Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das wilde Jahr

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Das wilde Jahr
            Vorwort
            Das Adlernest

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
            Die grüne Katze

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Das wilde Jahr
               Ausfahrt
               Walpurgisnacht
               Feuer im Schnee
               Die wilde Jagd
               Bergfrühling
               Panik im Wald
            Buch der Berge
            Pfingstorakel

Feuer im Schnee

   Es dauerte lang, bis ich meine Sinne wieder nüchtern zusammenfand und mit dem Festl schwatzen konnte. Und da kam nun bei der Rotweinflasche ein gemütliches Plauderstündchen. Das heißt, so ganz gemütlich war die Sache doch nicht. Während man auf der einen Seite vom Feuer halb geröstet wurde, schauerte in der anderen Hälfte des Lebens die Kälte der Schneenacht. Aber dieses Sitzen beim rauschenden Feuer hatte, aller Pein zum Trotz, doch viel Schönes!

   Im Kontrast zu dieser lodernden Helle schien die Nacht um uns herzuliegen wie ein enges, schwarzblaues Gewölbe, durch dessen Wände kein Blick mehr hinausdrang ins Weite. Und von der Höhe fielen, glich einem märchenhaften Regen, große, in allen Farben blitzende Diamanten herab in das Feuer, zerschmolzen mit singendem Zischen im Gewirbel der Flammen und verwandelten sich zu wunderlichen, aus weißem Dampf gebildeten Elfengestalten, die sich allen Tanzbewegungen des Feuers anschmiegten.

   Taumelnde Gedanken wirbelten mir durch Hirn und Seele, während ich hineinblickte in dieses Wunderspiel des Feuers. – Dürre Äste, die da verbrennen? Wassertropfen, die der schmelzende Schnee von der Felswand niederfallen lässt? – In meinen schauenden Träumen sah ich einen leuchtenden Lebensreigen, Geburt aus Gluten, sehnsüchtiges Hassen und dürstendes Sichsuchen, harmonisches Sichpaaren der Gegensätze, siegenden Tod unter lodernden Seligkeiten und neu erflammendes Leben.

   Um dieses hassende, liebende, lebende Gegaukel der fliegenden Feuergestalten spannte sich im Halbkreis der hohe Schneewall wie eine gold funkelnde Glutmauer. In der Muschel der Felswand schimmerte das feuchte Gestein von allen Geheimnissen der Farbe, jede Linie zitterte in Glanz und jede Form erschien bewegt, als wäre auch in dem starren kalten Feld ein schlummerndes Leben wach geworden, das die Wärme fühlte, sich in Sehnsucht erschloss und in Freude zu brennen begann. Und wenn der Festl einen neuen Latschenast mit dürren Nadelzotten ins Feuer legte, wallte erst ein dicker Qualm durch die Flammen, gleich einem Vorhang, der sich vor schönen Bildern schließt; dann plötzlich war die Flamme wieder hell durch das lodernde Feuer wehte ein märchenhaft schönes Funkenspiel. Von den tausend Nadeln des Gezweiges, das da zu brennen begann, verwandelte sich jede in ein kraftvoll blitzendes Sternchen. Und wie in heiliger Stunde die Begeisterung mit tausend Feuerfunken durch das Leben eines zur Freiheit erwachenden Volkes fliegt – so ging der wundervolle Flug dieser in Weißglut aufbrennenden Sternchen durch die lodernde Flamme und wehte hinaus in das schwarze Blau der Nacht.

   Der Festl tat einen tiefen Atemzug: „So ebbes Schöns, wia dös is! Toan S’ min et auslachen, Herr Dokter! Aber bal i so einischaug in a Fuierl, wia’s wabert und schnauft und streckt si und freut si … da muaß i mer allweil denken: So a Fuierl is ebbes Lebendigs. Und grad so ebbes, wia ’s Fuierl, hab i einwendi in mir. Und ’s Fuierl und i, mier san zwoa Brüader. Bloß dass halt a jeder a wngl anders ausschaut!“

   „Und weißt du, was ich glaube? … Ich glaube nicht nur wie du, dass dieses fröhlich lebende Feuer zu dir und zu mir ein Bruder ist, der geboren wird, ein Weilchen sich freuen darf und sich wieder verwandeln muss in etwas anderes. Ich glaube auch, dass alle Dinge der Natur, ob sie uns als atmende Geschöpfe oder nach törichter Menschenmeinung als tote Klumpen erschienen, etwas Gleiches in sich haben und treue, ähnliche Geschwister sind: Mag’s nun ein Volk in seinem Land sein, oder ein Bienenschwarm in seinem Korb, ein Mensch in seinem steinernen Haus oder ein Hirsch im freien Wald, ein kreisender Stern am Himmel oder ein rollendes Sandkorn im Bach, das rauschende Wasser oder das Feuer, an dem wir uns da wärmen in der Schneenacht. Es gibt nichts Totes, lieber Sylvest! Alles lebt!“

   Der Jäger sog an seiner Pfeife, blies einen rauchfaden gegen die Flamme und nickte mit dem rot überflackerten Kopf. „Ja, ja! Bal oaner einischaut in a Fuierl, da fallen eahm gern so narrische Sachen ei(n). Und ma hat a Freid dro(n)!“

   Ich zündete mir an einem glühenden Zweig eine frische Zigarette an, und der Festl lullte kräftiger an seiner Pfeife, in der die duftende Glut schon auf die Neige ging. Dann plötzlich sagte er nachdenklich: „A Baaml und a Bleaml? Ei woll, da glaub i dro(n): Dös muaß lebendi sein! Weil’s waren tuat und in der Fruahjahrszeit sei(n) Bluah hat. Aber so a Stoan? Der net wachst und net blüaht? Und der si net rüahrn ko(n), wann er net gstößen weard? So ebbes ko(n) ja do koa Leben net haben?“

   „Du sagst doch selber: Was wächst und blüht, muss leben? Auch die Steine blühen.“

   Eine Weile guckte mich der Festl beim Geflacker des versinkenden Feuers prüfend an. Dann legte er ein paar Latschenknorren über den Glutstoß. Und während die Flamme wieder aufloderte und der Flug dieser schönen, weiß blitzenden Sternchen neu begann, klopfte der Jäger seine erloschene Pfeife aus und schmuggelte sich behaglich in eine breite Schrunde des überhängenden Felsens.

