Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das wilde Jahr

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      Ludwig Ganghofer
         Das wilde Jahr
            Vorwort
            Das Adlernest

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
            Die grüne Katze

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Das wilde Jahr
               Ausfahrt
               Walpurgisnacht
               Feuer im Schnee
               Die wilde Jagd
               Bergfrühling
               Panik im Wald
            Buch der Berge
            Pfingstorakel

Kapitel 7

   Man folgenden Tag, in der Morgenfrühe, verwandelte sich die Trauerstille der Luttermühle in erneutes Leben. Um sechs Uhr, bei Tagesanbruch, vernahm man ein dumpfes Brausen. Man hatte das Wehr des Mühlbaches aufgezogen, und das arbeitslustige Wasser stürzte sich mit fröhlichem Spektakel in die Radschaufeln seines Tagewerks. Ein Spiel von gold blitzenden Tropfen war in der Sonne rings um das kreisende Ungetüm, die Transmissionen surrten, die Mahlsteine rollten, die Mehlsiebe schütterten, und dieses Lärmgezitter erfüllte das ganze Haus.

   Jedes in der Mühle stand bei seiner Arbeit, und am fleißigsten schaffte der junge Meister, um seiner Trauer und seines Kummers Herr zu werden. Nur Warmelius begann seine Existenz als zwecklos zu empfinden. Vor den Laubfrosch hinzusitzen und sich zu ärgern? Das war keine Lebensaufgabe. Was anderes fand sich nicht. Miauend, suchend, immer unglücklicher, schlich er durch alle Räume. So oft er in die Stube wollte, wurde er davongejagt, nicht aus Unbarmherzigkeit, sondern aus verständigen gründen. Es fehlte ihm hierfür die feinere Differenzierungsgabe, und so empfand er die Sache als rohe Gemeinheit, war gekränkt, kletterte auf den Apfelbaum seiner andauernden Verständnislosigkeit und ließ sich die Sonne auf den weißen Balg scheinen.

