Johann Wolfgang von Goethe @ www.Wissen-im-Netz.info
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   Literatur
      Johann Wolfgang von Goethe
         Biografien
            Schaefer - Goethes Leben
               Inhalt
               Erster Band
                  Vorrede
                  Kindheit und Jugend
                     1749 - 1765
                     1765 - 1768
                     1768 - 1771
                     1771 - 1773
                     1744
                     1775
                  Weimarsche Lehrjahre
                     1776
                     1777, 1778
                     1779
                     1780, 1781
                     1782
                     1783 - 1786
               Zweiter Band
                  Widmung
                  Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche
                     1786 - 1788
                     1788 - 1791
                     1792, 1793
                     1794 - 1796
                     1797 - 1799
                     1799 - 1805
                  Goethe im Alter
                     1806 - 1813
                     1813 - 1819
                     1820 - 1825
                     1826 - 1832
                  Beilagen
                     I. Charlotte von Stein
                     II. Rede weißer Falkenordens
                     III. Vermächtnis j. Nachwelt
                  Schlusswort

4. Kapitel: Herbst 1771 - Ende 1773

   Goethe hatte das Glück, dass seine Jugend gerade in die Epoche traf, wo unsere Literatur eine durchgängige Umgestaltung erfuhr. Seinem empfänglichen, leidenschaftlich erregbaren Innern teilten sich die leisesten Schwingungen dieser Revolutionsbewegung mit, bis er sich selbst tatkräftig und klar bewusst ihrer bemächtigte und sie in seine Bahnen hinein und mit sich fortriss.

   Schlag auf Schlag traten gegen das Ende der sechziger Jahre die Werke ans Licht, an denen sich ein neues Jugendfeuer unserer Literatur entzündete. Durch Lessings Kritik und Beispiel, durch Wielands Shakespeare-Übersetzung ward das Drama in jene stürmische Periode hineingeführt, die alles bisherige Regelwerk über den Haufen warf. Dass der charakteristische und Karikaturmaler, wie Lenz sagt, zehnmal höher gelte, als der idealische, dass man, wie Goethe sich ausdrückte, statt viel über die Form dramatischer Stücke zu reden, stracks auf den Inhalt losgehen müsse, und es im Grunde besser sei, ein verworrens Stück zu machen, als ein kaltes, diese und ähnliche Maximen leiteten von Gerstenbergs Ugolino (1768) bis zu Schillers Jugenddramen die dramatische Produktion. In dem Volkslied fand die lyrische Poesie und die Balladendichtung die Urlaute der Natur wieder; selbst die Klopstocksche Kunstpoesie warf das Bardengewand um sich und suchte in Oden und Bardieten (Hermanns Schlacht 1769) zum Urstand der Natur zurückzukehren. In den Ossianischen Gesängen, die damals eine mächtige Wirkung zu äußern begannen, verschmolz diese Bardenpoesie mit der melancholischen Gefühlsseligkeit, die mit dem naturwüchsigen Trotz der jungen Titanen Hand in Hand ging; denn die Zunge war freiheitstolz und lechzte nach Römer- und Tyrannenblut, doch die Herzen waren weich. Zugleich erleuchteten Hamanns Gedankenblitze in humoristischer Umhüllung das Reich des Denkens, verstanden von den Geistern, die aus dem traditionellen Systemwesen sich heraussehnten. In Herder gärte diese neue Fülle des Denkens und Dichtens in aller Kraft eines jugendlich strebsamen Geistes. Goethe war sie in lebendigster Unterhaltung mitgeteilt, und er blieb mit Herder und den Straßburger Freunden in ununterbrochenem brieflichen Verkehr. Aus diesen kurzen Andeutungen mag man schließen, welch eine lebevolle Welt sich in seinem Innern bewegte, als er in das stille Vaterhaus zurückkehrte und von neuem zwischen den engen Formen reichsstädtischer Sitte zu leben begann.

   In Frankfurt traf er wohlgesinnte Freunde früherer Jahre wieder. Horn und Riese lebten zu Frankfurt in bescheidenen Ämtern; der Verkehr mit ihnen war, wenn auch herzlich, doch ohne erquickende Geistesverwandtschaft. Mehr gewährte der Umgang mit den literarisch vielseitig gebildeten Brüdern Schlosser. Der ältere, Hieronymus, suchte Goethe in den praktischen Geschäftsgang einzuführen und ihm die neu angetretene Laufbahn wert zu machen. Der jüngere, Georg, der sich aus den Diensten des Herzogs von Württemberg herausgezogen hatte, war durch strenge Rechtschaffenheit ehrenwert und wie früher durch seine ausgebreitete Literaturkenntnis Goethe förderlich. Auch seiner Schwester Cornelia innige Teilnahme an allem, was ihn anzog oder von ihm ausging, kam seinem Drang nach Mitteilung wohltuend entgegen. Sie musste seine Freude am Homer teilen, den er ihr nach Clarks wörtlicher lateinischer Übersetzung mit poetischer Lebhaftigkeit und manchmal in metrischen Wendungen deutsch vortrug; ihr teilte er jede Herzensangelegenheit, jedes kleine Gedicht mit; sie ermunterte ihn bei seinem Götz, sie las seine Briefe und die darauf erhaltenen Antworten, und bei kurzen Entfernungen ward ihr jedes kleine Erlebnis brieflich mitgeteilt. Es war vorauszusehen, dass mit dem Vater jetzt so wenig, wie nach dem Leipziger Aufenthalt, ein Verständnis möglich sein werde, wenn er gleich in so weit sich zufriedener fühlte, als er den für seinen Sohn entworfenen Lebensplan nicht gescheitert, sondern ihn als Doktor der Rechte in die Praxis eintreten sah. Auch war dieser durch vorgeschrittene Bildung toleranter geworden, und infolge von Schmerz und Reue weicheren Gemüts. Da jedoch dem Vater für das, was des Sohnes geistiges Lebenselement geworden war, der rechte Sinn abging, so hatte keiner eigentliche Freude an dem andern. Erst später trat eine glücklichere Wendung ihres Verhältnisses zueinander ein. Die juristische Praxis behagte Goethe nicht, und im Vergleich mit früheren glücklicheren Zeiten konnte ihm wohl das aristokratische spießbürgerliche Frankfurt als eine „Spelunke“ erscheinen1). Weit anregender war für Goethe, dass er durch die Brüder Schlosser in den literarischen Kreis, der sich in dem benachbarten Darmstadt gebildet hatte, eingeführt wurde. Hier war ein lebendiger Sinn für schöne Literatur angeregt und auch vom Hof aus gefördert. Die vortreffliche Landgräfin Caroline ging mit ihrem Beispiel voran; sie war es, auf deren Veranstaltung die erste Sammlung Klopstockscher Oden als ein Manuskript für Freunde 1771 erschien. In vielfachem geselligen und literarischen Verkehr lebten hier Rektor Wenck, Professor Petersen, von Schrautenbach und Geheimrat von Hesse, dessen Schwägerin mit Herder verlobt war. Die Seele dieses literarischen Kreises war Johann Heinrich Merck (geb. 1741), seit 1768 landgräflicher Kriegszahlmeister, später Kriegsrat. Welche hohe Stellung dieser ausgezeichnete Mann durch seinen Charakter, seine Beziehungen zu den besten Männern seiner Zeit und seine Einfluss auf die damalige Literaturperiode einnimmt, welche Bedeutung er namentlich für Goethes Jugendleben gewonnen hat, ist in Goethes biographischer Darstellung nicht mit der Anerkennung gewürdigt worden, wozu die innige Freundschaft früherer Jahre verpflichtete. Goethes Erinnerung heftete sich mehr an solche Momente, wo des älteren Freundes scharfe, mit Lessingscher Offenheit und Geradheit ausgesprochene Kritik dem allzu verwöhnten Jüngling, auch wo er ihren Gründen Gerechtigkeit widerfahren lassen musste, unangenehm und unbequem war. Merck war nicht, wie man aus einigen herben Aussprüchen der Goetheschen Charakteristik schließen könnte, ein bloß verneinender Geist, der ein Bedürfnis hatte, die Menschen hämisch und tückisch zu behandeln, nicht eine Mephistopheles-Natur, sofern sie das Prinzip des Bösen vertreten soll. Er war weit entfernt, das lebhafte Streben des jugendlichen Genius in seinen kühnen Bahnen zu hemmen; vielmehr stärkte er sein Vertrauen zu sich selbst, riss ihn aus dem in Goethes Natur liegenden Hin- und Herspringen und Zögern, und ließ die scharfe und besonnene Kritik dazwischen treten, wo er ihn vor den Abwegen zu bewahren hatte, zu denen sich das noch unsichere Genie in seinem stürmischen Drang inmitten einer exzentrischen Literaturepoche nur allzu leicht verleiten ließ. Dabei trieb ihn nur das wärmste Interesse für seinen jungen Freund, dessen großes Talent, dessen hohe Bestimmung er gleich mit sicherem Blick erkannte. Wie Merck auch in seinen übrigen Beziehungen alles Gute und Schöne mit uneigennütziger Teilnahme förderte, wie sein treffendes Urteil über Werke der Poesie wie auch insbesondere der Kunst von den bedeutendsten Männern seiner Zeit geschätzt ward, wie er sich mit lebendigem Eifer den Forschungen auf verschiedenen Gebieten des Wissens hingab und überall in engerem wie in weiterem Kreis als ein Ehrenmann galt, das lehren uns außer seinen eigenen Schriften die Zeugnisse der Mitlebenden, welche sein Briefwechsel enthält2). Erst in den letzten Lebensjahren ward Mercks Gemüt durch herbe Erfahrungen und körperliche Leiden mehr verbittert, und in einem Anfall düsterer Schwermut machte er 1791 seinem Leben freiwillig ein Ende.