   „Sag, Festl? Hast du nich tim vergangenen Sommer einen Bergkristall gefunden?“

   „Ei woll! Und hab ’n, weil ’r so glanzi war, dahoam ins Herrgottswinkerl auffigstellt.“

   „Schau, Festl, dieser glänzende Kristall war blühendes Gestein. Unzählbare Jahre hat der graue Stein gebraucht, um diese wundervolle, funkelnde Blüte zu treiben. Und während diese Blüte aus ihm herauswuchs, muss der Stein etwas Schönes und Reines empfunden haben, sonst hätte er so schön nicht blühen, etwas so Reines und Vollendetes nicht bilden können.“

„Herr Dokter!“ Der Jäger zog vor der Brust den Mantel streng zusammen. „So ebbes Austiftelts lass i mer net einreden. Wann der Stoa(n) so ebbes Glanzigs aussischiabt … no ja, dös is halt so a Natuarkraft, wia ma sagt.“

   „Naturkraft? Ganz richtig, Festl! Aber ist denn das Wachstum einer Pflanze etwas anderes, als ‚so eine Naturkraft? Und was da in der Flamme glüht und sich bewegt?“

   „No freili, ja! So a Fuierl! Dös fludert wia d’Narretei in der Menschenseel! Und a Baam und a Bleaml? Spüart d’Sunn wiar i, braucht sein Hoamstand, sei(n) Mahlzeit und sein Trunk. Und so a feins Viecherl im Wald, a Droaschtl, a Falk, a Gams und a Hirsch! So ebbes is freili lebendi, akrat wiar i. Der Pfarr sagt freili, a Viech waar ebbes anders als wia der Mensch … und dass bloß der Mensch an unsterblinge Seel hat. Aber i glaub’s net recht. A Gams und a Hirsch muaß aa sei(n) Paradeis haben, wo’s allweil Summer is, mit’m schönsten Bloamagnuss. An ungrechte Vertoalung fürs Lebendige kunnt i unserm Herrgott net zuatraun. Was a schlagets Hearzl hat, is a Herrgottskind. Hat net a jeds sein Schroa in der Liab und sein Schroa in der Noat? San s’ net alle gradso aus Fleisch und Boaner gmacht wiar Ös und wiar i? Und haben s’ net Bluatlauf und Hearz und Gspüarsinn? Und a rüahrsams Hirnkastl und an gsunden Verstand? I sag Eahna, d’ Viecherln im Wald, dö denken oft gscheiter als wia die krankhaften und hirnverdrahten Menschenleut. Hat net an Adler die bessern Augen als i? Findt net a Hirsch in der stockfinstern Nacht sein Weg und klaubt si die gsunden Kräutln aus die giftigen aussi? Und heart net a Spielhoh(n) auf hundert Gäng a Blattl abifallen? Müassen da d’ Viecherln mit ihrene schärfern Sinn net diemal gscheiter sein als wia d’ Menschenleut, dö Spektifer brauchen, auf hundert Gäng koan Loaterwagen nimmer hearn und allen Dreck einifressen? Herrgottsakra! Oft scho hab i mer denkt: Äugen möcht i können wiar an Adler, winden wiar a Hirsch und an Spüarsinn haben wiar a Fuchs! Nachher waar i der Gscheiteste unter die Menschenleut. Und kuntt mer ebbes derhausen. Und kunnt dem Linerl a nobels Leben hermachen.“ Er huschelte sich in seinen Mantel und lachte zärtlich. „Ob’s Linerl wohl aa so viel an mi denken muaß, heut Nacht?“

   Nur noch das Rauschen des Feuers und das singende Geprassel der glühenden Latschenäste.

   Die Märchen der tausend Nächte huschten in buntem Figurenwirbel durch meine Gedanken. Ich sah in bleicher Mädchenhand einen Zauberstab, fühlte etwas Brennendes auf meiner Stirn, als hätte man mir viele Tropfen einer heißen Flüssigkeit ins Gesicht geworfen – und ich musste der wunderlichen und grausamen Qualen denken, die in jenen Märchen den zu Tiergestalten verwandelten Menschen angedichtet werden.

   Ein Tier sein? Und dabei empfinden und denken können als Mensch? Ob das wirklich eine Qual und Marter wäre? Oder eine Freude, die sich nicht ahnen lässt? Ein Gewinn? Eine Fülle des Erkennens?

   Seltsames Unbehagen überkam mich plötzlich. Es war mir, als hätte ein Unsichtbarer mit einem Stäbchen an meinem Hut getippt. – Jetzt wieder! – Ich musste lachen. Von der Kante des überhängenden Felsens war ein Tropfen Schneewasser auf meinen Hutrand gefallen. Auch unter meinem Sitz begann es ein bisschen feucht zu werden; der schmelzende Schneewall sandte seine Sickerfäden aus; eines von diesen feinen, funkelnden Wasserschlänglein kroch sogar hinein in die Glut, fing zu zischen an, verwandelte sich in ein schlankes, sylphidengleiches Wölklein, umarmte die Flamme – und war verschwunden.

   Sind nicht die Märchen der tausend Nächte aus tausend Feuern aufgestiegen, bei denen unter dem Sternenglanz der Wüste die schlummerlosen Karawanenleute kauerten, während fern der Löwe brüllte und nah im Dunkel die Hyäne schlich?

   „Festl?“

   „… Was?“ Er schien bereits ein Nickerchen gemacht zu haben.