   Den ganzen Vormittag scheuerten, lüfteten und räumten Stas und Ottil in Stube und Kammer. Die letztere wurde in eine Art von Müllerstudio verwandelt, weil Nepomuk meinte: In dem Raum, in dem die Mutter geatmet und verschnauft hatte, könnten ihm nur gute Gedanken kommen. Der Wandel wurde auf einfache Art vollzogen; man trug die Bettlade und das Nachtkästl der Frau Simonia hinaus und rückte für den jungen Meister einen Tisch mit Löschpapier und Tintenzeug an das Fenster. Vor das Gesims stellte die Stas sechs Blumentöpfe. Weil die Stöcke noch nicht blühten, sorgte sie auf andere Weise für Wohlgeruch, der auch noch den Zweck hatte, die bösen Bahrgeister aus dem Haus zu treiben und die guten Lebenswichteln hereinzurufen. Sie füllte eine kleine Pfanne mit glühenden Kohlen, schüttete eine Handvoll Wacholderbeeren drauf, schloss alle Fenster und rannte nun mit dieser heftig qualmenden Sache durch Stube und Kammer, durch Kammer und Stube, immer wedelnd wie der Messner mit dem Weihrauchfass. Die zu Tränen gebeizten Augen konnte sie schließen, die Nase konnte sie mit der linken Hand zudrücken, doch jeder Versuch, die Lippen vor die Zähne zu bringen, misslang. Drum musste sie immer husten. Auch Warmelius nieste einige Male kräftig mit, dazu noch seelisch bedrückt von der aufkeimenden Erkenntnis seines reduzierten Daseins. Nicht nur Frau Simonia und ihr Schoß waren unfindbar verschwunden, auch der Lehnsessel. Den hatte man zum Sattler geschickt, der ihn neu mit Leder überziehen musste. Nur das alte, unter entschwundenen Lasten sehr platt gewordene Kissen war zurückgeblieben. Das hatte die Stas, gleichsam als Erbstück und Legat, für Warmelius auf die Ofenbank gelegt. Er hatte sich auch nach längerem Schnuppern missmutig draufgeseztt. Doch als der Wacholder zu stinken anfing, flüchtete Warmelius mit zwei entsetzten Sprüngen unter den Ofen, ohne zu wissen, dass dieser schwere Qualm sich senkt. Die immer rasender umhersausende Stas begann grau in grau von unten her zu verschwinden, verlor die Beine, verlor das Mittelstück, verlor die Gegend des nicht vorhandenen Busens, hatte schließlich nur noch einen tränenden Kopf, stellte flink das Qualmpfänndl in die Ofenröhre und flüchtete aus der Stube. Als Warmelius im Grau das Geräusch der Türe vernahm, wollte er auf dem gleichen Rettungsweg entfahren, kam aber zu spät. Draußen drehte sich schon der Schlüssel um. Miauend kratzte Warmelius sehr hurtig an den Brettern, ohne dass draußen die fürchterlich hustende Stas ihn hören konnte. Verzweiflungsvoll begann er im grau umherzusausen. Es ist anzunehmen, dass es unter Flüchen und Verwünschungen auf die Torheit der Menschen geschah. Er sprang auf die Wandbank, sprang auf ein Fenstergesims und merkte, dass in dieser Höhe der Gestank ein bisschen erträglicher war. Drum beförderte er sich mit einem Wahnsinnssprung auf den höchsten Bord des Geschirrkastens, wo er zwischen Holz und Stubendecke ausreichenden Luftraum fand. Von diesem erhabenen Standpunkt konnte er, wie ein Hochtourist auf dem Montblanc, mit weinenden Augen ein seltsames Phänomen bestaunen. Die ganze Stube war verschwunden, war verwandelt in ein aschengraues Meer, dessen Oberfläche sich wellenförmig und Fäden spinnend bewegte, doch leider auch immer höher stieg. Warmelius wäre bei lebendigem Leib geräuchert worden, wenn er nicht auf den rettenden Einfall gekommen wäre, die Schnauze unter den Schwanz zu stecken und Luft aus sich selbst zu saugen. Immerhin ging ihm die gespensterscheue Desinfektionswut der Stas bis nah ans Leben. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn die lange Küchenjungfrau nicht schon nach einer halben Stunde die Tür und alle Fenster in Stube und Kammer aufgerissen hätte. Kaum merkte Warmelius den frischen Luftzug und das Loch des Zimmermanns, als er wie verrückt hinausfuhr in Gottes freie Natur. Immer schüttelte er in der Sonne den Pelz – man könnte mit doppelter Berechtigung statt Pelz auch Rauchwerk sagen – ringelte den Schweif zu pathologischen Wurmfiguren, lechzte mit vorgeschobenem Züngl, soff eine schreckliche Menge Bachwasser und hatte links und rechts vom Schnäuzchen die gelblichen Tropfsteingebilde seiner hart gewordenen Tränen. Gliederschwach, von schwerer Übligkeit befallen, kletterte er auf seinen Apfelbaum und achte schlecht von den Menschen.

   So kann man danebengreifen, wenn man kritisiert. Denn die Stas wurde in der Mittagsstunde von den Mühlgesellen, vom Stallknecht und von der schwerhörigen Ottil sehr gelobt, weil die ausgeräucherte, gut gelüftete, von Sonne durchglänzte Stube wie herber Frühling duftete. Dennoch gab’s keine auflebende, sondern eine stille, schwermütige Mahlzeit. Nepomuk, im hechtblauen Müllerkleid, mit einem weißlich bestäubten Flor um den linken Ärmel, sprach kein Wort. Seit drei Tagen wieder die erste Mittagsschüssel auf diesem Tisch! Und ohne die Mutter! Nach dem Dankbeten ging der junge Müller in die Kammer – er sagte nicht: „In meine Stub“, er sage: „In Mutters Zimmer.“ Dieser Name blieb.

