Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das wilde Jahr

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Das wilde Jahr
            Vorwort
            Das Adlernest

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
            Die grüne Katze

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Das wilde Jahr
               Ausfahrt
               Walpurgisnacht
               Feuer im Schnee
               Die wilde Jagd
               Bergfrühling
               Panik im Wald
            Buch der Berge
            Pfingstorakel

Die wilde Jagd

   Bei seinem Anblick macht eich die Wahrnehmung, dass gläserne Dinge behaart sind. Denn ich fühlte, dass auf meinem gläsernen Leib unzählbar viele Härchen waren – und fühlte, dass sich diese Härchen unter unbehaglichem Reize sträubten. Dabei überkam mich die Ahnung, dass sich um dieses Dritten willen etwas höchst Unangenehmes mit mir ereignen würde.

   Sah der Festl diesen verdächtigen Fremden nicht? Oder erschien es dem sonst so abergläubischen Jäger als eine ganze natürliche Sache, dass dieser Dritte so plötzlich bei uns war? Wie aus den brausenden Lüften gefallen?

   Und wie war dieses andere möglich: Dass solch ein sausender, pfeifender Sturm über die Felsgufel hinfuhr; und dass ich dennoch keinen Lufthauch spürte; und dass die Flamme vor meinen heißen Schuhen ruhig brannte?

   Die belebende Wärme, die ich an den Sohlen meiner Nagelflöße empfand, schlich fein herauf durch meinen ganzen Körper, der seine gläserne Starre verlor. Jetzt konnte ich die Beine bewegen, jetzt auch die Hände. Nur mein Rücken war noch eine kalte Glasfläche. Auch hatte ich die Empfindung einer feuchten Basis.

   Der Fremde lächelte heiter, so oft sein rechtes Auge meinem prüfenden Blick begegnete. Sein linkes war nicht zu sehen.

   Ich wurde ruhiger, al sich das harmlose Gebaren meines Jägers bemerkte. Gemütlich hockte der Festl in seinem Felswinkel, stopfte sich eine frische Pfeife – sagte: „Mit Verlaub?“ – zog ein glühendes Zweiglein aus dem Feuer, brachte den Tabak in Brand und blies den Knasterdampf in die Flamme.

   Ich flüsterte: „Festl? Siehst du ihn nicht?“

   „Ei woll! Mir tuat’r nix. I lass eahm sein Rischpekt. Aber Sö, Herr Dokter – san S’ a bissl fürsichti! Auf Eahna kunnt’r’s ebba scharf haben! Weil S’ allweil söllene Sachen reden! In so oaner Nacht!“

   Der Fremde lachte spöttisch.

   Er hatte die Gestalt eines hageren, hoch gewachsenen Mannes. Alles an ihm war so grau wie sein langer Bart. An breitem Ledergürtel, wie ihn die Hochtouristen zum Anseilen tragen, hing ein funkelnden Hifthorn. Und einen altmodischen Hut trug er schief über den Kopf gezogen, mit breiter Schlappe, die sein linkes Auge bedeckte. Dieser Hut, auf dem er kokett zwei Rabenfedern stecken hatte, war verdächtig – denn die breite Hutkrempe warf keinen Schatten. Das bleiche Gesicht des Fremden blieb immer scharf beleuchtet. Und einer eigentümlichen Beschäftigung gab er sich bei seinem spöttischen Lachen hin. Er hielt seine Hände, um sie zu wärmen, bis über die Ellenbogen ins Feuer. Ihm schien das gut zu bekommen. Mir aber wurden die Hände so heiß, als bekäme ich brennende Wunden rings um alle Finger. Dann – wie man lange Reitstiefel auszieht – zog er seine beiden Beine aus dem Leib heraus, steckte sie in die Flamme hinein und drehte eins ums andere im Feuer langsam herum. Was er da tat, erschien mir nicht ungewöhnlich. Es wunderte mich nur, dass dieser Fremde, bevor er sich an unserem Feuer so häuslich einrichtete, nicht um Erlaubnis fragte.

