Johann Wolfgang von Goethe @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Johann Wolfgang von Goethe
         Biografien
            Schaefer - Goethes Leben
               Inhalt
               Erster Band
                  Vorrede
                  Kindheit und Jugend
                     1749 - 1765
                     1765 - 1768
                     1768 - 1771
                     1771 - 1773
                     1744
                     1775
                  Weimarsche Lehrjahre
                     1776
                     1777, 1778
                     1779
                     1780, 1781
                     1782
                     1783 - 1786
               Zweiter Band
                  Widmung
                  Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche
                     1786 - 1788
                     1788 - 1791
                     1792, 1793
                     1794 - 1796
                     1797 - 1799
                     1799 - 1805
                  Goethe im Alter
                     1806 - 1813
                     1813 - 1819
                     1820 - 1825
                     1826 - 1832
                  Beilagen
                     I. Charlotte von Stein
                     II. Rede weißer Falkenordens
                     III. Vermächtnis j. Nachwelt
                  Schlusswort

Erstes Buch

Kindheit und Jugend

1. Kapitel: 1749 - 1765

   Wenn der Genius auf der höchsten Stufe seiner Entwicklung vor uns steht, so erfüllt uns diese vollendete Erscheinung mit Ehrfurcht und heiliger Scheu; mit dieser blicken wir zu einem Sophokles, einem Plato empor; sie gleichen den Gestalten idealer Plastik. Von dem langsamen Wirken und Bilden, von den Versuchen und Hindernissen, durch welche sie sich zu der Größe und Vollkommenheit, in der sie uns entgegentreten, hindurcharbeiten mussten, ist keine oder nur geringe Kunde auf uns gekommen.

   Den großen Männern der neueren Zeit ist nicht ein so günstiges Verhältnis zur Nachwelt zu Teil geworden; aber dafür genießt diese einen klareren Einblick in die Übungsschule und Werkstatt ihres Geistes; sie vermag die Anregungen und Bildungselemente, die der Einzelne von Vor- und Mitwelt, von der nächsten Umgebung, wie von entfernteren Einflüssen empfangen hat, in Anschlag zu bringen; sie hält seine unvollkommenen Versuche neben die vollendetsten Erzeugnisse seines Geistes, um eines aus dem andern zu erklären und in allem den Stufengang, die Wendungen und Richtungen seiner geistigen Tätigkeit zu verfolgen.

   Durch dies Verfahren ziehen wir zwar den Genius mehr in die Sphäre der mitstrebenden Zeitgenossen herab; aber, während er die schwindlige Höhe verlässt, auf der er erscheinen würde, wenn wir die Mittelstufen nicht erkennen könnten, gewährt er uns eine Totalanschauung, welche ein tieferes Gefühl der Verehrung erweckt: Es enthüllt sich uns der ganze Reichtum einer schönen menschlichen Existenz von den Träumen der Kindheit bis zu der Fülle und Sicherheit gereifter männlicher Geisteskraft.

   Ein solches reiches und edles menschliches Dasein führt die Biographie Goethes uns vor. In jeder Periode entfaltet es eine eigentümliche Blüte, und selbst dem Greisenalter war sie nicht versagt.

   Das Leben mancher ausgezeichneten Männer hat den energischen Fortschritt des Dramas; ihr Genius bricht sich Bahn durch alle Hemmungen, die sich seinem Gang entgegenstellen, und drängt zum Ziel, wenn auch nicht selten zu einer tragischen Katastrophe. Goethes Leben hat mehr den ruhigen Fortgang des Epos, in welchem selbst retardierende Zwischenfälle zum Gewinn für das Ganze dienen. Der Kampf ist freilich auch ihm nicht erspart; es verläuft nicht mit der Gemächlichkeit einer Idylle; aber es hat kein gewaltsames Überstürzen, kein stürmisches Überspringen der Mittelstufen. So war es von seiner frühesten Entwicklung an durch den geheimnisvoll leitenden Zug seines Innern prädestiniert, und das äußere Lebensgeschick kam ihn mit so viel Gunst entgegen, dass er mit Recht auf sich die Worte anwenden konnte: „Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle.“

   In der Mittagsstunde des 28. August 1749 trat Goethe ins irdische Dasein. Von seinem Großvater mütterlicher Seite, dem kaiserlichen Rat und Stadtschultheiß, Johann Wolfgang Textor, der ihn folgenden Tags aus der Taufe hob, erheilt er die Namen Johann Wolfgang.

   Über seiner Geburt hatte ein günstiger Stern gewaltet, als über seiner nachgebornen Geschwister, welche in früher Kindheit dahinstarben bis auf eine ein Jahr jüngern Schwester Cornelia. Auf ihn, den Erstgebornen, war vor allen die kräftige Wohlgestalt des schon in gereiften Mannesjahren stehenden Vaters und die Gesundheitsfülle einer jugendlichen Mutter übergegangen. Der Knabe machte Aufsehen, wenn er umher getragen wurde. Selbst die Blattern, die damals noch gewöhnliche Kinderplage, welche ihn mit aller Heftigkeit ergriffen und seinen Körper so dicht bedeckten, dass er mehrere Tage wie blind daniederlag, verschonten das liebliche Gesicht; sie fielen wie eine Maske ab, ohne eine sichtbare Spur auf der Haut zurückzulassen.

   Eine noch wertvollere Mitgabe begleitete ihn ins Leben, eine Fülle geistiger Anlagen, welche schon in frühen Knabenjahren mit bewundernswürdiger Frische und Regsamkeit hervortraten und schon den ersten Kindeseindrücken und Kindesspielen eine Bedeutung gaben. Der muntere Geist der Mutter, der bei dem ernsten Wesen des bereits vierzigjährigen Gatten kein Verständnis und keine Erwiderung fand, schloss sich umso inniger an das Gemüt des viel versprechenden Kindes an und führte seinem lebhaften Geist stets neue Nahrung zu. Erscheint schon seine dichterische Anlage als ein von der Mutter überkommenes Erbteil, so war diese es auch, durch deren lebendige Erzählungsgabe die Einbildungskraft des Kindes angeregt und zuerst in die Märchen- und Zauberwelt eingeführt ward. Diese Phantasiebilder erheilten noch mehr dramatisches Leben und eine festere Gestalt durch das Puppenspiel, mit dessen Vorstellung der Knabe zum Weihnachtsfest 1753 überrascht wurde, und das zu wiederholten Festgenüssen in seinen Händen blieb. Im Eingang von „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ hat uns Goethe eine liebliche Schilderung dieser bedeutungsvollen Kindheitsfreude durch den Mund seines Doppelgängers gegeben: „Ich weiß, wie sonderbar es mir vorkam, als man uns nach Empfang der gewöhnlichen Christgeschenke vor einer Tür niedersitzen hieß, die aus einem andern Zimmer herein ging. Sie eröffnete sich; allein nicht, wie sonst, zum Hin- und Wiederlaufen; der Eingang war durch eine unerwartete Festlichkeit ausgefüllt. Es baute sich ein Portal in die Höhe, das von einem mystischen Vorhang verdeckt war. Erst standen wir alle von fern, und wie unsere Neugierde größer ward, um zu sehen, was wohl Blinkendes und Rasselndes sich hinter der halb durchsichtigen Hülle verbergen möchte, wies man jedem sein Stühlchen an und gebot uns in Geduld zu warten. So saß nun alles und war still; eine Pfeife gab das Signal, der Vorhang rollte in die Höhe und zeigte eine hochrot gemalte Aussicht in den Tempel. Der Hohepriester Samuel erschien mit Jonathan, und ihre wechselnden, wunderlichen Stimmen kamen mir höchst ehrwürdig vor. Kurz darauf betrat Saul die Szene etc. etc. Nun fiel der Vorhang, die Türe schloss sich, und die ganze kleine Gesellschaft eilte, wie betrunken und taumelnd, zu Bett; ich weiß aber wohl, dass ich nicht einschlafen konnte, dass ich noch etwas erzählt haben wollte, dass ich noch viele Fragen tat, und dass ich nur ungern die Wärterin entließ, die uns zur Ruhe gebracht hatte.“

   Um diese Zeit wurde mit dem vierjährigen Knaben schon der Elementarunterricht begonnen; regelmäßige Lektionen beschränkten schon seine Spiellust, die dann im geräumigen Zimmer der sanften, freundlichen Großmutter Ersatz und Erholung suchte. Aus Abneigung gegen öffentliche Schulen übernahm diesen Unterricht der Vater selbst.

   Johann Caspar Goethe war ein Mann von gründlicher, besonders juristischer Gelehrsamkeit, welche er, wenig von Naturgaben unterstützt, durch angestrengten Fleiß sich erworben hatte und noch in späteren Jahren erweiterte. In dem streng abgemessenen ruhigen Gang seines Lebens scheint eine Reise nach Italien der einzige erregtere Moment gewesen zu sein; sie hinterließ ihm daher fürs ganze Leben die angenehmsten Erinnerungen, die heitersten Eindrücke; die Ausarbeitung seiner Reisebeschreibung war ihm noch in späterer Lebensperiode eine Lieblingsbeschäftigung. Seine Wohnung war mit italienischen Landschaften geschmückt, die schon seinem Knaben eine lebhafte Sehnsucht nach dem Land der Verheißung einflößten, das dieser noch als Mann so ahnungs- und sehnsuchtsvoll betrat. Obwohl ohne dichterisches Talent, hatte Goethes Vater nicht kaltsinnig und unempfänglich das Land der Kunst und Poesie durchwandert. Tasso war sein Lieblingsdichter; auch die deutschen Dichter der Hagedorn-Hallerschen Periode, in die seine Jugendbildung fiel, fanden der Reihe nach einen Platz in seiner Bibliothek. In dieser Umgebung führte er eine abgeschlossene Lebensweise. Zu seiner anerkennungswürdigen Geradheit und Rechtschaffenheit gesellte sich ein schroffes, eigenwilliges, besonders gegen Vornehme stolzes Wesen, worin ihn die Zurückgezogenheit von öffentlichen Geschäften, zu der er sich, befriedigt durch den Titel und Rang eines kaiserlichen Rats, aus freier Wahl entschlossen hatte, nur mehr und mehr verstärken musste. Die spät geschlossene Ehe mit einem zwanzig Jahre jüngeren siebzehnjährigen Mädchen hatte diesen Charakter nicht mehr umschmelzen können; das Herrische seines Wesens, in das übrigens die lebensfrohe Frau sich auf bewundernswürdige Weise zu schicken und zu finden wusste, ward für die Glieder der Familie nicht selten hart und drückend. Wenig gesprächig und gesellig, fühlte er doch einen Drang, seine Kenntnisse durch Unterricht den Seinigen mitzuteilen. Selbst die junge Frau hatte sich anfänglich diesem Lehrtrieb akkommodieren müssen. Mit dem Sohn begann er den Unterricht in so zartem Alter und mit solcher, der natürlichen Geistesentwicklung vorgreifenden, Konsequenz, dass der kleine Wolfgang unter die frühreifen Wunderkinder gezählt werden mag.

