Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das wilde Jahr

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Das wilde Jahr
            Vorwort
            Das Adlernest

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
            Die grüne Katze

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Das wilde Jahr
               Ausfahrt
               Walpurgisnacht
               Feuer im Schnee
               Die wilde Jagd
               Bergfrühling
               Panik im Wald
            Buch der Berge
            Pfingstorakel

Pfingstorakel

Kapitel 1

   Zwischen den unsichtbar wirkenden Kräften der uns umringenden Natur und den großen und kleinen Ereignissen unseres Lebens bestehen mysteriöse Zusammenhänge. Wir Intellektuellen bestreiten natürlich diese Wahrheit. Aber das Volk ist mit ihr vertraut, und ich habe da vor Zeiten einmal was Sonderbares erlebt.

   Genau dreißig Jahre sind es her. Ich hauste damals, ein Neunundzwanzigjähriger, als wilder Bergstürmer zu Königssee, am Fuß des Watzmann, beglückt durch eine Jagderlaubnis in den königlichen Leibgehegen von Berchtesgaden und Ramsau. Nicht nur ich, auch meine Büchse war halb irrsinnig vor Freude; ihre Kugeln flogen fast immer anders, als ich wollte.

   Am Pfingstsonntag, als es tagen wollte, verpatzte ich auf dem Kleinen Watzmann einen Gockel mit den berühmten krummen Federn. Warum mich grämen? Ich hatte ein feines Vergnügen genossen, und der Spielhahn behielt sein lustiges Leben. Also war uns beiden gedient. Doch der Jäger, der mich führte, wurde sehr verdrießlich. Der Mann hieß Köppel, hatte unter schneeweißem haar ein gesundes, faltenloses Jünglingsgesicht und war vierundsechzig Jahre alt. Er sagte: „Heut hätten S’ treffen sollen! Fehlen am Pfingstsonntag? Dös zahlt sich a Jahr lang schlecht aus.“

   Beim Niederstieg wollte ich aus meinem moosgrünen Juchtenetui eine Zigarette nehmen. Da kollerte ein nussgroßer Stein über die Wand herunter und schlug mir das Etui aus der Hand. Als ich es aufhob, sagte Köppel: „Dös Zigarettentaschl verlieren S’ heuer noch!“

   „Warum denn?“

   „Weil’s Ihnen heut aus der Hand g’fallen is. Am Pfingstsonntag befasst sich der heilige Geist mit der Weltordnung und tüpfelt alles aus, was in zweiafufzg Wochen passieren muss. Dös Zigarettentaschl verlieren S’! Da verwett ich an Kirchturm gegen a Schachterl Stiefelwichs.“

   „Köppel, du bist ein dummer Kerl!“

   „Natürlich, d’ Stadtleut sind allweil die G’scheidern. Warten wir’s ab!“

   Als wir zur Watzmannschneid hinüberkamen, wehte mir ein grober Windstoß den Hut davon.

   „Na also,“ sagte Köppel, „jetzt haben wir die heilige Dreizahl! A Spielhahn verpatzt, ’s Zigarettentaschl aus der Hand g’schlagen und der Hut beim Teufel! Passen S’ auf: Wann Ihnen heuer was Unliebsames begegnet, kommt’s allweil dreimal hintereinander.“ Im gleichen Augenblick machte ich unfreiwillig eine kleine Rutschpartie. Und Köppel dozierte: „Heuer müssen S’ fürsichtig sein! Sonst kunnt’s ebba schief gehen.“

   „Man steht in Gottes Hand. Aber schau, lieber Köppel, ganz kann deine Weisheit nicht stimmen! Was kann doch nicht dreimal hintereinander den Hals brechen. Nach dem ersten Mal unterlässt man die Wiederholung.“

   Ernst warnte der Jäger: „Tun S’ net spötteln! So was zahlt sich schlecht aus.“

   Ohne weiteren Zwischenfall kamen wir – ich so hutlos wie ein Renaissancejüngling von heute – zum Königssee hinunter, der wie ein geschliffener Riesensmaragd zwischen den sonnbeglänzten Felswänden schimmerte.

