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Homepage Literatur Johann Wolfgang von Goethe Biografien Schaefer - Goethes Leben Inhalt Erster Band Vorrede Kindheit und Jugend 1749 - 1765 1765 - 1768 1768 - 1771 1771 - 1773 1744 1775 Weimarsche Lehrjahre 1776 1777, 1778 1779 1780, 1781 1782 1783 - 1786 Zweiter Band Widmung Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche 1786 - 1788 1788 - 1791 1792, 1793 1794 - 1796 1797 - 1799 1799 - 1805 Goethe im Alter 1806 - 1813 1813 - 1819 1820 - 1825 1826 - 1832 Beilagen I. Charlotte von Stein II. Rede weißer Falkenordens III. Vermächtnis j. Nachwelt Schlusswort |
5. Kapitel: 1744Als am Anfang des Novembers 1773 die geliebte Schwester mit Schlosser nach Emmendingen gezogen war, folgte für Goethe eine stille, einsame Zeit. Das Leben, schreibt er an Jacobi, schlendere nur so fort; wäre er nicht neuerdings wieder bissiger geworden, würde er gar nicht auslangen. Umso größer war der Jubel, mit dem er kurz vor Weihnachten Merck nach seiner Rückkehr von Petersburg in Frankfurt wieder sah. Das neue Jahr eröffnete ihm noch eine andere frohe Aussicht. Maximiliane la Roche, deren Nähe seinem Herzen in Koblenz so wohlgetan hatte, verheiratete sich anfangs 1774 nach Frankfurt. „Seit dem fünfzehnten Jenner“ – schreibt er in den ersten Tagen des Februars – „ist keine Brache meiner Existenz einsam. Und das Schicksal, mit dem ich mich herum gebissen habe so oft, wird jetzt höflich betitelt das schöne, weise Schicksal; denn gewiss, das ist die erste Gabe, seit es mir meine Schwester nahm, die das Ansehen eines Äquivalents hat! Die Max ist noch immer der Engel, der mit den simpelsten und wertesten Eigenschaften alle Herzen an sich zieht, und das Gefühl, das ich für sie habe, worin ihr Mann eine Ursache zur Eifersucht finden wird, macht nun das Glück meines Lebens.“ Die junge Frau, an geistreichen Umgang gewöhnt, fühlte sich nach wenig Wochen in dem neuen Verhältnis unbehaglich. Goethe war ihr ein Trost, „der Einzige in dem ganzen Kreis, an dem sie noch einen Widerklang jener geistigen Töne vernahm, an die sie von Jugend auf gewöhnt war.“1) Indem ihr Verhältnis ein durchaus geschwisterliches blieb und sich in ihren Umgang nichts Leidenschaftliches mischte, empfand er umso tiefer das Peinigende ihrer Lage mit. Ebenso wenig konnte sich Cornelia in ihren veränderten Zustand finden, und ihre Briefe stellten keine glückliche Zukunft in Aussicht. Durch diese schmerzlichen Berührungen seines Gemüts wurden alle die Gefühle wiedererweckt, womit er Lottes Ehe begleitet hatte. Vergangenheit und Gegenwart flossen zu einem lebendigen Seelengemälde zusammen: Werthers Leiden. Er schreib diesen Roman seit der Mitte des Februars in vier Wochen, in denen er sich völlig isolierte und sich die Besuche der Freunde verbat. In diesem Roman fasste er alles zusammen, was in den letzten erregten Jugendjahren sein Gemüt beschäftigt hatte; die Poesie verklärte das Erlebte und streute ihre schönsten Blüten darüber aus. Dadurch ward für ihn diese Dichtung eine befreiende Tat. Indem er die Wirklichkeit, die ihn einengte und drückte, in Poesie verwandelte, zog er sich aus dem trüben Element heraus; er „fühlte sich, wie nach einer Generalbeichte, wieder froh und frei und zu einem neuen Leben berechtigt.“ Wohin das Hinträumen in leidenschaftlichen Gemütszuständen, wo man sein Herz wie ein krankes Kind hält „und in freundlichem Wahn so hintaumelt,“ führen könne, davon gab das unglückliche Lebensende des jungen Jerusalem ein erschütterndes Beispiel. Goethe wurde davon umso tiefer ergriffen, weil er selbst fühlte, wie nahe ihre Wege aneinander grenzten. Er bat daher gleich nach der ersten Nachricht Kestner um eine ausführliche Schilderung des Herganges; diese Bilder mochten sich ihm in melancholischen Stimmungen oft vergegenwärtigen. Der zufällige Umstand, dass Jerusalem sich von Kestner, dem er sonst nicht nahe gestanden, die Pistolen erbeten hatte, womit er seinem Leben ein Ende machte, – das Billet ist wörtlich in Werther eingeschaltet – legte ihm die Verwandtschaft ihrer Leiden unwillkürlich näher, und, wenn im heftigsten Kampf seiner Liebe zu Lotte ihn wirklich, wie sein Erzählung uns glauben macht, der Gedanke an Selbstmord eine Zeitlang begleitete, so musste es ihm scheinen, als sei das Werkzeug von Jerusalems Tod eigentlich vom Schicksal mehr für ihn bestimmt gewesen. Es liegen übrigens zwischen Jerusalems Tod und der Abfassung der Werther fast anderthalb Jahre, so dass die oft nachgeschriebene Angabe Goethes, er habe gleich in der ersten Aufregung, in die ihn die Trauerbotschaft versetzt, seinen Roman ausgearbeitet, auf einem Irrtum beruht. Erst nach und nach knüpfte er an diese tragische Katastrophe das eigene Gemütsleben dieser leidenschaftlich erregten Jahre an. „Du wirst“ – so schreibt er am 26. April an Lavater – „Teilnehmen an den Leiden des lieben Jungen, den ich darstelle. Wir gingen nebeneinander an die sechs Monate, ohne uns zu nähern. Und nun habe ich seiner Geschichte meine Empfindungen geliehen, und so macht’s ein wunderbares Ganze.“ Auf den Helden seines Romans übertrug er seine glühenden Liebesneigungen, seine Weichheit und leidenschaftliche Erregbarkeit, seine Liebe zu Natur und Unschuld, seinen Widerwillen gegen die Seelenlosigkeit der modernen Gesellschaft. Er entzog aber jenem, was ihn aus dem Sturm gerettet hatte, die Kraft der Resignation, den über peinliche Empfindungen hinwegscherzenden Humor und die Heilkraft des schaffenden Genius. Was von der andern Seite das eigene Leben darbot, ist sorgfältig in die Dichtung verwebt. Die Freude an der Herrlichkeit der Natur, das Entzücken der aufkeimenden Liebe, die Qualen der hoffnungslosen Leidenschaft – wo wären sie von eines Dichters Hand nicht bloß feuriger, nein! Wahrer geschildert! Alles quillt aus tiefstem Herzensgrund und strömt mit dem reinsten Zauber der Poesie in die Seele. Es ist nicht eine abstrakte Sentimentalität, wie sie gerade in jener Zeit von schwachen Köpfen zur Rührung weciher Gemüter missbraucht und eben deshalb in Goethes Possen bekämpft ward; sondern es lehnt sich das Gefühl stets an die wechselnden Bilder der Natur und des Lebens an. Die Blüten des Frühlings und die welken Blätter des Herbstes, die harmlose Kinderwelt und die Klagen unglücklicher Leidender, die heitere idyllische Welt Homers und die düstern, in Nebel gehüllten Szenen Ossianscher Gesänge – es ist die ewige Welt des Menschenherzens und der Poesie, ein gehaltvolles inneres Dasein. Um die volle Frische momentaner Eindrücke wiederzugeben, hat Goethe vieles aus eigenen Briefen und Tagebuchsblättern eingeschaltet. Die aphoristische Form, die dadurch entstand, kam dem leidenschaftlichen Stoff trefflich zustatten. In der Briefform konnte die lyrische Glut freier sich ergießen, und zugleich erhielt das Ganze durch den Wechsel von Erlebnissen und Reflexionen, von Mitteilung und Selbstgespräch eine dramatische Wirkung. Im ersten Teil wird das Gemütsleben Werthers nach allen Seiten hin exponiert, in dem zweiten drängt es rasch zur tragischen Entwicklung. „Bis zum Druck währt’s noch eine Weile“, heißt es in dem erwähnten Brief an Lavater. Hatte ihn eine Ahnung des Sturms, den das Büchlein erregen würde, ängstlich gemacht? Oder hatte ihm Merck, der damals durch ein Gewirr von unangenehmen Geschäften verstimmt war, durch die geringe Teilnahme, die er diesem neuen dichterischen Produkt schenkte, Misstrauen eingeflößt? Goethe