Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das wilde Jahr

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Das wilde Jahr
            Vorwort
            Das Adlernest

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
            Die grüne Katze

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Das wilde Jahr
               Ausfahrt
               Walpurgisnacht
               Feuer im Schnee
               Die wilde Jagd
               Bergfrühling
               Panik im Wald
            Buch der Berge
            Pfingstorakel

Bergfrühling

   Ich erwachte. Vom fernen Dorf tönten, wie etwas Nahes, die Glockenschläge der dritten Morgenstunde. Ging die Turmuhr falsch? Denn es war schon heller, veilchenblauer Tag um mich her. Aber seltsam! Noch immer glänzten viele Sterne am Himmel. Großer, als ich sie in der Nacht gesehen. Alle wie strahlende Fackeln – jeder so stark und feurig, wie sonst nur der Morgenstern im Hochsommer brannte.

   Und welch ein Leben in dieser wundersamen Morgenhelle! Welch ein Storm von köstlichen Düften! Welch ein Stimmengewirr im Wald, in der Tiefe des Tales, auf den Höhen der Berge, in der Erde und in den Lüften! Hatten denn alle Bäume eine Stimme, jedes Kraut, jeder Faden des Mooses? Und dieses herrliche Klingen aller Bäche! Und dieses glockenschöne Gesumm, das in der Luft zu fliegen schien? Was war denn das? Spielte da irgendwo ein unsichtbarer Musikus auf einer Cellosaite? Immer näher kam es. Nun flog ein großer Nachtschmetterling an mir vorüber und verschwand. Was ich vernommen hatte, war das Geschwirr seiner Flügel.

   Und gleich wieder ein anderer Laut, bei dem es mich heiß durchzuckte. Seltsam! Ich kenne doch den Falzgesang der Spielhähne – weiß auch, dass man den Walzertakt ihres Grugelns weit zu hören vermag. Doch wenn sie blasen, das hört man nur auf drei-, vierhundert Schritte. Gibt es denn Spielhähne, die so kräftig blasen, dass man sie über eine ganze Wegstunde von der verschneiten Falzalm herunter hört bis in den tiefen Talwald?

   Falzalm? – Ich lauschte schärfer, mit vorgelegten Ohren. Und die Sache stimmte: Der Hahn, den ich falzen hörte, blies und grugelte da droben auf dem fernen, steilen Schneefeld! Und – Herrgott! – Das war doch mein Hahn! Den ich heut in der Morgenfrühe schießen wollte?

   Wo bin ich denn nur? Wo ist denn das Feuer, die Felsgufel, der Festl? Ich wollte vom Boden aufspringen. Doch mein schwerer Leib blieb ruhig liegen und tat nicht, was ich wollte. Nur mein Kopf erhob sich, und die klapperden Ohren scheuchten eine schrillende Mücke fort, die mir ans Auge wollte.

   Wieder machte ich einen krampfhaften Versuch, mich zu erheben. Es gelang mir nicht. Warn meine Glieder gelähmt? Und hatte ich keinen Willen mehr? Nur noch ein kraftlos denkendes Gehirn?

   Was ist denn nur mit mir? Und dieser wunderflüsternde Wald, in dem ich wohlig ruhe? Wie bin ich denn nur vom Schneefeld da droben eine ganze Stunde weit da herunter gekommen in diesen zaubervollen Wald?

   Und der Festl in der Felsgufel, vor den Kohlenstrünken des erloschenen Feuers, nicht weit vom falzenden Hahn? Wie der Festl suchen wird? Und sich sorgen, wenn er mich beim Erwachen nimmer an seiner Seite findet? Er wird nicht wagen, meinen Namen zu schreien – um den Hahn nicht zu vergrämen. Und immer an meine Frau denken – weil er doch weiß, wie ängstlich sie bei aller Herzenssorge um die Ihrigen ist! Und wenn der Festl im ersten Schreck etwa heimrennt und sagt zu meiner Frau: „Der Doktor geht ab!“

   Herr, du mein! Da muss ich doch gleich hinauf! Und muss dem Festl sofort ein Zeichen geben, wo ich bin!

   Ich wollte juchzen. Aber es quoll kein Laut aus meiner Kehle. Ich spannte alle Kräfte, um mich zu erheben. Mein Leib blieb liegen. Und obwohl ich an allen Gliedern das Gefühl eines köstlichen Wohlbehagens hatte, war doch eine dumpfe, an Verzweiflung grenzende Stimmung in mir, und durch meine wirbelnden Sinne zuckte die unklare Erinnerung an grauenvolle und dennoch schöne Träume, deren schleierig huschende Bilder ich nicht halten, nicht fassen, nicht deutlich schauen konnte.

   Da stand ich plötzlich auf. Das war eine heiße Freude. Ich wollte mich vollends aufrichten. Doch ich blieb mit den starren Fäusten auf der Erde. Ich wollte schreien, wollte hastig bergaufwärts steigen – doch stumm und ruhig zog ich im veilchenblauen Morgen quer durch den lebenden Wald hinüber. In aller Haut meines Körpers war ein feines Jucken. Und ich wusste: Um dieses Jucken zu kühlen, wanderte ich zu meinem Morgenbad. Und immer blieb dieses unfassbar Zwiespältige in mir: Das ruhige, behagliche Fühlen und Handeln meines kraftvollen Körpers, und daneben diese taumelnde Verstörtheit meines gequälten, ratlosen, jeder Willensregung beraubten Geistes.

   Es war ein weiter Weg, den ich auf tief versteckten Waldwegen wanderte, unter einem Strom von Düften, umflüstert und umlärmt von hundert Stimmen, die mir verständlich waren und dennoch fremd. Und immer stärker wurde der Wohlgeruch der großen Wasserfläche, der ich entgegen zog. Ich näherte mich dem Waldsaum, und starke Lichter blitzten. Der Morgen war schon so hell geworden, wie sonst der Mittag ist. Und es konnte doch die Sonne noch nicht gestiegen sein? Denn am weiß glänzenden Himmel funkelten noch fein die letzten, klein verblassten Sterne.

   Eine weite Freiung im Wald. Und zwischen summenden, plaudernden Bäumen lag ein schöner, spiegelklarer, gleißender, süßen Wohlgeruch hauchender See.