   „Möchtest du ein Tier sein? Ein Fuchs? Oder ein Hirsch? Oder eine Gämse?“

   „Wann’s mi bei der Schöpfung troffen hätt, dass i ins Tierische einigraten waar … warum denn net? Die haben’s aan et schlechter als unseroans.“

   „Ich meine, ob du ein Tier werden möchtest? Du glaubst doch an Hexen. Und an das wilde Gejaid! Und wenn nun so ein Unheimlicher käme? Und würde dich in ein Tier verwandeln? Welche Tiergestalt wäre dir die liebste?“

   „Herrgottsakra, Herr Dokter! Jetzt lassen S’ es aber guat sein mit söllene Reden! In so oaner Nacht!“ Er beugte sich aus der Felsgufel, spähte zum Himmel hinauf und wickelte sich wieder in seinen Mantel. „Gott sei Lob und Dank! D’ Stearn glanzen in aller Ruah. Heut in der Nacht ziahgt nix mehr auf. Und jetzt schlafen S’, Herr Dokter!“

   „Aufziehen?“

   Jetzt schlafen S’ amal. Es geht scho bald auf Zwölfe. Um Zwoa müassen mer aussi übern Lahner. A fünf Minuten nach Drei fangt der Hoh(n) zum falzen an.“

   „Aufziehn? Was soll denn aufziehen? Ein so verständiger Mensch wie du kann doch nicht im Ernst an diesen Unsinn vom wilden Jäger glauben?“

   „U(n)sinn? So, so …? Guat Nacht!“

   „Aber Festl! Die Sage vom wilden Gejaid ist doch auch nur ein Märchen wie jedes andere. Diese Märchen stammen aus Zeiten, in denen die Menschen noch so dachten, wie Kinder denken, die von der Welt nichts wissen, und alles Unerklärliche den paar kleinen Vorstellungen anpassen, die sie schon besitzen. Wenn Kinder die Weihnachtsfreude kennen lernen, sehen sie hinter allem, was schön ist, einen fliegenden Engel. Und weil Kinder Angst vor großen Hunden haben, machen sie alles, was sie fürchten, zum Wauwau. Genau so hat es die Menschheit in ihrer Kinderzeit gemacht. Damals, vor Jahrtausenden …“

   Der Jäger tat einen schweren Schnaufer. Ruhig saß er in seinem Mantel gegen die Felswand gelehnt, mit dem Hutrand so tief über den Augen, dass unter dem schwarzen Schatten nur der blonde Flaum seines Kinnes noch im roten Glanz des Feuers leuchtete. Schlief der Festl schon? Oder verstand er sich ein bisschen aufs Heucheln und stellte sich nur schlafend, um mich zum Schweigen zu bringen – weil er von „solchen Dingen“ nichts hören wollte, „in so einer Nacht?“

   Aber ich schwieg nicht. Während ich unter dem Mantel die Hände um das Knie geschlungen hielt, war es mir ein wohliger Reiz, so vor mich hinzureden, mit halb geschlossenen Augen in die wandelsüchtigen Lebensformen des Feuers hineinzuträumen und die menschlichen Vergangenheiten, von denen ich plauderte, wie ein in Flammen spielendes Theater vor mir zu schauen.

   Für den Festl suchte ich Worte, die er verstehen konnte. Durch meine Phantasie ging ihre eigenen Wege. Ich sprach für den Jäger. Und sah dabei hundert Dinge, von denen ich schwieg – Dinge, die im Spiel des Feuers nur für mich allein zu wogendem Leben erwachten. – –

   Wer schürt das Feuer im Schnee? Das Feuer vor meinen Füßen? Es wächst und wächst. Und schlägt über alle Wälder und Berge hin. Und schlägt empor bis zu den Sternen. Und wird eine riesenmächtige Flamme, die sich windet und ballt – und sich rasend dreht – eine Kugel aus brennenden Lüften, so unermesslich groß, dass eine ruhelos segelnde Schwalbe diesen Feuerball nicht umflöge! In tausend Jahren nicht! Er wirbelt und schwebt. Schneller, als ein aufgescheuchter Falke zu jagen vermöchte, wirbelt er hin durch finstere, kalte Räume. Und gehorcht doch einem Gesetz, zieht endlos immer wieder die gleichen kreisenden Wege, wie gefesselt an die unsichtbaren Ketten eines mächtigen Bezwingers. Wo wohnt er, dieser Starke? Wie hoch ist seine Stirn? Sind tausend Meere das Feuchte in seinen Augen? Wie groß ist die Sohle seines Fußes, um denen die brennenden Welten tanzen, wie Sonnenstäubchen in einem Morgenstrahl?

   Und sieh, ein Wunder! Von allen unzählbaren Wundern das heiligste und schönste. Eine Geburt! Von dem wirbelnden Feuerball hat sich ein brennender Ring gelöst. Er reißt entzwei und verwandelt sich in eine flammende Kugel. Wie ein glühendes Sandkorn neben einem lodernden Berg, so sieht dieses Kind an der Seite seiner Mutter aus. „Geh deiner Wege!“, sagt die Mutter und schleudert das Kind hinaus in die Weite und hält es dennoch fest in Liebe und zieht es an unsichtbarem Gängelband im Kreis nach ihrem zärtlichen Willen.

   Und wieder ein Kind aus glühendem Schoß – Kind um Kind – die Schwangerschaften dieser fruchtbaren Mutter Flamme währen nur einen Atemzug der Ewigkeit. Wir Menschen, die wir die Uhr mit ihren vierundzwanzig Stunden erfanden, nennen das: Unzählbare Jahrbillionen. Und das siebente dieser Kinder – oder das tausendste? – das ist die Erde, Mensch, auf der du wohnen wirst, um dich als „Krone der Schöpfung“ zu fühlen und Götter zu formen nach deinem Ebenbild, Götter mit Nasenlöchern, mit Haaren in den Ohren und mit knurrenden Gedärmen im Bauch – mit allen Dingen, die du selber hast, mit deinen guten Eigenschaften und deinen schlechten.

   Die Flammen rauschen und wogen – das brennende Kindlein Erde will Mutter werden und gebärt den Enkel Mond. Der ist zu klein geraten für diese große Welt; ein Atemzug – dann friert er schon, und ist kalter und schlafender Stein geworden, bis eine Flamme nach Äonen ihn wieder wecken wird.