war nahe daran, seinen Roman nochmals umzuarbeiten. Allein Merck widersetzte sich diesem Vorsatz und verlangte, ihn, wie er war, gedruckt zu sehen. Doch ist nicht zu bezweifeln, dass er während der sechs Monate, die bis zum Druck vergingen, noch manche Veränderung von der sorgfältig feilenden Hand des Dichters erfuhr, worauf auch einige Bruchstücke älterer Konzepte2) schließen lassen. Aus Goethes etwas geheimnisvollen Berichten über seine damaligen geselligen Verhältnisse geht so viel deutlich hervor, dass er sich von dem wilden Schwarm der jungen exzentrischen Literaten, die bei ihm zechten, schmausten und borgten, von der „literarischen Einquartierung“, die ihm und der Mutter nicht auf die Dauer behagte, loszumachen suchte. Der Vater brachte die Reise nach Italien wieder in Vorschlag; die Mutter wünschte den Sohn bald verheiratet zu sehen. Goethe verkehrte im Sommer 1774 in einfacheren geselligen Zirkeln. Ein Mädchen von angenehmer Bildung und sanften Sitten, das ihm durch das zufällige Los einer in jenen Kreisen beliebten Mariage-Lotterie mehrmals zugewiesen worden war, gewann seine Zuneigung, so dass die Erfüllung des mütterlichen Wunsches auf dem besten Weg zu sein schien. „Sie ward mir immer werter, und ihre Art, mit mir zu sein, zeugte von einem schönen ruhigen Vertrauen, so dass wir uns wohl gelegentlich, wenn ein Priester zugegen gewesen wäre, ohne vieles Bedenken auf der Stelle hätten zusammengeben lassen.“ Doch auch dies Verhältnis sollte zu nichts weiterem führen, als eine poetische Produktion zu zeitigen. Goethe las an einem der allwöchentlich wiederkehrenden Gesellschaftsabende die vor kurzem bekannt gewordene Denkschrift Beaumarchais’ vor, worin dieser seinen Rechtshandel mit dem spanischen Archivaufseher Joseph Clavijo darstellt. Dieser hatte sich mit der Schwester Beaumarchais’ verlobt, jedoch sie verlassen. Der Bruder erschien daher in Madrid und brachte ihn zur Erneuerung seines Versprechens. Clavijo brach es aufs neue und verfolgte den Bruder, welchem es dagegen gelang, seine Absetzung vom Amt zu erwirken. Als über diese Erzählung hin- und hergesprochen wurde, äußerte Goethes liebenswürdige Gesellschafterin gegen ihn, er möge diesen Stoff in ein Schauspiel verwandeln; er versprach, es in acht Tagen fertig mitzuteilen. In dieser Eile wurde das Trauerspiel Clavigo, wahrscheinlich im Mai 1774, niedergeschrieben. Da übrigens Goethe gesteht, den dramatischen Plan schon überlegt zu haben, und sich überdies die Arbeit dadurch erleichterte, dass er einen Teil der Handlung wörtlich aus Beaumarchais’ Denkschrift herüber nahm, so wird uns die schnelle Ausführung erklärlich. Er glaubte diesmal im Sinn Mercks zu handeln, wenn er ebenso rasch das Stück unter die Presse brächte; schon im August erschien es im Druck. Allein Merck war unzufriedne, und erwiderte ihm bei der Mitteilung: „Solch einen Quark musst Du mir künftig nicht mehr schreiben; das können die anderen auch.“ „Mein Held“ – heißt es in Betreff des Clavigo in einem Brief Goethes an Schönborn vom 1. Juni – „ist ein unbestimmter, halb groß, halb kleiner Mensch, der Pendant zum Weislingen im Götz, vielmehr Weislingen selbst in der ganzen Rundheit einer Hauptperson; auch finden sich hier Szenen, die ich im Götz, um das Hauptinteresse nicht zu schwächen, nur andeuten konnte.“ Die in Götz und Werther niedergelegten Selbstbekenntnisse sind demnach durch dies Drama vervollständigt. Durch Beaumarchais’ Erzählung war unserm Dichter sein Verhältnis zu Friederike wieder nahe gelegt, und es spannen sich in seiner Phantasie die Szenen aus, wo Treue und Untreue, Empfindung und kalte Überlegung miteinander um den Sieg streiten. Merck, den man unter der Maske des Carlos hat erkennen wollen, ist so wenig dieser, als er Mephistopheles ist; Goethes bringt vielmehr die Doppelseitigkeit seines eigenen Charakters zur Anschauung; daher blieb dem besonnenen Carlos gegenüber für Clavigo nur die Schwäche, das charakterlose Schwanken übrig. „Heiraten! Heiraten just zur Zeit, da das Leben erst recht in Schwung kommen soll! Sich häuslich niederlassen, sich einschränken, da man noch die Hälfte seiner Wanderung nicht zurückgelegt hat“ – solche Worte des Carlos sagte auch ihm wohl der verständige Freundesrat in der eigenen Brust; auch ihm waren die Heiratsgedanken bald wieder entschwunden. Aus psychologischen Gründen lässt sich daher wohl erklären, weshalb er dem Clavigo nicht die Wärme seines Werther einhauchen konnte; der tragische Schluss lag seinem Gefühl fern und wurde nur als bühnengerechter Abschluss mit geschickter Berechnung des theatralischen Effekts angehängt. Merck nannte mit Recht den Clavigo, wie später die Stella „Nebenstunden“. Ernster beschäftigten unsern Dichter die großen dramatischen Pläne, in die er den höhern Gehalt seines Lebens und Denkens legen wollte. Eben deshalb gediehen sie nicht zum Abschluss, weil der Geist mit dem Fortgang seiner Entwicklung auch in neuen Formen zur Erscheinung zu kommen suchte und daher auch die Stoffe wechselte. „Noch einige Pläne zu großen Dramas hab’ ich erfunden“, – äußert er in dem oben angezogenen Briefe – „das heißt, das interessante Detail dazu in der Natur gefunden und in meinem Herzen. Mein Cäsar, der euch nicht freuen wird, scheint sich auch zu bilden“. Weil er im Cäsar das zum Herrschen berechtigte Genie, welches alles Hindernis, alles Widerstreben überwindet, darstellen wollte3), so konnte er an dem Beifall des Dichters der tyrannenfeindlichen „Freiheitsode“ im voraus zweifeln. Dieser Plan ward später durch andere Entwürfe, die inniger mit seinem geistigen Sein zusammenhingen, verdrängt. Mit der Vergangenheit hatte er sich abgefunden. Auch in seinen Studien weist alles vorwärts. Jedes neue geistvolle Werk setzte einen neuen Ideenkreis in Bewegung, „gießt neues Leben in seine Adern“. Mit einer solchen enthusiastischen Hingebung spricht er von Klopstocks Gelehrtenrepublik: „Hier fließen die heiligen Quellen bildender Empfindung lauter aus dem Thron der Natur – das heißt Geschichte des Gefühls, wie es sich nach und nach festigt und läutert, und wie mit ihm Ausdruck und Sprache sich bildet.“ Herders älteste Urkunde des Menschengeschlechts ist ihm ein „ein mystisch weitstrahlsinniges Ganze, eine in der Fülle verschlungener Geäste lebende und rollende Welt – er ist in die Tiefen seiner Empfindung hinab gestiegen, hat drin alle die hohe heilige Kraft der simpeln Natur aufgewühlt, und führt sie nun in dämmerndem wetterleuchtendem, hier und da morgenfreundlich lächelndem Orphischen Gesang vom Aufgang herauf über die weite Welt.“ Weit folgenreicher und tiefer eingreifend in den Gang seiner Entwicklung war das Studium der Ethik des Spinoza. Was ihn zunächst an diesen großen Denker, der von den damaligen Philosophenschulen noch sehr oberflächlich abgefertigt ward, fesselte, das war die Charakterhöhe desselben, die sittliche Würde seiner Philosophie, „die grenzenlose Uneigennützigkeit, die aus jedem Satz hervorleuchtete.“ Er eignete sich diese Lehre nicht als ein System philosophischer Spekulation an, und kann sich daher auch „keine Rechenschaft geben, was er sich aus dem Werk mag herausgelesen, was er in dasselbe mag hineingelesen haben.