   Was Goethe bisher außer andern Versuchen vom Götz und Faust zustande gebracht hatte und noch vor Herders spottsüchtiger Intoleranz scheu verborgen hielt, teilte er in diesem Kreis mit und fand aufmunternde Anerkennung. Daher rückte während dieses Winters die Dramatisierung des Götz vor, von der er schon gegen das Ende des Novembers 1771 an Salzmann schreibt, dass sie „eine Leidenschaft“ geworden sei; „ich kann nicht ohne das sein; Sie wissen’s lange, und es koste, was es wolle, ich stürze mich drein. Diesmal sind keine Folgen zu befürchten. Mein ganzer Genius liegt auf einem Unternehmen, worüber Homer und Shakespeare und alles vergessen werden: Ich dramatisiere die Geschichte eines der edelsten Deutschen, rette das Andenken eines braven Mannes, und die viele Arbeit, die mich’s kostet, macht mir einen wahren Zeitvertreib, den ich hier so nötig habe.“ Im Februar erhielt er das übersandte Manuskript zurück und freut sich, dass es des Freundes Beifall hat. Auch Lerse hat einer mündlichen Äußerung zufolge damals schon „den ganz vollendeten“ Götz gelesen und Verbesserungsvorschläge mitgeteilt. Indem sich Goethe in die altdeutsche Zeit mit leidenschaftlichere Liebe versenkte, während sein Herz noch an den Straßburger Erinnerungen hing, erschien ihm das ehrwürdige Münstergebäude als der ernste Hintergrund seiner Dichtung. Daher drängte es ihn in jenen Tagen, was er über altdeutsche Baukunst gedacht hatte, in der den Manen Erwins von Steinbach gewidmeten Abhandlung, deren wir schon oben gedachten, niederzulegen; diese bogen erschienen zuerst 1772 und wurden später in Herders Blättern von deutscher Art und Kunst wieder abgedruckt. Form und Inhalt lassen uns die Einwirkung des Hamann-Herderschen Geistes erkennen. Eben dieser ist es auch zuzuschreiben, dass Goethe sich wieder in die scheinbar heterogenen Studien der patriarchalischen Urzeit, die ihn schon seit seiner Kindheit wiederholt beschäftigt hatte, hineinarbeitete, die Bcüher Mosis durchstudierte und über die Lösung biblischer Fragen sann. Die Früchte dieser theologischen Beschäftigungen waren zwei kleine Schriften: „Brief des Pastors zu *** an den neuen Pastor zu ***, aus dem Französischen“ und „Zwo wichtige, bisher unerörterte biblische Fragen, zum ersten Mal gründlich beantwortet, von einem Landgeistlichen in Schwaben,“ welche im nächsten Jahre (1773) ohne Namen des Verfasser erschienen. In dem Brief begegnen wir dem milden, frommen Grundzug in Goethes Gemüt, der ihn früher zu Fräulein von Klettenberg hinzog und nachmals zum Verehrer der Lavaterschen Gefühlsreligion machte. Wenn auch nicht alles darin als sein eigenes Glaubensbekenntnis anzusehen ist, so fühlen wir doch in dem, was über Ehrfurcht vor der Bibel, über Demut und christliche Bruderliebe gesagt ist, seine wahre Herzensmeinung durch; über echte Toleranz in Glaubenssachen kann nicht herzlicher und eindringlicher geredet werden. Von den damaligen Aufklärungstheorien sagt er sich entschieden los. „Es ist nichts jämmerlicher, als Leute unaufhörlich von Vernunft reden zu hören, mittlerweile sie allein nach Vorurteilen handeln. Es liegt ihnen nichts so sehr am Herzen, als die Toleranz, und ihr Spott über alles, was nicht ihre Meinung ist, beweist, wie wenig Frieden man von ihnen zu hoffen hat.“ Das nur gilt ihm als Religion, was aus einem warmen Herzen kommt: „Wenn wir immer bedächten und recht im Herzen fühlten, was das sei, Religion, und jeden auch fühlen ließen, wie er könnte, und dann mit brüderlicher Liebe unter allen Sekten und Parteien träten, wie würde es uns freuen, den göttlichen Samen auf so vielerlei Weise Frucht bringen zu sehen. Dann würden wir ausrufen: Gottlob, dass das Reich Gottes auch dazu zu finden ist, wo ich’s nicht suchte.“ Vor allem rät er daher dem Amtsbruder, nichts vorzubringen, was er nicht jedem an seinem Herzen beweisen könne, „predigt Liebe, so werdet Ihr Liebe haben!“

   In der ersten „biblischen frage“ wird der Beweis versucht, dass auf Moses Gesetztafeln nicht die zehn „allgemein moralischen“ Gebote, sondern zehn Gesetze des israelitischen Jehovahbundes gestanden hätten. Er soll dies anfänglich zum Thema seiner Straßburger Doktordisseration bestimmt haben. Mystischer ist die Beantwortung der zweiten Frage: „Was heißt mit Zungen reden?“, welches er als eine „Sprache des Geistes, mehr als Pantomime, doch unartikuliert“ deutet; „die Fülle der heiligsten, tiefsten Empfindung drängte für einen Augenblick den Menschen zum überirdischen Wesen; er redete die Sprache der Geister, und aus den Tiefen der Gottheit flammte seine Zunge Leben und Licht.“

   Mit dem Jahr 1772 übernahm Schlosser und Mercks Anraten die Herausgabe der Frankfurter gelehrten Anzeigen. Es ward jetzt die Aufgabe dieser Zeitschrift, im Lessing-Herderschen Geist das Schwache und Kleinliche, den Ungeschmack und die gelehrte Pedanterie der Zeitliteratur zu bekämpfen, so dass sie ein anziehendes Denkmal der Theorien der Genieperiode bleibt. Tätig war dabei besonders Merck; die Darmstädter Freunde so wie Herder (seit 1772 zu Bückeburg) waren bei den beiden ersten Jahrgängen rüstige Mitarbeiter. Auch Goethe trat in diesen kritischen Zirkel ein.

   Bei einer der Beratungen über die Tendenz der Zeitschrift machte er die erste Bekanntschaft des Professor Höpfner in Gießen, eines sowohl wegen seiner gründlichen wissenschaftlichen Bildung als wegen seines ehrenwerten Charakters allgemein geschätzten Gelehrten. Der junge Dichter ließ sich hier wiederum in sein humoristisches Inkognitospiel ein. Er gab sich für einen Studenten aus und trat anfangs blöde und mit linkischem Anstand auf, bis zuletzt die komische Szene damit endete, dass der angebliche Student aufsprang und Höpfner um den Hals fiel mit den Worten: „Ich bin Goethe! Verzeihen Sie mir meine Posse, lieber Höpfner; aber ich weiß, dass man bei der gewöhnlichen Art, durch einen Dritten miteinander bekannt gemacht zu werden, lange sich gegenüber steif und fremd bleibt, und da dachte ich, wollte ich in Ihre Freundschaft lieber gleich mit beiden Füßen hineinspringen, und so, hoff’ ich, soll’s zwischen uns sein und werden durch den Spaß, den ich mir erlaubt habe.“3). Goethe lernte bald Höpfner näher kennen und gewann ihn lieb; in seinen Gesprächen fand er über viele Gegenstände seines Fachs eine willkommene Belehrung. Denn eben dies ward ihm bei Beginn seiner kritischen Tätigkeit aufs neue fühlbar, dass ihm ein zusammenhangendes theoretisches Wissen abging. Allein seine leichte Fassungsgabe ließ ihn leicht den rechten Weg finden, und sein treffender Blick leitete ihn so sicher, dass er durch geistreiches Urteil gutmachte, was ihm an gründlicher Gelehrsamkeit mangelte. Diese Zeitschrift schloss ein engeres Band um die Frankfurt-Darmstädtischen Literaturfreunde; häufige Zusammenkünfte und Korrespondenz der Mitarbeiter belebten den geistigen Verkehr. Da die Kritiken in einem und demselben Geist geschrieben waren, so wurden manchmal die Rezensionen verschiedener Beurteiler in eine verschmolzen; Goethe diente dabei oft als Protokollführer.

