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Homepage Literatur Johann Wolfgang von Goethe Biografien Schaefer - Goethes Leben Inhalt Erster Band Vorrede Kindheit und Jugend 1749 - 1765 1765 - 1768 1768 - 1771 1771 - 1773 1744 1775 Weimarsche Lehrjahre 1776 1777, 1778 1779 1780, 1781 1782 1783 - 1786 Zweiter Band Widmung Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche 1786 - 1788 1788 - 1791 1792, 1793 1794 - 1796 1797 - 1799 1799 - 1805 Goethe im Alter 1806 - 1813 1813 - 1819 1820 - 1825 1826 - 1832 Beilagen I. Charlotte von Stein II. Rede weißer Falkenordens III. Vermächtnis j. Nachwelt Schlusswort |
3. Kapitel: 1779Goethe bürdete sich eine neue Last von Arbeiten auf, indem er im Januar 1779 zu seinen bisherigen Geschäften die Kriegs- und Wegbaukommission übernahm. Die Kriegsbewegung wegen der bayrischen Erbfolge hatte auch die kleineren norddeutschen Staaten zu Rüstungen genötigt, und es zeigte sich dabei in Weimar das Bedürfnis, in diesen seither vernachlässigten Zweig der Verwaltung mehr Ordnung und raschere Tätigkeit zu bringen. In dieser amtlichen Wirksamkeit Goethes treten aufs Neue die Energie seines sittlichen Charakters, die sichere Konsequenz der Pflichterfüllung hervor. Nach einem Ausdruck seines Tagebuchs „badet“ er sich in seinem Geschäft, bemüht sich überall, um nicht von fremden Rat und Beistand abhängig zu sein, eine selbstständige Einsicht in den Geschäftsgang und die Zustände zu gewinnen, und sucht „immer das Nötige im Augenblick, es sei Hohes oder Tiefes, zu finden.“ Dass diese vielfache Geschäftstätigkeit mit seinem dichterischen Talent in Widerspruch stehe, verhehlt er sich nicht; er fühlt, dass während ihm anders ohne Mühe gerät, diese ihm immer neue Überwindung und Anstrengung koste. Aber er erkennt zu gleicher Zeit den heilsamen, innerlich stärkenden sittlichen Einfluss eines in nützlichem, praktischem Wirken sich bewegenden Daseins. „Der Druck der Geschäfte ist sehr schön der Seele; wenn sie entladen ist, spielt sie freier und genießt des Lebens. Elender ist nichts, als der behagliche Mensch ohne Arbeit; das Schönste der Gaben wird ihm Ekel“ (Tagebuch). „Der Mensch“ – schreibt er seinem Schützling Kraft – „muss sein Handwerk haben.“ Wiederholt ergeht er sich im Lob einer solchen einfachen, immer auf das Nötige gerichteten Tätigkeit. „Aber es ist auch nicht für mich“, urteilt er in seinem Tagebuch mit gewohntem klaren Blick über sich selbst; „ich darf nicht von dem mir vorgeschriebenen Weg abgehen; mein Dasein ist einmal nicht einfach. Nur wünsche ich, dass nach und nach alles Anmaßliche versiegen möge, mir aber schöne Kraft übrig bleibe, die wahren Röhren nebeneinander in gleicher Höhe aufzupumpen. Den Punkt der Vereinigung des Mannigfaltigen zu finden, bleibt immer ein Geheimnis, weil die Individualität eines jeden darin besonders zu Rat gehen muss und niemandem angehören darf.“ Ihm gefällt besonders bei den neu übernommenen Geschäftszweigen, dass sie seien produktive Phantasie nicht in Anspruch nehmen, weil er nichts hervorzubringen, nur Ordnung zu halten habe. Sie stören daher seine poetische Stimmung nicht, vielmehr klingt diese nach beendigtem Geschäft nur desto reiner hervor. Überhaupt aber gereicht die gesteigerte sittliche Kraft der künstlerischen zum Gewinn, und die nächsten beiden Jahre sind reich an poetischen Hervorbringungen. Für diese war es besonders günstig, dass er durch sein Amt häufig zu einsamen Reisen durch die zerstreuten weimarschen Ländchen veranlasst ward. Dem Pferd, das ihn aus Weimar fort trägt, wachsen unmerklich Pegasusflügel. Sein Gemüt, das sich innerhalb der Kreise des Hoflebens mehr und mehr in sich zurückgezogen hatte und sich vor den Menschen zu verschließen anfing, öffnete sich wieder liebevoller der Welt im Verkehr mit der einfachen Natur und Tätigkeit des Landvolks, mit den „guten in der Stille lebenden Menschen.“ Er beobachtet sie stets mit innigster Teilnahme, ist, wo er kann, bemüht, ihre Lage zu erleichtern, und entwirft Pläne, der Armut zu steuern, weshalb er sich unter dem Beirat des tüchtigen Landkommissarius Bätty angelegentlich mit Verbesserung des Ackerbaus und der Wiesenkultur beschäftigt. „Das Elend“, bemerkt er in seinem Tagebuch, „wird mir nach und nach so prosaisch, wie ein Kaminfeuer; aber ich lasse doch nicht ab von meinen Gedanken und ringe mit dem unerkannten Engel, und sollt’ ich mir die Hüfte ausrenken. Es weiß kein Mensch, was ich tue, und mit wie viel Feinden ich kämpfe, um das Wenige hervorzubringen.“ Viel Herzeleid verursachten Goethe und dem Herzog die häufig wiederkehrenden Feuersbrünste, die bei der Bauart der Dörfer, die er einem zierlich und künstlich zusammengebauten Holzstoß vergleicht, immer schnell verheerend um sich griffen. Es gelang ihm nach vielem Bemühen, den Herzog zu einer Feuerordnung und zur Verbesserung der Löschanstalten zu bewegen. Wie weit man in solchen Anordnungen und Einrichtungen damals noch hinter unserer Zeit zurück war, davon liefert uns die Schilderung, welche uns Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ (16. Buch) von einem Brand in der Frankfurter Judengasse macht, einen eklatanten Beweis. Ohne Ordnung war dabei eine Anzahl Menschen mit Wassertragen beschäftigt, mit vollen Eimern sich hindrängend, mit leeren herwärts. Goethe, schon als Jüngling gewohnt, im Augenblick das Nötige zu tun, bemühte sich, eine Gasse zu bilden, wo man die Eimer herauf- und hinabreichte, ward aber von seinen vornehmen jungen