Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das wilde Jahr

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Das wilde Jahr
            Vorwort
            Das Adlernest

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
            Die grüne Katze

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Das wilde Jahr
               Ausfahrt
               Walpurgisnacht
               Feuer im Schnee
               Die wilde Jagd
               Bergfrühling
               Panik im Wald
            Buch der Berge
            Pfingstorakel

Walpurgisnacht

   Wir stiegen und stiegen. Immer steiler wurde der dämmerige Waldweg.

   Manchmal, wenn der Wald schluchtig wurde, gerieten wir in Schnee. Oft brachen wir ein bis an die Hüften herauf.

   „Droben auf der Leiten weard’ scho wieder besser!“, tröstete der Festl. „Da hat d’ Sunn den ganzen Schnee scho gfressen.“ Und als wir wieder einmal rasteten, sagte er: „Dass ’s heut gar a so schwüal macht? Kunnt sein, dass mer an Föhn kriagn. Dös waar zwider. Frieren taaten mer freili weniger in der Nacht. Aber mit’m Hoh(n)falz hätt’s den Teifi. A gspaßigs Viech, so a Hoh(n)! Unseroans is zum Gspusi allweil umso lieber aufgelegt, wia wärmer als ma’s hat! Aber so a Hoh(n)! Dem weard’s Hearzl allweil am hoaßesten, bal der Schnee glitzt vor lauter Kälten. Da kunnt ma glauben, dass d’ Liab bei uns Menschenleut ebbes anders waar, als wia bei de Viecher. Aber i woaß net … sunst find i koan rechten Schiedunter. A Hirsch, a Gams, a Füchsl, a Spielhoh(n) oder a Bua … bal ma dürsti weard aufs Weiberl, macht halt a jeds die gleichen Sprüng.“

   Wir hatten eine freie Kuppe erreicht, auf der sich gegen Westen ein weiter Ausblick über das lang gestreckte Waldtal öffnete. Und da zeigte sich ein wundersames Naturbild, das meine Blicke fesselte.

   Die Sonne war schon gesunken. Doch der westliche Abendhimmel brannte zwischen den blaugrün überhauchten Schneezinnen in zitronengelbem Feuer. Und wie ein gewandter Raucher eine lange Kette zarter Ringelchen vor sich hinbläst, so hauchte die westliche Tiefe kleine, kugelige Wölkchen über den glühenden Himmerl herauf. Wenn sie erschienen, warne sie grau, jedes mit einem karminroten Glutstreif gesäumt. Aber je höher sie schwebten, umso mehr floss dieser leuchtende Rotglanz über die ganzen Wölkchen hin, so dass sie schließlich wie fliegende Feuerflocken anzusehen waren.

   Während ich stumm hinaufblickte zu diesem schimmernden Abendwunder der Lüfte, sagte der Festl mit einer Beklommenheit, die sich an diesm gesund ausgewachsenen Menschen drollig anhörte: „Sakra Teifi! Es weard doch ebba ’s wülde Gjaid net ausfahren heut in der Nacht?“

   Die schöne Stimmung des Augenblicks zerfloss mir. „Aber! Festl! Das kann doch nicht dein Ernst sein? An solchen Unsinn glaubst du doch hoffentlich nicht?“

   „Lassen wir’s gut sein! Über so was mag i net spötteln.“ Sich bekreuzend, tappte er weiter. „Hoffentle kriagn mer a friedsame Nacht da droben!“

   Wir hatten nur eine kurze Waldstrecke noch zu durchwandern, um die Hochwiesen des Leitnerhofes zu erreichen.

   Da hörten wir das Geklapper eines Schrittes auf kleinem Geröll. Wir blieben stehen, guckten und horchten. Im Dunkel des Waldes tauchte die schwarze Silhouette eines alten, gebeugten Weibleins auf. Als die Alte uns stehen sah, schien sie seltsam verwundert zu sein.

   „Guaten Abend!“, grüßte der Jäger.