   „Sie!“, sagte ich geärgert. „Ich an Ihrer Stelle würde wenigstens Guten Abend wünschen, wenn ich mich zu fremden Leuten setze und das Feuer so ausgiebig benütze, für das andere das Holz zusammentrugen.“

   „Sie, Herr Dokter! Toan S’ ’n nett ratzen! Den!“

   Der Fremde steckte ruhig seine schön gewärmten Beine wieder an den Leib und machte mit ihnen ein paar Bewegungen wie ein aus dem Sattel gestiegener Reiter, der lange auf dem Pferd gesessen. Dann fragte er mit einer Stimme, die ein samtdunkler Bariton war: „Wie viel Äste trugst denn du zu diesem Feuer?“

   Während er so fragte, fiel mir auf, dass er nicht nur einen schattenlosen Hut hatte, sondern auch selbst keinen Schatten warf. Hinter im war die Schneeböschung vom Feuer genau so rot beleuchtet, wie rechts und links von seinen Ellenbogen. Aber mehr noch, als diese Wahrnehmung mich irritierte, verdross mich die Unverschämtheit, mit der dieser Kerl mich duzte.

   „Sie! Ich kann mich nicht erinnern, dass wir beide Bruderschaft miteinander getrunken hätten?“

   Der Fremde lachte. Und mein Jäger meinte: „Dös kon i mer aan et guat denken. Wo der Gottselige dahoam is, schenkt ma koa Krüagl Bier nimmer ein.“

   Freundlich nickte der Fremde dem Jäger zu. Dann sah er mich an und lachte wieder. Ein merkwürdiges Lachen! Denn der Kopf mit dem großen Schlapphut hüpfte bei diesem Lachen immer ein bisschen von den Schultern weg und setzte sich dann wieder richtig auf den Hals.

   Ich sagte gereizt: „Von einem Menschen, bei dem der Verstand nicht richtig sitzt, kann man höfliche Umgangsformen nicht erwarten. Eine Vorstellung ist auch gar nicht mehr nötig. Ich bin auf Ihren Namen nicht neugierig. Aber zwischen Menschen, die am gleichen Feuer sitzen, müssen wenigstens die einfachsten Dinge klargestellt werden.“

   Er lächelte: „Bitte?“

   „Warum werfen Sie keinen Schatten?“

   „Weil ich durchsichtig bin.“

   „Das stimmt! … Aber da gestatten Sie wohl, dass ich einen logischen Schluss ziehe?“

   Ein vergnügtes Grinsen. „Und das wäre?“

   „Hätte Ihre Erscheinung etwas Materielles, so müssten Sie trotz Ihrer Durchsichtigkeit einen Schatten werfen. Das ist aber nicht der Fall. Und das beweist, dass Sie gar nicht exisitieren! Damit ist die Sache wissenschaftlich für mich erledigt. Adieu! Und wenn ich schon die Existenz von Gespenstern für möglich halten könnte … Sie sind ja auch kein Gespenst! Sonst wären Sie schon lagen nicht mehr da. Oder haben Sie nicht gehört, dass ich sagte: à dieu! Wenn Sie nicht Französisch verstehen sollten, erkläre ich Ihnen, dass dieses Wort ein spät geborener Bruder der älteren Geschwister Ziu, Zeus und Deus ist und soviel wie Gott bedeutet. Wenn Sie also ein Gespenst wären, müssten Sie beim Klang dieses heiligen Wortes mit Gestank verduften.“

   „Aber, Herr Dokter!“ Der Festl nahm die Pfeife aus den Zähnen. „Wo haben S’ denn Enkern Verstand! Wie soll denn unser Herr Nachber vorm Wörtl Gott derschrecken! Wo er doch quasi selber amal a Herrgott gwesen ist!“

   „Wasss? Der! Ein Gott?“

   „Höll Sakra! Und Buttermilli, gib Fuier! Herr Dokter! Haben S’ mer ebba heut net selber verexpliziert, dass der Gjaidmoaschter nix anders waar als wie an altdeutscher Herrgott, der aus der Mod kummen is?“

   Da begann der Fremde höhnisch zu lachen. Dann streckte er sich durch die Flamme gegen den Jäger hin und fragte: „Hat er das gesagt?“

   „Ja, dös hat’r gsagt!“

   Ich wollte reden, aber die Stimme blieb mir in der Kehle stecken. Denn auf dem Kopf des Fremden hatte sich der Schlapphut ein wenig verschoben. Und ich sah, dass der Kerl an der Stelle, wo sich bei wirklich existierenden Geschöpfen das linke Auge befindet, eine große, dunkle Höhle hatte, in deren Tiefe etwas Rotes glomm und funkelte, das alles andere eher, nur kein Auge war.