Freunden, die in Schuhen und seidenen Kleidern neugierig hinzugetretne waren, mit Kopfschütteln betrachtet und belächelt; der Vorfall ward eine Stadtgeschichte, und ein solches Vergessen seines aristokratischen Standes galt für eine seiner poetischen Exzentrizitäten. Allein, gleich dem Jüngling der Wertherzeit, war auch der weimarsche Minister in solchen Fällen zu persönlicher Hilfeleistung stets bereit. Zu Apolda war er im Juli 1779 mitten im Feuer, so dass die Fußsohlen ihm schmerzten. Während er am 25. Juni 1780 in Ettersburg mit dem lebhaftesten Mutwillen an einem Lustspiel diktiert, jagt ihn die Nachricht von dem Feuer in Großbrembach fort, und geschwind ist er in den Flammen. „Ich habe ermahnt“, heißt es in einem Brief an Frau von Stein, „gebeten, getröstet, beruhigt und meine ganze Sorgfalt auf die Kirche gewendet, die noch in Gefahr stund als ich kam, und wo außer dem Gebäude noch viel Frucht, die dem Herrn gehört, auf dem Boden zu Grund gegangen wäre… Aus dem Teich wollte niemand schöpfen; denn, vom Wind getrieben, schlug die Flamme der nächsten Häuser wirbelnd hinein. Ich trat hinzu und rief: Es geht, es geht, ihr Kinder, und gleich warne ihrer wieder da, die schöpften; aber bald musst’ ich meinen Platz verlassen, weil’s allenfalls nur wenig Augenblicke auszuhalten war. Meine Augenbrauen sind versengt, und das Wasser, in meinen Schuhen siedend, hat mir die Zehen gebrüht. Ein wenig zu ruhen, legte ich mich nach Mitternacht, da alles noch brannte und knisterte, im Wirtshaus aufs Bett.“ Wenden wir uns von diesen Episoden, die zu dem Charakterbild des rüstig wirkenden Mannes bedeutsame Züge liefern, zu dem Dichter zurück, so geleitet uns Iphigenie in seinen frisch erblühenden zweiten Geistesfrühling. Schon vor drei Jahren konzipiert, gewann die Idee dieses Dramas erst jetzt feste Gestalt und drängte zu rascher Ausführung. „Den ganzen Tag brüt’ ich über Iphigenie, dass mir der Kopf ganz wüst ist; eine Musik hab’ ich mir kommen lassen, die Seele zu lindern und die Geister zu entbinden“, schreibt er am 14. Februar. Mit diesem Tag begann die Ausarbeitung der Dichtung unter guter Vorbedeutung: Die Musik der Seele sollte in sie überfließen. Die ersten drei Akte schrieb er während der Rundreise im Herzogtum im Februar und März, größtenteils in späten Abendstunden, indes er bei Tage die Straßen besichtigte und in Begleitung des Hauptmanns v. Castrop die junge Mannschaft zum Militärdienst aushob. Besonders wurde sein Werk durch einige ruhige Tage (2., 3., 4. März), die er in dem freundlichen Dornburger Schloss verlebte, gefördert, so dass es „sich formte und Glieder bekam“. In Apolda aber ward er, während „eine Szene ihn sehr plagte und nicht hinabrollen wollte“, durch Lärm und durch die Klagen der vielen Sollizitanten um alle Stimmung gebracht: „Hier will das Drama gar nicht fort; der König von Tauris soll reden, als ob kein Strumpfwirker in Apolda hungerte.“ In Allstedt wurden die drei ersten Akte zusammengearbeitet und dann in Weimar vorgelesen. Auf dem Schwalbenstein bei Ilmenau schrieb er am 19. März den vierten Akt und beendigte das ganze Drama am 28. Die erste Aufführung, die von Augenzeugen als eine meisterhafte gerühmt wird, fand am 6. April des folgenden Jahres statt1). Corona Schröter spielte die Iphigenie, Knebel den Thoas, Prinz Constantin den Pylades. Goethe glänzte in der Rolle des Orestes, und außer Hufeland bekennt auch Fräulein von Göchhausen seiner Mutter, ihn in ihrem Leben nie so schön gesehen zu haben. Der Dichter war erfreut, „die gar gute Wirkung besonders auf reine Menschen wahrzunehmen.“ Schon am 12. April wurde die Vorstellung wiederholt. Schon damals erntete Goethe, wie Knebel berichtet, von dieser Dichtung Bewunderung und Ruhm. „Viele fanden“, fügt er hinzu, „in dem Bild der Iphigenia den Charakter der jungen Herzogin.“ Dass die erste Grundidee von ihr entnommen zu sein schient, ist schon oben angedeutet worden. Doch ist das feinere Gewebe dieser aus der Tiefe der Seele geschöpften Dichtung aus den Fäden gebildet, die sich durch des Dichters Gemütskämpfe und innere Erfahrungen, in denen er sich läuterte und zu bewusster Selbstbeherrschung und Sicherheit emporarbeitete, hindurch ziehen. Dass die milde, gottergebene, auf der Reinheit und Klarheit ihres Wesens ruhende Weiblichkeit das kranke, verworrene Gemüt heilt und alles Streitende versöhnt, ist die schöne Idee, von der das Drama getragen wird. Die erste Bearbeitung, in der es nur in kleinen Kreisen durch Aufführung und handschriftliche Mitteilung bekannt wurde, hat nicht bloß in der Durchführung der Handlung, sondern selbst in den einzigen Gedanken ganz den Gang der neueren; aber in der künstlerischen Form steht sie weit hinter dieser zurück und wird daher in diesem Sinn von Goethe ein bloßer Entwurf genannt. Sie ist in Prosa niedergeschrieben, die indes von den unbewusst sich geltend machenden Forderungen des dramatischen Ideals schon dem jambischen Rhythmus angenähert wird und stellenweise schon die reine Versform annimmt. Daher machte auch der Dichter späterhin den Versuch, diese Prosa ähnlich den freien Rhythmen seiner Oden in Verszeilen aufzulösen; eine nach diesen Versabteilungen angefertigte Abschrift begleitete ihn auf dem Weg nach Italien, wo die edle Dichtung durch die reinste Kunstform verklärt ward. Da Goethe sich bewusst war, dass er dies Ideal, nach dem er strebte, noch nicht errungen habe, so machte er während der ersten zehn Jahre seines Weimarer Aufenthalts keine seiner neueren Dichtungen bekannt. Die älteren Sachen raffte indes der Berliner Buchdrucker Himburg zusammen und gab 1779 „J. W. Goethes Schriften“ schon in dritter Auflage heraus. Diese vervollständigte er noch mit einem vierten Band, der die vermischten kleineren Gedichte und Aufsätze aus Goethes Jugendzeit enthält. Indem er sich die Sammlung und Verbreitung der Schriften des Dichters zum Verdienst anrechnete, übersandte er sogar an ihn einige Exemplare und – bot ihm, wenn er es wünsche, einiges Berliner Porzellan zum Geschenk. Dies veranlasste Goethe zu folgendem Scherzgedicht:
Von dem Egmont, den er in der Hoffnung, vor Juni fertig zu werden, wieder vorgenommen hatte, riefen ihn der Besuch Mercks und die Sommerlustbarkeiten des Hofes ab, in denen unter dem Thyrsusstab der Herzogin Amalie sich noch einmal der alte Humor recht herzlich austobte. „Da doch das Theater“, schreibt sie an Merck, „den Gang der Welt darstellen soll, so amüsieren wir uns hier mit Farcen-Spielen, und finden, dass wir damit der Sache am nächsten kommen.“ Der Gipfel des ausgelassnen Frohsinns war die Feier des Geburtstages des Herzogs, wo zu Ettersburg Einsiedels neue Posse, Orpheus und Eurydice, aufgeführt ward. Wieland wurde diesmal der Spaß zu arg, als darin die zärtliche Arie aus seiner Alceste „weine nicht, du meines Lebens Abgott“ auf das lächerlichste parodiert und unter Posthornbegleitung zum allgemeinen Gelächter abgesunden wurde; er ging weg und klagte in seinen Briefen über den Mangel an Delikatesse, Zucht und Scham. Die Kunde von solchen Vorgängen flog bei dem damaligen engherzigen Treiben der Deutschen schnell durch alle Gaue. „Ist ein Fastnachtsspiel gleich Hochverrat?“, dachte Goethe wie sein Egmont, als sich bei „Woldemars Kreuzerhöhungsgeschichte“ alle empfindsamen Seelen entsetzten2). Der erste Band von Jacobis Woldemar war erschienen. Während die Verehrer der hier im Gewand des Romans dargelegten Gefühlsphilosophie ihn mit großem Beifall aufnahmen, konnte Goethe bei seinem damaligen klaren, aller abstrakten Sentimentalität abholden Denkweise, die ihn schon weit und weiter von Jacobi entfernt und ihren Briefwechsel unterbrochen hatte, sich mit dem Geruch des Buchs, wie er es nannte, nicht befreunden. Als er an einem Tag des Augusts zu Ettersburg daraus vorlas, kam, wie in dem Triumph der Empfindsamkeit, „der alte Teufel des Humors“ über ihn. Das verdammlich befundene Buch wurde zur wohlverdienten Strafe und andern zum abschreckenden Beispiel mit den Ecken des Bandes an einen Baum genagelt, dass die Blätter im Wind flatterten, und Goethe hielt aus dem Wipfel des Baums zum großen Ergötzend er Gesellschaft dem Buch eine humoristische Standrede. Wenn man die Sache ernsthaft nahm, so war dies allerdings eine Verletzung der Rücksicht, die der Jugendfreundschaft gebührte; allein es war dabei auch nicht auf das große Publikum abgesehen, und im weimarschen Kreis war man daran gewöhnt, sich und andere bei humoristischen Einfällen nicht zu schonen. In dem durch die schnell verbreitete Kunde hiervon veranlassten geharnischten Briefe Jacobis ist die verletzte Eitelkeit ebenso maßlos, wie in den früheren Briefen die Zärtlichkeit. Goethe tat der an sich harmlose Vorfall leid; aber er wollte sich auf Jacobis herausfordernden Brief nicht schriftlich auf Explikationen einlassen. Bei seinem Besuch in Emmendingen suchte er die Frau Schlosser zu überzeugen, wie diese ausführlich an Jacobi berichtete, dass der Scherz ganz arglos gewesen sei; wäre Jacobi zugegen gewesen, er würde in den Mutwillen mit eingestimmt haben. Wie Goethe die Sache ansah, charakterisiert am besten seine Erwiderung auf eine Anfrage Lavaters, (noch im Jahr 1781!): „Eigentlich ist’s eine verlegene und verjährte Geschichte, eine Albernheit, die Du am besten ignorierst… Der leichtsinnig trunkene Grimm, die mutwillige Herbigkeit, die das Halbgute verfolgen und besonders gegen den Geruch von Prätension wüten, sind Dir in mir zu wohlbekannt. Und die nicht schonenden launigen Momente voriger Zeiten weiß Du auch.“ Im Jahre 1782 wurde durch einen Brief Goethes an Jacobi das alte freundliche Verhältnis wieder angeknüpft. In den Worten: „Wenn man älter und die Welt enger wird, denkt man denn freilich manchmal mit Wunden an die Zeiten, wo man sich zum Zeitvertreib Freunde verscherzt und in leichtsinnigem Übermut die Wunden, die man schlägt, nicht fühlen kann, noch zu heilen bemüht ist“, erkennt man, dass ihn die Folgen jenes unbewachten, launigen Augenblicks schmerzten. Goethe machte sich während dieses Sommers mit den Ettersburger Lustbarkeiten wenig zu schaffen. Weit ernsthaftere Pläne beschäftigten seinen Geist. In den ersten Tagen des Augusts wurden zwischen ihm und seinem fürstlichen Freunde „unaussprechliche Dinge“, wie es eine Bemerkung seines Tagebuchs bezeichnet, „in großer interessanter Unterredung durchgesprochen.