in die Wässerungen; aber ehe er sich’s versehe, ziehe ein böser Genius den Zapfen, und alles springe und sprudele. Die Bäche der Goetheschen Poesie sprudelten in den Jahren, die wir jetzt betrachten, in herrlichster Reinheit und Lebendigkeit, blad in munterem jugendlichen Sprung von Fels zu Fels hernieder hüpfend, bald in ruhiger Bahn fortströmend und zu klarer Fülle und Tiefe sich erweiternd. Während jener Herbstexkursionen gewann Tasso, den er schon im März konzipiert und durchdacht hatte, eine festere Gestalt, so dass er sich im Oktober zu der Ausarbeitung der ersten Szenen entschloss. In wenigen Wochen rückte das Drama bis zu der ersten Szene des zweiten Akts vor. Die Geschäfte des Dezembers, „wo er sich’s sehr sauer werden lassen musste“, und die Zerstreuung des Winters ließen ihn die Arbeit erst mit dem Frühling wieder aufnehmen; nach vielen Unterbrechungen ward der zweite Akt erst im Herbst 1781 abgeschlossen. Diese Dichtung hat zwar ihre klassische Form erst durch die spätere Umdichtung erhalten, indem sie anfangs, wie er später bemerkt, „in poetischer Prosa geschrieben war und etwas Weichliches und Nebelhaftes hatte“; allein indem gerade diesen beiden Akten das „Herzblut“ des Dichters eingeflößt ward, stehen sie im innigsten Zusammenhang mit dem Seelenleben und den Verhältnissen Goethes in den Jahren, wo sie zuerst entworfen wurden. Er hatte die Stellung, welche der Dichter neben den bloß praktischen Männern am Hof einnimmt, durch angenehme wie durch bittere Erfahrung kennen gelernt, und wenn er auch sich zum Geschäftsmann heranbildete, so fühlte er doch den Widerspruch, in den die poetische Natur mit den Forderungen des Lebens tritt. Daher hatte er in dem Antonio nicht bloß seine Neider zu schildern, sondern ihm auch den Teil seines eigenen Wesens zu leihen, den er zu einer beschränkteren Sphäre der geistigen Tätigkeit zwang. Vornehmlich aber gab er in den ersten beiden Akten des Tasso seinem Verhältnis zu Frau von Stein den poetischen Ausdruck; das Drama ward zunächst als ein Dankopfer auf dem Alter der Liebe niedergelegt. Während die Tasso-Dichtung sich von seinem Inneren löste, war diese Liebe zu einer Reinheit und Seelenharmonie gediehen, die kein Missklang mehr störte. Was ihm die Freundin in den Zeiten seines Kampfes mit innern und äußern Zuständen gewesen war, wie sie ihm als die Vertraute seines Herzens beruhigend und ermutigend zur Seite gestanden hatte, wie sie noch stets die Seele des Dichtens und Strebens war, das ward hier zum seelenvollsten Geständnis. In der ‚Prinzessin Leonore’ zeichnete er das Ideal zarter Weiblichkeit, wie er es in ihr erfasst hatte. Er bekennt ihr daher unumwunden, was er am Tasso schreibe, an sie zu richten, wie denn auch sie ihm geäußert, was Tasso sage, sich zueignen zu wollen. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir auch die liebenswürdige Gräfin Leonore in Goethes damaligem Umgangskreis aufsuchen; zu diesem Bild scheint die schöne Marquise Branconi gesessen zu haben, welche er in Weimar zwei Tage bewirtete und „von deren schöner Gegenwart er noch einige Tage den Nachklang genoss.“ Dergleichen Studien nach dem Leben kamen ihm auch beim Wilhelm Meister zustatten, in welchem viel aus seiner „epischen Vorratskammer und politisch-moralisch-dramatischen Tasche“ sich verarbeiten ließ. Das Material des zweiten und dritten Buches ward in diesen Jahren in manchen einsamen Stunden durchdacht. Ein Brief an die Freundin (7. Juni 1780) erzählt uns, wie er auf dem Ritt von Erfurt nach Gotha seine „Lieblingssituation“ (Mignon und der Harfenspieler?) ausführt und das Detail so lebhaft in sich entstehen lässt, „dass er zuletzt bitterlich zu weinen anfängt.