   Und die Alte fing zu kichern an, als hätte für sie dieser ernste Gruß etwas Komisches. „Ui jegerl, der Sylvest!“, klang es lustig, mit dem Gemummel eines zahnlosen Mundes. „Tummel di, Bua! Heut kummst wia gwunschen!“ Wieder kichernd, humpelte das gebeugte Weiblein durch den Wald hinunter. Und war verschwunden.

   „Was is denn jetzt dös für oane?“, sagte der Festl. „Und was für a Zuig für a narrets dö dahergredt hat! Und dös Glachter, dös schepprige …! Teifi, Teifi, dö gfallt mer net …! Was muaß denn dös für oane sei(n)? Zum Leitner gheart’s net eini. Da haben s’ lauter junge Leut unter Dach. Die Bäuerin is gsturben vor dritthalb Jahr. Und ’s Linerl is earst zwoa Jahr aus der Feiertagsschul …! Dös Weibsbild muaß a Fremde sei(n)! Und was suacht denn a Fremde bei der Nacht auf der Leiten heroben …? Tiefe, Teifi! Dö gfallt mer net.“

   „Aber Festl! Das kann doch keine Fremde sein. Sie kennt dich doch. Und hat dich beim Namen genannt.“

   „So oane woaß alls! Heut is die richtige Nacht für so was. Bal oane fahrt, fahrt s’ heut!“

   „Fest? Hast du einen Schluck über den Durst getrunken?“

   „So müassen ja wissen, was i gschluckt hab! Sö haben’s ja zahlt. Vier Schöpperln! Na, na! Da bin i so nüchtern, dass i kumlizieren kunnt …! Aber lassen mer’s guat sein! Sö san a studierter Herr. Dö wissen alls! Im letzten Summer is aa so oaner dagwesen mit vier Augen. So a Moaster Botanikus mit der greanen Blechbüchsen. Alle Stäudln hat’r abitragen vom Berg. Und auf der Höferalm, hinter der Sennhütten, hat’r a kloawunzigs Kerschbampflanzl gfunden. Und dem Förstner hat’r verzählt, es müaßt a Sturmwind den Kerschkern 600 Meter auffitragen haben von der Ortschaft bis auf d’ Alm. Der Förster hat glacht. Und der Moaster Botanikus hat die ganze Sach haarkloan einigschrieben in sein Büachl. Ja …! Der Höferer Hüaterbua hätt’s eahm sagen kinna, wia’s zuagangen is, dass auf der Höferalm a Kerschbaum hat wachsen mögen!“

   Wir hatten den offenen Wiesenhang erreicht. Und der Festl deutete mit dem Bergstock zum dämmerig erblassenden Himmel hinauf.

„Schaugn S’ auffi! Wo san s’ denn jetzt, Enkere unschuldigen Wölkerln?“

   Das war nun wirklich seltsam! Von jenen langen Kolonnen der mit Glut gesäumten Wölkchen war kaum noch ein Hauch in den Lüften zu sehen. Nur ein paar zarte Nebelbänder zogen sich durch den matten Glanz des Himmels und zerflossen spurlos in Luft.

   Ein erster Stern begann zu flimmern, fein wie die Spitze einer Goldnadel. Und der Nachtwind hauchte kühl von den stahlblauen Schneefeldern herunter.

   „Bal mer koan Sturm net kriagn, haben mer Ruah heut Nacht!“, sagte der Festl. „Und ’s Gjaid is hingfahren, i woaß net wo! Aber wann ’s ebba umkehren möcht, so taat’s der Sturm zeitli anmelden, dass mer uns richten kinna.“ Während er auf die grauen Wiesen hinausschritt, blickte er über die Schulter zum Wald hinunter. „Dö hat mer net gfallen. Kunnt sie leicht versprengt haben von der Fahrt?“

   „Aber Festl? Hör doch endlich auf mit diesem unsinnigen Geschwafel!“

   „Unsinn …? Schaugn mer liaber, dass mer zum Leitnerhof ummikommen. I siech koa Liacht nimmer in die Fenster. ’s Linerl weard do net am End scho liegen? Himi Sakra!“ Er machte flinke Schritte.