“ Wenn er seine Freude ausdrückt, dass der Herzog in wahrer Erkenntnis der Dinge wachse, dass er bald über die große Krisis hinweg sei und schöne Hoffnung gebe, auch auf diesen Felsen noch hinaufzukommen, so ist nicht zu zweifeln, dass der Reise, welche sie unter sich insgeheim verabredeten, die Absicht zugrunde lag, sich auf eine Weile aus den zeitherigen Verhältnissen herauszuziehen, damit der Übergang zu einer ernsten Auffassung des Lebens weniger bemerkbar und auffallend sei. Auch Goethe trat mit ernstem Blick in Vergangenheit und Zukunft an den Eingang der neuen Lebensepoche, zu der seine innere Entwicklung schon seit längerer Zeit hingestrebt hatte. Aus seinem Tagebuch ist uns ein denkwürdiges geheimes Bekenntnis und Selbstgespräch aufbewahrt worden, das er kurz vor dem Antritt der Reise niederschrieb: „Zu Hause aufgeräumt, meine Papiere durchgesehen, und alle alten Schalen verbrannt. Andere Zeiten, andere Sorgen! Stiller Rückblick aufs Leben, auf die Verworrenheit, Betriebsamkeit, Wissbegierde der Jugend; wie sie überall herumschweift, um etwas Befriedigendes zu finden. Wie ich besonders in Geheimnissen, dunklen, imaginativen Verhältnissen meine Wolllust gefunden habe; wie ich alles Wissenschaftliche nur halb angegriffen und blad wieder habe fahren lassen; wie eine Art von demütiger Selbstgefälligkeit durch alles geht, was ich damals schreib; wie kurzsinnig in menschlichen und göttlichen Dingen ich mich umgedreht habe; wie des Tuns, auch des zweckmäßigen, Denkens und Dichtens so wenig; wie in Zeit verderbender Empfindung und Schattenleidenschaft gar viele Tage vertan; wie wenig mir davon zunutze kommen, und da die Hälfte des Lebens nun vorüber ist, wie nun kein Weg zurückgelegt, sondern vielmehr ich nur dastehe, wie einer, der sich aus dem Wasser rettete und den die Sonne anfängt wohltätig abzutrocknen. Die Zeit, dass ich im Treiben der Welt bin, seit 1775 Oktober, getrau’ ich noch nicht zu übersehen. Gott helfe weiter und gebe Lichter, dass wir uns nicht selbst soviel im Wege stehen, lasse uns von Morgen zu Abend das Gehörige tun, und gebe uns klare Begriffe von den Folgen der Dinge, dass man nicht sei wie Menschen, die den ganzen Tag über Kopfweh klagen und gegen Kopfweh brauchen und alle Abend zu viel Wein zu sich nehmen. Möge die Idee des Reinen, die sich auf den Bissen erstreckt, den ich in den Mund nehme, immer lichter in mir werden.“ Am Nachmittag seines Geburtstages sagte ihm der Herzog seinen Titel als Geheimrat – „wie er’s denn“, scherzt Wieland, „vorhin schon allezeit war.“ Das Ernennungsdekret ist am 5. September ausgestellt; eine Gehaltserhöhung um 200 Taler erhielt er erst im nächsten Jahr. Weimars große Männer haben dem Land wenig Kosten gemacht; aber dennoch muss Wieland berichten: „Der Hass der hiesigen Menschen gegen unsern Mann, der im Grunde doch keiner Seele Leides getan hat, ist, seitdem er Geh. Rat heißt, auf eine Höhe gestiegen, die nahe an die stille Wut grenzt.“ Wie hochherzig Karl August über den Wert seiner Staatsdiener dachte, davon gibt sein Brief an Knebel (4. Oktober 1781), als dieser aus seinen Diensten treten wollte, ein unvergängliches Zeugnis. „Die Kanzelistenseelen, die ihm die Semmel, die er mehr habe, beneiden, weil er nicht gleich Ihnen Maultierhandwerk treibe“, waren und bleiben auch Goethes unversöhnliche Feinde, konnte doch sogar Schiller, als er sich während Goethes italienischer Reise zum ersten Mal in Weimar aufhielt, in seine Briefe die Äußerung einfließen lassen, dass Goethe andere wie Lasttiere für sich schwitzen lasse und in Italien seine Besoldung „für Nichtstun“ verzehre! Am 12. September reisten der Herzog, Goethe und der Oberforstmeister von Wedel, des Herzogs vertrauter Jugendfreund und ein immer heiterer Gesellschafter, von einem Jäger und Goethes bewährtem Diener Philipp Seidel, den er schon von Frankfurt mitgebracht hatte, begleitet, mit wenig beschwerendem Gepäck von Weimar ab. Niemand erfuhr, wohin die Reise gehen sollte, man dachte nur an einen Ausflug in die Rheingegend. Die Reisenden Beobachteten, so viel wie möglich, das Inkognito, und noch in Kassel gelang es ihnen, selbst Georg Forster zu täuschen und seine anziehenden Schilderungen von seinen Reisen in der Südsee angehören, ohne dass er den Herzog erkannte. IN Frankfurt wohnten sie im Goetheschen Haus und wurden von Frau Aja, die noch „in ihrer alten Kraft und Liebe war“, mit allem, was heitere Laune und splendide Gastlichkeit gewähren konnte, bewirtet. Der alte Rat Goethe erlebte noch die Freude, seinen Sohn auf der höchsten Ehrenstufe angelangt zu sehen, die damals ein Bürgerlicher in Deutschland erreichen konnte. Doch fand ihn Goethe sehr verändert und stiller; sein Gedächtnis hatte abgenommen. „Es mag ihn mächtiglich ergötzt haben“, schreibt Fräulein von Göchhausen, „dass der Geh. Rat, sein Sohn, den Herzog in Frankfurt sehen ließ“, Worte, aus denen erhellt, wie man in Weimar die in damaligen Zeiten, wo die Fürsten nur in Pomp und Etikette reisten, höchst auffallende Reisemanier bespöttelte. „Des Wundern“, heißt es in einem Brief der Frau von la Roche an Merck, „aller der Leute von Adel, Kaufstand und Wirten ist gewiss sehr groß; denn wir sind nun wirklich auf dem Fleck, wo das Einfachste uns mehr Staunen macht, als die verworrenste Caprice… Frau Aja gönne ich von ganzer Seele die innige Zufriedenheit, die dieser Besuch ihr geben musste. Mutterfreuden sind wohl unter den süßesten der Erde, und ich möchte wohl sagen, dass vielleicht keine Mutter lebt, die diese Freuden so sehr verdient, als Frau Goethe. Sie waren auch glücklich, vertrauter Freund und Zuschauer zu sein.“ Von Frankfurt ging die Reise rheinaufwärts. In den großen Städten wurde, was Kunst- und Naturaliensammlungen Belehrendes und Genussreiches darboten, mit Sorgfalt betrachtet; vor allem aber war der Sinn auf freien, frischen Genuss der Natur gerichtet. Auf keiner Reise hat sich Goethe mit reinerer Poesiefülle den erhabenen Naturszenen gegenübergefühlt, als auf dieser Herbstwanderung durch die Alpen. Schon in den süddeutschen Rheingegenden ward ihm so wohl ums Herz, „ein willkommener Atem weht durchs ganze Land; man wird auch wie die Trauben reif und süß in der Seele.