Johann Wolfgang von Goethe @ www.Wissen-im-Netz.info
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   Literatur
      Johann Wolfgang von Goethe
         Biografien
            Schaefer - Goethes Leben
               Inhalt
               Erster Band
                  Vorrede
                  Kindheit und Jugend
                     1749 - 1765
                     1765 - 1768
                     1768 - 1771
                     1771 - 1773
                     1744
                     1775
                  Weimarsche Lehrjahre
                     1776
                     1777, 1778
                     1779
                     1780, 1781
                     1782
                     1783 - 1786
               Zweiter Band
                  Widmung
                  Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche
                     1786 - 1788
                     1788 - 1791
                     1792, 1793
                     1794 - 1796
                     1797 - 1799
                     1799 - 1805
                  Goethe im Alter
                     1806 - 1813
                     1813 - 1819
                     1820 - 1825
                     1826 - 1832
                  Beilagen
                     I. Charlotte von Stein
                     II. Rede weißer Falkenordens
                     III. Vermächtnis j. Nachwelt
                  Schlusswort

6. Kapitel: 1775

   Eines abends – es war in den letzten Tagen des Jahres 1774 – wurde Goethe von einem Freund aufgefordert, ein kleines Konzept zu besuchen, welches in einem angesehenen reformierten Handlungshaus gegeben wurde1). Frau Schönemann, eine geborne d’Orville, welche nach dem Tod ihres Mannes das Bankiergeschäft fortsetzte, machte ein glänzendes Haus, mehr freilich, als der Zustand des Geschäfts zu gestatten schien. Jeden Abend wurde empfangen, und wer sich einmal hatte einführen lassen, war als Freund des Hauses stets willkommen. Eben war Goethe in das geräumige Wohnzimmer eingetreten, als sich die einzige Tochter des Hauses, Lili (Elisabeth), welche, damals in ihrem siebzehnten Jahr, die geselligen Zirkel ihres Hauses durch ihre Anmut und ihre vielseitig ausgebildeten Talente vornehmlich belebte, an den Flügel setze und eine Sonate mit großer Fertigkeit spielte. Goethe stand am untern Ende des Flügels; sein Blick ruhte auf der anmutigen Gestalt und der kindlichen Liebenswürdigkeit ihres ganzen Wesens. Nach geendigtem Spiel trat sie zu ihm; doch konnten sie nur flüchtig sich begrüßen, da ein Quartett schon angegangen war. Am Schluss wandte er sich zu ihr und sprach seine Freude aus, dass die erste Bekanntschaft ihn auch zugleich mit ihrem Talent bekannt gemacht habe. Sie wusste seine Worte artig zu erwidern, und so blieben sie in ihren Stellungen lange einander gegenüber, und von Auge zu Auge fand die Liebe ihren Weg zu den Herzen. Da der Eintritt des liebenswürdigen Dichters zu dem Glanz der Soireen nicht wenig beitrug, so hatte die Mutter die Aufmerksamkeit, ihm beim Abschied die Hoffnung zu erkennen zu geben, ihn blad wieder zu sehen, und die Tochter schien mit einiger Freundlichkeit einzustimmen. Goethe versäumte nicht, seine Besuche zu wiederholen. Vertrautere Unterhaltungen wurden gepflogen, ohne dass sich schon zunächst ein leidenschaftliches Verhältnis daraus entspann.

   Je mehr diese Gespräche sich zu dem tieferen Gehalt des Lebens wandten, desto offener schlossen sich die Seelen gegenseitig auf. In einer ruhigen Stunde erzählte ihm Lili mit kindlicher, vertrauensvoller Offenheit die Geschichte ihrer Jugend, so wie der häuslichen und geselligen Verhältnisse, in denen sie aufgewachsen war. Sie stellte dabei nicht in Abrede, dass sie einen Hang zu gefallen und anzuziehen an sich bemerkt habe, setzte aber mit eben der anmutigen Offenheit hinzu, dass sie diesen auch gegen ihn geübt habe, jedoch bestraft worden sei, indem sie auch von ihm angezogen worden sei. Durch diese Bekenntnisse, die der Ausdruck einer reinen Natur waren, machte sie sich ihn ganz zu eigen. Sie zu sehen, mit ihr sich zu unterhalten, ward ihm bald zum Bedürfnis. Aber hier war kein ländliches Idyll möglich, wo die Liebenden sich selbst die Welt sein konnten. Er musste ihre Nähe in dem geselligen Kreis des Hauses suchen, wo er sie mit jungen und alten Verehrern teilen musste, und manche Hoffnung auf schöne Augenblicke ward durch die Dazwischenkunft anderer vereitelt. Selbst Lilis Brüder, welche von Anfang an dieser Verbindung nicht günstig waren, machten manche Verabredungen der Liebenden zunichte. „Sie fragen mich, ob ich glücklich bin?“ – schließt der erste Brief an Auguste Stolberg – „Ja, meine Beste, ich bin’s, und wenn ich’s nicht bin, so wohnt wenigstens all das tiefe Gefühl von Freud und Leid in mir.“ Dieses Thema führen die Lieder ‚Neue Liebe, neues Leben’ und ‚An Belinden’ mit dem tiefsten Ausdruck der Empfindung aus.

   Den erregten Seelenzustand, in den er plötzlich versetzt war, schildert uns unvergleichlich treffend ein Brief an Auguste Stolberg vom 13. Februar: „Wenn Sie sich einen Goethe vorstellen können, der im gallonierten Rock, sonst von Kopf zu Fuß auch in leidlich konsistenter Galanterie, umleuchte vom unbedeutenden Prachtglanz der Wandleuchter und Kronenleuchter, mitten unter allerlei Leuten von ein Paar schönen Augen am Spieltisch gehalten wird, der in abwechselnder Zerstreuung aus der Gesellschaft ins Konzert, und von da auf den Ball getrieben wird, und mit allem Interesse des Leichtsinns einer niedlichen Blondine den Hof macht: So haben Sie den gegenwärtigen Fastnachts-Goethe … Aber nun gibt’s noch einen, der … in der streichenden Februarsluft schon den Frühling ahnt, dem nun blad seine liebe weite Welt wieder geöffnet wird, der immer in sich lebend, strebend und arbeitend, blad die unschuldigen Gefühle der Jugend in kleinen Gedichten, das kräftige Gewürz des Lebens in mancherlei Dramas, die Gestalten seiner Freunde und seiner Gegenden und seines geliebten Hausrats mit Kreide auf grauem Papier nach seiner Maße auszudrücken sucht, weder rechts noch links fragt, was von dem gehalten werde, was er machte, weil er arbeitend immer gleich eine Stufe höher steigt, weil er nach keinem Ideal springen, sondern seine Gefühle sich zu Fähigkeiten, kämpfend und spielend, entwickeln lassen will: Das ist der, dem Sie nicht aus dem Sinn kommen …, dessen größte Glückseligkeit ist, mit den besten Menschen seiner Zeit zu leben.“

   In diese Tage des neu erblühenden Liebesglücks fiel auch das Wiedersehen seines damals so heiß geliebten Jacobi, der auf seiner Reise nach Karlsruhe den größten Teil des Januars in Frankfurt verweilte. Im Februar kam auch Jung, um dort eine Staroperation vorzunehmen. Goethes Eltern boten ihm während seines Aufenthalts den Tisch an und mieteten ihm in ihrer Nachbarschaft ein Zimmer. Doch die gedrückte Stimmung des durch häusliches Elend verkümmerten Freundes, mochten gleich Goethe und seine Eltern alles tun, ihn aufzurichten, endlich sein an Verzweiflung grenzender Missmut, als die Kur einen unglücklichen Ausgang hatte, alles dies ließ von den Tagen dieses Beisammenseins nur trübe Eindrücke zurück.