   Und während ich im Dunkel hinter ihm hertappte, fragte ich: „Festl? Glaubst du wirklich an Hexen?“

   Eine Weile schwieg der Jäger. „A so a Frag! Dös kummt mer für, wia wann mi oaner fragen taat, ob i ans Brot glaab … wann i grad gessen hab!“

   „Hast du denn schon eine Hexe gesehen?“

   „Dö da drunt waar net die earste. Bei mir dahoam in der Schwarzenau is oane gwesen. Dö hat ma d’ Muchenanderliesl1 ghoaßen. So a Weibsbild so a gspaßigs. An Schnauzer hat’s ghabt als wiar a Wachtmoaster. Alle Tag hat si dös Weiberleut rasieren müassen. D’ Leut sagen, von die Teifisbusserln taaten d’ Haar a so wachsen. Und a Hebamm hat s’ gmacht, d’ Muchenanderliesl. Und wia von meine vierzehn Gschwister s’ jüngste auf d’ Welt kumman is … selbigsmal bin i scho fufzehn Jahr alt gwesen … da hat mi der Vater um d’ Muchenanderin gschickt. A Dunnerstag is gwesen, a ganz a richtiger Werktag. Und wiar i abikumm zur Muchenanderliesl und einischau in d’ Stuben, is koa Mensch net da. ‚Höi! Muchenanderin!’, schrei i allweil. Aber nix rüahrt si im Haus. Und auf der Ofenhöll haben drei schwarze Katzen gschlafen. ‚Na’, denk i mer, ‚da gehst!’ Aber wiar i scho außi will zum Haus, kummt d’ Muchenanderliesl grad von der Kellerstiagen auffi. Und weißwollene Handschuah hat s’ anghabt.“ Der Festl verstummte.

   Ich wartete immer auf die Fortsetzung dieser absonderlichen Geschichte. Aber der Jäger sagte kein Wort mehr. Endlich fragte ich: „Nun? Und?“

   Langsam drehte der Festl das Gesicht. „Dös weard wohl gnua sei(n)! Weißwollene Handschuah! In der Kellergruaben! An em Werktag! Und so oane! Und wiar i hoamkumma bin, hat der Vater um d’Hebamm liaber zwoa Stund nach Bärwies ummigschickt! … Himi Teifi Sakra!“ Dieser Fluch galt aber nicht der Muchenanderliesl, sondern der verschlossenen Haustür am Leitnerhof. Doch flink hatte der Festl auch den matten Lichtschein gewahrt, der hinter der Hausecke um die noch unbelaubte Hecke zitterte. „Gott sei Lob und Dank! ’s Linerl hat no Liacht in der Kammer.“

   „Ihr Kammerfenster kennst du also?“

   „Bal der Mensch Augen hat, schaugt’r si d’Welt halt a bissl an. Aber denken brauchen S’ Eahna nix! So weit bin i no net mit’m Linerl.“ Er setzte den schweren Rucksack auf die Hausbank. „Da! Suachen S’ außi, was mer droben beim Fuier brauchen! Derweil sag i’s der Linerl, dass s’ den Rucksack einiholt ins Haus.“

