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Homepage Literatur Johann Wolfgang von Goethe Biografien Schaefer - Goethes Leben Inhalt Erster Band Vorrede Kindheit und Jugend 1749 - 1765 1765 - 1768 1768 - 1771 1771 - 1773 1744 1775 Weimarsche Lehrjahre 1776 1777, 1778 1779 1780, 1781 1782 1783 - 1786 Zweiter Band Widmung Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche 1786 - 1788 1788 - 1791 1792, 1793 1794 - 1796 1797 - 1799 1799 - 1805 Goethe im Alter 1806 - 1813 1813 - 1819 1820 - 1825 1826 - 1832 Beilagen I. Charlotte von Stein II. Rede weißer Falkenordens III. Vermächtnis j. Nachwelt Schlusswort |
Zweites Buch Weimarsche LehrjahreLass mich ein Gleichnis brauchen. Wenn du eine glühende Masse Eisen auf dem Herd siehst, so denkst du nicht, dass so viel Schlacken d’rin stecken, als sich offenbaren, wenn es unter den großen Hammer kommt. Dann scheidet sich der Unrat, den das Feuer selbst nicht absonderte, und fließt und stiebt in glühenden Tropfen und Funken davon, und das gediegene Erz bleibt dem Arbeiter in der Zange. Es scheint, als wenn es eines so gewaltigen Hammers bedurft habe, um meine Natur von den vielen Schlacken zu befreien und mein Herz gediegen zu machen. Und wie viel, wie viel Unart weiß sich auch noch da zu verstecken! Goethe an Jacobi, 1782. 1. Kapitel: 1776Während der glücklichen Friedenszeit, welche den Stürmen des siebenjährigen Krieges folgte, begann am weimarschen Hof unter der Pflege der Herzogin Anna Amalia das geistige Leben seine ersten Blüten zu entfalten und die Augen Deutschlands auf sich zu ziehen1). Die Herzogin, „die den Fürsten und den Menschen in sich zu vereinigen wusste“, nährte unter der treuesten Erfüllung ihrer Regentenpflicht ein aus tiefem inneren Drang hervorgehendes Streben nach Ausbildung ihrer Talente und Erweiterung ihrer Kenntnisse. Ein freier hoher Sinn, das Erbteil ihres Stammes – sei war eine braunschweigsche Prinzessin und Nichte Friedrichs des Großen – hob sie über das nichtige Treiben und die beengenden Schranken des Hoflebens empor; sie zog die Herzen an und wusste Liebe und Freude um sich zu verbreiten. In diesem Geist leitete sie auch die Ausbildung ihrer Söhne Karl August und Konstantin, denen sie (1762) in dem Grafen Görtz einen vortrefflichen Erzieher gab. Dass sie ihnen mehr als die herkömmliche Prinzenerziehung zu geben suchte, gab sie dadurch zu erkennen, dass 1772 Wieland, der damals in der Sonnenhöhe seines Dichterruhmes stand, nach Weimar berufen ward, um den Unterricht der Prinzen zu vollenden. Wieland ward der Geistesgenosse, der Lehrer der Herzogin; in der lebhaften Teilnahme an allen geistigen Interessen verschaffte sie sich eine zweite Jugend, nachdem, wie sie selbst bekennt, „die schönste Frühlingszeit ihrer Jahre nichts als Aufopferung für andere gewesen war.“ Dass dieser Trieb nach geistreicher Unterhaltung nicht, wie an den meisten Höfen, auch dem preußischen, im Verkehr mit französischen Schöngeistern Befriedigung suchte, sondern der deutschen Bildung förderlich ward, verdanken wir zumeist dem Einfluss Wielands. Das deutsche Theater ward, bis der Schlossbrand von 1774 diese Genüsse unterbrach, begünstigt; Wielands Alceste (1773) welche Schweitzer komponierte, war ein Versuch, eine deutsche Oper zu begründen. Wielands weiche Natur war zwar nicht geeignet, ein geniales Leben um sich zu schaffen; aber seine heitere, geistvolle Geselligkeit regte doch die Liebe zur schönen Literatur vielfach an. Männer von Geist und Talent schlossen sich ihm an und trugen zur Belebung der Zirkel des Hofes bei. Bertuch, seit 1775 geheimer Kabinettssekretär, und Karl Ludwig von Knebel, der 1774 die Erziehung des Prinzen Konstantin übernahm, entwickelten ihre literarische Tätigkeit unter seiner Leitung. Siegmund von Seckendorf und der liebenswürdige, joviale von Einsiedel, später Kammerherr am „verwitweten Hof“, verwandten ebenfalls ihre poetischen und musikalischen Talente zur Unterhaltung des Hofes. Die Anmut der Frauen erhöhte den Zauber dieser Zusammenkünfte, in denen ein jedes Mitglied seine Individualität frei geltend machen konnte, von keinem Zwang der Etikette, nur vom Gesetz der edlen Sitte beherrscht. Mit Karl Augusts Regierungsantritt (3. September 1775), dem rasch die Vermählung mit der edlen, liebreizenden Luise von Hessen-Darmstadt folgte, kam ein frisches Wehen eines jugendlich kräftigen Geistes über den weimarschen Statt und im Besondern über die Kreise des Hofes. Ein junger achtzehnjähriger Fürst, von dem schon 1771 Friedrich II., der ihn in Braunschweig sah, äußerte, er habe noch nie einen jungen Menschen von diesem Alter gesehen, der zu so großen Hoffnungen berechtige, den der Statthalter von Dalberg eine Fürstenseele nannte, wie er noch nie gesehen, fühlte den heißesten Drang, Neues zu schaffen und Leben um sich zu wecken; das kleine Land war ein zu enger Schauplatz für solche Fülle edler Kräfte. Der innern Würde, der geistigen Hoheit sich bewusst, verschmähte er den eitlen Schein des fürstlichen Ranges, warf gern das Zeremoniell der Hofsitte und die herkömmlichen steifen Formen von sich, um nur die Natur und das rein Menschliche walten und gelten zu lassen. Der Trieb zu freier Übung der jugendlichen Kräfte, zum vollen Genuss des Daseins, zu innigem Leben mit der Natur („sich göttlich in seinem Selbst und im Erhabenen der Natur zu baden“, wie er selbst dies volle Gefühl des Lebens bezeichnet) äußerte sich anfänglich noch in unklarer Gährung der genialen Jugendfülle, als ein Brausen und Stürmen, und die zart fühlende junge Herzogin hatte manchen Verstoß gegen Anstand und Sitte zu ertragen und zu verzeihen. Allein diese jugendlichen Exzentrizitäten verhüllten nur hin und wieder den Adel seiner sittlichen Natur, und nie verlor er das Ziel seines Strebens aus den Augen. In Goethe ward ihm ein Freund beschieden, wie ihn sein volles Herz bedurfte, der Genius, der imstande war ihn zu fassen und dadurch zu leiten. Er dachte groß genug, den Dichter des Götz und der Leiden Werthers, welcher die Männer der gesetzlichen Staatsordnung und die Moralisten gegen sich aufgebracht hatte, in seine Nähe zu ziehen. In diesem hohen Sinn, der stets kleinliche Bedenken großen Zwecken unterordnete, hat er stets gehandelt, und nur dadurch ist Weimars Glanzperiode hervorgerufen worden. Bewunderung und Liebe kamen Goethe bei seiner Ankunft in Weimar entgegen; „Wie ein Stern“, sagt Knebel, „ging er unter uns auf.