   Am offenen Fenster saß Nepomuk neben den Blumenstücken und presste das Gesicht in die Hände, durchschüttert von heißem Schluchzen. Am Grab der Mutter und inmitten des Leutegewimmels hatte er nicht weinen können. Jetzt, in Mutters Zimmer, war ihm dieser Sturm seines Schmerzes auch eine Wohltat. Als er ruhiger wurde, sah er mit nassen Augen an den Wänden umher und hing mit zärtlichem Blick an jedem Gerät, das der Mutter Hände tausendmal berührt hatten. „Alles muss so bleiben! So lang ich leb!“ Nur die nötigsten von seinen Sachen sollten in die heilige Stube kommen dürfen.

   Wo das Kopfstück des Bettes gestanden hatte, nagelte er ein Zapfenbrett an die Wand, hängte seinen Hut und Mantel dran, den Zimmerstutzen, die Scheibenbüchse, die Silber beschlagene Sonntagspfeife und seine Geige. Das Einmachglas mit dem Laubfrosch fand bei den Blumenstöcken seinen Platz. Und augenscheinlich durfte man andauernd auf gut Wetter hoffen. Beharrlich kletterte der weißgrüne Prophet am Glas in die Höhe, doch weil es glatt war, rutschte er immer wieder ins Moos hinunter. „Wart, Grünerle, ich mach dir ein neues Leiterl! Gleich!“ Das war eine tröstende Zerstreuung. Nach einer Stunde war die neue Froschleiter fertig, akkurat gebosselt, wie dem jungen Müller alles aus den geschickten Händen ging. Kaum war die Leiter im Glas, so fing der Prophet zu klettern an. Sein Leben, im Gegensatz zum Warmelianischen Dasein, ging nach aufwärts und wurde auch gleich bereichert um einen neuen Reiz. Nepomuk hatte den guten Gedanken, eine automatisch funktionierende Fliegenfalle zu konstruieren. Er bohrte in den vielfach durchstoßenen Holzdeckel drei größere Löcher, die er innen durch federnde Papierblättchen halb verklebte. Dazwischen befestigte er ein mit Honig getränktes Stück Zucker, das umschlossen war von einem Leinwandläppchen. Als die fertige Sache in der Sonne stand, schien der Leiterphilosoph durchaus nicht zu bemerken, dass hier ein Novum in sein leben trat und ein Welträtsel sich auf angenehme Weise für ihn zu lösen begann. Es ist eine Eigenschaft aller Philosophen, von maschinellen Einrichtungen wenig zu halten. Die kalkulierende Intelligenz! Alles andere ist nebensächlich, ist inferior.

   Je weniger der Laubfrosch seinen Denkapparat bemühte, umso aufmerksamer beobachtete Nepomuk mit berechtigter Erfinderneugier den Verlauf der Dinge. Wupps, war eine Fliege da, gelockt vom Geruch des Honigs. Sie lief nervös auf dem Holzdeckel hin und her und schien nicht zu wissen, für welches der drei Löcher sie sich entscheiden sollte. Endlich entschied sie sich für das größte, vermutlich, weil sie dachte: „Da ist’s am ungefährlichsten, da komm’ ich am leichtesten wieder heraus.“ Im Gegenteil: Hier kam sie am leichtesten hinein.

   Nicht nur Nepomuk war gespannt, jetzt auch der Laubfrosch. Kaum vernahm er das leise Gekribbel hinter dem zitternden Papierblättchen, da drehte er sich auf der Leiter um und guckte. Es war ihm anzumerken, dass sein Geist keinen Trugschluss machte. Sein Maul verbreiterte sich, seine Augen wurden spitzig. An seinem Kehlhäutchen fieberte ein feines Zittern des spannungsvollsten Erwartens. Ob Laubfrosch im Glas oder Tiger in den Dschungeln, ob Erbfeind in der Schlacht oder dürstende Sehnsucht im jungen Blut – ’s ist immer das gleiche.