   Die Sinne begannen mir in Grauen zu wirbeln.

   Und der Fremde fragte: „Das mit dem Gott, der aus der Mode kam? Wirklich? Das hat er gesagt?“

   „Ja! Aber wissen S’, Herr Nachber, i hab’s net glaubt! … Der Herr Dokter hat mer halt so von die Menschenleut vor hunderttausend Jahr verzählt. Wo d’ Leut im Verstandvermögen no’ gwesen san wia Kinder, dö nix anders net gwisst haben, als dass alles Guate von die fliageten Engerln kummt, und dass in der Nacht die groaßen Hund beißen. No ja, und so haben si’ d’ Menschenleut in der Heidenzeit an zwischlächtigen Herrgott ausstudiert, der im Sunnaglanz als Engerl umanandgflogen is … hat’r gsagt, der Herr Dokter … ja, und bei der Nacht hat der Liachtgott die schiache Seitn aussidraaht und is a beißwilder Hund woarn und hat Wauwautan ghoaßen, den d’ Leut allweil böllen haben hören, wann der Wind gwaaht hat.“

   Ich lallte: „Festl! Nein! So hab ich dir das nicht gesagt!“

   „No ja, und wia nach der Heidenzeit a christkatholischer Herr Pfarr kummen is … sagt der Herr Dokter … da haben d’ Leut ihren alten Glauben in an Aberglauben vermaschkeriert und haben aus’m alten Herrgot Wautan an schiachen Goascht gmacht, der als Gjaidmoaster umreiten muss in der Nacht, wann a Wetter ausfahrt! Ja, sagt der Herr Dokter, und d’ Leut san no allweil so dumm und glauben ans wilde Gjaid! Und alls in bloß a Natuarkraft, sagt ’r, und es gibt koan Gjaidmoaster. Und alls is an Unsinn, sagt ’r, und alls is net wahr!“ Der Festl kicherte – und während er mir einen scherzenden Puff mit dem Ellenbogen versetzte, zwinkerte er dem Dritten schelmisch zu. „Was sagen denn nacher Sie, Herr Nachber?“

   Der Fremde betrachtete mich ernst mit seinem rechten, schönen, himmeldunkeln Auge. Mir war unter diesem Blick nicht wohl zumute. Und plötzlich erhob sich das lange, durchsichtige Mannsbild, ohne die Beine zu bewegen – so, wie eine sitzende Marionette an ihrem Draht in die Höhe gezogen wird. Die beiden Rabenfedern flatterten. Und da war der Fremde so groß, dass ich an ihm hinaufschauen musste wie zur Höhe eines Berges. Und seine rollende Donnerstimme fragte:

   „Menschlein? Wer bin ich?“

   Unter der Glut seines Blickes glaubte ich verbrennen zu müssen. Doch mein Rücken war kalt und lahm. In meinen Schläfen tobte der Pulsschlag, und das Herz hämmerte mir wie irrsinnig gegen die Rippen.

