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Homepage Literatur Johann Wolfgang von Goethe Biografien Schaefer - Goethes Leben Inhalt Erster Band Vorrede Kindheit und Jugend 1749 - 1765 1765 - 1768 1768 - 1771 1771 - 1773 1744 1775 Weimarsche Lehrjahre 1776 1777, 1778 1779 1780, 1781 1782 1783 - 1786 Zweiter Band Widmung Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche 1786 - 1788 1788 - 1791 1792, 1793 1794 - 1796 1797 - 1799 1799 - 1805 Goethe im Alter 1806 - 1813 1813 - 1819 1820 - 1825 1826 - 1832 Beilagen I. Charlotte von Stein II. Rede weißer Falkenordens III. Vermächtnis j. Nachwelt Schlusswort |
3. Kapitel: Herbst 1768 - Herbst 1771Die Reise von Leipzig nach Frankfurt, die fast eine Woche hinnahm, ging glücklich und in heiterer Stimmung vonstatten; nur erfüllte ihn, je näher er seiner Vaterstadt kam, umso mehr der Gedanke an den Eintritt ins elterliche Haus mit Besorgnis und Niedergeschlagenheit. Mit wie ganz andern Aussichten und Plänen hatte der Vater den rüstigen Jüngling entlassen! Und jetzt kehrte er wie ein Schiffbrüchiger heim, dessen gebrochene Gesundheit auch die letzte der Hoffnungen zu vereiteln schien. Der erste Anblick des „aus dem Grabe erstehenden Toten“ mochte nicht gar tröstlich sein. Gleich die erste Begegnung zwischen Vater und Sohn verursachte eine leidenschaftliche Szene. Übrigens fand er alles beim Alten, außer dem Großvater, dem der Schlag die eine Seite gelähmt hatte; er war ziemlich wieder hergestellt, konnte aber doch mit der Sprach noch nicht recht fort. Die Freude wohnte im Goetheschen Haus nicht, weil keiner den andern verstand, und seit der Abreise des Sohnes war dies Verständnis noch mehr erschwert, fast unmöglich geworden. Der Vater blieb sich immer gleich; er fand noch immer Stoff zur Fortsetzung seiner Reisebeschreibung, ging seinen Liebhabereien nach und stimmte seine Laute länger, als er darauf spielte. Sein Lehrtrieb hatte sich in den letzten Jahren ganz seiner Tochter Cornelia gewidmet. Er nötigte sie zu Übungen des Französischen, Englischen und Italienischen und leitete zu diesem Behuf auch ihre Korrespondenz. Auch zum Üben am Klavier ward sie konsequent angehalten. Weil der Vater niemals den freien Trieb walten ließ, geschah nichts mit Liebe und mit Lust; sie sah in ihm zuletzt nur den Haustyrannen, der ihr jede unschuldige Freude versage oder vergälle. Daher wandte sich ihr Gemüt mit der ihr eigenen Strenge und Härte wider den Vater; ihr Verhältnis zu ihm ging nicht über die militärische Subordination hinaus; sie tat nichts aus Liebe und Gefälligkeit. Die Mutter vermochte nichts hierin zu ändern; auch zu dieser bildete sich kein inniges Vertrauen. Dennoch empfand Cornelia in ihrer Verlassenheit das Bedürfnis der Liebe; aber das Bewusstsein, nicht schön und anmutig zu sein und die Herzen gewinnende Gabe ihrer schönen Freundinnen, denen sie geistig sich überlegen fühlte, nicht zu besitzen, machte sie Männern gegenüber befangen und entzog ihr dadurch auch die Gelegenheit, durch Geist und Bildung zu ersetzen, was die Natur ihr versagt hatte. Dem Verlangen nach einer ehelichen Verbindung stand die Furcht zur Seite, nie glücklich zu werden, weil sie nicht imstande sein werde, glücklich zu machen. Umso heftiger war die Liebe, die sie dem Bruder zuwandte; die Sorge für seine Pflege und Unterhaltung verschlang all ihre Zeit, sie war erfinderisch ihn zu erheitern; auch die Freundinnen mussten allerlei aussinnen, um ihm frohe Stunden zu bereiten. Hier waltete das vollste gegenseitige Vertrauen; was er schrieb, teilte er ihr mit; sie ersannen eine Koteriesprache, um selbst in Gegenwart anderer Personen das Geheimnis vertraulicher Mitteilung zu bewahren. Goethes Genesung ging nur langsam. Er hatte viele Schmerzen auszustehen und musste sich in Geduld und Selbstbeherrschung üben, so dass er in dieser Hinsicht mit Recht sagen mochte, er habe während seiner Krankheit viel gelernt, was er nirgends in seinem Leben hätte lernen können; er musste seinen Willen strengen diätetischen Vorschriften utnerwerfen1), die ihn allem freieren Lebensgenuss zu entsagen nötigten: „Kein kranker Mensch genießt die Welt.“ Er war den Winter über meist an sein Zimmer gefesselt. Da jedoch anstrengende und aufregende Beschäftigung vermeiden werden musste, so erheiterte Zeichnen und Malen vornehmlich seine einsamen Stunden. Maler Morgenstern – Seekaz war kurz vor seiner Rückkehr gestorben – ging ihm dabei an die Hand. Auch das Radieren von Landschaften ward wieder vorgenommen. Vielleicht war Unvorsichtigkeit beim Ätzen die Ursache, dass sich zu der Geschwulst am Hals noch eine Entzündung der Kehle, besonders des Zapfens, gesellte, so dass er nur unter heftigen Schmerzen etwas verschlucken konnte. Gegen Ende des Jahres schien er völlig hergestellt zu sein. „Ja, meine Liebe“, schreibt er unterm 30. Dez. an Käthchen Schönkopf, „es ist wieder vorbei, und inskünftige müssen Sie Sich beruhigen, wenn es ja heißen sollte, er liegt wieder! Sie wissen, meine Konstitution macht manchmal einen Fehltritt, und in acht Tagen hat sie sich wieder zurecht geholfen; diesmal war’s arg, und sah noch ärger aus, als es war, und war mit schrecklichen schmerzen verbunden.“ Die Teilnahme der Frankfurter Freunde äußerte sich sehr lebhaft. Rat Moritz gab zur Feier der Genesung eine große Gesellschaft. Doch folgte noch mancher Rückfall; schon der Januar bannte ihn wieder ins Zimmer. Die Verdauungswerkzeuge waren so gestört, dass die schmerzlichsten Symptome ihn oft der Verzweiflung nahe brachten. Erst mit der mildern Jahreszeit kehrten Gesundheit und Frohsinn zurück, wenn auch eine körperliche Schwäche noch auf längere Zeit zurückblieb. In seinem Leiden, seiner Abgeschiedenheit von den Freuden der Welt hing er um so inniger und dankbarer an Leipzig, an den Erinnerungen der dort verlebten schönen Tage. Die aus Leipzig geschriebenen Brief, welche der Vater sorgfältig aufbewahrt, geheftet, sogar durchkorrigiert hatte, wurden als ein Denkmal jener inhaltreichen Lebensperiode fleißig betrachtet. Die reichsstädtischen Formen, das beschränkte Familienleben, der pedantische Ton des Umgangs waren ihm widerwärtig, wenn er sie mit dem geistvollen geselligen Verkehr und der geschmackvollen Bildung Leipzigs verglich. Für die Frankfurter Mädchen, die bei geringen Bildungsinteressen viel Stolz und Prüderie besaßen, konnte er kein Herz fassen. Es war ihm daher ein Bedürfnis, durch briefliche Unterhaltung in das Oesersche und Breitkopfsche Haus und in den Schönkopfschen Familienkreis zu treten, an Friederike Oeser sein Herz auszuschütten und um die Liebe seines spröden Käthchens zu werden. Für sie malt er Fächer und Schuhe und sendet ihr diese und andere Sächelchen zum Geschenk. Seinen ersten Brief aus Frankfurt beantwortet sie schnell, obwohl nicht, wie er den Inhalt wünschte. „Meine geliebteste Freundin“, beginnt sein zweiter Brief vom 1. Nov., „noch immer so munter, noch immer so boshaft, so geschickt, das Gute von einer falschen Seite zu zeigen, so unbarmherzig, einen Leidenden auszulachen, einen Klagenden zu verspotten, alle diese liebenswürdigen Grausamkeiten enthält Ihr Brief; und konnte die Landsmännin der Minna anders schreiben? Ich danke Ihnen für eine so unerwartet schnelle Antwort, und bitte Sie auch inskünftige, in angenehmen muntern Stunden an mich zu denken und, wenn es sein kann, an mich zu schreiben. Ihre Lebhaftigkeit, Ihre Munterkeit, Ihren Witz zu sehen, ist mir eine der größten Freuden, er mag so leichtfertig, so bitter sein, als er will.“ – Aber Beteuerungen, wie „Sie haben meine ganze Liebe, meine ganze Freundschaft, und das allerbesonderste Kompliment ist doch noch lange nicht der tausendste Teil davon“, finden jetzt keinen Glauben, wenigstens keine Wirkung mehr. Was Goethe voraussehen konnte, geschah; ein anderer hatte ihr Herz erworben; im Frühling 1769 ward sie die Verlobte eines Dr. Kanne, welcher, von Goethe selbst eingeführt, im Schönkopfschen Haus wohnte, und als dessen Gattin sie 1810 gestorben ist. Und doch hat ihn die Nachricht von dem gewissen Verlust überrascht. Die nachfolgenden Briefe, in denen sich Teilnahme und Schmerz gegenseitig bekämpfen und oft in einen bittern Humor überschlagen, sind ein Beweis, wie tief sein Herz ergriffen war. „Das liebenswürdigste Herz,“ schreibt er, „ist das, welches am leichtesten liebt, aber das am leichtesten leibt, vergisst auch am leichtesten. – Es ist eine grässliche Empfindung, sein Liebe sterben zu sehen. Ein unerhörter Liebhaber ist lange nicht so unglücklich, als ein verlassener, der erste hat noch Hoffnung und fürchtet wenigstens keinen Hass, der andere, ja der andere – wer einmal gefühlt hat, was das ist, aus einem Herzen verstoßen zu werden, das sein war, der mag nicht gerne daran denken, geschweige davon reden.“ Er bittet sie, wenn seine Lieder im Druck erscheinen, manchmal Peter eine spielen zu lassen, „wenn Sie an mich denken wollen.“ – „O, könnte ich“, ruft er in einem spätern Brief aus, „die dritthalb Jahre zurückrufen! Käthchen, ich schwöre es Ihnen, liebes Käthchen, ich wollte gescheiter sein.“ In ruhig wehmütiger Stimmung schreibt er am 12. Dezember 1769 an sie, nachdem ein Traum ihn lebhaft an sie erinnert hat; er glaubt, dass sie schon verheiratet sei; er will jetzt nicht wieder nach Leipzig kommen; er bittet sie, ihm nicht mehr zu antworten: „Ich mag Ihre Hand nicht mehr sehen, so wenig als ich Ihre Stimme hören möchte; es ist mir leid genug, dass meine Träume so geschäftig sind. – Kein Hochzeitsgedicht kann ich Ihnen schicken; ich habe etliche für Sie gemacht, aber entweder drückten sie meine Empfindungen zu viel oder zu wenig aus.“ Doch sie schrieb ihm wieder, und er meldete ihr im Januar 1770 in einem heiteren Brief, dass er im März nach Straßburg gehen werde. Es war sein letzter Brief; doch sie sahen sich wieder. Während der langwierigen Leiden der Krankheit, welche langes Siechtum oder frühen Tod befürchten ließ, hatte Goethe die Tröstungen der Religion aufs lebhafteste empfunden; der Hang zu religiöser Beschaulichkeit, der schon das Gemüt des Knaben eine Zeitlang ernst beschäftigt hatte, trat aufs neue mächtig hervor. Was ihn in Leipzig an Langers Unterhaltung gefesselt hatte, zog ihn jetzt wieder zu der liebevollen Freundin seiner Jugend, dem Fräulein von Klettenberg, deren Verhältnis zu Goethes Mutter in den letzten Jahren ein noch innigeres geworden war. Sie war der Überzeugung, dass ihr junger Freund ebenso sehr an der Seele als am Körper leide, dass seine leidenschaftliche Unruhe daher rühre, „weil er keinen versöhnten Gott habe.