   Während der heiteren Fastnachtszeit, wo der junge Dichter auf Bällen und in vornehmen Soireen durch die Nähe der Geleibten beglückt ward, stand die Liebe zu Lili in vollstem Frühlingsglanz. Auch die Poesie pflückte sich davon einen „Strauß“, den er „Belinden“ widmete, das Singspiel ‚Erwin und Elmire’; die Lieder „Ein Veilchen auf der Wiese stand“ – „Ein Schauspiel für Götter zwei Liebende zu sehn“ – „Ihr verblüht, süße Rosen“ sind darin unvergängliche, zarte Blüten. Wer dies kleine Drama in seiner älteren Form liest, wird erkennen, in welch innigem Zusammenhang es mit dem Verhältnis zu Lili und ihrer Familie steht. Die scharfe Kritik der modernen Mädchenerziehung, die Schilderung des treu liebenden Erwin, der bescheiden vor dem Schwarm „unleidlicher eitler Verehrer“, „übertünchter Windbeutel“ zurücktritt, dem für seine Liebe nur mit Kaltsinn gelohnt wird, – das zertretene Veilchen –, bis zuletzt durch die Reue und Liebe des Mädchens und Bernardos Vermittlung alles ins Gleiche gebracht wird, alles das war der nächsten Gegenwart entnommen, und scherzend setzte daher der Dichter auf den Titel: Die Szene ist nicht in Spanien.

   Auch das „Schauspiel für Liebende“, Stella, ward gegen das Frühjahr mitten unter diesem Schwanken und Wogen der Liebesneigungen, wahrscheinlich eben so rasch, wie Clavigo, niedergeschrieben. Obgleich es durch seinen Inhalt an die bekannte Geschichte des Grafen von Gleichen, des Gatten zweier Frauen, erinnert, so schöpfte doch Goethe die nächste Veranlassung aus seinem eigenen Leben, das ihm Stoff genug bot, über den Wankelmut der Neigungen und den Konflikt, in den er gerät, welcher mehreren Geliebten Ansprüche auf sein Herz gibt, nachzudenken. Das Stück, welches erst im Beginn des nächsten Jahres veröffentlicht wurde, gab Anstoß, weil es, wie „Werthers Leiden“ den Selbstmord, so die Bigamie in Schutz zu nehmen schien. Daher wurde später statt des anfänglichen Schlusses, der die Lösung des Knotens dadurch herbeiführt, dass die beiden Frauen sich in den Besitz Fernandos zu teilen bereit sind, eine tragische Katastrophe beliebt, so dass dieser dem Konflikt durch einen Pistolenschuss ein Ende macht. Es ist dies Drama insofern ein Pendant zum Werther, als es den Leibesenthusiasmus einer weiblichen Seele mit allem lyrischen Schwung einer sentimentalen Sprache malt.

   Es war unserm Dichter die Herausgabe seiner Poesien durch das Werthergeträtsch so verleidet worden, dass er fest entschlossen war, sie „dem Publikum nicht auf die Nase zu hängen.“ Dieser Verdruss wurde nicht wenig vermehrt, als ihm Wagner den übel berechneten Dienst erwies, die Gegner des Wertherromans in einer Posse „Prometheus, Deukalion und seine Rezensenten“ abzufertigen. Da die satirische Derbheit und die Hans-Sachsische Form des Goetheschen Fastnachtsspiels glücklich und mit Witz kopiert war, so wurde Goethe von den meisten, selbst von Freunden wie Herder und Merck, für den Verfasser gehalten, was ihm umso unangenehmer war, als darin Wieland, mit dem er sich eben erst durch Knebels Vermittlung ausgesöhnt hatte, und Georg Jacobi, dem er befreundet war, nicht geschont wurden. Goethe ließ daher am 9. April folgende Erklärung drucken: „Nicht ich, sondern Heinrich Leopold Wagner hat den Prometheus gemacht und drucken lassen, ohne mein Zutun, ohne mein Wissen. Mir war’s, wie meinen Freunden und dem Publikum, ein Rätsel, wer meine Manier, in der ich manchmal Scherz zu treiben pflege, so nachahmen und von gewissen Anekdoten unterrichtet sein konnte, ehe sich mir der Verfasser vor wenig Tagen entdeckte. Ich glaube diese Erklärung denen schuldig zu sein, die mich lieben und mir aufs Wort glauben.“ Diese Erklärung sandte er auch an Knebel, weil er wünschen musste, dass sie durch ihn Wieland und dem Herzog bekannt werde. Es ist schwer zu begreifen, dass dessen ungeachtet nicht nur damals, sondern noch in neuester Zeit manche diese Posse, wenigstens der Sache und dem Inhalt nach, für Goethes Werk haben halten können. Im August erschien als Erwiderung die Spottschrift „Menschen, Tiere und Goethe“, deren Verfasser zweifelhaft ist2).

   Das Singspiel ‚Erwin und Elmire’ erschien im Märzheft der Iris, einer von Georg Jacobi herausgegebenen Zeitschrift. Die Komposition der Gesangstücke übernahm der damals sehr geschätzte Liederkomponist Johann André zu Offenbach, der daselbst einer Seidenfabrik vorstand, bis er sie 1777 aufgab, um ganz der Musik, die er bis dahin als Dilettant getrieben hatte, leben zu können. Da auch Lilis Oheim, Bernhard, und ein d’Orville, ein naher Verwandter, vielleicht Bruder ihrer Mutter, in Offenbach lebten, so kam auch sie oft herüber, und die Liebenden genossen sich dort in den glücklichsten Stunden, da der Oheim ihrer Verbindung mit Goethe begünstigte. André, in dessen Haus Goethe während seiner Besuche in Offenbach wohnte, belebte die Abende durch den Vortrag seiner Kompositionen und ließ sich oft bis nach Mitternacht durch Goethe und Lili ans Klavier fesseln. Bald kamen die schönen Frühlingstage heran und lockten ins Freie, wo die heiteren Abende oft zu verlängtertem Beisammensein Gelegenheit gaben. „Gebe Ihnen der gute Vater im Himmel viel mutige, frohe Stunden“ – so schließt ein Brief an die Freundin Stolberg – „wie ich deren oft hab’, und dann lass die Dämmerung kommen, tränenvoll und selig – Amen!“