   Durch diesen gehaltvollen Verkehr mit ausgezeichneten Männern, durch poetisches Schaffen wie durch mannigfache Studien (die juristische Praxis konnte „in Nebenstunden bestritten werden“) ward Goethe in eine lebendige Geistestätigkeit hineingezogen, und, wenn man die Leidenschaft kennt, mit der er in Momenten stürmisch das Neue ergriff, kann man auf die innere Erregtheit schließen, indem er einer neuen Ideenwelt sich zu bemächtigen eilte. Auch ward gleichzeitig der Kampf des Gemüts durch die Erinnerung an Straßburg, durch den Schmerz über Friederikes tränenvolles Krankenlager immer aufs neue unterhalten. In solchen leidenschaftlichen Lebensepochen bewährte sich ihm stets die Heilkraft seiner Dichtergabe, indem sie, was ihn quälte, von seiner Individualität loslöste und als ein fremdes Dasein, als ein Leiden „das der ganzen Menschheit zugeteilt ist,“ gestaltete; auf Weislingen im Götz ging seine Beichte und Reue über. Beruhigung für sein Gemüt ward ihm vornehmlich „unter freiem Himmel, in Tälern, auf Höhen, in Gefilden und Wäldern“ zu Teil, „mehr als jemals war er gegen offene Welt und freie Natur gerichtet.“ Seien Freunde pflegten ihn daher wegen seines Umherschweifens in der Gegend (w0hl mit Anspielung auf sein bereits bekannt gewordenes Gedicht) den „Wanderer“ zu nennen. Auf solchen Parforce-Touren zu Fuß und zu Pferde entstanden mehrere bithyrambische Oden, von denen „Wanderers Sturmlieb“ übrig geblieben ist. In der rätselvollen, sprunghaften Hymnensprache zeigt sich unverkennbar der Einfluss der Oden Klopstocks, zu welchem er durch die Begeisterung des Darmstädtischen Freundeskreises jetzt mehr als je sich hingezogen fühlte. Nicht länger vermochte er daher der enthusiastischen Lobrede desselben, womit der Eislauf angepriesen ward, zu widerstehen. An einem heitern Frostmorgen rief er sich, aus dem Bett springend, die Stellen zu:

Schon von dem Gefühle der Gesundheit froh,
Hab’ ich, weit hinab, weiß an dem Gestade gemacht
   Den bedeckenden Kristall! – –

Wie erhellt des Winters werdender Tag
Sanft den See. Glänzenden Reif, Sternen gleich,
   Streute die Nacht über ihn aus!

   Der „alte Anfänger“ brachte es auch im Eislauf durch leidenschaftliche Übung bald zur Gewandtheit und setzte mit muntern Freunden die erfrischende und stärkende Bewegung oft bis tief in die Nacht fort. Szenen aus Ossians Gesängen belebten sich dann in seiner Phantasie, wenn das Dämmerlicht des Mondes die junge Heldenschar beleuchtete, und der Hall des Eises geisterhaft erklang.

   Mit dem Frühling 1772 begab sich Goethe nach Wetzlar, um sich, nach der damaligen Sitte junger Juristen, bei dem Reichskammergericht mit dem deutschen Zivil- und Staatsrecht bekannter zu machen. Man möchte vermuten, dass die Bekanntheit mit Höpfner auf diesen Entschluss Einfluss gehabt hätte, wenn er nicht selbst gestände, dass mehr die Lust, seinen Zustand zu verändern, als der Trieb, seine Kenntnisse zu erweitern, ihn dazu veranlasst habe; auch war der Aufenthalt in Wetzlar ohne Zweifel in den von dem Vater entworfenen Lebensplan im voraus einregistriert. In Wetzlar fanden sich viele junge Leute beisammen, die teils dem Gesandtschaftspersonal beigeordnet waren, teils ihrer juristischen Praxis halber sich dort aufhielten. Goethe trat daher in ein drittes akademisches Leben; denn da den jungen Männern dort die Gelegenheit zu einer geregelten Tätigkeit fehlte, so vertat man die Zeit, indem man Possen umständlich und ernsthaft betrieb. Die Genossen des gemeinsamen Mittagstisches bildeten einen Ritterorden, in den der neue Ankömmling mit einem besonderen Ritternamen unter Zeremonien aufgenommen ward; Goethe erhielt wegen seiner Begeisterung für seinen Lieblingshelden den Namen „Götz von Berlichingen der Redliche“. Anfangs belustigte auch ihn dies Possenwesen, und er brachte die Perikopen aus den vier Haimonskindern, die man für ein kanonisches Buch erklärte und bei gewissen Festen und Feierlichkeiten ehrfurchtsvoll vorlas, in Ordnung und trug sie selbst pathetisch vor. Aber bald missbehagte ihm dies gehaltlose Possenwesen, und er zog sich auf sich selbst und den Umgang mit einigen wenigen Freunden zurück.

   Was er inzwischen durch Gespräch und Anschauung von dem Zustand der deutschen Rechtsverhältnisse, von dem Stand des seit mehreren Jahren von dem Kaiser Joseph II. betriebenen Reichsvisitationsgeschäftes erfuhr, machte auf seine redliche Gesinnung nur einen tiefen verletzenden Eindruck. Die geheimen Gebrechen des deutschen Justizwesens waren in engeren Kreisen der Juristen kein Geheimnis, und die Visitation hatte bereits manches Schlimme aufgedeckt. In dem ganzen Gange derselben zeigte sich ein so erbärmliches Treiben der einzelnen deutschen Stände, um lieber die Gebrechen zu verhüllen, als dem Kaiser eine reformatorische Regierungsgewalt einzuräumen, dass Goethe nun jenen heillosen anarchischen Zustand vor sich sah, in den der Brave, wie sein Götz, mit mutiger Selbsthilfe dreinschlagen möchte, manche Stelle im Götz stammt aus dieser Quelle.

   Um so inniger drang die ewig reine, göttliche Sprache der Natur in seine Seele; liebevoll betrachtete er ihr geheimes Weben und Wirken, und „der malerische Blick gesellte sich zu dem dichterischen“. Die zarten Naturlaute klingen durch seine Lieder und sind der unvergängliche Reiz seines Werther.

   Von jungen Freunden schloss sich besonders Gotter, der sich als Gothascher Legationssekretär in Wetzlar aufheilt, mit aufrichtiger Neigung an ihn an. Drei Jahre älter als sein Freund, hatte er schon als geschmackvoller Dichter und Herausgeber des Göttinger Musenalmanachs, sich einen Namen erworben. Den Extravaganzen der Genieperiode abhold, wandte sich sein klarer, heiterer Sinn mehr der Eleganz der französischen und der neueren, englischen Literatur zu. Beide begegneten sich in der Begeisterung für Goldsmith und wetteiferten in der Übertragung von dessen elegischer Idylle „das verlassene Dörfchen“, welche Goethes damalige Gemütsstimmung ebenso in dem wirksamsten Moment berührte, wie der Landprediger von Wakefield zur Zeit seiner Sesenheimer Besuche. Auch ward er von Gotter zu manchen kleineren, poetischen Arbeiten aufgemuntert4).

   Zu Gotters Freunden gehörte Karl Wilhelm Jerusalem, braunschweigscher Gesandtschaftssekretär, der Sohn des in hoher Achtung stehenden Abts zu Riddagshausen. Dadurch lernte auch Goethe ihn kennen, und der hübsche, blonde Jüngling mit blauen Augen und sanften ruhigen Zügen gewann seine Teilnahme. Eine freundschaftliche Annäherung fand nicht statt, entweder weil Goethes Wesen nicht den Grundsätzen der ernsten Philosophie, denen er nach Lessings Zeugnis anhing, entsprach, oder weil sein melancholisches Gemüt ihn von neuen Bekanntschaften fern hielt. Wie Goethe, liebte er Natur und Einsamkeit. Besonders erfreuten ihn Zeichnungen, in denen man einsamen Gegenden ihren stillen Charakter abgewonnen hatte. Geßners Radirungen legte er gern vor und ermunterte seine Freunde, danach zu studieren. Auch beschäftigte er sich mit philosophischen Studien und besonders mit der englischen Literatur, deren melancholischer Ernst seinem leidenden Gemüt am meisten zusagen musste. „Der junge Mann“, sagt Lessing in der Vorrede zu Jerusalems philosophischen Aufsätzen, „als er hier in Wolfenbüttel sein bürgerliches Leben antrat, schenkte mir seine Freundschaft. Ich genoss sie nicht viel über Jahr und Tag; aber gleichwohl wüsste ich nicht, dass ich einen Menschen in Jahr und Tag lieber gewonnen hatte, als ihn. – – – Wie empfindbar, wie arm, wie tätig sich dieser junge Grübler auch wirklich erhielt, wie ganz ein Mensch er unter den Menschen war, das wissen seine übrigen Freunde noch besser, als ich.“ Seine Schwermut, durch unverdiente Kränkungen gesteigert, führte ihn zu dem Entschluss des Selbstmordes, den er stets mit philosophischen Gründen zu verteidigen pflegte. Das Gerücht erzählte auch von einer leidenschaftlichen Neigung zu der liebenswürdigen Gattin des pfälzischen Gesandtschaftssekretärs, in dessen Haus er Umgang hatte. Er tötete sich durch einen Pistolenschuss, einige Wochen nach Goethes Abreise von Wetzlar, in Oktober 1772.