   Köppels Lehre vom Pfingstorakel, von den geheimnisvollen Zusammenhängen und der heiligen Dreizahl begann ihre Beweisfolge. An Bauerngeselchtem mit Sauerkraut und Schmalzkrapfen verdarb ich mir den Magen in sanitätswidrigem Grade und erlitt mit flinker Promptheit drei überaus peinvolle Katastrophen. Dann musste ich in einer Woche dreimal zum Zahnarzt nach Berchtesgaden; es war sehr unangenehm; damals verstanden sich die Dentisten noch nicht auf schmerzlose Manipulationen; sie operierten mit Lachgas, das nur auf die Tränendrüsen wirkte. Als der Zahn plombiert war, schlug sich mein Missgeschick auf die konträre Seite; innerhalb weniger Tage machte ich drei neue Lederhosen so gründlich kaputt, dass der Säckler beim Anblick der Fetzen gegangenen Hosenböden sagte: „Da g’hört a Kunst dazu!“ Es ist wahr, schon damals fühlte ich mich ein bisschen als Künstler – begann aber an meiner Begabung zu zweifeln, als mir eine Novelle, die ich in jener Zeit vollendete, hintereinander von drei Redaktionen abgelehnt wurde. Auch als Jäger bekam ich die mysteriösen Zusammenhänge empfindlich zu fühlen: In der zweiten Juniwoche verpatzte ich drei Rehböcke, zu Beginn der Feistzeit drei gute Hirsche. Diesen Pechferien gegenüber gewöhnte ich mir das nachdenkliche Sprichwort an: „Schau, schau, der Köppel!“ Wahrhaftig, der heilige Pfingstgeist meinte es in diesem Jahr nicht gut mit mir! Und zu Ende des Hochsommers tobte sich sein driefältiger Unmut höchst bedrohlich gegen mich aus. Noch heute, wenn ich an jene drei Augusttage anno 1885 zurückdenke, gruselt mir ein bisschen. Es ist bestaunenswert, was das menschliche Leder auszuhalten vermag, auch ohne dass es vorher gegerbt wurde.

   Eines Mittags, unter heißer Sonne, rannte ich mit der Büchse vom Königssee in die Ramsau, um hinter dem Wimbachtal, zwischen den Rauhköpfen, der Hundstodgrube und der Sigerethwand, auf Gämsen zu pirschen. Im Forstamt zu Ramsau musste ich mir erst den führenden Jäger holen. Der war vor einer Stunde davon gewandert, dorthin, wo ich pirschen wollte. Den herrlichen Abend versäumen? Nein! „Ein Stünderl? Das ist doch einzuholen!“ Ich lief wie ein Dackl, der was gestohlen hat. Gegen fünf Uhr nachmittags erreichte ich – innerlich sehr trocken, äußerlich ausgiebig angefeuchtet – die Jagdhütte auf dem Trischiblkopf, zwischen dem Hundstod und dem Großen Watzmann. Die Hüttentüre war versperrt. Ich juchzte. Keine Antwort. Flink hinüber zur Almhütte, weil ich dachte: Der Jäger säuselt mit der Sennerin. Auch hier eine versperrte Türe! Nun kannte ich mich aus: Der Jäger hatte mit der Sennerin gemacht, was man als „Ausflug“ zu bezeichnen pflegt. Vor der Finsternis kamen die beiden nicht heim.

   Also, um den Abend nicht zu vergeuden, eine Gamspirsch auf eigene Faust! Selbst ist der Mann. Ich stieg über die Rauhen Köpfe hinüber. Neben den von Latschengestrüpp überwucherten Felsbuckeln fiel eine tiefe Schlucht hinunter gegen das Wimbachtal. Drüben stieg die Rotleitenwand ins Blaue hinauf. Hoch droben, auf spärlichem Grasfleck, sah ich einen Gamsbock äsen. Der war anzupirschen, wenn ich von links die Schlucht umging und schräg in die Wand einstieg. Wie kam ich aber da nach glücklichem Schuss wieder herunter? Aufwärts, das geht. Doch zurück? In dem brüchigen Lehmgeschiefer fährt beim Niedersteigen aller Boden unter den Sohlen weg. Ein Rutsch, und durch die Schlucht geht’s hinunter ins Wimbachtal. Aber – der Gamsbock lockte – und ich dachte nimmer an den warnenden Pfingstsonntag, nimmer an den klugen Köppel.