   Der lächelnde Riese beugte sich grau zu mir herunter. „Menschlein! Sei nicht eigensinnig! Das Leugnen ist eine hässliche Sache. Bekenne! … Bin ich der wilde Jäger?“

   Ich biss die Zähne übereinander und knirschte: „Nein!“

   Erschrocken stotterte Festl: „Herr Dokter! Toan S’ Eahna überlegen, was S’ reden … in so oaner Nacht! Und wenn er scho’ da is!“

   Der Riese winkte mit einer baumlang gewordenen Hand dem Jäger zu: „Lass ihn nur! Er wird sich schon auf das Rechte besinnen.“ Dann beugte er sich wieder zu mir. „Du siehst mich doch?“

   „Es scheint so.“

   „Also? Was bin ich nach deiner Meinung?“

   „Ein materiell nicht Existierendes! Ein bildlicher Ausdruck irrender Menschensehnsucht! Das äffende Erbteil einer halb erloschenen Lebenstorheit! Ein Popanz des Aberglaubens!“ Während ich so sprach mit dem Anschein äußerlicher Ruhe, rieselte mir ein kaltes Zittern durch die tiefsten Sinne meines Lebens. Aber bei allem Grauen, das mich erfüllte, hatte ich doch die Empfindung eines schönen, unbeugsamen Stolzes. Und energisch fügte ich bei: „So riesenhaft du scheinst … du bist nur das winzige Teilchen einer großen Narretei! Nur eine kleine Spielart von jenem wesenlosen Lebensschreck, der zur Pein der Menschen unsterblich scheint!“

   Der Fest war mauerblass geworden. „Herr Dokter! Herr Dokter!“

   Und der Riese streckte sich. Er griff nach seinem Hifthorn. – Und blies. – Ein Klang, der in der Nacht die Berge dröhnen machte.

   Und es war von diesem dröhnenden Hall in meinem Blut ein dumpfes Sausen, als ich wütend aus der Felshöhle sprang: „Herr! Als Pächter dieses Jagdgebietes brauch ich nicht zu dulden, dass Sie durch vehementes Trompeten die Hirsche meines Reviers beunruhigen!“

   Der Graue setzte das Hifthorn ab. „Sorge dich lieber um dich selbst, anstatt um deine Hirsche! Die kennen mich.“ Und da blies er schon wieder. Und der Klang seines Hornes ging wie ein mächtiges Brausen durch die Lüfte der Nacht, in der alle Sterne erloschen waren.

   Der Festl gab dem riesigen Trompeter mit angstumschnürter Stimme freundliche Worte: „Herr Gjaidmoaster! Machen S’ koane Gschichten! Der Herr Dokter hat allweil no’ Vernunft angnommen! Und denken S’ an sein Frauerl dahoam! Und an dö guatn Kindern!“

   Etwas Heißes und Kaltes zuckte mir quälend durch das Herz. Und ich schrie aus Leibeskräften: „Lassen Sie doch endlich dieses Blasen sein! Das ist unvernünftig! Was hat denn das für einen Zweck?“

   Er nahm das Hifthorn halb vom Mund. „Du irrst dich, Menschlein! Ich blase nicht. Was du zu hören glaubst, das ist meine Stimme. Und ich rufe die Meinen.“ Er lachte, dass mir von diesem Dröhnen alle Knochen summsten. Und schrie: „Hoi, hussah, hoooh!“

   Und ich, in Grausen und Wut: „Das alles existiert ja nicht! Wenn ich Sie jetzt beim Kittel fasse, greif’ ich in die Luft! Und dieses Fürchterliche ist verschwunden!“ Ich machte einen taumelnden Schritt und streckte die Fäuste – –

   Da tauchte der graue Riese den rechten Arm in die Flamme und war mir eine Handvoll Feuer ins Gesicht. Und schrie: „Hoi, hussah, hoooh! Ein edel Wild allhie! Hui, hollah! Hetz, hetz, hetz, hetz, hetz, hetz …“