“ Männer und Frauen waren von der Liebenswürdigkeit des genialen Jünglings wie bezaubert. „Ich sah ihn“, sagt der berühmte Arzt Hufeland, „in Weimar erscheinen in voller Kraft und Blüte der Jugend und des anfangenden Mannesalters. Nie werde ich den Eindruck vergessen, den er als Orestes im griechischen Kostüm in der Darstellung seiner Iphigenia machte; man glaube einen Apollo zu sehen. Noch nie erblickte man eine solche Vereinigung physischer und geistiger Vollkommenheit und Schönheit in einem Mann, als damals an Goethe. Unglaublich war der mächtige Einfluss, den er damals auf gänzliche Umgestaltung der kleinen weimarschen Welt hatte.“ – „Bemerke“, so zeichnet ihn der Physiognomiker Lavater, „die Lage und Form dieser gedankenreichen Stirn, bemerke das mit einem fort gehenden Schnellblick durchdringende, verliebte, sanft geschweifte, nicht sehr tief liegende, helle, leicht bewegliche Auge, die so sanft sich darüber hinschleichenden Augenbrauen, diese an sich allein so dichterische Nase, diesen so eigentlich poetischen Übergang zum lippichten, von schneller Empfindung gleichsam sanft zitternden und das schwebende Zittern zurückhaltenden Mund, dies männliche Kinn, dies offene, markige Ohr – wer ist, der absprechen könnte diesem Gesicht Genie, ganz wahres Genie!“ Der Nimbus des Dichterruhms erhöhte den poetischen Reiz seiner ganzen persönlichen Erscheinung; der Wertherfrack (nach dem Schnitt der leichteren englischen Mode), in dem er auftrat, ward Hoftracht, der Herzog legte ihn an und machte ihn denen, die ihn sich nicht anschaffen wollten, zum Geschenk nur Wieland ward ausgenommen (nach Böttigers Bericht). Auch dieser, der dem jungen Dichter zu zürnen Ursache hatte und jetzt Gefahr lief, durch ihn beiseite gedrängt zu werden, ward gleich am ersten Tag von Goethes Anwesenheit, als er an der Mittagstafel beim Kammerpräsidenten von Kalb an der Seite „des herrlichen Jünglings“ saß, „von allem Missmut radikal geheilt.“ Noch nach mehr als zwanzig Jahren äußerte er gegen Böttiger: „Sein Zauber hat mich in der ersten Zeit seines Hierseins dahin gebracht, dass ich ganz in ihn verliebt war und ihn wirklich anbetete.“ Dieser Enthusiasmus des weichmütigen Dichters, der „jung ward, wenn er leibte“, ergießt sich in seinen Briefen aus jener Zeit in Ausdrücken einer schwärmerischen Liebe. „O bester Bruder“, schreibt er am 10. November an Jacobi, „was soll ich Dir von Goethe sagen? Wie ganz der Mensch beim ersten Anblick nach meinem Herzen war! … Seit dem heutigen Morgen ist meine Seele so voll von Goethe, wie ein Tautropfen von der Morgensonne.“ – „Ich lebe nun“, heißt es in einem späteren Brief an Zimmermann, „neun Wochen mit Goethe, und lebe nun seit unserer Seelenvereinigung, die so unvermerkt und ohne allen Effort nach und nach zustande gekommen, ganz in ihm. Er ist in jedem Betracht und von allen Seiten das größte, beste, herrlichste menschliche Wesen, das Gott geschaffen hat … Möcht’ ich’s der ganzen Welt sagen dürfen! Möcht’ alle Welt den liebenswürdigsten der Menschen so kennen, so durchschauen, so leiben, wie ich! Heut’ war eine Stunde, wo ich ihn erst in seiner ganzen Herrlichkeit, der ganzen schönen gefühlvollen, reinen Menschheit sah“ – und in einem Brief an Merck die schönen Zeilen, die zugleich den schreibenden ehren: „Wissen Sie ein ander Beispiel, dass jemals ein Dichter den andern so enthusiastisch geliebt hat? – Für mich ist kein Leben mehr ohne diesen wunderbaren Knaben, den ich als meinen eingebornen einzigen Sohn liebe, und, wie einem echten Vater zukommt, meine innige Freude daran habe, dass er mir so schön übern Kopf wächst, und alles das ist, was ich nicht habe werden können.“ Dieser Rausch musste freilich mit der Zeit verfliegen, es traten auch Perioden der Entfremdung ein, wo Wieland den Freunden seinen Missmut vorklagte; doch sobald sich Goethe freundlich näherte, war die alte Liebe wieder da, und ein wohlwollendes Verhältnis blieb zwischen beiden Dichtern. Goethes Wesen schwankte damals zwischen den Extremen. Doch war das burschikose Benehmen, das geniale Brausen und Stürmen, worin er sich bei seinem Eintritt in die weimarschen Verhältnisse zu gefallen schien, weit weniger sein eigenstes Wesen, als die weiche, nach Stille sich sehnende Gefühlsschwärmerei. Nicht ohne tiefe Wunden des Herzens hatte er sich von Frankfurt losgerissen, und es war das humoristische Treiben eine künstliche Hülle, welche die Sehnsucht seines Innern verdeckte, eine äußere Erscheinung, deren Leere er schmerzlich empfand. Allein er heilt es zunächst für seine Aufgabe, ganz dem Hof zu leben, der ihn gastlich aufgenommen hatte, und den jungen Herzog als genialer Gesellschafter, als munterer Genosse seiner jugendlich stürmenden Genusssucht an sich zu fesseln. In dieser Festlust vergingen die ersten Wochen seines Aufenthalts in Weimar. Jagden, Ausflüge, Bälle und Maskeraden drängten sich. In den letzten Tagen des Novembers kamen auch die Brüder Stolberg auf ihrer Rückreise aus der Schweiz nach Weimar. „Hier wird’s uns recht wohl“, schreibt Christian Stolberg an die Schwester, „wir leben mit lauter guten Leuten, mit unserm Wolf [diesen Namen führt Goethe lange im engern Freundesbunde] und den hiesigen Fürstlichkeiten, die sehr gut sind, reiten und fahren aus und gehen auf die Maskerade. Mit Wieland sind wir ‚bras dessus bras dessous.’“ Es folgten lustige Schlittenpartien und Eisfahrten. Goethe führte auch diese edle Klopstocksche Kunst in Weimar ein; zum Erstaunen der Residenz zeigte sich auch die junge Herzogin als eine gewandte Schlittschuhläuferin. Auf der Eisbahn dieses Winters entstand das „Eislebenslied“, das jetzt mit der Überschrift „Mut“ unter seinen Gedichten steht („Sorglos über die Fläche weg“ etc.) Nach einer solchen Eisfahrt sitzt er am 22. Dezember auf Wielands Zimmer, um für Lavater einige Beiträge zu den zuletzt übersandten Kapiteln der Physiognomik „zusammenzustoppeln“ – „kurz genug und, will’s Gott, bündig und treffend, denn Ausspinnens ist jetzt nicht Zeit, da ich in verbreiteter Wirtschaft und Zerstreuung von Morgens zu Nacht umgetrieben werde … Ich bin hier wie unter den Meinigen, und der Herzog wird mir täglich werter, und wir einander täglich verbundener. Morgen gehe ich über Jena nach Waldeck, wilde Gegenden und einfach Menschen zu sehen. Mir geht alles nach Herzenswunsch2).“ Die schönen Wald- und Berggegenden, die er jetzt in Gesellschaft von Einsiedel, Bertuch und dem jüngeren von Kalb aufsuchte, waren ihm schon durch Kraus’ Zeichnungen im Voraus lieb geworden. Entfernt von dem rauschenden Treiben des Hoflebens fühlte er die alten Empfindungen in seiner Brust widerklingen. Er erquickt sich am Lesen der Bibel und treibt vom Rektor in Bürgel eine Odyssee auf, weil ihm unter einfachen Menschen glücklich und friedlich ums Herz ist; „unmöglich ist, die zu entbehren in dieser Homerisch einfachen Welt“. Im Ton brüderlicher Vertraulichkeit berichtet er dem Herzog, der nach Gotha sich begeben hatte, von allen Vorgefallenheiten der kleinen Winterreise und den verschwiegensten Gefühlen. „Wie ich so in der Nacht“, heißt es in dem Brief, „gegen das Fichtengebirge ritt, kam das Gefühl der Vergangenheit meines Schicksals und meiner Liebe über mich, und sang so bei mir selber:
An mehreren Stellen spricht sich die Empfänglichkeit für den Reiz der auch im Winterschmuck schönen Natur aus. „Wir sind in der Gegend herumgekrochen und geschlichen. Gleich hinter dem Hausgarten [des Forstbeamten] führt ein wilder Pfad nach einem Felsen, worauf ein altes Schloss der Grafen von Gleichen stand, mitten im Fichtental. Die Felsen hinab sind wilde Blicke, und ein offener, freundlicher über die Felsentiefen nach Bürgel hin. Die Morgensonne war lieb.“ Die Vermutung liegt nahe, dass in diesen Tagen das Gedicht „an ein goldenes Herz, das er am Hals trug“ entstanden sei. Der Brief des Herzogs aus Gotha ist höchst bezeichnend für die Innigkeit ihres freundschaftlichen Verhältnisses: „Lieber Goethe, ich habe Deinen Brief erhalten, er freut mich unendlich. Wie sehr wünschte ich mit freierer Brust und Herzen die liebe Sonne in den jenaschen Felsen auf- und untergehen zu sehen, und das zwar mit Dir. Ich sehe sie hier alle Tage, aber das Schloss ist so hoch und in einer so unangenehmen Gegend, von so vielen dienstbaren Geistern erfüllt, welches ihr leichtes, lustiges Wesen in Samt und Seide gehüllt, dass mir’s ganz schwindlig und übel wird. – Ich komme erst den Freitag wieder. Mache doch, dass Du hierher kommst, die Leute sind gar zu neugierig auf Dich.“ Goethe folge der Einladung; er schrieb schon am 31. Dezember aus Erfurt an Lavater: „Ich lerne täglich mehr steuern auf der Woge der Menschheit, bin tief in See.“ In jenem Brief des Herzogs finden wir schon das vertrauliche Du, dessen er sich später im Verkehr mit Goethe immer bediente, und dieser durfte es erwidern; doch machte Goethe von dieser Erlaubnis nur Gebrauch, wenn er mit ihm allein war, und auch nur in der ersten Zeit. Zwischen Fürst und dichter ward der Freundesbund mehr und mehr zur innigsten Vertraulichkeit, so dass Goethes Nähe dem Herzog unentbehrlich ward, und ise bald unzertrennlich wurden. Oft speisten sie allein miteinander, Goethe schlief mehrmals auf des Herzogs Zimmer und wachte bei ihm während seiner Unpässlichkeit. Die Karnevalslust des Genielebens führte in das neue Jahr ein; auch Goethe verschweigt seinem Merck nicht, dass er es toll genug treibe und des Teufels Zeug mache. Aber er wusste zugleich die Lustbarkeiten des Hofes wie Szenen eines Dramas zu behandeln und sie durch geistvollen Humor poetisch zu beleben. Ward daher auch seinen dichterischen Arbeiten viel kostbare Zeit entzogen, so war sei doch für seine geistige Fortbildung keine verlorne, indem nur aus einem Poesie erfüllten Dasein sein Genius neue Stärkung gewann, und seine Dichtungen nur wie reife Früchte vom Baum des Lebens fielen. Dass die joviale Losgebundenheit nicht in leere Posse ausartete, dafür bürgten außer ihm und seinem fürstlichen Freunde auch die Namen der geistreichen Männer, die sich um sie und mit ihnen bewegten. Wie sehr jedoch Goethe die Seele dieser humoristischen Unterhaltungen war, lassen uns am besten die eine Zeitlang in diesem Kreis beleibten Matinées erkennen, derbe Spottgedichte in der Manier der Goetheschen Puppenspiele und Fastnachtspossen mit gründlicher Verehrung des Haus Sachs, worin man es darauf anlegte, sich gegenseitig zu satirisieren. Auch Merck sandte solche poetische Epsiteln als „Matinées des Rezensenten“ ein. Einsiedel, dessen komisches Talent hier den freiesten Spielraum fand, zog in dem „Schreiben eines Politikers an die Gesellschaft vom 6. Januar 1776“ sämtliche Mitglieder durch; aus der auf Goethe bezüglichen Stelle, die zugleich für diesen charakteristisch ist, mag man auf den Ton dieser Stegreifgedicht schließen:
Es gehört demnach eigentlich hierher, was Goethe bei einer früheren Veranlassung von Hans Sachs bemerkt: „Wir benutzten den leichten Rhythmus, den sich willig anbietenden Reim bei manchen Gelegenheiten; es schien diese Art so bequem zur Poesie des Tages, und deren bedurften wir jede Stunde.“ Daher flocht er auch in den nächsten Frühlingstagen dem „verkannten“ – „wirklich meisterlichen Dichter“ einen Kranz: Erklärung eines alten Holzschnittes, vorstellend Hans Sachsens poetische Sendung. Unter dem Bild des würdigen Meistersängers hat sich zugleich unser Dichter selbst geschildert, der ebenso offenen Blicks in Natur und Welt hinausschaute und sie ebenso treu und wahr in Ernst und Humor darstellte. Diese Dichtung gab Veranlassung, dass Wieland in seinem Merkur zum ersten Mal wieder auf den Wert des wackern Hans Sachs aufmerksam machte, und Bertuch eine Ausgabe desselben ankündigte. Im Januar hatte sich’s schon entschieden, dass Goethe von Weimar nicht wieder loskomme. „Karl August“, schreibt Wieland, „kann nicht mehr ohne ihn schwimmen noch waten.“ Der Herzog suchte ihn nach und nach in den weimarschen Staatsdienst hineinzuziehen. Offen schreibt Goethe darüber am 22. Januar an Merck: „Ich bin nun in alle Hof- und politischen Händel verwickelt und werde fast nicht wieder loskommen. Meine Lage ist vorteilhaft genug, und die Herzogtümer Weimar und Eisenach immer ein Schauplatz, um zu versuchen, wie einem die Weltrolle zu Gesicht stünde. Ich übereile mich drum nicht, und Freiheit und Genüge werden die Haupt-Konditionen der neuen Einrichtung sein, ob ich gleich mehr als jemals am Platz bin, das durchaus … [Jämmerliche] dieser zeitlichen Herrlichkeit zu erkennen.“ Eben weil er das erkannte, kehrte noch oft der Kampf in seine Brust zurück: „Es geht mir verflucht durch Kopf und Herz, ob ich bleibe oder gehe“, äußert er noch unterm 29. Januar. Er fühlte, dass er mit dem Ergreifen der neuen Lebensaufgabe mit seiner Jugend breche, dass er seine Unabhängigkeit und vielleicht seine Dichterzukunft den Anforderungen der neuen Umgebung zum Opfer bringe. Aus dieser Gemütserregung bricht wie ein rührender Schmerzenslaut „Wanders Nachtlied“ hervor, das er am 12. Februar „am Hang des Ettersberges“ niederschrieb:
Tags zuvor hatte er an die Freundin Stolberg geschrieben: „Könntest Du mein Schweigen verstehen, liebes Gustchen! Ich kann, ich kann nichts sagen!“ Um diese Zeit nahm er schon als Gast an den Sitzungen des geheimen Konzils teil und spricht in seinem Brief seine, feste Entschlossenheit aus, wie einer, der mit seinem Schiff in die hohe See steuert. „Den Hof habe ich nun probiert“, schreibt er an Merck (8. März), „nun will ich auch das Regiment probieren, und so immerfort … Ich streife was Ehrliches in Thüringen herum und kenne schon ein brav Fleck davon; das macht mir auch Spaß, ein Land so auswendig zu lernen“, und um dieselbe Zeit an Lavater: „Ich bin nun ganz eingeschifft auf der Woge der Welt, voll entschlossen, zu entdecken, gewinnen, streiten, scheitern oder mich mit aller Ladung in die Luft zu sprengen.“ In demselben Bild schildert er seinmutvolles Einschreiten in die neue Laufbahn in dem Gedicht „Seefahrt“ (Sept. 1776):