   Jenes Puppenspiel war das letzte Weihnachtsgeschenk der Mutter des Vaters; sie starb im Frühling des Jahres 1754 in ihrem sechsundachtzigsten Jahr. Da der Sohn mit seiner Familie bis dahin eigentlich bei ihr im Haus wohnte, so hatte er aus Rücksicht für sie von dem alten winkligen Haus (am Hirschgraben) nichts verändert; es bestand aus zwei durchbrochenen Häusern; eine turmartige Treppe führte zu unzusammenhängenden Zimmern, und die Ungleichheit der Stockwerke war durch Stufen ausgeglichen. Nach dem Tod der Mutter ward der längst projektierte Neubau des Hauses sogleich in Angriff genommen. Um nicht, wie es bei neuen Bauten gesetzliche Vorschrift war, den über das Fundament vorspringenden Raum der oberen Stockwerke einzubüßen, bediente sich der Vater der Ausflucht, die oberen Teile des Hauses zu unterstützen und von unten herauf einen nach dem andern wegzunehmen, und das Neue gleichsam einzuschalten, so dass, wenn zuletzt gewissermaßen nichts von dem Alten übrig blieb, der ganze Bau noch immer für eine Reparatur gelten konnte. An der Feierlichkeit der Grundsteinlegung nahm auch der kleine Wolfgang teil; als Maurer gekleidet, die Kelle in der Hand, mauerte er den Grundstein mit eigener Hand ein. Um desto besser denselben beaufsichtigen und leiten zu können, wollte der Vater mit seiner Familie das Haus nicht räumen, und setze anfänglich seinen Plan hartnäckig durch. Als aber zuletzt auch das Dach teilweise abgetragen wurde, und ungeachtet alles überspannten Wachstuches von abgenommen Tapeten der Regen bis zu den Betten gelangte, so entschloss er sich, obgleich ungern, die Kinder wohlwollenden Freunden auf eine Zeit lang zu überlassen und sie in eine öffentliche Schule zu schicken.

   Die kurze Zeit des Besuchs einer öffentlichen Schule ließ in Goethe keine freundlichen Erinnerungen zurück. Er beklagt sich über das Gemeine, ja Niederträchtige, das der edel und gestittet gehaltene Knabe, ohne dass ihm Waffen zur Abwehr zu Gebot standen, von der „rohen Masse von jungen Geschöpfen“ zu leiden hatte. Vielleicht entstand dies Missverständnis dadurch, dass der seinen Altersgenossen geistig vorausgeschrittene Knabe nicht ohne einige Ansprüche auftrat, wogegen diese die überlegene physische Kraft gegen ihn geltend machten.

   Wie tief schon damals die äußere Welt in den Kreis seiner kindlichen Vorstellungen hineingriff, darauf lässt die Erschütterung und ernste Gemütsstimmung schließen, womit ihn die Nachricht von der durch das Lissaboner Erdbeben angerichteten Zerstörung (1. Nov. 1755) erfüllte. Er trug sich mit quälenden Zweifeln an der Vorsehung und Güte Gottes – wobei freilich unbeantwortet bleibt, wie viel dazu die ihn häufig umgebenden Gespräche der Erwachsenen beigetragen haben mochten.

   Nicht in der Stille einer ländlichen Natur, nicht in einem eng geschlossenen Kreis war Goethe bestimmt aufzuwachsen. Die alte blühende Reichs- und Kaiserstadt Frankfurt führte in ihren historischen Erinnerungen und Denkmälern die Welt der Vergangenheit, in ihrem regen Handelsverkehr das Leben der Gegenwart in dem lebhaftesten Schauspiel an seinem empfänglichen Geist vorüber. Die öffentlichen Gebäude, vor allen der Römer, waren eine Chronik der deutschen Geschichte; die Messe, ein Fest für die schaulustige Jugend, breitete die Gegenstände des modernen Luxus und was nur alles die Neugier der Kinder reizen konnte, vor ihm aus; „es bildete sich die Vorstellung von dem, was die Erde alles hervorbringt, was sie bedarf, und was die Bewohner ihrer verschiedenen Teile gegeneinander auswechseln.“ Der Frankfurter Markt musste auch dazu dienen, seinen Hang zu altertümlicher Sage zu nähren, indem er hier frühzeitig die deutschen Volksbücher kennen lernte und mit der schönen Melusine, Magellone, Fortunatus, Kaiser Octavian, Faust, dem ewigen Juden etc. vertraut wurde: Keime zu Dichtungen späterer Jahre.

   Der Knabe Goethe wurde von dem Vater früh zu dessen eigenen Beschäftigungen herbeigezogen. Nach dem Neubau des Hauses war er ihm behilflich bei der Aufstellung der Bibliothek und der Anordnung der Gemälde. Da der Vater auch den lebenden Frankfurter Malern mehrere Aufträge gab und durch den Sohn dabei manches ausrichten ließ, so kam dieser dadurch in einen vielseitig anregenden Verkehr mit denselben; er machte Vorschläge zu neuen Bildern und gewann schon durch die Eindrücke der Kindheit ein lebhaftes und nachhaltiges Interesse für die Kunst.

   Es war eine wohltätige Gegenwirkung gegen diese zerstreuenden Beschäftigungen der Einbildungskraft, dass bald nach Vollendung des neuen Hauses der geordnete Lehrgang der häuslichen Lektionen wieder begann. Der Vater nahm die Kinder wieder aus der öffentlichen Schule und erteilte ihnen den Unterricht selbst, sogar die Unterweisung im Tanzen nicht ausgenommen; für einen Teil der Lektionen sorgte er durch Fachlehrer.

   Mit richtiger Beurteilung der Naturanlagen des Sohnes führte er ihn aus dem grammatischen Regelwerk der lateinischen Sprache möglichst rasch zu selbstständigen Übungen, wobei besonders eigene Erlebnisse und Beobachtungen desselben zum Grunde gelegt wurden. ; sie zeigen eine für dieses Alter überraschende Gewandtheit. In den drei Gesprächen, die uns vorliegen, tritt schon die frühe Ausbildung seines Talents, keine Vorfälle in munterem Dialog zu dramatisieren, deutlich hervor; aus andern Aufsätzen ersehen wir, dass schon 1758 die Beschäftigung mit dem Französischen und sogar dem Griechischen begonnen hatte; anziehend sind unter diesen kleinen Arbeiten die Morgenglückwünsche, die er für jeden Tag des Monats August 1758 in lateinischer (zum Teil auch griechischer) und deutscher Sprache aufzeichnete, um den Vater damit zu erfreuen. Gleichzeitig lernte er auch die Elemente des Italienischen gleichsam spielend, indem er dem Unterricht zuhorchte, den der Vater in demselben Zimmer, worin er seine lateinischen Lektionen zu lernen hatte, der Schwester Cornelia erteilte.

   Von der in allen Fächern wohl ausgestatteten Bibliothek des Vaters konnte sein Wolfgang den freiesten Gebrauch machen; jener scheint die Lektüre des Knaben nicht, wie man aus seiner sonstigen Strenge zu schließen geneigt sein möchte, überwacht zu haben. Da war denn auch wieder dafür gesorgt, dass die Phantasie lustig im Reich der Abenteuer herumschwärmen konnte. Die mythologischen Geschichten des Altertums schmeichelten sich mit den zweideutigen Reizen der ovidischen Metamorphosen ein; Virgil und Homer (wenn gleich in einer Prosaübersetzung) blieben nicht ungenossen; Fenelons Telemach ward geschätzt; Robinson Crusoe, die Insel Felsenburg, Ansons Reise um die Welt und andere Reisebeschreibungen brachten Kunde von Abenteuern in fernen Ländern, und durch die Merianschen Kupfer der Gottfriedschen Chronik prägten sich die Hauptbegebenheiten der Geschichte ein. In Italiens Paradies lockten die oft und gern wiederholten Schilderungen des Vaters, und mit umso größerem Reiz, da sie die Aussicht auf künftigen Genuss eröffneten. Nach und nach kamen auch die neueren Dichter an die Reihe, welche in schönen Einbänden in des Vaters Bibliothek aufgestellt waren. Wie sehr Tassos befreites Jerusalem, das er in Kopps Übersetzung las, seine Phantasie in Bewegung setzte, berichtet aus Wilhelm Meister. „Besonders fesselte mich Chlorinde mit ihrem ganzen Tun und Lassen. Die Mannweiblichkeit, die ruhige Fülle ihres Daseins taten mehr Wirkung auf den Geist, der sich zu entwickeln anfing, als die gemachten Reize Armides. Über hundert und hundertmal sagte ich mir die Geschichte des traurigen Zweikampfs zwischen Tancred und Chlorinde vor… Ich konnte nie die Worte aussprechen:

Allein das Lebensmaß Chlorindes ist nun voll,
Und ihre Stunde kommt, in der sie sterben soll –

Dass mir nicht die Tränen in die Augen kamen, die reichlich flossen, wir der unglückliche Liebhaber ihr das Schwert in die Brust stößt, der Sinkenden den Helm löst, sie erkennt und zur Taufe bebend das Wasser holt.“ Auch die jüngsten deutschen Dichter, Canitz, Drollinger, Haller, Hagedorn, Gellert, Cramer, Creuz, wurden fleißig durchgelesen und teilweise memoriert, weshalb der Knabe oft zur Unterhaltung der Gesellschaft aufgerufen wurde. Klopstocks Messiade ward nicht in des Vaters Bibliothek aufgenommen, weil dieser die reimlosen Verse nicht für Poesie gelten lassen wollte; doch kam sie später heimlich ins Haus und verfehlte ihre begeisternde Wirkung nicht. An diesen Dichtern entwickelte sich die Darstellungsgabe des Knaben frühzeitig zu einer wundersamen Gewandtheit und Reinheit der Form; er fing an, die rhetorische Behandlung der Aufgaben mit der poetischen zu vertauschen.

   Neben den übrigen Lehrstunden genossen die Kinder auch eines fortwährenden Religionsunterrichts; „Doch war der kirchliche Protestantismus, den man ihnen überlieferte, eigentlich nur eine Art von trockener Moral; an einen geistreichen Vortrag ward nicht gedacht, und die Lehre konnte weder der Seele noch dem Herzen zusagen.“ Mit der Bibel ward er genau vertraut; die Merianschen Kupfer der großen Foliobibel belebten die biblischen Erzählungen in seiner Einbildungskraft, besonders zog ihn die Geschichte der Patriarchen dauernd an, so dass er einen umständlichen Aufsatz verfasste, worin er zwölf Bilder aus der Geschichte Josephs beschrieb, von denen einige von den Frankfurtern Malern ausgeführt wurden.

   Dieses Interesse and en religiösen Vorstellungen und Zeremonien des alten Testaments, welches durch bildliche Darstellungen belebt ward, veranlasste den Knaben zu einer Nachahmung der jüdischen Opferhandlung. Naturprodukte, meist aus des Vaters Naturaliensammlung herbeigesucht, wurden auf einem schön lackierten Musikpult aufgeschichtet, und Räucherkerzen, in einer Porzellantasse aufgestellt, krönten den Gipfel. Diese wurden, sobald die Sonne hell ins Zimmer schien, vermittelst eines Brennglases angezündet, und das Opfer gelang nach Wunsch. Bei einer Wiederholung der Feierlichkeit war aber die Tasse nicht zur Hand; die Kerzchen wurden auf den Pult gesetzt, und der kleine Priester bemerkte nicht, dass sei beim Verglimmen in den schönen Lack einbrannten; die Lust zu ferneren Opfern war ihm vergangen. In diesem Vorfall vermögen wir indes nur den nachahmenden Spieltrieb eines geweckten Kindes zu erkennen, nicht, was man darin hat finden wollen, eine religionsphilosophische Divination, so wenig wie durch den Schrecken über das Lissaboner Erdbeben der prometheische Titantentrotz einer späteren Periode prägnostiziert wird.