   In Durst, in zärtlicher Sehnsucht nach der kühlen Flut, begann ich flink zu traben, blieb stehen, spähte lang und vorsichtig umher und prüfte sinnend jeden Duft, den ich empfand. Keiner missfiel mir. Ruhig schritt ich auf das flache, sandige Ufer zu. Dieser schöne See war mein Besitz!

   Ein namenloses Wohlgefühl durchrieselte meinen Körper, als ich die Kehle streckte und die Lippen von den Zähnen zog, um den reinen, wundervollen Trunk zu schlürfen. Mit langen, schier unersättlichen Zügen sog ich den kühlen, duftenden Lebenswein, der meinen Leib erquickte. Doch meinen Geist befiel ein marterndes entsetzen. Denn meine Augen sahen in der klaren Wasserfläche nicht das Abbild meines menschlichen Gesichtes, sondern das Spiegelbild eines mächtigen Hirschhauptes mit den rührsamen Lusern und den plumpen, schon gegabelten Kolben des sprossenden Geweihes – das Spiegelbild eines kraftvollen, herrlichen Tierkörpers mit schlanken, stahlfesten Läufen, umzottet vom grauen Winterhaar, das sich in Wulsten herausschob, um dem rostroten Sommerkleid Platz zu machen.

   Nach dem ersten taumelnden Entsetzen meines Geistes kam ein Wirbel jagender Gedanken. Nun verstand ich. Und alles wusste ich wieder, was in der Nacht geschehen war.

   Unklug hab’ ich einen der „Ewigen“ geleugnet. Er strafte mich dafür. Und nun bin ich einen Hirsch verwandelt – nein – in einen Hirsch gebannt. Ich kann noch fühlen und denken als Mensch, und muss zugleich alles empfinden, was dieses Tier empfindet, in dem ich wohne. Doch über sein Tun und Treiben hab’ ich keine Macht. Und der Hirsch hat keine Ahnung von der verwunschenen Menschenseele, die sein Leib beherbergt.

   Denn während ich so reflektierte und der schrecklichen Wahrheit auf die Spur kam, tat der Hirsch, um meine Seelenstimmung völlig unbekümmert, eine Sache, die zu meiner augenblicklichen Gemütsbewegung gar nicht passte. Er warf sich mit dem ganzen Körper ins Wasser, wälzte sich über den Rücken hin und her, schlug mit den Läufen die kristallene Flut zu hohen Sprühbrunnen auf und fühlte sich unglaublich wohl. Ich teilte dieses kühle Behagen mit ihm – er aber teilte mit mir die Ängste meiner gebannten Seele nicht. Und als ich – nein – als er sich aus dem See erhob, da schüttelte er sein triefendes Fell, und dann guckte er forschend um sich herum – und wo er auf dem Wasser ein schwimmendes Flöcklein seiner ausgegangenen Winterhaare gewahren konnte, tat er flink einen Schnapp und fraß es auf. Das war für mich kein appetitliches Frühstück. Aber ich wusste sofort: ich tat das – nein – er tat das, nicht aus perverser Gourmandise, sondern aus natürlicher Klugheit, um Capillarstoff zu konsumieren und dadurch das Wachstum seiner Sommerhaare zu befördern. – Sobald ich wieder Mensch werde, soll es keine Glatzen mehr geben; ich werde jedem, der oben zu wenig hat, den Rat erteilen: Zum Frühstück aufzuspeisen, was ihm der Bader unten wegrasiert.

   Ich schritt dem Wald zu, als die letzten Sterne am grell glänzenden Himmel erloschen. Eine Ringdrossel flötete frühlingsselig von ihrem Nest. Ich wäre gern geblieben und hätte diesem kunstvollen Lied gelauscht. Doch er schritt weiter. Und ich musste ihm Recht geben, denn ich hatte den gleichen Hunger wie er. Und da wurde jeder Schritt ein Genießen in träumender Sehnsucht. Jeder süße Kräuterduft, der mir entgegenströmte, versprach mir einen Leckerbissen, den der Frühling ersonnen.

   Nun ein Glasten, Gleißen und Glänzen von Licht, obwohl die Sonne noch immer nicht gekommen war! Hätt’ ich meine menschlichen Augen noch besessen, ich hätte nur graue Morgendämmerung gesehen. Doch für die Augen, die ich jetzt besaß, war das Frühlicht dieser offenen Lawinengasse, die breit den Wald durchbrach, schon eine Orgie von zauberhaftem Glanz. Gleich blitzenden Diamanten hing der Tau an dem leuchtenden Grün der jungen Gräser. Erikablüten brannten wie Rubine; die gelben, berauschend duftenden Kelche der Bergaurikel strahlten wie Goldtopase. Jedes winzige Laubherzchen der Birken war wie ein geschliffener Smaragd, und die weiße Rinde der schlanken Stämmchen schillerte wie poliertes Silber. Dazwischen lagen die Latschenbüsche mit dunklem Samtschimmer, jeder Felsblock flimmerte gleich einem riesigen Perlengebilde, jeder jung begrünte Rasen leuchtete von Licht wie eine grüne Himmelsau, und von den wunderlich gezackten Schneeflecken, die noch viele Gräben und Klüfte füllten, ging ein so starkes Gleißen aus, als läge schon grelle Sonne drauf.

   In aller schönen Trunkenheit, mit der mich dieser Farbenzauber des frühen Morgens erfüllte, fiel mir etwas Sonderbares auf. Die Verhältnisse und Maße der Dinge waren völlig anders, als ich sie kannte. Die Berge waren niedriger, die Bäume dicker, als ich sie noch gestern mit meinen Menschenaugen gesehen hatte. Alle Dinge schienen über Nacht an Breite gewonnen, an Höhe verloren zu haben. Kam das so, weil ich jetzt anders gestaltete Augen hatte, als die Menschen sie besitzen – Augen mit breiten, schlitzförmigen Pupillen? Doch wenn die Gestalt der Dinge abhängig ist von der Bildung des Auges, das sie betrachtet – was ist dann Wirklichkeit? Was ist Wahrheit?