   Die Seelen der Liebenden waren einig. Auch das letzte Hindernis schien leichter, als sie erwartet hatten, hinweggeräumt zu werden. Eine vertraute Freundin Lilis, welche in Heidelberg einem Handelsgeschäft vorstand und mit dem Schönemannschen Haus in Geschäftsverbindung war, Fräulein Delf, kam ungefähr zur Osterzeit nach Frankfurt. Entschlossenen Charakters, wie sie war, übernahm sie die Vermittelung bei den beiderseitigen Familien und erlangte die Einwilligung der Eltern. Eines Abends trat sie zu dem jungen Paar ein mit den Worten: „Gebt Euch die Hände!“ Goethe reichte seine Hand dar, Lili legte die ihre, zwar nicht zaudernd, aber langsam hinein. Nach tiefem Atemholen fielen sie einander, lebhaft bewegt, in die Arme. Über die Gegenwart hinaus flog jetzt der Blick und gab der Liebe den Ernst der Zukunft. Nicht bloß schön und anmutig erschien die Geleibte; auch der Wert ihres Charakters, die Sicherheit in sich selbst, ihre Zuverlässigkeit in allem gab ihm eine Bürgschaft für das, was sie ihm als Lebensgefährtin sein werde.

   Noch folgten heitere Tage, frohe Feste. An einem der Tage des Aprils (Goethes Erzählung verlegt irrig den ganzen Vorgang auf Lilis Geburtstag, den 23. Juni) veranstalteten die Offenbacher Verwandten eine Verlobungsfeier, zu welcher mehrere Freunde geladen waren. Lili sollte zum Mittag hinauskommen. Abends zuvor ließ sie ihrem Bräutigam melden, sie könne zum Mittag ihre Gegenwart nicht möglich machen, sondern werde erst Abends erscheinen. Um dem Fest die gute Laune zu erhalten, welche diese unwillkommene Vereitlung der Erwartungen zu zerstören drohte, schrieb Goethe mitten in der Nacht „ein jammervolles Familienstück: Sie kommt nicht!“, worin erst die heitere Anordnung des Festes, dann die durch das Ausbleiben der Hauptperson eintretende Störung unter charakteristischer Schilderung der einzelnen anwesenden Freunde dramatisiert wurde. Dadurch war die Heiterkeit beim Mittagsmahl einigermaßen hergestellt. Lili war, als sie abends eintrat, nicht wenig betroffen und verwundert, von so lustigen Gesichtern bewillkommnt zu werden. Man erzählte ihr, was vorgefallen, und „sie, nach ihrer lieben und süßen Art, dankte mir, wie sie allein nur konnte.“

   Diese kleine Dichtung ist verloren gegangen. Goethe begann darauf ein zweites Singspiel, ‚Claudine von Villa Bella’, welches wahrscheinlich (es eröffne Tisch mit der Feier von Claudines Geburtstag) die Bestimmung hatte, Lili an ihrem Geburtstag zu erfreuen; er war gegen den Anfang des Juni mit dieser Dichtung fertig, Ihr Geburtstag fiel indes in die Zeit der Trennung.

   Bald nach ihrer Verlobung stiegen schon die Wolken auf, die sich allmählich mehr und mehr über den Liebenden zusammenzogen. Die Familien hatten sich ungeachtet des Verlöbnisses nicht genähert; keine von beiden war der Verbindung hold, und es wurden bald von beiden Seiten Versuche gemacht, sie wieder aufzulösen, so dass man zweifeln möchte, ob sie durch Fräulein Delf erlangte Einwilligung aufrichtig gemeint und förmlich erteilt worden sei. Das Schönemannsche Haus wünschte für die Tochter eine reichere Partie, weil die Vermögensverhältnisse, wie der bald nachher erfolgte Sturz des Hauses bewies, nicht so glänzend waren, wie der äußere Schein vermuten ließ. Goethes Vater, der übrigens damals mit dem Sohn in ein herzlicheres Verhältnis getreten war, als in den früheren Jahren, war zwar einer ehelichen Verbindung desselben nicht abgeneigt; allein er hätte lieber jenes Mädchen von einfacher bürgerlicher Erziehung, dem wir die Anregung zum Clavigo verdanken, in sein Haus aufgenommen. Für eine Staatsdame, wie er Lili nannte, schien ihm seine Haushaltung nicht berechnet zu sein. Goethe selbst hatte noch nicht eine so ausgebreitete Geschäftstätigkeit, um selbst ein Haus machen zu können; vielmehr hatte der Vater, erfreut über des Sohnes Dichterruhm, ihm für seine poetische Arbeiten möglichst freie Zeit zu verschaffen gesucht, indem er einen teil der Geschäfte selbst besorgte und einen gewandten, rechtskundigen Schreiber zur Führung eines Teils derselben ins Haus nahm. Auch die Religionsverschiedenheit, indem Lili der reformierten Kirche angehörte, erregte Bedenken.

   Ob sich zwischen den Verlobten schon damals einige Differenzen hervortaten, indem man sich, wie Goethe bemerkt, nicht lange auf der Höhe der Gefühle erhält? Ob die in einem leicht hingehauchten Liedchen in Claudine ausgesprochene Frage: „Warum zärtliche Seelen einsam und stumm immer sich quälen, selbst sich betrügen und ihr Vergnügen immer nur suchen, da wo es nicht ist“, ob diese eine Hindeutung auf Stunden der Missstimmung enthält? Wer vermag bei der Verworrenheit und Ungenauigkeit der von Goethe gegebenen Darstellung, die das Spätere mit dem Früheren vermengt, dies zu bestimmen! So viel sehen wir aus einem Brief an Auguste Stolberg vom 15. April, dass er „in wunderbarer Spannung“ war, die ihn zu allen Geschäften unfähig machte; „wenn ich wieder munter werde“, schließt er, „sollen Sie auch Ihr Teil davon haben; lassen Sie nur meine Briefe sich nicht fatal werden, wie ich mir selbst bin, da ich schreibe; ich meine alle Falten des Gesichts druckten sich d’rin ab.“ Er sah es daher als eine günstige Fügung des Himmels an, dass zu seinem Trost gerade jetzt ihm der Besuch der Grafen Stolberg angekündigt ward. Diese wollten im Mai in Frankfurt mit ihrem Freund Graf Haugwitz, der von Paris kam, zusammentreffen, um mit ihm eine Reise durch die Schweiz zu machen. Goethe empfing sie mit großer Freude, und da der briefliche Verkehr schon ein herzliches Verhältnis eingeleitet hatte, so war schnell der Bund der Freundschaft geschlossen. Da es wünschenswert schien, dass Goethe auf einige Zeit den misslichen Familienverhältnissen aus dem Weg gehe und sich aus dem peinlichen Gemütszustand, in den ihn die Störung des Verhältnisses zu Lili versetzt hatte, herausreiße, entschloss er sich auf Zureden des Vaters, sich ihnen als Reisegefährte zuzugesellen. Seine Absicht war dabei noch nicht, das Band, das ihn an Lili knüpfte, durch eine plötzliche Abreise, ohne von ihr Abschied zu nehmen, rücksichtslos zu zerreißen; seine Erzählung wird widerlegt durch eine ausdrückliche Äußerung in einem Tagebuchsblatt3) vom 30. Oktober: „Das erste Mal schied ich noch hoffnungsvoll, unsere Schicksale zu verbinden.“