   Während der junge Goethe unter diesen häuslichen Geistesbeschäftigungen dem Abschluss des ersten Jahrzehnts seines Lebens entgegenging, begann der siebenjährige Krieg (1756) Deutschland in allen Teilen zu erregen. Er war kein gewöhnlicher Kabinettskrieg, sondern in ihm schlug das deutsche Nationgefühl in hellen Flammen auf. In dunklem Vorgefühl, dass nur von Preußen die Erhebung des deutschen Reichs aus seinen verrotteten Zuständen zu erhoffen sei, nahm der edelste Teil des Volkes, selbst wo die Reichstruppen auf Österreichs Seite fechten mussten, für die Sache des großen Preußenkönigs Partei. Und sollte es nicht jedes deutsche Gemüt im tiefsten empören, dass Österreich die Pforten des Reichs öffnete, um hier die Franzosen, dort die Russen hereinzulassen? Auch in der kaiserlichen freien Reichsstadt Frankfurt war die Anhänglichkeit an das Kaiserhaus nicht so fest begründet, um nicht eine bedeutende preußisch gesinnte Partei aufkommen zu lassen. Diese Spaltung der Parteien drang bis in das Innerste der Familien. Der alte Schultheiß Textor, der über Franz I. den Krönungshimmel getragen und von Maria Theresia eine gewichtige goldene Kette mit ihrem Bildnis erhalten hatte, war mit einigen Schwiegersöhnen und Töchtern auf österreichischer Seite. Goethes Vater war für Preußens Sache, und wo konnte das Söhnchen anders sein? „Ich war auch preußisch oder, um richtiger zu reden, Fritzisch gesinnt. Es war die Persönlichkeit des großen Königs, die auf alle Gemüter wirkte. Ich freute mich mit dem Vater unserer Siege, schrieb sehr gern die Siegeslieder ab, und fast noch lieber die Spottlieder auf die Gegenpartei.“ Durch diese Parteiung waren auch bald die gewöhnlichen sonntäglichen Familienzusammenkünfte gestört; nach einigen unangenehmen Szenen blieb Vater Goethe aus der Gesellschaft weg; dem Sohn wurden die sonst vergnügtesten Stunden der Woche am sonntäglichen Mittagstisch der Großeltern jetzt zu den peinlichsten, da er dort seinen Lieblingshelden nur geschmäht und verkleinert sah.

   In den ersten Kriegsjahren konnte Frankfurt noch aus der Ferne den Kriegsereignissen zusehen; nur dass häufige Durchmärsche französischer Truppen ein vorübergehendes militärisches Schauspiel darboten. Am zweiten Januar 1759 jedoch nahm Soubise gegen alle Verträge von der Reichsstadt Besitz, angeblich weil es eines festen Stützpunkts am Main bedürfe; das Kommando trat er darauf dem Herzog von Broglio ab. Die Truppen wurden bei den Frankfurter Bürgern einquartiert; dem Goetheschen Haus ward der Königsleutnant zugewiesen.

   Mochte die Aufnahme eines distinguierten Mannes auch dem häufigen Wechsel von Offizieren und Gemeinen vorzuziehen sein, so brachte doch die Stellung des Königsleutnants, der, obgleich Militärperson, die Zivilvorfälle, die Streitigkeiten zwischen Soldaten und Bürgern, Schuldensachen und Händel zu schlichten hatte, eine meinst bis in die Nacht fortdauernde Unruhe in das Haus, die gar sehr mit der bisherigen strengen Familienordnung und Ruhe kontrastierte. Da bei dem Rat Goethe noch die entschiedene Abneigung gegen die Franzosen hinzukam, so setzte sich in ihm eine hypochondrische Stimmung fest, die ihn während der ganzen Zeit der Einquartierung nicht verließ und ihm jede Beschwerde, die sie mit sich brachte, doppelt fühlbar machte. Übrigens war Graf Thorane – dies war der Name des vornehmen Gastes – ein Mann von ehrenwertem Charakter und eleganter Bildung, wie sie den Adel des alten Frankreichs auszuzeichnen pflegte. Wie er in seinem Amt Pflichttreue, Gerechtigkeit und Unbestechlichkeit übte, so setzte er auch seinen Stolz darein, sich gegen die Familie, deren Wohnung er teilte, musterhaft zu betragen. Ein gleiches machte er seinen Leuten zur Pflicht; es war ihnen aufs strengste befohlen, dem Hausbesitzer nicht die geringsten Unkosten zu machen. Er hielt täglich offene Tafle und bewies gegen die Hausgenossen die Artigkeit, den Kindern von dem Nachtisch reichlich zuzuteilen.

   Gleich beim Eintritt in das Goethesche Haus bezeigte der Graf eine große Freude über die kleine Gemäldesammlung, die er hier vorfand; er äußerte sogleich seinen Vorsatz, die in Frankfurt und dessen Nähe lebenden Künstler zu beschäftigen. Seine Absicht war, mit diesen Gemälden die Wohnung seines älteren Bruders in ihrem Geburtsort Grasse in der Provence zu zieren. Er ließ sich von dort die Maße der Zimmer und Kabinette einsenden, um danach die Größe der Gemälde, die als Tapetenteile au die Wände befestigt werden sollten, zu bestimmen. Wolfgangs Mansardenzimmer ward in ein Atelier umgewandelt; er hatte somit aufs neue Gelegenheit, sein Interesse für die Kunst zu unterhalten und seinen Kunstsinn zu üben. Es hatten sich diese Maler vorzugsweise nach der niederländischen Schule gebildet und leisteten in der Landschaftsmalerei Treffliches; der darmstädtische Hofmaler Seekatz genoss eines bedeutenden Rufes. Da der junge Goethe diese Künstler von frühster Jugend an gekannt hatte, so war er häufig bei Beratschlagungen und Entwürfen gegenwärtig und wurde auch mit seiner Meinung gern gehört.

   Die düstere Stimmung des Vaters vermochte weder des Grafen Kunstliebe noch sein verbindliches Betragen gegen die Familie zu verscheuchen. Jener blieb in möglichster Entfernung und Zurückgezogenheit, so dass er es kaum über sich gewinnen konnte, die neu entstandenen Gemälde eines Anblicks zu würdigen, wenigstens nie in Gegenwart des Grafen. Die muntere Hausfrau musste daher all ihr Geschick aufbieten, um durch ihre freundliche Aufmerksamkeit die Sache einigermaßen ins Gleiche zu bringen; sie bemühte sich noch um des Grafen willen die französische Sprache zu erlernen, natürlich nicht mit Hilfe des franzosenfeindlichen Gatten, so geläufig dieser auch das Französische sprach, sondern eines benachbarten Gevatters, der sie sich gab, das Erlernte persönlich bei ihm anzuwenden, mit galanter Artigkeit, und da auch der Knabe seine Zuneigung gewann, so war das beste Verhältnis hergestellt.

   In dieser Unruhe und Verstimmtheit ließ der Vater in seinem Lehreifer und seiner Erziehungsstrenge nach. Mancherlei Zerstreuungen, die in und außer dem Haus sich darboten, zogen die Kinder von den Lektionen ab, und das bewegte Soldatenleben ließ es für sie nicht an ergötzlichen Schauspielen fehlen.

   Ernster gestaltete sich die Lage der Dinge, als mit anbrechendem Frühling 1759 die alliierte Armee unter Ferdinand von Braunschweig sich Frankfurt näherte, um die Franzosen aus ihrer vorteilhaften Stellung am Main zu vertreiben. Stärkere Truppenmassen zogen während der Karwoche durch die Stadt; es war eine beständige Bewegung und Aufregung. Den kaum etwas zur Ruhe gekommenen Bürger ergriff die Furcht vor größerem Unheil. Mit Sehnsucht sahen die preußisch Gesinnten der Ankunft der Verbündeten entgegen, auf deren Sieg sie mit Zuversicht zählten. Auf der Höhe von Bergen, anderthalb Stunden von Frankfurt, erwartete die französische Armee unter Broglio den anrückenden Feind.

   Goethes Vater hatte nicht Ruhe in seiner Wohnung; nicht ohne Lebensgefahr begab er sich in die Nähe des Schlachtfeldes, während die Kinder ängstlich zu Hause dem fernen Geschützdonner horchten. Transporte gefangener Deutschen waren das erste Anzeichen, dass die Sache der Verbündeten nicht günstig stehe. Der Vater kam in tiefem Schmerz und Unmut heim; die Gaben, welche er, wie andere Bürger, den Verwundeten reichen ließ, wollte er nur an Deutsche verteilt haben. Anders war den Kindern zu Mute, denen das Franzosenregiment so behaglich erschien, dass dem Wolfgang seine frühere Preußenbegeisterung schon abhanden gekommen war. Sie freuten sich, ihren Königsleutnant wohlbehalten wieder zu sehen, sprangen ihm entgegen und küssten ihm die Hände. Es schien ihm sehr zu gefallen. „Wohl!“, sagte er freundlicher als sonst, „ich bin auch um euretwillen vergnügt, liebe Kinder!“, und befahl sogleich Zuckerwerk und dergleichen Liebhabereien ihres Gaumens ihnen zuzuteilen. Indes begann im Haus ein Kommen und Gehen von Klagenden und Bittenden, das bis spät in die Nacht währte. Der Graf war eben auf den Vorsaal herausgetreten, um die Sachen schneller zu erledigen, als Vater Goethe, um sich ins Speisezimmer zu seiner Familie zu begeben, über den Vorsaal an ihm vorüberging. Der Graf ging ihm entgegen, begrüßte ihn und sagte: „Ihr werdet uns und Euch Glück wünschen, dass diese gefährliche Sache so glücklich abgelaufen ist.“ – „Ich wollte“, versetzte der Vater, gleichsam den Stein vom Herzen wälzend, „sie hätten Euch zum Teufel gejagt, und wenn ich hätte mitfahren sollen.“ – „Dieses sollt Ihr büßen“, rief der Graf mit Wut auffahrend; „Ihr sollt mir nicht umsonst eine solche Beleidigung zugefügt haben“, und gab Befehl, ihn auf die Wache zu führen. In der ersten Aufwallung des Zorns war er entschlossen, zur Warnung für die franzosenfeindlich gesinnten Frankfurter an seinem Hausbesitzer ein Exempel zu statuieren. Mit Mühe gelang es dem gewandten Gevatter Nachbar, den Grafen zu versöhnen und das drohende Übel abzuwenden. Erst am folgenden Morgen erfuhren die Kinder, als sie zu den Überbleibseln ihrer gestrigen Kollation zurückeilten, welche Wetterwolke in dieser Nacht über ihren Häuptern hinweg gezogen war.

   Seit diesem Vorfall scheint während des Grafen Anwesenheit, die noch ungefähr zwei Jahre dauerte, der Friede des Hauses nicht weiter gestört worden zu sein. Der Graf änderte sein Benehmen gegen die Familie nicht, obwohl er in Folge von anderweitigen Unannehmlichkeiten weniger heiter war und sich mehr zurückzog. Große Freude machte ihm die Betrachtung der nach und nach fertig werdenden Gemälde, die endlich wohl verpackt in seine Heimat gesandt wurden. Jetzt wurde auch Wolfgang das Arbeitszimmer zurückgegeben. Dem Vater glückte es, durch wiederholte Vorstellungen durchzusetzen, dass in Berücksichtigung der lange getragenen Belästigung fürs nächste sein Haus verschont ward. Er musste aber Mietsleute in seine Wohnung aufnehmen, um die Einquartierung unmöglich zu machen. Der Graf schied in Frieden und verließ nach kurzer Zeit Frankfurt.