   Da jeder Leser hier schon an „Werthers Leiden“ erinnert wird, so ist nunmehr von der Bekanntschaft zu berichten, wodurch dieser Roman mit Goethes eigenem Herzen und Leben aufs engste verbunden ist.

   Goethe befand sich an einem schönen Frühlingstag mit einer lebhaften Gesellschaft in einem Dorf bei Wetzlar (wahrscheinlich Garbenheim). Im Graf liegend, war er in einem feurigen Disput über die Philosophie des Epikur und der Stoa begriffen, als der hannoversche Gesandtschaftssekretär Johann Christian Kestner hinzutrat. Dieser fühlte sich durch die liebenswürdige Persönlichkeit des feurigen Jünglings so sehr angezogen, dass er mit ihm einen freundschaftlichen Verkehr anknüpfte. Kestner, schon einunddreißig Jahr alt und einer baldigen Anstellung in seiner Heimat gewiss, da er sich durch seine Rechtlichkeit und Tätigkeit seinen Vorgesetzten empfohlen hatte, war mit der zweiten Tochter des Amtmanns Buff zu Wetzlar verlobt. Bei seinem künftigen Schwiegervater führte er auch seinen junge Freund ein, der die zuvorkommendste Aufnahme fand. Charlotte, eine schlanke Blondine mit blauen Augen, war „eine heitere gesunde Natur; die heiterste Luft wehte in ihrer Umgebung“. Es war nicht der Reiz einer siegenden Schönheit, wodurch sie Leidenschaft entzündete; sondern es war der still wirkende Zauber einer in reiner Gemütlichkeit und ruhiger Tätigkeit beglückten Seele; nach der Mutter Tod stand sie der Wirtschaft und der Erziehung ihrer zahlreichen jüngeren Geschwister vor. Kestner widmete sich den größten Teil des Tages den Geschäftsarbeiten; daher sah er es gern, wenn seine Braut sich nach beendigter häuslicher Arbeit mit Freunden und Freundinnen auf Spaziergängen und Landpartien unterhielt. Da Goethe glaubte, sich einer Verlobten gegenüber umso sorgloser bewegen zu können, so war er blad „auf dem Acker und den Wiesen, auf dem Krautland und im Garten“ ihr unzertrennlicher Begleiter. Auch der Bräutigam war oft zugegen, und alle drei hatten sich so aneinander gewöhnt, dass sie sich nicht mehr entbehren zu können schienen. Einer schönen Freundin gedenkt das Gedicht „Elysium“ als Genossin glücklicher Stunden; er nennt sie „Urania“, während er Lotte als „Lila“ feiert. So lebten sie den Sommer hierdurch „eine echt deutsche Idylle“. Der junge Dichter war bald „dergestalt eingesponnen und gefesselt, dass er sich selbst nicht mehr kannte.“

   Das Bild des liebenswürdigen Mädchens, „dessen Seele ganz Güte, zugleich mit einer Gestalt ganz Anmut ist, das sich im stillen Familienkreis häuslicher tätiger Liebe glücklich entfaltet hat und die zweite Mutter ihres Hauses ist, dessen stets Liebe weckende Seele jedes Herz unwiderstehlich an sich reißt, zu dem Dichter und weise willig in die Schule gingen, mit Entzücken schauten eingeborene Tugend mit geborenem Wohlstand und Grazie“5) hat Goethe im ersten Teil von Werthers Leiden, in dessen Schilderungen vieles aus diesem Wetzlarer Zusammenleben verwebt ist, mit zarter Hand gezeichnet. Welchen Eindruck Goethe in diesem Kreis machte, charakterisiert eine kreuz, unter den Kestnerschen Papieren befindliche Skizze: „Goethe ist ein Genie, hat in seinem Wesen aber vieles, was ihn unangenehm machen könnte. Bei Kindern und Frauen ist er jedoch wohl gelitten, gibt sich gern mit ihnen ab und hat für das weibliche Geschlecht eine tiefe Verehrung. Die Religion, das Christentum achtet er an anderen hoch, er selbst aber bleibt der kirchlichen Gemeinschaft fern und gesteht selber von sich, dass er selten mehr beten könne. Seine Einbildungskraft ist so lebhaft, dass er meist in Bildern spricht.“

   Im August kam Merck nach Gießen, wo er mit Goethe verabredetermaßen zusammentraf; dieser hatte die Freude, sich von Lotte und ihrer Freundin auf dieser Fahrt begleitet zu sehen und sie mit seinem Freund bekannt zu machen, welcher sie auch nach Wetzlar zurück begleitete. So wenig Merck gegen Lottes Wert unempfindlich war, wollte er doch die leidenschaftliche Neigung seines Freundes nicht nähren und kränkte diesen gar sehr dadurch, dass er ihn aufforderte, sich lieber um die Junonische Gestalt ihrer Freundin zu bewerben, die noch unverlobt sei. Um Goethe von Wetzlar wegzuziehen, bestimmte er ihn zu dem Entschluss, in wenigen Wochen mit ihm in Koblenz zu einer Rheinfahrt zusammenzutreffen. Goethe sah selbst ein, dass er aus dem Gefahr drohenden Liebesnetz sich durch eine entschlossene Resignation bei Zeiten herausreißen müsse, um sie nicht noch mehr zu erschweren. Ohne Abschied von seinen Geliebten zu nehmen, reiste er an einem nebligen Septembermorgen von Wetzlar ab, „indem tausend Bilder seliger Erinnerung ihm heilig-warm ums Herz schweben“, wie es „Pilgers Morgenlied“ und „Elysium“ liebwarm schildern6). „Wenn du fern hinwanderst am Hügelgebüsch, wandeln Liebesgestalten mit dir den Bach hinab; wenn mir auf dem Felsen die Sonne niedergeht, seh’ ich Freundesgestalten mir winken durch wehende Zweige des dämmernden Hains.“

   Mit dem Brief aus Frankfurt, worin er seine freiwillige Entfernung meldet, weil er eingesehen habe, dass es für ihn unmöglich sei, in Lottes nächster Umgebung ohne Gefahr für sich und ohne Anstoß Dritter zu verweilen, eröffnet sich die Reihe von Briefen, welche die Kestnersche Familie aus übertriebener Pietät gegen das Andenken der Mutter bis jetzt der Öffentlichkeit noch vorenthaltne hat, wozu nach dem Bericht derer, die sie gelesen haben, nicht der geringste Grund ist, indem sie „der Ausdruck der tiefsten und heiligsten Empfindung jener Frische und natürlichen Herrlichkeit“ sind, und „mehr als alles andere das kindliche, durchsichtige, unverdorbene und harmlose Gemüt aufdecken werden, das Goethe edlen Anforderungen gegenüber entfaltete, und auch den vertrauensvollen, kühnen und doch gefassten Mut aussprechen, mit dem Goethe damals der Welt entgegentrat, mit dem er alle, die ihm entgegentraten, elektrisierte.“

Zische, Nord,
Tausend schlangenzüngig
Mir ums Haupt!
Beugen sollst du’s nicht!
Beugen magst du
Kind’scher Zweige Haupt,
Von der Sonne
Muttergegenwart geschieden!

   Das war die Kraft, die sonnenhelle Klarheit, die seiner Empfänglichkeit und Erregbarkeit zur Seite stand, durch die er stets im Drang schmerzlicher Lebenserfahrungen die brausenden Wogen der Leidenschaft besänftigte und beherrschte, und sich zu neuem Lebensmut mannhaft aufrichtete.

   Goethe sandte sein Gepäck voraus und schritt, ein leichter Wanderer, „schwelgend“ in den mannigfach wechselnden Naturschönheiten, das schöne Lahntal hinab.

   Nach einer Reise von einigen Tagen langte er in Ehrenbreitstein an, wo er, von Merck angekündigt, im Haus der Frau von la Roche einen freundlichen Empfang fand. Das sich immer gleich bleibende sentimental-passive Wesen der Frau konnte ihm so wenig zusagen, als der kalte, wenn auch geistreich scherzende, Weltsinn des Mannes. Desto mehr fühlte er sich zu den Töchtern hingezogen. Die älteste, Maximiliane, eine liebliche Erscheinung mit „den schwärzesten Augen und einer Gesichtsfarbe, die nicht reiner und blühender gedacht werden kann,“ höchst anziehend durch Munterkeit und Grazie, ließ schon eine neue Liebesneigung in seinem leicht entzündlichen Herzen aufkeimen. Die schöne Umgegend, die häufig durchstreift ward, erhöhte den Reiz dieser heiteren Tage.