Um die Zustimmung der Eltern zu Goethes Anstellung in weimarschen Staatsdiensten einzuholen, schrieb der jüngere von Kalb, der bald darauf seinem Vater, als dieser sich von Staatsgeschäften zurückzog, in der Kammerpräsidentenstelle folgte, an Vater Goethe einen Brief, in dem man die Worte des Herzogs wieder erkennt: „Die wechselseitige Neigung des Herzogs gegen ihren vortrefflichen Sohn, das unumschränkte Vertrauen, so er in ihn setzt, macht es beiden unmöglich, sich voneinander zu trennen. Nie würde er darauf verfallen sein, meinem Goethe eine andere Stelle, einen andern Charakter als den von seinem Freund anzutragen. Der Herzog weiß es zu gut, dass alle andern unter seinem Wert sind, wenn nicht die hergebrachten Formen solches nötig machten. Mit Beibehaltung seiner gänzlichen Freiheit, der Freiheit, Urlaub zu nehmen, die Dienste ganz zu verlassen, wenn er will, wird unser junger, edler Fürst, in der Voraussetzung, dass Sie unfähig sind, Ihre Einwilligung dazu zu versagen, Ihren Sohn unter dem Titel eines geheimen Legationsrats mit einem Gehalt von 1200 Talern in sein Ministerium ziehen. – Gern unternähm’ ich, Ihnen die Verhältnisse Ihres Sohnes zu bezeichnen, wenn ich mich dazu vermögen fühlte. Denken Sie Sich ihn als den vertrautesten Freund unsers lieben Herzogs, ohne welchen er keinen Tag existieren kann, von allen braven Jungen bis zur Schwärmerei geliebt, alles, was wider uns war, vernichtet, und Sie werden Sich noch immer zu wenig denken.“ Die behagliche Schilderung, welche Rat Goethe dem Konsul Schönborn von dieser Wendung des Schicksals seines Sohnes gibt, lässt uns nicht zweifeln, dass die Zustimmung mit Freuden erteilt ward, entsprach doch dessen neue Stellung ganz den früheren, väterlichen Plänen. Das Dekret der Ernennung zum „geheimen Legationsrat mit Sitz und Stimme im geheimen Konzil“ ward erst am 11. Juni ausgefertigt. Die das Motiv der Anstellung enthaltenden Worte „wegen seiner uns genug bekannten Eigenschaften, seines wahren Attachements zu uns und unsers daher fließenden Zutrauens und Gewissheit“ wurden eigenhändig vom Herzog an die Stelle herkömmlicher Kanzleiphrasen hineinkorrigiert. Mit dem Frühjahr richtete sich Goethe häuslich ein. Er mietete sich das kleine Jägerhaus an der Belvedereschen Allee (später zum Stadtgericht umgebaut). Bald darauf vertauscht’ er es mit „einem lieben Gärtchen vorm Tor an der Ilm – schöne Wiesen in einem Tal –“, das er am 16. April in Besitz nahm; das alte Häuschen darin ließ er reparieren. „Da lass ich mir“, schreibt er an Auguste Stolberg am 18. Mai, „von den Vögeln was vorsingen und zeichne Rasenbänke, die ich will anlegen lassen, damit Ruhe über meine Seele komme, und ich wieder von vorn mög’ anfangen zu tragen und zu leiden… Es ist eine herrliche Empfindung, da draußen im Feld allein zu sitzen.“ In dieses Frühjahr fällt außer andern zahlreichen Ausflügen mit dem Herzog eine kurze Reise nach Leipzig. Das Wiedersehen der Stätte seiner ersten Jugendfreuden ergriff sein Gemüt mit wehmütiger Erinnerung: „Alles ist wie’s war, nur ich bin anders – nur das ist geblieben, was die reinsten Verhältnisse zu mir hatte damals.“ Er sah „sein erstes Mädchen“ wieder und begrüßte manchen Freund der Jugendtage, auch seinen lieben Oeser. Dieser ward gewissermaßen als weimarscher Hofmaler engagiert und kam noch in diesem Jahr und seitdem fast jedes Jahr nach Weimar hinüber, wo man seiner Kunst und seines Rats oft bedurfte. Corona Schröter fesselte ihren Dichter, der sie in Jugendliedern schon besungen hatte, durch ihr Talent und ihre Liebenswürdigkeit so sehr, dass er den Herzog bewog, sie als Kammersängerin nach Weimar zu berufen. Hierin bestand zunächst Goethes „Regieren“, dass er seinen Einfluss auf den Herzog benutzte, um ausgezeichnete Talente nach Weimar zu ziehen und trefflichen Leistungen Unterstützung zu verschaffen. „Wenn Goethes Idee stattfindet“, schreibt Wieland an Merck, „so wird Weimar noch der Berg Ararat, wo die guten Menschen Fuß fassen können, während allgemeine Sündflut die übrige Welt bedeckt.“ Schon Ende Februar veranstaltete Goethe eine Unterzeichnung zu einem ansehnlichen Geldbeitrag (65 Louisdor), welcher zu einem freiwilligen Geschenk für Bürger bestimmt wurde, um ihn zur Fortsetzung seiner Übertragung der homerischen Gedichte, von der einige Proben bekannt gemacht waren, aufzumuntern. „Dass Bürger Dichter ist“, heißt es in dem Aufsatz Goethes, „sind wir alle überzeugt; dass er den Homer ganz fühlen und innig lieben muss, als einer, der selbst die größten epischen Anlagen hat, konnte man auch schon vermuten; dass Homers Welt wieder ganz in ihm auflebt, … sieht man mit einem Blick auf die Übersetzung… Darum wünschen wir, er möge in guten Humor gesetzt werden fortzufahren… Denn es wird sich nicht so leicht wieder finden, dass ein Dichter von dem Gefühl so viel Liebe zu eines andern Werk fassen mag… Er fahre fort mit Lieb’ und Freude der Jugend… strebe nach der goldenen, einfachen, lebendigen Bestimmtheit des Originals, kurz, tue das Seinige.“ Die Hoffnung blieb unerfüllt. Da indes das Geld zu Bürgers Gunsten bestimmt war, so beschlossen später die Unterzeichner, dem hilfsbedürftigen Dichter jene Unterstützung angedeihen zu lassen, wenn gleich die Bedingung unerfüllt geblieben war. In ähnlicher Weise wandte Goethe seinem durch häusliches Ungemach schwer bedrängten Jugendfreund Jung eine unerwartete Hilfe zu. Es war gerade ein Tag, wo Jung eine Schuld von siebzig Talern bezahlen sollte, die er nicht zusammenzubringen imstande war. Er und seine Frau brachten die Stunden mit Weinen und Gebet hin, dass es, wie Jung sagt, einen Stein hätte erbarmen sollen. Da trat der Postbote ein und brachte einen Brief von Goethes Hand, beschwert mit dreißig Louisdor. Ohne Jungs Wissen hatte Goethe den Anfang von dessen Lebensgeschichte („Stillings Jugend“) zum Druck befördert und übersandte das Honorar, welches in einer Zeit, wo Goethes Stella mit zwanzig Talern honoriert wird, sicherlich nicht bloß aus des Verlegers Kasse floss. Unter Freudentränen fielen die beiden Ehegatten sich in die Arme. Lenz, der Schicksalsgenosse Bürgers, dem nach seinem eigenen Bekenntnis „zum Dichter warme Luft und Glückseligkeit des Herzens fehlte“, suchte jetzt die Sonne seines Freundes auf, die er stets in verworrener Bahn umkreiste. Unglücklich durch die Unmöglichkeit, ihn zu erreichen, beneidete er ihn mehr, als er ihn verehrte und liebte. Im März erschien er in Weimar. Goethe leistete gerade dem Herzog während einer Unpässlichkeit Gesellschaft, als ihm eine Karte überbracht ward mit den Worten: „Der lahme Kranich ist angekommen; er sucht, wo er seinen Fuß hinsetze. Lenz.