   Es blieb mir keine Zeit, diesem Gedanken nachzuhängen. Denn ich fing – nein – er fing schon behaglich zu äsen an. Dabei konnte er mit den Augen bei anderen Dingen sein. Nase und Lippen verrieten ihm alles, was er zur Auswahl seines Mahles wissen musste. Und diese feinen Kräutchen, die er wählerisch pflückte, schmeckten uns beiden besser, als mir je im Leben die Meisterwerke eines französischen Koches gemundet haben.

   Da hörte ich plötzlich ein Geräusch, das mir missfiel. Ich hob mit einer strengen Bewegung das Haupt und äugte, windete und lauschte. Der Lufthauch des Morgens zog von mir fort, talwärts, der Stelle zu, von der ich das Geräusch vernommen hatte. Mein schärfster Sinn, die Klugheit meiner Nase, versagte. Das machte mich unruhig – oder um es mit einem menschlichen Wort richtig zu sagen: nervös! Doch das Ohr beschwichtigte meine Sorge. Ich hörte einen Schritt und wusste: Es kam da irgendwo von meinen Brüdern einer.

   Und richtig! Über vierzig Gänge schoben sich auf erhöhtem Rain die leuchtenden Stauden auseinander, und es erschien ein junges, vom Winter übel zugerichtetes Herrchen, das noch die dünnen, morsch gewordenen Spieße vom letzten Sommer trug. Es schien ihm nicht willkommen zu sein, mich sehen zu müssen. Das schlanke Kerlchen schien Angst zu haben, verzog in schnellem Mienenspiel die Lippen und schob den linken Vorderlauf nach rückwärts. Ich hatte bei dieser Bewegung keinen Laut vernommen – und dennoch hatte der magere Knabe gesprochen! Und hatte meinen Namen genannt. Und da wusste ich nun, wie ich hieß in meinem neuen Leben – nein, wie er hieß, in dessen Leib ich wohnte. Als ich in meinem menschlichen Geist, der mir geblieben war, das sprechende Mienenspiel des ausgehungerten Jungen nachzuahmen versuchte, hatte ich die Vorstellung eines dreisilbigen Wortes: „Lu–maar–u.“ Und ich wusste gleich, dass dieses Wort bedeutete: „Der hochbejahrte, mächtige Herr aus dem edelsten Geschlecht des Lebens.“ Oder man könnte auch übersetzen: „Der große, kraftvolle Vater, die Krone der Schöpfung.“ Es scheinen also die Hirsche genau so überhebungsvoll von ihrer Spezies zu denken, wie wir Menschen von der unseren.

   Ich drehte – nein – Lumaaru drehte sich halb und machte mit dem Haupt eine ruhige Bewegung. Das sagte: „Armer Schwächling! Sättige dich auf meinem Weideplatz! Doch komme mir nicht zu nahe! Das Beste hier ist mein.“

   Aber das magere Herrchen schien dem Landfrieden, der ihm da verkündet wurde, nicht zu trauen. Hurtig verschwand es hinter den Stauden. Und da war in Lumaaru ein Gefühl unsäglicher Verachtung alles Lebens, das kränklich, furchtsam und kraftlos ist.

   Er schüttelte sein Fell und begann zu äsen. Und da kam nun eine Stunde, die von wundersamer Schönheit war. Alle Verstörtheit, die seit der Erkenntnis meiner Verwandlugn noch in meinem Bewusstsein zitterte, verwandelte sich in wohliges Behagen, in köstliche Sättigung, in ein ruhiges Genießen dieser zaubervollen Morgenstunde, in ein frohes Zusammenwachsen mit dieser heiligen, von märchenhaften Farben durchleuchteten, von geheimnisvollen Klängen durchrauschten Frühlingseinsamkeit. Bedächtig schmausend, mäßig und zufrieden, wählte ich aus der Fülle der jungen Kräuter mein duftendes Mahl. Jeder Bissen wurde mir gewürzt von einem Strom der Wohlgerüche, die dem plaudernden Wald entströmten und aus den Knospen der sprossenden Blumen quollen. Immer sagte mir der feine Sinn meiner Nase: „Dieses Kräutlein nimm, es ist dir zuträglich … jenes andere lass stehen, es ist dir schädlich.“ Mein Hunger gehorchte diesem Rat wie ein wohlerzogenes Kind – und ich erkannte: Dass die Tiere der Wildnis vernünftig speisen, und dass wir Menschen sinnlos fressen.

   Und während ich aß – verständiger, als ich mich jemals in meiner Menschenzeit gefüttert hatte – umfunkelten mich die gesteigerten Farben des Morgens, und in der weiten Runde plauderten und sprachen, jubelten und rauschten die Stimmen des hundertfältigen, allgegenwärtigen Lebens, das fröhlich und hoffnungstrunken der steigenden Maiensonne entgegendürstete. Sonst, mit meinen menschlichen Sinnen, wenn ich solchen Morgen in den Bergen sah, empfand ich: Das ist Stille, in der die Bäche murmeln, die Wipfel flüstern und die Vögel zwitschern. Doch was ich jetzt erlauschte, mit Lumaarus feinhörigen Ohren, das war wie eine wogende Symphonie, bei der sich unzählbare Stimmen, mächtige und zarte, träumerische und jauchzende ineinander woben. Das Springen und Lachen der hurtigen Gewässer, bis in weite Ferne, war wie Orgelklang und Glockenläuten, der Zug des frischen Morgenwindes wie das Brausen eines nahen Meeres. Die felsigen Wände der Berge tänten und knisterten, die stürzenden Steine sangen und dröhnten. Jeder alte Baum des Waldes summte das Lied seiner hundertjährigen Schönheit, und die kleinbegrünten Birken kicherten vergnügt wie junge Mädchen in neuen Kleidern. Gleich dem schwirrenden Gesumse einer großen, fernen Menschenmenge war das Zirpen und Geraschel des winzigen, nach tausend Arten zählenden Getiers, das unter Moos und Gras erwachte. Und überall das Brummen und Klingen des Käferfluges, überall das jubelnde Morgenleid der Finken, das Meisengelächter und der flötende Drosselschlag – ein Lied voll Kraft und Schmelz und Wohllaut ohnegleichen. Und eine staunende Ahnung ließ mich fühlen, dass alle diese Stimmen des schönen Morgens das gleiche jubelten: „Ich lebe, lebe, und ich freue mich!“