   Und immer noch brennt die Mutter Erde. Aber siehst du das Schwarze auf ihrem Glutgesicht? Trauert sie um ihr kalt gewordenes Kind? Hüllt sie die glühende Stirn in dunkle Locken? Und sie gebärt nicht mehr. Die müde Mutter wird unfruchtbar, damit sie fruchtbar werden kann, um das winzige wimmelnde Leben zu ernähren, das sich einzunisten und in irrsinnigen Maßen zu vermehren beginnt auf ihrem geduldigen Leib.

   Durch Jahrmillionen um ihre Brüste her ein grauenvoller Kampf des Erkaltens: Ein Brüllen, Donnern und Blitzen in ruhlos jagendem Gewölk, ein Schlackentreiben auf glühenden Wogen, wachsende Felsen, ein Steinzerschmelzen und Versinken, das Steigen neuer Berge – kochende Meere, die das Land verschlingen – und dampfende Länder, die empor tauchen und verkühlenden Fluten.

   Und ehe die Ruhe kam, war schon das Leben da: Die Pflanze und das Tier – in ihrer Kindheit eines ganz dem anderen ähnlich. Und die gemeinsame Mutter, mit dem Wunder seiner grünenden, von Leben durchwimmelten Frühlingswälder dem steinernen Splitter gleicht, den mein Nagelschuh bei einem raschen Tritt vom kahlen Felsen schlürft. Doch dieser Splitter ist Stein von einem Stein des Berges, dieses Splitters Art ist eine von des Berges tausend Eigenschaften. Und weil ich fühle und atme, muss Odem und Empfindung auch in Ihm sein – doch von allem, was mich durchzittert, so verschieden, wie Sturm und Glanz und Rauschen des Meeres verschieden sind vom Fall und Rinnen eines Regentropfens. Und weil ich lebe, lebt auch Er! Kann da ein Totes in Ihm wohnen? Weil Er in allem ist und alles in Ihm, drum muss auch alles Bestehende ein Lebendiges sein. Alles muss leben! Alles, alles, alles! Und was da Leben heißt, muss unvergänglich sein, war immer da, wird niemals enden. Was das lallende Kindermäulchen der Menschheit als Geburt und Tod benennt, als Blühen und Welken, als Funke und Asche – das ist nur wundersame Phase des immer Lebenden, nur Wechsel und Wandel in einer ewigen Wiederkehr, die uns umso widersinniger und unmöglicher erscheint, je mehr wir ahnen, dass sie Wahrheit sein muss! – –

   Das Feuer im Schnee, das Feuer vor meinen Dampfenden Schuhen will in Glut versinken. Und der Jäger rührt sich nicht. Und will die Flamme nicht schüren. „He! Festl! Wir werden frieren müssen!“ Er regt sich ein bisschen und brummelt was – ich glaube, das hieß: „Geh, Linerl, mach ’s Fensterl auf!“ Ich zerre lachend ein paar von den schweren, weiß umfrorenen Latschenästen über den Schneewall herunter, der um Armeslänge zurückgewichen ist und eine glitzernde Kruste bekommen hat. Geprassel und Krachen, Qualm und Dampf – und wieder die reine, wehende Flamme mit den blitzenden Gedankensternchen.

   Wie wunderbar schön das ist: Dieses frisch genährte Feuer, diese neu erwachte, heiß verjüngte Freude!

   Schöne Flamme! Wie oft schon warst du in grauen Schlummer verwandelt und bist wieder auferstanden als fröhliches Feuer? Auch du bist nur ein Teilchen des Lebens, das nimmer endet und nie entstand! Dein erster Funke, den ich glimmen sah, war kein Beginn, war eine Mitte – wie auch das winzige, von Schwangerschaft gerundete „Urmütterchen“ des irdischen Lebens eine Mitte war und kein Beginn. Hätten wir Mikroskope, die noch Millionen Mal schärfer zeigen als die schwachen Gläser, die wir schleifen lernten – jenes winzige Kügelchen müsste sich weiten zu Welten eines Lebens, schon so vielgestaltig und reich an Wundern wie die Schönheit, die aus Goethes Augen strahlte und aus seinem kochenden Herzen klang. Seit immer und ewig war dieses Leben da – war auf und in der Erde, als sie noch brannte in rauschenden Flammen. Und war schon da, als die Erde noch im Schoß der Mutter Sonne keimte. Und war schon da, als diese Sonne noch, ich weiß nicht wo und ich weiß nicht was gewesen ist. –

   Denke ich noch mit wachenden Sinnen? Oder schlafe ich? Fliegen sinnlos meine Träume?

   Nein!

   In der Glut, die das große Feuer ausströmt, sickern mit die Schweißperlen über die Augenlider, und deutlich fühle ich, wie heiß die Sohlen meiner dampfenden Schuhe sind. Und völlig klar ist der Gedanke in mir: Wenn jetzt, wider Festls Erwarten, etwas aufzöge in dieser schönen Schnee- und Feuernacht, und ein jäher Windstoß schlüge diese große Flamme gegen uns her, nur für die Dauer weniger Sekunden, so müssten wir beide in dem Felsenloch ersticken und verbrennen, der Festl, der vom Linerl träumt, und ich, der ich Gott und sein Leben zu ahnen suche.

   Und da soll ich als Mensch, dem schon der abspritzende Phosphor eines Schwefelhölzchens auf der Hand eine schmerzende Blase zieht – da soll ich mir denken können, dass es Formen des Lebens gab und gibt, das sich wohl und fröhlich fühlt in einem Meer von Flammen – so, wie die Forelle im frischen Bergbach und wie ein Adler in der reinen Höhenluft? Formen eines Lebens, das unter brütenden Gluten Myriaden von Jahren in wechselnden Gestalten überdauert – so, wie das Eisen in Rotglut kommt, in Weißglut, und schmilzt, in leuchtenden Dampf verwandelt wird und sich dennoch wieder verdichtet in kaltes, starres Eisen – Formen eines Lebens, das, nach Äonen in wehenden Flammen, sich mit der Kühle befreundet und nach unermessbaren Wandelstufen zur Zelle wird, zur Alge und zum Wurm, zur Pflanze, zum Tier, zum Menschen?