“ Der Herzog befahl den wunderlichen Ankömmling sogleich zu holen und gewährte ihm auf fürstliche Kosten den Aufenthalt in Weimar. Er war einer von den „Genies“, welche bei den Weimarer Hofleuten und Philistern übel angeschrieben waren und von denen man noch lange nachher zu klatschen wusste, wie sie von dem Legationsrat Bertuch als Chatouiller des Herzogs „gekleidet und gefüttert“ worden seien. Lenz ließ sich’s wohl sein und gab durch seine Albernheiten, indem er, wie Wieland sich äußert, alle Tage regelmäßig seinen dummen Streich machte, viel Stoff zum Schwatzen und Lachen. Eine arge Taktlosigkeit, eine „Eselei“, nach dem Ausdruck Goethes, dem sie großen Ärger bereitete, weil die Herzogin Luise dadurch verletzt war, bewirkte im Herbst seine plötzliche Entfernung. Er ging wieder in die oberen Rheingegenden zurück. In Schlossers Haus zu Emmendingen zeigten sich die ersten Anfälle von Wahnsinn. Geheilt, begab er sich später nach Russland und starb 1792 in Moskau, wo er zuletzt von Almosen gelebt hatte; der Stolz, der ihn einst von einer Stelle an Goethes Seite träumen ließ, war ihm auch im Elend geblieben. Im Juni erschien auch ein anderes „Genie“ der Sturm- und Drangperiode, Goethes Landsmann und Jugendfreund Klinger. Der Empfang war herzlich. „Am Montag“ [den 24. Juni], schreibt Klinger an einen Schweizer Freund, „kam ich hier an, lag an Goethes Hals, und er umfasste mich mit inniger, mit aller Liebe: „Närrischer Junge!“, und kriegte Küsse von im: „Toller Junge!“, und immer mehr Liebe. Denn er wusste kein Wort von meinem Kommen, so kannst Du denken, wie ich ihn überraschte. O, was ist von Goethe zu sagen! Ich wollte eher Sonne und Meer verschlingen! … Hier sind die Götter, hier ist der Sitz des Großen! … Glaub’ von allem nichts, was über das Leben hier geredet wird, es ist kein wahres Wort daran. Es geht alles den großen simplen Gang, und Goethe ist so groß in seinem politischen Leben, dass wir’s nicht begreifen.“ Indes konnte Goethe auf die Dauer mit Klingers Natursitte und kraftgenialischer Derbheit nicht harmonieren; Goethe sagte es ihm offen, dass seine Gegenwart ihn drücke. Im Oktober verließ Klinger Weimar und erhielt in Leipzig eine Anstellung als Theaterdichter. Unter denen, die damals nach dem neuen Musensitz wallfahrteten, treffen wir auch einen Mann der alten Schule, Vater Gleim, den Sänger Friedrichs und Beschützer deutscher Musen; er war mit Wieland innig befreundet, der früher mit dem Gedanken umgegangen war, ihn an den weimarschen Hof zu ziehen. Goethe führte sich in seine Bekanntschaft durch ein ähnliches geistreiches Inkognito ein, wie es uns von Gießen her bekannt ist. Gleim befand sich im Kreis der Herzogin Amalie und las aus einem Göttinger Musenalmanach vor. Ein junger Mann in grünem Jagdrock war inzwischen eingetreten und erbot sich ihn abzulösen. Nachdem er einiges aus dem Buch gelesen, kam der Humor der Improvisation über ihn, und der Strom genialen Witzes und neckender Satire ergoss sich im buntesten Rhythmus, so dass Gleim, der selbst im Ton der Matinées getroffen ward, endlich erstaunt aufsprang und rief: „Das ist entweder Goethe oder der Teufel!“3) An eine Berufung gealterter Zelebritäten ward jetzt in Weimar nicht gedacht. Man suchte die noch ungebrochenen jugendlichen Kräfte auf den weimarschen Boden zu verpflanzen. Goethes Anstellung war nur der Anfang. Leopold zu Stolberg war zum Kammerherrn designiert; mit Herder waren Unterhandlungen im Gang. Dass sich über diese Berufungen aus der Fremde die im Hofdienst und Aktenstaub ergrauten Beamten entsetzten, war sehr erklärlich, und die Stimmen der Unzufriedenheit über Goethes einflussreiche Stellung äußerten sich so laut, dass der Herzog für nötig hielt, folgende seine Verfahren rechtfertigende Erklärung zu den Akten zu geben, ein Kleinode edlen Fürstensinns: „Einsichtsvolle wünschen mir Glück, diesen Mann zu besitzen. Sein Kopf, sein Genie ist bekannt. Einen Mann von Genie an anderem Ort zu gebrauchen, als wo er selbst seine außerordentlichen Gaben gebrauchen kann, heißt ihn missbrauchen. Was aber den Einwand betrifft, dass durch den Eintritt viele verdiente Leute sich für zurückgesetzt erachten würden, so kenne ich erstens niemand in meiner Dienerschaft, der, meines Wissens, auf dasselbe hoffte, und zweitens werde ich nie einen Platz, welcher in so genauer Verbindung mit mir, mit dem Wohl und Wehe meiner gesamten Untertanen steht, nach Anciennetät, ich werde ihn immer nur nach Vertrauen vergeben. Das Urteil der Welt, welches vielleicht missbilligt, dass ich den Dr. Goethe in mein wichtigstes Kollegium setze, ohne dass er zuvor Amtmann, Professor, Kammerrat oder Regierungsrat war, ändert gar nichts. Die Welt urteilt nach Vorurteilen; ich aber sorge und arbeite, wie jeder andere, der seine Pflicht tun will, nicht um des Ruhmes, nicht um des Beifalls der Welt willen, sondern um mich vor Gott und meinem Gewissen rechtfertigen zu können.“ Dessen ungeachtet setzten Hass und Neid ihre Angriffe im Stillen fort, und mancherlei Klageleider und Verleumdungen, welche über Thüringens Berge hinaussummten, brachten das Weimarer Genieleben weit und breit in Verruf. Graf Görtz, Oberhofmeister der jungen Herzogin, bis er 1778 Weimar verließ, wird von Wieland namentlich beschuldigt, das weimarsche Leben in übeln Ruf gebracht zu haben. „Wegen Goethe“, schreibt er am 5. Juli an Merck, „bitte ich Sie ewig ruhig zu sein. Das Schicksal hat ihn in Affektion genommen; es ist Cäsar und sein Glück, und Ihr werdet sehen, dass er sogar in diesen Hefen der Zeit, worin wir leben, große Dinge tun und eine glänzende Rolle spielen wird. Lasst die schäbichten Kerls schwatzen. Graf Görtz rüstet sich, um auch in Eure Gegenden und nach Mainz und Mannheim zu gehen, und dort alles gegen Goethe und mich aufzuwiegeln. Der Elende! Nichts weiter von dem Geschmeiß. Kommt nur einmal und seht selbst, wie wir’s treiben; es gereut Euch gewiss nicht. Nächstens geht Goethe mit dem Herzog auf vierzehn Tage oder drei Wochen nach Ilmenau. Das erste, was er jetzt zu tun hat, ist sehen. Bis man 1777 zählt, wird ihm vom Detail unserer Sachen wenig mehr fehlen, denn er ist dahinter wie ein Feind, und dann lasst die Kerlchens kommen. Er hat bei all seiner anscheinenden und wirklichen Naturwildheit im kleinen Finger mehr conduite und savoir faire, als alle Hofschranzen … zusammengenommen in Leib’ und Seele“. Dass dies verleumderische Getreibe niedriger Kabale auch in den nächstfolgenden Jahren nicht ermüdete, lassen manche Äußerungen