“ Sie ermahnte ihn zur Demut, Gottergebenheit und Geduld, worin sie selbst, eine Leidende, mit einem bewunderungswürdigen Beispiel ihm voranging. Er schloss sich wieder eng an den Kreis der Frommen, und seine Seele erfüllte sich mit poetisch-mystischen Kontemplationen, da er mit dem bloßen Insichaufnehmen sich nicht begnügen konnte, sondern das Empfangene sich auf seine Weise zurechtlegte. Jene mystischen Kreise blieben indes nicht bei der Religion stehen, sondern magische und alchimistische Experimente waren bei ihnen Gegenstand ernsthafter Grübeleien und Versuche. Goethes Arzt, der Dr. Gottfried Wilhelm Mülker2), ein tüchtiger Naturforscher, stand bei den Klettenbergschen Frommen in ganz besonderem Ansehen, weil er den Glauben zu verbreiten wusste, dass er im Besitz gewisser Geheimmittel sei, welche er durch verborgene alchemistische Weisheit zustande gebracht habe. Durch diesen Mann, behauptete Fräulein von Klettenberg, von einer sechsmonatlichen Krankheit in drei Tagen geheilt worden zu sein. Auch an Goethe bewährte sich seine Kunst, indem dieser bei einem heftigen Unterleibsleiden, wo keine angewandten Mittel etwas fruchten wollten, und er unter schmerzlichen Beängstigungen das Leben zu verlieren glaubte, dem geheimen Universalmittel, das der Arzt endlich auf leidenschaftliches Andringen der besorgten Mutter hergab, seine Rettung verdankte. In diesem Dr. Müller erkennen wir das Urbild zu dem Arzt in Faust, – „ein dunkler Ehrenmann, der über die Natur und ihre heiligen Kreise, in Redlichkeit, jedoch auf seine Weise, mit grillenhafter Mühe sann.“ Auf seine Empfehlung studierte Goethe nebst seiner Mutter und Fräulein von Klettenberg Georg von Wellings „Opus mago – cabbalisticum et theosophicum“, darinnen der Ursprung, Natur, Eigenschaften und Gebrauch des Salzes, Schwefels und Mercurii beschrieben etc. etc. (1735), mit einem Anhang über verschiedene alchimistische Operationen, woraus vieles in die Faustdichtung übergegangen ist. Von diesem Werk geriet er auf einige ältere Schriften ähnlichen Inhalts, auf die es hinwies, Theophrastus Paracelsus, Helmont, den Chemiker Basilus Valentinus, den Alchimisten Georg Starkey. Besonders ward Goethe von den Schriften, die unter dem Titel ‚Aurea Catena Homeri’ bekannt waren und eine philosophisch-alchimistische Geheimlehre enthielten, angezogen. Mancher Winterabend wurde ihm in Gesellschaft der beiden Frauen mit diesen Versuchen, die geheimnisvollen Kräfte der Natur kennen zu lernen und ihr medizinische Universalmittel abzulocken, verkürzt. Als er mit der besseren Jahreszeit sich wieder in seinem alten Giebelzimmer aufhalten durfte, legte er sich hier einen kleinen Apparat an und begann durch chemische Experimente verschiedene Salze und Säfte zu bereiten. Am meisten beschäftigte ihn der so genannte ‚Liquor Silicum’ (Kieselsaft), welcher entsteht, wenn man reine Quarzkiesel, die sich im Main recht schön und weiß finden, mit einem gehörigen Anteil Alkali schmilzt, woraus ein durchsichtiges Glas entspringt, welches an der Luft zergeht und eine schöne klare Flüssigkeit darstellt. So abenteuerlich auch diese Operationen erscheinen, so waren sie doch für den Genesenden, dem ein folgerechtes anstrengendes Studium noch untersagt war, eine wohltuende Zerstreuung. In dem Ernst, womit er ihnen sich hingab, liegt doch auch zugleich der Keim zu späterer Forschung der Natur. Schon damals ging ihm praktisch die Einsicht in manche Naturformen auf; er achtete genau auf alle Kristallisationen, er lernte die Stoffe näher kennen und näherte sich zugleich der wissenschaftlichen Chemie, indem er Boerhaves chemisches Kompendium fleißig durcharbeitete. Sein Streben nach religionsphilosophischer Erkenntnis führte ihn zu der Kirchen- und Ketzerhistorie Gottfried Arnolds, eines der ausgezeichnetsten Theologen der Spenerschen Schule. Dieses, mit ebenso frommen Sinn als ausgebreiteter Gelehrsamkeit geschriebene, umfangreiche Werk konnte nicht anders als höchst anregend auf einen denkenden Geist wirken. Die nächste Folge war eine im Sinne der Gnostiker erbaute Schöpfungs- und Erlösungstheorie, die noch in der Faustdichtung nachklingt. Unter diesen und ähnlichen, nach verschiedenen Seiten abschweifenden Beschäftigungen verfloss auch der zweite Winter in Frankfurt, wo Goethes Gesundheitszustand noch der Pflege und Aufsicht im elterlichen Haus bedürfen mochte. Von poetischen Werken scheinen in dieser Zeit am meisten Shakespeare und Wieland seine Verehrung genossen zu haben, die er in dem Brief (20. Febr. 1770) an den Buchhändler Reich, dem er für die Übersendung von Wielands Dialogen des Diogenes seinen Dank abstattet, seine echten Lehrer nennt. „Meine Gedanken“ – so lautet dieses charakteristische Bekenntnis – „über den Diogenes werden Sie wohl nicht verlangen. Empfinden und schweigen ist alles, was man bei dieser Gelegenheit tun kann; denn sogar loben soll man einen großen Mann nicht, wenn man nicht so groß ist, wie er. – Wenn Sie diesem großen Autor, Ihrem Freund, schreiben oder ihn sprechen, so haben Sie die Gütigkeit, ihm einen Menschen bekannt zu machen, der zwar nicht Manns genug ist, seine Verdienste zu schätzen, aber doch ein genug zärtliches Herz hat, sie zu verehren.“ Goethes eigene poetische Produktion wurde nicht, wie sie doch bedurfte, durch Lebensereignisse noch durch ein warmes Liebesverhältnis angeregt. Nur das mag man in dieser Leere ein Ereignis für den erregbaren Jüngling nennen, dass er den heldenmütigen, wenn auch unglücklichen, Verteidiger der Freiheit seines Vaterlandes, den Corsen Pascal Paoli, der auf seiner Reise nach England Frankfurt berührte, im Bethmannschen Haus kennen lernte und dem liebenswürdigen Mann eine begeisterte Verehrung widmete, so dass ohne Zweifel diese anmutige Heldengestalt ihm bei der Dichtung des Götz und Egmont vor die Seele trat. „Es ist eine Wollust“ – sagt Bruder Martin im Götz – „einen großen Mann zu sehen.“ Übrigens erschien ihm das Frankfurter Leben höchst prosaisch; auch Freund Horn, der im Frühjahr 1769 von Leipzig zurückgekehrt war, findet es dort „sehr stupide“ und meint, auch Goethe sei in der „Reichsluft“ „sehr stupide“ geworden. Kein Frankfurter Mädchen flößte ihm eine leidenschaftliche Neigung ein, und die Liebe zu Käthchen trug keine poetischen Blüten mehr: „Nur in Frühlingstagen schneiden Schäfer in die Bäume, nur in der Blumenzeit bindet man Kränze“. Ein „Neujahrslied“ ward im Dezember 1768 noch in der Weise der Leipziger Lieder gesungen3). Ein uns erhaltenes geistliches Lied4), das wohl nur in diese Zeit gesetzt werden kann, lässt vermuten, dass er deren einige im Sinn und zu Liebe des Klettenbergschen Kreises gedichtet habe. Zum Zeitvertreib wurden Märchen und eine Farce „Lustspiel in Leipzig“ niedergeschrieben. Alles dies nebst mehreren andern Papieren wurde, bevor er aufs neue Frankfurt verließ, dem Feuer geopfert, und nur Behrisches Liederbuch, sowie das Manuskript der Laune des Verliebten und der Mitschuldigen, woran er zu bessern fort fuhr, – dem Buchhändler Fleischer hatte er es vergebens zum Druck angeboten – blieben verschont. Nicht lebhafter hatte er sich vor fünfeinhalb Jahren aus Frankfurt hinausgesehnt, als er jetzt verlangend dem Frühling 1770 entgegensah, der ihm zum zweiten Mal die Freiheit wiedergeben sollte. Frankfurt war er längst „satt“. Das Verhältnis zum Vater hatte sich in nichts gebessert. Die Missstimmung, die dieser nicht verbarg, wenn die Genesung sich verzögerte oder Rückfälle eintraten, erzeugten eine bittere Gegenwirkung, und wie sehr mochte der unkindliche Sinn der Schwester diese verstärken helfen? In Ansicht und Urteil bestand zwischen Vater und Sohn eine so große Divergenz, dass stets ein Widerspruch hervorgerufen ward, der sogleich zu heftigen Szenen führte. Noch kurz vor der Abreise geriet der Vater „in einen unglaublichen Zorn“, als der Sohn sich herausnahm, die Bauart der Leipziger Häuser zu rühmen und dem Vater anzuempfehlen, auch in seinem stattlichen Haus die Treppe an die Seite zu legen, um jedem Stockwerk eine abgeschlossene Tür zuteilen zu können. Der Wiederkehr einer solchen Szene aus dem Weg zu gehen, beschleunigte er nur noch mehr seine Reise nach Straßburg, wo er nach des Vaters Wunsch, der ihm ganz genehm war, seine juristischen Studien beendigen und promovieren sollte. Horn gab ihm bis Mainz das Geleit. Ohne Aufenthalt ward in kurzer Zeit in der neu eingerichteten bequemen Diligence die Reise vollbracht, und er langte mit Beginn des April 1770 in der Stadt an, wo ihm für Geist und Herz ein neues, unendlich reiches Leben erblühte, und die ihm zum zweiten Mal den vollen Genuss der Jugend entgegenbrachte. Als er von der Plattform des Münsters zum ersten Mal seine Blicke über das schöne Rheintal schweifen ließ, das sich zwischen den Vogesen und dem Schwarzwald, durchschlängelt von dem stolzen Strom und zahllosen kleinen Flüssen, hinzieht, segnete er entzückt das gütige Geschick, das ihm einige Sommer seiner Jugendzeit in dieser paradiesischen Gegend zu verleben gönnte. Nach einer langweiligen, in körperlichem Leiden und mit verdüstertem Gemüt durchlebten Krankheitsperiode trat er wieder mit frischem Jugendmut ins reiche Genuss verheißende Leben hinein, und die Ahnung trug auf die vor ihm ausgebreitete Fläche schon künftige Freudeszenen ein. Er mietete sich eine Wohnung an der Sommerseite des Fischmarkts, einer schönen langen Straße, wo ein lebhafter Verkehr dem Auge in unbeschäftigten Augenblicken stets Unterhaltung bot. Empfehlungsbriefe führten ihn in einige Familien ein, auch in pietistische Kreise, durch deren Einfluss man die Wiederkehr der Leipziger Fehltritte abzuwenden hoffen mochte. Einer dieser Gönner empfahl ihm eine Tischgesellschaft bei zwei alten Jungfrauen, die aus ungefähr zehn, älteren und jüngeren, Personen bestand. Den Vorsitz führte gewissermaßen Dr. Salzmann, Aktuar beim Pupillenkollegium, ein unverheirateter Mann von ungefähr fünfzig Jahren, dessen feines Benehmen und vielseitige Erfahrung den jungen Goethe bald sehr zu ihm hinzog. Auf dessen Rat wandte er sich zum Behuf der praktischen Einübung des juristischen Wissens an einen Repetenten, der sich durch Kenntnisse und Lehrtalent großes Vertrauen erworben hatte. So sehr dieser auch bei Goethe das Zutrauen rechtfertigte, so ward es ihm doch schwer, den lebhaften Jüngling in dem Kreis der positiven Rechtswissenschaft festzuhalten und ihn aus den umherschweifenden Diskursen auf den nächsten Zweck hinzuführen. Für solches Gedächtniswerk hatte Goethe wenig Sinn. Das Meiste, was er zum Examen bedurfte, hatte er schon auf andern Wegen erlernt, und es kostete nicht viel Mühe, was allenfalls noch erforderlich war, mit einigem Fleiß zu