“ – „Ich wollte gerne“, fügt er dann hinzu, „Geld drum geben, wenn das Kapitel von Wilhelm Meister aufgeschrieben wäre, aber man brächte mich eher zum Sprung durchs Feuer. Diktieren könnt’ ich’s noch allenfalls, wenn ich nur immer einen Reiseschreiber bei mir hätte. Zwischen so einer Stunde, wo die Dinge so lebendig in mir werden, und meinem Zustand in diesem Augenblick, wo ich jetzt schreibe, ist ein Unterschied wie Traum und Wachen.“ Es war ihm damals bereits das Diktieren so zur Gewohnheit geworden, dass er scherzweise äußerte, er verlerne fast das Schreiben. Auch in der Ilmenauer Septembertagen war dieser Roman eins der „Springwerke“, die der Genius manchmal sprudeln ließ, und es ist wohl nicht zu bezweifeln, dass die Szenen des zweiten Buches, wo Wilhelm, seine Handelsgeschäfte vergessend, in dem heiteren Landstädtchen am Fuß des Gebirges lange im Verkehr mit der wandernden Schauspielertruppe und Seiltänzern die Tage hinlebt, uns auf diesen Boden versetzen2). Die Hauptzüge des dritten Buchs, in welchem Wilhelm mit dem Grafen und der Gräfin zusammengeführt wird, gingen aus psychologischen Beobachtungen des Jahres 1781 hervor, wo er überdies, wie die Briefe an Lavater dartun, sich der Seelenkunde mit wissenschaftlicher Gründlichkeit widmete, was ebenso wenig, wie früherhin die physiognomischen Studien, für seine Dichtungen verloren ging. Er verweilte im März dieses Jahres mehrere Tage bei dem Grafen Werther zu Neunheiligen in Gesellschaft des Herzogs, welcher der leibenswürdigen Gräfin mit besonderer Neigung zugetan war. Der Graf, vormals Gesandter in Spanien, ein Mann von Welterfahrung und Kenntnissen, hatte aus den früheren Verhältnissen ein steifes, zeremonielles Wesen heimgebracht, das ihn zugleich lächerlich und seiner Umgebung unerträglich machte: Züge, die wir in dem Grafen des Romans wieder finden. Die Gräfin dagegen war eine der seltensten weiblichen Erscheinungen und dadurch für Goethe im eigentlichen Sinn ein Studium, wodurch er „neue Begriffe“ erhielt. Schön, doch zart und kränklich, sah sie aus und war, wie er sich ausdrückt, eine schöne Seele, die aus den letzten Flammenspitzen eines nicht verdienten Fegfeuers scheidet und sich nach dem Himmel sehnend erhebt. Mit einer bewundernswürdigen Seelengüte verband sie eine richtige Beurteilung der größeren wie der kleinern Verhältnisse des Lebens: „Sie kennt die Welt; sie hat Welt.“ Goethe sah an ihr in dem vollendetsten Bild, was „große Welt“, „Welthaben“ bedeute; was in der Kunst das Genie, das habe sie in der Kunst des Lebens. Er richtete die Sorgfalt des forschenden Naturbeobachters dahin, die feinen Züge ihres Wesens „zu erobern“, und schuf nach diesem Urbild die anmutige Gräfin, welche seinem Wilhelm Meister die Sphäre höherer Weiblichkeit zuerst eröffnet. In dieser ließ er die Bildung seines Helden, „seines dramatischen Ebenbildes“, weiterführen, nachdem er ihn aus dem Schauspielerleben und den theatralischen Liebhabereien herausgezogen hatte. Auch dieser Roman des Lebens sollte zuletzt zum Zeugnis werden, dass Erhebung und Friede der Seele nur in der Hingebung an das Ideal-Weibliche zu finden sei. Dieser Grundidee der größeren Dichtung klingt auch in mehreren lyrischen Gedichten an. Dem Jahr 1781 gehören „der Becher“, „an Lida“, „Nachtgedanken“ an, zarte lyrische Blüten, doch nicht mehr mit der Farbenglut der jugendlichen Leidenschaft, sondern in einer an die griechische Lyrik sich anlehnenden Form, welche er durch die Nachdichtung des anakreontischen Lieder „an die Zikade“ lieb gewonnen hatte. „Der Becher“ folgt im ‚Tiefurter Journal’, gleichfalls mit der Überschrift „Aus dem Griechischen“, gleich