   Während dieser unruhvollen Jahre waren die Kinder mehr der nachsichtigen Mutter und sich selbst überlassen. Der geregelte Unterricht war unterbrochen; indem sich aber der jugendlichen Phantasie eine Fülle neuer Anschauungen zudrängte, waren diese vielseitigen Anregungen für den künftigen Dichter nicht verloren. Nicht nur bewegte sich um ihn das Leben in dramatischer Mannigfaltigkeit; es bot sich auch durch den Aufenthalt der Franzosen mehr Gelegenheit dar, die Neigung zu theatralischen Vorstellungen zu befriedigen. In früheren Jahren war das Puppenspiel der Großmutter von Zeit zu Zeit hervorgesucht worden, woran sich denn sehr natürlich der Versuch schloss, die Puppen neuen Stücken zu akkommodieren; dadurch ward die Kunst der Erfindung und Darstellung mannigfach geübt, bis denn endlich, nachdem die Kinder den Puppenspeilen entwachsen waren, auch die Lust zu eigenen Verkleidungen und Aufführungen Befriedigung suchte. Diese Darstellungen der Kinder an den auch bei den Erwachsenen viel Beifall und Aufmunterung; man wagte sich sogar an größere, damals für klassisch geltende deutsche Dramen. Schöff von Olenschlager ließ in seinem Haus von Kindern den Canut des Elias Schlegel aufführen, worin Wolfgang den König spielte. Mit der französischen Okkupation tat sich zu gelegener Zeit ein Theater auf, und dem Wolfgang ward vom Großvater Schultheiß ein Freibillet geschenkt. So sehr auch der Vater seiner strengen Denkweise gemäß dem Theaterbesuch, der allerdings als täglich wiederholter Genuss für den Knaben nicht ohne sittliche Bedenken war, sich abgeneigt zeigte, und ihn zu beschränken suchte, so drang er doch damit gegen die Mutter nicht durch, die bis in ihr spätes Alter eine leidenschaftliche Verehrerin des Theaters war. Da der Knabe bis dahin über die Elemente des Französischen nicht hinausgekommen war, so konnte er anfangs seine Unterhaltung nur von den Dekorationen und der Mimik nehmen. Es musste daher ihm häufig die Geduld ausgehen, die Stücke ganz auszuhören. Manche Stunde wurde mit Spielen in den Korridoren und vor der Tür ausgefüllt. Dadurch ward er mit einem muntern Knaben, der zum Theater gehörte – er nennt ihn Derones – bekannt, der sich mehr und mehr an ihn anschloss. Mit diesem kleinen Schwätzer ging bald die französische Konversation leicht vonstatten, wozu sich auch im eigenen Haus bei dem Grafen und dessen Leuten vielfache Gelegenheit bot. Diese Fortschritte im Französischen überraschten und erfreuten den Vater, so dass der kleine Goethe, wenn er spät abends vom Theater nach Hause zurückkehrte, freundlicher, als anfangs, empfangen ward. Denn dem Vater war es schwer, sich von dem sittlichen Nutzen des Theaters zu überzeugen, so sehr auch seinem Wolfgang die Phrasen von der moralischen Wirkung des Schauspiels geläufig geworden waren. Jener hatte Recht, wenn er von dorther für die reine Entwicklung und Unschuld der Kindesnatur Gefahr besorgte. Derones zog seinen kleinen Freund auch hinter die Kulissen; sie verkehrten ungestört in dem allgemeinen Ankleidezimmer, wo sich den Augen und Ohren nicht eben die anständigsten Scherze und Situationen darboten, „da sich Herren und Damen vom Theater so wenig unter sich als vor den Kindern zu scheuen schienen.“ Der Schwester des Derones, welche nur ein Paar Jahre älter war, widmete Wolfgang einige galante Aufmerksamkeiten; er ging nie zu ihr, ohne ihr eine Blume, eine Frucht oder sonst etwas zu überreichen. Gern hätte er wohl für etwas mehr als ein elfjähriges Kind gelten mögen; allein es glückte ihm nicht, ihren traurigen Mienen ein freundliches Lächeln abzugewinnen und mehr als einen höflichen Dank als Erwiderung zu erhalten.

   Der Verkehr mit dem kleinen leichtsinnigen Franzosen scheint dem Wolfgang sehr behagt zu haben; er trieb sich auch außer dem Theater mit ihm herum und ließ sich seine Aufschneidereien und theatralischen Possen gefallen, wofür sich denn auch dieser ihm, als dem Kind vornehmer Eltern, unterzuordnen verstand. Mit solchen Knaben ging der junge Goethe lieber um, als mit den Frankfurter Bürgerssöhnen, von denen ihn seit früher Kindheit eine gewisse Unverträglichkeit entfernt hielt. Im Bewusstsein seiner geistigen Überlegenheit, seiner einnehmenden Schönheit und patrizischen Verwandtschaft hatte er sich eine vornehme und superiore Haltung angeeignet, welche den Hohn und die derben Zurechtweisungen seiner Kameraden, nicht unverdient, herausforderte. Wenn er sich etwas darauf einbildete, seinen Großvater Schultheiß in der Mitte des Schöffenrats eine Stufe höher, als die andern, unter dem Bild des Kaisers gleichsam thronend gesehen zu haben, so war dem Frankfurter Bürgerskind nicht zu verargen, wenn es auf den Großvater väterlicher Seite hinwies, der als Schneiderbursche in Frankfurt eingewandert und als Gastwirt zum Weidenhof gestorben war. Die bittere Stimmung, die durch solche Vorfälle gegen die ihn umgebende Knabenwelt entstand, blickt noch aus den Äußerungen späterer Jahre hervor, und wenn er diesen „Rohheiten“ gegenüber seine gesittete Haltung hervorhebt, so muss er doch auch wieder selbst einräumen, in Gesellschaft mit Derones allerlei Torheiten begangen zu haben, die besonders an Sonn- und Festtagen keineswegs zu seinem Äußern passten; eine Knabenprügelei war doch nicht unsittlicher, als wenn er mit dem Derones hinter einer Scheune mit seinem kleinen Sonntagsdegen ein theatralisches Duell hielt. Da können wir den hübschen Knaben in seinem Pfingsttagsputz beschauen, in Schuhen aus sauberem Leder, mit großen silbernen Schnallen, feinen baumwollenen Strümpfen, schwarzen Unterkleidern aus Sarsche und einem Rock aus grünem Berkan mit goldenen Balletten, – die Weste aus Goldstoff, aus des Vaters Bräutigamsweste geschnitten, frisiert und gepudert, mit Locken, die wie Flügelchen vom Kopf standen, den Hut unterm Arm, mit einem kleinen Degen, dessen Bügel mit einer großen seidenen Bandschleife geschmückt war. So jugendmutig einherschreitend, im Vorgefühl einer hohen Bestimmung, mochte er sich ein Liebling der Götter dünken und im Märchengewand seinen Zukunftsträumereien eine Form geben. Das Knabenmärchen der neue Paris, dessen kunstvolle Ausführung die Darstellungsgabe des gereiften Dichters verrät, bildete sich aus solchen Ahnungen des Knaben: Unter dem Geleit des ehrwürdigen Alten tritt er durch die enge Zauberpforte in ein ungekanntes paradiesisches Labyrinth, und nachdem er, dem Paris gleich, zwischen den drei Göttinnen hin und her geirrt ist, lässt er sich zuletzt von dem phantastischen Spiel der muntern neckischen Dienerin bezaubern.

   Der praktische Kursus des Französischen in den Räumen des Theaters trug bald seinen Nutzen und scheint auch bei andern Kindern von gleichem Erfolg gewesen zu sein. Schöff von Olenschlager ließ von Kindern den Britannicus des Racine aufführen, wobei Wolfgang die Rolle des Nero zu Teil ward. Corneille, Racine, Moliere und andere französische Dramatiker, deren Werke sich in des Vaters Bibliothek fanden, wurden fleißig durchgelesen, memoriert und rezitiert. Dadurch ward in dem Knaben auch bald der produktive Trieb rege. Aus seiner Märchenwelt und aus alter Mythologie stellte er ein kleines Drama zusammen, worin es weder an Göttern, noch Prinzen und Königstöchtern fehlte; besonders war der geflügelte Merkur bedacht. Von dem Wert seines Stückes fest überzeugt, schmeichelte er sich in seiner kindlichen Freude mit dem Gedanken, es zur Aufführung gebracht zu sehen, und sah schon im Geist den Titel des Stückes an den Ecken der Straßen und Plätze mit großen Buchstaben angeschlagen. Freund Derones ließ ihn zum ersten Mal das bittere Gefühl verletzter Autoreitelkeit empfinden, indem er unbarmherzig sein kritisches Richteramt daran ausübte. Jedoch ließ Wolfgang von dem Schreiber, den der Vater im Haus hielt, nach einigen Veränderungen im Manuskript eine saubere Abschrift fertigen und überreichte sie dem Vater zu dessen großer Freude, so dass er aufhörte, dem Theaterbesuch gram zu sein.

   Nach dem Abzug des Grafen Thorane, ungefähr im Beginn des Jahres 1761, fand der Unterricht in dem still gewordenen Goetheschen Haus nach und nach den geregelten Gang wieder und gab der Phantasieaufregung, in welcher der Knabe eine Zeitlang gelebt hatte, das wünschenswerte Gleichgewicht. Noch besuchten ihn oft in der Einsamkeit des ihm wieder eingeräumten Mansardenzimmers die Gespenster der Gemälde, die er durch Arbeiten und Studien nur schwer verscheuchte. Der Vater, zufriedener jetzt und heiterer, fand seine Freude aufs neue daran, seine Kinder zu lehren und mit ihnen zu lernen. Es geschah dies denn auch mit der Hast des pädagogischen Dilettantismus, der, um Versäumtes wieder einzubringen, das Wissenswerte von allen Seiten heranzuziehen sucht und in dem Vielerlei der Bildung unsicher umher greift; es gehörte eine so gesund organisierte Natur, wie die des jungen Goethe, dazu, um es bewältigen zu können. Ward auch seine Vielseitigkeit dadurch gefördert, so ist ihm doch auch als Folge dieser planlosen Erziehung das rasche Abspringen von einem Gegenstand der geistigen Beschäftigung zu einem andern, von einem Plan zu einem andern durchs ganze Leben eigen geblieben. Welch ein Gewinn wäre es für ihn gewesen, wenn er das schon früher begonnene Studium des Griechischen eifrig fortgesetzt hätte! Es wäre ihm der Umweg erspart worden, auf dem er sich späterhin dem hellenischen Altertum näherte. Statt dessen zog ihn die seltsame Liebhaberei fürs Judendeutsch, dessen geheimnisvolle Chiffernschirft ihn schon vor Jahren so angezogen hatte, dass er eine Anweisung zur deutsch-hebräischen Sprache niederschrieb, zur Erlernung der hebräischen Sprache hin. Der Vater willfahrte seiner Neigung und ließ ihm von dem Dr. Albrecht, dem Rektor des Frankfurter Gymnasiums, Privatunterricht darin erteilen, der, wie sich erwarten ließ, nicht weit über die Elemente hinausging. Der anfängliche Eifer verlor sich schon bei den ersten Schwierigkeiten des Lesenlernens und der grammatischen Formenlehre, so dass Lehrer und Schüler bald durch Abschweifungen die Stunden zu würzen suchten. Die einzige Frucht dieses Unterrichts war eine anhaltende Beschäftigung mit der Patriarchengeschichte, deren dichterischer Gehalt und naive Gemütstiefe zu wiederholten Malen Goethes Interesse aufs lebhafteste in Anspruch nahm. Jene Jahre waren es gerade, wo Klopstocks Messiade und die in ihrem Gefolge erscheinenden Patriarchaten die biblischen Erzählungen mit einem durch die Neuheit überraschenden Glanz der Poesie der Gegenwart näher brachten. Großes Aufsehen erregte in Goethes unmittelbarer Nähe „Daniel in der Löwengrube“ von Friedrich Karl von Moser, der als hessendarmstädtischer Legationsrat in Frankfurt lebte; ihn zählt Goethe unter die Männer, die durch ihre Persönlichkeit und literarischen Verdienste seine frühste Bildung begünstigten. Moser stand in Verbindung mit dem Kreis der Frommen, dessen Mittelpunkt Susanna Katharina von Klettenberg war.