ergänzen. Da ihm die Rechtswissenschaft keine genügende geistige Beschäftigung gab, so konnte er seine akademische Zeit noch benutzen, um sich in den Gebieten des Wissens zu ergehen, in die ein innerer Trieb ihn lebhaft hineinzog. Den Naturwissenschaften und der Medizin war er auf den mystischen Irrgängen der Alchimie und Magie nahe getreten; auch von Straßburg aus meldet er dem Fräulein Klettenberg, dass die Alchimie noch seine geheime Freundin sei. Aber in der Helle des akademischen Lebens mussten solche Nebel bald verfliegen; schon die Gespräche seiner Tischgenossen, die meistens Mediziner waren, führten oft auf wissenschaftliche Behandlung medizinischer Probleme. Daher entstand auch bei Goethe das Verlangen nach einer wissenschaftlichen Einsicht in das Gebiet der rätselvollen Natur. Er wohnte schon im ersten Semester dem Klinikum des älteren Ehrmann und den Lektionen des jüngeren über Entbindungskunst bei, und hörte im Winter Vorlesungen über Chemie und Anatomie; ohne Zweifel war auch der Unterricht in der Physik von diesem Kursus nicht ausgeschlossen. Bei diesem Wachstum an Naturkenntnissen ward ihm zugleich in Folge des ihm eingebornen Triebes, die Natur als ein lebendiges Ganzes aufzufassen und zu vergeistigen, das Bedürfnis fühlbar, für die zerstreuende Mannigfaltigkeit der Erscheinungen ein ideales Band zu entdecken. Ein solches hoffte er in dem damals Aufsehen erregenden ‚Système de la nature’ zu finden; aber dieser schale Atheismus erschien ihm nur gespenstisch und totenhaft, mehr abgeschmackt und lächerlich, als gefährlich, und trug nur dazu bei, ihm die Philosophie, vor allem die Metaphysik, zu verleiden. Für seine Beschäftigung mit den Werken der Kunst schien ihm Straßburg weniger, als Leipzig, zu gewähren; seinen lieben Oeser sah er dort nicht ersetzt. Doch fand sich schon im Mai des Jahres 1770 eine unverhoffte Gelegenheit, die ästhetischen Prinzipien desselben wieder lebendig zu machen und zur Anwendung zu bringen. Zum festlichen Empfang des jungen Gemahlin des französischen Thronfolgers, Marie Antoinette von Österreich, war auf einer Rheininsel ein zierliches Gebäude errichtet. Die Nebensäle waren mit den nach Rafaels Kartons gewirkten Teppichen geziert, die Goethe hier zum ersten Mal sah und mit vollem Entzücken in sich aufnahm. Wiederholt wusste er sich vom Pförtner den Eintritt zu verschaffen, um diese Kunstwerke nicht nur zu genießen, sondern auch zu begreifen. Gern übersah er dabei das Unpassende, dass man Christus und die Apostel zum Schmuck eines Hochzeitsgebäudes verwendet hatte. Aber sein Kunstsinn war empört durch die den Hauptsaal schmückenden Teppiche, die nach Gemälden neuerer Franzosen gewirkt waren. Sie stellten die Geschichte des Jason, der Medea und Kreusa dar, Szenen der unglückseligsten Heirat. Mit diesen düstern, ahnungsreichen Bildern die Königsbraut an Frankreichs Grenzen zu empfangen, erschien ihm taktlos und grauenhaft, und dieser Eindruck mochte ihm verstärkt werden, als bald darauf die Schreckensnachricht eintraf, dass während der Feuerwerke zu Paris eine Menge Menschen bei dem Gedränge in der ‚rue royale’ umgekommen sei. An diesen Eindrücken hatte nicht bloß das Kunstgefühl Anteil, sondern es tritt darin auch ein tieferer poetischer Sinn hervor, welcher in dem, was dem gewöhnlichen Menschen zufällig und gleichgültig scheint, etwas Bedeutendes sieht, womit heitere oder düstere Ahnungen sich beschäftigen. Sie schwebten ihm lebhaft wieder vor, als die junge Fürstin, die damals im Glanz jugendlicher Schönheit und Majestät auf Frankreichs Boden einzog, ein Denkmal des furchtbaren Wechsels irdischer Hoheit ward. Bei dem Durchzug der Königin machte Goethe einen Versuch in französischer Poesie, der sein letzter geblieben ist. Man hatte die Anordnung getroffen, dass keine missgestalteten Personen, Krüppel und Lahme sich der Königin auf ihrem Weg zeigen sollten. Er zog daher in einem scherzhaften Gedicht eine Parallele mit Christus, der eben die zu sich kommen ließ, welche die Ankunft der Königin verscheuchte5). Ein Franzose, mit dem er damals umging, kritisierte streng Sprache und Versmaß, und Goethe erinnerte sich nicht, nachher je wieder ein französisches Gedicht gemacht zu haben. Bei dieser Gelegenheit treffen wir noch auf einen andern Zug, der Goethes Wesen eigen war, den Hang zu Mystifikationen, welcher mit dem genialen Mutwillen, der von gleichmäßigen Schritt des gewöhnlichen Lebens poetisch zu beleben sucht, zusammenhängt und mit hinterlistiger Schadenfreude nie etwas gemein hatte. Freund Horn, dessen Persönlichkeit schon in Leipzig zu solchen Scherzen aufgefordert hatte, erhielt von Goethe einen aus Versailles datierten Brief, worin er ihm seine glückliche Ankunft daselbst und seine Teilnahme an den Feierlichkeiten meldete, ihm aber strenges Stillschweigen auferlegte. Als nun die Nachricht von dem unglücklichen Ereignis zu Paris nach Frankfurt kam, von Goethe aber wegen eines kleines Ausflugs keine Briefe einliefen, teilte Horn das Geheimnis mit und ängstigte sich und die Freunde, bis ein Brief aus Straßburg sie aller Sorge enthob. Die herzlichen Nachrichten von den Freunden rührten Goethe so, dass er solche Scherze für immer verschwor; doch sehen wir noch mehrmals derartige Improvisationen wiederkehren. Die geselligen Verhältnisse in Straßburg sagten ihm sehr zu. Die schöne Jahreszeit lud ins Freie, und in diesen schönen Stunden sog er wieder die ganze volle Frische jugendlichen Frohsinns in sich. Muntere Mädchen teilten manchmal die Gesellschaftsspiele. Seine Lieder „Stirbt der Fuchs so gilt der Balg“ und „Blindekuh“ sind das erste Zeugnis, dass sein Lyrik neue Töne gefunden hatte. Auf Salzmanns Rat wurde auch das Kartenspiel wieder aufgenommen und Whist gelernt, obwohl sich anfangs einige religiöse Bedenken dagegen regten; in einem Brief erörtert er ziemlich umständlich, ob Spielen Sünde sei6). Denn die in den Frankfurter pietistischen Kreisen erhaltenen Eindrücke wirkten auch noch in Straßburg fort, er geht andachtsvoll zum heiligen Abendmahl7), er hält sich zu den „frommen Leuten“ in Straßburg. Doch dieser Umgang konnte nicht von langer Dauer sein; „sie sind“, klagte er, „so von Herzen langweilig, wenn sie anfangen, dass es meine Lebhaftigkeit nicht aushalten konnte, lauter Leute von mäßigem Verstand, die mit der ersten Religionsempfindung auch den ernsten vernünftigen Gedanken dachten und meinen, das wäre alles, weil sie sonst nichts wissen.“ Er verkehrte daher wieder unter Weltkindern und gab der frohen Laune Raum, die in seine Natur gelegt war. Die Liebe zur Musik erwachte aufs Neue; er nahm Unterricht auf dem Violoncell. Übungen in körperlicher Gewandtheit erhielten wieder neuen Reiz; mit den Universitätsfreunden ward das Fechten von neuem geübt; die schöne Umgebung erhöhte die Lust am Reiten, das ihm nur im Freien Freude machte. Bei der Aussicht auf die glänzenden Bälle des nächsten Winters schien das Tanzen unentbehrlich, das er seit fünf Jahren, sogar in Leipzig nicht geübt hatte. Er nahm daher noch vor Beginn der Saison Unterricht bei einem geschickten Tanzmeister, einem Franzosen, dessen Lektionen ihn umso rascher förderten, als sie von der Mitwirkung seiner beiden hübschen Töchter unterstützt wurden. Diese fassten bald eine lebhafte Neigung zu dem schönen, geistvollen Jüngling, besonders Lucinde, die älteste, während er sich der jüngeren mehr zuwandte, deren Betragen, da sie bereits mit einem Entfernten sich verlobt hatte, stiller und gemessener war. Manchmal ersuchten sie ihn, nach der Stunde bei ihnen zu bleiben; er als ihnen vor und erwiderte auch sonst ihre Freundlichkeit durch Übersendung von Blumen und Früchten. Die Leidenschaft Lucindes und die wachsende Liebe Emilies nötigten ihn, wenn er nicht beide noch unglücklicher machen wollte, das Haus zu meiden. Als er aber scheidend von Emilie mit Küssen entlassen ward, stürzte Lucinde aus dem Nebenzimmer herbei, und indem sie in leidenschaftlicher Aufregung die Schwester mit Vorwürfen überhäufte, als habe sie ihr den Geliebten entwendet, umschlang sie ihn, durchwühlte seine Locken und küsste ihn mehrmals; „Unglück über Unglück“, rief sie aus, „für immer und immer auf diejenige, die zum ersten Mal nach mir diese Lippen küsst!“ – Er flog die Treppe hinunter mit dem festen Vorsatz, das Haus nie wieder zu betreten. Diese siegreiche Anziehungskraft des frischen, jungendlichen Mutes, der Geist und Gemüt belebend und erwärmend durchströmte, machte sich auch in dem Freundeskreis geltend, der in der Salzmannschen Tischgesellschaft seinen Vereinigungspunkt fand; sie vermehrte sich bis auf zwanzig Personen, und die Unterhaltung gewann mehr und mehr an Lebhaftigkeit und Interesse. Unter den neuen Ankömmlingen befand sich auch der unter dem Autornamen Heinrich Stilling berühmt gewordene Jung; er hat uns in der Schilderung seines Eintritts in diesen Zirkel ein treffendes Charakterbild von dem Studenten Goethe aufgezeichnet8): „Es speisten ungefähr zwanzig Personen an diesem Tisch, und man sah einen nach dem andern herein treten. Besonders kam einer mit großen hellen Augen, prachtvoller Stirn und schönem Wuchs mutig ins Zimmer. Dieser zog Herrn Troosts und Stillings Augen auf sich; ersterer sagte gegen letzteren: Das muss ein vortrefflicher Mann sein. Stilling bejahte das, doch glaubte er, dass sie beide viel Verdruss von ihm haben würden, weil er ihn für einen wilden Kameraden ansah. Dieses Schloss er aus dem frechen Wesen, das sich der Student herausnahm; allein Stilling irrte sehr. Sie wurden indessen gewahr, dass man diesen ausgezeichneten Menschen Herr Goethe nannte. Herr Troost sagte leise zu Stilling: Hier ist’s am besten, dass man vierzehn Tage schweigt. Letzterer erkannte diese Wahrheit; sie schwiegen also, und es kehrte sich auch niemand sonderlich an sie, außer dass Goethe zuweilen seine Augen herüberwälzte; er saß gegen Stilling über und hatte die Regierung am Tisch, ohne dass er sie suchte. Herr Troost war nett und nach der Mode gekleidet; Stilling auch so ziemlich. Er hatte einen schwarzbraunen Rock mit manchesternen Unterkleidern, nur war ihm noch eine runde Perücke übrig, die er zwischen seinen Beutelperücken doch auch gern verbrauchen wollte. Diese hatte er einstmalen aufgesetzt und kam damit an den Tisch. Niemand störte sich daran, als nur Herr Waldberg aus Wien. Dieser sah ihn an; und da er schon vernommen hatte, dass Stilling sehr für die Religion eingenommen war, so fing er an und fragte ihn: Ob wohl Adam im Paradies eine runde Perücke möchte getragen haben? Alle lachten herzlich bis auf Salzmann, Goethe und Trost; diese lachten nicht. Stilling fuhr der