“ Er fühlt sich in der Stimmung eines Pilgers, und ihm ist, als habe er vom Elternhaus her „einen Rosenkranz der treuesten, bewährtesten, unauslöschlichen Freundschaft abgebetet.“ – „Ungetrübt von einer beschränkten Leidenschaft“, fährt sein Brief an Frau von Stein fort, „treten nun in meine Seele die Verhältnisse zu den Menschen, die bleibend sind; meine entfernten Freunde und ihr Schicksal liegen nun vor mir wie ein Land, in dessen Gegenden man von einem hohen Berg oder im Vogelflug sieht.“ Überall standen die Denksteine seiner Jugenderinnerungen an seinem Weg. Am 25. Oktober verweilte er wieder an Friederikes Seite in der Sesenheimer Laube und schied mit Frieden im Herzen. Tags darauf besuchte er Lili und fand sie „mit eine Puppe von sieben Wochen spielen.“ Er ward mit Verwunderung und Freude empfangen und blieb bei ihr zu Tisch; ihr Gemahl, Herr von Türkheim, war gerade abwesend. Er erkundigte sich nach allem und „fand zu seinem Ergötzen, dass die gute Kreatur recht glücklich verheiratet sei.“ In Emmendingen war er am Grabe seiner Schwester; ihr Haushalt erschien ihm „wie eine Tafel, worauf eine geleibte Gestalt stand, die nun weggelöscht ist.“ Von dort wurde die Reise über Freiburg und die Hölle nach Basel fortgesetzt. „Die Schweiz liegt vor uns, und wir hoffen mit Beistand des Himmels in den großen Gestalten der Welt uns umzutreiben und unsere Geister im Erhabenen der Natur zu baden.“ Dies Wonnegefühl des Erhabenen, „das die Seele ganz ausfüllt und ihr die schöne Ruhe gibt“, durchringt die Schilderung der Reise durch das Birschtal, welche, damals für Frau von Stein diktiert, der erste in der Reihe der meisterhaften „Briefe aus der Schweiz“ ist, die längst einen Platz unter seinen Schriften erhalten haben; wir können sie daher als bekannt voraussetzen. Über Münster zogen die Reisenden nach Biel, von wo aus sie die Rousseau-Insel besuchten, und dann über Murten durch die schöne Landschaft nach Bern. Hier ward diesmal nur eine kurze Rast gemacht; sie eilten dem Berner Oberland zu und fuhren am 9. Oktober von Thun aus über den See nach Unterseen. Während der Fahrt las Goethe aus der Bodmerschen Übersetzung des Homer vor, welche meistens die Wirtshausunterhaltung ausmachte. In den nächsten vier Tagen durchzogen sie bei schönem Wetter das Lauterbrunnen- und Haslital und erstiegen mehrere Höhen. Wedel wurde mehrmals durch Schwindel zum Umkehren genötigt, von dem Goethe und der Herzog sich längst befreit hatten. Der Anblick des Staubbachs rief die schöne Ode: „Gesang der Geister über den Wassern“ hervor. „Kein Gedanke, keine Beschreibung noch Erinnerung reicht an die Schönheit und Größe der Gegenstände und ihre Lieblichkeit in solchen Lichtern, Tageszeiten und Standpunkten.“ Über Thuns kehrten die Reisenden nach Bern zurück, wo sie, mehrere Tage verweilend, viele bedeutende Künstler und Gelehrte kennen lernten. Nach einem Besuch der Ufer des Neuenburger Sees kamen sie am 22. nach Lausanne und sahen den Genfer See, „den Meister von allen Seen.“ Nicht minder wurde dort Goethes Auge und Herz durch die liebliche Madame Branconi3) gefesselt, die auch an ihm ein sichtliches Wohlgefallen fand, „sie kommt mir so schön und angenehm vor, dass ich mich etliche Male in ihrer Gegenwart still fragte, ob’s auch wahr sein möchte, dass sie so schön sei. Einen Geist, ein Leben, einen Offenmut, dass man eben nicht weiß, woran man ist!“ Auf Anraten Mercks, dessen Schwiegereltern im Juraland wohnten, wurde von Nyon aus eine Seitentour nach dem Joux-Tal unternommen, und der Dent de Vaulion so wie die Dole, die höchste Spitze des Juragebirges, erstiegen. Von diesem Unternehmen berichtet uns in einfach großartiger Schilderung der Brief, welchen er in den nächsten Rasttagen in Genf für Frau von Stein diktierte und unter die „Briefe aus der Schweiz“ aufgenommen hat. In Genf lernte Goethe außer andern bedeutenden Männern auch den großen Naturforscher Saussure, den Erforscher der Alpenkette, kennen. Auf dessen Gutachten hin wurde auch trotz der vorgerückten Jahreszeit die Reise in die Savoyer Eisgebirge gewagt, so sehr man auch von anderer Seite versucht hatte den Herzog davon abzuhalten, indem man sogar eine Staats- und Gewissenssache daraus hatte machen wollen. Wedel trennte sich auf eine Weile von den Reisenden und zog mit den Pferden vorauf durchs Waadtland nach Wallis. Die erhabene Natur, deren Anblick sie sich nicht ohne große Anstrengungen verschafften, schildern uns Goethes Reisebriefe in ihrer unübertrefflichen edlen Simplizität. „Unterwegs ist es meine Art, die schönen Gegenden zu genießen, dass ich mir meine abwesenden Freunde wechselweise herbeirufe und mich mit ihnen über die herrlichen Gegenstände unterhalte. Komm’ ich in ein Wirtshaus, so ist ausruhen, mich rückerinnern und an Sie schreiben eins, wenn schon manchmal die allzu sehr ausgespannte Seele in sich selbst zusammenfiele und mit einem halben Schlaf sich erholte.“ Der Herausgeber der Briefe an Frau von Stein fügt mit Recht die Bemerkung hinzu: „dass diese Beschreibungen unter und nach so anstrengenden und spannenden Touren gleich mit dieser Sinnesstärke und Seelenreinheit gemacht werden konnten, lässt uns wunderbar durch all die großen und lautern Bilder das gewaltige Auge des Mannes entgegenleuchten.