   Während des Aufenthalts der Stolberge in Frankfurt waren die Freunde meistens im Goetheschen Haus zu Tisch. Besonders wusste die Mutter in die heitere Laune der Jünglinge einzustimmen und ließ sich’s gern gefallen, in dem jugendfrohen Kreis als Frau Aja zu gelten, eine zutrauliche Benennung, mit der man später selbst im weimarschen Hofzirkel ihre Liebenswürdigkeit ehrte4). Goethe machte mit seinen Freunden einen Ausflug nach Darmstadt, wo sie mit Merck zusammentrafen. Diesem missfiel der neue Freundschaftsbund. „Dein Bestreben“, sagte er, „deine unabdenkbare Richtung ist, dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben; die andern suchen das so genannte Poetische, das Imaginative zu verwirklichen, und das gibt nichts als dummes Zeug.“ Auch dass er mit ihnen ziehe, nannte Merck einen dummen Streich und meinte, er werde nicht lange bei ihnen bleiben. So berichtet Goethe – fünfzig Jahre später. Es ist jedoch unstreitig in seiner Schilderung der Stolberge viel Übertreibung, so dass die Äußerungen, die er Merck in den Mund legte, zweifelhaft werden, zumal da dieser nach anderer Seite sich damals freundlich und anerkennend über sie aussprach. Auch Goethe war noch in der Periode, wo er gern „tollte mit tollen dämonisch genialen wilden“ Jünglingen. Ihn scheint weiterhin mehr das anmaßende adelsstolze Benehmen des jüngeren Stolberg, als ihre Natursitten, das Baden im Freien, das Zerschellen der Trinkgläser, aus denen auf das Wohl der Geleibten getrunken war, der Durst nach Tyrannenblut und was dergleichen Exzentrizitäten mehr waren, von ihnen entfernt zu haben. Die Briefe an die Schwester lassen nicht zweifeln, dass ein herzliches Wohlwollen dennoch vorwaltete, bis Vorgänge anderer Art im nächsten Jahr das Band lockerten.

   Um die Mitte des Mais trat Goethe mit seinen Freunden die Reise nach dem Süden an. Des Vaters Wunsch war, dass er sie bis nach Italien ausdehnen möge. In Karlsruhe traf er Karl August und Luise. Sie versicherten ihm wiederholt, dass es ihnen angenehm sein werde, ihn bald in Weimar zu sehen. Schmerzliche Eindrücke nahm er von Emmendingen mit sich, wo seine Schwester freudenleere Tage lebte, da sie den Gatten nicht zu beglücken vermochte, und der kleine Wohnort, an den sie wider Erwarten auf lange gebannt schien, ihr keinen Ersatz für das, was sie in der Vaterstadt verlassen hatte, gewähren konnte5). Die Unterhaltung mit dem Bruder betraf vornehmlich ihr häusliches Verhältnis und seine Verbindung mit Lili. Goethe hatte der Schwester von Anfang an alles bis aufs Kleinste mitgeteilt. Hatte sie schon in Briefen ihm ihre Gegengründe nicht vorenthaltne, so bekämpfte sie jetzt seine Entschlüsse mit den dringendsten Vorstellungen und machte es ihm geradezu zur Pflicht, sich von Lili zu trennen. Ein Mädchen von so offenem, munterem Sinn, wie Lili, die in den Augen des oberflächlichen Beurteilers das Leben nicht von der ernsten Seite zu kennen, sondern nur den Genuss zu suchen und die Huldigungen der Männer als eine angenehme Unterhaltung zu betrachten schien – und es hatte dieser und jener manche Klatscherei nach Emmendingen hinübergebracht – war der ernsten, sittenstrengen Cornelia in der Seele zuwider, und sie suchte das Unpassende einer Verbindung, die beide Teiel nur unglücklich machen würde, einleuchtend zu machen. Sie hatte einen großen Einfluss auf den Bruder; doch wenn er auch ihre Gründe zum Teil gelten lassen musste, sein herz konnte sich nicht von Lili losreißen. Es entstand dadurch ein so heftiger innerer Kampf, dass er sich späterhin von der ganzen Weiterreise nach Zürich, nachdem er in Straßburg wieder mit seinen Reisegefährten zusammengetroffen war, nur des Rheinfalls bei Schaffhausen erinnerte; alles andere war wirkungslos an ihm vorüber geflohen.

   In Zürich fand er seinen Freund Lavater wieder und ward herzlich und anmutig von ihm empfangen. Der Gegenstand ihrer Unterhaltung war vornehmlich die Physiognomik. Der erste Teil der Lavaterschen „physiognomischen Fragmente“ war beinahe im Druck vollendet. Goethe, der sich lebhaft für dies Werk interessierte, hatte die tätigste Beihilfe geleistet. Das Manuskript ging durch seine Hände an den Buchhändler Reich in Leipzig; er hatte das Recht, alles zu tilgen, was ihm missfiel, zu ändern und einzuschalten, was ihm beliebte, von welchem er freilich nur sehr mäßig Gebrauch machte. Auch Bodmer, dem ehrwürdigen, fast achtzigjährigen Dichtergreis, statte er mit den Stolbergen einen Besuch ab. Am meisten entzückte die Jünglinge die Aussicht von seiner auf einer Anhöhe paradiesisch gelegenen Wohnung, und ihre Sehnsucht wuchs nach den blauen Bergen der Ferne. Mehrere Ausflüge um den Züricher See wurden in Gemeinschaft mit Lavater und en Stolbergen unternommen. Übrigens sagte Goethe das Zusammensein mit den Stolbergen, was auch die Gründe gewesen sein mögen, auf die Dauer nicht zu. Daher hatte er schon in letzter Zeit an ihren Ausflügen in die Umgegend nicht Teil genommen, sondern schloss sich gegen die Mitte des Juni, um die kleinren Kantone zu durchwandern, einem jungen, ihm befreundeten Landsmann Passavant an, der sich in Zürich zu einem reformierten Predigtamt vorbereitete. Auf dieser oder einer früheren Fahrt den Züricher See hinauf entstand das Lied „Auf dem See“. Als er von den Berghöhen herab die entzückende Ansicht des Sees genoss, schrieb er die Zeilen nieder:

Wenn ich, liebe Lilli, dich nicht liebte,
Welche Wonne gäb’ mir dieser Blick!
Und doch, wenn ich, Lili, dich nicht liebte,
Wär’ – was wär’ mein Glück!