Zorn durch alle Glieder, und er antwortete darauf: Schämen Sie sich dieses Spottes. Ein solcher alltäglicher Einfall ist nicht wert, dass er belacht werde! – Goethe aber fiel ein und versetzte: Probier’ erst einen Menschen, ob er des Spottes wert sei? Es ist teufelsmäßig, einen rechtschaffenen Mann, der niemand beleidigt hat, zum Besten zu haben! Von dieser Zeit an nahm sich Herr Goethe Stillings an, besuchte ihn, gewann ihn lieb, machte Brüderschaft und Freundschaft mit ihm und bemühte sich bei allen Gelegenheiten Stilling Liebe zu erzeigen. Hatte sich auch Goethe der einseitigen pietistischen Richtung, von der Jung nicht ablassen konnte, entzogen, so stand er diesen Gemütszuständen doch nahe genug, um sie mit Liebe zu begleiten und teilnehmend auf sie einzugehen. Ihm öffnete sich daher vertrauensvoll Jungs zarter kindlicher Sinn. Aufs lebhafteste erzählte er seine Lebensgeschichte, die bei aller Einfachheit der Verhältnisse reich war an Begebenheiten und mannigfacher Tätigkeit. Goethe ermunterte ihn sie aufzuschreiben, und seinem Antrieb verdanken wir diese sinnige Schilderung von Stillings Jugend, eine der anziehendsten Selbstbiographien, welche die Literatur aufzuweisen hat. Ein anderer wackerer Genosse, der sich eng an beide anschloss, war Lerse, das Musterbild eines deutschen Jünglings, stets bereit, mit unparteiischer Geradheit die kleinen Unebenheiten, welche in dem Kreis der Freunde etwa hervortraten, auszugleichen. Diesem liebenswürdigen Charakter setzte Goethe ein Freundesdenkmal in Götz von Berlichingen. Obwohl in Straßburg damals das französische Wesen, namentlich in die Bildung der höheren Stände, eingedrungen war, so machte sich doch in Goethes Nähe deutsche Art und Bildung mit Entschiedenheit geltend; je mehr in ihm selbst diese deutsche Richtung mit Energie hervortrat, desto mächtiger zog er die Freunde sich nach. Als er Straßburg zur Fortsetzung seiner akademischen Studien wählte, hatte die Aussicht, dort eine größere Gewandtheit in der französischen Konversationssprache sich zu erwerben, etwas Lockendes; aber dies Treben ward ihm bald verleidet, da er sich mit seinem auf verschiedenen Wegen erlernten Französisch stets musste zurechtgewiesen sehen, so dass er lieber den Gebrauch der französischen Sprache ganz von sich abzulehnen beschloss. Die Tischgesellschaft sprach nur Deutsch und tat sich gerade in der Nähe der französischen Kultur auf ihre Deutschheit etwas zu Gute. In demselben Maß, als man Wahrheit und Aufrichtigkeit des Gefühls als die Maxime in Leben und Dichten hinstellte, stieg die Abneigung gegen die fremde Sitte und Sprache. Die französische Literatur fand man vornehm und affektiert, und man trat zu ihr in den Gegensatz, den erst ein halbes Jahrhundert später die neuromantische Schule in Frankreich zu vertreten wagte. Damit ging auch mit Goethes Kunstansichten eine allmähliche Umwandlung vor sich, durch die sein eigenstes Wesen sich selbstständiger herausbildete. Das majestätische Münstergebäude erweckte in ihm eine enthusiastische Liebe zur altdeutschen Kunst. Als Goethe nach Straßburg kam, hing er noch den Oeserschen Maximen an, welche die einfache Schönheit, die idealische, stille Größe als Prinzip an die Spitze stellten. Diese von der Antike abstrahierte Ansicht nahm ihn im Voraus gegen die mittelalterliche „gotische“ Baukunst ein. „Als ich das erste Mal nach dem Münster ging, hatt’ ich den Kopf voll allgemeiner Erkenntnis guten Geschmacks. Auf Hörensagen ehrt’ ich die Harmonie der Massen, die Reinheit der Formen, war ein abgesagter Feind der verworrenen Willkürlichkeiten gotischer Verzierungen. Unter die Rubrik Gotisch häufte ich alle synonymischen Missverständnisse, die mir von unbestimmten, ungeordnetem, unnatürliche, zusammengestoppeltem, aufgeflicktem, überladenem jemals durch den Kopf gezogen waren.“ Anfänglich wirkte das großartige Bauwerk mehr Staunen erregend als gigantische Masse, „ein krausborstiges Ungeheuer“. Nicht lange, so bildete es schon den Hintergrund der Erinnerung an schöne Stunden. Von hier überblickte er immer mit neuem Entzücken das schöne Elsass, hier weilte er mit seinen Freunden manche Abendstunde und weihte der scheidenden Sonne den mit Rheinwein gefüllten Römer. Wiederholt erklomm er die höchsten, zum Teil an der Außenseite des Turmes hinanlaufenden Stufen bis zu dem so genannten Hals unter dem Knopf und übte sich, ohne Schwindel hinabzublicken. Indem somit das Münster immer von neuem seine Blicke und seine Schritte zu sich zog, ging ihm nach und nach die Einsicht in die Harmonie der Teile auf. Er erkannte, dass ein harmonisch hoher Geist durch die drei Stockwerke der prächtigen Fassade bis zu den Säulenverschlingungen der Himmel anstrebenden Turmspitze walte und auch in all’ den mannigfaltigen Zierraten, welche die Türen und die Fensterrose einfassen und an den Hauptsäulen hinauflaufen, sich offenbare. Durch Messen und Zeichnen drang er in die Harmonie der Einzelheiten ein, so dass es ihm möglich ward zu entdecken, wo die Ausführung des Baues hinter dem ursprünglichen Plan des Meisters zurückgeblieben war. In einer Gesellschaft äußerte jemand, es sei schade, dass statt zweier Türme nur der eine ausgeführt sei. Goethe bemerkte, auch dieser eine Turm sei leider nicht ganz ausgeführt; denn auf die vier Schnecken hätten noch vier leichte Turmspitzen gesollt, so wie eine höhere auf die Mitte, wo das plumpe Kreuz stehe. „Wer hat Ihnen das gesagt?“, fragte einer der Anwesenden. „Der Turm selbst!“, versetzte Goethe. „So sind Sie nicht unwahr berichtet,“ erwiderte jener, „ich bin der Aufseher der Baulichkeiten; wir haben in unserm Archiv noch die Originalrisse.“ Goethe bedauerte, von diesem Schatz nicht früher unterrichtet gewesen zu sein und erwirkte sich noch kurz vor seiner Abreise die Erlaubnis, das im Bau Fehlende aus dem Riss aufzuzeichnen. Schon damals drang er darauf, dass man diese Baukunst nicht gotisch, sondern altdeutsch zu benennen habe und führte dies später in der Schrift „Von altdeutscher Baukunst“ weiter aus. Damit war aber auch die Theorie vom Formideal gefallen. „Die Kunst – so lautete jetzt das Bekenntnis – ist lange bildend, ehe sie schön ist, und doch so große, wahre Kunst, ja oft wahrer und größer, als die schöne selbst. – Lasst di Bildnerei aus den willkürlichsten Formen bestehen, sie wird ohne Gestaltverhältnis zusammenstimmen; denn eine Empfindung schuf sie zum charakteristischen Ganzen. Diese charakteristische Kunst ist nun die einzig wahre.“ Hiermit war auch der Schlüssel zum Shakespeare gefunden, und die Kompositionen des Götz und Faust konnten sich nach und nach in der Seele des jungen Dichters aufbauen. Der jugendfrohe Dichter streifte die letzte Fessel der Theorie ab und hatte kein anderes Prinzip als:
„Auf philosophische Weise erleuchtet und gefördert zu werden, hatten wir keinen Trieb und Hang“, bemerkt Goethe in seinen biografischen Schilderungen. Wie wenig indes diese Äußerung gegründet war, bewiesen uns die „Ephemeriden“, das Tagebuch seiner literarischen Beschäftigungen, in denen sich ein vielseitiges Interesse für die wichtigsten Probleme des philosophischen Denkens kund gibt und die Lektüre angesehener Philosophen angemerkt ist 9). Schwankend greift er hin und her, bald zu dem mystischen und pantheistischen Schriften, mit denen er in der letzten Frankfurter Periode in engste Berührung gekommen war, bald zu den Philosophen der neuesten Aufklärungsperiode. Ein Aufsatz, in welchem eine Vergleichung zwischen dem Mendelssohnschen Phädon und dem Platonischen angestellt wird, zeugt von einem sorgfältigen Studium dieser beiden Schriften. Fasst man zusammen, mit welchem Drang nach Erkenntnis der geniale Jüngling in die Geheimnisse von Natur und Kunst, in Wissen und Leben hineinzuschauen bemüht war, so hat man es als ein besonders günstiges Geschick zu preisen, dass er in Straßburg mit Herder zusammengeführt ward und in ihm den Lehrer fand, dessen er gerade bedurfte. Herder hatte schon seine Lehrjahre durchgemacht, er hatte sich im Schul- und Kirchenamt mit Glück versucht und durch seine Fragmente zur Literatur und kritischen Wälder eine Stelle unter den deutschen Schriftstellern erworben. Er stand mit den größten Männern Deutschlands in Verbindung; während seines Aufenthalts in Paris verkehrte er mit den geistreichsten Denkern Frankreichs. Schon lagen in seinem Geist die herrlichsten Früchte vorgebildet, die er auf seiner glänzenden Schriftstellerlaufbahn nach und nach der Nation darreichte. In Begleitung des Prinzen von Holstein-Eutin kam er im Herbst 1770 nach Straßburg, wo er sich von seinem Zögling trennte. Da er wegen einer Augenkrankheit den berühmten Arzt Lobstein zu konsultieren wünschte, so blieb er den Winter über in Straßburg zurück. Goethe traf mit ihm zufällig an der Treppe des Gasthofs „Zum Geist“ zusammen; seine freundliche Anrede fand Erwiderung, so dass ein lebhaftes Gespräch erfolgte, das er mit der Bitte schloss, ihn besuchen zu dürfen. Die Erlaubnis ward häufig benutzt, indem der empfängliche Jüngling sich stärker und stärker angezogen fühlte. In ihm war eine ähnliche Gährung, wie in Herders Geist; aber während bei ihm noch das Ziel in Nebeln verschwand und ihm nur in schwankenden Ahnungen vorschwebte, trat bei Herder, der fünf Jahre älter war, schon das Urteil klar und entschieden hervor. Herder, von Natur zu der Haltung eines Lehrmeisters und zu didaktischer Mitteilung geneigt, hatte Goethe gegenüber, der nur zu empfangen bereit war, und was er hatte, nicht einmal geltend zu machen suchte, die Superiorität des Pädagogen. Lobsteins Operation der Tränenfistel ward im Oktober vorgenommen. Goethe war bei derselben gegenwärtig; auch während der Kur erleichterte er dem Leidenden die Abgeschiedenheit durch Besuche am Morgen wie am Abend. Oft brachte er ganze Tage bei ihm zu, und bei dieser anregenden Mitteilung ist es begreiflich, „dass in der Fülle dieser wenigen Wochen alles, was Herder nachher allmählich ausgeführt hat, im Keim angedeutet ward.“ Herder bearbeitete damals die Abhandlung von dem Ursprung der Sprachen, die dem Gebiet angehörte, auf welchem später die Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit erwuchsen. Durch Herder lernte Goethe die Poesie als die ewige Ursprache der Menschheit auffassen und sie in der hebräischen Dichtung des alten Testaments, im Volkslied wie in Shakespeare erkennen. Herder verleidete ihm den letzten Rest des Wohlgefallens an den Werken der rhetorischen Kunstpoesie; nur Wahrheit und Natur sollte Geltung haben. Von den dürftigen Theoretikern wies er ihn auf die tiefsinnigen Ideen Hamanns, die auf einen Dichtergeist belebend und zündend zu wirken vermochten. Da Herder sich damals eifrig mit Shakespeare und Ossian beschäftigte, so waren diese vornehmlich der Gegenstand anziehender Gespräche. Was in Goethes Seele Großes schlummerte, ahnte Herder nicht; er nennt ihn in Briefen „etwas leicht und spatzenmäßig.