   Dies edle weibliche Wesen, dem Goethe in den „Bekenntnissen einer schönen Seele“ ein unvergängliches Denkmal gesetzt hat, hatte in dieser und einer spätern Jugendperiode Goethes einen großen Einfluss auf seine religiöse und moralische Bildung, dessen dankbare Erinnerung ihn bis ans Ende des Lebens begleitete, so dass er noch in seinem achtzigsten Jahr bekannte, es habe ihn öfters im Leben der Gedanke beschlichen, ob er wohl Recht daran getan, einer Richtung sich abgewendet zu haben, die seinem Geist und auch seinem Herzen lange Zeit äußerst wohltätig erschien. Fräulein von Klettenberg gehörte einer der ersten patrizischen Familien Frankfurts an, und ihre Jugendverhältnisse glichen denen, in welchen wir den jungen Goethe sich bewegen sehen. Was ihr dadurch an Weltbildung und Lebensgenuss zu Teil geworden war, hatte ihrer Seele nicht den Frieden gegeben, nach welchem ihr Inneres verlangte. Da erkannte sie fest und fester in dem Heiland den überirdischen Freund, der ihr Ruhe und Trost brachte; im Hinblick auf ihn wurden ihr auch die Leiden eines kränkelnden Körpers leicht. Aus den größern Kreisen, in welchen sie ihre Jugend zugebracht hatte, zog sie sich zurück und gesellte sich zu gleich gestimmten Gemüteren, auf welche die Reinheit ihres Herzens, das allen Heuchelschein verschmähte, ihre erhebende Religiosität eine nachhaltige Anziehungskraft ausübte. Auch die Frau Rat Goethe, deren Gemüt das häusliche Leben an der Seite eines ernst in sich verschlossenen Gatten nicht auszufüllen im Stande war, zählte sie zu ihren Freundinnen; sie überturg diese Liebe auf das viel versprechende Kind, das sie auf den Weg zu leiten wünschte, auf welchem sie das reinste irdische Glück gefunden hatte.

   Ohne Zweifel hatte sie schon damals an seinem Hang zu religiöser Kontemplation, der an die Stelle der überreizten Theaterlust getreten war, und an seinen biblischen Studien großen Anteil. Allein, was er empfing, musste sein lebhafter Geist auch wieder in seiner Weise reproduzieren. Als 1761 der Senior des Ministeriums, der hoch verehrte Fresenius, starb, und der bisherige Professor zu Marburg, Plitt, an seine Stelle trat, kündigte dieser eine Art von Religionskursus an, den er in einer Reihe von Predigten durchzuführen beabsichtigte. Der kleine Goethe schrieb auf seinem zum Hören sehr bequemen, übrigens aber verborgenen Sitze die Hauptpunkte der Predigt nach und diktierte sie zu Hause rasch dem Schreiber des Vaters in die Feder, so dass er die geschriebene Predigt noch vor Tisch dem erfreuten Vater überreichen konnte. Freilich heilt dieser Eifer kaum ein Vierteljahr gleichmäßig an, und die Predigten schrumpften in der zweiten Hälfte des Kirchenjahrs zu kleinen Blättchen zusammen.

   Um diese Zeit wurde auch die Messiade stellenweise auswendig gelernt und dem Hausfreund, der das dem Vater missliebige Buch eingeschmuggelt hatte, häufig vorgetragen, dass ihm die Tränen in die Augen traten. In der Patriarchengeschichte ward der Knabe vor allem von den Schicksalen Josephs gefesselt und legte sie sich nach der Weise ähnlicher Dichtungen in seiner Phantasie zurecht. Seltsam, dass ihm nicht der Hexameter Klopstocks geläufig wurde, und er wegen eines Versmaßes ratlos war. Er entschied sich für eine prosaische Behandlung; Das Detail ward weitläufig ausgemalt, Episoden wurden eingeschaltet, und es schwoll das Werk weitläufig an, indem der junge Dichter es größtenteils dem Schreiber diktierte. Diesem Epos ward eine Sammlung geistlicher Oden angehängt, und gar bald ein sauber geschriebener Quartband dem Vater überreicht, der den Sohn mit besonderem Wohlgefallen aufmunterte, ihm alle Jahre einen solchen Quartanten zu liefern. Es lässt sich kaum bezweifeln, dass jene geistlichen Oden, in denen der Stil eines Elias Schlegel und Andreas Cramer nachgebildet war, ganz besonders dem Klettenbergischen Kreis zu Lieb verfasst waren. Am beifälligsten wurde die Ode zur Feier der Höllenfahrt Christi von dem Eltern und Freuden aufgenommen und gefiel auch dem jungen Dichter noch einige Jahre nachher so sehr, dass er sie zu Anfang des Jahres 1766 in einer Zeitschrift „der Sichtbare“ abdrucken ließ. Sie trägt hier die Überschrift: „Poetische Gedanken über die Höllenfahrt Jesu Christi, auf Verlangen entworfen von J. W. G.“ Als nach mehr als sechzig Jahren dies Blatt Goethe wieder vor die Augen kam, äußerte er: „Es ist möglich, dass das Fräulein von Klettenberg mich dazu veranlasst hat; ich wüsste nicht, wer von meinen Freunden einen solchen Gegenstand anders hätte verlangen können; es fehlte mir damals an Stoff, und ich war glücklich, wenn ich nur etwas hatte, das ich besingen konnte.“ Es ließ dieser Stoff nur eine einförmige Behandlung zu; aber die Schilderung ist voll Feuer und Leben, und in der im schönsten Ebenmaß dahin fließenden Sprache, der der Reim sich zwanglos anschmiegt, verkündigt sich schon der künftige Goethe, welcher „die Kunst, deutsch zu schreien, der Meisterschaft nahe brachte.“ In die neuesten Ausgaben der Werke Goethes ist dies Gedicht mit der Jahrzahl 1765 aufgenommen; es muss aber, wenn auch die spätere Feile, wahrscheinlich kurz vor dem Abdruck, nachgeholfen hat, schon um 1762 verfasst sein; außer einer bestimmten Angabe in „Dichtung und Wahrheit“ berechtigt uns zu dieser Annahme auch der Umstand, dass einige Jahre später sich Goethe dieser religiösen Poesie gänzlich entzogen hatte. Sein eigensten Wense zog ihn stets nach der andern Seite hin, und es war schon neben den geistlichen Oden ein Vorrat anakreontischer Gedichte entstanden, die er aber, „weil sie reimlos waren“, vielleicht auch noch aus einem andern Grund, dem Vater nicht zu überreichen wagte.

   Um diese Zeit meldete sich in Frankfurt ein englischer Sprachmeister, welcher sich gegen ein mäßiges Honorar anheischig machte, jedem, der nicht ganz roh in Sprachen sei, innerhalb vier Wochen das Englische zu lehren und ihn so weit zu bringen, dass er sich mit einigem Fleiß selbst weiterhelfen könne. Goethes Vater, dem des Lernens in seinem Haus nicht zu viel werden konnte, ergriff einer der ersten diese Gelegenheit, und bald gewann Wolfgang, der von der Grammatik einer Sprache rasch zu praktischer Anwendung und Ausübung überzugehen pflegte, auch in dieser Sprache eine solche Gewandtheit, dass er sich noch als Greis eines Gedichts in englischer Sprache erinnerte, worin er sich über Mangel an würdigen Gegenständen seiner Poesie beklagt hatte. Um die vielen Sprachidiome, deren er jetzt mächtig geworden war, nebeneinander zu beherrschen und in besseren Fluss zu bringen, erfand er einen Roman von sechs bis sieben Geschwistern, die, voneinander zerstreut, sich wechselseitig von ihren Empfindungen und Zuständen Nachricht geben. Der älteste Bruder berichtete mit aller Förmlichkeit einer guten deutschen Schreibart von den Ereignissen seiner Reise; eine Schwester schrieb in einem frauenzimmerlichen Stil, in kurzen Sätzen, von Haus- und Herzensangelegenheiten. Ein Studiosus der Theologie übernahm das klassische Latein und fügte wohl überdies ein griechisches Postscript hinzu. Andere Bücher, die in Hamburg und Marseille platziert wurden, führten die englische und französische Korrespondenz, und der jüngste gab den Eltern und Geschwistern mit den Chiffern des Judendeutsch zu raten und zu lachen. Der Armut an Stoff war durch die mannigfachen Situationen der Personen des Romans glücklich begegnet; es war ein Rahmen für die verschiedenartigen Bezüge des Lebens und für Schilderungen anziehender Nationalitäten und reizender Gegenden gegeben; „ich studierte“, erzählte Goethe, „die Geographie der Gegenden, wo meine Geschöpfte sich aufhielten, und erfand zu jenen trockenen Lokalitäten allerlei Menschlichkeiten hinzu, die mit dem Charakter der Personen und ihrer Beschäftigung einige Verwandtschaft hatten.“

   Wir sehen schon aus allem diesen, dass Rat Goethe seinen Sohn nicht bloß zu einem tüchtigen Gelehrten heranbilden wollte, sondern dass er ihm auch Gelegenheit zu verschaffen suchte, das, was ihm als elegante Bildung für die Welt zur Freude oder zur Empfehlung gereichen konnte, sich anzueignen. Der Zeichenunterricht ward daher in jenen Jahren mit Eifer betrieben. Der Vater gab selbst seinen Kindern noch in seinem Alter ein musterhaftes Beispiel, was Fleiß und Ausdauer vermag; obgleich er nie gezeichnet hatte, kopierte er jetzt, mit seinen Kindern wetteifernd, eine ansehnliche Sammlung von Köpfen des Piazzetta mit größter Sorgfalt und Sauberkeit. Eine solche Konsequenz war von dem lebhaften Knaben nicht zu erwarten, da kein entschiedenes Talent ihn an diese Übungen fesselte; doch kehrte er in späteren Lebensjahren noch oft zu ihnen zurück, und auch sie trugen dazu bei, sein Auge für die Gestalt der Dinge und für die Werke der bildenden Künste zu schärfen.

   Da auch der Klavierunterricht der beiden Kinder begonnen werden sollte, so ließ sich der Vater gern willig finden, Wolfgangs Wahl zu folgen, dem ein Musiklehrer bei einem zufälligen Zusammentreffen durch die Späße, mit denen er den Unterricht würzte, sehr gefallen hatte; Finger und Noten erhielten eine lustige Bezeichnung; alles schien unter dem besten Humor aufs schönste von Statten zu gehen. Als aber statt der erwarteten Unterhaltung die Unterrichtsstunden in trockener Weise verliefen, kühlte sich des Knaben Eifer bald ab, und der neue Flügel blieb unter den Händen der Schwester. Ein entschiedenes Talent zur Musik hatte ihm die Natur versagt; was er an musikalischem Feingefühl besaß, floss in die Melodie seiner Dichtersprache über. In seinen Jünglingsjahren beschäftigte er sich eine Zeitlang mit der Flöte, dann mit dem Violoncello, das ihm aber ebenfalls nicht lange zur Seite geblieben zu sein scheint.

   Es war ein Fehler in der Goetheschen Erziehung, dass alles zu früh und möglichst gleichzeitig gelernt werden sollte; dadurch ward die Neigung geteilt und geschwächt, der Hang zum Wechsel befördert. Daher konnte der Knabe an dem Unterricht im Fechten und Reiten, den die herkömmliche Mode zu einer gebildeten Erziehung für unerlässlich erachtete, in jenen Jahren keinen Geschmack finden. Mit dem Fechten wollte es ihm nicht gelingen, weil er anfangs bei einem renommistischen französischen Fechtmeister sich eine falsche Manier aneignete, die er später bei einem Deutschen, „der auf die strenge und tüchtige Weise zu Werke ging“, nicht so schnell wieder ablegen konnte, weshalb er sich über Zurücksetzung zu beklagen hatte. Den Reitunterricht verleidete ihm die Moderlust der engen widerlichen Reitbahn; auch wurden die unfreundlichen Zurechtweisungen, die er sich durch kleine Versehen zuzog, sowie das Gelächter und Gespött der Kameraden, woran ihn der Besuch einer öffentlichen Schule gewöhnt haben würde, bald unerträglich. Fortgesetzte Reitübungen in freier Luft machten ihn indes später zu einem kühnen und leidenschaftlichen Reiter. Auch der Fechtunterricht ward auf Akademien fortgesetzt.