   Er verschwand um die Ecke, währen dich die Rotweinflasche und den Wettermantel aus dem Rucksack herauskramte. Das war bald geschehen. Und weil der Festl nicht kam, ging ich ihm nach um die Hausecke und sah ihn vor einem kleinen, rot erleuchteten Fenster kauern. Der Grasboden dämpfte meinen Schritt. Und der Festl hörte mich nicht kommen. Er guckte in die Kammer, wie ein Büßender ins Himmelreich. Über seine Schulter konnte ich in die kleine, helle Stube sehen – und sah ein aufgedecktes Bett mit rot und blau karierten Kissen, ein Ungeheuer von weißem Ofen, auf der Ofenbank einen Leuchter mit brennender Kerze und mitten in der Stube eine junge, mollige Dirn in langem Hemd, über das die schwarzen Zöpfe wie zwei dicke Kohlenstriche hinunterliefen. Das Mädel stand mit dem Rücken gegen das Fenster. Und plötzlich machte die blinkweiße Nachtwandlerin eine groteske Bewegung – als möchte sie Cancan tanzen oder sich mit der großen Zehe hinter den Ohren kratzen. Das Hemd pluderte, und etwas Schwarzes kam über den Kopf des Mädels gegen uns herübergeflogen und fiel mit schwerem Klatsch auf die Dielen. Flink wie ein Wiesel drehte sich das Linerl um – sah am Fenster das Gesicht des Jägers, tat einen gellenden Schrei, fuhr wie irrsinnig auf den Ofen zu und pustete das Licht aus.

   Das rote, helle Fenster war ein schwarzer Fleck geworden. Und aus der finsteren sTube konnten wir noch das Ächzen der Bettlade hören.

   Ganz leise lachte der Festl – und in diesem feinen Lachen war die Freude eines Glücklichen. Dann pochte er ans Fenster. „LInerl! Auf der Hausbank liegt a Rucksack! Gelt, bist so guat und holst’n eini? Morgen in der Fruah kumm i nacher.“ In der Stube kein Laut. Und der Festl wollte gehen. Jetzt sah er mich erst. Er schien es mir nicht übel zu nehmen, dass ich dieses weiße Nachtgeheimnis mit ihm teilte. Denn er lachte wieder und zog mich um die Ecke.

   Bei der Hausbank fragte ich: „Glaubst du denn, dass sie verstanden hat, was du da getuschelt hast?“

   „Dö hat zwoa Ohrwascheln wiar a Mäuserl!“ Er nahm meinen Wettermantel über die Schulter. „Jetzt aber flink! Anderthalb Stünderl haben mer no auffi.“

   Der ganze Himmel funkelte von Sternen. Und die Frühlingsnacht war so kalt geworden, dass der Wiesboden, über den wir hinaufstiegen, zu gefrieren begann.

   Noch ehe wir den Wald erreichten, hörten wir drunten in der Finsternis das Quieksen der Haustür. „Gelt? Auf Enkern Rucksack fallt heut in der Nacht koa Reif.“ Dann erinnerte der Festl mit keinem Wort mehr an das weiße Bild, das wir durch das kleine Fenster belauscht hatten. Doch immer schwatzte er, während wir durch den dunklen Wald hinaufkletterten. Es war wie das übermütige Wortgesprudel eines Menschen, der bei guten Flaschen saß, noch nicht berauscht ist und doch schon spürt, dass ihm die Sinne wirbeln.

   Von aller Trunkenheit ist Freude und zärtliches Hoffen die schönste. Und diese Trunkenheit ist schöpferisch.

   Sonst war der FEstl gerade kein übermäßiges Kirchenlicht. Ein gesunder, grad zugreifender Bursch. Aber während wir da hinaufklommen durch den finsteren Fichtenwald, sagte er so kluge und fein empfundene Worte, wie ich sie vom Festl noch nie gehört hatte.