“ Bei der ihm eigenen Schärfe traf er Goethes Liebhabereien oft mit bittern Glossen, so dass dieser, um nicht kränkenden Spott hervorzurufen, ihm seine Beschäftigung mit Götz und Faust und seine Studien in der Alchimie, „die damals noch seine geheime Freundin war“, sorgfältig verbarg. War auch diese Einwirkung nicht immer momentan erfreulich, sie blieb doch anziehend und „bedeutend“, und Herder konnte, als er mit nächstem Frühjahr Straßburg verließ, mit Recht von sich rühmen, ihm gute Eindrücke hinterlassen zu haben, die einmal wirksam werden könnten. Dieser wohltätige Einfluss setzte sich noch in dem Briefwechsel, der sich zwischen ihnen entspann, fort. Um jedoch aus der Berührung dieser im Geist lebhaft sich drängenden Elemente den Funken der Poesie hervorzulocken, bedurfte es noch eines wirksameren Mittels. Die Liebe schuf um den Dichterjüngling einen neuen Himmel und führte seine Seele in eine paradiesische Welt, wie sie ihm bis dahin noch nicht aufgegangen war. Wir bitten unsere Leser bei dieser Erzählung sich der lieblichen Darstellung zu erinnern, durch die Goethe seiner Geliebten zum Ersatz für getäuschte Lebenshoffnungen die dichterische Unsterblichkeit gegeben hat; wir wollen sie nur ordnen und aus andern Mitteilungen ergänzen, da sie nachzuerzählen eine Ilias nach dem Homer schreiben hieße10). In der ersten Hälfte des Oktober 1770 ward Goethe sauf einem der häufig in die Umgegend Straßburgs unternommenen Ausflüge von seinem Freund und Tischgenossen Weyland, der aus dem untern Elsass gebürtig war und gern bei Freunden und Verwandten einsprach, bei dem Pfarrer Johann Jakob Brion zu Sesenheim, einem nahe bei Drusenheim, sechs Stunden von Straßburg gelegenen Dorf, eingeführt. Die Gastfreiheit der Familie und die Liebenswürdigkeit der beiden Töchter waren ihm so eindringlich angekündigt, dass der Eintritt in das alte verfallene Pfarrhaus, welches einem schlechten Bauerhaus ähnlich sah, von angenehmer Erwartung begleitet war. Der Pfarrer, ein kleiner, in sich gekehrter Mann, empfing die Gäste aufs freundlichste. In zutraulichster Weise lenkte er das Gespräch amit dem fremden Ankömmling, welcher, stets ein Freund des Inkognito, seine aristokratische Herkunft durch Haltung und dürftige Kleidung unter der Maske eines armen Studenten verbarg, auf sein Lieblingsthema, den seit lange projektierten und beratenen Neubau des Pfarrhauses, der durch vielerlei Hindernisse und Säumnisse immer wieder ins Ungewisse hinausgeschoben worden war. Bald trat auch die Mutter ein, eine verständige, höchst achtungswerte Frau, deren ganze Erscheinung die Spuren früherer Schönheit und einer guten Erziehung trug, nach ihr auch die älteste Tochter, Maria Salome, ein Mädchen von hübschem Wuchs, lebhaft, fast stürmisch in Rede und Bewegung. Zuletzt erschien auch ihre jüngere Schwester, nach der man mehrmals gefragt und lange gesucht hatte, Friederike, das anmutigste Mädchenbild, das je vor das Auge des jungen Dichters getreten war. Sehen und lieben war ein Moment. „Ein kurzes, weißes, rundes Röckchen mit einer Falbel, nicht länger, als dass die nettesten Füßchen bis an die Knöchel sichtbar blieben, ein knappes weißes Mieder auf eine schwarze Taffetschürze – so stand sie auf der Grenze zwischen Bäuerin und Städterin. Schlank und leicht, als wenn sie nichts an sich zu tragen hätte, schritt sie, und beinahe schien für die gewaltigen blonden Zöpfe des niedlichen Köpfchens der Hals zu zart. Aus heiteren blauen Augen blickte sie sehr deutlich umher, und das artige Stumpfnäschen forschte so rei in die Luft, als wenn es in der Welt keine Sorge geben könnte; der Strohhut hing ihr am Arm, und so hatte ich das Vergnügen sie beim ersten Blick auf einmal in ihrer ganzen Anmut und Lieblichkeit zu sehn und zu erkennen.“ Sie war in ihrem sechzehnten Jahr. Mit den Angelegenheiten der Familie ward Goethe durch die Gespräche über ihre Freuden auf dem Land, über den Kreis von Verwandten und Freunden bald so vertraut, dass auch er sich zu ihnen rechnen durfte. Zugleich verklärte sich ihm diese ländliche Familienszene im Spiegel der Poesie. Wie er unter den frischen Eindrücken der Dresdner Bildergalerie sich an dem Haus seines gastfreundlichen Schusters als an einem niederländischen Gemälde entzückte, so entstand hier vor seiner Phantasie die Familie des Goldsmithschen Landpredigers von Wakefield, deren Freuden und Leiden er kurz zuvor in Gesellschaft Herders eine begeisterte Teilnahme gewidmet hatte. Die warnende Stimme, die er ebendaher hätte vernehmen können, hat er im Rausch des Liebesglücks überhört. Während Weyland mehr die ältere Schwester unterhielt, widmete sich Goethe Friederike. Ihr ganzes Herz lag offen vor ihm; er blickte in einen Himmel voll Unschuld und Güte. Wie hätte sich diesem gegenüber eine Maskierung lange behaupten lassen? Auch er wünschte, dem holden Wesen, das schnell seine ganze Seele einnahm, liebenswürdig zu erscheinen. Die Tage flogen unter „niedlichen und mutwilligen Lustbarkeiten“ dahin, von denen er uns die Überraschung in der Verkleidung des Bauerburschen aufs anmutigste erzählt hat. Bald wurden Spaziergänge ins nahe Wäldchen unternommen, die vom freundlichsten Wetter begünstigt wurden, bald saßen sie miteinander in der traulichen Jasminlaube vor dem Haus, und der junge Dichter konnte die Gabe der Märchenerzählung vor den aufmerksamsten Ohren geltend machen; hier erzählte er unter andern das Märchen von der neuen Leusine, das er in späteren Jahren niedergeschrieben hat. Ihm dem Glücklichen schlug keine Stunde, und hätte nicht Weyland, der als ein pünktlicher Kollegienbesucher zu rechter Zeit wieder in Straßburg einzutreffen wünschte, zur Rückreise gedrängt, so hätte sich dieser Ausflug noch um viele Tage verlängern mögen. Nicht ohne einiges Abenteuer, indem sie, um den Weg abzukürzen, sich zwischen Morästen verirrten, langten sie bei Nachtzeit in Straßburg wieder an, „und der erste Gedanke, den wir hatten, der auch schon auf dem Weg unsere Freude gewesen war, endigte sich in ein Projekt, Sie bald wieder zu sehen. – Sie wollten nicht glauben, dass mir der Stadtlärm auf Ihre süßen Landfreuden missfallen würde; gewiss, Straßburg ist mir noch nie so leer vorgekommen, als jetzo. Zwar hoffe ich, es soll besser werden, wenn die Zeit das Andenken unserer Lustbarkeiten ein weinig ausgelöscht haben wird, wenn ich nicht mehr so lebhaft fühlen werde, wie gut, wie angenehm meine Freundin ist. Doch sollte ich das vergessen können, oder wollen? Nein, ich will lieber das wenige Herzwehe behalten und oft an Sie schreiben.“ In solchen Ausdrücken des innigsten Gefühls sprach er blad nach der Trennung in dem ersten Brief an seine geliebte Freundin (15. Okt.) aus, was in seiner Seele vorging11). „Liebe neue Freundin!“, so beginnt er, „ich zweifle nicht, sie so zu nennen, den wenn ich mich anders nur ein klein wenig auf die Augen verstehe, so fand mein Auge im ersten Blick die Hoffnung zu dieser neuen Freundschaft in Ihrem, und für unsere Herzen wollt’ ich schwören; Sie, zärtlich und gut, wie ich Sie kenne, sollten Sie mir, da ich Sie so liebe, nicht wieder ein bisschen günstig sein? – Liebe, liebe Freundin! Ob ich Ihnen was zu sagen habe, ist wohl keine Frage; ob ich aber just weiß, warum ich eben jetzt schreiben will und was ich schreiben möchte, das ist ein anderes; soviel merk’ ich an einer gewissen innerlichen Unruhe, dass ich gerne bei Ihnen sein möchte –“. In dieser weichen Gemütsstimmung ward auch die Erinnerung an frühere, glückliche Tage in ihm wieder recht lebendig; er schrieb um dieselbe Zeit (14. Okt.) das uns aufbehaltene Briefkonzept an F. (wahrscheinlich Friederike Oeser, an die der Name der Geliebten und die ländliche Heiterkeit zugleich erinnern mochte), worin die sanfte Wärme einer neu keimenden Liebe aus jeder Zeile durchscheint. „Sie sollten wohl nicht raten,“ heißt es darin, „wie mir jetzt so unverhofft der Einfall kommt, Ihnen zu schreiben, und weil die Ursache sogar artig ist, muss ich’s Ihnen sagen. Ich habe einige Tage auf dem Land bei gar angenehmen Leuten zugebracht. Die Gesellschaft der leibenswürdigen Töchter vom Haus, die schöne Gegend und der freundlichste Himmel weckten in meinem Herzen jede schlafende Empfindung, jede Erinnerung an alles, was ich liebe, dass ich kaum angelangt bin, als ich schon hier sitze und an sie schreibe. Und daraus können Sie sehen, in wiefern man seine Freunde vergessen kann, wenn’s einem wohl geht. Es ist nur das schwärmende, zu bedauernde Glück, das uns unsrer selbst vergessen macht, das auch das Andenken an Geliebte verdunkelt; aber wenn man sich ganz fühlt und still ist und die reinen Freuden der Liebe und Freundschaft genießt, dann ist durch eine besondere Sympathie jede unterbrochene Freundschaft, jede halbverschiedene Zärtlichkeit wieder auf einmal lebendig.“ Fiel nun in die nächsten Wochen der lebhafteste Verkehr mit Herder, der ihn die Poesie am Busen der Natur, in der Einfalt patriarchalischer Sitte, selbst unter dem ländlichen Strohdach finden lehrte, wie musste sich das Herz des jungen Dichters gehoben fühlen, welcher ind er mit allen Reizen der Natur und Unschuld geschmückten Geliebten die Muse der reinsten Naturpoesie vor sich erblickte? Es ist daher wohl nicht gewagt, wenn wir auf die nächsten Tage nach dem ersten Besuch die Worte beziehen, womit die Schilderung unseres Dichters von der Nachwirkung des zweiten Ausflugs spricht: „In der Stadt angelangt, beschäftigte ich mich in den frühesten Stunden – denn an langen Schlaf war nicht mehr zu denken – [und die Stunden des Tages waren meist Herder gewidmet] mit dem Riss [zum Neubau des Pfarrhauses], den ich so sauber als möglich zeichnete. Indessen hatte ich ihr Bücher geschickt und ein kurzes freundliches Wort dazugeschrieben [wahrscheinlich nach jenem ersten Brief]. Ich erhielt sogleich Antwort und erfreute mich ihrer leichten, hübschen, herzlichen Hand. Ebenso war Inhalt und Stil natürlich, gut, liebevoll, von innen heraus, und so wurde der angenehme Eindruck, den sie auf mich gemacht, immer erhalten und erneuert. Ich wiederholte mir die Vorzüge ihres holden Wesens nur gar zu gern und nährte die Hoffnung, sie bald wieder zu sehen.“ Es bedurfte nicht erst eine Aufforderung des Professors Ehrmann: Um die Studien mit umso größerer Geistesfreiheit betreiben zu können, dem Körper Bewegung zu geben.