   Ich fuhr mit beiden Händen nach meinen Augen und glaubte an haut und Haaren zu brennen. Aber das war kein Gefühl des Schmerzes – es war ein wunderliches Empfinden rings um meinen Leib herum, in meinem Blut, in meinen Muskeln und Sehnen. Meine Kleider brannten nicht, doch der steingraue Lodenmantel, den ich trug, schrumpfte so fest zusammen, als sollte er eine zweite Haut für mich werden. Alles Entsetzen, das ich befallen hatte, als mich die Feuerflocken ins Gesicht trafen, milderte sich und verschwand – obwohl ich mit Sicherheit wusste: Ich bin in Todesgefahr. Verschärft die Nähe des Todesstunde alle Sinne? Meine Augen sahen so scharf, als wäre die finstere Nacht zu dämmerndem Morgen mit wundervollem Farbenschimmer geworden. Intensive Gerüche, liebliche und widerliche, strömten mir bei jedem Atemzug in die Nase. Ich roch den Duft aller Frühlingskräuter, die da drunten im Wald grünten, fühlte den köstlichen Wohlgeruch alles rinnenden Wassers in der Nähe und merkte deutlich, wie grauenvoll der Festl an Leib und Kleidern stank. Und meine Ohren! Was meine Ohren alles hörten! Die Stille der Nacht schien wie verwandelt in ruhelosen Lärm, der schön und schrecklich war. Alle Dinge der Erde schien Ton und Klang zu haben. Und in den Lüften ein Toben, Brausen und Rauschen! Ich hob die groß gewordenen Augen und spähte. War dieses Brausen der Lebensatem der abenteuerlich gestalteten Wolken, die ich da droben fliegen sah? Können fliegende Wolken bellen wie große Hunde, krächzen wie Raben und Eulen, wiehern wie riesenhafte Rosse, schreien, pfeifen, klappern und lärmen wie hundert Jägerknechte auf einer wahnsinnigen Hetzjagd? Und kann ein Hifthorn klingen wie sieben Donner, deren Schläge sich vermischen?

   Doch nicht die geringste Regung von Schreck befiel mich. Es war nur die eine Empfindung in mir: „Da musst du die Beine rühren und drunten im Wald Deckung suchen!“ Und ich wusste ganz genau, dass ich schneller zu rennen vermochte, als Pferde und Hunde. Der erste Satz, den ich machte, ging von der Feuerstelle hoch im Bogen über den Schneewall hinüber und wurde über zehn Meter lang. Das Gefühl der Kraft, die meine Sehnen strammte, war so froh und stolz in mir, dass ich lachen wollte – doch dieses Lachen wurde in meiner bezotteten Kehle zu einem kurzen, dumpf tönenden Laut, über den ich mich wundern musste. Und seltsam war mir auch dieses andere: Dass ich nicht nur mit den Füßen, sondern auch mit den Händen sprang! Das schien sich als herrlicher Vorteil zu erweisen, als eine mächtige Steigerung meiner rasenden Gliederkräfte. Den Kopf zurückgepresst in den Nacken, mit vorgestreckter Nase schon den wundervollen Duft des rettenden Waldes riechend, mit seitwärts gedrehten Augen alles Nahe schnell erkennend, so stürmte ich mit rasenden Sprüngen über das steile, von Steinklötzen und Latschenbüschen durchwitterte Lawinenfeld hinunter, ohne viel zu denken, doch furchtlos, aller Kraft bewusst, die mein gesundes Leben erfüllte.

   Hinter mir die heulenden Hunde und die schnaubenden Rosse, die gut nach frischem Regen rochen. Sie flogen wie der Wind. Doch meine Kraft war schneller als sie. Mit hohen Fluchten übersprang ich die Klüfte im Schnee, warf mich mit fester Brust durch alles Geflecht der Latschen, und flinker als die Steine, die der kraftvolle Aufsprung meiner Füße und Hände hüpfen und schwirren machte, sauste ich steil hinunter über die braun aus dem Schnee heraus gelagerten Rippen des Berges, den ich in allen Schrunden und Furchen kannte, wie ein Kind die Züge der Mutter kennt. Da sperrte eine baumhohe Felswand meinen Weg. Ich stutze einen Augenblick – doch flink erspähte ich jedes kleinste Rasenflecklein im Gestein, jede Kante des Felsens, und in schiefem Saus – mehr ein Stürzen, als ein Springen – fuhr ich mit vorgestreckten, stahlharten Fäusten über das steile Gewänd hinunter und erreichte wieder guten Boden. Aber jener Augenblick des Zögerns hatte mir die hetzende Meute bis dicht an die Haare gebracht. Schon fielen die grauen Hunde wie quirlende Nebel über mich her, schon war mir das Pfeifen, Brausen und Brüllen sprungweit hinter den Ohren – doch in hundert beschwingten Fluchten gewann ich den bergenden Wald – o wohlige Seligkeit, die mich durchströmte! – Und war in Sicherheit.