   Frau von la Roche hatte damals durch ihren Jugendfreund Wieland den in der sentimental-moralischen Manier Richardsons bearbeiteten Roman „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ herausgegeben. Sie hatte diese Zusammenkunft ästhetischer Kritiker wahrscheinlich zu dem Zweck veranstaltet, eine öffentliche Empfehlung dieses Romans einzuleiten; die Beurteilung desselben in den Frankfurter gelehrten Anzeigen ist von Goethes Hand. Auch der hessen-darmstädtische Rat Leuchsenring, der von Düsseldorf, wo er bei der Familie Jacobi verweilt hatte, zurückkam, traf in jenen Tagen im la Rocheschen Haus ein – ein glatter Hofmann, der sich durch sein weiches Wesen besonders die Gunst der Frauen zu erwerben wusste. Er hatte in den letzten Jahren den darmstädtischen Erbprinzen zur Leydener Universität und dann auf Reisen nach Paris und in die Schweiz begleitet; durch seine literarische Bildung sowie durch seine ausgebreitete Bekanntschaft und Korrespondenz mit berühmten Männern und Frauen hatte er sich in gewissen Kreisen ein großes Ansehen erworben. Auch Goethe fand in diesen belletristischen Unterhaltungen Genuss und Belehrung. Merck, der bald darauf ebenfalls mit seiner Frau eintraf, war die empfindsame Schlingpflanzennatur Leuchsenrings zuwider und warf manche bittere Äußerung dazwischen. Er brach auch bald mit den Seinigen und seinem jungen Freund wieder auf. Zusammen fuhren sie in einem Bott den Rhein aufwärts nach Mainz und genossen mit Muße und bei dem herrlichsten Wetter die Schönheiten der Rheinufer, deren malerischen Reiz wohl niemals die Seele unsers Dichters tiefer empfunden hat; er zeichnete daher fleißig, um sich „die tausendfältige Abwechselung jener herrlichen Ufer fester einzudrücken.

   Dies liebevolle Versenken in die Schönheit der Natur hatte ihn aufs neue für die Kunst begeistert; eben darum „ward es auch bei ihm zur Leidenschaft“, überall die Natur in der Kunst zu sehen, und die Werke der Niederländer fanden in ihm den wärmsten Verehrer. Unter Notnagels Leitung übte er sich im Ölmalen und führte einige einfache Stillleben nach dem Wirklichen aus. Auch legte er sich ein kleines Museum von Abgüssen berühmter Antiken an, „um den großen Eindruck, den er in Mannheim gewonnen hatte, möglichst zu beleben.“

   Der juristische Praxis widmete er sich nach seiner diesmaligen Rückkehr nach Frankfurt mit mehr Eifer, als früher. Sein Oheim Textor, der nach des Großvaters Tod in den Rat gekommen war, wies ihm manche Sachen zu, denen er gewachsen zu sein schien. Auch die Brüder Schlosser waren ihm behilflich, umso mehr, da ihn jetzt ein engeres Band mit ihnen verknüpfte, indem der jüngere Schlosser sich um die Hand Cornelias bewarb und sich bald darauf mit ihr verlobte. Der Vater war erfreut, mit seinem Sohn die Akten durchzugehen und eine lang entbehrte Tätigkeit wieder aufzunehmen. Noch nie hatte zwischen Vater und Sohn ein besseres Vernehmen bestanden, so dass den übrigen Liebhabereien „dieses singularen Menschen“ (ein brieflicher Ausdruck des Vaters) gern nachgesehen ward. Übrigens spielte der Poet dem Advokaten manchen Streich, und die soliden Juristen der alten Schule hatten viel zu erinnern, wenn statt strenger Rechtdeduktionen eine Abhandlung in einem lebhaften, energischen Stil ausgeführt wurde.

   Bei dem allen blieb zu dem mehr zusagenden literarischen Beschäftigungen reichlich Muße. Für die Frankfurter gelehrten Anzeigen war Goethe während dieses Winters sehr tätig und lieferte eine Reihe von Rezensionen. Sie sind uns besonders dadurch wichtig, weil sie uns seinen damaligen ästhetischen und sittlich-religiösen Standpunkt erkennen lassen. Das Urteil ist stets mäßig und besonnen. Er nimmt sogar Gellert gegen bilderstürmische Kritik in Schutz, hält Wieland in Ehren und gesteht, minder streng als früher, der Bardenpoesie ihren sittlichen und dichterischen Wert zu. Die scharfe Waffe des Spottes kehrt er gegen „die Göttern und Menschen verhasste Mittelmäßigkeit.“ Er wird warm, wenn er Homer, „der sich und der Mutter Natur alles zu danken gehabt hat“, und Shakespeare, „dem das Leben ganzer Jahrhunderte durch die Seele webte“, feiert, wenn er „die Wahrheit und lebendige Schönheit“ der Poesie „den bunten Seifenblasenidealen, wie sie in hundert deutschen Gesängen herumwallen, den empfindsamen Dichterlingen mit ihren goldpapiernen Amors und Grazien und ihrem Elysium der Menschenliebe und Wohltätigkeit“ entgegenhält. Auch im Politischen will er keine Illusionen. Auf die Klage, dass wir kein Vaterland, keinen Patriotismus haben, erwidert er: „Wenn wir einen Platz in der Welt finden, da mit unsern Besitztümern zu ruhen, ein Feld uns zu nähren, ein Haus uns zu decken, haben wir da nicht Vaterland? Und haben das nicht Tausend und Tausende in jedem Staat? Und leben sie nicht in der Beschränkung glücklich? Wozu nun das vergebne Aufstreben nach einer Empfindung, die wir weder haben können noch mögen, die bei gewissen Völkern nur zu gewissen Zeitpunkten das Resultat vieler glücklich zusammentreffender Umstände war und ist? Römerpatriotismus! Davor bewahre und Gott, wie vor einer Riesengestalt! Wir würden keinen Stuhl finden, darauf zu sitzen, kein Bett, drinnen zu liegen.“ In den theologischen Rezensionen weist er die starre Orthodoxie eines Haller und Münter ebenso zurück, wie die schalen Bibelverbesserungen eines Bahrdt, welche ihn nachmals auch zu der kleinen humoristischen Posse: „Prolog zu den neuesten Offenbarungen Gottes, verdeutsch durch Dr. K. F. Bahrdt“ (Gießen 1774) veranlassten. In Lavaters Schriften erkennt er die geniale Fülle, die aus dem Herzen strömende Kraft an. Was er auch an Einzelnem aufzusetzen hat, ihm gilt das große Genie als Original, das man mit Ehrerbietung betrachten müsse, und er liest die Predigten über das Buch Jonas mit „warmer Hochachtung für den Verfasser.“ Auf dies Urteil hat wohl schon die Freundschaft einigen Einfluss, indem Lavater, dem es bei seinen physiognomischen Sammlungen um ausgebreitete Bekanntschaft zu tun war, infolge von Goethes Sendschreiben des Pastors an seinen Amtsbruder mit ihm in Korrespondenz trat, die bald ein herzliches Einverständnis herbeiführte.

   Allein er bedurfte auch einer produktiven dichterischen Tätigkeit, um sein von Liebesschmerz bestürmtes Herz zur Ruhe zu bringen. Kestner hatte die gewünschte Anstellung erhalten; er war Archivsekretär zu Hannover geworben, und seine Vermählung mit Lotte stand bevor. Die Herannäherung des Hochzeitstages erneuerte in Goethes Herzen den Kampf, mit dem er sich von Wetzlar losgerissen hatte. Sein Briefwechsel mit Kestner, der ununterbrochen fortgedauert hatte, macht aus der Glut seines Schmerzes kein Geheimnis, war doch die Liebe zu Lotte in die Freundschaft eingestandenermaßen aufgenommen. Er bittet sich die Vergünstigung aus, die Verlobungsringe bestellen zu dürfen, und da die bestellten ihm nicht gefallen, lässt er sie umschmelzen und neue schönere machen; er spricht von ihrer Busenschleife, die er als Andenken von Wetzlar mit sich genommen, ihrem Schattenriss. „Ich wandle in der Wüste, da kein Wasser ist; mein Haar ist mein Schatten, und mein Blut mein Brunnen“ – ruft er in tiefster innerer Bewegung in einem der Briefe an Kestner aus. Den Hochzeitstag glaubte ihm Kestner verheimlichen zu müssen; er dankt für diese zarte Rücksicht in dem Briefe vom 20. Februar (1773), den er in den zweiten Teil des Werter eingeschoben hat, und bittet um den zweiten Platz in Lottes Herzen.