“ Bemerkenswert ist dabei, dass der Ausdruck der zarten Lyrik der Naturbetrachtung, worin der vorzüglichste Reiz seiner früheren Schilderungen besteht, in diesen Briefen mehr zurücktritt, wogegen die ruhige Auffassung der wechselnden Naturbilder schon die klare Einsicht des wissenschaftlichen Naturforschers vorbereitet. Daher vermögen z.B. die Wolkenbildungen und Wolkenzüge, „die Wirtschaft“ der Nebel dauernd die Aufmerksamkeit des scharfsichtigen Beobachters zu fesseln, so dass er „bei diesen Gegenständen länger verweilen und an solchen Orten mehrere Tage zubringen zu können“ wünscht. „Die Wolken“, heißt es in einer für seine damalige Naturbetrachtung sehr bezeichnenden Stelle der Reisebriefe, „eine dem Menschen von Jugend auf so merkwürdige Lufterscheinung, ist man auf dem platten Land doch nur als etwas Fremdes, Überirdisches anzusehen gewohnt. Man betrachtet sie nur als Gäste, als Streichvögel, die, unter einem andern Himmel geboren, von dieser oder jener Gegend bei uns augenblicklich vorbeigezogen kommen, als prächtige Teppiche, womit die Götter ihre Herrlichkeit vor unsern Augen verschließen. Hier aber ist man von ihnen selbst, wie sie sich erzeugen, eingehüllt, und die ewige innerliche Kraft der Natur fühlt man sich ahnungsvoll durch jede Nerve bewegen.“ In seinen Bemerkungen über das Volk begegnen wir derselben Anhänglichkeit an die einfache, reine Sitte der in beschränkter Stille tätigen, mit der Armut ringenden Menschen, wie in früheren Reisebriefen: „Eins glaub’ ich überall zu bemerken: Je weiter man von der Landstraße und dem größeren Gewerbe der Menschen abkommt, je mehr in den Gebirgen die Menschen abkommt, je mehr in den Gebirgen die Menschen beschränkt, abgeschnitten und auf die allerersten Bedürfnisse des Lebens zurückgewiesen sind, je mehr sie sich von einem einfachen, langsamen, unveränderlichen Erwerbe nähren: Desto besser, willfähriger, freundlicher, uneigennütziger, gastfreier bei ihrer Armut hab’ ich sie gefunden.“ Zu St. Moritz im untern Wallis trafen Goethe und der Herzog auf ihrer Rückkehr aus Savoyen wieder mit Webel zusammen und zogen das Rhonetal aufwärts. Als jedoch in Oberwallis die Pferde nur mit Mühe fortzuschaffen und schwer unterzubringen waren, so ward eine abermalige Trennung beschlossen. Wedel reiste mit den Pferden über Lausanne und Bern nach Luzern, um dort den Herzog zu erwarten, welcher mit Goethe den Versuch machen wollte, zu Fuß über den Gotthard nach Uri zu gelangen. Dieser Teil der Reise war der beschwerlichste und gefahrvollste. Bis Oberwald, zwei Stunden von Münster, konnten sie noch mit einem Maultier, welches das Gepäck trug, vordringen. Hier wurden zwei Führer mitgenommen. Am Rhonegletscher vorbei durchschritten sie – es war der 12. November – zu Fünfen, von Lawinen bedroht, die weit ausgedehnte, einsame Schneefläche; außer einem Lämmergeier ward nichts Lebendes erblickt. Der Zug ging hinter einander fort. Der Vorderste, der die Bahn brach, saß oft bis über den Gürtel im Schnee. Die Führer selbst sahen dies kühne Unternehmen als ein Abenteuer an, womit sie sich in der Folge gegen andere Fremde was zu Gute tun könnten. Mit einbrechender Nacht langten sie nach einem sechsstündigen Marsch in Realp an, wo sie bei den Kapuzinern ein Obdach fanden. Am folgenden Tag erreichten sie nach einigen Stunden Wegs das Hospital im Urserental, wo Goethe zum ersten Mal wieder die Bahn seiner vorigen Schweizerreise betrat. Die munteren Wanderer stiegen noch an der Reuß aufwärts nach dem Gipfel des Gotthard, wo sie bei den Kapuzinern eine Nacht rasteten. Die grimmige Kälte erlaubte kaum, auf Augenblicke vor die Tür zu treten, um den Anblick der ringsum gelagerten, Schnee bedeckten Gipfel zu genießen. Lebhaft ergriff hier Goethe die Erinnerung an die Tage, wo er sich hier vor vier Jahren „mit ganz andern Sorgen, Gesinnungen, Plänen und Hoffnungen“ aufheilt und von Sehnsucht nach der Geliebten ergriffen, Italien den Rücken wandte, wodurch er, sein Schicksal nicht ahnend, „seiner jetzigen Bestimmung entgegenging.“ Aufs neue tauchten diesmal Gedanken an eine Reise nach Italien auf, aber es ward beschlossen umzukehren. „Auch jetzt reizt mich Italien nicht“, schreibt er an Frau von Stein. „Dass dem Herzog diese Reise nichts nützen würde jetzo, dass es nicht gut wäre, länger vom Haus zu bleiben, dass ich Euch wieder sehen werde, alles wendet mein Auge zum zweiten Mal von dem gelobten Land ab, ohne das zu sehen ich hoffentlich nicht sterben werde.“ Vom Gotthard reiste er mit dem Herzog durch Uri über den Vierwaldstätter See nach Luzern, wo sie wieder mit Wedel zusammentrafen; sie ritten dann nach Zürich, wo sie, um Lavater recht zu genießen, bis zum 2. Dezember verweilten. Lavater wieder zu sehen, „nach der ganzen Schweiz den reinen Eindruck von ihm zu nehmen, sich mit ihm im Stillen über den Herzog zu freuen,“ dem noch des Freundes mild redende Lippe das Haupt mit köstlichem Öl salben solle – diese frohe Aussicht begleitete Goethe während seiner Reise, und seine Briefe an Lavater sprechen eine gehobene Pilgerstimmung in herzlichsten Worten aus. Schon von Thun aus schrieb er ihm am 8. Oktober: „Ja, lieber Bruder, Dich wieder zu sehen, ist einer meiner beständigsten Wünsche diese Jahre her und wird nun auch bald erfüllt. Ich habe Dir viel zu sagen und viel von Dir zu hören. Wir wollen wechselweise Rechnung von unserm Haushalten ablegen, einander segnen und für die Zukunft stärken… Mein Gott, dem ich immer treu geblieben bin, hat mich reichlich gesegnet im Geheimen; denn mein Schicksal ist den Menschen ganz verborgen; sie können nichts davon sehen noch hören. Was sich davon offenbaren lässt, freu’ ich mich in Dein Herz zu legen.