   Irrsinniger Gedanke! Aber dieses unmöglich Scheinende hat das ruhige Lächeln der Wahrheit. Es muss so sein! Oder es wäre kein Leben da! Und nichts bestünde!

   Warum muss ich an Siegfried denken? An Schillers „Kampf mit dem Drachen“? An viele, viele Märchen? Und an ein wundersames Bild von Arnold Böcklin?

   Der Drache? Ein Fabeltier? Eine Ausgeburt der spielenden Menschenphantasie? Wir von heute erforschten, dass es in der Vergangenheit des irdischen Lebens fliegende Riesenochsen gab und ungeheure Tiere, die für eine erschrockene Maus wie wandelnde Berge waren. Ist das nicht ein Beweis, dass in den Märchen der Menschheit neben träumender Torheit auch ein verlässliches Rückerinnern an die Zeiten vor Jahrmillionen ist? Und gibt es nicht auch Märchen von Feuergeistern und glühenden Salamandern?

   Ich weiß, dieser Gedanke ist ein Kind der Flamme, die da lebt und lodert vor mir im Schnee. Doch die Wissenschaft von der Entwicklung des Lebens auf Erden erforschte diese Wahrheit: Dass jeder Embryo eines Menschen unter dem Herzen seiner Mutter lückenlos alle Hauptstufen der Entwicklung durchzumachen hat, die das tierische Leben auf Erden durchwandern musste – von der Zelle zum Wurm, vom Wurm zum Fisch, vom Fisch zum Säugetier, vom Säugetier zum Menschen. Aber ein werdendes Menschenleben beginnt doch nicht in der Eizelle? War es nicht vorher schon vorhanden? Im Leben der Mutter, im Leben des Vaters? Und ist die Zeugung im Fieber der Leidenschaft nicht eine Lebenswandlung in Gluten? – –

   Sieh, da fährt nun wirklich ein rauschender Windstoß über die Felsenschale hernieder, die uns schützt, und drückt die Flamme zu Boden und peitscht sie von uns fort. Und dichter Qualm überwirbelt den strahlenden schein. Und über den schattenden rauch hinweg vermag ich für die Dauer weniger Sekunden eine zweite Muschel des stahlblauen Nachthimmels zu sehen, mit einem Gewimmel von feurig blitzenden Sternen.

   In meinem Gehirn zuckt die Vorstellung himmlischer Entfernungen und himmlischer Zahlen auf – ein Bild, um den Verstand eines Menschen schwindeln zu machen! Unfasslich weit sind diese Sterne von uns entfernt, unzählbar ist ihre Menge. Und dennoch gehören sie noch zu dem gleichen, wandernden Sternenvolk, in dem unsere Sonne mit ihren Kindern wie ein Häuflein Staub im Sandmeer der Sahahar ist. Und dieses ganze, ungeheure, funkelnde Sternenvolk der Milchstraße ist wieder nur ein Winziges im ewigen All. Da droben dämmern matt leuchtende Nebelflocken, nicht größer als ein weißes Flaumfederchen von der Brust einer Taube. Und das sind wieder Millionen von Sonnen, wieder immense Sternenvölker. Und diese Millionen von Sonnen sind nur die großen Türme in den unübersehbaren Himmelsstädten. Zwischen diesen brennenden Sonnen schwirren Milliarden von erloschenen Sternen, von Planeten und Monden, die unerspähbar für uns sind, weil das erborgte Licht ihrer wechselnden Tage zu schwach ist für die weite Reise bis zu den Augen der irdischen Menschen. Und all diese erloschenen und brennenden Rätsel der ewigen Ferne leben! Sie müssen leben! Sind sie Geschöpfe? Wenn auch Geschöpfe von anderer Art, als wir es sind – so doch von Lebensgluten durchströmte Wesen mit Gefühl und Willen, mit Schmerzen und Freuden? Oder sind sie die rollenden, von immensem Kleinleben durchwimmelten Blutkügelchen in Seinen Adern, in seinem Gehirn, in Seinem Herzen?

   Ich kann nimmer weiterdenken! Ich bin wie trunken von einem Zauberwein. Die Bilder meiner Träume brennen und gaukeln. Doch bei dieser wirbelnden Trunkenheit ist fest und schön in mir ein Glaube. Wie muss Er groß sein und reich an unlösbaren Rätseln, reich an strahlenden Herrlichkeiten! Er! Der Eine und Ewige! Der alles Lebende in seinem leben hegt! Die fromme Andacht, die ich ihm reiche aus den schauern meines trunkenen Herzens, ist beklommenes Bewundern, ehrfürchtiges Staunen, träumendes Aufwärtsschauen zu den Feuerstätten seiner Höhe. Und ich fühle: Anderen Gottesdienst begehrt Er nicht!