   Mit Schnauben und Heulen sauste das irr geratene Heer der Hetzenden hoch über die rauschenden Wipfel hinüber, während die Wucht meines Leibes mich im Schutz der Bäume noch eine Strecke talwärts trieb. Eine wundersame, blauviolette Dämmerung war vor meinen Augen, so hell in der Nacht, dass ich jeden Ast und Knorren sah und immer freien Durchweg fand, ohne mit meinem Körper einen Baum zu streifen. Allmählich wurde das Jagen meiner Glieder zu kurzem Galopp, zu gemütlichem Trollen, zu bedächtigem Schritt. Was geschehen war, bekümmerte mich nimmer. Ich wusste: Dass ich geborgen war in meiner grünen Heimat, sicher vor jeder Gefahr. Das Heer der Wütenden brauste fern in den Lüften. Ich lauschte ruhig, fand meinen gleichmäßigen Atem wieder, und bei feinem Gezitter meiner Nase sog ich wohlig alle starken Düfte der hellen Nacht in mich hinein. So stand ich lange, fast unbeweglich. Und plötzlich wusste ich: Da drüben in der nahen Dickung ist eine herrliche Lagerstätte, trocken und windsicher, fern von allem, was mir widerlich ist.

   Ruhigen Schrittes zog ich durch die blauviolette Dämmerung der Waldnacht. Vorgebeugten Kopfes schlüpfte ich lautlos unter das Gezweig der jungen Fichtendickung und fand meinen schönen, wohlbekannten Lagerplatz. Ich drehte mich ein paar Mal, scharrte mit den Händen auf der kühlen Erde, ließ mich auf die Ellenbogen nieder und senkte meinen Leib zu behaglicher Rast.

   Es fiel mir auf, dass ich sonst in solch einer ungewöhnlichen Gliederlage nie zu ruhen pflegte: Mit den Armen und Beinen unter dem Bauch, die vorgestreckte Kehle auf einen Moosbuckel gestützt. Doch es war in mir die Empfindung, als hätt’ ich durch alle Zeit meines Lebens noch nie so gut und köstlich gerastet, wie in dieser scheinbar unbequemen Stellung, in dieser hellschönen, blauvioletten, von leisen, ruhelosen Geräuschen erfüllten, von hundert wohlbekannten Stimmen durchflüsterten Waldnacht!

   Es dauerte nur kurze Zeit, und da schlief ich schon – zuerst mit offenen Augen, deren dichtbewimperte Lieder eine geraume Weile zwinkerten und blinzelten, bevor sie sich völlig schlossen.

   Und während ich schlummerte, wusste ich alles, was rings um mich geschah. Ich hörte den fauchenden Flug eines Waldkauzes; vernahm die flinken Sprünge einer Spitzmaus, die aus meiner Nähe flüchtete; wenn etwas raschelte, wusste ich genau: Das war ein Käfer im Moos, ein fallender Zweig, oder der Schleichtritt eines Fuchses, der sich nicht in meine Nähe wagte und in der Gier seines Hungers bitter dunstete. Aus dem Nadelhügel eines Ameisenvolkes quoll ein angenehmer Geruch und ein ruheloses Sumsen heraus. Zu einer zärtlich redenden Musik vermischte sich das tiefe Brummend er sacht bewegten Baumstämme mit den Seufzern sterbender Äste und dem fröhlichen Geflüster der von frischen Trieben bedeckten Zweige. Und diesen hundertfältigen Stimmenklang, der dem ruhelosen Leben der Nacht entströmte, unterschied ich deutlich im schönen, mächtigen Rauschen der geschwellten Frühlingsbäche. Und dennoch war mein Schlummer fest und erquickend. Und während ich im Schlaf wohlig atmete, empfand ich den starken, süßen Duft einer großen Wasserfläche, die fern im Wald lag, fühlte den Würzhauch einer grünenden Weidefläche und roch die Herrlichkeiten des kommenden Morgens.

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