Die Nacht war windig und schaurig (es war um den Beginn des Novembers). Der vor Liebe glühende Jüngling sprengte in raschem Ritt zu, um nicht bis morgen früh auf den Anblick der Geliebten warten zu müssen:
(Gedicht: Willkommen und Abschied, nach den ältesten Lesarten.) Wie oft sich im Lauf des Winters diese mutigen Ritte und flüchtigen Besuche wiederholt haben, hat uns der Dichter nicht berichtet, weil eben nichts neues zu schildern war; sicherlich waren deren mehr, als man gewöhnlich annimmt. Auf die Winterbesuche deutete ein aus Friederikes Nachlass bekannt gewordenes Gedichtchen hin:
Nie hat wohl Goethe seligere, reinere Tage verlebt. Die Erinnerung an Vergangenes warf über das Glück dieser Liebe noch nicht den schatten des Vorwurfs, und sie trug noch das Gefühl der Ewigkeit in sich. In einem noch vorhandenen Brief an Horn (vom Dezember) „scheint sich der glückliche Jüngling in dem Taumel der süßesten Empfindungen zu wiegen und seine Tage halb träumerisch hinzuschlendern.“12). Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir in diese glücklichen Monate vieles von dem verlegen, was des Dichters Schilderung erst später erwähnt. „Ein lebhafter Briefwechsel war eingeleitet; die Lust zu dichten, die ich lange nicht gefühlt hatte, trat wieder hervor; ich legte für Friederike manche Lieder bekannten Melodien unter.“ Außerdem wanderten mit Briefen und Geschenken manche poetische Herzensergüsse nach Sesenheim hinüber. „Entfernt von mir arbeitete sie für ich und achte auf irgendeine neue Unterhaltung, wenn ich zurückkäme; entfernt von ihr beschäftigte ich mich für sie, um durch eine neue Gabe, einen neuen Einfall ihr wieder neu zu sein. Bemalte Bänder waren damals erst Mode geworden; ich malte ihr gleich ein Paar Stücke und sendete sie mit einem kleinen Gedicht voraus, da ich diesmal länger, als ich gedacht, ausbleiben musste.“ Diesem in lieblicher Melodie dahinschwebenden Liedchen („Kleine Blumen, kleine Blätter“) möchten wir das „An die Erwählte“, voll warmer Liebes- und Lebenshoffnung, beigesellen.
war ohne Zweifel schon damals keine poetische Fiktion mehr; es wird vielmehr die in „Dichtung und Wahrheit“ viel besprochene Resignation auf diese liebevolle Annäherung zu den Dichtungen gehören, womit Goethe sein Liebesverhältnis reizend umhüllt hat. Wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, sieht leicht, dass bei dem nächsten Frühlingsbesuch der Bund der Liebenden mit Hand und Lippe längst geschlossen war, und sie im Kreis der Verwandten und Freunde offenlicht als Verlobte galten. Nicht erst durch Lili sollte Goethe zum ersten Mal erfahren, „wie einem Bräutigam zumute sei.“ Kurz vor dem verhängnisvollen Oktober des Jahres 1770, der ihn Herder und Friederike zuführte, hatte Goethe die Ausarbeitung seiner Doktordissertation begonnen13), und es war wohl des Vaters Wunsch, ihn mit dem nächsten Frühling in die Vaterstadt als Doktor der Rechte heimkehren zu sehen. Als aber die Herbststürme zwischen die juristischen Sammlungen fuhren, und statt derselben Blätter zum Götz, Faust, selbst einem Julius Cäsar sich sammelten, als im Verkehr mit Herder die tote Buchgelehrsamkeit verdunstete, und das Auge von der Sonne Shakespeares, das Herz von Liebe trunken war, folgte er mit Freuden dem Rat der Freunde, statt über eine Dissertation, über These zu disputieren, was in Straßburg nichts Ungewöhnliches sei. Allein der Vater, dem er darüber schrieb, verlangte ein ordentliches Werk. Er war deshalb genötigt, sich auf etwas allgemeines zu werfen, und etwas zu wählen, was ihm geläufig war. Er bearbeitete daher ein kirchengeschichtliches Thema: „Dass der Gesetzgeber nicht allein berechtigt, sondern verpflichtet sei, einen gewissen Kultus festzusetzen, von welchem sich weder die Geistlichkeit noch die Laien lossagen dürften,“ was er mit philosophischen und historischen Gründen zu erweisen suchte. Aus den „Ephemeriden“ geht hervor, dass er zu diesem Behelf mehrere Kirchenrechtliche und kirchengeschichtliche Werke durchstudierte. In den ersten Monaten des Jahres 1771 scheint diese Arbeit vornehmlich seine Zeit in Anspruch genommen zu haben. In diese Zeit fiel auch der Tod des Großvaters (6. Februar); so wenig dieser unerwartet eintrat, berührte er ihn doch sehr schmerzlich. Um Ostern verließ Herder Straßburg. Der Frühling lud nach Sesenheim. Friederike hatte ihren Geliebten gebeten, sich auf längere Zeit einzurichten. In dem Pfarrhaus war ein Fest, zu welchem mehrere Freunde und Verwandte aus der Umgebung geladen waren. Er erschien jetzt als der erklärte Verlobte Friederikes; „man wusste nicht anders, als dass ich diesem Kreis angehöre.“ Er erheiterte die Gesellschaft durch Schwank und Humor. Friederike zeigte sich überall in gleicher Anmut als der belebende Geist und erschien ihm lieblicher als je. Er fühlte sich „grenzenlos glücklich“ an ihrer Seite. Pfänderspiele steigerten die ausgelassene Lustigkeit der Gesellschaft, und ihm ward Gelegenheit zu manchem Kuss der Geliebten. Abends ward getanzt, und das zärtliche Paar gab sich der Lust so leidenschaftlich hin, dass man ihnen zureden musste, „nicht weiter fortzurasen.“ Sie entschädigten sich durch einen einsamen Spaziergang Hand in Hand, und „durch die herzlichste Umarmung und die treulichste Versicherung, dass sie sich von Grund aus liebten.“ In dem Wäldchen, das so oft das Ziel ihrer Spaziergänge war, („Nachtigallwäldel“ von den Bauern genannt), wurde eines Tages eine Tafel mit den Namen vieler Freunde an einer der stärksten Buchen aufgehängt; zu unterst schrieb Goethe den seinigen mit den Versen:
Dort ward auch in der Rinde eines Baumes sein Name mit dem ihrigen verschlungen. Es beruht auf einer Verwechselung oder ist absichtliche Dichtung, wenn Goethe einer Tafel mit der Inschrift „Friederikes Ruhe“ Erwähnt. In den nächsten Wochen wurden Ausflüge zu den Freunden gemacht, die bei dem Sesenheimer Fest vereinigt gewesen waren, diesseits und jenseits des Rheins, nach Hagenau, Fort-Louis, Philippsburg, der Ortenau dun den Rheininseln, und der heiterste Maienhimmel breitete sich über diese glücklichen Tage aus. Auch die Poesie streute ihre Maienblüten, und das Sesenheimer Liederbuch ward mit mancher, tief empfundener Gelegenheitsliebe ausgestattet. Für die Geliebte schrieb er auch mit höchst zierlicher Handschrift die Übersetzung der Ossianschen Gesänge von Selma14), wovon ein Teil in veränderter Form später in Werthers Leiden eingeschaltet ward. Auch der Homer war sein getreuer Begleiter15). Wie mochte er sich so ganz in die patriarchalische Idylle hinein leben, wenn er manchen Tag sich abmühte, des Pfarrers alte Kutsche mit Blumen zu bemalen oder bei dem lahmen Philipp in Sesenheim Körbe flechten lernte. Allein indem das Glück der Liebe seinen Höhepunkt zu erreichen schien, verlor sie schon die beseligende Zauberkraft, das Gefühl der Unendlichkeit. Sobald Goethe fühlte, dass er „sich über die Zukunft verblendet habe,“ dass er „nach Schatten greife“, trat er in einen peinlichen Mittelzustand, den uns ein Brief an Salzmann deutlich genug malt: „Nun wär’ es wohl bald Zeit, dass ich käme; ich will auch und will auch; aber was will das Wollen gegen die Gesichter um mich herum? Der Zustand meines Herzens ist sonderbar … Die angenehmste Gegend, Leute, die mich lieben, ein Zirkel von Freuden! Sind nicht die Träume meiner Kindheit alle erfüllt?“, fragte ich mich manchmal, „wenn ich mein Aug’ in diesem Horizont von Glückseligkeiten herumweidet. Sind das nicht die Feengärten, nach denen du dich sehntest?“ – „Sie sind’s, sie sind’s! Ich fühl’ es, lieber Freund, dass man um kein Haar glücklicher ist, wenn man erlangt, was man wünschte. Die Zugabe! Die Zugabe! Die uns das Schicksal zu jeder Glückseligkeit drein wiegt! Lieber Freund! Es gehört viel Mut dazu, in der Welt nicht missmutig zu werden.“ Diese Zugabe war die Erkenntnis, dass diese Liebe nicht imstande sei, der Lebensinhalt für seinen hochstrebenden Genius zu sein; der Moment war eingetreten, den er später mit unverkennbarer Beziehung auf sich schildert16), wo der junge zum Höchsten strebende Dichter sich losreißt, weil er, „aus einem dichtenden Traum erwachend, findet, dass seine Göttin nur schön, nur witzig, nur munter sei“; diese Zugabe war das reuige Gefühl, dass er in seinem Liebesverhältnis bis auf einen Punkt geraten war, wo der Rückweg zur Freiheit, nach der er sich zu sehnen begann – („wie traurig wird die Liebe, wenn man so geniert ist“) – nicht ohne einen Treubruch geschehen konnte. Was er in seiner poetischen Schilderung so zart als die Reue, ihre Lippen durch den Kuss entweiht zu haben, einkleidet, das war das unausweichliche Selbstgeständnis, ihren frieden untergraben zu haben, so dass ihm „ihre Liebe recht unselig vorkam, und er über alle Berge zu sein wünschte“. Langeweile und üble Laune, die durch körperliches Übelbefinden noch vermehrt ward, mochten schon verdrießliche Stunden herbeiführen, wie sie Käthchen Tränen gekostet hatten. In diesen Gemütszustand lässt uns ein bald nach Pfingsten an Salzmann geschriebener Brief einen Blick werfen. „Es geht so ziemlich gut; der Husten hat sich durch Kur und Bewegung so ziemlich gelöst, und ich hoffe, er soll bald ziehen. Um mich herum ist’s aber nicht sehr hell; die Kleine fährt fort traurig krank zu sein, und das gibt dem Ganzen ein schiefes Ansehen; nicht gerechnet ‚conscia mens’, und leider nicht ‚recti’, der mit mir herumgeht.“ Er bittet dann Salzmann, ihm zwei Pfund Zuckersachen zu schicken, und hofft dadurch zu süßeren Mäulern Anlass zu geben, als man seit einiger Zeit zu sehen gewohnt sei. Weiter erzählt er, er habe Pfingstmontags (20. Mai) mit der Ältesten von 2 Uhr bis Mitternacht getanzt; „ich vergaß des Fiebers, und seit der Zeit ist’s auch besser … Und doch, wenn ich sagen könnte, ich bin glücklich, so wäre das besser, als das alles … der Kopf steht mir, wie eine Wetterfahne, wenn ein Gewitter heraufzieht, und die Windstöße veränderlich sind.