   Und während ich so bete, hängt mein Blick viel lieber am dunkeltiefen Blau des Himmels, am leer erscheinenden Raum zwischen den ewigen Lichtern, als am Funkelglanz der großen Sterne. Denn diese, das weiß ich, sind wirbelnde Flammen. Und wenn ich auch ahne, dass eine tausendfältige Fülle des Lebens in ihren kreisenden Gluten wallen und wogen muss, so sind doch diese Bilder eines Lebens in Flammen meinem herzen so fern wie meinem Fassungsvermögen. Doch zu den stahlblauen Tiefen, die leer erscheinen, blick’ ich empor mit zärtlicher Sehnsucht. Da kreisen und blühen die Milliarden erloschener Erden und Monde. Und da sie dunkel wurden, begannen sie zu dämmern in allen Farben jenes Lebens, das wir Menschen begreifen können, weil wir es teilen mit ihnen. Weil alles im All ein Einziges ist, muss auf ihnen ein Gleiches geschehen sein, wie auf unserer Erde. Ein Erlöschen und Erstarren, ein Keimen und Ergrünen, ein erstes Blühen und ein winziges Gewimmel des gewandelten Lebens in der Kühle. Keime, die seit Ewigkeiten schon unzählige Male allen Gestaltenwechsel des atmenden Lebens durchschritten, um wieder heimzukehren in die Flamme – nun begannen sie den Zauberkreis des ruhelos sich Gestaltenden von neuem zu durchschreiten. Keime, die unfassbare Zeiten in Gluten gedauert hatten, begannen sich durch tausendfältige Formen empor zu wandeln bis zur Lebenshöhe jenes Kügelchens, das in bewimpertem Häutlein einen pochenden Herzkern und kreisende Lebenssäfte umschließt. Es saugt keine Nahrung und wächst, hat Willen und Gefühl, empfindet Licht und Wärme – träumt von Schönheit, da es Farben bildet – und hat sein Geschlecht, das reifend sich reizen lässt und lieben, zeugen und gebären muss. Sie hatten strebsame Kinder, diese winzigen Mütterchen! Und ihre Enkel da droben, auf diesen Milliarden schwesterlicher Erden, wurden Alge und Wurm, Kraut und Schalenkrebs, Schachtelhalm und Knorpelfisch, Baum und Säugetier, Lilie und Mensch.

   Blumen und Menschen? Dort oben im dunklen Blau? In den leer erscheinenden Weiten des Unendlichen? So aberwitzig dieser Gedanke scheint – er muss der Wahrheit nahe kommen.

   Da droben mögen Blumen blühen von anderer Form und Farbe, als die Rose und die Lilie. Aber es müssen Blumen sein, liebliche Kinder eines Frühlings, mit Duft und Schönheit, mit Blatt und Kelch, mit suchendem Blütenstaub und schwellendem Schoß.

   Und die „Menschen“ dort oben? Diese Myriaden von Geschöpfen, die uns gleich müssen in allem Wesenhaften des Lebens? Sie brauchen einander, wenn sie Bekenner oder Ketzer sind, nicht Hunde und Schweine zu schelten; sie brauchen nicht Veteranengenossenschaften und Sittlichkeitsvereine zu gründen; brauchen den Spiegel und die Krinoline nicht erfunden zu haben; brauchen sich nicht zu schminken und zu tätowieren an Leib und Seele. Sie können andere Torheiten treiben, die wir Menschen auf der Erde in kranken Stunden noch nicht zu ersinnen vermochten. Aber Blut und Herz müssen sie haben, Gehirn und Nerven, eine Wirbelsäule und Glieder, Organe für das Licht, Gefühl und Empfindung, Bewusstsein, Erinnerung und Willen. Sie müssen leiden und jauchzen – ob schweigend oder mit klingendem Schrei – sie müssen hungern und sich sättigen, dürsten und nach dem Trunk suchen, müssen von Schönheit wissen und Sehnsucht haben, müssen lieben und hassen, Männchen und Weibchen sein, müssen Kinder zeugen, Kinder gebären, ihre Kinder in Zärtlichkeit umschlingen, müssen blühen und altern, ihrer Lebensphase müde werden und in Asche zerfallen, um sich zu verwandeln in ein Neues.

   Blick’ ich empor zu diesen dunklen Tiefen des Himmels, so möcht’ ich die Arme strecken und schreien: „Geschwister! Geschwister!“ Ich liebe sie. Und ich weiß: Sie träumen auch von mir und meinen irdischen Brüdern. – –

   Der grelle Schein der nahen Flamme beginnt mich zu blenden, und vom Rauch der feuchten Äste brennen meine Lider. Ich muss die Augen schließen. Und nun ist alles dunkel. –

   Nein!

   Kleine, strahlende Sonnen wachsen in der Finsternis, schimmernd in sanften Farben, rot und gelb und grün und blau und purpurdunkel. Sie schwimmen und schweben, steigen und sinken, rinnen zusammen in ein einziges mildes Licht. Das ist schön! Und ein wohliges Gefühl durchrieselt meine Glieder. Mir ist, als hätt’ ich bitter gefroren – ich weiß nicht wann. Jetzt aber strahlt mich eine sanfte Wärme an und lässt mich atmen in Süßigkeit. Und immer denk’ ich noch an unsere Geschwister im leeren Blau. Und einen von den Brüdern aus der Heimat des Unendlichen – einen von diesen Brüdern kann ich sehen, so deutlich, als hätt’ ich die Augen offen. Er gleicht mir. Nein! Ganz anders ist er. Und seine Züge vermag ich nicht festzuhalten. Immer verändert sich sein Gesicht. Jetzt hat er zwei Nasen, jetzt hat er die Augen dort, wo wir die Ohren haben, jetzt hat er nur ein einziges Auge auf der Stirn, groß und drohend, gleich dem Auge des Riesen, den Odysseus blendete. Nun wieder sieht er mich mit ernsten, ruhigen Lichtern an – mit Augen, die ich schon hundertmal gesehen habe – mit den Augen eines Wildes im Wald. Lebt auch er in der Wildnis? Sein Gewand ist grob aus Fellen genäht. Und weiße, bläulich schimmernde Felder, von denen es kühl zu mir herüberweht, erheben sich hinter dem Mann zu steilen Höhen. Wohnt mein Bruder auf einem erloschenen Planeten, der um eine Ewigkeitsminute jünger ist als die Erde und die Gletscher der Eiszeit noch nicht überwunden hat?