   Der Weg ging dann nach Maria Einsiedeln6), wo sie einem Zug von Wallfahrern begegneten, welche diese öden Höhen anmutig belebten. In der Schatzkammer der Kirche gefiel ihm unter merkwürdigen Kostbarkeiten vorzüglich eine Zackenkrone im Kunstsinn der Vorzeit von kunstvoller Arbeit. Er erbat sich die Erlaubnis, das geschmackvolle Krönchen herauszunehmen, und als er es mit der Hand in die Höhe hob, „dachte er sich’s nicht anders, als er müsste es Lili auf die hell glänzenden Locken drücken, sie vor den Spiegel führen und ihre Freude über sich selbst und das Glück, das sie verbreitet, gewahr werden.“ Auf rauen Bergpfaden gelangten sie am 16. Juni nach Schwyz und erstiegen gegen Abend den Rigi bis zum Wirtshaus. Am nächsten Tag ward der Weg zum Gipfel und zurück unter herrlichen Naturgenüssen zurückgelegt. Dann folgte der Vierwaldstätter See mit seinen von der Schweizersage verherrlichten Ufern und die Reise vom Gotthard, bis zum Hospiz hinauf von den erhabensten Naturszenen begleitet. Von dem Gipfel des Gotthard blickte er in das Tal hinab, durch das die Straße nach Italien führt; der Freund trat zu ihm und machte den Vorschlag, den Weg nach Süden fortzusetzen. Doch ihn zog die Sehnsucht nach der Heimat zurück; – es war Lilis Geburtstag –. Ein goldenes Herzchen, das ihm in schönen Stunden von Lilis Hand geschenkt war und an seinem Hals noch hing an dem Bändchen, womit sie es ihm umknüpfte, ergriff er und küsste es; der Entschluss zur Rückkehr war gefasst. Dass, wie Goethe bemerkt, das tief empfundene Gedicht „Angedenken du verklungener Freude“ durch diesen Augenblick veranlasst sei, ist nicht glaublich; es muss einer späteren Zeit angehören, wo er in Thüringens „Tälern und Wäldern“ durch dies Andenken schöner Stunden an die längst gestorbene Liebe erinnert ward. Damals war er noch „hoffnungsvoll“ alle Hindernisse zu überwinden, während der Reise „glaubte er nicht an die Scheidung; alle Erinnerungen, Hoffnungen und Wünsche hatten ein freies Spiel.“

   Der Rückweg ward wieder über den Vierwaldstätter See genommen. Von Küssnacht gelangten die Wanderer nach Zug und von da durchs Sihltal nach Zürich. Goethe hatte seine Phantasie aufs neue mit großartigen Naturanschauungen bereichert. Vieles hatte er nach Gewohnheit in flüchtiger Zeichnung skizziert; da er aber fand, dass seine Kunst den erhabenen Naturgegenständen gegenüber sich unzulänglich zeigte, so nahm er die Schilderung zu Hilfe, und es entstand ein anziehendes Gedenkbuch, in welchem Bild und Wort einander ergänzten. In die Darstellung in „Dichtung und Wahrheit“ ist augenscheinlich vieles von diesen jugendlichen Naturschilderungen wörtlich übergegangen.

   Nachdem Goethe wiederum einige Zeit bei Lavater verweilt hatte, reiste er im Juli nach Straßburg. Hier schreib er die „dritte Wallfahrt nach Erwins Grab“. „Ich fühle, Gott sei Dank!“, heißt es im Eingang, „dass ich bin, wie ich war, noch immer so kräftig gerührt von dem Großen, und, o Wonne, noch einziger, ausschließender gerührt von der Wahrheit, als ehemals, da ich oft aus kindlicher Ergebenheit das zu ehren mich bestrebte, wofür ich nichts fühlte und, mich selbst betrügend, den kraft- und wahrheitsleeren Gegenstand mit liebevoller Ahnung übertünchte. Wie viel Nebel sind von meinen Augen gefallen! Und doch bist du nicht aus meinem Herzen gewichen, alles belebende Liebe, die du mit der Wahrheit wohnst, ob sie gleich sagen, du seist lichtscheu und entfliehend im Nebel.“

   In Straßburg traf Goethe, außer mit den älteren Freunden, mit dem als Arzt wie als philosophischen Schriftsteller damals viel geltenden Johann Georg von Zimmermann zusammen, der auf einer Reise nach der Schweiz begriffen war. Seine Unterhaltung, die später in Frankfurt, wo ihn Goethe bewirtete, fortgesetzt wurde, war „mannigfaltig und höchst unterrichtend“. Da sie häufig seine medizinischen Erfahrungen zum Gegenstand hatte, so führte sie Goethe zur Betrachtung der Natur zurück. Besonders ward auch die Physiognomik besprochen, für die Zimmermann sich nicht minder lebhaft, als Goethe, interessierte. Er zeigte seinem jungen Freund eine Sammlung von Silhouetten, unter diesen die der Frau von Stein, welche eine Zierde des Weimarer Hofes war; Zimmermann hatte in Pyrmont ihre Bekanntschaft gemacht. Diese und Zimmermanns warme Schilderung ihrer Vorzüge warfen in sein Herz den ersten Funken einer Neigung, die auf seiner späteren Lebensbahn von so hoher Bedeutung sein sollte, wenn gleich von den „drei schlaflosen Nächten“ des jungen Dichters, von denen Zimmermann in einem Brief an Frau von Stein spricht, sicherlich mehr die Erinnerung an genossenes Liebesglück, als die Ahnung der noch ungekannten Reize Schuld war. Auch Sesenheim war er wieder nah.

   Am 25. Juli finden wir Goethe wieder in Frankfurt. Man hatte Lili in seiner Abwesenheit die Verbindung mit ihm auszureden gesucht; allein keine Gründe wollten bei ihr verfangen. Sie erklärte, sie übernehme wohl, aus Neigung zu dem Geleibten, alle dermaligen Verhältnisse aufzugeben und mit ihm, wenn es sein müsste, nach Amerika zu gehen, und daher konnte Goethe von ihr sagen: „Ich wusste, in ihr lag eine Kraft, die alles überwältigt hätte.“ Mit Recht mochte er daher in dem rührenden Bekenntnis, womit er an der Grenze des Lebens aussprach, dass sie die heißeste Liebe seines Lebens gewesen sei, zugestehen, dass die Hindernisse, die sie trennten, nicht unübersteigbar waren, und er seinem eigentlichen Glücke nie so nahe gewesen sie, als damals. Ihm, der so tief in ihr Herz geblickt hatte, konnte nicht entgangne sein, dass Lilis Bestreben zu glänzen und zu gefallen, nur eine leichte Hülle jugendlicher Munterkeit war, unter der eine engelreine Seele und ein ebenso tiefes als lebhaftes Gefühl verborgen lag; er musste Vertrauen mit Vertrauen erwidern. Doch so zart und weich er war, wo es galt, ein Herz zu erringen, so anspruchsvoll war er im Besitz. Manche qualvolle Tage, an denen er sein bedrängtes Herz an Auguste Stolberg ausschüttete, schuf er sich durch seine leidenschaftlich aufwallende Eifersucht. Es ist in diesen Briefen eine Glut des Herzens, an die die Wertherbriefe nicht reichen.