“ Es gab ihm daher auch nicht eine neue Denkart, sondern weil der Kern der Spinozistischen Lehre mit Goethes tieferer sittlicher Eigentümlichkeit, die unter seinem stürmischen, jugendlichen Streben noch verhüllt lag, zusammentraf, so fand er in ihr Stärkung und Gewissheit, „Beruhigung seiner Leidenschaften;“ er fand den versöhnten Gott, wenn auch auf anderem Wege, als seine fromme Freundin gewünscht hatte, und doch hatte das Anschließen an ihre Glaubensrichtung schon darauf vorbereitet. In Goethes Wesen lag das Streben, sich der ganzen Fülle des Daseins in unmittelbarer Lebendigkeit zu bemächtigen, das eigene Sein damit zu erfüllen. Daher genügte zu seiner Beruhigung nicht die Anschauung, die von dem Irdischen, als dem Eitlen, hinweg zu einem jenseitigen Ewigen sich wendet. Spinoza weist das Irdische nicht von sich; die Dinge der Erscheinungswelt, die Natur und der Mensch als Teil der Natur sind Attribute des göttlichen Seins, das wir nur in jenen und durch jene erkennen; er lässt die Mannigfaltigkeit der Natur, die Eigentümlichkeiten des Individuellen als berechtigt gelten. Der Geist aber des Menschen erhebt das Besondere zum Ewigen und Unendlichen, indem er dahin strebt, alle Dinge auf ihren wahren Wert zurückzuführen und sie mit derselben Freiheit, wie mathematische Objekte, zu erkennen. Durch klare Begriffe, durch die Beziehung der Dinge auf den Begriff Gottes gewinnt er die Herrschaft über die Affekte. Er überzeugt sich, indem er den Sachen gegenüber sich objektiv verhält, von dem Gesetzlichen und Notwendigen, und dies ist Erkenntnis des ewigen Wesens Gottes. Diese Erkenntnis ist zugleich sittliche Freiheit, die Einstimmung mit der ewigen Natur, die Befriedigung im Bewusstsein des Ewigen. Anstatt partieller Resignationen, welche, stets sich wiederholend, unser Inneres niederdrücken und mehr und mehr entmutigen, gelangt der Geist zu der erhebenden und stärkenden Resignation im Ganzen, zu innerlicher Unabhängigkeit, indem er sich von der Notwendigkeit der Dinge als der Notwendigkeit des göttlichen Wesens überzeugt hat. Da Goethe mitten in seinem „Alles aufregenden“ Drang nach Gesetz und Beruhigung strebte, so machte ihn diese „Alles ausgleichende Ruhe“ Spinozas, „die wie eine Friedensluft ihn anwehte“, diese „geregelte Behandlungsart“ zu „seinem leidenschaftlichen Schüler, zu seinem entschiedensten Verehrer“. Vor diesem Lichtstrahl verschwanden die Nebel, die sich um sein Gemüt gezogen hatten; „eine große und freie Aussicht über die sinnliche und sittliche Welt schien sich aufzutun“; er glaubte, „die Welt niemals so deutlich erblickt zu haben.“ Die spinozistische Ansicht blieb die Basis seines geistigen und sittlichen Strebens. Sie leitet ihn, überall Regel und Gesetz zu finden und die Dinge der Herrschaft des Geistes zu unterwerfen. Daher führt sie ihn auch zu der reinen Kunstform der Poesie, welche die Fülle des Seins als eines selbstbewussten Lebens zur Einheit erhebt und, gleich wie die mathematische Methode Spinozas, als ein ewiges und notwendiges zur Totalanschauung bringt4). Nach diesem in ruhiger Geistestätigkeit durchlebten Frühling ward Goethe unerwartet in einen neuen Verkehr mit bedeutenden Männern hineingezogen, der ihm reichen Genuss und mannigfache Anregung gewährte. Lavater, mit dem der briefliche Verkehr schon eine innige Freundschaft eingeleitet hatte, kam in den letzten Tagen des Juni auf seiner Rheinreise nach Frankfurt und fand seinen geleibten jungen Freund. „Es war“ – wie Lavater sagt – „ein unaussprechlich süßer, unbeschreiblicher Auftritt des Schauens.“ – „Bist’s?“ – „Ich bin’s!“, warne die ersten Worte der Begrüßung, und sie umarmten sich aufs herzlichste. Die wichtigsten Fragen der Religion und Philosophie, welche schon in ihren Briefen5) hin und her beleuchtet waren, kamen zwischen ihnen zur Sprache. Goethe hatte sich von dem religiösen Standpunkte Lavaters, der sich seine Gefühlsreligion auf dem positiven Christentum aufbaute, weiter und weiter entfernt. Dieser jedoch, durchdrungen von der lebhaftesten Überzeugung, dass nur der von ihm bezeichnete Weg zum Heil führte, bemühte sich, auch seinen jungen Freund für seinen Christusglauben zu gewinnen. Solchen Bekehrungsversuchen gegenüber hatte Goethe schon in einem Brief an Lavaters vertrauten Freund Pfenninger geäußert: „Ich bin vielleicht ein Tor, dass ich Euch nicht den Gefallen tue, mich mit Euern Worten auszudrücken, und dass ich nicht einmal durch eine reine Experimental-Psychologie meines Innersten Euch darlege, dass ich ein Mensch bin, und daher nichts anders sentieren kann, als andere Menschen, dass das alles, was unter uns Widerspruch scheint, nur Wortstreit ist, der daraus entsteht, weil ich die Sachen unter andern Kombinationen sentiere, und drum, ihre Relativität ausdrückend, sie anders benennen muss – welcher aller Kontroversen Quelle ewig war und ewig bleiben wird.“ Solchen Zumutungen hielt er auch jetzt seine selbstständige Überzeugung entgegen, während sein Gemüt von Lavaters Wärme, von der „tiefen Sanftmut seines Blicks, der Lieblichkeit seiner Lippen, selbst dem durch sein Hochdeutsch durchtönenden treuherzigen Schweizerdialekt“ mächtig zu ihm sich hingezogen fühlte. Wo er Wärme fand, ehrte er die religiöse Überzeugung an andern, und Lavater, „der nicht satt werden konnte, das Genie dieses einzigen Mannes in seiner Art anzustaunen6)“, begegnete mit liebevoller Achtung der Offenheit, mit der sich das Innerste des genialen Jünglings vor ihm aufschloss. Diese lebhaften Unterhaltungen über die höchsten Probleme des Denkens – auch die Lavatersche Theorie der Physiognomik griff vielseitig anregend in diese Gebiete ein – brachten Goethes „ruhiges künstlerisch beschauliches Wesen in Umtrieb“. Es ergriff ihn daher das Verlangen, sie fortzusetzen, und er entschloss sich, um Lavater besser, als unter den Frankfurter Zerstreuungen, genießen zu können, ihn auf seiner Reise nach Ems zu begleiten, wo sie am 29. Juni anlangten. In Ems trennten sie sich wieder, da Goethe durch seine juristischen Geschäfte nach Frankfurt zurückgerufen ward, überdies Lavater wieder der sich um und an ihn drängenden Gesellschaft gehörte. Goethe sollte jedoch nicht sobald zur Ruhe kommen. Wenige Tage darauf kam Basedow nach Frankfurt und warb um Unterstützung für seine reformatorischen pädagogischen Unternehmungen, welche damals Deutschland nicht minder in Bewegung versetzten, als Lavaters physiognomische Lehren. Obwohl sein derbes, zynisches Betragen der gerade Gegensatz von Lavaters Zartheit und sittlichem Anstand war, so zog dennoch seine Originalität, seine drollige Lebendigkeit Goethe an. Seine pädagogischen Reformen hatten trotz seiner rationalistischen Freigeisterei selbst an Lavater einen warmen Verehrer und Fürsprecher. Als er am 12. Juli nach Ems aufbrach, begleitete ihn Goethe seine Strecke weit, obgleich Basedow durch seinen schlechten Tabak und stinkenden Zündschwamm seine Geduld auf nicht geringe Probe setzte. In Frankfurt hielt es ihn nicht lange. Der Vater und einige Freunde übernahmen die Besorgung der laufenden Geschäfte, und er machte sich am 15. Juli auf, die Männer, welche seinen Geist in neue Unruhe versetzt hatten, nochmals aufzusuchen. In Ems verweilte er einige Tage, die unter Tanz und Lustbarkeiten, Ausflügen und heiterem Gespräch mit den Freunden verflossen. „Ich bin vergnügt“ – sagte Goethe damals zu Lavater – „ich bin glücklich! Das fühle ich, und doch ist der ganze Inhalt meiner Freude ein wallendes Sehnen nach etwas, das ich nicht habe, nach etwas, das ich nicht anschauend erkenne“. Am 18. Juli unternahmen sie eine Lahnfahrt in „ziemlich großer, sehr unterhaltender Gesellschaft; Goethes Genialischer Mutwill, Basedows ruhiger Witz und Lavaters weise Laune gaben freilich den Ton, worin dann auch die andern, jeder nach seiner Art, mit einstimmten.