   Noch immer sieht mein Bruder von Irgendwo mich ruhig an. Und sieh, er kann auch lächeln! Und nun beginnt er zu sprechen. Ich verstehe seine Sprache nicht. Sie besteht aus wunderlichen Lauten, die dem Lallen eines Kindes gleichen, aus hurtig wechselnden Grimassen, aus flinken Bewegungen der Hände, aus taktmäßigem Stampfen der Füße. Dass ich ihn nicht verstehe, das scheint ihn zornig zu machen. Aus seiner Kehle quillt ein dumpfer Laut. Diesen gleichen Laut vernahm ich einmal von einem großen Affen, den in einem Tierpark die Kinder neckten. Mein Bruder greift im Zorn nach einem Eisklumpen und schleudert ihn nach mir. Ich wende mich lachend, das Eis zerschellt auf meinem Rücken, und ich fühle, dass mein Mantel kalt und feucht wird. Und nun versteh’ ich plötzlich die Sprache meines Bruders. Er sagt: „Du dummes, unvernünftiges Tier!“ Dann geht er seinem Haus zu. Dieses Haus ist eine Höhle im Felsen. Der Eingang ist schwer verschanzt mit unbehauenen Blöcken, deren Enden anzusehen sind, als wären sie von einem Biber mit hundert Bissen abgenagt. Mein Bruder muss auf und nieder klettern, um in sein Heim zu kommen.

   Auch ich bin in der Höhle. Wie kam ich herein? Ich weiß es nicht. Und ich bin kein Mensch mehr. Ich bin ein funkelnder Bergkristall, befinde mich in einer Steinschrunde des Felsenloches, in einem urzeitlichen Götzenwinkel, der mit wunderlich gebildeten Blumen, mit Raubtierzähnen und mit den flachstirnigen Schädeln erschlagener Menschen fromm geschmückt ist. Und ich bin als Bergkristall kein Ding für mich allein, bin nur Teil eines Ganzen. Ich stecke als glänzender Nabel im Bauch einer menschenähnlichen, plump aus Mammutbein geschnitzten Gottfigur, die sehr deutlich ein Mann ist und dennoch weibliche Brüste besitzt. Und es wundert mich nicht, dass ich denke und empfinde, obwohl ich ein toter Kristall bin, und dass ich höre und sehe, obwohl ich weder Augen noch Ohren habe, nur eine glatte, schimmernde, harmonisch gebildete Oberfläche. Doch dieser Schimmer ist matt, von Rauch gebräunt, mit Ruß beflogen. Ich fühle das Beißen dieses Rauches in den Augen, die ich nicht besitze. Ganze nahe vor mir, dicht unter dem Gotteswinkel, ist eine Feuerstatt, auf der eine versinkende Flamme züngelt, während der Tag noch in die Höhle scheint. Und dieses Feuer spricht zu mir: „An dieser Stätte brenne ich seit dreihundert Jahren, Tag und Nacht! Immer nährten sie mich mit Fleiß und Andacht. Sieben Geschlechter wärmten sich an mir. Der Urahn holte mich von einem Waldbrand, den der Blitz entzündete. Doch meine Stunden sind gezählt. Noch eh’ der Morgen graut, bin ich erloschen. Dann wirst du frieren in dem Gott, dessen Teil du bist!“

   Ich friere schon jetzt. Mich schauert. Und da ist mir, als bekäme ich plötzlich meine menschliche Augen wieder. Ein schwarzer Schatten bewegt sich vor der klein gewordenen Glut. Und dieser Schatten legt frische Äste über die roten Kohlen. Ein fröhliches Geprassel. Die kleine Flamme wird wieder groß. Ich atme wohlig auf – und zwischen dem Feuer und mir gewahr’ ich ein schwarzes Haupt und ein schwarzes, schief gerücktes Hütlein mit einer Spielhahnfeder drauf. „So! Brennt scho’ wieder!“, sagt der gespenstige Schatten, der an Meister Federlein erinnert.

   Wogender Qualm, der alles verschleiert. Dann wieder die große Höhle im flackernden Feuerschein und mit den schrägen, blutroten Sonnenstrahlen, die über die Blockverschanzung des Höhlentores herein brennen.

   Mein Bruder von Irgendwo erhebt sich von den Fellen seines Lagers und geht zum Tor. Mit ihm sein Weib und zwei schlanke Mädchen. Und eines von den Mädchen trägt mit Vorsicht eine steinerne Schale, nein, es ist ein Knochenbrecher, der einst im Leben ein Gehirn umschloss.

   Ein junger Knabe mit männlich ernsten Augen bleibt bei der Feuerstätte zurück und rollt drei große Holzblöcke über die Glut.

   Der Mann, sein Weib und seine Töchter steigen zum Bord der Torschanze hinauf. Der rote Glanz der sinkenden Abendsonne ist schön um diese vier dunklen Menschen her. Das schlanke Mädchen schleudert aus der Knochenschale ein Flüssiges in die brennenden Abendlüfte. Und die beiden Töchter, das Weib und der Mann erheben mit einer Gebärde des Flehens die nackten Arme. In rhythmischem Singsang rufen ihre rauen Stimmen siebenmal die gleiche Silbe: „Oooi!“ Versteh’ ich recht? Es ist ein Laut, der an „Logi“ und „Elchim“ erinnert.

   Gottesdienst!

   Meine Geschwister beten zu einem guten Gott des nützlichen Lichtes – und sie trauern, da er mit dem sinkenden Tag verschwindet.

   Und nun begreif’ ich, weshalb mein kristallenes Leben in die Nabelhöhle des geschnitzten Gottes eingeschmolzen wurde. Weil meine glasigen Flächen glänzen! Drum sind sie ein Symbol des schöpferischen Lichtes. Sieh nur: Die Religion meines Bruders von Irgendwo ist Poesie!

   Und mein Bruder ist auch ein Künstler! Ein Künstler, der in Sehnsucht schafft! Denn beim flackernden Feuerschein, der grell die Höhle durchflutet, seh’ ich an der Felswand große Bilder, deren eingemeißelte Linien mit verschiedenen Farben ausgestrichen sind: Gestalten von Beil schwingenden Jägern, große Mammutköpfe mit geringelten Stoßzähnen, Höhlenbären, Renntiere, Auerochsen und wilde Pferde, die nicht Hufe, sondern Zehen haben.

   Meine Geschwister verschließen die Wölbung des Tores, kommen zur Feuerstätte, schälen sich aus den Pelzen und beginnen ein Mahl. Sie schweigen. In ihren Gesichtern sind die Zeichen einer ziellosen Sorge. Diese Sorge redet bang aus den Augen des Weibes und der schlanken Töchter. Der Mann scheint ruhiger; wo er sich niederlässt, da legt er zu seiner Linken einen steinernen Hammer hin, zur Rechten ein steinernes Beil.