   Schon hatte die Fliege den Kopf zwischen Holzdeckel und Papierzunge durchgeschoben und arbeitete aus Leibeskräften, um den süßen Honig so rasch wie möglich zu erreichen. Der Philosoph verlängerte sich. Jetzt war die Fliege frei und breitete die Flügel, um der Seligkeit entgegenzuschwirren. Der Denker sprang, verschluckte die betrogene Seele in der Luft, hing auf der anderen Seite seines Palastes am Glas, rutschte gemütlich herunter, kletterte über die Leiter hinauf und setze sich wieder in Lauerpositur. Der junge Müller dachte: „Jetzt hätt die Mutter ein bissl lachen können!“

   Der Laubfrosch sah ungemein befriedigt aus. Mit Recht. Sonst war die Sache ein bisschen monoton gewesen. Hatte er die paar Fliegen gefressen, die man für ihn fing, so konnte er stumpfsinnig auf die unregelmäßige Stunde der nächsten Fütterung warten. Aber jetzt! Wie anders! Nicht nur eine amüsante Ernährungsmethode war ihm gegeben – noch mehr: Sein Leben hatte geistigen Inhalt, hatte Pikanterie, hatte Sensationen. Und dazu noch eine köstliche Schadenfreude – vorausgesetzt, dass er ihren Wert auch klar zu erfassen verstand. Warmelius kam zum Fenster herein gesprungen, lautlos. Nicht das geringste hatte Nepomuk vernommen, hatte nur, begleitet von einer fliegenden Erinnerung, diesen weißen Gespensterhusch gesehen und fuhr auf mit dem Zornwort: „Wirst du wohl –“ Er brauchte nicht weiter zu sprechen. Der unglückselige Kater, zu Tod erschrocken, war schon wieder verschwunden. Und hinter ihm klagen die dunklen Orakelworte: „Wart nur! Morgen oder übermorgen kommt der Postbot!“

   Nach diesem flüchtigen Erlebnis wurde Nepomuk gleich wieder und zwar andauernd an das weiße Biest erinnert. Er hatte sich zu seinem Rechnungsbuch gesetzt. Viel war einzutragen, auf der Seite, auf der die Ausgaben standen. Geboren werden, ist relativ billig, sterben ist teuer, auch minder empfehlenswert als das erstere. Weil Nepomuk die Bücher genau so weiterführen wollte, wie die Mutter sie geführt hatte, vertiefte er sich in das Kontobuch des vergangenen Jahres. Und da sprang ihm gleich mit der ersten Eintragung ein zärtlicher Muttergruß ins Herz. Am 1. Januar war eingeschrieben:

   „Für meinen lieben Buben in die Sparkass’ 100 M.“ Monat für Monat, immer am Ersten, wiederholte sich dieser gleiche Posten. Und im August, datiert vom zweiten, stand unter diesem Dokument der Mutterliebe die rätselhafte Eintragung:

   „Fürs liebe Warmeli . . . . . . . 50 M.“ Nepomuk betrachtete diese Ziffer sehr verwundert. 50 M.? Für ein junges Kätzl? Das hatte die Mutter doch nicht gekauft? Sie hatte es geschenkt bekommen von einer Bäuerin. Der junge Müller ging in die Küche. „Stas? Ist Mutters Kätzl im Sommer einmal so krank gewesen, dass man den Viehdoktor aus der Stadt hat holen müssen?“

   „Gott bewahr! Das Kätzl ist allweil gesund gewesen, wie der Fisch im Wasser.“

   „Muss man für Katzen Steuer zahlen?“

   „Gott sei Dank, noch allweil nit. Aber kommen wird’ schon noch. Was der Steuer auskommen möcht, das müsst unser Herrgott unsichtbar erschaffen.“