“ Goethe äußert in „Dichtung und Wahrheit“, man habe ihn auf der ganzen Reise nur als den Dunstschweif jener beiden großen Wandelsterne behandelt. Ihm fehlte nämlich damals noch der Glanz des Werther, und er irrt sich, wenn er berichtet, man habe ihn mit Fragen nach der Wahrhaftigkeit der Leiden Werthers und dem Wohnort Lottes bestürmt. Beim Anblick einer merkwürdigen Burgruine schrieb Goethe in das Stammbuch der Lips, der Lavaters physiognomische Reise als Zeichner begleitete, die Verse: Geistesgruß („Hoch auf dem alten Turm steht“ etc.). Das Gedicht „Diner zu Koblenz“ zeichnet uns den ergötzlichen Moment, wo er, als das Weltkind zwischen den beiden Propheten, behaglich ein Stück Lachs und einen „Hahnen“ verzehrt, während Lavater einem Landprediger die Offenbarung Johannis erklärt, und Basedow einem Tanzmeister die Unzweckmäßigkeit der Kindertaufe beweist. Von Koblenz ward die Reise Rheinabwärts fortgesetzt. Lavater wollte einen Freund in Mühlheim (am Rhein) besuchen, Goethe zog es zu der Jacobischen Familie. In Köln musste dem Verehrer altdeutscher Baukunst vornehmlich der Dom hohes Interesse gewähren. Allein das Ruinenartige des unvollendet gelassenen Bauwerks ließ ihn keinen Totaleindruck gewinnen, da zu tiefer eindringenden Studien keine Zeit blieb, und niemand ihm den künstlerischen Wert des großartigen Baues klar vor Augen zu legen vermochte. Nachdem er sich in Mühlheim von Lavater getrennt hatte, eilte er nach Düsseldorf. Die Jacobische Familie befand sich auf ihrem gemütlichen Landsitz Pempelfort, wohin er sich sogleich hinausbegab und mit aller Herzlichkeit empfangen wurde (21. Juli). Mit Jacobi bleib er längere Zeit zusammen, da dieser ihn nach Elberfeld und nach Köln begleitete. Hatte ihn mit Lavater und Basedow mehr der Widerspruch, als die Wahlverwandtschaft der Geister verbunden, so fand er an Friedrich Jacobi einen jugendlichen Freund, dessen Denken, wie das seine, aus dem Innersten des Gemüts, aus der Tiefe einer reichen Ideenwelt hervorquoll und dessen Sehnsucht ins Unendliche strebte. Er sah sich von einem Freundesherzen ganz verstanden; ihm war „eine solche reine Geistesverwandtschaft neu, und erregte ein leidenschaftliches Verlangen fernerer Mitteilung.“ Alles, was in einem jeden lebte, kam zur Sprache; ernste philosophische Unterhaltungen wurden gepflogen, in denen vornehmlich Spinoza, dem Jacobi ein noch anhaltenderes Studium, als Goethe, gewidmet hatte, den Anhaltspunkt darbot. Goethe teilte manches von seinen neuesten Dichtungen mit, unter andern die Balladen „Der König von Thule“ und „Der untreue Knabe“. Im leidenschaftlichen Drang nach Mitteilung suchte Goethe den Freund eines Nachts, nachdem sie sich schon getrennt und in die Schlafzimmer zurückgezogen hatten, nochmals auf. Am Fenster stehend, während der Mondschein über dem breiten Rhein zitterte, schwelgten sie in der Fülle des Hin- und Wiedergebens. „Goethe ist der Mann“ – schreibt Jacobi am 10. August an Frau von la Roche – „dessen mein Herz bedurfte, der das ganze Liebesfeuer meiner Seele aushalten, ausdauern kann. Mein Charakter wird nun erst seine echte eigentümliche Festigkeit erhalten; denn Goethes Anschauung hat meinen besten Ideen, meinen besten Empfindungen – den einsamen, verstoßenen – unüberwindliche Gewissheit gegeben. Der Mann ist selbstständig vom Scheitel bis zur Fußsohle.“ – Ebenso enthusiastisch spricht sich diese Verehrung in einem Brief an Wieland aus (27. Aug.): „Je mehr ich’s überdenke, je lebhafter empfinde ich die Unmöglichkeit, dem, der Goethe nicht gesehen noch gehört hat, etwas Begreifliches über dieses außerordentliche Geschöpf zu schreiben… Man braucht nur eine Stunde bei ihm gewesen zu sein, um es im höchsten Grad lächerlich zu finden, dass er anders denken und handeln soll, als er wirklich denkt und handelt. Hiermit will ich nicht andeuten, dass keine Veränderung zum Schönern und Besseren in ihm möglich sei; aber nicht anders ist sie ihm möglich, als so wie die Blume sich entfaltet, wie die Saat reift, wie der Baum in die Höhe wächst und sich krönt.“ – „Welche Stunden! Welche Tage!“ – So spricht noch das Entzücken der Erinnerung sich in einem fast vierzig Jahr später geschriebenen Brief Jacobis aus – „mir wurde wie eine neue Seele. Von dem Augenblick an konnte ich Dich nicht mehr lassen.“ Auch Wilhelm Heinse, mit dem Goethe in Düsseldorf zusammentraf, war von seiner Herz gewinnenden Gewalt hingerissen. „Goethe war bei uns“ – heißt es in einem seiner Briefe aus jener Zeit – „ein schöner Junge von fünfundzwanzig Jahren, der vom Wirbel bis zur Zehe Genie und Stärke ist, ein Herz voll Gefühl, ein Geist voll Feuer mit Adlerflügeln; ich kenne keinen Menschen in der ganzen gelehrten Geschichte, der in solcher Jugend so rund und voll von eigenem Genie gewesen wäre, wie er.“ Für den Kunstfreund besaß Düsseldorf damals reiche Schätze; in der Gemäldegalerie konnte Goethes Vorleibe für die niederländische Schule reichliche Nahrung finden. Einen andern Kunstgenuss gewährte ihm eine Fahrt nach dem anderthalb Meilen von Mühlheim gelegenen Jagdschloss Bensberg, wo ihn die Wandverzierungen von Weenix, welche verschiedenartige Jagdtiere in meisterhafter Naturnachahmung darstellen, „über die Maßen“ entzückten. Jung, der als Arzt zu Elberfeld lebte, wurde eines Morgens früh in einen Gasthof gerufen: Ein fremder Patient sei da, der ihn zu sprechen wünsche. Ins Schlafzimmer des Fremden geführt, fand er den Kranken, Hals und Kopf in Tücher gehüllt; der Fremde steckte die Hand aus dem Bett und sagte mit schwacher, dumpfer Stimme: „Herr Doktor, fühlen sie mir einmal den Puls; ich bin gar krank und schwach.“ Jung erwiderte, die Hand am Puls seines Patienten: „Ich finde gar nichts krankes, Ihr Puls geht ordentlich.“ Kaum hatte er dies gesagt, so hing – Goethe an seinem Hals; es war eine unbeschreibliche Freude des Wiedersehens7). Während dessen fand auch Lavater, ohne dass Goethe davon unterrichtet war, sich veranlasst, seine Reise bis nach Elberfeld auszudehnen, wo er bei einem Kaufmann gastliche Aufnahme fand. Eine seltsam gemischte Tischgesellschaft in diesem Haus, unter der sich Lavater, Friedrich und Georg Jacobi, Heinse, Goethe und Jung befanden, hat uns der Letztere in lebhaften Zügen geschildert. Lavater streckte in liebenswürdigster Unterhaltung, die alle zur Ehrfurcht und Liebe hinriss, seine physiognomischen Fühlhörner aus, und sein geschickter Zeichner fand ergiebige Beschäftigung. „Goethe aber konnte nicht sitzen; er tanzte um den Tisch her, machte Gesichter und zeigte allenthalben nach seiner Art, wie königlich ihn der Zirkel von Menschen gaudiere. Die Elberfleder glaubten, der Mensch sei nicht klug. Stilling aber und andere, die sein Wesen besser kannten, meinten oft vor Lachen zu bersten, wenn ihn einer mit starren und gleichsam bemitleidenden Augen ansah, und er dann mit großem hellen Blick ihn darnieder schoss.