“ Diese verehrungsvolle Liebe konnte sich daher zu der Hoffnung erheben, dass sie künftig einander noch mehr werden würden, und ließ vergessen, dass ihre Ansichten über Geist und Natur, Göttliches und Menschliches sich noch schärfer als vordem geschieden hatten. Doch verschwieg Goethe, als er zu Genf durch Tobler die Handschrift von Lavaters poetischer Bearbeitung der Offenbarung Johannis erhielt, weder sich noch dem Verfasser, dass ihm das Ganze fatal sei, dass er das Göttliche nirgends und das Poetische nur hie und da finden könne, und sie daher wohl tun würden, einander ihre Partikular-Religionen ungehudelt zu lassen. Er fügt dann die für ihren beiderseitigen Standpunkt höchst bezeichnende Äußerung hinzu: „Ich bin ein sehr irdischer Mensch; mir ist das Gleichnis vom ungerechten Haushalter, vom verlornen Sohn, vom Sämann, von der Perle, vom Groschen usw. göttlicher – wenn je was Göttliches Dasein soll – als die sieben Botschafter, Leuchter, Hörner, Siegel, Sterne und Wehe. Ich denke auch aus der Wahrheit zu sein, aber aus der Wahrheit der fünf Sinne, und Gott habe Geduld mit mir, wie bisher.“ Es waren glückliche Stunden der reinsten Seelenstimmung, der innigsten Herzensgemeinschaft, welche er aufs Neue an Lavaters Seite verlebte; dies Wiedersehen ward für ihn, wie er gehofft hatte, „Siegel und oberste Spitze der ganzen Reise“: Kein Mund spreche die Trefflichkeit dieses Menschen aus; er sei „die Blüte der Menschheit“. Ein herrliches Bekenntnis legt er als ein Zeugnis jener gesegneten Stunden der Freundschaft ab: „Es ist uns allen eine Kur, um einen Menschen zu sein, der in der Häuslichkeit der Liebe lebt und strebt, der an dem, was er wirkt, Genuss im Wirken hat, und seine Freunde mit unglaublicher Aufmerksamkeit trägt, nährt, leitet und erfreut… Die Wahrheit ist einem doch immer neu, und wenn man wieder so einen ganz wahren Menschen sieht, meint man, man käme erst auf die Welt. Aber auch ist’s im Moralischen wie mit einer Brunnenkur… Erst hier geht mir recht klar auf, in was für einem sittlichen Tod wir gewöhnlich zusammen leben, und woher das Eintrocknen und einfrieren eines Herzens kommt, das in sich nie dürr und nie kalt ist. Gebe Gott, dass unter mehr großen Vorteilen auch dieser uns nach Hause begleite, dass wir unsere Seelen offen behalten, und wir die guten Seelen auch zu öffnen vermögen.“ Die Reisenden gingen von Zürich an den Bodensee und von da nach Schaffhausen, wo Lavater sie überraschte und noch einen Tag mit ihnen zubrachte. Im Fischhaus am Rheinfall gerieten Goethe und Lavater in eine ausführliche Abhandlung über das Erhabene, deren der Herzog noch in einem späteren Brief an Knebel mit sichtlicher Freude gedenkt. Hier nahmen sie am 8. Dezember vom Schweizerland Abschied. Während der Heimkehr aus der Schweizer Gebirgsgegend reifte noch eine liebliche, poetische Frucht der Reise, das Singspiel ‚Jery und Bätely’, eine Schweizeridylle in dramatischer Form, durchweht von der reinen Gebirgsluft der Alpen, in die es uns versetzt. Es sind „edle Naturen in Bauernkleidern“, deren Handlung uns anschaulich machen soll, wie der Mann des Mädchens spröden Sinn bezwingt und ihre Liebe gewinnt, indem er sich für sie in Gefahr begibt und ihr dadurch vertrauen auf seinen Beistand einflößt. Am 29. Dezember sandte der Dichter das Stück von Frankfurt aus an seinen Jugendfreund Christoph Kayser nach Zürich, und abermals in zweiter Abschrift den 30. Januar 1780 mit einer ins Einzelne gehenden Anweisung über die Komposition; er sprach darin den Wunsch aus, dass „der reine, einfache Adel der Natur in einem wahren angemessenen Ausdruck sich immer gleich bleibe.“ Später ward in Italien das kleine Drama nochmals überarbeitet. In Stuttgart bekam der Herzog Lust, an den Hof zu gehen und verweilte eine ganze Woche dort, indem die Schneider erst in Bewegung gesetzt wurden, um die einfache Garderobe der Touristen mit Hofkleidern zu vertauschen. Herzog Karl von Württemberg bezeigte dem Herzog von Weimar, ohne das Inkognito zu brechen, die möglichste Aufmerksamkeit. Goethe wohnte nebst dem Herzog den Feierlichkeiten des Jahrestages der Militärakademie bei. Hier sah der damals zwanzigjährige Schiller, im Stillen bereits mit seinem dramatischen Erstlingswerk beschäftigt, zum ersten Mal den Dichter vor sich, an dessen Götz und Werther er sich erwärmt hatte und dem er die Bahn des Ruhmes nachzuschreiten begann. Das „Herumschleppen an den Höfen“ – der Weg ging über Karlsruhe, Mannheim, Darmstadt nach Frankfurt – wollte übrigens Goethe nicht behagen. „Der Herzog“, schreibt er an Frau von Stein, „ist munter und erkennt sich nach und nach im alten Element wieder, beträgt sich vortrefflich und macht köstliche Anmerkungen. Von mir kann ich das nicht rühmen; ich stehe von der ganzen Nation ein für allemal ab, und alle Gemeinschaft, die man erzwingen will, macht was Halbes… Es ist unglaublich, was der Umgang mit Menschen, die nicht unser sind, den armen Reisenden abzehrt; ich spüre jetzt manchmal kaum, dass ich in der Schweiz war.“ Dabei lag auch die Besorgnis nahe, dass da Hofleben wieder in der Seele des Herzogs die reinen eindrücke, die sie in der Schweiz erhalten hatte, verlöschen könne, womit denn auch die Äußerung der Herzogin Amalie: „Gott gebe, dass die weimarsche Atmosphäre nichts wieder verdirbt!