   Lumaaru speiste mit gemächlichem Behagen. Er sah und hörte alle Dinge dieses Morgens so, wie ich sie hörte und sah. Doch während in meinem menschlichen Bewusstsein ein schönheitstrunkenes Staunen über den klingenden und leuchtenden Zauber dieser Frühlingsfrühe zitterte, war in Lumaaru eine ruhige Zufriedenheit, in der keine zwecklose Neugier rege wurde. Er fragte mit keinem Gedanken: „Wie ist das alles? Wo kommt es her? Wie schwindet es wieder? Wer gab mir dieses Schöne? Wer wird mir’s wieder nehmen? Und warum?“ Es war in ihm nur dieses eine Denken: „Das alles ist so, wie es ist. So lang es dauert, kann ich es genießen. Und wenn es schwindet, kann ich es entbehren. Jetzt hab’ ich es.“

   Da fühlte ich plötzlich eine grauenvolle Pein in meinem Kopf – nein, Lumaaru fühlte diesen Schmerz in seiner Nasenhöhle. Und ich empfand ihn mit. Und hätt’ ich meine Stimme noch gehabt, ich würde vor Qual geschrieen haben, wie schwächliche Menschen schreien, denen ein zahn gerissen wird. Lumaaru hatte keinen Laut in seinem Schmerz. Was mich so grässlich marterte, das schien er als eine ganz natürliche, nur etwas unbequeme Sache hinzunehmen. Er streckte das Haupt zu Boden und fing energisch zu niesen an. Und da war ich plötzlich von dieser fürchterlichen Pein erlöst. Lumaaru hielt noch immer das Haupt gesenkt. Aufmerksam und nachdenklich betrachtete er das kleine, sich krümmende Würmchen, das er aus seinem Leben hinaus geblasen hatte: Die Larve einer Rachenbremse. Dabei war keine Spur von Groll in seinen Gedanken. Mit einer Heiterkeit, die man als versöhnlichen Humor hätte bezeichnen können, monologisierte er in seiner stummen Mienensprache: „Guck! Du winziges, unbegreifliches Luderchen! Du dunkle, hässliche Sache meines schönen Lebens! Seit der seligen Rotzeit des vergangenen Jahres, durch die vielen, kalten Weißtage, wohntest du in meinem Kopf! Hast gefressen von meinem zartesten Fleisch und hast mich gemartert! Aber jetzt bist du draußen! Jetzt hab ich Ruh vor dir! Und ich bin der Klügere, weil ich nießen und mich befreien kann von meiner Pein, und weil ich jetzt weiß, dass mein großes Leiden nichts anderes war, als nur ein kleiner Zappelwurm in seinem Schleim!“

   Wahrhaftig, Lumaaru lachte! Stumm, doch ungemein vergnügt. Ich fühlte diese Heiterkeit mit ihm. Und dennoch war in meinem menschlichen Bewusstsein ein angstvoller Ekel, so dass ich hätte schreien mögen: „Lumaaru! Du Kamel der Wildnis! Sei nicht so gutmütig! Zerstampfe mit deinem stählernen Huf dieses scheußliche Gewürm! Wenn du es nicht tötest, wird es sich bis zur heißen Grünzeit in eine Hirschbremse verwandeln, die dich wieder sticht, dir wieder ihre Eier in die Nase legt!“ Aber Lumaaru fühlte meine lautlos schreiende Warnung nicht. Er wandte sich von dem zappelnden Würmchen ab, tat noch einen behaglichen Schneuzer, schüttelte wohlig das Haupt und machte sich wieder an sein duftendes Mahl, das uns beiden jetzt noch besser mundete als zuvor.

   Und wundersame Flammen loderten plötzlich vor meinen Augen. Die Sonne war gestiegen, hatte die Helle des Morgens gesteigert und bestrahlte die gegen Osten blickenden Gipfel der Berge. Sonst, mit meinem menschlichen Sehvermögen, hatte ich solchen Morgenglanz immer al sein zartes, rosiges, den Augen wohltuendes Leuchten wahrgenommen. Jetzt, mit Lumaarus Lichtern, sah ich diesen Widerschein der Sonnenberge als eine wogende Glut.

   Lumaaru war nicht geblendet von diesem grellen Sonnenglanz. Die ovalen Pupillen seiner Augen verengerten sich sehr, und da dämpfte sich für ihn der Schein des Morgenlichtes. Aber nun sah er nur noch das Ferne gut und scharf; alle Dinge der Nähe bekamen für seinen Blick etwas Verschwommenes. Das erweckt ein Lumaaru ein Gefühl der Unsicherheit. Er windete erregt nach allen Richtungen, schüttelte unbehaglich das Haupt, und obwohl er noch nicht völlig gesättigt war, unterbrach er sein Frühmahl und trabte gegen den Morgenschatten des Waldes. In dieser kühlen Dämmerung wurde ihm wieder wohl zumute. Er strebte seinem Lager zu und verhielt sich auf diesem Weg nur immer kurze Zeit, um einen knospenden Buchenzweig zu knuspern oder geschickt die kleinen, jungen Blättchen eines Birkenastes abzustreifen.