“ Die Rückreise nach Frankfurt wurde in den ersten Augustwochen rasch vollendet. Ihm blieben davon keine Rückerinnerungen, da sein äußerer Sinn nicht mehr durch die Neuheit der Gegenstände in Anspruch genommen wurde, und sein Geist, mehr in sich gekehrt, mit dem Verarbeiten der zuletzt gewonnenen Eindrücke und Ideen beschäftigt war. Welch eine gehobene Gemütsstimmung er in die Stille des väterlichen Hauses zurückbrachte, mag der erste Brief, den er an Jacobi richtete (vom 13. nachts), dartun. Er lässt uns tief in des Dichters Liebe glühende Seele blicken. „Ich träume, lieber Fritz, den Augenblick, habe Deinen Brief und schwebe um Dich. Du hast gefühlt, dass es mir Wonne war, Gegenstand Deiner Liebe zu sein. O, das ist herrlich, dass jeder glaubt, mehr vom andern zu empfangen, als er gibt! O Liebe! Liebe! Die Armut des Reichtums – und welche Kraft wirkt’s in mich, da ich im andern alles umarme, was mir fehlt und ihm noch dazu schenke, was ich habe. Ich habe vorige Nacht auf’m Postwagen durch Basedows Grille gesessen. Es ist wieder Nacht. – Glaub’ mir, wir könnten von nun an stumm gegeneinander sein, uns dann ach Zeiten wieder treffen, und uns wär’s, als wären wir Hand in Hand gegangen. Einig werden wir sein über das, was wir nicht durchgeredet haben. Gute Nacht. Ich schreibe im Rauschtaumel, nicht im Wogensturm; doch ist’s nicht eins, welcher uns an Steine schmettert? – Wohl denen, welche Tränen haben!“ Diese geistige Erhebung, diese Erregung aller denkenden und dichtenden Kräfte seiner Seele trieb tausendfältige neue Keime in ihm hervor. Er lebte in einem Frühling des freudigsten Schaffens. Eine Fülle des Hohen und Schönen drängte sich heran, zu überwältigend, als dass nicht, was davon zur dichterischen Darstellung gebracht ward, Fragment bleiben musste. Aber eine Vorstellung vermögen wir uns ungefähr davon zu machen, wenn wir bedenken, dass (mag auch Cäsar als beseitigt anzusehen sein) ‚Faust’, ,Mahomet’, ‚der ewige Jude’ und ‚Prometheus’, welche er selbst als „die kühneren Griffe in die tiefere Menschheit“ bezeichnet, gleichzeitig (denn die Hauptszenen der ältesten Faustdichtung gehören dem Jahre 1774 an) ihn beschäftigten, alle dazu bestimmt, des denkenden und schaffenden Geistes mutiges Streben in die Welt hinein darzustellen und die höchsten Zwecke des sittlich-religiös wirkenden Menschengeistes zu lebenvoller Anschauung zu bringen. Den Entwurf des ‚Mahomet’ setzt Goethe in seinem biographischen Bereich tunmittelbar mit den im Verkehr mit Lavater und Basedow gewonnenen Erfahrungen in Verbindung, indem er bei Betrachtung ihres Lebensganges eingesehen habe, dass der vorzügliche Mensch, welcher das Göttliche, das er in sich fühlt, außer sich verbreiten möchte, durch sein Zusammentreffen mit der rohen Welt genötigt wird, sich ihr gleichzustellen, wodurch er zuletzt im Verfolg irdischer Zwecke zu vergänglichen Schicksalen mit fortgerissen wird. Die Grundidee scheint jedoch weit tiefer in Goethes eigener Geistesentwicklung zu wurzeln und unabhängig von jenen Beobachtungen entstanden zu sein, mag auch bei der weiteren Ausbildung des Plans die Anschauung des modernen Prophetentums von Einfluss gewesen sein. Goethe gesteht selbst, kurz zuvor das Leben des orientalischen Propheten mit großem Interesse gelesen und studiert zu haben, wobei sich der Gedanke in ihm ausbildete, dass er nicht der Betrüger sei, für den ihn oberflächliche Fanatiker auszugeben pflegten. Die beiden großen Momente in Muhameds Leben, wo der Strahl des Glaubens an den einen höchsten Gott ins eine Seele fällt, und wo diese Lehre aus der Stille der Brust triumphierend in die Welt eintritt, begeisterten ihn zu zwei lyrischen Gesängen, welche wahrscheinlich vor dem Entwurf des Ganzen gedichtet wurden. In dem ersten Gesang hebt Mahomet sein glühendes Herz den Gestirnen, dem Mond, der Sonne entgegen, und ihr Anblick zeiht ihn hinauf zu der Verehrung des Erschaffenden, Alliebenden8). Der zweite ist die unter der Überschrift „Mahomets Gesang“ bekannte Hymne, welche den Welt erobernden Sieg der geistigen Tat unter dem Bild des großen Stroms schildert, der, als reiner Felsenquell entsprungen, mehr und mehr anschwellend, die kleinen Gewässer mit sich zum Ozean zieht. Diesen Gesang sollte Ali auf dem höchsten Punkt des Gelingens zu Ehren des Meisters vortragen. Er erschien schon, als Wechselgesang zwischen Ali und Fatema, in dem Göttinger Musenalmanach für 1774, woraus sich auf frühere Abfassung schließen lässt. Von dem Stück selbst hat sich nur die in Prosa abgefasste Eingangsszene erhalten. Aus einigen Blättern von Goethes Hand geht hervor, dass er den Koran sorgfältig zum Behelf seines Dramas durchstudierte und stellenweise übersetzte. Den Plan desselben hat er uns vollständig mitgeteilt. Nachdem Muhamed den Glauben an den einigen Gott gewonnen hat, teilt er ihn den Seinigen mit, seine Frau und Ali fallen ihm unbedingt zu. Im zweiten Akt versucht er seinen Glauben bei seinem Stamm auszubreiten; der Zwist erhebt sich, und der Prophet muss fliehen. Im dritten siegt sein Glaube über die Gegner; er reinigt die Kaaba von den Götzenbildern. Aber nun wird das Himmlische getrübt, je mehr das Irdische wächst und sich ausbreitet. Im vierten Akt benutzt Muhamed, um seine Eroberungen zu verfolgen, die Mittel der List und Gewalt, bereitet sich aber dadurch seinen Sturz; eine Frau, deren Mann er hat hinrichten lassen, vergiftet ihn. Im fünften fühlt er sich vergiftet; damit erwacht wieder der höhere Sinn und verleiht ihm Fassung, so dass er im Tod sich wieder der Bewunderung würdig macht, indem er seine Lehre reinigt und sein Reich befestigt: – Ein Entwurf, wert, einen großen Dichtergeist zu beschäftigen. War es in diesem Drama auf eine ziemlich regelmäßige Komposition abgesehen, so griff er dagegen in der Bearbeitung des ‚Ewigen Juden’ nach der lockeren humoristischen Erzählungsform des Hans Sachs, um sich nach Lauen in Erzählung und Betrachtung, in Ernst und Scherz zu ergehen, wie denn gleich die Eingangsverse:
uns auf diesen Ton vorbereiten. Die Sage vom Ewigen Juden, welcher ruhelos die Menschenwelt in verschiedenen Stadien ihrer Entwicklung durchwandert, hatte sich Goethe früh durch das bekannte Volksbuch eingeprägt. Sie schein ihm ein geeigneter Faden zu sein, um die hervorstehenden Punkte der Religions- und Kirchengeschichte darzustellen. In dem Juden Ahasverus wollte er einen originellen Schuster, „halb Essener, halb Methodist, Herrnhuter, mehr Separatist“, schildern, zu welchem ihm sein Dresdener Schuster die Grundzüge liefern sollte. Da Ahasver sich mit den Leuten gern in ein Gespräch einlässt, so lernt er auch Christus kennen, den er, weil er seinen höheren Sinn nicht fasst, zu seinen Ansichten bekehren möchte, so sehr ihn auch der Heiland über seine hohen Absichten zu belehren sucht. Er verlangt, dass Christus sich zum Parteihaupt mache und aus seiner Beschaulichkeit heraustrete, was auch Judas durch seinen Verrat zu betreiben sucht. Als aber dieser Plan misslingt, gerät Ahasver außer sich und stößt in seiner Erbitterung den Heiland auf seinem Kreuzesweg von seiner Tür und überhäuft ihn mit Vorwürfen. Dieser antwortet nicht; aber in dem Augenblick bedeckt die liebende Veronica des Heilands Gesicht mit dem Tuch. Da sie es wegnimmt und in die Höhe hält, erblickt Ahasver darauf das Antlitz des Herrn, aber keineswegs des in Gegenwart leidenden, sondern eines herrlich Verklärten, Geblendet von dieser Erscheinung wendet er die Augen weg und vernimmt die Worte: Du wandelst auf Erden, bis zu mich in dieser Gestalt wieder erblickst. Als der Betroffene wieder zu sich kommt, sind die Straßen von Jerusalem öde, Unruhe und Sehnsucht treiben ihn fort, und er beginnst seine Wanderung. Dieser Teil ist Entwurf geblieben. Unter den uns erhaltenen Bruchstücken ist besonders der Teil mit Liebe ausgeführt, wo der Heiland, um sich von dem Zustand des Christentums durch eigene Anschauung zu unterrichten, nach 3000 Jahren auf die Erde wiederkehrt. Die Schilderung des Moments, wo der Heiland von dem Berg, auf welchem ihn einst der Teufel versuchte, den Blick auf die Erde wirft, „wo er einst säte und nun ernten will,“ ist dem Erhabensten, was Goethe gedichtet hat, an die Seite zu setzen. Statt der Religion der Liebe findet er dort Zwietracht und niedere Begierde.