“ Und dennoch konnte er, wozu Salzmann längst gedrängt hatte, noch nicht zu dem Entschluss kommen, sich aus diesem Traumleben herauszureißen und nach Straßburg zurückzukehren; erst gegen den Beginn des Juni verließ er Sesenheim. Bei diesem Abschied dichtete er wahrscheinlich das schöne Lied: „Lass mein Aug’ den Abschied sagen“. Da er, am Körper, mehr noch an der Seele krank, nach Straßburg zurückkehrte, so war in den nächsten Wochen für seine Studien nicht viel Gewinn zu hoffen. Seine Freunde, die bei einem erneuten Aufenthalt in Sesenheim nur eine Verschlimmerung des Übels befürchten mussten, drängten ohne Zweifel selbst zu einer Vergnügungsreise in die Vogesen, auf der die Elsasser Freunde Weyland und Engelbach seine Begleiter wurden. Von dieser Reise, die am 22. Juni angetreten ward, hat uns Goethe eine detaillierte Skizze hinterlassen, in der wir deutlich die Aufzeichnungen seines Tagebuchs wieder erkennen. Der Weg ging durch das nördliche Elsass nach dem Saartal. Vom Baschberg herab genoss er die entzückende Aussicht ins Elsass. Dann gelangten die Reisenden über Saargemünd nach Saarbrück, wo sie vom Präsidenten von Günderode drei Tage aufs freundlichste bewirtet wurden. Goethe benutzte diese Zeit, um sich durch Exkursionen in die gewerbtätige Umgegend mit dem Berg- und Hüttenwesen bekannt zu machen, wofür ein lebhaftes Interesse in ihm geweckt ward. Man erkennt in seinen Schilderungen, wie heilsam die Reize der Natur auf sein leidenschaftlich aufgeregtes Gemüt wirkten, wie seinem offenen Sinn die Welt wieder klar entgegen kam, und sein Geist sich durch die Teilnahme am praktischen Leben wieder stärkte. Ein zu Saarbrück am 25. Juni niedergeschriebenes Briefkonzept an F. (Friederike Oeser?) spricht das, was in seinem Herzen vorging, gleich dem Selbstgespräch eines Tagebuchblattes aus: „Wenn das alles aufgeschrieben wäre, was ich an Sie gedacht, da ich diesen schönen Weg hierher machte, und alle herrlichen Abwechselungen eines herrlichen Sommertages in der süßesten Ruhe genoss: Sie würden mancherlei zu lesen haben und manchmal empfinden und oft lachen. Heute regnet’s und in meiner Einsamkeit finde ich nichts Reizenderes, als an Sie zu denken, an Sie, das heißt zugleich an alle, die Sie lieben, die mich lieben, und auch sogar an Käthchen, von der ich doch weiß, dass sie gegen meine Briefe sein wird, was sie gegen mich war, und dass sie – Genug, wer sie auch nur als Silhouette gesehen hat, der kennt sie. – Gestern waren wir den ganzen Tag geritten, die Nacht kam herbei, und wir kamen eben aufs lothringische Gebirge, da die Saar im lieblichen Tal untern vorbei fließt. Wie ich so rechter Hand über die grüne Tiefe hinaussah, und der Fluss in der Dämmerung so graulich und still floss, und linker Hand die schwere Finsternis des Buchenwaldes vom Berg über mich herabhing, wie um die dunklen Felsen durchs Gebüsch die leuchtenden Vögelchen still und geheimnisvoll zogen, da wurd’s in meinem Herzen so still, wie in der Gegend und die ganze Beschwerlichkeit des Tages war vergessen, wie ein Traum; man braucht Anstrengung, um ihn im Gedächtnis aufzusuchen. – Welch’ Glück ist’s, ein leichtes, ein freies Herz zu haben! Mut treibt uns an zu Beschwerlichkeit, zu Gefahren; aber große Freuden werden nur mit großer Mühe erworben. Und das ist vielleicht das Meiste, was ich gegen die Liebe habe. Man sagt, sie mache mutig; nimmermehr! Sobald unser Herz weich ist, ist es schwach. Wenn es so ganz warm an seien Brust schlägt, und die Kehle wie zugeschnürt ist, und man Tränen aus den Augen zu drücken sucht, und in einer unbegreiflichen Wonne dasitzt, wenn sie fließen: O, da sind wir so schwach, dass uns Blumenketten fesseln, nicht weil sie durch irgendeine Zauberkraft stark sind, sondern weil wir zittern, sie zu zerreißen.“ Von Saarbrück aus zogen sie durch waldige Gebirge, bis sie in tiefer Nacht in Neukirch anlangten. Goethe konnte „ungeachtet aller Mannigfaltigkeit und Unruhe des Tages“ noch keine Rast finden; er suchte das höher gelegene Jagdschloss auf, vor dessen Glastüren er lange Zeit in tiefem Nachdenken in einer nie gefühlten Einsamkeit saß, bis ihn aus der Ferne der Ton von einigen Waldhörnern aufweckte, „der auf einmal wie ein Balsamduft die ruhige Atmosphäre belebte.“ Da ging in seinem herzen das Bild Friederikes auf, das während des bunten Wechsels der Reisetage in den Hintergrund getreten war, und riss ihn mit unwiderstehlicher Gewalt mit sich fort. Er brach des nächsten Tages mit dem Frühesten von der Herberge auf und nahm den Rückweg mit größerer Eile über Zweibrücken, Bitsch, Niederbrunn nach Hagenau. Hier trennte er sich von seinem Freund Weyland und eitle auf Richtwegen dem geliebten Sesenheim zu. Auf diesem Weg in der Gegend von Niederbrunn überraschten ihn ehrwürdige Trümmer des Altertums, die ihm „in Resten von Basreliefs und Inschriften, Säulenknäufen und Schäften aus Bauerhöfen zwischen wirtschaftlichen Wust und Gerät gar wundersam entgegen leuchteten; an der nahen Wasenburg, den Ruinen eines auf römische Reste gebauten Schlosses,“ gewahrte er eine gut erhaltene Inschrift, worin dem Merkur ein dankbares Gelübde abgestattet wird. Hierauf gründet sich das Gedicht „der Wanderer“, das nach Goethes eigener Angabe17) schon im Jahr 1771 geschrieben ist. Nach kurzem Aufenthalt in der Nähe Friederikes, über den wir nichts Näheres erfahren, kehrte er nach Straßburg zurück, wo ihn zunächst die Vorbereitungen zu der nicht länger zu verschiebenden Promotion festhielten. Goethe hatte mitten unter den Zerstreuungen dieses Sommers seine kirchenrechtliche Dissertation, so gut es gehen wollte, zum Abschluss gebracht. Da er das Latein geläufig schrieb, so schien ihm die Darstellung gelungen zu sein, und mit Hilfe eines guten Lateiners ward noch in Kleinigkeiten nachgebessert. Eine reinliche Abschrift wurde dem Vater zugeschickt, der zwar nicht billigte, dass keiner von den früher vorgenommenen Gegenständen ausgeführt worden sei, sich aber doch von der Bekanntmachung dieser Abhandlung die beste Wirkung versprach. Der junge Autor trug kein Verlangen danach und war sehr erfreut, als der Dekan der juristischen Fakultät, dem er sie überreicht hatte, sie als akademische Dissertation nicht annehmbar fand, sei es nun, dass der paradoxe Inhalt Anstoß gab, oder die Behandlung der juristischen Erudition nicht Genüge leistete. Um die Sache nicht aufzuhalten, gestattete man ihm, über Thesis zu disputieren. Unter dem Beistand des Repetenten wurden diese ausgesucht und gedruckt. Am 6. August ging die Disputation lustig und leichtfertig vorüber; Lerse war der Opponent. Ein herkömmlicher Schmaus beschloss die Doktor-Promotion18). Da um diese Zeit Goethes Besuche in Sesenheim mehrere Wochen ausblieben, so entschloss sich die Mutter mit ihren Töchtern zu einem Besuch in der Stadt, wozu sie schon wiederholt von Verwandten eingeladen worden waren. Auch Goethe war seit lange mit diesen Familien vertraut und bei ihnen öfters zu Besuch; wie nahe lag es also, den Verlobten – denn als solche mussten sie ihnen gelten – eine erwünschte Gelegenheit zu verschaffen, sich häufig zu sehen, zumal da die Trennung nahe bevorstand. Man sieht es Goethes etwas verworrener Erzählung an, dass ihm dieser Besuch eher lästig, als erfreulich war. Seiner Liebe ging der Reiz, der ihn an Friederike gefesselt hatte, der Zauber ländlicher Idylle verloren. Wie anmutig war sie ihm erschienen, wenn sie, leicht wie das Reh, über Rain und Matten im zierlichsten Lauf dahinflog, wenn sie in ihrer ländlichen Tracht zwischen den Blumen der Wiesen, unter dem Grün des Waldes der Nymphe des Haines zu vergleichen war! Aber mit der städtischen Umgebung trat dies alles in Widerspruch. Die Mädchen kamen sich selbst neben den städtischen, französisch gekleideten Nichten recht „mägdehaft“ vor, besonders die älteste, welche den Abstand lebhafter fühlte, während Friederike sich auch hier „frei wie der Vogel auf den Zweigen“ bewegte und überall die Welt schön fand, wo „er nur bei ihr wäre.“ Unter den Abendunterhaltungen war auch eine Vorlesung des Hamlet, durch die Goethe großen Beifall erntete; „sie versagte sich den kleinen Stolz nicht, in mir und durch mich geglänzt zu haben“. Aber die Hilfsquellen der geselligen Unterhaltung versiegten in der Stadt bald; das Landmädchen ins Freie zu begleiten, sich öffentlich mit ihr zu zeigen, scheute sich der Liebhaber, und wir glauben gern seiner Versicherung, dass ihm ein Stein vom Herzen fiel, als er sie abfahren sah. Auch Friederike schied wohl mit der Ahnung, dass diese Leibe nur ein Traum gewesen sei19). Um von diesen beängstigenden Gefühlen sich loszumachen, gab er sich „Zerstreuungen und Heiterkeit bis zur Trunkenheit“ hin. Die Stimme des Herzens, die bisher in weichen Liedern erklungen war, betäubte er jetzt durch ausgelassenen Humor. Er verkehrte vornehmlich mit den jungen Shakespeare-Omanen, „deren ganze Glückseligkeit die Absurditäten der Clowns waren“, die durch Originalspäße den großen Meister zu feiern suchten. „Über solche Dinge ward sehr ernsthaft gestritten, ob sie des Clowns würdig oder nicht, und ob sie aus der wahrhaften reinen Narrenquelle geflossen, oder ob etwa Sinn und Verstand sich auf eine ungehörige und unzulässige Weise mit eingemischt hätten.“ Es gesellte sich in dieser letzten Zeit von Goethes Aufenthalt in Straßburg der Liefländer Johann Reinhold Lenz hinzu, welcher nach beendigten Universitätsstudien zwei junge Edelleute von Kleist, die in französische Dienste zu kommen hofften, nach Straßburg begleitete. Er kam dort, da die Zahlung blad aufhörte, in große Not und musste sich mit Stundengeben erhalten. Seine Sanftheit und zierliche Gestalt hatte etwas Gewinnendes. In barocken Einfällen und Narrenspäßen entwickelte er einen genialen Humor, der die lustige Gesellschaft zur Bewunderung hinriss. Da er übrigens ohne sittlichen Halt und künstlerisches Maß war, so gingen aus dieser Naturgenialität nur einige krankhafte Produktionen hervor, in denen treffender Humor mit dem Albernsten launenhaft zusammengewürfelt ist. Diese übermütig, lustigen Freunde wählte er zu Begleitern auf seinen letzten Ausflügen ins obere Elsass; kein Wunder, dass er von diesen „keine sonderliche Belehrung heimbrachte.“ In dieser Gesellschaft konnte sinnige Betrachtung der Natur und altertümlicher Trümmer, für die Goethe sonst ein leidenschaftliches Interesse hatte, welches durch die Belehrung der Professoren Oberlin und Koch nachdrücklich genährt und wissenschaftlich gefördert worden war, nicht aufkommen. Dieses ward von der unaufhaltsam sprudelnden Narrenquelle weggeschwemmt. Verse im Clown-Geschmack entquollen bei jeder Gelegenheit; der in der Kirche zu Ensisheim aufgehängte ungeheure Aerolith gab zum Spott über die Leichtgläubigkeit der Menschen Anlass; in der fruchtbaren Gegend zwischen Colmar an Ceres gesungen, indem der Verbrauch so vieler Früchte umständlich auseinandergesetzt und angepriesen ward. Tiefer bleib eine mit einer andächtigen Schar begangene Wallfahrt auf den Ottilienberg seiner Erinnerung eingeprägt. Hier genießt man eine entzückende Aussicht in das Elsass, und der Blick fliegt über Hunderte von Dörfern und Städten hinweg; am Horizont zeigen sich in blauer Ferne die Alpen der Schweiz. Rings um den Berg liegen Trümmer römischer Bauwerke zerstreut, und über diese ehrwürdigen Reste der Vergangenheit verbreitet die Sage von der schönen Ottilie, welche hier durch einen Schlag an den Felsen einen Brunnen hervorquellen ließ, noch den Schimmer der Romantik. Das anmutige Bild, das die Sage in dem jungen Dichter hervorrief, trug er mit sich und kleidete in den Namen der Heiligen ein mit Liebe ausgeführtes, weibliches Charakterbild. Nach Sesenheim kam er in den letzten Wochen selten hinaus; der Briefwechsel ward „lebhaft“ fortgeführt. „Sie blieb sich immer gleich; sie schien nicht zu denken noch denken zu wollen, dass dieses Verhältnis sich so bald endigen könne.“ Ihn ängstigte die Gegenwart Friederickes; aber abwesend sich mit ihr zu unterhalten, war für sein Gemüt eine Beruhigung, für seine dichterische Phantasie eine reizende Beschäftigung. Den Abschiedsbesuch konnte er sich nicht versagen. Wer fühlt nicht die ergreifende Wahrheit in den wenigen Worten: „Als ich ihr die Hand noch vom Pferd reichte, standen ihr die Tränen in den Augen, und mir war sehr übel zumute!