   Mit dem Gucker suchte ich mir von der Stelle, auf der mein Gamsbock fallen musste, einen feinen Rückweg aus: Über ein langes, schmales Grasband zu einem Felsblock; da konnte man sich hinüberlupfen, dann auf besserem Boden zur Hundstodgrube und herunter.

   Los: Und ein bisschen flink! Der Abend begann schon rot zu werden. Hinauf! Das ging wie mit geölten Stiefeln. Einem Gamsbock entgegen – da hat man stählerne Stangen in den Knochen, hat Augen, die keine Gefahr sehen. Nun der Schuss! Wundervoll rollte das Echo über die glutstrahlenden Wände des Watzmann hin. Aber mein Gamsbock fiel nicht. Der pfiff mir was, sauste durch die Rotleite davon, und ein Regen von Steinen prasselte an mir vorüber. Als ich keinen Bock mehr sah, verloren die Stahlstangen in meinen Knochen ein bisschen an Festigkeit. Das lange schmale Grasband, über das ich meinen Rückweg suchen musste, erreichte ich wohl. Aber der Felsblock, über den ich mich hinüberlupfen sollte, und der sich von unten angesehen hatte wie ein tischhoher Brocken, war hier oben wie ein Haus. Da hinüber? Unmöglich. Ich musste unten um den Fels herumsteigen. Und der Abend begann schon in allen Farben zu erblassen, fing geheimnisvoll zu dämmern an.

   Bei jedem vorsichtigen Tritt, den ich machte, kollerte das Lehmgebröckel und das verwitterte Gestein davon. Um den Fels kam ich glücklich herum. Dann sperrte eine steile, dritthalb Metter breite Rinne meinen Weg, glatt ausgewaschen, so grad hinunterfahrend in die Schlucht, als hätte sie ein gewissenhafter Maurer nach der Schnur gezogen. Da durchsteigen? Das war sinnlos. Aber sitzen bleiben konnt’ ich noch weniger. Der Abend dunkelte. Es war vermutlich ein sehr schöner, stimmungsreicher Abend. Näher betrachtet hab’ ich ihn nicht.

   Gleich beim ersten Schritt in die Rinne rutschten die Nägel aus. Ich konnte mich noch zurückwerfen und Halt finden. Mein Bergstock surrte davon. Das war eins von den unbehaglichsten Dingen, die ich in den Bergen erlebt habe: dieses Klirren, Rasseln und Klingen des gleitenden Bergstockes hören zu müssen, bis er drunten lag in der Tiefe der Wimbachschlucht. Mir war, als hätte das eine Ewigkeit gedauert. Und ich musste denken: „Wird’s bei mir schneller gehen, weil ich schwerer bin – oder langsamer, weil ich ein paar Mal hängen bleibe?“

   Ich setzte mich auf den gut geflickten Boden meiner Lederhose und schoss zwei Kugeln in die Luft. Vielleicht hörte das der Jäger und kam. Helfen konnte er nicht. Aber für alle Fälle, er wusste dann doch, wo ich lag.

   Kein Laut, kein Schritt drunten, kein Jäger. Und die schattenseitigen Gehänge der Berge wurden schwarz im erlöschenden Abend.

   Blieb ich sitzen, so riss es mich während der Nacht hinunter. Ich musste den Sprung versuchen: zwei und einen halben Meter, ohne Anlauf. Erst warf ich die Büchse über die Rinne hinüber – sie blieb liegen – da drüben war guter, grasiger Boden. Dieser Glaube steifte mir die Knochen, und die heiße Sehnsucht, lebendig zu bleiben, half mir. Ich sprang. Um ein paar Spannen zu kurz. Die Schuhspitzen glitten aus, aber die Wucht des Sprunges schmiss meinen Oberkörper nach vorne, über den Bord des Grabens hinüber. Mit beiden Händen konnte ich einen Rasenschopf erwischen.