Die Legende, dass der Herr, als er auf die Erde zurückkommt, in Gefahr gerät, zum zweiten Mal gekreuzigt zu werden (‚venio iterum crucifigi’), hat Goethe während seiner italienischen Reise noch einmal veranlasst, einen Plan zu einem großen Gedicht zu entwerfen, dass aber ebenso wenig, wie der Jugendentwurf, zur Ausführung gedieht. Charakteristisch für Goethes damalige Richtung ist die bittere Abneigung, die sich in jenen Fragmenten gegen die Geistlichkeit, gegen die „Pfaffen“ ausspricht, die trotz der Reformation geblieben seien, nur das sie „mehr schwätzen, weniger Grimassen machen.“ Dagegen beabsichtigte er, seine Verehrung für Spinoza bei Gelegenheit eines Besuches, den Ahasver bei ihm macht, auszusprechen, und was er sich von jenem Denker angeeignet hatte, praktisch darzulegen; doch er gelangte nicht dazu, diese mit besonderer Liebe durchdachte Episode niederzuschreiben. Die Entwürfe des Mahomet und des Ewigen Juden blieben liegen, weil in dem Geist unsers Dichters in Bezug auf die religiöse Weltansicht eine neue Epoche eintrat, in deren Entwicklung der Einfluss des Spinozismus unverkennbar ist. Sein produktives Talent war aufs höchste gesteigert und gehorchte ihm zu jeder Stunde; sogar, was er am Tag wachend gewahr wurde, bildete sich öfters nachts in regelmäßige Träume. Dies Bewusstsein der Freiheit des Geistes, der, wie es Spinoza verlangt, in den eigenen Tiefen Gesetz und Form fand, erhob sich im kühnsten Schwung zu dem Gefühl einer von keinen Schranken eingeengten genialen Schöpferkraft, die in Götterähnlichkeit herrliche Gebilde schafft. Diesem stolzen Selbstvertrauen musste die griechische Mythe von Prometheus sehr zusagen, in der das kühne Emporstreben des mit schaffender Kraft ausgerüsteten Titanen sich darstellt. Doch gefiel dem Dichter minder das Gigantische, Himmelstürmende dieser Mythe, sondern das friedliche, plastische Widerstreben, das die Obergewalt zwar anerkennt, aber sich ihr gleichstellen möchte. Er bildete daher die antike Mythe nach seinem Sinn um. Sein Prometheus stellt den nach dem innern Drang kühn schaffenden Geist dar, der sich von jeder äußern Herrschaft, auch der der Götter, freimacht und auf eigene Hand Wesen bildet, unter ihnen von allen das vollendetste, die Pandora, das „heilige Gefäß der Gaben alle, die ergötzlich sind unter dem weiten Himmel, auf der unendlichen Erde“; von Minerva zum Quell des Lebens hingeführt, gibt er ihnen Leben. In den Szenen des zweiten Akts beginnt die Tätigkeit und das erste Gefühlsleben der neuen Geschöpfte, welche Leidenschaft, Lebenswonne und Todesschauern zum ersten Mal empfinden. Der Erhabenheit des Stoffes schien die freie hymnenartige Form angemessen zu sein, die Goethe in einigen Oden angewandt hatte. Die zwei vorhandenen Akte bilden ein Ganzes, so dass man zweifeln möchte, ob der Dichter damals eine Fortsetzung beabsichtigt habe, wie er am Schluss des ersten Abdrucks (1830) andeutete. Jacobi, dem er seine Dichtung übersandte, schrieb am 6. November 1774: „Kaum kann ich Dir sagen, dass dieses Drama mich gefreut hat, weil es mir unmöglich ist, Dir zu sagen, wie sehr!“ Der unter die lyrischen Gedichte aufgenommene Monolog des Prometheus, welcher die Hauptgedanken des Prometheischen Krafttrotzes energisch zusammenfasst, ist zwar um dieselbe Zeit gedichtet, aber nicht, wie Goethe angibt, der Anfang eines dritten Akts, sondern eine selbstständige Dichtung9). Die gab infolge einer Mitteilung Jacobis an Lessing (1780) Veranlassung zu einer beistimmenden Äußerung des Letzteren, welche 1785 einen erbitterten Streit zwischen Jacobi und Mendelssohn über Lessings Spinozismus hervorrief. Dass übrigens dem titanischen Jüngling sein Zimmer einer Prometheuswerkstatt zu gleichen schien, dazu trug nicht nur die Poesie, sondern auch die bildende Kunst bei. Er zeichnete fleißig, und die Wände seines Zimmers waren mit verschiedenerlei Arbeiten, fertigen und unvollendeten, bedeckt. Das poetische Gefühl quoll oft mit dem fröhlichen Schaffen des Künstlers hervor, und wir verdanken diesem eine Reihe von Gedichten, welche die freudige Empfindung des darstellenden Künstlers ausdrücken: Künstlers Morgen- und Abendlied, Kenner und Künstler, Kenner und Enthusiast, Sendschreiben, Künstlers Fug und Recht, so wie die dramatische Kleinigkeit ‚Künstlers Erdewallen’, das den Konflikt der Kunstbegeisterung mit den Sorgen des Tages zum Gegenstand hat. War aber irgendein Zeitpunkt in Goethes Leben geeignet, ihn mit Stolz auf die Schöpferkraft seines Genius zu erfüllen, so war es der, wo er, den wiederholten Bitten der Freunde endlich nachgebend, seinen Werter in die Welt sandte; er erschien im Oktober ohne Namen des Verfassers, den jedoch Buchhändler Weygand schon in der Anzeige im Messkatalog verriet. Alles, was an Sehnsucht und schmerz das mitlebende Geschlecht erfüllte, aller erhabenen und weichen Empfindungen, welche in der Poesie jener Zeit stürmisch hervordrangen, waren hier zu einem kleinen Gemälde in vollendetster Kunstform zusammengefasst. Wie es elektrisch nach allen Seiten zündend wirkte, ist kaum mit wenig Worten zu schildern. „Das Herz ist einem so voll davon, und der ganze Kopf ein Gefühl von Träne. O, Menschenleben! Welche Glut und Qual und Wonne vermagst du in dich zu fassen!“ Das war mit den Worten einer derzeitigen Rezension das Geständnis aller warm schlagenden, jungen Herzen. Keine andere Dichtung hat je so viel Tränen fließen gemacht, keine die Seele so im Tiefsten erschüttert. Eine lebendige Schilderung der ersten frischen Wirkung des Romans gibt uns ein Brief Jacobis, der ihn seinem Bruder und Heinse vorgelesen hatte. Heinse „ward übermannt, geriet außer sich, sein Angesicht glühte, seine Augen tauten, seine Brust hob sich empor; Bewunderung und Entzücken erfüllte seine Seele: Über alles, was Goethe bisher gemacht hat, sagt’ er, ist dies göttliche Werk ganz voll Kraft, ganz voll Leben, aber damit auch alle seine Kraft, all sein Leben; da steht er nun in seiner höchsten Größe an der äußersten Grenze seiner Jünglingschaft. Zuweilen hielt ich inne, sprach einige Worte, las dann weiter, und wund meinen Mann immer höher und höher, bis es endlich dahin kam, dass er in der lautersten Wahrheit seines Herzens zeugte, Du seist der größte Mann, den die Welt hervorgebracht; kein altes, kein neues Volk habe ein solches Wunder aufzuweisen, als Werthers Leiden.