   Dabei hatte mein Menschenverstand wieder allerlei zu fragen. Warum bildete die Natur nachtsehende Tiere und solche mit Tagaugen? Um allen Wandel der Zeit für das Leben auszunützen und das Dunkel wie die Helle gleichmäßig zu bevölkern? Oder war das nur Entwicklung des Lebens? Anpassung an die Phasen der irdischen Verhältnisse? Dann müssten die Ahnen aller nachtsehenden Geschöpfe von heute zurückreichen bis in jene Zeiten der Erde, in denen der sumpfige, mit Farnen und Schachtelhalmen überwucherte Erdboden am Tag die Sonne niemals sah, weil sie stets umlagert war von dichtem, wirbelndem Wettergewölk. Und wie diese stete Dämmerung unter den Licht verschlingenden Wolkenmassen es forderte, so bildeten sich die Augen der Geschöpfe: Großpupillig, empfänglich für jeden matten Schimmer des Lichtes, schmerzhaft empfindlich für jeden seltenen Glanz. Und als die Feuchtigkeit der Erde immer mehr in den Weltraum verdunstete und sonnenklare Tage kamen, begann bei den Tieren entweder das Widerstreben, die Flucht in das Dunkle – oder die Gewöhnung an die Helle, die Umformung der Augen und die Entwicklung zu tagfrohen Geschöpfen. Dann muss der Maulwurf noch älter sein als die Eule, das Geschlecht der Eule älter als die Ahnenreihe Lumaarus, die Gattung der Hirsche älter als das Geschlecht des Adlers. Die helleren Tage der Erde formten und erzogen Geschöpfte mit kleinpupilligen, lichtbezwingenden Augen, schufen ein froh verjüngtes Leben, das in den Nächten schlummert und sich am Morgen der strahlenden Sonne freut.

   Du hunderttausendjähriges Geschlecht der Menschen mit dienen lachenden Sonnenaugen! Wie jung noch musst du sein! Doch wenn in kommenden Zeiten die Bäche versiegen und die Meere vertrocknen, wenn Wolken nimmer ziehen und Regen nimmer fällt, wenn die Tage zu unerträglicher Glut, die Nächte zu mörderischem Frost werden? Du junges Geschlecht der Menschen von heute? Was wird dann werden aus dir? Wirst du zugrunde gehen, weil deine Sinne sich dem Neuen nicht anbequemen? Wirst du erlöschen, wie der Riesenalk und das Mammut erloschen? Oder wird die Not deinen Geist noch erfinderischer machen, als er heute schon ist? Bist du schon auf dem Weg zur Klugheit kommender Zeiten? Wirst du kochen ohne Holz und Kohle, deine Heimstatt erwärmen ohne Feuer, sie beleuchten ohne Kerze, dich tränken und reinigen ohne Wasser? Wirst du alles mit der auf- und niedertauchenden Sonne machen, mit den gelösten Rätseln des Äthers, mit neu erschlossenen Kräften der Natur? Mensch, der du es heute schon verstehst, ein bisschen zu flattern – wirst du mit gewandelten Augen in die trockene Glut der Sonne schauen und der ungeflügelte Adler kommender Zeiten werden, um die tötende Nacht zu fliehen und immer dem strahlenden Tag zu folgen? Wirst du Luftstädte bauen aus Aluminium, die von erst noch zu entdeckenden Kräften der Zukunft schwimmend in der Höhe erhalten werden, in erträglicher Kühle, hoch über dem dürren Brand des toten irdischen Bodens? Und werden die Chemiker deines kommenden Geschlechtes köstliche Speisen aus Wind bereiten und Weine keltern aus den Gasen der Luft? Oder wirst du rückständig bleiben, wird dein Auge die Glut des Tages nicht ertragen lernen, deine Haut nicht den Frost der Nächte? Wirst du ein Dämmerungstierchen werden, ein Abendschleicher und Morgenflüchtling? Und ein Weilchen noch jauchzen unter kleinen Sternen und dann immer mühsamer atmen, weil deine altmodische Lunge sich in diesem dünnen Rest von Atmosphäre nimmer sättigen kann? Und wirst du endlich erlöschen und vergehen, um neuen Formen des Lebens Platz zu machen, wunderlich gearteten Geschöpfen, für die der Frost und die Hitze ein Gleiches sein wird, und welche trinken werden ohne Trank, essen ohne Speise und atmen ohne Luft? – –

   Aus solchen Gedanken wurde ich durch ein Gefühl unsagbaren Wohlbehagens aufgeweckt. Und da möcht’ ich eine Hymne singen, süßer und zärtlicher, als sie im Abendduft der Weinberge aus Salomos berauschten Sinnen klang.

   Sage mir, Mensch, was dir als der herrlichste Genuss deines Lebens gilt? Frühling, Liebe, Jugend, Reichtum, Wissen, Beifall und Ruhm, die neueste Mode, Schönheit, Kunst? Keines von diesen köstlichen Dingen vermag dir solch ein ungetrübtes Glücksgefühl zu werden, wie es für Lumaaru dieses Eine war: Das Salz.

   Er stand in der schattigen Morgenstille des Bergwaldes bei der von vielem Wild verwüsteten Salzlecke, hielt in seligem Behagen die Augen geschlossen, knaberte von den bitteren Steinen und trank wie ein Berauschter diese saure Tunke.

   Die Menschen glauben zu wissen, was Salz ist. Und dennoch ahnen sie nicht, was dieses köstliche Wort bedeutet. Auch Lumaaru schlürfte, ohne das Geheimnis dieses lebenerquickenden Wunders völlig zu erfassen. Doch ich, der ich mit menschlichem Bewusstsein in Lumaaru wohnte und dieses namenlose Tierbehagen mitgenoss – ich verstand es. Das Geheimnis lag nicht allein im Salz. Es war auch in Lumaaru selbst. An sich ist alles ein Unbestimmtes. Erst die Art, wie das Leben die Dinge der Natur zu nehmen weiß, macht sie kostbar oder wertlos, gut oder schlecht. Das Beste an diesem köstlichen Wunder des Salzes war Lumaarus kraftstrotzende Gesundheit. Seit dieser Stunde, zu der ich in Lumaarus Kraft und mit seiner unverbrühten Zunge das Salz genoss, bin ich des Glaubens geworden, dass kein Mensch zu genießen vermag, wie das Tier genießt, und dass auch ein leidendes Tier noch gesünder sein muss als ein schmerzloser Mensch.