   Als ich neben meiner Büchse saß, rauchte ich fünf Zigaretten, eine flink nach der anderen. Was ich dabei gedacht habe …? Nichts. In solchen Minuten denkt man nicht. Man atmet nur wohlig auf und hat, ganz ohne Gedanken, die verlässliche Empfindung, dass das Leben eine wundervolle Sache ist.

   Das Weitere war noch Mühe, doch keine Gefahr mehr. Während ich in der sinkenden Dunkelheit durch die Hundstodgrube stolperte, vernahm ich rufende Stimmen. Zwei Jäger kamen: Der Jagdgehilfe Jochner, der den „Ausflug“ mit der Sennerin gemacht hatte, und der Ramsauer Forstgehilfe Moderegger, den meine drei Schüsse aus dem Wimbachtal herauf gerufen.

   In der Trischiblhütte gab’s noch ein paar lustige Schwatzstunden. Dann schlief ich wie ein Klotz. Vor Tagesanbruch weckten mich die Jäger. Ich dachte an die heilige Dreizahl des Köppel und war ein bisschen misstrauisch gegen den erwachenden Morgen. Aber das Misstrauen hat eine lockende Schwester: Die Neugier.

   Wir drei stiegen zum Sigerethkopf hinauf. Der Forstgehilfe Moderegger bleib bei mir auf dem Wechsel sitzen, und Jochner sollte mir zwei Gamsböcke zudrücken, die wir auf den Schutthalden unter der Sigerethwand gewahrt hatten. Fein kamen sie heraufspaziert. Alle beide fielen im Feuer. Aber einer sprang wieder auf und sauste davon, natürlich der bessere. Die Suche nach ihm blieb erfolglos. Na also, heim! Ein Gamsbock ist auch was Nettes.

   Beim Abstieg kamen wir zu einer Lawinengasse, die steil aus der Felswand herausstach und sich gegen das Trischibltal hinunter fächerförmig ausbreitete. Drunten, im Tal, da glänzte schon die rosige Sonne auf dem etwas verstaubten Weiß, doch hier oben bei uns war der alte, fest zusammen gebackene Schnee noch blau, war im Frühschatten und bei der Höhenkühle des Morgens so hart und glatt wie poliertes Holz. Jochner, der den erlegten Gamsbock auf dem Rücken trug, prüfte den Schnee mit seinem Bergstock und schüttelte den Kopf: „A na! Da tät’s heißen: Blad Bock oben, bald Jochner oben! Lieber mach ich an Umweg.“

   Ich musste lachen über das drollige Bild, das der Jäger fürs Purzeln und Überschlagen gefunden hatte. Aber bergauf einen beschwerlichen Umweg machen! Mir lag ohnehin schon die Müdigkeit in allen Gelenken. Und wo wir standen, war die Lawinengasse keine zwanzig Schritte breit. „Ach, was!“ Ich trat von der Felskante auf den abschüssigen Schnee hinaus.

   „Mensch“, sagte der Forstgehilfe Moderegger, „da wird’s hail sein.“

   „Es geht schon.“ Noch während ich redete, glitschte meine linke Sohle weg. Ich hörte hinter mir den Doppelschrei der beiden Jäger und sauste auf dem Rücken in ungemütlicher Schlittenfahrt über den stielen Schnee, der leeren Luft entgegen. Kein Schreck, kein bewusstloses Denken, nichts von der berühmten „Bilderflucht in einer Lebensgefahr“ – nur der Wunsch, mich zu halten und meine Büchse nicht zu verlieren; dazu eine tierisch instinktive Aufmerksamkeit. Obwohl die Fahrt immer schneller wurde, konnte ich mich ein paar Mal auf die Seite rollen, um den aus dem Schnee herausstarrenden Felszacken zu entrinnen. Schwupp – jetzt ging’s in die Luft hinaus. Ein stubenhohes Wändchen. Auf steilem Schnee ein nicht allzu grober Aufklatsch, gleich wieder das jagende Weggleiten, bei dem mir Hören und Sehen zu schwinden drohte, ein Purzelbaum ins Leere, und dann fuhr ich mit Büchse, Kopf und Schultern in den linden, von der Sonne schon aufgeweichten Talschnee hinein.