“ Zu derselben Zeit jedoch, wo der Ruhm unseres Dichters sich über die ganze gebildete Welt verbreitete, wo bald mit Werter sein Name den Siegeszug durch Frankreich und England hielt, begann er auch, um dieser Dichtung willen viele Unannehmlichkeiten und Angriffe zu erleiden. Die nächsten, welche sein Herz am empfindlichsten berührten, kamen gerade von der Seite, wo die Wahrheit dieser Dichtung am tiefsten erkannt werden konnte, und wo er auf Teilnahme und Mitgefühl gerechnet hatte. Mit dem Kestnerschen Ehepaar hatte Goethe nach der Verheiratung den Briefwechseln mit der früheren Innigkeit und Offenheit fortgesetzt. Nach Lottes erster Niederkunft sprach er in einem sehr schönen Brief das Verlangen aus, dass der Knabe Wolfgang genannt werde, und er Patenstelle übernehmen dürfe. Darauf kündigte er ihnen eine bald zu machende Sendung an, und diese war ein Exemplar von Werthers Leiden. Aber wie groß war ihr Erstaunen, sich selbst so offen vor der Welt hingestellt zu sehen, zumal da der Dichter es für nötig erachtet hatte, den Bräutigam und Gemahl Albert als unliebenswürdig und sein Verhältnis zu Lotte als kalt und durch ihre Neigung zu Werter gestört darzustellen, was erst durch spätere Veränderung mehr gemildert worden ist. Von den Anklagen und Vorwürfen, die ihm für sein Geschenk zurückgegeben wurden, war er sehr ergriffen. In seiner Erwiderung beschwor er sie, ihm und der Zeit zu vertrauen, die alles zurechtbringen und zu ihrer aller Ehre enden werde. Aber er fühlt auch zugleich die Größe seines dichterischen Berufes und verhehlt es ihnen nicht, dass sein Werk ihre Namen unsterblichem Gedächtnis überliefern werde. Er fordert sie wiederholt auf, doch nur alles wieder und wieder zu lesen; er zweifle nicht, dass dann das Gedicht sie über den Anstoß der Realität beruhigen werde; endlich in Erinnerung an die Größe des eigenen Entsagungsopfers bricht er in die Worte aus: „O, ihr teuren Menschen, ahnt ihr denn so gar nicht, wie der Mensch euch lieben muss, dessen Leiden euch schon in dem bloßen Abbild schaudern macht?“10) Es gelang ihm, den Sturm zu beschwichtigen und mit dem Ehepaar in freundlichem Vernehmen zu bleiben. Nach 1776, mehr noch nach 1780 werden indes die Briefe spärlicher, bis nach Kestners Tod (1800) der Briefwechsel erlosch. Goethe sah die Jugendgeliebte noch einmal wieder, als sie 1816 ihre in Weimar verheiratete Schwester besuchte, und erwies ihr große Aufmerksamkeit. Sie starb im Jahr 1828. Die öffentlichen Angriffe galten nicht sowohl der Dichtung als solcher, sondern der Moral derselben, indem viele sie für eine Apologie des Selbstmords nahmen. In der Tat sollen auch einige schwache Seelen durch diesen Roman dazu angetrieben worden sein; doch das war Krankheit der Zeit, die nicht erst der Werther hervorgerufen hatte. Goethe wollte sie eben dadurch heilen, dass er das Entstehen und die Entwicklung eines Seelenzustandes schilderte, der den Entschluss der Verzweiflung endlich eingibt, wenn man auch von dem Dichter nicht verlangen konnte, dass er durch ein „Schlusskapitel, je zynischer, desto besser“, wie Lessing anriet, oder durch moralisierende Zugaben sein Werk zerstöre, haben doch schon die mildernden Änderungen und Zusätze der späteren Ausgaben viel von dem frischen Hauch der Jugenddichtung hinweg genommen. In Leipzig ward der Verkauf des Romans untersagt; doch hinderten solche Verbote nicht, das schon im nächsten Jahr eine zweite Auflage erschien, in der die beiden bekannten Strophen (die letzte schließt: Sei ein Mann, und folge mir nicht nach!) als Motto dienten. Unter denen, welche für Religion und Tugend am Werther zu Rittern werden wollten, fehlten weder der geschwätzige Buchhändler Nicolai, der in einer faden Umdichtung „Freuden des jungen Werthers, Leiden und Freuden Werthers des Mannes“ den kranken Sinn Werthers nach einem Hühnerblutschuss durch eine Heirat mit Lotte heilen und ihn dann die ganze Prosa des Lebens auskosten lässt – noch der Zionswächter Goeze zu Hamburg, welcher der Obrigkeit das Einschreiten gegen die Apologien des Selbstmords zur Pflicht machte. Dieser Lärm der Kritiker und Moralisten mochte dem Dichter mitunter recht lustig vorkommen, und Nicolai ward mit einigen witzigen Epigrammen abgefertigt; doch machte ihn das Gerede zuletzt recht verdrießlich. In einem Brief vom 6. März 1775 äußert er: „Ich bin das Ausgraben und Sezieren meines armen Werthers so satt! Wo ich in eine Stube trete, finde ich das Berliner Hundezeug; der eine schilt darauf, der andere lobt’s, der Dritte sagt, es geht doch an, und so hetzt mich einer wie der andere.“ Aber er setzt gleich hinzu: „Nimm mir’s doch nichts von meinem innern Ganzen, rührt und ruckt’s mich doch nicht in meinen Arbeiten, die immer nur die aufbewahrten Freuden und Leiden meines Lebens sind.“11) Es ist nicht zu verkennen, dass die Aufregung, welche Werther hervorrief, auch den Dichter in seinem stillen Schaffen unterbrach. Die großen titanischen Konzeptionen, die aus dem raschen Wurf begeisterter Stunden hervorgegangen waren, rückten während des Winters 1774/75 nicht vor. Er macht selbst über sich die Bemerkung, die wir später oft bestätigt finden, dass „eben die Natur, die größere und kleinere Werke unaufgefordert in ihm hervorbrachte, manchmal in großen Pausen ruhte, und er in einer langen Zeitstrecke selbst mit Willen nichts hervorzubringen imstande war.“ Vielmehr warf er sich, wie denn sein Geist schnell nach dem Entlegenen und Entgegengesetzten überzuspringen pflegte, auch jetzt aus der stürmischen Produktivität in philosophische Studien. Er nahm den Spinoza, den er eine geraume Zeit hatte ruhen lassen, wieder vor. Was ihn immer von neuem zu diesem Denker hinzog, war das Streben, den sittlichen Erscheinungen der Welt auf den Grund zu sehen; stets zog es ihn zu dem Wirklichen und Praktischen hin, und hierin fand er die Beruhigung seines Innern. Daher widmete er um diese Zeit den „patriotischen Phantasien“ des trefflichen Justus Möser, welche in populärer Sprache sittliche und politische Fragen behandeln und tief ins Innerste des deutschen Volkslebens eingehen, ein lebhaftes Interesse. „Nehmen Sie“ – schreib er am 28. Dezember an Mösers Tochter, Frau von Voigts, welche die zerstreuten Aufsätze ihres Vaters aus den Osnabrücker Intelligenzblättern unter obigem Titel zum ersten Mal gesammelt herausgab – „Meinen einzelnen Dank für die patriotischen Phantasien Ihres Vaters, die durch Sie erst mir und hiesigen Gegenden erschienen sind. Ich trage sie mit mir herum; wann, wo ich sie aufschlage, wird mir’s ganz wohl, und hunderterlei Wünsche, Hoffnungen, Entwürfe entfalten sich in meiner Seele.“ Mit dem wachsenden Ruhm des jungen Dichters mehrte sich auch die Zahl derer, die seine Zeit in Anspruch nahmen. Gesellig und hingebend wie er war, widmete er sich gern den geselligen Kreisen, die ihn anzogen, und den vielen Besuchenden, die ihn als eine Zelebrität von Angesicht kennen zu lernen wünschten. Manchen bedeutenden Fremden nahm das Goethesche Haus gastlich auf. „Noch eins“ – schreibt er an Auguste zu Stolberg, mit der er durch ihren Bruder eine poetische Freundschaft geschlossen, ohne dass sie sich je gesehen hatten12) – „noch eins, was mich glücklich macht, sind die vielen Menschen, die von allerlei Enden meines Vaterlands, zwar freilich unter vielen unbedeutenden, unerträglichen, in meine Gegend zu mir kommen, manchmal vorübergehen, manchmal verweilen. Man weiß erst, dass man ist, wenn man sich in anderen wieder findet.“ Klopstock machte im Herbst 1774 eine Reise nach Karlsruhe, wohin ihn der Markgraf Karl Friedrich von Baden eingeladen hatte, „begierig“ – wie er ihm schrieb – „den Dichter der Religion und des Vaterlandes bei sich zu sehen.