   Mit einer steinernen Säge zerreißt das nackte Weib einen übel riechenden Fleischklumpen. Und gierig verschlingen meine Geschwister die rohen, eklen Bissen. Ich will ihnen raten: „Siedet das Fleisch in Wasser! Bratet den Renntierrücken am Feuer!“ Doch meine Stimme ist nur ein feines Klingen. Das hören und verstehen meine Geschwister nicht. Und dennoch schienen sie feine Ohren zu haben. Bei jedem leisesten Geräusch, das aus der Nacht da draußen durch die Torschanze hereintönt, zucken sie auf und lauschen. Und immer greift die Faust des Mannes nach dem steinernen Beil. Und während sie so lauschen, unbeweglich, glitzern im brütenden Feuerschein die Schweißperlen auf ihren nackten Leibern.

   Was fürchten meine Geschwister? Den Einbruch reißender Tiere? Das Tor ist fest verschanzt, kein Bär reißt diese schweren Blöcke nieder. Was fürchten meine Geschwister? Ihre Brüder? Welche Weiber suchen und Knechte brauchen? Noch gibt es nicht Menschen, die in Scharen kommen. Sie hausen einsam. Und es steht nur immer einer gegen einen. Und mein Bruder von Irgendwo ist stark. Und gewohnt, zu siegen. Sieben zertrümmerte Männerschädel schmücken als frommes Weihgeschenk den Winkel Gottes, in dem ich glänze.

   Was fürchten meine Geschwister?

   Den unsichtbaren Schreck der finsteren Nacht!

   Zitternd lauschen sie dem Dumpfen und Unbegreiflichen, das auf Riesensohlen die Felsen der Höhle umschreitet. Das wird ein Rauschen und Sausen, ein Heulen und Pfeifen, als flöge ein wildes Gejaid durch die Lüfte dieser schwülen Sommernacht mit dem Eishauch der Gletscher.

   Ich teile die Sorge meiner Geschwister. Ich bin ein glänzender Stein und fühlte doch alles mit ihnen. Meine Schimmerflächen zittern, ich friere vom Hauch des Eises und schwitze unter der Schwüle des Föhns.

   Dieses Brausen und Rauschen wächst. Meine Geschwister hüllen die Gesichter in die langen, zottigen Haare, werfen sich zu Boden und lallen sieben Mal die gleiche Silbe: „Wuuua!“

   Gottesdienst!

   Meine Geschwister von Irgendwo versuchen mit Demut und Gebet den bösen Geist der Finsternis zu versöhnen: Den Teufel der Nacht.

   Der Sturmwind dröhnt und schüttert. Und was ist dieses Polternde? Das Stürzen einer ausgeschmolzenen Gletscherwand? Das Rollen gewaltiger Findlingsblöcke?

   Meine Geschwister suchen Schutz und Hilfe bei ihrem guten Gott des Lichts. Sie reißen Ihn und mich aus dem fromm geschmückten Gotteswinkel. Und das schlanke Mädchen, das in der Abendglut dem scheidenden Gott das Opfer brachte – die Priesterin – ritzt unter murmelnden Singsang mit scharfem Steinsplitter die schwellende, von kleinen Narben bedeckte Brust. Sie gibt dem Gott zu trinken, lässt die roten, köstlichen Perlen des jungfräulichen Blutes in die Beinschrunde träufeln, die dem geschnitzten Bild als klaffender Mund unter die Stumpfnase geschnitten ist.

   Das Toben des Sturmes wächst. Näher und näher prasseln und donnern die stürzenden Eismassen. Und der Gott ist dieses süßen, grauenvollen Trunkes noch nicht satt und will nicht helfen. Ich möchte schreien: „Du! Mein Ganzes! Hilf diesem gläubigen Kind, das für dich blutet!“ Doch es will kein Laut aus meinem gläsernen Leib. Und da klafft schon unter donnerndem Krachen die Wölbung der Höhle entzwei, Eisblöcke wie Berge stürzen auf uns nieder, eine schneeweiß schäumende Wasserwoge rauscht heran und spült die schweren Blöcke der Torschanze wie Federchen davon. Ich sehe meinen Bruder von Irgendwo noach angeklammert an einen tanzenden Baum. Und im Rauschen der Fluten hör’ ich eine grimmig fluchende Stimme:

   „Himmi Sakra! Und Buttermilli, gib Fuier! Was is denn ietz dös?“

   Ich lalle schlaftrunken: „Was ist geschehen?

   „A Mordsbrocken Lahnschnee is abigrutscht über d’ Felsgufel und hat mer ’s halbete Fuier derdruckt.“

   Während ich denke, glaub’ ich zu versinken und verliere meine menschlichen Augen. Und ohne Augen seh’ ich eine wachsende Flamme. Größer und größer wird sie, kommt immer näher – ich sehe einen schwarzen Riesen, der auf einem glühenden Ross reitet wie der wilde Jäger – und da ist mir diese sausende Glut schon so nahe, dass ein Zipfel meines Mantels zu glimmen beginnt. Und der Festl schimpft, zerdrückt den Funken in seiner Faust, und – –

   Und das alles war nur ein Traum! Ein Traum, den ich träumte vor dem Feuer im Schnee! Das weiß ich jetzt. Denn ich bin erwacht. Und habe die Augen offen. Nur rühren kann ich mich nicht. Ich sitze regungslos in der Felsgufel. Mein Kopf hat wieder seine offenen, klar und deutlich sehenden Augen. Aber von den Schultern abwärts ist mein ganzer Körper wie von kaltem Glas. Und durch dieses Kalte, Gläserne meines Lebens rinnt mir jählings ein grauenvoller Schreck.

   Denn mir und dem Festl gegenüber – hinter der durchsichtigen Flamme – sitzt mit grinsendem Bartgesicht ein Dritter.

   Der gefällt mir nicht!

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