   Aber für Lumaaru war der Genuss des Salzes nicht nur eine leckere Wonne in Gesundheit. Die Sache beförderte unleugbar den glatten Fortgang der Verhärung. Ich hatte das Gefühl, als ginge mir – nein, ihm – die Winterwolle jetzt viel leichter aus. Und noch ein anderer Vorteil war dabei, ein sehr gesunder, der sich im Verlauf der schattenkühlen Promenade zur Lagerstätte glatt und vornehm erledigte. Ich muss aufrichtig bekennen, dass ich in diesen drei Sekunden der natürlichen Erleichterung lieber Hirsch als Mensch war. Lumaaru erledigte dieses Notwendige mit einer wahrhaft beneidenswerten Sauberkeit. Was für uns Adamskinder ein Hässliches ist, das war für dieses Tier beinah ein Schönes – keine Störung seiner Lebensruhe, kein Schatten in seiner ästhetischen Frühlingsmorgenfreude, nicht einmal ein Aufenthalt auf seinem Weg. Er brauchte mit seinen Gedanken gar nicht dabei zu sein, brauchte sich in keiner Form um die Sache zu kümmern, musste nicht die stolze Haltung seines Körpers abscheulich verkrümmen und hatte keine von jenen unliebsamen Manipulationen nötig, die in menschlich einsamen Stunden keinem Heldentenor, keinem König und Papst von seinem Kammerdiener abgenommen werden. Die viel gerühmten entwicklungsgeschichtlichen Vorzüge des Menschengeschlechtes – sein aufrechter Gang und der Besitz von Händen – haben doch auch zuweilen ihre unleugbaren Übelstände. – –

   Lumaaru hatte sein Lager erreicht. Es war nicht das gleiche wie in der Nacht, kein Schlupf in der Dickung, sondern ein schöner, mooslinder, kühl umschatteter Ruheplatz in herrlichem Hochwald. Einzelne Sonnenstrahlen, gleich Brandpfeilen, flackerten um das blaugrüne, wundersam tönende Wipfeldach des Waldes. Und Lumaaru lag noch kaum auf der Erde, als zahlreiche Fliegen, in allen Farben schillernd, zwischen den Bäumen heran geschossen kamen, als hätte der Duft von Lumaarus Gesundheit aus weitem Kreis des Waldes eine ganze Hölle von Blutsaugern herbeigerufen. Aber sonderbar! Diese Surrenden, die nach unserem Blut dürsteten, kamen nicht ganz heran – sie schienen in der Luft wie gegen eine unsichtbare Wand zu stoßen und machten kehrt und verschwanden, als läge schützend um Lumaaru ein geheimnisvoller Zauberkreis.

   Was war das?

   Als ich das Rätsel zu ergründen glaubte, befiel mich andächtiges Staunen vor der Klugheit und den feinfühligen Sinnen der Tiere.

   Während Lumaaru sich zur Ruhe niedergelassen, hatte ich mitempfunden, dass seine sensible Nase einen scharfen, unbehaglichen Geruch überwinden musste, der die Stätte seines Lagers umwitterte. Und nun, während Lumaaru so fliegensicher rastete, wurde dieser Dunst um ihn her immer stärker. Ich erinnerte mich an meine Knabenzeit und an die üblen Düfte, die aus den Schachteln meiner Käfersammlung quollen. War eine solche Volksversammlung toter Käfer in dem hohlen Baum verborgen, neben dem sich Lumaaru zur Ruhe niedergetan? Denn unverkennbar strömte aus dem dunkel klaffenden Höhenspalt des Baumes dieser Ätzgeruch der Käferfäule – und Lumaaru, der sonst nur die erquickenden Wohlgerüche lebte, ertrug diesen bitteren Dunst, der die Fliegen verscheuchte. Aus Blutdurst wären die kleinen Sumpser auch in den schatten geflogen, den sie hassten. Dieser Geruch aber jagte sie in die Flucht, sobald sie ihn merkten. Er war für sie wie eine steinernen Wand, von der sie zurückprallten. Warum? Als Jäger weiß ich, dass eine Stelle, an der ein verendetes Wild verwest, von allem gesunden Wilde der gleichen Art gemieden wird.

   Wohnt ein ähnliches Grauen vor dem Todesgeruch der eigenen Gattung auch in den Fliegen und Bremsen? Weil sie so erschrocken davon stoben vor dem Übelduft dieser Insektenfäule, den Lumaaru mit Selbstbeherrschung überwand?

   Wie aber gerieten tote Insekten so mengenweise in den hohlen Baum, dass ihre Verwesungsdünste auf zwanzig Schritte im Umkreis schwer die Luft erfüllen konnten? Und je wärmer der Morgen wurde, umso schärfer kam es aus dem Baum herausgedunstet. Lumaaru bemerkte das mit Unbehagen. Und da dachte er, was in freier Übersetzung etwa lauten würde: „Sei tapfer, mein Näschen! Die kleinere Plage ist erträglicher als die größere Qual!“ Ich fühlte deutlich, dass Lumaaru humorvoll schmunzelte. Doch unverständlich blieb mir der Gedanke, den er an diese Lebensweisheit anschloss: „Meine kleinen Freundinnen fanden wohl reichlichen Fraß in dieser milden Nacht? Und arbeiten heute fleißiger, als für mich notwendig und nützlich ist.“ Und als Lumaaru dieses Wunderliche gedacht hatte, wandte er das Haupt gegen den Baumspalt hin und spähte sinnend in die farbige Dämmerung der kleinen Höhle.

   Nun sah ich ein seltsames Schauspiel der Natur. Schlummernd hingen in dem von Spechten ausgemeißelten Baum drei Fledermäuse an den Hinterbeinen, mit den Köpfen nach abwärts, jede umfaltet von den grauen Flügeln, wie eingewickelt in kleine, zusammengeklappte Regenschirme. Es waren drei junge Mütter. Unter den gefalteten Flügeln rührte sich immer was. Dieses Rührsame waren die im Schlaf saugenden Kinderchen, von denen jedes an die Brust seiner Mutter geklammert hing. Die Mütter nährten, während sie schlummerten. Und während sie schliefen, gehorchten sie auch emsig einer unweigerlichen Pflicht des Lebens, die sie in dieser hängenden Stellung, mit dem grauen Bäuchlein nach oben, nicht erledigen konnten. Und drum begann von den schlafenden Müttern bald die eine und bald die andere im Tagesdusel ein bisschen zu schaukeln, und schaukelte sich immer stärker, so lange, bis sie mit der Handkralle die Seitenwand der Höhle erfassen konnte. In dieser horizontalen Lage glückte der grauen Schläferin die dringend notwendige Sache. Und so fiel denn wieder, wieder und immer wieder in die Tiefe des Baumspaltes hinunter, was am verwichenen Abend noch eine Frühlingsfliege, ein in verliebter Sehnsucht schwirrendes Käferchen oder ein gaukelnder Dämmerungsfalter gewesen war. In ganz erstaunlichen Massen füllten die Reste dieses umgemodelten Insektenlebens die Baumhöhle. Und die noch immer wachsenden Tropfberge der Verdauung schimmerten im Zwielicht des Höhlenspaltes von glasigen Flügelsplittern, von Fragmenten farbiger Käferflügel, von geknickten Insektenbeinchen und Schmetterlingsgliedern, die der Umformung widerstanden hatten.