“ Auf dieser Reise schloss der Vater der neueren deutschen Poesie einen Bund mit Deutschlands Dichterjugend. In Göttingen hob sich in seiner Nähe das Selbstgefühl der Jünglinge des Dichterbundes, der verehrungsvoll an ihm hinaufblickte. Auch Goethe hatte schon mehrere Briefe mit ihm gewechselt, so dass ein inniges Verhältnis schon eingeleitet war. Wenn auch seine Haltung etwas diplomatisches hatte und er nach weltmännischer Art das Gespräch auf andere Gegenstände, als seine poetischen und literarischen Interessen, zu leiten liebte, so ist doch nach den Göttinger Vorgängen zu bezweifeln, dass er, wie Goethes Erzählung schließen lässt, mit literarischen Gesprächen ganz zurückgehalten und sich desto eifriger über das Schlittschuhlaufen ergangen habe; freilich einen Jacobischen Enthusiasmus durfte er bei Mitteilung seiner poetischen Arbeiten nicht erwarten. Goethe scheint ihm schon bei diesem Zusammensein (nicht, wie er erzählt, bei einer späteren Begegnung in Karlsruhe) einige Szenen des Faust vorgelesen zu haben, die er beifällig aufnahm. In der Verehrung der edlen Kunst des Eislaufes gab der Schüler dem Meister nichts nach. Er verschaffte sich nach Klopstocks Vorschrift ein Paar flach geschliffene, friesländische Schlittschuhe und war im nächsten Winter wieder ein rüstiger Eisläufer: In welch lustiger Gesellschaft, schildern uns die Verse, welche er in das Stammbuch Peter Reyniers schrieb13). Es ist sehr wahrscheinlich, dass Goethe den verehrten Vorsteher der deutschen Dichterrepublik bis Mannheim oder Karlsruhe begleitete. Da Klopstock schon mit Beginn des nächsten Frühlings nach Hamburg zurückreiste, so kann das von Goethe berichtete Zusammentreffen in Karlsruhe nur jetzt stattgefunden haben, wenn nicht vielleicht anzunehmen ist, dass der bald zu erwähnende Ausflug im Dezember bis Karlsruhe ausgedehnt ward. Denn solcher kurzen Ausflüge waren mehr, als er uns berichtet; die Ode „An Schwager Kronos“ ward am 10. Oktober im Postwagen gedichtet. Im Dezember wurde Goethe durch den Besuch eines Fremden überrascht, den er im ersten Augenblick, als dieser bei Dämmerlicht eintrat, für Fr. Jacobi hielt. Es war Karl Ludwig von Knebel, der seit kurzem am Hof der Herzogin Amalie von Weimar die Erziehung ihres jüngsten Sohnes Konstantin übernommen hatte. Diesen und seinen ältern Bruder Karl August, der im nächsten Jahr volljährig ward, begleitete er jetzt nebst dem Prinzenhofmeister Grafen Görtz auf einer Reise in die Rheingegenden und nach Frankreich. Nach einigen Gesprächen über Literatur und weimarsche Verhältnisse eröffnete ihm Knebel, dass die Prinzen seine Bekanntschaft zu machen wünschten. Der junge Dichter ließ sich ihnen darauf vorstellen und wurde aufs freundlichste empfangen. Ein vielseitiges Gespräch entspann sich, aus welchem hervorleuchtete, dass er sich die Verhältnisse der Welt noch von ganz anderer Seite klar gemacht habe, als man von dem Dichter des Götz und Werther erwartete. Der erste Band von Mösers patriotischen Phantasien lag frisch geheftet und unaufgeschnitten auf dem Tisch. Da Goethe mit dem Inhalt bereits vertraut war, so nahm er davon Veranlassung, das Gespräch auf die hierin besprochenen sittlichen und politischen Zustände des Vaterlandes zu lenken und zeigte dabei eine so klare Einsicht in bestehende Verhältnisse und praktische Fragen, dass er das günstigste Vorurteil für sich erweckte. In diesen Stunden wurden schon die Würfel über seine Zukunft geworfen. Da der Aufenthalt der Prinzen in Frankfurt nur kurz sein konnte, so wurde ihm das Versprechen abgenommen, nochmals in Mainz mit ihnen auf einige Zeit zusammenzutreffen. Diese Tage verstrichen ihm sehr angenehm. Er benutzte auch diese Gelegenheit, durch Knebel ein freundlicheres Verhältnis zu Wieland herzustellen, der durch die Goethesche Posse sich verletzt fühlte. Die Prinzen setzten ihre Reise nach Karlsruhe fort, wo Karl August die liebreizende Prinzessin Luise von Hessen-Darmstadt, die ihm zur Braut bestimmt war, kennen lernen sollte. Als Goethe, froh von dem Erlebten, nach Hause zurückkehrte, traf ihn die schmerzliche Nachricht, dass inzwischen seine Freundin von Klettenberg, die noch auf dem Krankenbett von seiner neuen Bekanntschaft erfahren hatte, nach langem Leiden geschieden sei; sie starb am 16. Dezember 1774. Ihre gläubige Heiterkeit hatte sie sich bis ans Ende ungetrübt erhalten. 1) Ein Brief von Merck an seine Frau (vom 29. Jan.) lässt uns klar in dies häusliche Verhältnis blicken. „C’est un assez singulier mariage. – C’est un homme assez jeune, mais chargé de 5 enfans. D’ailleurs assez riche, mais un négociant, qui a fort peu d’esprit au delà de celui de son état. C’étoit un triste phénomène pour moi d’aller chercher notre amie à travers des tonneaux de harengs, des fromages. – Goethe est déjà l’ami de la maison; il joue avec les enfans et accompagne le clavecin de Mme. Avec la basse. Mr. Brentano, quoique assez jaloux pour un Italien, l’aime et veut absolument, qu’il fréquente la maison.“ Und am 14. Februar „ – il a la petite Mme. Brentano à consoler sur l’odeur de l’huile, du fromage et des manières de son mari.“ 2) A. Schöll, Briefe und Aufsätze von Goethe etc. S. 144-146. – Über Werther und die damit zusammenhängende Literatur handelt am ausführlichsten Düntzer in den Studien zu Goethes Werken, S. 89-209. 3) „So lang’ ich lebe, sollen die Nichtswürdigen zittern, und sie sollen das Herz nicht haben, auf meinem grabe sich zu freuen.“ Fragment des Cäsar bei SChöll a.a.O. S. 140. Zu Schölls Vermutung, dass in der Briefstelle „recht“ statt „nicht“ zu lesen sei, ist kein Grund. 4) Vergl. Danzel, über Goethes Spinozismus. Hamb. 1843. (N. A. 1850) 5) Goethes Briefe an Lavater, herausg. von Hirzel. 1833. 6) Lavaters Lebensbeschreibung von Georg Geßner, 1802. Thl. 2. S. 126 ff. Vergl. Beiträge zur nähern Kenntnis Lavaters von U. Hegner, 1836. 7) Heinrich Stillings häusliches Leben, eine wahrhafte Geschichte, 1789 S. 53. 8) Diese Hymne, welche Goethe für verloren hielt, hat sich, von seiner Hand geschrieben, wieder gefunden. Schöll machte sie in den Briefen und Aufsätzen etc. 1846, (S. 151) nebst einem Dialog zwischen M. und seiner Pflegemutter Halima zum ersten Mal bekannt. Da sie den meisten unserer Leser noch unbekannt geblieben sein wird, lassen wir die schöne Dichtung hier folgen: Mahoment (allein).
9) Dies hat Viehoff im Kommentar zu Goethes Gedichten (I. S. 248 f.) und in Goethes Leben (II. S. 186 f.) richtig nachgewiesen, indem diese Ode nur die in den beiden Akten des Prometheus enthaltenen Gedanken, zum Teil mit den nämlichen Worten, wiederholt. Düntzer stellt in der gründlichen Schrift: „Goethes Prometheus und Pandora“ (1850), die mir leider erst nach dem Abdruck des zwölften Bogens zuging, die Vermutung auf, dass sie als Monolog zu einer zweiten Bearbeitung bestimmt gewesen sei; sie könnte auch als vereinzelter, lyrischer Erguss, der sich erst allmählich zu dramatischer Form entfaltete, vorangegangen sein, Übrigens freue ich mich mit diesem trefflichen Interpreten der Goetheschen Dichtungen in der Hauptsache überein zu stimmen. Meine Vermutung, dass eine Fortsetzung des Prometheus nicht in Goethes Pläne gelegen habe, sondern die beiden vorhandenen Akte ein abgerundetes Ganzes bilden, ist durch seine Beweisführung zur Evidenz erhoben. 10) Nach den Berichten in der Augsb. Allgem. Zeitung 1847, Nr. 190, Beilage; Kölnische Zeit. 1847. Nr. 317. 11) Die gesamte Werther-Literatur findet sich verzeichnet: Nicolovius, über Goethe (1828) S. 19-25; Boas, Nachträge zu Goethes sämtlichen Werken, 1. S. 229-235, wo auch Goethes Spottgedicht „Nicolai auf Werthers Grabe“ S. 13 abgedruckt ist. 12) Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg, hgg. von Binzer in der Urania für 1839 (auch besonders abgedruckt, Leipzig 1839). 13) S. Nachgelassene Werke XVI. S. 63. Ausg. in 4. I. S. 68. |
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