   Ich konnte mir dieses Lebenswunder, das im Festl wirkte, ungefähr zusammenreimen. Er ist dem molligen Linerl schon lange gut gewesen, doch über das erste Geplänkel noch nicht hinausgekommen. Und da führte ihn ein glücklicher Zufall an das rote Fensterchen, just in dem Augenblick, in dem das Linerl, dessen Herzl wohl auch schon ein bisschen warm geworden war, eine Frage an die Zukunft richten wollte und den Pantoffel warf. Und als das Mädel sich umdrehte, um zu sehen, wie der Pantoffel fiel, lachte an der Fensterscheibe das heiße Gesicht des Festl. Und nun ist die Sache mit den beiden fertig. GEgen den Spruch der Walpurgisnacht gibt es keinen Zweifel. Das weiß der Festl, und drum kann er froh sein und aus dem trunkenen Wirbel eines sicheren Glückes so feine Dinge herausschwatzen, wie sie keine andere, nüchterne Stunde des Lebens in seinem bescheidenen Gehirn erweckt hätte. Was wäre der Glaube an Gott und Teufel wert, wenn man noch Bedenken hätte, sobald von den beiden einer ein willkommenes Wort verkündet? Und für das Volk spricht der Teufel immer eindringlicher als Gott der Herr. Der Teufel des Volkes hat Hörner und einen grauslichen Schweif, ist aber doch von jenen dunklen Mächten eine, die häufiger das Gute schaffen als das Böse. Dem wilden Gejaid zum Trotz wird sich der Festl an diese unheimliche Walpurgisnacht sein ganzes Leben lang mit Freuden erinnern.

   Wir waren in Schnee geraten. Der nahm nun auch kein Ende mehr. An manchen Stellen trug er uns; dann wieder brachen wir ein, so tief, dass es einen heißen Kampf kostete, um die Beine frei zu bekommen.

   Als es den Festl wieder einmal bis an den Bauch hineinriss in dieses zähe Grau, fluchte er lachend: „Himi Teifi Sakra! Und Buttermilli, gib Fuier! Heut wusst i mer ebbes Bessers, als in der Nacht zum Hoh(n)falz auffikraxeln.“

   Der Wald ging zu Ende, und es begannen die offenen, von Frühlingslawinen verschütteten Latschenfelder. Nun hatten wir auf den hart gefrorenen Schneemassen ein so leichtes Aufwärtssteigen wie über steinerne Stufen.

   Wie ein stilles Wunder lag die kalte, Stern blitzende Nacht über dem endlosen Schnee. Doch der Weg verlangte aufmerksame Augen. Zwischen dem hartknolligen Lawinenschnee tauchten schwarze Löcher hinunter in das Gewirr der verschütteten Latschen. Und dieses achtsame Hinspähen auf den Grund ermüdete schließlich die Augen so sehr, dass mir alle Nähe und Ferne, so oft ich den Blick erhob, unter grauen Schleiern zu fließen schien.

   Etwas Ähnliches mochte auch der Feistl an seinen Augen merken. Denn er brummte: „Völli blind kunnt oaner wearn!“ Häufig blieb er stehen und deckte für eine Weile die Hand über die Augen. So tat er wieder einmal. Und da fing über uns in den dunklen Lüften ein wunderlicher Ton zu singen an. Er begann wie das feine Miauen eines Kätzchens, wurde wie das Schnurren eines riesenhaften Katers, wie das vibrierende Klingen einer dicken Stahlsaite, wie ein bebender Glockenton. Und während mir etwas Eisiges durchs Leben zuckte, griff der Festl unter einem stammelnden Fluch nach meinem Arm und riss mich ein paar Sprünge auf die Seite.

   Nicht weit von uns ein schmetterndes Klatschen. Und wir sahen aus dem Schnee eine Funkengarbe herausfahren, wie sie aus einer Esse fährt, wenn der Schmied die Eisenstange in die glühenden Kohlen stößt.

   Dann wieder die dunkel Nacht, diese träumende Stille.