   Eine englische Gouvernante würde ‚Shocking!’ sagen. Aber lächerlich und unappetitlich erscheinende Dinge werden zu einer ernsten, fast heiligen Sache, wenn man ihre Zusammenhänge mit dem ewigen Räderwerke der Natur zu ahnen vermag. Und was ist da nun erstaunlicher? Die geradezu riesenhafte Leibesleistung der winzigen Fledermäuse? Oder das hier im Kleinen sich wiederholende Bild der großen Lebenswandlungen und des chemischen Umformungsprozesses der gewaltigen Erde? Oder das stille Mutterglück im hohlen Baum? Diese natürliche Kinderwiege der gefalteten Mutterflügel? Oder das unglaublich feine Witterungsvermögen der heransurrenden Fliegen und Bremsen, die in Schauder auf tausend Körperlängen einen Friedhof ihrer Gattung rochen und die Nähe der verborgenen Todfeinde spürten? Oder die Klugheit Lumaarus, der bewusst ein Widerstreben seines schärfsten Sinnes überwand, um mit einer kleineren Plage die Erlösung von einer größeren Lebenspein zu bezahlen?

   Aber warum nur guckte er noch immer mit dieser gespannten Aufmerksamkeit in den Baumspalt, erwartungsvoll jede leiseste Bewegung der Fledermäuse verfolgend?

   Ich sah, dass die grauen Freundinnen in ihrem Halbschlaf unruhig wurden. Und plötzlich rückte die größere und dann jede der beiden kleineren mit baumelnden Bewegungen seitwärts in die dunklen, gegen jeden Windhauch geschützten Klüfte der Baumhöhle. Bei dieser Wanderung entfaltete eine der grauen Mütter ein bisschen die geschlossenen Flügel, und es lugte da ein winziges Kindchen heraus, dessen Anblick für mich zu einem Schreck, zu einer mahnenden Erkenntnis und zu einem Gefühl der Rührung wurde. Denn dieses halbentwickelte, noch spärlich behaarte Fledermausbaby hatte eine ganz verblüffende Ähnlichkeit mit jenen ungeborenen Menschenkindern, die in anatomischen Museen dem Alkohol frönen, ohne einen Genuss davon zu haben.

   „So“, dachte Lumaaru, „da wird’s nun glich erträglicher werden!“ Und er hatte das kaum gedacht, als der talwärts ziehende Schattenwind umschlug in einen scharf bergaufwärts strömenden Sonnenwind, der, weil Lumaaru unterhalb des Baumes ruhte, den aus dem Höhlenspalt quellenden Ätzgeruch zu einem leicht erträglichen Dunst milderte. Die Fledermäuse hatten diesen Umschlag des Windes vorausgefühlt und sich für Lumaarus Sehnsucht nach Wohlbefinden als eine verlässliche Uhr erwiesen.

   Und als Lumaaru nun mit ungetrübtem Behagen ruhte, kam eine merkwürdige Sache – so ähnlich, wie einem gemütlich rastenden Menschen freundliche Erinnerungen, ein süßer Nachgenuss vergangener Freude und köstlich träumende Bilder kommen. Wir verspürten plötzlich einen wunderlich angenehmen Kitzel in der Magengegend, und dann quoll unter drolligem Gurgellaut ein prachtvoll schmeckendes Haschee über unsere Zunge hin. Meine menschliche Ästhetik fühlte im ersten Moment einiges Widerstreben gegen diesen konträr servierten Nachtisch. Doch mein Widerwille wurde alsogleich zu herrlichem Wohlgeschmack und unbeschreiblichem Behagen. Was wir Menschen das Geschäft des Wiederkäuens nennen – eine nach unserm Gusto ganz unbegreifliche Sache – war für Lumaaru einer von seinen sublimsten Lebensgenüssen.