   Während dieses einsam verbrachten Winters war sein Sinnen und Dichten fast ganz der „dramatisierten Geschichte Gottfrieds von Berlichingen mit der eisernen Hand“ – dies war der anfängliche Titel der Dichtung – gewidmet, und unter den Ermunterungen der Schwester ward das Drama in raschem Lauf zum Ende geführt. Er hatte die dramatische Handlung auf dem weiten Schauplatz der Shakespearischen Bühne sich frei entfalten lassen und die Regeln von Einheit der Zeit und des Orts verabschiedet. „Aber“ – so äußerte er selbst damals in einem kurzen dramaturgischen Aufsatz – „deswegen gibt’s doch eine Form, die sich von jener unterscheidet, wie der innere Sinn vom äußern, die nicht mit Händen gegriffen, die gefühlt sein will. Unser Kopf muss übersehen, was ein anderer Kopf fassen kann, unser Herz muss empfinden, was ein anderes fühlen mag; das Zusammenwerfen der Regel gibt keine Ungebundenheit.“ Er sah bei näherer Betrachtung seines Dramas, dass er durch das Ausmalen leidenschaftlicher Nebenszenen jener unerlässlichen höheren Einheit Eintrag getan habe. Er schrieb daher das Stück nochmals in s Reine und verfuhr gegen sein Werk mit einer Strenge, zu der ein junger Dichter sich selten versteht, indem er vornehmlich im fünften Akt (die vier ersten Akte haben nur geringe Verkürzung erlitten) viele der wirksamsten Szenen ganz tilgte oder zusammenzog. Auch diese zweite Bearbeitung hatte er noch nicht zur Herausgabe bestimmt, sondern er hoffte sich durch eine spätere Überarbeitung noch mehr zu genügen. Allein Merck, der sich, freundlicher als Herder, gleich anfangs verständig und wohlwollend über das neue Drama geäußert hatte, drängte zum Abschluss, indem er meinte, es werde dadurch nur anders und nicht besseres; man müsse sehen, was das für eine Wirkung mache, und dann wieder was Neues unternehmen. „Bei Zeit auf die Zäun’, so trocknen die Windeln!“, rief er aus; das Säumen und Zaudern machte nur unsichere Menschen. Da er mit sicherem Blick die gewaltige Wirkung des Stückes voraussah, so ermunterte er seinen Freund, den Verlag desselben gemeinschaftlich zu besorgen. Goethe schaffte das Papier an, Merck sorgte für den druck. Kaum aber hatte „Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand, ein Schauspiel“ (ohne Namen des Verfassers) mit dem Frühling 1773 seinen Ausflug in die Welt gewagt, als ein Nachdrucker darüber herfiel und sich die schöne Beute zueignete. Der Autor geriet mit seiner Kasse in Verlegenheit und musste die Freunde bitten, Exemplare unterzubringen, damit er nur einigermaßen zu seinem Geld komme. Doch ihm ward ein schönerer Lohn, als Gold, die Verehrung der Besten seines Volks. „So war es Recht!“ – sagt Rosenkranz – „ein solches Werk musste ein Geschenk des Dichters an die Nation sein.“

   „Das Unglück ist geschehen, das Herz des Volks ist in den Kot getreten und keiner edlen Begierde mehr fähig!“, diese Worte aus Hallers Usong waren das ursprüngliche Motto des Götz. Goethe wollte mit dieser Dichtung seine Nation für Selbstständigkeit und männliches Streben begeistern; daher trat er mitten unter sie und klopfte an edle Herzen an. Er zeigt uns den biederherzigen deutschen Mann, der den engeren Kreis um sich mit seinem Geist belebt; er zeigt uns edle Frauen, welche in Treue und bescheidener Häuslichkeit ihr Glück und ihren Frieden finden. Aber eine Welt der Schwäche, der Falschheit und Tücke wird ringsum mächtig. Vergeblich müht Götz sich ab für das, was ihm als das Rechte und Ehrenhafte erscheint; man verkennt seinen redlichen Willen, hemmt sein Streben und reibt seine Kraft nach und nach auf. Er scheidet lebensmüde aus der Welt der Täuschung, um die Freiheit, nach der er vergebens gestrebt, droben zu finden.

   Wie Goethe in mehreren seiner Hauptwerke die beiden Seiten seines Charakters auf zwei dramatische Personen verteilt, so hat er dem Götz seinen herrlichen, biederen Sinn, sein deutsches, offenes Gemüt, das ihm aller Herzen gewann, geliehen, und die Schwächen, deren er sich reuig anklagte, auf Weislingen übertragen. Man erkennt leicht, dass der wahre Goethe mehr im Götz, als im Weislingen, enthalten ist. Auch in der Sprache verschmilzt die männliche Kraft mit lyrischer Weichheit zu schöner Harmonie, und während Derbheiten auf Rechnung jugendlichen Übermuts zu setzen sind, herrscht sonst in allem das schönste Maß.

   Diese wahrhaft nationale Dichtung brach mehr, als alle Bardiete und Bardenlieder, die letzten Fesseln, die unsre Poesie einengten. An dem Götz und der kurz zuvor erschienen Emilia Galotti baute sich die dramatische Poesie des Jahrzehnts der Sturm- und Drangperiode auf. Shakespeare ward jetzt erst von den Deutschen verstanden, und blad konnte sein gewaltiger Geist über die Bühne schreiten. Selbst Männer der alten Schule vermochten das „schöne Ungeheuer“ nicht geradezu abzuweisen. Den Bedächtigen war indes nicht bloß die Verletzung des dramatischen Herkommens anstößig7), sondern zugleich der Hauch der Freiheit, der in diesem Drama weht, die Begeisterung für männliche Selbsthilfe, wodurch die Auflehnung gegen die gesetzliche Ordnung in Schutz genommen zu sein schien.

   Welch einen Sturm der Nacheiferung die neu gewonnene freiere Form des Dramas in Goethes nächster Umgebung hervorrief, veranschaulichen uns die Effektstücke seines Landmanns Klinger, der übrigens eine allzu heterogene Natur war, als dass zwischen ihm und Goethe ein fördernder geistiger Verkehr hätte stattfinden können. Leopold Wagner, früher Mitglied des Straßburger Kreises, jetzt zu Frankfurt, entnahm den Goetheschen Mitteilungen über den Plan des Faust das Sujet zu einem rohen Schauspiel „die Kindesmörderin“. Lenz, damals noch in Straßburg. Drängte sich aufs neue mehr mit Neid als Bewunderung an Goethe heran und übersandte ihm gleich nach dem Erscheinen des Götz eine lange Epistel „über unsere Ehe“, eine humoristische Beweisführung ihrer Geistesbrüderschaft. Durch Goethes Vermittlung wurde seine Stücke nach und nach ins Publikum gebracht. So wenig erkannten die Zeitgenossen den tieferen Gehalt und die klare Form der Goetheschen Poesie, dass viele (selbst ein Klopstock) den „Hofmeister“ von Lenz wegen seiner Regellosigkeit und „nackten Natur“ für ein Werk Goethes hielten, während dieser, wie die besonnene Kritik in einem Brief an Salzmann beweist, keinen Augenblick über die Mängel der Lenzischen Stücke, gerade in dieser Beziehung, in Zweifel war. Die Übersetzung von Shakespeares „Verlorene Liebesmühe“ begleitete Lenz mit den im Geist der Straßburger Shakespeare-Gesellschaft verfassten Anmerkungen über das Theater, worin allen Herkömmlichkeiten der Bühne der Krieg erklärt und der Ungebundenheit und subjektiven Regellosigkeit, die ihm Shakespearische Genialität zu sein scheint, das Wort geredet wird. Unter dem Schutz des Götz wagten sich diese neuen dramaturgischen Theorien ans Licht und wurden von der dichtenden Jugend mit Jubel begrüßt.

   Auch in dem Göttinger Dichterkreis, der sich in Geist und Streben um Klopstock versammelt hatte, machte der Götz eine gewaltige Wirkung. Man trank bei der Klopstocksfeier auf Goethes Gesundheit, während man Wielands Idris und Bildnis verbrannte. Die Stolberge boten ihm eine überschwängliche Freundschaft an und traten mit ihm in Briefwechsel. Boie, der Herausgeber des Göttinger Musenalmanachs, besuchte ihn auf einer Reise an den Rhein. Goethe lieferte einige Beiträge zu den nächsten Jahrgängen des Musenalmanachs, unter denen „der Wanderer“, „Mahoments Gesang“ und die Fabel „Adler und Taube“ die bedeutendsten sind. Diese Kette neuer Freundschaftsverbindungen leitete bis zu Klopstock hin, mit dem eine Korrespondenz eröffnet wurde. Ein Gleid in derselben ist Friedrich Ernst von Schönborn (geb. 1737 zu Stolberg am Harz), ein Freund Klopstocks und der Stolberge und ein enthusiastischer Freiheitssänger. Bevor er seine Stelle als dänischer Gesandtschaftssekretär in Algier antrat, machte er 1773 einen Besuch in Göttingen, wo er mit den Dichtern des Bundes Freundschaft schloss. In Frankfurt ward er mit Goethe bekannt und nahm an seinen poetischen Arbeiten lebhaften Anteil. Er blieb von Algier aus mit Goethe und dessen Eltern in brieflicher Verbindung8).