   Nepomuk wollte zurückkehren in Mutters Zimmer, trat aber vor die Haustürschwelle und blickte nachdenklich über das sonnige Bachtal. Das Dorf war nicht zu sehen, war verhüllt von Hügeln, verschleiert von einem Buchenwäldchen, dessen laublose Kronen aussahen wie zarte Goldgespinste. Nur der Kirchturm stach mit seinem Funkelknauf über alle versunkenen Dächter sichtbar hinauf ins Blaue. Dort schlief die Mutter in kühler Tiefe. Dem jungen Müller hob ein schwerer Atemzug die Schultern. Er hörte wieder das Poltern der Schollen auf dem Sarg, fühlte wieder, wie eine liebe, tröstende Hand die seine fasste – die Hand der Vron. So gut seine Mutter zu allen Menschen war, gegen die Vron war sie ungerecht gewesen. Auch alle die anderen waren gekommen, alle, von denen die Mutter immer so lobhaft geredet hatte. Aber ein Wort wie das von den Guten, die allweil sterben müssen, war keiner eingefallen. Die das zu ihm gesagt hatte, war auch im Kirchof gewesen. Einmal, hinter dem Ring der guten Leute, hatte er das schmale, vom sonnigen Schnee gebräunte Gesicht mit den trauervollen Glitzeraugen gesehen. Warum war sie nicht zu ihm gekommen, um wieder so ein gutes Wort zu sagen? Die hatte wohl nicht viel Zeit? Hatte flink wieder heim müssen zum hilflosen Stump-Hannesle?

   Der junge Müller sah über die waldige Berghalde hinauf, in deren Höhe ein paar graue Dachfirste hinausragten über das Gewirr der violetten Buchenkronen.

   Da rief ihn einer von den Gesellen. An einer Transmission war was zu richten. Als der Schaden gebessert war, kam Nepomuk an der Küchentür vorbei. „Du? Stas? Wenn der Warmelius eins kennt, so muss er’ doch ein paar Mal gesehen haben? Ist denn die zu uns ins Haus gekommen?“

   „Wer?“

   „Dem Stump-Hannesle die seinig?“

   „Wohl! Die ist oft bei der Mutter gewesen.“

   „Die hab ich aber nie gesehen bei uns.“

   „Weil sie allweil am Sonntag da gewesen ist. Die geht in die Frühmess. Da hat sie, derweil wir alle im Hochamt waren, bei der Müllerin bleiben können.“

   „Warum denn?“

   Die Stas sah den jungen Müller verwundert an. Sie schien nicht recht zu begreifen, dass man vom Stump-Hannesles-Rüetle so viel reden konnte. „Mein, sie wird’s halt nötig gehabt haben. Weißt doch, wie die Müllerin gewesen ist. Da könnten viel was erzählen davon, wenn sie möchten. Die Müllerin hat nie ein Wörtl drüber geredt, Aber wenn ich heimgekommen bin vom Hochamt, hab ich’s in der Speis und im Keller allweil merken können, dass wieder ein Körbl voll verschenkt worden ist.“

   „Ach so?“

   „Ja!“ Es war der Stas anzumerken, dass sie über die allzu große Gutmütigkeit der seligen Frau Simonia gern ein missbilligendes Wort gesagt hätte. Sie verschwieg es aber mit Rücksicht auf die erst kurze Klagzeit und beleckte nur das Gebiss wie eine Hirschkuh, wenn sie sich ärgert.

   Nepomuk kehrte in Mutters Zimmer zurück. Alles schien für ihn erledigt. Dennoch hing ein Rätsel in der Luft, das sich in der nächsten Minute noch weiter auswachsen sollte. Er fand im Kontobuch der Mutter durch weitere sechs Monate den gleichen Posten eingetragen:

   „Fürs liebe Warmeli . . . . . 50 M.“ Und am 4. März, da heiß es gar:

   „Fürs liebe Warmeli, auf alle Fäll 600 M.“ Unter dieser Eintragung stand mit winziger Schrift noch die sonderbare Bemerkung:

   „Meinem lieben Buben wird’s wieder hereinkommen, pf, pf, pf.“

   Das scheinbar Dunkelste an dieser Sache war das Verständlichste. „Pf, pf, pf“ – das bedeutete natürlich: „Dreimal draufspucken, damit es nicht schief geht und sich wirklich erfüllt.“ Aber was? Dass ihm die Leute, denen die Mutter Wohltaten erwies, gut und anhänglich bleiben sollten? Eine andere Erklärung fand er nicht. Namen hatte die Mutter nicht ins Buch schreiben wollen. Drum hatte sie alle Wohltätigkeitsbeträge „für die Katz“ eingetragen. Und hatte sie ihren nahen Tod geahnt? Hatte sie drum – „Für alle Fäll“ – einem jeden der Bedürftigen das letzte Mal noch reichlich gegeben? Aber wenn es so war? Was steckte dann hinter dem mit jedem Monat wiederkehrenden Posten ‚Allerlei’? Das waren Beträge von 20 bis 40 Mark, manchmal auch drüber. Dieses ‚Allerlei’ ging zurück durch alle früheren Jahre. Aber die Posten fürs ‚liebe Warmeli’ begannen erst im August des vergangenen Jahres – damals, als die Mutter so schwer erkrankte. Hatte sie von dieser Zeit an noch barmherziger gegeben, als früher? Alles zusammen, Warmeli plus Allerlei, das gab jeden Monat eine nette Summe, noch ungerechnet die vielen Körbchen, die aus Keller und Speis davongetragen wurden. Aber wäre denn Wohltätigkeit ein Verdienst, wenn man nur gäbe, was man leicht entbehrt? Nepomuk sah das lächelnde Gesicht der Mutter und sah um ihre graue Zausfrisur und um ihre Hängebacken herum einen verdienten Heiligenschein. Und wie es die Mutter gemacht hatte, so musste er’s weitermachen, mit Verstand natürlich. Aber ins Buch wird er nicht hineinschreiben: ‚für den geisterhaarigen Warmelius’ – er wird hineinschreiben: ‚für Mutters liebe Seel.’

   Einen solchen Posten konnte er noch vor dem Abend eintragen.

   Das Nachtmahl nahmen die Müllerleut in der Küche ein, weil in der Stube schon gedeckt war für die Dreißigergäste. Früher war das so im Dorf, dass in einem Trauerhaus durch dreißig Abende gebetet wurde. Die neue Zeit hatte einen Wandel gebracht, nicht wegen Mangel an Frömmigkeit, sondern weil diese Fegfeuerhilfe sehr kostspielig war. Die arme Seele musste sich mit den Rosenkränzen und Litaneien einer Woche begnügen. Der Name ‚Dreißiger’ war geblieben.

   Um acht Uhr kamen die Betgäste. Vron, so heiße Wangen sie von dem hurtigen Weg bekommen hatte, war nicht die erste. Ein paar junge Zöpfe von Frau Simonias Kaffeegesellschaften waren ihr zuvorgekommen. Mit allen Verwandten und Freunden waren es an die vierzig Leute. Eine Stunde wurde gebetet, dann saß und stand man in der Stube herum und begleitete die Liköre, den Käs und das Geselchte mit freundlichen Lobreden auf Frau Simonias gute Eigenschaften. Um zehn Uhr trat man den Heimweg an.

   „Tust du mich heut heimführen?, fragte die Vron unter verheißungsvollem Lächeln.

   Nepomuk nickte und ging in Mutters Zimmer, um seinen Mantel zu holen. Im Dunkel war es ihm, als stünde das Bett der Mutter noch da. Das Bett war schwarz, aber das Gesicht der Mutter war weiß, ohne Augen, ohne Mund. Dennoch hörte er sie sagen: „Bub? Bist du blind?“ Er machte erschrocken eine Handbewegung, und das weiße Gesicht der Mutter flog zum Fenster hinaus, das noch offen stand – Warmelius, der auf der Kommode gelegen hatte, weil ihm was Besseres nicht zur Verfügung stand.

   „Allweil wieder die haarige Bestie!“, knirschte Nepomuk, brachte den Propheten in Sicherheit und riegelte das Fenster zu.