   Noch einmal schlang während des Augusts die Liebe das Band der Herzen inniger und fester. Er verlebt wieder schöne Stunden in Offenbach, begleitet sie ins Freie, schreibt auf ihrem Zimmer seine Briefe, und in allen Mitteilungen herrscht der traulichste Verkehr. Eines Abends, nachdem sie beim klarsten Sternenhimmel bis spät in der freien Gegend umherspaziert waren, hatte er an der Tür von der Geliebten Abschied genommen; aber, von dem Sturm der Empfindung bewegt, fühlte er keine Neigung zum Schlaf. Er wanderte die Landstraße entlang nach Frankfurt zu. Zuletzt setzte er sich auf die Stufen nieder, die zu den Weingärten am Main hinaufführen, und schlief ein. Er erwachte mit der Morgendämmerung und blieb auf seiner Stelle, bis die Sonne sein geliebtes Offenbach wieder beleuchtete. Langsam kehrte er dann zurück „in das Paradies, das die noch Schlafende umgab.“ Am 14. August schreibt er an Lavater von Offenbach aus: „Gestern waren wir ausgeritten, Lili, d’Orville und ich. Du hättest den Engel im Reitkleid zu Pferde sehen sollen! – – Bruder, ich bin eine Zeit her wieder fromm, habe meine Lust an dem Herrn und singe ihm Psalmen, von denen du ehestens eine Schwingung erhalten sollst.“ Ohne Zweifel meint er damit die Übersetzung eines Teils des Salomonischen Hohenliedes, „der herrlichsten Sammlung Liebeslieder, die Gott erschaffen hat.“ In seinem Nachlass haben sich davon 31 Lieder, zum Teil kurze Sätze, zum Teil größere Stücke vorgefunden7).

   Als aber Lili mit dem Ende Augusts nach Frankfurt zurückkehrte, als der Schwarm der Verehrer sich wieder um sie drängte, und besonders die Messezeit das Schönemannsche Haus und Besuchenden füllte, welche der Tochter den Hof machten, erwachte wieder die Eifersucht, und er scheint manchmal auf unfreundliche Art seinen Unwillen gegen sie ausgelassen zu haben. In dem Gedicht „Lilis Park“ schildert er, was ihn verdross und welche Rolle er dabei spielte, in humoristischer Weise, in der die Bitterkeit und das eingetretene Missverhältnis sich nicht verbirgt: „Manchmal lässt sie mir die Tür halb offen stehen, seitblickt mich spottend an, ob ich nicht fliehen will.“ – Die Wehmut, dass ihm eine glückliche Liebe versagt sei, spricht sich in dem Gedicht „Herbstgefühl“ aus, wo er der voll schwellenden Tränen der Liebe gedenkt, die aus seinen Augen brechen, ebenso in dem ursprünglichen Schlussstrophen des „Bundesliedes“ („In allen guten Stunden“), das er zu Pfarrer Ewalds Hochzeitsfest (10. September) dichtete, bei welchem er noch mit Lili zusammen war.

Und bleiben lange, lange
Fort ewig so gesellt.
Ach, dass von einer Wange
Hier eine Träne fällt!

   Doch ihr sollt nichts verlieren,
Die ihr verbunden bleibt,
Wenn einen einst von Vieren
Das Schicksal von euch treibt;
Ist’s doch, als wenn er bleibe!
Euch ferne sucht sein Blick.
Erinnerung der Liebe
Ist, wie die Liebe, Glück.

   Es folgten Tage peinlicher Spannung, wo die Liebenden sich mit gegenseitigem Trotz quälten; der Brief an Auguste Stolberg vom 14-18. September malt sie uns in seinen leidenschaftlich abgerissenen Sätzen. „Lili heut nach Tisch gesehen – in der Komödie gesehen – Hab kein Wort mit ihr zu reden gehabt – auch nichts geredet! Wär’ ich das los! Und doch zitter’ ich vor dem Augenblick, da sie mir gleichgültig, ich hoffnungslos werden könnte!“. Und dann fühlt er wieder so ganz, dass „sein Innerstes der ewigen Liebe gewidmet bleibt, die nach und nach das Fremde durch den Geist der Reinheit, der sie selbst ist, ausstößt, und so endlich lauter werden wird wie gesponnen Gold.“ In solchen „Kälten und Wärmen“ vergingen einige Wochen, bis er am 8. Oktober meldet: „Ich erwarte den Herzog von Weimar, der von Karlsruhe mit seiner herrlichen Gemahlin Louise von Darmstadt kommt. Ich geh mit ihm nach Weimar. Mein Herz ist übel dran. Es ist auch Herbstwetter drin, nicht warm, nicht kalt.“ Damit ist die Trennung entschieden. Durch Aufhetzen von beiden Seiten ward die Missstimmung zum unheilbaren Bruch. Goethe wurde besonders von seiner Schwester in „schmerzlich-mächtigen“ Briefen zum Aufgeben des Verhältnisses gedrängt, hatte doch selbst Auguste Stolberg ihn auf den Abstand zwischen ihm und Lili aufmerksam gemacht und ihm nicht undeutlich zu verstehen gegeben, dass seine Braut nicht fähig sei, ein Herz, wie das seinige, zu würdigen8). Jedoch, wenn wir auch nicht Lili ganz von Schuld freisprechen wollen, so viel ist nicht zu bezweifeln, dass ein weibliches Wesen, bei dessen scheiden von der Erde der Gatte, dem Lili später die Hand gereicht hat, es eine Stunde der Gnade nannte, wo Gott ihm diesen schönen Geist zugesellt habe und durch sie auf ihn so viel Segen habe fallen lassen, dass ein solches Wesen es wert war, nicht bloß zum flüchtigen Liebesrausch zu begeistern, sondern mit Mühen und Opfern erkämpft zu werden, und er hat sich selbst wohl am meisten anzuklagen, dass Lili, die auch auf ihn viel Segen hätte fallen lasen können, ohne dass er ihr den Lorbeerkranz des Dichters zum Opfer zu bringen hatte, ihm verloren ging. Sein Lebensweg wäre freilich ein anderer geworden und hätte vielleicht Weimar nicht berührt.