   Goethe war bis dahin seinen stillen Weg gegangen, wie er denn in mehreren derzeitigen Äußerungen den „reinen Dichtergeist“ dem „Autorgeist“ entgegensetzt und den jungen Dichter vor der Rücksichtnahem auf das Publikum warnt. So wenig ihn daher der Beifall bestach und irre leitete, konnte doch das überraschende Gelingen des ersten glücklichen Wurfs ihn nicht anders als ermutigen. Schon sann er im Stillen darüber, von dem Zeitalter des Götz in der Geschichte vor- und rückwärts zu schreiten. Neue dramatische Entwürfe drängten sich heran, und dazwischen mahnten ältere, wie Faust und Cäsar, zur Fortsetzung und zum Abschluss. Aber er war aus der ruhig schaffenden Tätigkeit herausgerissen. Seine Mitbürger, unter denen er bis dahin wenig beachtet gelebt hatte, zogen ihn wetteifernd in ihre Familienzirkel. Besuche und Korrespondenzen nach allen Richtungen verschlangen manche Stunde; auch der Brautstand der Schwester brachte manche gesellschaftliche Zerstreuung mit sich.

   Fräulein von Klettenberg war ihm auch jetzt noch die teilnehmende Freundin, vor der er sein Innerstes aufschloss. Ihr zarter Sinn verstand ihn und war sich klar genug, um diese Wahrheit und Offenheit eines warm schlagenden Herzens höher zu schätzen, als das pietistische Gewand, welches er jetzt, soweit es nur Terminologie und fromme Phrase gewesen war, von sich geworfen hatte. Sie gestand ihm, dass er ihr so lieber sei, als früher, da er sich ihrer Ausdrucksweise akkommodiert hatte. Ihre Gegenwart „beschwichtigte seine stürmischen, nach allen Seiten hinstrebenden Neigungen und Leidenschaften wenigstens für einen Augenblick“; ihr gab er von seinen Vorsätzen „nach seiner Schwester“ am liebsten Rechenschaft. Mit wohlwollen vernahm sie die Erzählungen von seinen Ausflügen und ließ sich von seiner gewandten Hand die Naturbilder flüchtig beleben. Welche Himmelsluft er in ihrer Nähe fühlte, sprechen die tief empfundenen Strophen aus, womit er einer entfernten Freundin eine Zeichnung von ihr und ihrer Umgebung übersandte, die er rasch entwarf, als sie ihm einstmals, in ihrem Sessel am Fenster in ihrem gewohnten reinlichen Anzug, in der Beleuchtung der untergehenden Sonne wie verklärt erschien9). „Ich habe das Herz gefühlt, die große Seele, in deren Gegenwart ich mir schien mehr zu sein, als ich war, weil ich alles war, was ich sein konnte. Guter Gott! Blieb da eine einzige Kraft meiner Seele ungenutzt? Konnte ich nicht vor ihr das ganze wunderbare Gefühl entwickeln, mit dem mein Herz die Natur umfasst? War unser Umgang nicht ein ewiges Weben von der feinsten Empfindung, dem schärfsten Witz… Ach, ihre Jahre, die sie voraus hatte, führten sie früher ans Grab, als mich. Nie werde ich sie vergessen, nie ihren festen Sinn und ihre göttliche Duldung!“ Diese Worte in einem der Eingangsbriefe des Werther sind unstreitig der Ausdruck der verehrungsvollen Anhänglichkeit an die heiter-duldende Freundin, deren baldiges Hinscheiden er voraussah.

   In einer ähnlichen beschwichtigenden Weise wirkten auf das stürmische Gemüt unseres jungen Dichters die Frauen des Jacobischen Familienkreises, denen er im Sommer 1773 nahe trat. Johanne Fahlmer, die jugendliche, liebenswürdige Tante Friedrich Jacobis, welche von Düsseldorf nach Frankfurt gezogen war, „gab durch die große Zartheit ihres Gemüts, durch die ungemeine Bildung des Geistes ein Zeugnis von dem Wert der Gesellschaft, in der sie herangewachsen“. Sie beschämte seinen manchmal hervorsprudelnden Übermut durch Geduld und lehrte ihn Schonung, indem sie ihn fühlten ließ, dass er derselben auch wohl bedürfe. Auch kamen Jacobis Gattin, Betty, und dessen Schwester Charlotte auf einige Zeit zum Besuch nach Frankfurt und standen mit Cornelia in engster Verbindung, woran auch der Bruder Teil nahm. Besonders ward er von der Naivität und Heiterkeit Bettys „völlig eingenommen“ und blieb hernach mit ihr in brieflichem Verkehr10). Zu diesem Frauenkreis gehörte auch die Familie Gerold, welche mit Schlosser verwandt war. Antoinette Gerold hing an Goethe mit leidenschaftlicher Neigung; von ihr scheinen Züge auf Mignon übertragen zu sein.

   Inmitten dieser gesellschaftlichen Zerstreuungen entbehrte Goethe sehr die Nähe eines seinen Geist spornenden und kräftigenden Freundes. Merck war seit dem Mai 1773 abwesend, indem er die Landgräfin Caroline auf einer Reise nach Petersburg begleitete, von der er erst gegen das Ende des Jahres zurückkehrte. Herder nahm an der Entwicklung des Goetheschen Dichtergeistes wenig Anteil, da er sich seit der Übernahme der Hofpredigerstelle zu Bückeburg in theologische Arbeiten vertiefte und die „älteste Urkunde des Menschengeschlechts“ bearbeitete. Im Mai holte Herder seine Braut von Darmstadt ab. „Es scheint oft“ – so äußert sich Herders Gattin in den „Erinnerungen etc.“ – „als ob zwischen den Genuss einer vorbereiteten, lang ersehnten, glücklichen Stunde sich Dämonen hinein zu drängen, um das ersehnte Glück zu vermindern. So ging es uns einigermaßen mit einigen unsrer gemeinschaftlichen Freunde, besonders mit Leuchsenring. Sie konnten’s nicht begreifen, warum er mich nicht früher nach Bückeburg geholt hatte, und tadelten mehr oder minder seinen Charakter, noch ehe er selbst kam. Dies war ihm und mir empfindlich“.

   Diese Worte beleuchten Goethes Fastnachtsspiel „vom Pater Brey dem falschen Propheten“, worin er das unter heuchlerischer Sentimentalität versteckte Intrigenspiel Leuchsenrings, welches Merck und la Roche längst durchschaut und bespöttelt hatten, mit Götzscher Entrüstung und Hans-Sachsischem Humor ans Licht zog; der „Würzkrämer“ ist Merck, „Dragoner-Hauptmann Balandrino“ Herder, „Leonore“ dessen Braut. Der Pfaff repräsentiert die empfindsamen Parasiten, welche sich überall einnisten, besonders bei den Frauen, und indem sie alles nach ihrem Sinn ordnen und ausgleichen, „alles Raue und Gips und Kalk verstreichen“, alle Menschen „wie Maienlämmelein“ zusammenbringen wollen (Leuchsenring wollte einen Orden der Empfindsamkeit stiften), nur Verdruss und Zwist säen.

   Außer dem „zarten und weichen“ dieser Zunftgenossen stellte Goethe einen andern „tüchtigen und derbern“ in dem Fastnachtsspiel ‚Sytyros oder der vergötterte Waldteufel’ dar. Da Goethe ihn nicht nennt, so ist die Beziehung nicht ganz klar. Man hat auf Basedow und auf den Schweizer Doktor Kaufmann geraten; beide gehörten zu der damals zahlreichen Klasse von Reformern, die sich überall keck aufdrängten und mit ihrer neuen Weltweisheit den Schwachen die Köpfe verrückten, im Grund aber nur „Lumpe“ waren, die es auf Pöbelweihrauch und gute Bissen abgesehen hatten. In jener Posse wird ein zynischer Anhänger des Rousseauschen Naturzustandes vorgeführt, welcher das Volk mit dem Evangelium von der Seligkeit der goldenen Zeiten entzückt und sich, nachdem er Gott in ihren Vorstellungen beseitigt hat, als gottähnlichen Propheten verehren lässt, bis seine freche Gemeinheit seine Anbeter enttäuscht.