   Und der Festl sagte lachend: „Jetzt hätt der Teifi unser Liacht bald ausblasen!“

   Ich fragte: „Hast du denn gesehen, wie der Stein geflogen kam?“

   „Gott bewahr! Aber geduldi stehn bleiben kon ma ja do net. Der Mensch macht halt an Hupf in der Noat. Derwischt’r ’s richtige Platzl, so kon’r von Glück sagen. Kummen S’! Mier haben nimmer weit. Da droben is an überhängets Wandl. Da hocken mer sicher. Und da hab i gestern a kammods Platzl ausgschaufelt. Und hab an Haufen Holz auffitragen, dass mer fuiern kinna.“

   Ein paar hundert Schritte noch über steilen Schnee. Und unsere Quartierstelle war erreicht. Gleich einer steinernen Muschel wölbte sich eine schwarze Felswand über einen kreisrund vom Schnee gesäuberten Platz heraus. Ein kleiner Holzstoß war da aufgeschichtet, und seitwärts im Schnee lag noch ein klotziges Gewirr von dürren Ästen und Latschenknorren.

   „So, jetzt san mer da! In unserer Jagdhüten! Jetzt muaß i glei biflogen, was mer d’ Frau Dokter auftragen hat: Muaß d’ Stuben lüften, a Fuier machen, an Tee aufgiaßen und d’ Ofenklappen richtig stellen!“ Während er sich vor dem Holzstoß niederkniete und ein Zündholz anstrich, legte ich unter der Wand mein Jagdzeug ins Trockene, zog den Wettermantel an und knüpfte das Taschentuch um den von Schweiß überronnenen Hals.

   Dann stand ich eine Weile mit geschlossenen Lidern, um die Augen ruhen zu lassen. Als ich sie aufschlug, züngelte unter dem Astgewirr des Holzstoßes schon ein kleines, bläuliches Flämmchen. Ich kehrte dieser erwachenden Helle den Rücken und blickte hinaus in die stille, kalte Nacht.

   Wie schön das war: Dieses milde, kontrastlose, blaugraue Ineinanderschwimmen aller Nähe und Ferne! Die aus den Lawinenmassen herausgreifenden Latschenzweige zeichneten absonderliche Arabesken über den Schneegrund. Und in der Tiefe flossen die blauschwarzen Wälder mit breiten Wogen hinunter gegen das dunkle Tal der Menschen und schwammen drüben ruhig wieder in die Höhe bis zu dem silbergrauen Gemäuer der von Schnee umgossenen Berge. Da drüben waren die grauen Grate, Zacken, Kuppen und Zinnen wie ein endloses Silbermeer, überwölbt von einer Wunderglocke der Finsternis und des Lichtes, umschlossen vom reinen Himmel der keuschkalten Frühlingsnacht mit ihren tausend großen und kraftvoll brennenden Sternen.

   So groß und strahlend sieht ein Mensch, der nur die Nächte der dunstigen Tiefe kennt, die Sterne niemals leuchten. In klarer Nacht auf einsamer Höhe dieses glanzvolle Gefunkel zu schauen – das ist wie ein Rausch, den keine Sprache schildert. Da wird dir alles ewig Weite zu einer wundersamen Nähe. Gefühle durchschwimmen dich, so mächtig und schön, wie du sie nie empfunden. Und Gedanken durchzucken dein Hirn, so kühn und leuchtend, wie du sie nie gedacht. Unersättlich blickst du hinauf zu den hellen Feuerzeichen der Ewigkeit. Der heilige Schauer des Wunders durchfiebert dich. Und dennoch fühlst du alles Unbegreifliche als ein Leichtverständliches.

   „Herr Dokter, toan S’ Eahna fei net verküahln! Kumman S’ her zum Fuierl!“

   Das Wort des Jägers weckte mich aus dem Rausch meines Schauens. Wie ein grauenhaftes Ungeheuer gaukelte mein Schatten über die rot erleuchtete Schneefläche. Ich wandte mich um. Und sah eine rauschende Flamme hoch hinauf schlagen in die Steinmuschel der überhängenden Felswand. Und sah den Jäger auf der Erde sitzen, von grellroten Lichtern übergossen, nicht einem Menschen ähnlich, sondern einem gespenstigen Wesen gleichend, das halb aus schwarzer Nacht und halb aus strahlender Glut gebildet war.

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1 Elisabeth, die Tochter des Nepomuk Andreas. ^

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