   Goethes Poesie hatte in den glücklichen Wochen, welche der Schweizerreise folgten, wieder „eine neue Schwingung“ erhalten. Außer dem Hohenlied wurden einige Szenen des Fausts geschrieben. Auch an den Egmont ward die Hand gelegt. Er wählte einen historischen Stoff, um aus dem engen bürgerlichen Keris, in welchem sich seit dem Götz seine dramatische Muse bewegt hatte, auf einen weiteren Schauplatz hinauszutreten. Die Erhebung der nordamerikanischen Staaten zog damals die Augen der Welt auf sich und war im Verkehr mit den freiheitschwärmenden Stolbergen und den Schweizer Freunden unstreitig häufig der Gegenstand belebten Gesprächs, so dass er die Idee zu diesem Drama vielleicht schon aus der Schweiz mit sich nahm. Der Abfall der Niederlande von der spanischen Herrschaft bot ein ähnliches Gemälde dar, wie „fest gegründete Zustände sich vor strenger, gut berechneter Despotie nicht halten können.“ Wie er in den Schicksalen des Götz von Berlichingen die letzten Zeiten der Selbsthilfe des freien Ritters geschildert hatte, so beschloss er die niederländische Volkserhebung, deren Situationen ihm höchst dramatisch erschienen waren, um die Person des Egmont zu gruppieren, „dessen menschlich-ritterliche Größe ihm am meisten behagte.“ Er widmete jenen Ereignissen ein fleißiges Studium und griff dann gleich die Hauptszenen an, „ohne sich um die allenfallsige Verbindung zu bekümmern.“ Die Arbeit ging sehr rasch vonstatten, so dass er dem Vater, der ihn zu dieser Arbeit besonders ermuntert hatte, bald mehrere Szenen vorlesen konnte. Dieser gewann eine ganz eigene Neigung zu dieser Dichtung, weil er hoffte, dass der Ruhm des Sohnes dadurch vermehrt werden sollte. Das Drama, versichert der Dichter, sei schon im Oktober „beinah zustande gebracht.“ Später hat er es jedoch so fleißig erweitert und überarbeitet, dass von der ursprünglichen Form nicht viel übrig geblieben ist. Damals konnten auch nur Szenen, keine größere ruhig durchdachte Komposition zustande kommen. Goethe war in einen Strudel von auf- und niederwogenden, in heftigem Widerstreit gegeneinander schlagenden Gefühlen hineingeraten, der seine Energie zu zerstören und ihn seinem Genius untreu zu machen drohte.

   Überdies gab es in diesen Herbsttagen der äußern „Zerstreuungen die Menge“. Zimmermann kam im Herbst nach Frankfurt und wohnte bei der Goetheschen Familie. Er war sehr für den jungen Dichter eingenommen; er nennt ihn in einem Brief einen der außerordentlichsten und gewaltigsten Genies, die je in der Welt erschienen seien, und äußert noch in seinem Werk „von der Einsamkeit“: „Wer ihn gesehen hat, weiß, wie er durch Anmut die Kraft seinen Geistes zudeckt und durch Freundlichkeit den Ernst seiner einsamen Stunden.“ Seiner Tochter erwies Goethe die Aufmerksamkeit eines Liebhabers. Es ist ein seltsamer, leicht der Missdeutung unterworfener Zug in dem Wesen unsers Dichters, dass er im Liebesunglück durch ein zärtliches Anschließen an andere weibliche Herzen Zerstreuung und Trost suchte. Mitten in der Klage um Lili führen seine Briefe an „Gustchen“ die Sprache schwärmerischer Liebe und Verehrung, sie ist ihm „das einzige Mädchen, deren Herz ganz in seinem Busen schlägt“, und eben an diese schreibt er am 20. Sept., wie er auf dem Ball einen „süßen Mädchen“ Gesellschaft geleistet habe, und setzt hinzu: „Wenn ich dir mein gegenwärtig Verhältnis zu mehr recht leiben und edlen weiblichen Seelen sagen könnte! Wenn ich Dir lebhaft! – Nein, wenn ich’s könnte, ich dürft’s nicht, Du hieltest’s nicht aus. Ich auch nicht, wenn alles auf einmal stürmte, und wenn Natur nicht in ihrer täglichen Einrichtung uns einige Körner Vergessenheit schlucken ließe.“

   In der zweiten Hälfte des Septembers verweilte auch der Herzog von Weimar nebst mehreren hohen Herrschaften in Frankfurt, im Begriff, die fürstliche Braut heimzuholen. Auch Goethe wurde wieder freundlichst empfangen; „ich bin“, schreibt er an Lavater, „seit vierzehn Tagen ganz in Schauen der großen Welt.“ Am 12. Oktober kam das fürstliche Paar nach Frankfurt zurück. Goethe, entschlossen, Frankfurt zu verlassen, folgte der wiederholten Einladung zu einem Besuch in Weimar. Es war ein günstiges Zusammentreffen der Umstände, dass er um diese Zeit unter der Leitung des Malers Kraus, eines gebornen Frankfurters, der längere Zeit in Weimar in Verbindung mit den vorzüglichsten Männern der dortigen höheren Gesellschaft gelebt hatte, wie er auch später wieder dahin zurückkehrte, seine Übungen im Zeichnen fortsetzte und durch ihn mit den Personen und den Verhältnissen, denen er bald nahe treten sollte, bekannt und gewissermaßen unter ihnen im Voraus heimisch wurde. Die weimarschen Herrschaften, die auf der Rückreise nur einen Tag in Frankfurt blieben, verabredeten mit Goethe, er möge sich bereit halten, mit dem Kammerjunker von Kalb, der in Karlsruhe zurückgeblieben war, um einen in Straßburg verfertigten wagen zu erwarten, und am bestimmten Tag über Frankfurt kommen sollte, nach Weimar zu reisen. Er nahm daher überall Abschied, auch von Lili, und die Koffer wurden gepackt. Aber weder der Wagen noch eine Nachricht trafen zur bestimmten Zeit in Frankfurt ein. Um nicht zweimal Abschied zu nehmen und mit lästigen Besuchen überhäuft zu werden, ließ er sich als abwesend angeben, musste sich nun aber still zu Hause und auf seinem Zimmer halten. Er förderte während dieser acht Tage freiwilliger Gefangenschaft seine Arbeit am Egmont. In der Dunkelheit wagte er es einige Mal das Haus zu verlassen und, in einen großen Mantel gehüllt, die Straßen der Stadt zu durchwandern. Eines Abends stand er an Lilis Fenster; er hörte ihre Stimme; sie sang zum Klavier das Lied „Ach, wie ziehst du mich unwiderstehlich“, das er gegen Beginn des Jahres an sie gedichtet hatte; ihm war es, als ob sie es ausdrucksvoller, als je, sänge. Nachdem sie das Lied geendet, sah er an dem Schatten, der auf die Vorhänge fiel, dass sie im Zimmer auf und ab ging. Schwer ward es ihm, die so liebe Nähe zu verlassen, der Entschluss der Entsagung begann zu wanken. In Leipzig war er in einem ähnlichen Moment der mit der Gewalt der Erinnerung ihn bestürmenden Rührung zu der Geliebten geeilt, ihr alles Unrecht abzubitten. Doch diesmal war es vorbei und das Geschehene nicht mehr rückgängig zu machen.

   Da noch einige Tage ohne Nachricht verstrichen, so fing auch Goethe an, den Zweifeln des Vaters beizustimmen, der gleich anfangs der Meinung war, dass man mit dem Hofkavalier und dem neuen Wagen den jungen übermütigen Dichter nur zum Besten gehabt habe. Da jedoch die Entfernung von Frankfurt eine Notwendigkeit geworden war, so brachte der Vater die Reise nach Italien in Vorschlag, und Goethe beschloss, zuerst nach Heidelberg zu gehen, wo Herr von Kalb vielleicht auf seiner Durchreise noch anzutreffen sei, und wenn weiter keine Nachricht komme, den Weg über Tirol oder Graubünden nach Italien zu nehmen.