   Überhaupt unterhielt der lebhafte, gesellige Verkehr, in welchem Goethe sich damals bewegte, die Lust, humoristisch die flüchtigen Vorfälle des Lebens zu dramatisieren. Die Zeit wurde zu sehr zersplittert, um an größeren Kompositionen fortzubauen; nur vom Faust sind einige Szenen gleichzeitig mit diesen Possenspielen niedergeschrieben. „Ein einzelner einfacher Vorfall, ein glücklich naives, ja, ein albernes Wort, ein Missverstand, eine Paradoxie, eine geistreiche Bemerkung, persönliche Eigenheiten oder Angewohnheiten, ja, eine bedeutende Miene und was nur immer in einem bunte rauschenden Leben vorkommen mag, alles ward in Form des Dialogs, der Katechisation, einer bewegten Handlung, eines Schauspiels dargestellt, manchmal in Prosa, öfters in Versen.“

   Das ‚Jahrmarktsfest zu Plundersweilern’ „neu eröffnetes moralisch-politisches Puppenspiel“ steht in einer solchen engen Beziehung zu den Vorfällen in den Frankfurter geselligen Kreisen; doch stellt es symbolisch zugleich den Markt des Lebens in seinem bunten Getümmel dar. In einer der später umgearbeiteten Szenen des eingeschalteten Puppenspiels richtet der Dichter, wie im Satyros und im Bahrdtschen Prolog, seine Satire gegen die neumodischen Bibel- und Christusverächter. In einer andern zielt er auf die empfindsamen Frömmler, welche „im Land auf und nieder gehen, immer neue Schwestern und Brüder kapern und sie alle mit Hämmleins Lämmleins Liebesflammen zusammengläubigen.“

   Von diesem genialen Übermut, welcher Schwäche und Anmaßung, Pedanterie und Mittelmäßigkeit schonungslos, jedoch mit redlichem Streben für das Tüchtige, geißelte, blieb selbst Wieland nicht verschont. Hatten schon früher seine hofmeisternden Anmerkungen zur Shakespeare-Übersetzung die für Shakespeare schwärmende Jugend gegen ihn aufgebracht, so erzürnte er sie nun als Redakteur des Merkur durch sein weichliches Hin- und Herlavieren und die Protektion der charakterlosen Mittelmäßigkeit. Besonders missfielen die Briefe, worin er seine modern-sentimentale Alceste gegen Euripides antike Behandlung herausstrich. Goethe, in Ehrenrettungen stets aufgelegt, ward eines Abends in dem Kreis der gleich gestimmten Freunde, wo dies zur Sprache kam, von seiner Lust zu dramatisieren ergriffen und schrieb bei einer Flasche Burgunder die Farce ‚Götter, Helden und Wieland’ in einer Sitzung nieder. Er vertrat darin mit schlagendem Humor die Kraft und naturgemäße Lebensfülle der griechischen Welt gegen die moderne weiche Empfindsamkeit und die „schalen Ideale“ einer abstrakten Tugendlehre, an denen höchstens die „Weibchen und Männchen“ Freude finden möchten. Er sandte das Manuskript an Lenz nach Straßburg, der darüber entzückt z sein schien und ihn zum Druck aufforderte, worein er denn auch nach einigem Sträuben willigte. Erst später erfuhr er, dass Lenz diese Gelegenheit ergriffen hatte, um ihm durch die Veröffentlichung zu schaden. Es mochte Goethe bei manchen ergehen, wie bei Fr. Jacobi, der selbst gestehe, dass ihm der junge Dichter anfangs wie ein feuriger Wolf erschienen sei, der nachts an honetten Leuten hinaufspringe und sie in den Kot werfe. Wieland war fein genug, im Merkur „diese kleine Schrift allen Liebhabern der pasquinischen Manier als ein Meisterstück von Persiflage und sophistischem Witz“ zu empfehlen11).

   Das Äußerste in dieser „frechen Weise“ – dies Prädikat hält der alte Goethe selbst nicht zurück – erreichte die nach einem alten Puppenspiel entworfene Posse „Hanswursts Hochzeit oder der Lauf der Welt, ein mikrokosmisches Drama“. Die Anstalten zu der Feier der Verbindung Hanswursts mit Usel Blondine bildeten den Rahmen zu satirischen Scherzen über Zeittendenzen und bekannte Persönlichkeiten, unter denen auch der betrügerische Nachdrucker Macklot scharf mitgenommen ward, indem er mit seiner Macklotur hausieren geht und sich in die Hochzeitsgesellschaft eindrängen will. Das übrige Personal war unter allen erdenklichen deutschen Schimpf- und Ökelnamen (Schuft, Schurke usw.) eingeführt. Wie schon die wenigen Fragmente, welche man daraus als dezentere Proben abgedruckt hat, beweisen, war in dieser Posse der Humor „bis zur Tollheit gesteigert“, und der Schmutz der Sprache allzu tief aufgewühlt, weshalb sie auch von dem Dichter der Öffentlichkeit entzogen blieb. Die genialische Fastnachtslust tobte sich darin aus. Es scheint daher der Schluss in der Reihe der mutwilligen Scherze zu sein, von denen Goethe mit dem Beginn des Jahres 1774 zur Wiederaufnahme ernsterer Entwürfe und zur Darstellung tieferen Seelenlebens zurückkehrte. Denn selbst hinter dem jovialen Übermut verbarg sich nur die Träne der Wehmut und Sehnsucht.

Ü   Þ


1) Noch im Jahr 1777 spricht Goethes Tagebuch während seiner Reise im Harz von der seltsamen Empfindung, „aus der Reichsstadt, die in und mit ihren Privilegien vermodert, hier heraufzukommen, wo vom unterirdischen Segen die Bergstädte fröhlich nachwachsen.“ ­

2) Briefe von J. H. Merck von Goethe, Herder und Wieland und andere bedeutenden Zeitgenossen. Mit Mercks biographischer Skizze herausgegeben von Karl Wagner, 1835. Briefe an und von J. H. Merck, hgg. von Karl Wagner, 1838. J. H. Merck, ein Denkmal, hgg. von A. Stahr, 1840. ­

3) So die einfache Erzählung Höpfners nach glaubwürdiger, mündlicher Überlieferung (s. Karl Wagner, Briefe aus dem Freundeskreis von Goethe, Herder, Höpfner und Merck, 1847, Anmerk. zu Nr. 88). An Goethes Bericht (D. u. W. Buch XII) ist poetische Zutat. Auch ward dieser erste Besuch bei Höpfner in Gesellschaft Schlossers, wie Düntzer (Studien zu Goethes Werken, S. 93) mit Recht vermutet, sicherlich schon im Anfang des Jahres von Frankfurt aus gemacht, indem man sich über die Herausgabe der Anzeigen zu beraten hatte, zu denen Goethe schon im Februar Beiträge lieferte, nicht erst, wie man aus Goethes Erzählung schließen könnte, im Spätsommer von Wetzlar aus. Erst bei diesem oder einem andern späteren Besuch in Gießen mag der Scherz mit Chr. H. Schmid, Prof. der Dichtkunst in Gießen, einem flachen Vielschreiber, vorgefallen sein. Goethe verschmilzt gern ähnliche Ereignisse, um ein wirkungsvolleres Gesamtbild daraus zu gestalten. ­

4) Beiträge zum Göttinger Musenalmanach sandte Goethe erst im folgenden Jahr ein; denn die nähere Bekanntschaft mit den Göttinger Dichtern begann nicht von Wetzlar aus, noch ward sie durch Gotter vermittelt, der mit dem engern Band, welcher sich um Voß und die Stolberg erst im Herbst 1772 mit antifranzösischer Tendenz bildete, nicht in Verbindung blieb. – Zu dem Folgenden vergl. Düntzers Studien zu Goethes Werken, 1849. ­

5) Eine Stelle, bei der Goethe ohne Zweifel Lote vor Augen gehabt hat, in der oben erwähnten Rezension in den Frankf. gel. Anzeigen von 1772. ­

6) Dass das Gedicht „An Lottchen“ (Mitten im Getümmel etc.) eine andere Beziehung habe, ist von Düntzer a.a.O. S. 99 f. überzeugend nachgewiesen. ­

7) „Mais voilà encore un Goetz de Berlichingen qui paroît sur la scène, imitation détestable de ces mauvaises pièces angloises, et le parterre applaudit et demande avec enthousiasme la répétition de ces dégoûtantes platitudes.“ Frédéric II. de la littérature allemande, pag. 47. ­

8) Vergl. Schönborn und seine Zeitgenossen (Hamburg bei Perthes) 1836. (Goethes Briefe an ihn S. 53 ff.) ­

9)

   Sieh in diesem Zauberspiegel
Einen Traum, wie lieb und gut
Unter ihres Gottes Flügel
Unsre Freundin leidend ruht.

   Schaue, wie sie sich hinüber
Aus des Lebens Woge stritt,
Sieh dein Bild ihr gegenüber,
Und den Gott, der für euch litt.

   Fühle, was ich in dem Weben
Dieser Himmelsluft gefühlt,
Als mit ungeduld’gem Streben
Ich die Zeichnung hingewühlt.
­

10) Einige Briefe des Jacobischen Frauenkreises siehe in dem Briefwechsel zwischen Goethe und Jacobi, hgg. von Max Jacobi, 1846. ­

11) Dass Goethe später, wie seine Erzählung schließen lässt, einen versöhnlichen und begütigenden Brief an Wieland geschrieben habe, ist sehr zweifelhaft; siehe Düntzer a.a.O. S. 196. „Ein Schand- und Frevelstück“ nannte es Goethe in einem gleichzeitigen Brief an Johanne Fahlmer. ­

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