in Briefen aus jener Zeit schließen. Übertriebene Gerüchte von des Herzogs Neigung zum Trunk, veranlasst durch einzelne Verletzungen anständiger Sitte, drangen auch zu Klopstock und veranlassten ihn, da sich’s zugleich um die Entscheidung der Zukunft seines geliebten Stolberg handelte, zu einem derben Scheltbrief an Goethe (unterm 8. Mai), dem er es freistellte, dem Herzog denselben mitzuteilen. Der rücksichtslose Ton dieses Briefes, wenn gleich Klopstock diese Offenheit für einen Beweis von Freundschaft wollte angesehen wissen, verdiente wohl die ruhigstolze Antwort Goethes: „Verschonen Sie uns künftig mit solchen Briefen, lieber Klopstock! Sie helfen uns nichts und machen uns immer ein Paar böse Stunden. Sie fühlen selbst, dass ich darauf nichts zu antworten habe. Entweder ich müsst’ als ein Schulknabe en Pater peccavi anstimmen, oder sophistisch entschuldigen, oder als ein ehrlicher Kerl verteidigen, und käme vielleicht in der Wahrheit ein Gemisch von allen dreien heraus, und wozu? Also kein Wort mehr zwischen uns und über die Sache. Glauben Sie mir, dass mir kein Augenblick meiner Existenz übrig bliebe, wenn ich auf solche Anmahnungen antworten sollte. – Dem Herzog tat’s einen Augenblick weh, dass es ein Klopstock wäre. Er leibt und ehrt Sie; von mir wissen und fühlen Sie eben das. Leben Sie wohl. Stolberg soll immer kommen. Wir sind nicht schlimmer und, will’s Gott, besser, als er uns gesehen hat. Goethe.“ – In der erst Ende August erfolgenden Rückantwort erklärte Klopstock, dass Goethe nicht wert sei, dass er ihm diesen Beweis von Freundschaft gegeben habe. „Stolberg soll nicht kommen, wenn er mich hört, oder vielmehr, wenn er sich selbst hört.“ Bevor Goethe diesen Brief in Händen hatte, sprach er seinen Unmut über Stolbergs Benehmen in einem Briefchen an dessen Schwester aus (30. August): „Von Fritz habe ich noch keinen Brief. Der Herzog glaubt noch, er komme, und man fragt nach ihm, und ich kann nichts sagen. Lieb Gustchen, mir ist lieber für Fritz, dass er in ein wirkendes Leben kommt, als dass er sich hier in Kammerherrlichkeit abgetrieben hätte. Aber, Gustchen – er nimmt im Frühjahr den Antrag des Herzogs an, wird öffentlich erklärt, in allen unsern Etats steht sein Name, er bittet sich noch aus, den Sommer bei seinen Geschwistern zu sein, man lässt ihm alles, und nun kommt er nicht. – Und die, die man so behandelt, sind Karl August Herzog zu Sachsen, und Dein Goethe, Gustchen!“ Stolberg ging nicht nach Weimar, sondern trat in Oldenburg-Eutinische Staatsdienste. Der Bruch mit ihm und Klopstock war hiermit entschieden. Auch das liebevolle Verhältnis zu Auguste Stolberg ermattete nach und nach; nur in einigen wenigen Briefchen der nächsten Jahre zuckt das Flämmchen noch einige Mal auf, bis es erlischt. Das letzte Briefblättchen ist vom Jahr 1782. Noch einmal begrüßten sie sich auf den letzten Stufen des Lebens. Sie ward mit einem Grafen Bernstorff vermählt. Einen glücklicheren Ausgang nahmen die Unterhandlungen, welche auf Goethes Veranlassung, im Beginn des Jahres mit Herder angeknüpft waren, dem das seit mehreren Jahren erledigte Atm eines Generalsuperintendenten und Oberhofpredigers angetragen wurde. Auch dieser stand noch einige Zeit im Kampf mit sich, indem ihm zu derselben Zeit die Aussicht auf eine Göttinger Professur eröffnet war. Gegner und Nieder in Göttingen suchten seine Rechtgläubigkeit in Zweifel zu ziehen und wussten es durchzusetzen, dass von London aus auf ein gelehrtes Kolloquium gedrungen ward. Herder war Göttingen dadurch verleidet, und er knüpfte seinen unsterblichen Namen an Weimar an. Wie Herders Gattin berichtet, empfing ihn Goethe „als ein treuer liebender Freund“. Auch über diese Berufung machte man in Weimar Glossen und sprengte alberne Gerüchte aus, dass er in Stiefel und Sporen die Kanzel besteige und nicht zu predigen verstehe. Dies Weimar verdiente seine Größen nicht, und man konnte auch späterhin noch mit Recht sagen, dass es ein doppeltes Weimar gebe; das eine habe sich nie in das andere finden können und es nie verstanden. Der überraschende Eindruck von Herders Antrittspredigt am 20. Oktober ließ die misswollenden Stimmen verstummen. Sein geistliches Amt, dass er durch seine Persönlichkeit und sein wirken wieder zu Ehren bringen wollte, erschwerte ihm indes seine Stellung zum Hof, und er sah dem genialen Treiben nur aus der Ferne und mit geistlicher Strenge zu. Doch sagte sein Ernst gleich anfangs der Herzogin Luise sehr zu, und der Oberhofmeister von Görtz ward sein vertrauerter Freund. Sein starkes Selbstgefühl hatte für seine Umgebung etwas Drückendes; selbst Goethe gegenüber konnte er die hofmeisterliche Haltung, welche dieser sich früher hatte gefallen lassen, nicht vergessen. Anfangs fand daher zwischen ihnen nur geringe Berührung statt; doch folgten später wieder einige Jahre eines innigen geistigen Verkehrs. Goethe gehörte vor der Hand mehr dem Herzog, als denjenigen Freunden, welche, wie Herder, auf gleicher Höhe geistiger Kultur ihm zum Austausch ernsten Gedankenverkehrs die Hand reichen konnten. Doch, während es in den Augen der Meisten den Schein hatte, als sei er nur der Genosse seiner Vergnügungen, bewährte er sich als der einsichtsvolle Fürstenpädagoge, der seinen fürstlichen Freund durch eine sanfte, des Ziels sich stets bewusste Leitung vor den hart an seinen Wegen liegenden Abgründen bewahrte, die vielen Keime des Edeln und Großen, die in seiner Seele schlummerten, weckte und, ohne ein lästiger Mahner zu werden, ihm die Pflichten seiner hohen Stellung stets gegenwärtig hielt. Dabei beobachtete er fortwährend die zarteste Diskretion und ließ das Publikum von seinem vertrauteren Verhältnis zum Herzog nie etwas merken. In dem schönen Gedicht „Ilmenau“, das sieben Jahre später dem Geburtstag des Herzogs gewidmet ward, blickt Goethe auf die Zeit der ersten Entwicklung der jungen Fürstenseele zurück, wie auf ein Traumbild, das ein heiterer Tag verscheucht habe, und schildert uns den Fürsten in jener jugendlich brausenden Gärung:
Goethe konnte diesen leitenden Einfluss auf ihn gewinnen, weil er, was der Herzog offen von sich selbst äußerte – „ich muss mich erstaunlich wehren, meinem Herzen und den Leidenschaften nicht den Zügel zulassen“ – auch an seinen eigenen Innern erfahren und selbst aller seiner Kraft bedurft hatte, sich aus dem Strudel der Leidenschaften empor zu ringen. Auch in Weimar trat dieser Kampf ihm noch manchmal wieder nahe. Allein sobald er sich entschieden hatte, sich den Staatsgeschäften zu widmen, stand auch der Entschluss der Selbstbeherrschung bei ihm fest, und er ging dem Fürsten in praktischer Geschäftstätigkeit und in der Resignation, die sie auferlegte, mit seinem Beispiel voran.