   Begegnen wir somit unserm Goethe bald in dieser blad in jener Beschäftigung, begleiten wir ihn auf seinen Wanderungen zu Handwerkern und Künstlern, bei denen er fortwährend der Vermittler der Bestellungen und Anweisungen des Vaters war und an allem schaffen und Hervorbringen einen freudigen Anteil nahm, nehmen wir noch hinzu, wie er bei allerlei Experimenten des Vaters, dem Versuch der Seidenwürmerzucht, dem Bleichen der Kupferstiche usw. hilfreiche Hand zu leisten hatte: So wird es uns klar, dass er stets aus der poetischen Traumwelt und dem Ideenkreis seiner wissenschaftlichen Studien in das bewegte Treiben des tätigen Lebens hineingezogen ward, so dass eher zu fürchten war, dass diese andrängenden Zerstreuungen die geistige Kraft verflachen und verflüchtigen möchten. Auch scheinen diese gegen die Zeit seiner Konfirmation, zu Ostern 1763, auf sein Gemüt allzu mächtig eingewirkt zu haben; sonst würde unmittelbar nach dem innigen Eingehen auf die religiöse Richtung des Fräulein von Klettenberg und die sich daran knüpfende religiöse Poesie diese Weihe an ihm nicht so spurlos vorübergegangen sein, wie uns spätere Äußerungen unsers Dichters schließen lassen.

   Er war einem guten, alten, schwachen Geistlichen, weil er der Beichtvater des Hauses war, zum Religionsunterricht übergeben worden. Die Paragraphen der dogmatischen Lehrbücher und die biblischen Beweisstellen wurden taktfest eingeübt; aber das Gemüt blieb dabei ohne Wärme und Erhebung. Der Hauptprüfung ward durch das gedankenlose Hersagen einiger alten Formeln genügt. Und doch wurde das junge Gemüt schon durch mancherlei Zweifel gequält, auf die es nirgends Antwort erhielt. Im Beichtstuhl wollte er ein wohl memoriertes Bekenntnis, worin er seinem Seelenzustand Worte gegeben hatte, hersagen. Als er aber in den eng vergitterten Raum vor den Geistlichen trat, vermochte er nicht sie über die Lippen zu bringen; er schlug in der Verlegenheit das Buch auf, das er in Händen hatte, und las daraus die erste beste kurze Formel. Nach erhaltener Absolution entfernte er sich „weder warm noch kalt“ und ging des andern Tags mit den Eltern zum heiligen Abendmahl. Allein der Gedanke, dass einer, der das Sakrament unwürdig genieße, sich selbst das Gericht esse und trinke, ließ nicht ab ihn zu beunruhigen; er beschäftigte seine Einbildungskraft lange und wiederholt mit den Vorstellungen der schrecklichsten Sündenstrafen und ließ ihn nur mit Angst dem Tisch des Herrn nahen, bis eben diese ihn zuletzt davon fern hielt. Seinem Hang zum Geheimnisvollen wären Symbole und Zeremonien willkommen gewesen, die seine Phantasie in Bewegung setzen. Dieser zog ihn häufig in die Synagoge der Frankfurter Judenstadt; er wohnte einer Beschneidung und einer Hochzeit bei und machte sich ein Bild vom Lauberhüttenfest. Er fand die Menschen tätig und gefällig, und selbst dem Eigensinn, womit sie an ihren Gebräuchen hingen, konnte er seine Achtung nicht versagen. Überall ward er wohl aufgenommen und zur Wiederkehr eingeladen.

   An dieser Entfremdung von der Kirche hatten auch einige gelehrte Sonderlinge, deren Unterhaltung ihn mehr als die seiner Altersgenossen fesselte, weil sie eben durch ihre Originalität seinem Geiste zu denken gaben, einen bedeutenden Anteil, besonders der Hofrat Huisgen, ein tüchtiger Jurist, der mit Gott und der Welt zerfallen war, so dass er selbst an Gott Fehler entdecken wollte und nie eine Kirche besuchte; besonders empfahl er dem Knaben Agrippa de vanitate scientiarum, sein Lieblingsbuch, und setzte damit das junge Gehirn in nicht geringe Verwirrung. Mit diesem und andern namhaften Frankfurter Juristen kam der junge Goethe jetzt umso mehr in nähere Berührung, als sein Vater ihn zu einem künftigen Juristen bestimmte und bereits in diesen Jahren in die Vorhöfe der juristischen Gelehrsamkeit einzuführen begann. Er lernte den Hoppschen Katechismus der Institutionen auswendig und wusste sich bald im Corpus Juris so gut zurechtzufinden, wie in seiner Bibel. Die älteren juristischen Freunde hatten an ihm ein Wohlgefallen, wie an einem geleibten Sohn. Huisgen empfahl ihm ein tüchtiges Rechtsstudium, obwohl in seiner menschenfeindlichen Weise mehr als ein notwendiges Handwerk, damit man sich und das Seinige gegen das Lumpenpack von Menschen regelmäßig verteidigen, einem Unterdrückten beistehen und allenfalls einem Schelm etwas am Zeuge flicken könne. Von Reineck, ein durch Starrsinn und Prozesssucht unglücklicher, übrigens brav gesinnter Mann, suchte ihn für die diplomatische Laufbahn zu gewinnen und belehrte ihn in Unterhaltungen, die seinen menschenfeindlichen Sinn zu erheitern schienen, von Welt- und Staatsverhältnissen, wogegen im Poesie und Schriftstellerei möglichst verleidet wurde.

   Ungleich wohltuender war für den angehenden jungen Juristen der Verkehr mit dem berühmten deutschen Publizisten Johann Daniel von Olenschlager, einem durch Geschichte und schöne Literatur, durch diplomatische Geschäfte und darauf bezügliche Reisen vielseitig gebildeten Mann, welcher, ganz im Gegensatz zu jenen timonischen Naturen, auch in seinem äußern Erscheinen und Benehmen den feinen Weltmann repräsentierte. Es ist höchst wahrscheinlich, dass er in seinen Jugendjahren jener Verlobte des Fräuleins von Klettenberg war, der in den Bekenntnissen einer schönen Seele unter dem Namen Narziss eingeführt wird; die Verschiedenheit der Charaktere und Lebensansichten der Verlobten löste diese Verbindung. Er ward 1747 zum Senator in seiner Vaterstadt erwählt und stieg 1761 zu der Würde eines Schöffen. Den jungen Goethe hielt er sehr wert und suchte ihn zum Hofmann und Diplomaten heranzubilden. In jenen Jahren, wo Goethe am meisten um ihn war, verfasste er seine (1766 im Druck erschienenen) Erläuterungen der goldenen Bulle; diese Beschäftigung mit der älteren deutschen Reichsgeschichte gab ihm häufig Veranlassung, in seinen Unterhaltungen jene unruhigen Zeiten recht lebhaft auszumalen. Schon oben haben wir bemerkt, dass seine Liebe zu geistreicher poetischer Unterhaltung ihn bestimmte, deutsche und französische Schauspiele von Kindern aufführen zu lassen.

   Indes versäumte auch der Vater nicht, den juristischen Lehrkursus fortzusetzen, um den Sohn baldmöglichst der Akademie zu übergeben. Seine Art zu unterrichten fand dieser jedoch immer weniger ansprechend, und wie seinem Unterricht, entwuchs er auch mehr und mehr seiner Erziehung. Die wohlgemeinte sittliche Strenge derselben fand bei der Mutter keine Unterstützung; vielmehr schloss sie mit ihren Kindern einen Bund der Nachsicht und des Vertuschens, woraus für die Erziehung die größten Nachteile hervorgingen. Der Verkehr mit dem Derones und das Umherstreifen in der Judenstadt deuten schon darauf hin, dass wenig darauf geachtet ward, wo und wie der Knabe seine Freistunden zubrachte, und da der häusliche Unterricht bei aller Mannigfaltigkeit keinen regelmäßigen Schritt ging, sondern mehr ruckweise vorwärts kam, so gab es deren zu Zeiten sehr viele. Kaum dem Knabenalter entwachsen, war er in der Wahl seines Umgangs und seiner Vergnügungen meist sich selber überlassen. Daher traten die Schatten- und Nachtseiten des gesellschaftlichen Lebens, allzu früh für seine kindliche Unschuld, ihm unverhüllt vor das Auge. Welch einen bodenlosen Abgrund der Unsittlichkeit des städtischen Familienlebens decken die Äußerungen unsers Dichters auf, womit er die Besprechung seiner ersten dramatischen Dichtung begleitet, mag auch Einzelnes darin übertrieben sein! „Wie viele Familien hatte ich schon näher und ferner durch Banqueroute, Ehescheidungen, verführte Töchter, Morde, Hausdiebstähle, Vergiftungen entweder ins Verderben stürzen oder auf dem Rand kümmerlich erhalten sehen, und hatte, so jung ich war, in solchen Fällen zu Rettung und Hilfe öfters die Hand geboten; denn da meine Offenheit Zutrauen erweckte, meine Verschwiegenheit erprobt war, meine Tätigkeit kein Opfer scheute und in den gefährlichsten Fällen am liebsten wirken mochte, so fand ich oft genug Gelegenheit zu vermitteln, zu vertuschen, den Wetterstrahl abzuleiten und was sonst nur alles geleistet werden kann, wobei es nicht fehlen konnte, dass ich sowohl an mir selbst, als durch andere zu manchen kränkenden und demütigenden Erfahrungen gelangen musste.“ Wer mit dem weichen, noch haltungslosen Herzen der angehenden Jugend auf solch einen schlüpfrigen Boden sich begibt, wird, ohne es zu wollen, in den Fall derer, denen er zu helfen und zu dienen meint, mit herabgezogen, und hat, auch wenn er sich wieder erhebt, schwere Opfer bringen müssen.