   Die gelehrten Zoologen wissen nicht, warum es Wiederkäuer gibt, und welchen Sinn dieser wunderliche Trick der Natur besitzt. Hypothetisch zu sagen: Der Magen hat halbgekaute Nahrung verschlungen und schickt sie – gleich einem übellaunigen Bürochef – mit Protest zurück, damit sie von den kleinen knöchernen Beamten des Gebisses gründlicher erledigt würde – das ist keine Erklärung. Wenigstens keine zutreffende. Die Raubtiere und Vögel verschlingen ihre Nahrung in groben Brocken, und ihr Magen wird mit der Arbeit fertig. Auch konstatiere ich, dass wir beide, Lumaaru und ich, unser süß duftendes Frühmahl ausreichend gekaut hatten. Die rätselhafte Sache kann auch mit der Pflanzennahrung nicht zusammenhängen. Sonst müssten alle Pflanzenfresser Wiederkäuer sein. Das ist aber nicht der Fall. Und die es nicht sind, kauen ihr Grünzeug auch nicht besser, als Lumaaru und ich das am Morgen erledigt hatten. Ein Geheimnis der Natur? Oder eine von ihren Vergesslichkeiten – wie etwa der Blinddarm im Menschenleib? Oder eine rückständige Mode von Anno dreißig Millionen vor Christi Geburt? Und dann ein Alterszeichen der Zweihufer? Sollte der Wiederkäuermagen seine Entstehung zurückleiten bis in die Periode einer längst verschwundenen Vegetation, deren Zweige und Blätter so schwer zu verdauen waren, dass die Natur es mit dem besten Willen keinem Magen zumuten konnte, diese Arbeit glatt in einem Prozess zu erledigen? Wenn die Hirsche vor Zeiten einmal gestachelte Farnen und zähe Schachtelhalme klein kriegen mussten, wär’ es auch begreiflich, dass sie dazumal scharfe Eckzähne nötig hatten, welche späterhin, als die Pflanzennahrung milder und bekömmlicher wurde, zu völlig unnützen Knöchelchen degenerierten – zu den „Granen“, die nur noch den einen Zweck besitzen, dass ein stolzer Hochwildjäger sie mit Goldfassung als Manschettenknöpfe tragen kann. – Wenn einst die Pflanzenfresser eisenhartes Holz zernagen, Dornen und lederzähe Moose verschlucken mussten – hätte da nicht bei dieser blutigen Fütterungsqual ein Denker unter den Zweihufern mit verzeihlichem Pessimismus einmal auf den Einfall kommen können: „Nein, lieber nicht, das Verhungern ist angenehmer, als sich auf solche Weise ernähren zu müssen?“ Derartigen Pessimismus durfte die Natur nicht dulden, sie musste ihre Geschöpfe zu ausdauerndem Optimismus erziehen. Auch würde sie das Leben seit Ewigkeiten nicht erhalten haben, wenn es für ihre im Kreis laufende Entwicklung nicht ein Unentbehrliches wäre. Natur! Du Kluge, du Reiche an Listen, du Meisterin aller hilfreichen Mittel! Wie du die Geschöpfe durch das Geschenk der Wollust zwangest, ihre Gattung zu erhalten, so trau ich dir auch zu, dass du die Pflanzenfresser der Vorzeit durch eine leckere Freude der Verdauung bestachest, den Schmerz und die Pein einer gröblichen Ernährungsmühe mit Geduld zu ertragen, in der Hoffnung auf köstlichen Lohn. Als du die steinerne Erdrinne umgemodelt hattest zu lindem Humus, und als du zartere Pflanzen formen konntest, die leichter zu knuspern waren, da erfandest du auch moderne Pflanzenfresser, die den Wiederkäuermagen entbehren konnten. Warum aber ließest du ihn den Hirschen und Genossen? Weil du keine Zeit fandest, ihn umzubilden? Weil dreißig Millionen Jahre für den Zeiger deiner Uhr noch keine Sekunde bedeuten? Weil du – mit dem kleinen Maßstab des Menschlichen gemessen – nicht nur „grausam“ sein kannst um deiner Zwecke willen, sondern auch dankbar, gütig und liebevoll? Denn jene verkennen dich, die da sagen: Du hättest hinter jede helle Freude einen dunklen Schmerz gestellt. Wer dich recht erkannte, weiß, dass du das Umgekehrte tust: Jedwede unerlässliche Lebensmühe belohnst du mit dem Geschenk eines frohen Jubels. Allen Geschöpfen, die sich redlich deinem Dienst weihen, machst du das Leben schön und süß. Wird es ihnen hässlich und bitter, so sind nur sie allein die Schuldigen, weil sie sich entfernten von dir und falsche Gedanken denken. Meister im falschen Denken ist dein entartetes Kind: der Mensch. Und ich traue meinen eigenen Gedanken von jetzt nur deshalb leidliche Richtigkeit zu, weil ich, denkend als Mensch, doch in Lumaarus Körper und mit seinen Sinnen empfinde als ein gesundes, kraftvolles, furchtlos ruhiges Tier in seinem unsagbaren Wohlgefühl. Natur, du dankbare! Als du die Erde in milderem Grün erblühen ließest und Pflanzen formtest von zarteren Geweben – wogst du damals gegen die Notwendigkeit, nun auch neue Arten Pflanzen schmausender Tiere bilden zu müssen, das glückliche Behagen eines wiederkäuenden Hirsches ab? Und sprachst du da wie Gott in der Bibel: „Ich sehe, dass es gut ist!“ Und sagtest du zum Hirsch und zu allen, die noch wiederkäuen: „Euren Ahnen war Ernährung eine Plage, jetzt will ich erkenntlich sein und will euch Enkeln, ohne dass ihr schwere Arbeit leistet, den leckeren Lohn belassen, den ich den Neugewordenen nimmer zu bezahlen brauche, weil sie im sanften Frühling der Erde ein leichtes, müheloses Leben haben!“

   Ob es so war? Die Köstlichkeit des schönen Augenblickes gab mir diesen Gedanken wie einen zärtlichen Traum und wie ein gläubiges Schauen. Wundersame Stunde! Glück und Ruhe warst du, wunschlose Zufriedenheit, Lebensfreude ohne Sehnsucht! Wohlig erquickte die kühle Rast den gesunden, kraftstrotzenden Leib; Zunge und Gaumen kosteten eine würzige Speise, die wie Haschisch wirkte und den rauen Bergwald verwandelte in einen Zaubergarten von Nirwana. Und was da die ruhigen Augen sahen, Licht und Schatten, leuchtende Farbe und stilles Grau, alles war ein Klares und Selbstverständliches, und alles war mein Besitz. Mit berauschendem Wohlruch, den die Schwingen des Windes trugen, grüßten die Frühlingsblumen des Tales zu mir herauf, und jeder Bach der Tiefe, wachsend von den strömenden Schneegewässern, sang sein stürmendes Taglied in die Sonne. Die Wipfel der Bäume plauderten und sprachen, die alten Stämme summten, jedes Ästlein knisterte und flüsterte. Unzählbare Stimmen überall! Fern im Dickicht die polternden Sprünge eines Rehs und sein laut trompetender Schmälruf; dann wieder das nahe Schnalzen und Gekicher eines hochzeitlichen Eichhornpärchens, das blitzschnell um die Bäume raschelte und zärtliches Verstecken spielte; und von Ast zu Ast das selig erregte Geflatter der Nest bauenden Vögel, ihr Schwatzen und Singen, schmetternd und lockend, leise und froh. Dann jählings eine brüllende Riesenstimme, die alles Gepisper des kleinen Lebens überdrohnte: Das Rollen und Gedonner einer Frühlingslawine, die droben von den kahlen Wänden niederging – und Raum für kommende Blumen schuf.

   Und alle diese Stimmen klangen um meinetwillen und sangen das Schlummerlied meines wohlig beginnenden Schlafes, in dem ich alles wusste, was in der Runde um mich her geschah.

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