nach dem Gedicht „An die Heuschrecke“. Dies handschriftliche Journal, aus anonymen Beiträgen bestehend, ward im August 1781 von der Herzogin Amalie gestiftet und anfangs nur in dem Kreis der ihr Befreundeten mitgeteilt. Mehrere Abschriften haben sich davon erhalten. In diesem engern Kreis der Freunde sah Goethe damals seien Welt, für die er lebte und dichtete, wie er durch den Mund seines Tasso dankbar aussprechen lässt. Die Dichtungen der weimarschen Jahre gingen nur Merck, Lavater und der Mutter in Abschriften zu. Das größere Publikum erfuhr wenig von dem Dichter, dessen Jugendprodukte die stürmischen Geister heraufbeschworen hatte, deren kühne Wildheit damals aufs Neue in Schillers Räubern die enthusiastische Jugend zum Beifall hinriss. Daher konnte Küttner in seinen 1781 erschienenen „Charakteren deutscher Dichter und Prosaisten“ mit Behagen berichten, dass nach und nach das überschreiende Lob, welches die trunkenen Bewunderer Goethe zugejauchzt hätten, verhalle. Je mehr Goethe daher dem Beifall der Menge sich entrückt sah, desto größeren Wert hatte für ihn die Überraschung, welche ihm die Herzogin Amalie mit dem ihr eigenen Zartsinne in Tiefurt, seit 1781 ihrem gewöhnlichen Sommeraufenthalt, zu seinem Geburtstag veranstaltete. In der Mooshütte des Tiefurter Parks ward Minervas Geburt in chinesischen Schatten, mit Reimen und Musik von Seckendorf, aufgeführt. Maler Kraus stellte den Jupiter, der Herzog den Vulcan, Corona Schröter die Minerva vor, welche aus dem gespaltenen Haupt Jupiters, wozu man einen kolossalen Pappenkopf hergerichtet hatte, langsam emporstieg. Minerva fand im Buch des Schicksals diesen Tag als einen der glücklichsten bezeichnet, an welchem vor 32 Jahren einer der besten und weisesten Menschen der Welt geschenkt worden sei. Ein Genius schrieb Goethes Namen in die Wolken, Minerva umflocht ihn mit einem Kranz und weihte ihm die ihr dargebrachten Göttergeschenke, die Leier des Apoll, die Blumenkränze der Musen etc. In feurigen Inschriften traten „Iphigenie“ und „Faust“ hervor. Die Peitsche des Momus, auf deren Riemen aves (die Vögel) stand, hatte sie beiseite gelegt; dieser kam jedoch zum Schluss des Stücks wieder und hing auch diese zu den übrigen Weihgeschenken. Die weimarschen Auszeichnungen überbot noch die glänzende Aufnahme, welche Goethe am gothaschen Hof bei dem durch Geist und gründliche wissenschaftliche Bildung ausgezeichneten Herzog Ernst II. und dem Prinzen August erwiesen ward und damals in Weimar viel Aufsehen erregt zu haben scheint. Doch zog es ihn aus der Welt immer wieder zu dem Kleinod zurück, worin sein herz Ziel und Beruhigung alles Strebens und Verlangens fand, „seiner lieben Lotte“; diese Begrüßung mit dem vormals schon verehrten Namen nebst dem traulichen Du konnte sie dem dringenden Verlangen des treu ausharrenden Verehrers, der jetzt sein Noviziat überstanden zu haben glaubte, nicht länger verweigern. „Deine Liebe ist das schöne Licht aller meiner Tage, Dein Beifall ist mein bester Ruhm, und wenn ich einen guten Namen von außen recht schätze, so ist’s um Deinetwillen.“ 1) Die Materialien wurden später Woltmann überlassen, der die Biographie nach Goethes Plan ausführen und (s. deutsche Briefe S. 80) 1799 sie in sein Journal aufnehmen wollte; später wurden deshalb mit Luden Unterhandlungen angeknüpft (s. dessen Rückblicke in mein Leben S. 105 ff.). Goethe erlebte noch die Herausgabe des Werks: Herzog Bernhard der Große von Sachsen-Weimar, biographisch dargestellt von Dr. Bernhard Röse, Weimar 1828. 29. 2 Teile. 2) Vgl. B. R. Abeken, ein Stück aus Goethes Leben, 1845. S. 48 ff. |
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