   Es gab damals in Frankfurt – und Ähnliches wiederholt sich stets in großen Städten – eine Klasse junger Bursche, die sich bei mäßiger Bildung durch Elementarunterricht, Abschreiben, Entwerfen kleiner schriftlichen Aufsätze und allerlei Handlanger- und Vermittler-Dienste in guten und schlimmen Geschäften einen kärglichen Erwerb verschafften. Die Gewinnsucht ließ dabei nicht sehr gewissenhaft sein und reizte auch wohl zu schlechten Streichen. In einen gefährlichen Verkehr mit solchen jungen Leuten geriet Goethe durch einen etwas älteren Bekannten, welcher, da er niederen Standes war, nur außer dem Haus mit ihm zusammentraf. Dieser benutzte das Talent seines poetischen Freundes, indem er seine Autoreitelkeit mit ins Spiel zu bringen wusste, um von ihm einige Gelegenheitsgedichte zu erhalten, womit die kleine Bande ein Geschäft zu treiben schien. Zuerst begehrte man von ihm eine poetische Liebesepistel, welche mit verstellter Hand abgeschrieben und einem eingebildeten jungen Mann zugeschoben ward, als gestehe ihm darin ein junges Mädchen, dem er den Hof gemacht hatte, ihre Neigung und suche Gelegenheit ihm näher bekannt zu werden. Diese Mystifikation ward in gewinnsüchtiger Absicht weiter ausgesponnen, und Goethe abermals ersucht, in ähnlicher Weise, als handle sich nur um einen poetischen Scherz, eine Antwortepistel des Liebenden zu verfassen. Eine kleine Gasterei ward eines Abends auf Kosten des also Dupierten gegeben, und bei dieser sah Goethe zum ersten Mal – Gretchen. Sie war ein armes Mädchen, das in diesem Haus bei ihren Verwandten ein Unterkommen gefunden hatte und durch Spinnen und Nähen mit erwerben half; eine Zeitlang war sie als Gehilfin bei einer Putzhändlerin beschäftigt. Eine natürliche Anmut – so tritt sie in der Schilderung unsers Dichters vor uns – war über ihr ganzes Wesen ausgebreitet und hob alle ihre Bewegungen. Ihre Haltung war sittsam; gegen ungeziemende Vertraulichkeiten beobachtete sie eine anständige Zurückhaltung. So erschien sie als eine zarte, reine Jugendblüte dem in erster Liebe aufflammenden Jünglingsherzen, so dem Mann, als sie ihm zu Margaretes und Clärchens Bild saß, so noch dem Greis, als in seiner dichtenden Erinnerung noch einmal ihre liebliche Gestalt an ihm vorüberging. Ist hier der Wahrheit ein Liebestraum untergeschoben, der die Reize der Koketterie mit denen der Unschuld verwechselte? Hatte sie in einer Umgebung, die planmäßig einen unrechtlichen Gewinn betrieb, die sittliche Stärke ins ich gefühlt, den Verlockungen und Versuchungen, denen Schönheit und Armut ausgesetzt sind, zu widerstehen? Oder begann Goethe, in ihren Augen „noch ein Kind“, die Schule der Liebe mit der Rolle Brackenburgs? Solche Bedenken werden notwendig rege, wenn wir in ihrer Wohnung auch jenen jungen Freund, der Goethe dort eingeführt hatte, mit einem lockern Bräutchen, das er abends nach einer verdächtigen Gasse begleitet und durch ein Hinterpförtchen in ihre Wohnung bringt, unter vertraulichen Liebkosungen verweilen sehen, wenn dort Gespräche über allerhand Familienverhältnisse geführt werden, über deren Unsittlichkeit kein Zweifel sein kann. Eine höhere Natur Gretchens scheint allerdings darin sich kund zu geben, dass sie ihren jungen Liebhaber vor den Mystifikationsplänen warnt, dass sie ihm rund heraus sagt, es gezieme sich nicht für ihn, als einen Sohn vornehmer und gebildeter Eltern, in solch einen Verkehr sich einzulassen; uns dünkt fast, wir hörten schon Margaretes Worte durchklingen: „Es tut mir lang’ schon weh, dass ich dich in der Gesellschaft seh’“, Aber gerade der Wunsch, sich der Geliebten nähern zu können, bannte ihn unwiderstehlich in diesen Kreis. Er ließ sich’s gefallen, wenn man seine Verse zu beliebigen Zwecken missbrauchte und das dafür gelöste Geld in kleinen Gelagen verzechte. Überall suchte sein Auge nur nach ihr. Er ging in die Kirche, um mit seinem Blick bei ihr zu verweilen, er harrte ihrer auf der Straße, um von einem flüchtigen Gruß beglückt zu werden; endlich verging fast kein Tag mehr, wo er nicht abends zu ihr hineilte. Dort waren die regelmäßigen Zusammenkünfte des kleinen seltsamen Clubs. Nicht selten dehnten sich diese bis tief in die Nacht hinein aus, daher Wolfgang, um noch spät ins elterliche Haus kommen zu können, sich einen Hausschlüssel machen ließ. Einstmals verstrich ihm eine ganze Nach tim fremden Haus; die Mädchen legten schlummernd das Köpfchen auf die Schulter ihrer jungen Liebhaber. Als dem Vater am folgenden Morgen sein Wolfgang beim Tee fehlte, wusste die Mutter, „deren Vermittlung uns immer zu Gute kam“, die Abwesenheit des Sohnes durch ein frühzeitiges Ausgehen desselben zu beschönigen, und er „empfand von dieser unschuldigen Nacht keine unangenehmen Folgen“. So ließ ihn diese schwachherzige Mutterliebe fort und fort die gefährliche Straße wandeln. Es war ein unsittliches Treiben, das der Schleier der Dichtung vergebens zu verhüllen sucht.

   Wir haben uns mit dieser Erzählung dem Frühling des Jahres 1764 genährt, wo Frankfurt der Schauplatz einer Haupt- und Staatsaktion des heiligen römischen Reiches ward. Dem Kriegsschauspiel folgten die Friedensfeste. Die kurfürstlichen Stimmen waren für die Kaiserwahl Josephs II. gewonnen, und es blieb nach altem Brauch nur noch übrig, diese Handlung mit herkömmlichem Schaugepräge und Zeremoniell in Szene zu setzen und in der Wahl- und Krönungsstadt zur Aufführung zu bringen. Mit einer geschickten dramatischen Wendung führt uns Goethe in seinen biographischen Schilderungen, gleich wie es seine Poesie so glücklich im Egmont durchgeführt hat, aus Gretchens ärmlichem Bürgerhaus zu den Galaaufzügen, mit denen Fürsten und gesandte nebst ihrem zahlreichen Gefolge Franz I. und Joseph II. umgaben, sowie zu den tumultuarischen Volksszenen, welche die Festlust hervorrief und ein alter Brauch schützte. Seine Teilnahme daran ward noch ganz besonders gesteigert, indem der Vater diese glänzende Reichshandlung benutzte, um ihn mit den verwickelten Statuten, welche das deutsche Reich kümmerlich zusammenhielten, vertrauter zu machen und den Hergang von seiner Hand aufzeichnen zu lassen, nicht minder auch, weil er alles in der freudigen Erwartung sah, der Geleibten bei den abendlichen Zusammenkünften in lebendiger Erzählung Bericht abstatten zu können. Die Festfreuden, welche schon um die Mitte des März begonnen hatten, erreichten ihren Höhepunkt mit dem Krönungstage, dem dritten April, wo den öffentlichen Aufzügen und dem großen Festmahl die glänzende Illumination des Abends folgte. Verkleidet, um nicht erkannt zu werden, durchstrich Wolfgang an Gretchens Arme, in Gesellschaft seines jungen Freundes, dessen Bräutchen natürlich auch nicht fehlte, die hell erleuchteten Straßen der Stadt, bis sie zuletzt ermüdet sich in eine Restauration begaben, wo sie einen Teil der Nach tim glücklichsten Geplauder hinbrachten. Als er Gretchen bis an ihre Tür begleitet hatte, küsste sie ihn auf die Stirn. Es war das erste und das letzte Mal, dass sie ihm diese Gunst erwies, denn er sollte sie nicht wieder sehen.

   Den anderen Morgen lag er noch im Bett, als seine Mutter verstört und ängstlich herein trat. „Steh auf“, sagte sie, „und mache dich auf etwas Unangenehmes gefasst. Es ist heraus, dass du sehr schlechte Gesellschaft besuchst und dich in die gefährlichsten und schlimmsten Händel verwickelt hast. Der Vater ist außer sich, und wir haben nur so viel von ihm erlangt, dass er die Sache durch einen Dritten untersuchen will.“ Dieser war ein langjähriger Hausfreund, Rat Schneider, dem das schwierige Geschäft oblag, ihn mit der Sachlage, in deren Hintergrund eine polizeiliche Untersuchung drohte, bekannt zu machen und ihm ein Bekenntnis über seine Mitschuld abzugewinnen. Wolfgang geriet in die leidenschaftlichste Aufregung. Verdruss über die Entdeckung, Furcht vor ehr ehrenrührigen öffentlichen Enthüllungen, Besorgnis um seine Freunde und Gretchen, alles dies erschütterte ihn aufs tiefste, so dass er sich den heftigsten Ausbrüchen der Gemütsbewegung und dem unbändigsten Schmerz überließ, sich auf den Boden niederwarf und ihn mit seinen Tränen benetzte. Mutter und Schwester traten, vergebens beschwichtigend, mit Trostesworten an ihn heran; noch manche ganze und halbe Nächte wurden durchweint. Vor der Hand war ihm geboten, auf seinem Zimmer zu bleiben. Allein schon nach wenigen Tagen kündigte man ihm die Verzeihung des Vaters an, der von dieser Leidenschaft bedenkliche Folgen für seine Gesundheit befürchten mochte, die auch nicht ganz ausblieben. Er war sogar bereit, mit ihm zu den Feierlichkeiten zu gehen, die noch dem Krönungstage folgten; aber diese Herrlichkeiten waren für sein wundes Gemüt nicht mehr da. Jenen jungen Leuten indes, mit denen er in Gretchens Wohnung in Berührung gekommen war, gereichte die, wenn auch entfernte, Mitschuld des Sohnes einer Patrizierfamilie zur Rettung. Obgleich einige von ihnen sich grober Kriminalvergehen schuldig gemacht hatten (denn „es war von nichts Geringerem, als nachgemachten Handschriften, falschen Testamenten, untergeschobenen Schuldscheinen und ähnlichen Dingen die Rede“), so warf doch die Obrigkeit einen Schleier darüber und verfuhr möglichst schonend. Wolfgangs nächste Bekannte kamen mit einem Verweis davon. Gretchen verließ Frankfurt und kehrte in ihre Heimat zurück, wie es hieß, aus freier Wahl. Dass sie zu den Akten erklärt hatte, sie habe ihn immer als ein Kind betrachtet, heilte den jungen Liebhaber fast von seiner Leidenschaft; doch ihr Bild zog immer noch aufs neue das Herz nach sich und hat es, durch die Dichterphantasie verklärt, für immer festgehalten.

   Der Vater heilt es für angemessen, seinem Sohn einen jungen Gelehrten als Gesellschafter und Aufseher zuzugesellen. Den Namen desselben hat uns Goethe nicht aufbewahrt; er hatte eine Hofmeisterstelle in einem befreundeten Haus bekleidet; sein bisheriger Zögling war zur Universität abgegangen. Da Wolfgang nicht mehr als ein Knabe betrachtet sein wollte, so konnte diese pädagogische Aufsicht nicht anders als kränkend für ihn sein. Indes fand er sich blad darein, da er den Charakter seines Führers schätzen und seiner wohlwollenden Gesinnung vertrauen lernte. Den geistigen Verkehr mit seinem leidenschaftlich erregten jungen Freund zu beleben suchte jener das Interesse desselben für die Philosophie zu gewinnen, die er unter Darjes in Jena mit Liebe studiert hatte. Allein bei seinem skeptischen Schüler, der sich den Problemen der Philosophie nur durch das Meidum der Poesie und der Religion zu nähern vermochte, wollten die mathematischen Demonstrationen und Verstandesdeduktionen der Wolffischen Philosophie nicht verfangen, und da dieser dem dogmatischen Vortrag nichts abgewinnen konnte, so ward mit der Geschichte der alten Philosophie ein Versuch gemacht. Am anziehendsten waren für Goethe die Philosopheme der Urzeit, wo sie noch mit Poesie und Religion zusammenfallen und im poetischen Gewand erscheinen. Für den hohen Flug des Plato und den Scharfsinn des Aristoteles konnte ihm der dürftige Auszug eines Kompendiums keine Begeisterung einflößen; die Lektüre des Griechischen war leider! Beim neuen Testamente stehen geblieben. Nur die stoische Moralphilosophie des Epiktet ward mit vieler Teilnahme studiert.