   In der Frühe des 30. Oktobers fuhr er die Bergstraße entlang dem Süden zu. In dem uns erhaltenen Blatt des Reisetagebuchs ruft er noch Lili ein Lebewohl zu: „Es hat sich entschieden; wir müssen einzeln unsere Rollen ausspielen; mir ist in dem Augenblick weder bang für dich, noch für mich, so verworren es aussieht.“ Merck, „der so oft das Ziel seiner Wanderungen war“, fährt er diesmal vorüber: „Nein, Bruder, du sollst an meinen Verworrenheiten nicht Teil nehmen, die durch Teilnehmung noch verworrener werden!“

   In Heidelberg wohnte er bei Fräulein Delf, welche seine Verlobung mit Lili vermittelt hatte; es verlangte ihn, mit ihr noch einmal von der glücklichen Vergangenheit sich zu unterhalten. Doch fand er sie wider Erwarten nicht so teilnehmend, als sonst. Sie lobte vielmehr den Entschluss der Trennung, welche sie für etwas Unvermeidliches ansah, in das man sich ergeben müsse, und hatte für den Freund schon einen neuen Heiratsplan in Bereitschaft. In einer Nacht ward er durch das Horn des Postillons geweckt. Es war eine Stafette von Frankfurt. Herr von Kalb, der über die bestimmte Zeit auf den neuen wagen hatte warten müssen, und dann über Mannheim nach Frankfurt gefahren war, sandte eilige Botschaft. In seinem schreiben drückte er die Erwartung aus, der Frühling werde sogleich zurückkehren und ihm nicht die Beschämung bereiten, ohne den erwarteten Gast in Weimar anzukommen. So sehr auch Goethe des neuen Reiseplans sich gefreut hatte, so überwog doch die Erinnerung an die Güte, die ihm von Seiten des herzoglichen Paars widerfahren war, und er schämte sich fast seines seltsamen Seitensprungs. Er eilte nach Frankfurt zurück. Den 7. November langte er in Weimar an.

   Es war der Zug seines Innern, der ihn in neue, ungekannte Lebensverhältnisse hineinführte, der ahnungsvolle Trieb des Genius, der sein Schicksal ins ich trägt – Goethe pflegte ihn später das Dämonische zu nennen, um einen Punkt zu finden, wo Schicksal und Naturbestimmung in der Leitung des menschlichen Lebens zusammentreffen. Die bisherige Sphäre seiner Existenz hatte er in ihren Freuden, in ihren Leiden nach allen Seiten durchwandert und war von der Fülle ihrer Erscheinungen geistig durchdrungen. Allein weil das äußere Leben mit seinen Verhältnissen ihn einengte, so war das Gleichgewicht zwischen dem Leben und der innern Gemütswelt gestört, und seine titanischen Entwürfe klingen zuletzt in sanfte Liebesleider aus. Nach diesen Stürmen des Gemüts war die Verpflanzung auf einen andern Boden, war jede Erweiterung des Daseins, ein neuer Kreis der Tätigkeit ein Schritt zur Beruhigung, nach der sein Inneres hinstrebte; alles dies konnte seine bisherige Umgebung ihm nicht gewähren. Ob es eine Gunst des Glückes war, ob sein Genius ihn richtig geleitet, indem er ihn an den Hof zog, ist eine Frage, die man viel diskutieren, aber nie entscheiden kann; denn die Möglichkeiten individueller Entwicklung sind Träume, und nur das Leben hat Realität. Am klarsten hat Goethe wohl selbst in einem sechs Jahre später geschriebenen Brief an die Mutter auf die Frage geantwortet: „Sie erinnern sich der letzten Zeiten, die ich bei Ihnen, ehe ich hierher ging, zubrachte. Unter solchen fortwährenden Umständen würde ich gewiss zu Grunde gegangen sein. Das Unverhältnis des engen und langsam bewegten bürgerlichen Kreises zu der Weite und Geschwindigkeit meines Wesens hatte mich rasend gemacht. Bei der lebhaften Einbildung und Ahnung menschlicher Dinge wäre ich doch immer unbekannt mit der Welt und in einer ewigen Kindheit geblieben, welche meist durch Eigendünkel und alle verwandte Fehler sich und andern unerträglich wird. Wie viel glücklicher war es, mich in ein Verhältnis gesetzt zu sehen, dem ich von keiner Seite gewachsen war, wo ich durch manche Fehler des Unbegriffs und der Übereilung mich und andere kennen zu lernen Gelegenheit genug hatte; wo ich, mir selbst und dem Schicksal überlassen, durch so viele Prüfungen ging, die so vielen hundert Menschen nicht nötig sein mögen, deren ich aber zu meiner Ausbildung äußerst bedürftig war; und noch jetzt, wie könnte ich mir, nach meiner Art zu sein, einen glücklicheren Zustand wünschen, als einen, der für mich etwas Unendliches hat.“

Ü   Þ


1) Zu dem Folgenden vgl. den Aufsatz von Düntzer: Goethes Lili, in den Blätt. für lit. Unterh. 1849. Nro. 237-246. Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg, in der Urania für 1839. S. 69 ff. ­

2) Nähere Erörterungen s. in Düntzers Studien zu G. Werken, wo der Prometheus und die Gegenschrift abgedruckt sind. ­

3) Abgedruckt in Schölls Briefen und Aufsätzen von Goethe etc. S. 158-161. ­

4) Düntzer hat es in den Blätt. f. lit. Unterh. wahrscheinlich gemacht, dass die Benennung „Frau Aja“ aus dem Roman von den Haimonskindern entlehnt war. ­

5) Sie schreibt ein Jahr später an Auguste Stolberg: „Wir sind hier ganz allein, auf 30, 40 [3? 4?] Meilen ist kein Mensch zu finden. Meines Mannes Geschäfte erlauben ihm nur sehr wenig Zeit bei mir zuzubringen, und da schleiche ich denn ziemlich langsam durch die Welt, mit einem Körper, der nirgends hin als ins Grab taugt.“ ­

6) In dem „Lebensumriss des Grafen Friedrich Leopold zu Stolberg“ (Zeitgenossen, Heft XXII.) heißt es jedoch: „Zwischen den Brüdern und Lavater schloss sich bald ein inniger Geistes- und Herzensbund. Mit ihm und Goethe machten sie die erste, ihnen unvergessliche Fußreise nach Maria-Einsiedeln und um den Zürcher See.“ Hat Goethe vielleicht einen mit den Stolbergen gemachten Ausflug mit andern Reisen ins Gebirge verbunden, da er sich doch während eines mehrmonatlichen Aufenthalts in der Schweiz wohl nicht mit einer kurzen Gebirgsreise von zwei Wochen begnügte? In D. u. W. hat er die Reise auf den Gotthard in den Juli (statt Juni) verlegt. ­

7) S. in Schölls Briefen u. Aufs. S. 155. f. ­

8) Dein gut Wort wirkte in mir, „da sprach’s auf einmal in mir: Sollt’s nicht übermäßiger Stolz sein, zu verlangen, dass dich ganz das Mädchen erkennte und so erkennend liebte, erkenn’ ich sie vielleicht auch nicht, und da sie anders ist, wie ich, ist sie nicht vielleicht besser?“ Br. an Aug. Stolberg, S. 103. ­

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