Daher werden wir uns die Worte Knebels, der sonst nicht mit Lob freigebig ist, deuten können: „Wenn Sie den Herzog leib haben müssen, so bedenken Sie, dass ihm Goethe zwei Dritteile seiner Existenz gegeben.“ – Welche geräuschlos aufsprießenden und gedeihenden Schöpfungen aus diesen ununterbrochenen Anregungen hervorgingen, lässt uns eine Stelle in einer Festrede des Kanzlers von Müller, der hierüber besser als jeder andere zu urteilen imstande war, überblicken: „Von dem Augenblick an, da Goethe in Weimar eintraf, webten sich dicht und dichter die goldnen Fäden eines Verhältnisses, das, zu zart für die Darstellung, nur in seinen Wirkungen belauscht und betrachtet werden mag. War es dem Fürsten schon in den ersten Tagen seiner Regierung gelungen, sein Besitztum so herrlich zu erweitern, fand sein wissbegierig-tatendurstiger Geist in jeder besiegten Schwierigkeit neue Ermunterung, so mussten die Anforderungen, die er an sich selbst zu steter Auffassung und Fortbildung des Reinmenschlichen machte, sich mit jedem Jahr steigern. Ein freies Naturleben schien höchstes Gut, körperliche Abhärtung notwendige Bedingung geistiger Stärke und Wirksamkeit. Nach allen Richtungen hin wandte sich der prüfende, forschende Sinn; die Naturwissenschaften und, was dahin einschlug, wurden eifrigst betrieben, der Industrie, dem Gewerbe frische Bahn zu öffnen versucht, neue Ansichten, sinnreiche Entdeckungen verfolgt, durchprobt, in jedes Unternehmen persönliche Anstrengung verwebt, in Straßen- und Wasserbau die Elemente bekämpft, Berge und Wälder sinnenden Blickes durchstreift, besäet, befruchtet, in dunklen Schachten und gruben der Erde verborgenen Schätzen mutig nachgespürt, in heitern Gartenschöpfungen Natur und Kunst anmutig verschlungen.“ Schon bei dem ersten längeren Aufenthalt in Ilmenau, vom 18. Juli bis um die Mitte des Augusts 1776, ward von Goethe der Plan angeregt, das alte Bergwerk wieder in Gang zu bringen. Dieser schöne „entfernte Winkel des Landes“, welcher durch das Eingehen des Bergwerks, durch häufige Feuersbrünste und andere Unfälle sehr verarmt war, gewann seitdem seine besondere Liebe und Fürsorge; er kehrte oft, wenn er sich aus dem Zwang des Hof- und Geschäftslebens hinaussehnte, in dies stille, anmutige Tal zurück, in welchem die Muse der Poesie ihm zwischen Wald bewachsenen Höhen gern und willig begegnete. Der Herzog entschädigte sich hier ebenfalls für den Druck der „spanischen Stiefeln“ des Hofes durch die Freuden der Jagd und freudiges Naturleben, oft mit unersättlichem Ungestüm; die abenteuerlichen Fahrten von Stutzerbach, einem im Wald gelegenen Dorf, wurden in ein besonderes Tagebuch eingetragen, worin jeder der Teilnehmer abwechselnd eine Seite schrieb. Wie weit man in dieser Ungebundenheit sich manchmal vergessen mochte, darauf deutet der Widerwille hin, den Goethe einige Jahre später bei Erinnerung jener Szenen empfand4). Das Glück der Weltvergessenheit, welche die Freunde damals mit dem Worte „Dumpfheit“ zu bezeichnen pflegten, lassen uns die tief gefühlten, „dem Schicksal“ überschriebenen, Zeilen, welche Goethe am 3. August 1776 in Ilmenau, Morgens während des Zeichnens, niederschrieb, nachempfinden:
Die Schönheit der Gebirgsgegend trieb ihn wieder zum Zeichnen, und selbst auf Jagden führte er sein Portefeuille mit sich. Auch Maler Kraus war in Gesellschaft des Herzogs dort. Doch meint Goethe aufs Neue einzusehen, dass er kein Künstler werde, indem ihm manchmal „der malerischste Fleck nicht geriete, während etwas ganz Gemeines freundlich und lieblich werde.“ Auch ein neuer dramatischer Entwurf „der Falke“ beschäftigte ihn. Er scheint durch die Erinnerung an Lili hervorgerufen zu sein. Einige Wochen vor der Ilmenauer Exkursion hatte er die Nachricht von ihrer Verlobung mit Herrn von Türkheim, Inhaber eines Straßburger Bankiergeschäfts, erhalten, welcher schon während ihrer Bekanntschaft mit Goethe um ihre Hand geworben hatte. Wir haben eine Äußerung des Dichters, dass „seine Giovanna viel von Lili haben werde.“ Näheres ist uns über dies Drama, das bald hernach aufgegeben ward, nicht bekannt. Wenn wir mit diesem ruhigen Versenken in den Genuss des eigenen Selbst, in den stillen Reiz der Natur das gleichzeitige an Merck gerichtete Selbstbekenntnis, „dass er viel auszustehen gehabt habe, dadurch nun auch ganz in sich gekehrt sei“, zusammengehalten, so kann es uns nicht befremden, dass schon damals die Idee der Iphigenie auf Tauris in seiner Seele aufging. Den Grundzug zu diesem Seelengemälde, die durch Resignation errungene Beruhigung eines Abkömmlings des wilden Titanengeschlechts, fand er in seinem eigenen Innern; auch er hatte dem Titanentreiben sich entwunden, auch er konnte jetzt von sich sagen, er sei „von fremden Zonen herverschlagen und durch die Freundschaft fest gebannt“ (im Gedicht „Ilmenau“). Zugleich sah er dies Bild sanft ergebener Resignation von einer schönen, weiblichen Seele zurückgespiegelt. Die junge Herzogin, „in Gestalt und Wesen eines Engels“, aber nicht von so leichtem poetischen Sinn, wie Amalia, um mit Lust und Laune auf das heitere Spiel des Lebens einzugehen, fand sich in dem weimarschen Hofleben nicht heimisch und sah manchen Exzentrizitäten, die von der Bahn strenger Fürstensitte, in der sie erzogen war, abschweiften, mit stillem Schmerz zu, wenn sie gleich mit fürstlicher Hoheit ihren Unmut verbarg und unterdrückte. Goethe fühlte mit ihr und wirkte mit unablässigem Bemühen dahin, sie mit den neuen Verhältnissen zu versöhnen. Auch mit ihrem Bruder, dem Erbprinzen von Hessen-Darmstadt, der gegen den September zum Besuch nach Weimar kam – „eine große, feste, treue Natur mit einer geraden tüchtigen Existenz“ – ward er innig befreundet. Durch dies vertrauliche Anschließen an die Glieder der fürstlichen Familie ward es ihm möglich, dem Glück der beiden Gatten die Fürsorge eines treuen Freundes zu widmen. Mit der Zuversicht des Gelingens schreibt er an Lavater (16. September): „Wegen Karl und Luise sei ruhig; wo die Götter nicht ihr Possenspiel mit den Menschen reiben, sollen sie doch noch eines der glücklichsten Paare werden, wie sie eines der besten sind.