   Eine Weile mag ich da wohl so gesteckt haben wie der umgedrehte Spargel in der Mayonnaise. Als ich mich herausgewackelt hatte, untersuchte ich mich sehr gewissenhaft. Alle Glieder gehorchten – nicht gern, aber doch –, ich sah kein richtiges Blut und fand nur ein paar harmlose Schürfwunden. Gesicht und Ohren brannten mir wie Feuer, an acht Fingern waren die Nägel abgebrochen, nur an den beiden Daumen waren sie noch ganz – und, Gott sei Dank, auch die vom Pfingstorakel bedrohte Zigarettentasche aus moosfarbenem Juchten hatte ich noch in der Brusttasche, mit sehr viel Schnee dabei.

   Es dauerte sechs oder sieben Zigaretten lang, bis die beiden Jäger von ihrem Umweg herunterkamen. Jochner, mit dem Gamsbock auf dem Rücken, lachte ein bisschen boshaft, und der Forstgehilfe Moderegger sagte grob: „Mensch, Sie haben mehr Glück als Verstand!“ Ich fasste das nicht als Beleidigung auf, nahm es nur als Konstatierung einer unbestreitbaren Tatsache.

   In der Trischiblhütte entdeckten wir noch, dass die beiden Läufe meiner Büchse von den Patronen bis zur Mündung so dick und fest mit Schnee voll gepfropft waren, dass wir ihn mit dem Putzstock nicht herausstochern konnten. Wir mussten das Gewehr auf den warmen Ofen legen. Da schmolz der Schnee. In meinen Ohren war er schon auf dem Heimweg geschmolzen.

   Nach der Mahlzeit schlief ich von nachmittags zwei Uhr bis zum andern Morgen um neun Uhr.

   Alle Neugier war mir vergangen. Nur geschwisterloses Misstrauen erfüllte mich. „Noch eine Gamspirsch? Am dritten Tag? Nicht um die Welt! Jetzt wird das Pfingstorakel und die verteufelte Dreizahl des Köppel wissenschaftlich widerlegt! Mit allem Scharfsinn menschlicher Energie! Jetzt wird heimgegangen, auf geradem Weg, auf dem glatten, einen Meter breiten, völlig ungefährlichen Steig! Von diesem Steig wird kein schritt nach rechts oder links gemacht – und wenn auf dem Watzmann auch ein Elefant mit goldenen Zähnen stünde. Mein noch ungebrochener Hals ist mir lieber!“

   Sanft und freundlich schien die Mittagssonne auf mich und meinen absolut verlässlichen Steig herunter, als ich heimwanderte über das Steilgehänge eines wundervollen Hochtales, mit dessen Schönheitszauber der unbegreifliche Name „Saugasse“ empörend kontrastierte. Drüben zeichnete sich der Watzmann ins sonnige Blau hinein, mit seinen Felsmärchen und dem Filigran seiner Schneeflecke. In der Tiefe diese – sagen wir: Schweinchenmulde, die im August einen grünen Frühling glich. Und bei mir herüben die prachtvolle, mit den letzten Alpenrosen und den ersten Edelweißsternen gesprenkelte Sigerethwand, die rechts vom Steig in Stufen aufwärts kletterte und links davon fast senkrecht hinunterfiel in das schöne Tal mit dem sehr zu missbilligenden Namen. Dicke Latschenknorren, die unterhalb des Steiges aus den Steinschründen herauswucherten, umwoben den Absturz mit einem schwarzgrünen Schleier.