“ Es ward noch nicht ausgesprochen, dass es eine Trennung für immer sei. Im September verließ Goethe sein geliebtes Straßburg. Seinem Freund Lenz schenkte er zum Andenken ein Exemplar von Shakespeares Othello, in welches er die Worte schrieb: „Seinem und Shakespeares würdigem Freund Lenz“, wozu dieser hinzufügte: „Ewig bleibt mein Herz dein, mein lieber Goethe“. Die Reise ging über Mannheim, wo ihm die Betrachtung der Antikensammlung schöne Eindrücke und reiche Belehrung hinterließ. Hier sah er die Laokoongruppe, die durch Lessings Abhandlungen sein Nachdenken schon vielfach beschäftigt hatte, und er fasste die Grundidee zu dem später in den Prophyläen ausgeführten Erklärungsversuch. In Mainz gefiel ihm ein Harfe spielender Knabe so wohl, dass er ihn, weil die Messe gerade bevorstand, nach Frankfurt einlud und für ihn zu sorgen versprach, woraus ihm nachmals eine Belästigung erwuchs; dieser Zug ist für Goethes Wesen charakteristisch und kehrt in ähnlicher Weise mehrmals wieder. Mignon (im „Wilhelm Meister“) war des Dichters Liebling. Und Friederike? Ein Brief Goethes von Frankfurt aus ließ ihr keinen Zweifel mehr, dass er auf immer für sie verloren sei. „Ihre Antwort zerriss mir das Herz; ich fühlte nun erst den Verlust, den sie erlitt, und sah keine Möglichkeit, ihn zu ersetzen, ja, nur ihn zu lindern … ich hatte das schönste Herz in seinem Tiefsten verwundet, und so war die Epoche einer düsteren Reue bei dem Mangel einer gewohnten erquicklichen Liebe höchst peinlich, ja, unerträglich.“ In diesen Herbsttagen scheint das Lied „Ein grauer trüber Morgen“ gedichtet zu sein, das er wahrscheinlich als ein tröstendes Zeichen leibenden Andenkens nach Sesenheim übersandte, so dass es sich im Sesenheimer Liederbuch findet; sandte er ihr doch auch durch Salzmann ein Exemplar des Götz von Berlichingen zu. Der letzte Vers deutet auf das Entbehren einer „erquicklichen Liebe“ hin:
Nicht kalt und herzlos hat sich Goethe von Friederike losgerissen. Er hat geliebt, wie sie, und gelitten, wie sie, und umso schwerer, weil er sich schuldig fühlte. Diese sittliche Schuld wollen wir nicht verhüllen, hat er sich doch selbst streng genug angeklagt. Sie bestand mehr in der jugendlichen Unbesonnenheit, womit er dies Liebesband knüpfte, als in dem Entschluss, demselben weiter keine Folge für das Leben zu geben. Nach dem allzeit fertigen gewöhnlichen Maßstab wäre durch eine eheliche Verbindung alles gutgemacht. Allein gesetzt auch, er hätte die Macht der Verhältnisse überwunden und die Einwilligung seiner Familie erlangt, was man doch wohl nicht geradezu unmöglich nennen darf, wäre er nicht der höheren Bestimmung, zu der ihn sein Genius berief, untreu geworden? Hätte diese Ehe nicht die Flügel seines Geistes früh gelähmt? Das hat auch Friederike erkannt; sie sprach von Goethe stets nur mit Verehrung und äußerte sich bei bitteren Anspielungen auf ihn mit weiblicher Bescheidenheit, er sei zu groß, seine Laufbahn zu hoch gewesen, als dass er sie hätte heimführen können. Und war denn für sie diese Liebe nur ein Quell des Leidens? Nicht auch, als der erste Schmerz der Trennung, der sie aufs Krankenlager warf, überstanden war, eine Fülle reiner und seliger Erinnerung, der Inhalt eines höheren Lebens, wie sie es nur durch seine Liebe kennen lernte? Ihr heiterer Sinn blieb ihr bis ans Ende. Ehrenvolle Heiratsanträge wies sie ab; „wer von Goethe geliebt worden ist“, sagte sie, „kann keinem anderen Mann angehören.“ Acht Jahre nach jenem schmerzlichen Scheiden besuchte Goethe sie wieder, als er die Herbstreise nach der Schweiz antrat, für beide ein versöhnendes Wiedersehen. Er fand sie „wenig verändert, noch so gut, liebevoll, zutraulich wie sonst.“ Sie erzählte ihm von Lenz. Dieser hatte sich nach Goethes Abreise in ihrem Haus eingeführt und ihn aus ihrem Herzen zu verdrängen gesucht; er trieb die verliebten Tollheiten bis zu Demonstrationen des Selbstmordes, ward aber abgewiesen und zuletzt als ein Halbtoller nach der Stadt geschafft20). „Nachsagen muss ich ihr“ – schreibt Goethe nach jenem Besuch an eine Freundin – „dass sie auch nicht durch die leiseste Berührung irgendein altes Gefühl in meiner Seele zu wecken unternahm. Sie führte mich in jede Laube, und da musst ich siezten, und so war’s gut. Wir hatten den schönsten Vollmond; ich erkundigte mich nach allem. Ein Nachbar, der sonst hatte künsteln helfen, wurde herbeigerufen und bezeugt, dass er noch vor acht Tagen nach mir gefragt hatte; der Barbier musste auch kommen; ich fand alte Lieder, die ich gestiftet hatte, eine Kutsche, die ich gemalt hatte; wir erinnerten uns an manche Streiche jener guten Zeit, und ich fand mein Andenken so lebhaft unter ihnen, als ob ich kaum ein halb Jahr weg wäre. Die Alten waren treuherzig; man fand, ich war jünger geworden. Ich blieb die Nacht und schied den anderen Morgen bei Sonnenaufgang, von freundlichen Gesichtern verabschiedet, dass ich nun auch wieder mit Zufriedenheit an das Eckchen der Welt hindenken, und in Frieden mit den Geistern dieser ausgesöhnten in mir leben kann.“ Nach dem Tod ihrer Eltern hatte Friederike ihre Heimat verlassen und lebte in Paris bei einer Freundin, die sich an den dänischen gesandten Rosenstiel verheiratet hatte, und war in den höheren Gesellschaften in Versailles und Paris eine angenehme Erscheinung. Während Robespierres Blutherrschaft kehrte sie zu ihrem Schwager Pfarrer Marx in Diesburg, später in Meißenheim (im Großherzogtum Baden) zurück und widmete sich nach dem Tod ihrer älteren Schwester der Erziehung der, von dieser hinterlassenen, einzigen Tochter; sie erlebte es noch, dass sich ihr Pflegling verheiratete. Einige Wochen darauf starb sie (im Nov. 1813) „abgelebt ohne zu altern“, „bis zu ihrem Ende allgemein geliebt und als eine bereite Helferin und Wohltäterin verehrt“. Sie ruht auf dem Kirchhof zu Meißenheim21). Dass in Goethes Herzen diese Jugendliebe bis ans Ende lebendig blieb, fühlen wir der liebewarmen Schilderung an, die er uns in „Dichtung und Wahrheit“ hinterlassen hat. Auch in der Schlussszene des zweiten Teils des Faust schienen diese Erinnerungen durchzuklingen. „Der früh Geliebte, nicht mehr Getrübte, er kommt zurück.“ Besonders ist er [der Arzt] drauf bedacht, 2) Vgl. Lappenberg, Reliquien d. Fräul. v. Klettenberg, S. 266 ff. 3) Abgedruckt in Goethes Briefen an Leipz. Freunde von Otto Jahn und in den Bl. Für literar. Unterhaltung 1850. (Jan.) nach dem ältesten Abdruck von 1769. Dies wird die letzte Trän’ nicht sein, O! Lass doch immer hier und dort Könnt’ ich doch ausgefüllt einmal (In Ewalds Urania von 1793, 1. Heft; vgl. Düntzer in den Blättern für lit. Unterh. 1847. No. 2.) 5) Es ist wohl nicht zu bezweifeln, dass die in Freimund Pfeiffers „Goethes Friederike“ (1841), S. 13, abgedruckten französischen Verse (auch in Boas Nachträgen I, S. 11, Viehoffs Leben Goethes I, 311, Schölls Briefen und Aufsätzen von Goethe etc. S. 67), gleich wie andere in diesem Buch befindliche angebliche Anekdota, unecht sind. 6) „Mit dem Spielen ist es so eine Sache. Wenn Sie es für eine Sünde halten, so spielen Sie nicht. Warum wollen Sie töricht sein und Ihr Gewissen anderen Leuten zu Gefallen beschweren? Aber ich wünsche nicht, dass Sie eine Religionssache daraus machten und sagten: Ich tu’ es nicht, weil ich es für Sünde halte. Und noch weniger wünchte ich, dass Sie jemanden, der gern spielt, abhalten und den Leuten beweisen wollten, es sei Sünde.“ Konzept eines Briefes ohne Datum. 7) „Ich bin heute mit der christlichen Gemeinde hingegangen, mich an des Herrn Leiden und Tod zu erinnern, und Sie können raten, warum ich mich diesen Nachmittag unterhalten und einen so saumseligen Brief endlich im Ernst treiben will.“ Brief an Fr. v. Klettenberg, 26. Aug. 1770. 8) S. Heinrich Stillings Wanderschaft, eine wahrhafte Geschichte, 1778, S. 158 f. 9) „Ephemeriden. Was man treibt, heut dies und morgen das. 1770“, abgedruckt in: A. Schöll, Briefe und Aufsätze von Goethe etc. S. 63-140. 10) Vgl. Stöber, der Dichter Lenz und Friederike von Sesenheim 1842. Düntzer, Goethe und Friederike, in den Blättern für lit. Unterh. 1848. Nro. 92-96. Eine Abbildung des Pfarrhauses findet sich in Stöbers Schrift, und eine genaue Beschreibung der Sesenheimer Lokalitäten in „Näkes Wallfahrt nach Sesenheim“, 1840. 11) Abgedruckt bei A. Schöll a.a.O. S. 51 ff. 12) Nach Eckermanns Gesprächen mit Goethe, II. S. 136. 13) „Alle Jungen in der Stadt verfertigen Drachen, und ich poßle ‚par compagnie’ an meiner Disputation“ – in einem Brief an Engelbach vom 10. September. 14) Nach Goethes Handschrift nebst den übrigen nach erhaltenen Liedern des Sesenheimer Liederbuchs abgedruckt in der angeführten Schrift von A. Stöber. Das „Sesenheimer Liederbuch“ in Fr. Pfeiffers „Goethes Friederike“ (1841) ist, wie die ganze Schrift, eine Mystifikation, durch die sich unter andern E. Boas (s. Nachträge zu Goethes W. I. S. 9) hat täuschen lassen. 15) „Goethe fing Homer in Straßburg zu lesen an, und alle Helden wurden bei ihm so schön, groß und frei watende Störche. Er steht mir allemal vor, wenn ich an eine so recht ehrliche Stelle komme, da der Altvater über seine Leier sieht und in seinen ansehnlichen Bart lächelte.“ (Herder an Merck, in den Briefen an J. H. Merck, hhg. von Wagner, 1835, S. 44). 16) S. die biographisch merkwürdige Rezension der Gedichte von einem polnischen Juden unter den Frankfurter Rezensionen von 1772. 17) Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter, VI. S. 224, wo Goethe mit Unrecht auf eine dichterische Antizipation Italiens hindeutet. 18) Der Hergang dieser Promotions-Förmlichkeiten ist so einfach, dass der undatierte, mit dem Postzeichen Frankfurt versehene Brief an Salzmann, aus welchem hervorgehen würde, dass er nur den Grad eines Lizentiaten erlangt hätte, sehr verdächtig scheinen muss. Die Worte „Auch das Zeremoniell weggerechnet, ist mir’s vergangenen Doktor zu sein; ich hab’ so satt am Lizentiaten, so satt an aller Praxis, dass ich höchstens nur des Scheines wegen meine Schuldigkeit tue“, haben nach Goethes Rückkehr in die Vaterstadt keinen Sinn, und lassen einen andern Briefsteller vermuten. Auch würde der in der Form gewissenhafte Vater ihn nicht stets „Doktor“ titulieren, wenn er sich nicht das Diplom ‚rite’ erworben hätte. Die Thesis, über die Goethe disputierte, sind abgedruckt in Hirzels Fragmenten aus einer Goethe-Bibliothek, 1849. 19 Das auf eine leidenschaftliche Scheideszene hindeutende Gedicht im Sensenheimer Liederbuch „Ach bist Du fort! Aus welchen güldnen Träumen etc. „Kann ich weder seiner Form nach für Goethisch halten noch mit der Erzählung in Einklang bringen. 20) So nach Goethes Berichterstattung. Lenzes Briefe bei Stöber a.a.O. lassen wenigstens nicht bezweifeln, dass er von Friederikes Gegenliebe überzeugt war. 21) Dass die von Räke in der oben angeführten Schrift mitgeteilten Nachrichten aus grundlosen Verleumdungen geschöpft sind, ist als unzweifelhaft nachgewiesen. Im Obigen folgen wir den in der Augsb. Allg. Zeitung (1841), augenscheinlich von kundigster Hand, gegebenen Nachrichten, deren Verfasser sich bereit erklärt, sie durch urkundliche Beweise zu erhärten. Nach einer anderen Version lebte. F. bei einer Frau von Dietrich zu Reichshofen, bis deren Gemahl zu Paris guillotiniert ward und diese darüber in Wahnsinn fiel. |
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