“ Er sah diese Hoffnung mehr und mehr in Erfüllung gehen. Zu dramatischen Arbeiten fand Goethe noch eine äußere Anregung in den Bedürfnissen des Liebhabertheaters, das er bald nach seiner Ankunft in Weimar begründete und viele Jahre hindurch mit großer Tätigkeit leitete, bis aufs neue eine öffentliche Bühne errichtet wurde. Durch jene Privatbühne ward die dramatische Kunst und der Genuss an theatralischen Vorstellungen aufs engste mit den Vergnügungen des Hofes in Verbindung gebracht und die Poesie unmittelbar ins Leben eingeführt. Als Schauplatz diente ein Teil der herzoglichen Wohnung, seit 1779 der Redoutensaal, im Sommer auch ein Saal des Ettersburger Schlosses. Manche Aufführungen fanden auf freier Waldbühne zu Belvedere, Tiefurt oder Ettersburg statt. Alles, was Talent hatte, wurde zur Mitwirkung bei diesen Vorstellungen herbeigezogen und folgte gern dem lockenden Schimmer der Hoffeste und der davon ausgehenden Auszeichnung, zumal da selbst der Herzog und Prinz Constantin in mehreren Fällen eine geeignete Rolle übernahmen. Goethe erntete sowohl in Heldenrollen als in komischen Partien großen Beifall, besonders schien er in humoristischen Rollen unübertrefflich. In diesen zeichnete auch Einsiedel sich aus. Knebel glänzte mit seiner kräftigen Gestalt und seinem voll klingenden Organ in rollen, welche Pathos und Würde erforderten. Die bedeutendsten weiblichen Rollen fielen Corona Schröter zu, welche durch ihre schöne anmutige Gestalt, so wie durch ihr vielseitiges, künstlerisches Talent ihr Publikum stets zur Bewunderung hinriss. Mitglieder der herzoglichen Kapelle, denen sich Dilettanten anschlossen, bestritten die Musik. Kraus malte Dekorationen und Kostüme, wobei ihn Goethes erfinderischer Geist und Amalies künstlerischer Fleiß unterstützten; in wichtigen Fällen ward auch Oeser herbeigeholt. Dem unermüdlichen Maschinisten Mieding hat Goethe in dem Gedicht „auf Miedings Tod“ (1782) ein schönes Denkmal gesetzt, auf das die Hand des Dichters einen zierlich geflochtenen Kranz der Liebe und Anerkennung für Corona Schröter legte. Mehrere der Stücke, die man zur Aufführung brachte, wurden von den weimarschen Dichtern verfasst. Am fleißigsten waren Einsiedel und Seckendorf, welcher Poet und Komponist in einer Person war. Auch wurden extemporierte Stücke versucht, zu denen vorher nur der Plan entworfen wurde. Goethe ließ im Herbst 1776 seine ‚Mitschuldigen’ aufführen, worin er den Alcest, Corona die Sophie spielte. Für die anmutige Amalie Kotzebue, die Schwester des bekannten Dichters, welche sich zu der Übernahme zweideutiger Liebhaberinnenrollen nicht hatte verstehen wollen, schrieb Goethe das kleine Familiendrama ‚die Geschwister’, worin er als Wilhelm, sie als Marianne auftrat. Eine andere Beziehung zu ihr, als diese äußere Veranlassung, hat schwerlich stattgefunden. Das Stück erinnert vielmehr an das Verhältnis Goethes zu seiner Schwester Cornelia, dessen leidenschaftliche Zärtlichkeit die äußersten Grenzen der Geschwisterleibe berührte. Das sittlich Bedenkliche, welches in der hier vorgeführten Handlung von dem Überschreiten dieser Grenzen und dem Übergang zu leidenschaftlicher Annäherung unzertrennlich ist, hat der Dichter mit ebenso großer Zartheit als psychologischer Feinheit behandelt. Die Zeichnung ist klarer und sicherer, als in der sentimental zerfließenden Stella. Goethe ist schon auf dem Weg, sich von den Fehlern des letzten Frankfurters Jahres loszumachen, und nur, wer die Chronologie so durcheinander wirft, dass er ihn Erwin, Claudine und Stella zur Unterhaltung des Weimarer Hofes abfassen lässt, kann behaupten, seine Poesie sei in Weimar von ihrer Höhe herab gegangen. Ein zweites Stück, Lila, ward auf der Reise nach Leipzig und Dessau begonnen, welche Goethe und den Herzog den größten Teil des Dezembers von Weimar fern heilt. Es war bestimmt, die Herzogin Luise zu ihrem Geburtstag (30. Januar) zu erfreuen. Die Grundidee dieses Singspiels ist die homöopathische Heilung einer Gemütskrankheit und gibt ein neues Zeugnis, wie Goethe aus dem Phantastischen ins Reale hinüberstrebt. Es gilt hier, ein durch Phantasiegebilde zerrüttetes Gemüt dadurch zu heilen, dass ihm das Wirkliche phantastisch gegenübertritt, bis es dieses wieder erkennt und mit Liebe umfasst. Dies Süjet gab zugleich Gelegenheit, durch feenartigen Pomp das Auge zu ergötzen und einen Bühnenglanz zu entfalten, welcher der Bedeutung des festlichen Tages angemessen war. Dem Drama ist erst durch spätere Umarbeitung (1778) die Form gegeben, in der wir es besitzen; nur die Lieder aus Lila wurden damals gedruckt. Um dieselbe Zeit5) verfasste Goethe auch das Monodrama Proserpina. In einer edlen, in effektvollen Übergängen vom Tragischen zum Elegischen sich bewegenden, im schönsten Rhythmus dahinschwebenden Sprache schildert die kurz zuvor von Pluto geraubte Proserpina ihren Schmerz, ihre Sehnsucht nach der Oberwelt, ihre Hoffnung und die durch den verhängnisvollen Genuss des Granatapfels herbeigeführte Täuschung. Die erhabene Dichtung verdiente nicht, dass Goethe sie später in den „Triumph der Empfindsamkeit“ einschaltete, wo ihre Wirkung vernichtet wurde. Goethe fand damals an diesen rhetorischen Monodramen Gefallen und entwarf bald darauf noch ein zweites: „Nero, wie er vor dem Volk agiert und während dessen die Nachricht von einer Verschwörung erhält“; doch wurde dies nicht ausgeführt. Daneben waren Ballette und Redoutenaufzüge zu arrangieren. Jedoch mitten „in anhaltendem Reiben und Treiben des Lebens“ stärkte er sich in gesunder Einsicht in das Wesen der Sachen und schaute mit klarem Blick zurück und vorwärts. Am Eingang des neuen Jahres 1777 steht sein Bekenntnis an Lavater (8. Januar): „Es mag so lange währen, als es will, so habe ich doch ein Musterstückchen des bunten Treibens der Welt recht herzlich mitgenossen. Verdruss, Hoffnung, Liebe, Arbeit, Not, Abenteuer, Langeweile, Hass, Albernheiten, Torheit, Freude, Erwartetes und Unversehens, Flaches und Tiefes, wie die Würfel fallen, mit Festen, Tänzen, Schellen, Seide und Flitter ausstaffiert; es ist eine treffliche Wirtschaft. Und bei allem, lieber Bruder, Gott sei Dank, in mir und meinen wahren Endzwecken ganz glücklich. Ich habe keine Wünsche, als die ich wirklich mit schönem Wanderschritt mir entgegenkommen sehe.“ 1) Vgl. zu dem Folgenden: W. Wachsmuth, Weimars Musenhof in den Jahren 1772 bis 1807, Berlin, 1844. Riemer’s Mitteilungen über Goethe, Berlin 1841. 2 Bde. 2) Über den Aufenthalt in Waldeck s. Düntzers Aufsatz „Goethe in Waldeck“ in Herrigs und Viehoffs Archiv III. 1. S. 237 f. 3) Diese Anekdote erzählt Falk in seinem Buch: Goethe aus näherem persönlichen Umgang dargestellt, 1832 (2. A. 1836), einer Schrift, die übrigens ebenso unzuverlässig ist, wie Böttigers Literarische Zustände etc. 2 Bde. 1838. 4) 64) Am 2. Juli 1781 schrieb Goethe aus Ilmenau an Charlotte von Stein: „Ich sehen mich recht von hier weg. Die Geister der alten Zeiten lassen mir hier keine frohe Stunde. Ich habe keinen Berg besteigen mögen, die unangenehmen Erinnerungen haben alles befleckt.“ 5) 65) Es ist nicht glaublich, was Riemer berichtet, dass Proserpina zum Geburtstag der Herzogin Luise gedichtet worden sei. Die Stelle aus Goethes Brief an Oeser, von dem er den Prospekt eines Parks für sein „neues Stück“ zu erhalten wünscht, ist unstreitig auf Lila zu beziehen. Es wäre doch unzart gewesen, zur Feier des Geburtstags der jungen Herzogin, die sich in die neuen Verhältnisse noch nicht finden gelernt hatte, die geraubte Proserpina vorzuführen, welche ihr Geschick bejammert, das sie von dem Ort der Freude und aus dem Kreis ihrer Gespielinnen zu der Einsamkeit des Tartarus verdammt hat, und den Zuruf der Parzen: „Du bist unser“, mit Ausbrüchen des Abscheus und Hasses gegen ihren Gemahl und ihre neue Umgebung erwidert. |
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