   Auf dem Weg zum Dorf war er nicht besonders redselig. Auch passte von den jungen Mädeln eines aufs andere auf, als wären sie alle in misstrauische Gendarmen verwandelt. Mit der kameradschaftlichen Duldung, die man in der Zeit der Mühlwinkelbusserln geübt hatte, schien es vorbei zu sein. Seit Frau Simonias Heimgang hatte die Sache einen ernsten Charakter gewonnen. Im schwarzen Schatten einer Fichtengruppe, deren Äste den Weg überspannten, fühlte Nepomuk ein halbdutzend Hände an Armen und Fingern. In Zorn sagte die Vron: „So was! Ich tät mich schenieren.“ Sie musste aber doch selber zugegriffen haben, sonst hätte sie nichts gemerkt. Es gab ein mehrstimmiges Gekicher, das nicht heiter klang. Aus Bosheit – doch unter dem Vorwand, recht lang unter den schönen Sternen zu bleiben – schlugen die Mädeln einen Weg ein, dass das Haus der Vron im Dorf das erste war, zu dem sie kamen.

   Die Fenster leuchteten. „Der Vater ist noch auf“, sagte die Vron so leise, dass nur Nepomuk es hören konnte, „einen, der Bürgermeister gewesen ist, kann man allweil was fragen.“

   Er drückte ihre Hand, sehr fest, und sagte laut: „Deinen Vater, Vronle, muss ich einmal was fragen. Gelt, wenn der Dreißiger vorbei ist, darf ich kommen?“

   „Bist gern gesehen beim Vater, jederzeit!“, antwortete sei heiser und trat ins Haus.

   Er ging mit den anderen noch ein paar Häuser weit, dann kehrte er um. Während er neben dem rauschenden Mühlbach heim wanderte unter den schönen Sternen, überlegte er sich die Sache sehr ernst und verständig. Sie war eben doch von allen die Hübscheste, die Klügste und Respektabelste. Und gut war sie ihm auch. Sonst wäre sie jetzt nicht so zu ihm, wie sie nie gewesen. Wenn die Mutter merkt an seinem Glück, dass sie unrecht hatte, wird sie noch ihre Freud dran haben. Und dass er nicht gleich zwei Sachen tut, die gegen den Willen der Mutter sind, will er sich zwingen und will den Warmelius so halten, wie es die Mutter haben wollte.

   Wie ein heiliges Feuerwort der Zustimmung war es ihm, dass in diesem Augenblick eine Sternschnuppe hinschoss über den stahlblauen Himmel und im Bogen hinuntertauchte hinter die Vierdächler Berghöhe.

   Freilich, das muss auch so bleiben, wie es die Mutter gemacht hat! Jeden Sonntag ein Körbl voll für den notigen Stump-Hannesle. Und ein bissl ‚Allerlei’ dazu.

   In der Mühle schlief schon alles. Für den jungen Müller hatte die Stas eine brennende Kerze auf die Treppe gestellt. Er leuchtete in die Stube hinein, sah Warmelius zusammengeringelt auf dem Kissen liegen, wollte ihm mit der Hand über die Ohren streichen und sagte: „Ach, du armes Viecherl!“

   Weil Nepomuk um des Dreißigers willen jetzt wieder die schwarzen Trauerkleider anhatte, gab es ein Missverständnis. Fauchend sträubte sich Warmelius mit dem Rücken gegen den Ofen auf und machte die Krallen kampfbereit. Augenscheinlich fürchtete er, wieder in eine fliegende Taube verwandelt zu werden.

   Erst ärgerte sich der Müller. Verkannte Liebe wirkt immer nachteilig auf ein Menschengemüt. Dann bezwang er sich um der Mutter willen und sagte freundlich: „No, no, no, es wird schon wieder alles recht werden.“

   Warmelius blieb misstrauisch und legte sich erst wieder aufs Kissen hin, als die Stube neuerdings erfüllt war von ungefährlicher Finsternis.

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