“, übereinstimmt. Am 13. Januar 1780 trafen sie nach einer Abwesenheit von vier Monaten in Weimar wieder ein. Erst hier arbeitete er, zum Teil während ihn eine damals Europa durchwandernde Schnupfenseuche ans Zimmer fesselte, die zweite Hälfte der Briefe aus der Schweiz aus, die Beschreibung der Reise von Martinach durch Wallis auf den Gipfel des Gotthard. Sie verdient ganz die Bewunderung, die ihr beim ersten Vorlesen im weimarschen Hofkreis gezollt ward; Wieland bezeichnete sie als eine von seien meisterhaften Produktionen, die mit dem ihm eigenen großen Sinn gedacht und geschrieben sei. Goethe befand sich diesmal in dem Fall, die Lobsprüche Wielands mit einer gleichen Spende erwidern zu können, indem dieser während des letzten Winters den ‚Oberon’ beendigt hatte. Er erhielt von Goethe einen Lorbeerkranz zugesandt. Wie ernst und aufrichtig dies gemeint war, geht aus den schönen anerkennenden Worten an Lavater hervor: „Solange Poesie Poesie, Gold Gold, Kristall Kristall bleibt, wird auch Oberon als ein Meisterstück poetischer Kunst geliebt und bewundert werden.“ Vergessen wir dabei nicht, dass diese schönen Blüten der Wielandschen Poesie vom „Wintermärchen“ bis zu „Gandalin“ und „Oberon“, womit sie den glücklichen Wettstreit mit Ariost versuchte, sich am Strahl des Goetheschen Genius entfalteten, dass diese Dichtungen ohne die Einwirkung Goethes, der dem ermatteten Dichtergeist Wielands neue Kraft und Wärme mitteilte, in unsere Literatur sicherlich nicht vorhanden sein würden. Den Herzog fand man nach der Rückkehr sehr zu seinem Vorteil verändert; doch ward alles andere fast über der großen Neuigkeit vergessen, dass er sich das Haar abschneiden ließ und „einen Schwedenkopf trug“. Wieland rühmt auch die Besonnenheit in Goethes öffentlichem Benehmen. Die neidischen Gemüter fingen an, sich zu beruhigen. Goethe selbst schreib um jene Zeit in sein Tagebuch die Bemerkung: „Ich fühle nach und nach ein allgemeines Zutrauen, dun gebe Gott, dass ich’s verdienen möge, nicht wie’s leicht ist, sondern wie ich’s wünsche. Was ich trage an mir und andern, sieht kein Mensch. Das Beste ist die tiefste Stille, in der ich gegen die Welt lebe und wachse und gewinne, was sie mir mit Feuer und Schwert nicht nehmen können.“ Dieser ernsten Stimmung, mit der er mit seinem fürstlichen Freund eine neue Lebensepoche (dies Wort gebraucht er selbst) antrat, entsprach es, dass er so wie der Herzog sich am nächsten Johannisfest in die Freimaurerloge aufnehmen ließen. Dass er sich in seinen Erwartungen getäuscht fand, geht aus den Worten, die er später in Rom gegen Moritz äußerte, hervor: „Auch Sie können noch so schwach sein, darin etwas zu suchen?“ Das dankbare Gefühl, mit welchem Goethe auf den glücklichen Verlauf der Reise (Wieland nannte sie eins der meisterhaftesten Dramata Goethes) und ihre segensreichen Folgen blickte, veranlasste ihn zu dem Entwurf eines Monuments, das in den neuen Parkanlagen einen Platz finden sollte, „um dem Herzog in guten Augenblicken eine fröhliche Erinnerung an die glücklich vollbrachte Reise zu sein.“ Er teilte seine Idee ausführlich in einem Brief an Lavater mit, weil er durch ihn eine geschickte Zeichnung eines Denkmals von Füßlis Künstlerhand zu erwirken hoffte. Das Projekt wurde später aufgegeben. Seiner Idee nach sollte auf der einen Seite des viereckigen Monuments die Inschrift stehen: ‚Fortunae duci reduci natisque Genio et Termino ex volo (Dem hin- und heimführenden Glück und seinen Söhnen dem Genius und Terminus nach einem Gelübde); Abbildungen dieser Gottheiten sollten die übrigen Felder einnehmen. Die Erläuterung dieses Entwurfs verrät aufs sinnigste seine dankbare Empfindung: „Sowohl auf dieser Reise, als im ganzen Leben, sind wir diesen Gottheiten sehr zu Schuldnern geworden. Das erste Mal, dass wir nach einer langen, nicht immer fröhlichen Zeit aus dem Loch in die freie Welt kommen, zusammen den ersten bedeutenden Schritt wagen, gleich mit dem schönsten Hauch des Glücks fortgetrieben zu werden, in der späten Jahreszeit, alles mit günstiger Sonne und Gestirnen; den ganzen Weg, den wir machen, begleitet von einem guten Geist, der überall die Fackel vorträgt, hierhin ladet, dorthin treibt, dass, wenn ich zurücksehe, wir zu so Manchem, das unsere Reise ganz macht, nicht durch unsere Wege und Wollen geleitet worden sind; und dann am Ende, dass wir auch durch den schönen Glückssohn bedeutet wurden, wo wir aufhören, wo wir einen Grenzbogen beschreiben und wieder zurückkehren sollten, das wieder einen unglaublichen Einfluss auf unsere Zurückgelassenen hat und haben wird: Das alles zusammen gibt mir eine Empfindung, die ich nicht schöner zu ehren weiß, als womit alle Zeiten durch die Menschen Gott verehrt haben.“ 1) Gegen Riemers Angabe beweisen die Briefe an Frau von Stein (I. 293 ff.) augenscheinlich, das man sich erst im Frühling 1780 mit dem Einstudieren der Rollen und Proben beschäftigte; wie hätte auch die am 28. März 1779 vollendete Iphigenie schon am 6. April desselben Jahres auf einem Liebhabertheater in Szene gesetzt werden können! Über das Verhältnis der ersten und zweiten Bearbeitung der Iphigenie s. A. Stahrs Einleitung zu: Goethes Iphigenie auf Tauris in ihrer ersten Gestalt, Oldenburg 1839. 2) Über diese damals viel besprochene Angelegenheit s. die Briefe von Jacobi und Johanne Schlosser in dem Briefwechsel zwischen Goethe und F. H. Jacobi S. 51 ff. 3) 76) Sie war die Mutter des Grafen von Forstenburg zu Langenstein, eines natürlichen Sohnes des Herzogs von Braunschweig. |
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