   Plötzlich, bei schauendem Schlendern, klangen mir zwei lustige Stimmen ins Ohr, aus der Tiefe des Tales herauf. Ich guckte mit dem Glas hinunter. Ein grüner Grenzaufseher und eine runde Sennerin, rot und blau und weiß gesprenkelt. Das Mädel lachte laut und wich immer flink auf die Seite, wodurch der Grenzaufseher bei mir in den Verdacht geriet, dass er zwickte und im Widerspruch mit seinem Beruf die zulässige Grenze zu überschreiten gedachte. Schon wollte ich eine loyale Warnung hinunter rufen –

   Da raschelt’s unter dem Steig in der Wand. Ein Gamsbock, den das Pärchen da drunten munter machte, hupft über den Weg herauf, äugt mich verwundert an und verschwindet zwanzig Schritte vor mir in einer Felsklamm. Ich reiße die Büchse vom Rücken, spähe und lausche – senkrecht über meinem Kopf taucht der gehörnte Schädel des Bockes neugierig über eine Wandstufe heraus – da kracht mein Schuss – mit so affenartiger Geschwindigkeit, dass ich den Seitensprung nimmer fertig bringe, kommt der Gamsbock in einem Saltomortale über die Wand herunter und lässt mir seine dreißig Kilo Sommergewicht auf die Schulter plumpsen. Es schlägt mir die Büchse aus den Händen, und wir beide, der Bock und ich, machen einen Purzelbaum über diesen „völlig ungefährlichen“ Steig hinaus. Alle beide bleiben wir an dem gleichen Latschenknorren hängen, ich mit Armen und Bauchbeuge, neben mir der Bock mit den Haken des Gehörns. Seine heftig zappelnden Läufe wie meine eigenen Beine schweben im Leeren. Ach, Allmächtiger! Wenn das gottvermaledeite Vieh noch lange so weiterzappelt, wirft es mich über den Ast hinunter – und dann kommt das Halsbrechen, das ich nicht mehr zu wiederholen brauche!

   Es verrannen zehn Sekunden, in denen mir die Haare zu Berge standen und die Gestalt des guten, klugen Köppel vor meinen gläsernen Augen sich auswuchs zu einem grauenhaften Dämon. In der Kraft meiner Verzweiflung schlug ich ein Bein über den Ast herauf, klammerte mich mit der Linken in das zähe Gezweig, riss mit der Rechten das Messer heraus und stach ein dutzend Mal wie irrsinnig zu.

   Der Gamsbock segnete das Zeitliche. Ganz ruhig wurde der Ast. Langsam und vorsichtig zerrte ich mich auf den Steig hinauf.

   Seit damals bin ich der Überzeugung, dass gefährliche Wege und gefahrlose Pfade ohne Unterschied die gleiche Sache sind.

   Mit einer Schlinge meiner Rucksackleine angelte ich den Gamsbock aus der Staude heraus. Dann saß ich zwischen den ersten Edelweißsternen und rauchte mit Hochgenuss meine letzte Zigarette.

   Der Grenzaufseher und die Sennerin warne in dem Tal mit dem ominösen Namen verschwunden; ich hörte sie nimmer lachen.

   Aber ich lachte. „Schau, schau, der Köppel!“

   Und das Pfingstorakel! Und die „heilige“ Dreizahl! Und die mysteriösen Zusammenhänge! Es ist was dran.

   Das heißt – ganz kann ich Sache doch nicht stimmen. Denn mein Zigarettenetui aus moosgrünem Juchten hab’ ich nie verloren – weil ich es einige Tage später dem Köppel schenkte. Oder hab’ ich mich durch dieses freiwillige Opfer aus dem dunklen Machtbereiche des Pfingstorakels erlöst?

   Nicht nur das gefährliche Pfingstjahr 1885/86 ging freundlich und ohne beklagenswerten Schaden zu Ende. Auch während der folgenden dreißig Jahre gaben mir die Berge niemals wieder so viel des Unliebsamen zu erleben wie damals in drei kurzen Tagen.

   Jetzt bin ich wohl auch ein bisschen vorsichtiger. Man wächst eben langsam in die Zeit hinein, wo der Verstand größer wird, als das Glück zu sein pflegt.

   Der frühere Zustand war mir lieber. Wenn es manchmal auch ein bisschen gefährlich aussah! Man überstand es. Und dann lachte man darüber.

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