   Mit eintretender schöner Jahreszeit machte er mit seinem Mentor manche Ausflüge ins Freie; doch fühlte er sich unheimlich an Orten, wo sich viele Gesellschaft zusammenfand, weshalb er auch seine Wanderungen durch die Straßen der Stadt möglichst beschränkte. „Mir waren“, äußert er, „die gleichgültigsten Blicke der Menschen beschwerlich; ich hatte jene bewusstlose Glückseligkeit verloren, unbekannt und unbescholten umherzugehen und in dem größten Gewühl an kleinen Beobachter zu denken“; auch mochte er sich des Aufsehers schämen, der ihn wie sein Schatten zu begleiten verpflichtet war. Daher lenkte er seine Schritte am liebsten nach einem benachbarten Wäldchen, wo die Einsamkeit sein Gemüt zum Frieden und zur Erholung stimmte. Etwas Mutwille mischte sich auch darein gegen den älteren Freund, der in mancher einsamen Stunde kein anderes Mittel gegen die Langeweile fand, als sich mit einem Buch auf ein gefälliges Plätzchen hinzusetzen und seinen launenhaften Zögling gewähren zu lassen. Dieser suchte dagegen seine Zeichenkunst wieder hervor und übte sich nach der Natur zu zeichnen. Diese Blätter, so unvollkommen sie ausfielen, machten dem Vater, dessen liebevollen Sinn man gerade hier neben der pädagogischen Strenge höchst achtungswert hervortreten sieht, eine große Freude. Er zog Linien um jede unvollkommene Skizze, schnitt die unregelmäßigen Blätter zurecht und machte damit den Anfang zu einer Sammlung, in der er sich dereinst der Fortschritte seines Sohnes freuen wollte. Nach und nach gab er seinem Sohn wieder völlige Freiheit, da er nicht mehr glaubte befürchten zu müssen, dass dieser in seine früheren Neigungen und Verhältnisse zurückfallen möchte. Er gewährte daher auch gern kleine Exkursionen in die entlegenere Umgebung der Vaterstadt. Die reizenden Taunusgegenden, die herrlichen Rheinufer bei Mainz und Biberich gewährten mehrere Tage hindurch die reinsten Naturfreuden, und die Mappe des Zeichners trug die Bilder von mancher Landschaft und mancher Ruine als Erinnerung an schön verlebte Stunden heim. Das Vaters zarte Aufmerksamkeit und Ermunterung blieb sich auch hier gleich. Er ließ das Zusammenpassende durch den Buchbinder aufziehen, fasste die einzelnen Blätter in Linien und nötigte den jungen Zeichner dadurch, die Umrisse verschiedener Berge bis an den Rand zu ziehen und den Vordergrund mit einigen Kräutern und Steinen auszufüllen.

   In der Abgeschlossenheit, in der der junge Goethe aus Zwang und aus eigener Wahl meistenteils lebte, hatte sich sein Verhältnis zu seiner Schwester Cornelia mehr und mehr zu einer Innigkeit herangebildet, die der leidenschaftlichen Neigung eines liebenden Paars wenig nachstand. Von geselligem Verkehr außer dem Haus mehr noch als der Bruder ferngehalten, fand sie an diesem den einzigen Vertrauten ihrer Empfindungen; bei dem Verlust Gretchens war sie stets mit liebevollem Trost um ihn und suchte ihm etwas zu sein, ihm die Verlorne zu ersetzen. Die Rollen der Geschwister schienen getauscht. Dem weichen, liebebedürftigen Herzen des Bruders tat das männliche Wesen der Schwester, das mehr geeignet schien zu geben als zu empfangen, besonders in seiner damaligen Gemütslage unendlich wohl. Verstand und Klarheit des Sinnes sprach aus ihren tiefen, glänzenden, vorliegenden Augen, wie von ihrer rein gewölbten Stirn; aber ihre Gesichtsbildung war nicht schön, der Ausdruck entbehrte der Sanftheit und weiblichen Anmut. Sie genoss bei ihren Freundinnen unbegrenztes Vertrauen, Achtung und Liebe; auf junge Männer wirkte sie mehr imponierend und zurückstoßend, als anziehend. Daher fühlte sie sich stets auf sich selbst zurückgewiesen, und suchte und fand in der Liebe des einzigen Bruders einen Ersatz. Jedoch entwickelte sich ein vorübergehendes zärtliches Verhältnis zu einem jungen Engländer, der sich in einem Frankfurtischen Institut bildete. Dieser verkehrte gern in dem Goetheschen Haus und war mit Wolfgang befreundet. Die Kenntnis der englischen Sprache, die nicht sehr verbreitet sein mochte, hatte diesen Umgang zuerst vermittelt, und die Goetheschen Kinder fanden Gelegenheit, sich die schwierige Aussprache des Englischen mehr anzueignen und sich in der Konversationssprache auszubilden; die Bemühungen des Engländers, von ihnen auf gleiche Weise so viel vom Deutschen zu lernen, wollten nicht gelingen. Bekanntlich ist solch ein Bestreben des wechselseitigen Lehrens und Lernens vornehmlich geeignet, Vertrauen und Vertraulichkeit zu erwecken und zu fördern. Musste schon dieser Umstand ihm Interesse für Cornelie einflößen, so sagte ihm auch ihr entschiedenes, klares Wesen zu, indem auch bei ihm unter einer kalten Außenseite ein Herz voll Güte und Liebe verborgen lag. Die zärtlichen Aufmerksamkeiten und Herzensangelegenheiten, deren Vertrauter der Bruder war, wurden in englischer Sprache schriftlich und mündlich verhandelt, und unter diesem Beding ließ sich selbst die Strenge des Vaters etwas gefallen. Durch Anschließen von Freunden und Freundinnen des einen und des anderen entstand ein kleiner Verein, welcher im Winter durch Schlittenfahrten, in der schönen Jahreszeit (1765) durch gemeinsame Ausflüge aufs Land und lustige Wasserfahrten sich gegenseitig erheiterte. Unschuldige Galanterien blieben nicht aus und erhöhten den Reiz der Vergnügungen. Auch die Muse fand sich wieder als muntere Gesellin ein. Die geselligen Lustpartien wurden poetisch und humoristisch aufgestutzt, und auch die Poesie unsers Goethe kam wieder in Fluss. Dabei hatte er einen Rivalen an seinem Freund Johann Adam Horn, einem kleinen Bürschchen von unverwüstlicher Heiterkeit, und Goethe umso lieber, als er in ihm den künftigen Mitgenossen seiner akademischen Freuden sah. Dieser besang in einem komischen Heldengedicht nach Zachariäs Manier, die damals beliebt war, die Abenteuer einer Schlittenfahrt, wo einem täppischen Menschen ein Unfall nach dem andern begegnet, bis zuletzt seine Schöne die Zügel ergreift und allein nach Hause fährt, wo der begünstigtere Freund sie triumphierend empfängt. Das älteste Mitglied der Gesellschaft war ein geistreicher Sonderling, der seinen Scharfsinn auf Jesuitenschulen erworben hatte, aber nur von der schlimmen Seite, so dass sie sich gern als Menschenverachtung äußerte. Er behandelte das Leben humoristisch und wusste durch launige Einfälle und gewandte gesellige Arrangements viel zur Erheiterung beizutragen. Für seine Lebensansichten suchte er Goethe zum Proselyten zu machen und mochte in dessen Gemüt, das die letzten Erlebnisse noch nicht verwunden hatte, einen nur allzu empfänglichen Boden finden; wenigstens war sein Lieblingssatz, dass, wer seine Leidenschaften, Neigungen, Wünsche, Vorsätze und Pläne nicht zu verbergen wisse, in der Welt zu nichts komme, sondern aller Orten und enden gestört werde, eine Lebensmaxime, die Goethe in der Folgezeit zu der seinigen machte.

   Ungeachtet solcher Zerstreuungen wurden die wissenschaftlichen Studien eifrig fortgesetzt, wenn gleich in jener desultorischen Weise, die besten Falls zu einem enzyklopädischen Wissen führte, worauf von vornherein des Vaters Lehrmethode angelegt war. Juristische Lehrbücher wurden unter Anleitung des Vaters eingeübt; enzyklopädische Werke, wie Morhofs Polyhistor und das historisch-philosophische Wörterbuch des skeptischen Bayle, beschäftigten besonders die Wissbegierde des strebenden Jünglings. Da alle diese Erörterungen und Untersuchungen von jenem Kursus der Geschichte der Philosophie bis zum Bayleschen Wörterbuch immer und immer auf das klassische Altertum als die Grundlage alles Wissens hinwiesen, so widmete er sich – das Griechische war fast vergessen – mit anhaltendem Fleiß der Lektüre der lateinischen Autoren und schloss damit, von dem richtigen wissenschaftlichen Takt, der ihm so oft zu Hilfe kam, glücklich geleitet, in geeignetster Weise die Vorbereitung zum akademischen Studium.

   Schon mit eben erst vollendetem sechzehnten Lebensjahr sollte er zu diesem übergehen. Geistig war er dazu genügsam vorgebildet, wenn man ihn mit andern, die zur Universität ziehen, verglich, obwohl sein sittlicher Charakter noch der Festigkeit entbehren musste, um so früh der Einwirkung des elterlichen Hauses entzogen werden zu können. Ihm jedoch erschien dieses und seine Vaterstadt nur als ein Kerker, aus dem er längst in die Freiheit sehnsüchtig hinausblickte. Daher ließ er sich gern von seinen jugendlichen Zukunftsplänen in die Ferne führen. Es erschien ihm nicht mehr als höchstes Ziel, im Rat seiner Vaterstadt eine Stelle einzunehmen und unter unverbesserlichen Missbräuchen des patrizischen Regiments, die er hinreichend durchschaut hatte, der Ungerechtigkeit und Bestechlichkeit der Parteien zuzusehen, oder wie sein Vater, von dem öffentlichen Leben zurückgezogen, ein unnützes Dasein hin zu leben. Das Lorbeerreis des Dichters winkte ihm entgegen, und er hegte im Stillen die Überzeugung, dass er wohl einmal neben Hagedorn, Gellert und andern solchen Männern mit Ehren dürfte genannt werden. Aber das Wünschenswerteste schien ihm für einen jungen Mann, der sich selbst auszubilden und zur Bildung anderer beizutragen gedachte, sich mit ernst zu den gründlichen Studien der Wissenschaft zu bekennen und sich zu einer akademischen Lehrstelle fähig zu machen.

   Sein Wunsch war daher nach der Universität Göttingen gerichtet, welche damals in die glänzende Epoche eingetreten war, wo sie dem gesamten Deutschland als der Sitz der höheren Gelehrsamkeit vorleuchtete. Rat Goethe hatte jedoch die juristische Studien- und Lebensbahn seines Sohnes so entschieden vorgezeichnet, dass jede Einrede von diesem und von wohlwollenden Hausfreunden vergeblich war. Leipzig, wo der Vater einen Teil seiner Studienzeit zugebracht hatte, war für den Sohn unabänderlich festgesetzt, und dieser bequemte sich zuletzt, sich vom Vater des Breiteren erzählen zu lassen, wie er den Kursus der Studien und des Lebens zu durchlaufen hätte, während er sich im Stillen mit ganz andern Projekten trug. Nur der Schwester ward das Geheimnis vertraut, die anfangs darüber erschrak, dann aber sich beruhigte, als der Bruder versprach, sie, wenn er fern von Frankfurt einen behaglichen Zustand erworben hätte, nachzuholen. Bei solcher Stimmung war es nicht zu verwundern, wenn er das väterliche Haus und die Stadt seiner Kindheit gleichgültig, wie wenn er sie nie wieder betreten sollte, hinter sich ließ, als er zu Michaelis 1765 in Gesellschaft des Buchhändlers Fleischer zur Allerheiligen-Pforte hinausfuhr, um die Straße nach Leipzig einzuschlagen.

„So wie ein Vogel, der auf einem Ast
Im schönsten Wald sich, Freiheit atmend, wiegt,
Der ungestört die sanfte Lust genießt,
Mit seinen Fittigen von Baum zu Baum,
Von Busch zu Busch sich singend hinzuschwingen.“

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de