Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das wilde Jahr

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Das wilde Jahr
            Vorwort
            Das Adlernest

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
            Die grüne Katze

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Das wilde Jahr
               Ausfahrt
               Walpurgisnacht
               Feuer im Schnee
               Die wilde Jagd
               Bergfrühling
               Panik im Wald
            Buch der Berge
            Pfingstorakel

Kapitel 6

   Nepomuk trat in die Küche. Er wusste nicht, warum. Neben dem Herd blieb er stehen und sah in das Feuer, über dem in einer großen Pfanne das siedende Wasser brodelte. Der Zorn über den weißen Katzenbalg war im Müller schon wieder erloschen. Er sah in der Feuerhelle seiner Erinnerung ein mageres, achtjähriges Mädelchen, mit einer Pudelkappe über den Ohren, um den langen Vogelhals einen groben Schlips, das Röckl mit Schneeklumpen behangen, vor Kälte schnatternd. So war sie vor neun oder zehn Jahren im Winter immer von Vierdächeln zur Schule heruntergekommen, in die erste Klasse, während er schon in die letzte ging. „Rüetle?“ Er musste daran denken, wie sie beim Beten den Hals gebogen hatte. Aber Rüetle heiß sie aus einem anderen Grund. Ihre Mutter, die vor vier oder fünf Jahren hatte sterben müssen, war eine heimliche ‚Schriftleserin’ gewesen und hatte es trotz allem Ärger des Pfarrers durchgesetzt, dass ihr Kind getauft wurde auf den biblischen Namen Ruth. Der Vater war Schachtelmacher, droben in Vierdächlen. Und hatte ein elendes Leben. Ein paar Jahre vor dem Tod seines Weibes hatte ihm ein Baum, den er fällte, die beiden Beine über den Knien abgeschlagen, dass sie nimmer anheilten. Man musste sie wegschneiden. Und die Frau hatte den schweren Krüppel heben und tragen müssen, als wäre er wieder ein Kind geworden – eines, das anderthalb Zentner wog. Aber die Frau war doch gestorben? Musste jetzt das Rüetle den Vater so tragen und heben?

   Da schnaufe die Stas zur Küchentür herein. Gleich begann sie das siedende Wasser über die Bohnen zu gießen und murrte halb in Stolz und halb mit Ärger: „Die saufen meinen Kaffee, wie Karpfen das Wasser.“

   „Du? Stas? Ist die kleine Vierdächlerin –“ Nepomuk verstummte, weil jemand aus der scheinigen Kammer heraustrat, und weil man das Litaneien der Klagleute deutlich hörte. Neben dem Feuer, mit der Stirn zwischen den Händen, sagte der junge Müller: „Der Tod ist hart. Aber noch härter ist, was hinter ihm für die Lebenden kommt. Die vielen Leut erst, die nehmen einem die Mutter – ich weiß nicht, wie das zugeht.“

   „Viel Leut! Gelt, ja!“ Die Stas hatte auf jedem Zahn ihres Übergebisses ein rubinrotes Glanzlicht von der Kohlenglut. „Die gehen ihr alle mit der Leich. So was hat’s noch nie gegeben im Dorf, wie morgen! Wenn nur schon die Nacht vorbei wär!“ Mit vier frisch gefüllten Kaffeekannen rannte sie in die Stube. Hier hatte sie viel zu schaffen, um alle leer gewordenen Tassen wieder zu füllen. Über dem Gewimmel der Köpfe war ein wunderliches Lichtgemenge, das sich mischte aus dem Schein der Kammerkerzen, aus dem Grau des versinkenden Tages und aus dem Rotglanz, den der abendliche Frühlingshimmel hereinspiegelte durch die Fenster.

   Ruhe los klapperte die Stas zwischen den Tischen hin und her. Um ihre zunehmende Erschöpfung wieder aufzupulvern, musste sie häufig Zuflucht nehmen zu einem stärkenden Likör. Sie schwitzte heftig und ärgerte sich über die schwerhörige Ottil, die beim Einschenken so viel Kaffee vertrenzte. Schließlich nahm sie der Magd die Kanne aus der Hand. „Gib her! Für dich hat unser Herrgott die guten Sachen erschaffen, ja! Geh lieber beten!“ Eigentlich war das eine Beleidigung; aber die schwerhörige Seele hatte nichts verstanden. Und der Stas bot ein altes Weibl die leere Schale hin, mit der schüchternen Frage: „Kann ich noch ein zweites Tasserl haben?“

   „Meinetwegen. Aber zählen musst du noch lernen. Fünfe hast du schon.“

   Neben dem Weibl stand ihr Enkelbub, ein sechsjähriges Bürschl, das von einem Stück Guglhupf herunternagte und beim Kauen immer mit großen, staunenden Augen zum Übergebiss der Stas hinaufguckte. In dem Buben schien eine deutsche Forschernatur zu stecken. Er musste die lange Jungfrau fragen: „Du? Was hast du denn da für eine schauderhafte Sach im Maul?“

   „Dummer Fratz! Weißt du nit, was Zähn sind?“

   „Ja, schon! Aber solche?“

   Ähnliche Fragen scheinen unsere Diplomaten überall im Ausland gestellt zu haben. Weil die Völker so explosiv gegen uns wurden. Auch in der sonst so geduldigen Stas drohte der verschluckte Likör zu explodieren. Aber da strich ihr jemand mit sanfter Hand über die Wange. Die Vron. Sie war schwarz gekleidet, wie eine Trauernde, die sich zur Familie rechnet. Leise, mit einem Ton kameradschaftlicher Vertraulichkeit sagte sie: „Wo ist denn der Müller?“

   Die Vron vom Altbürgermeister war für die Stas eine andere Nummer, als dem Vierdächler Stump-Hannesle die seinige. Sie tuschelte dem hübschen Mädel verständnisvoll und freundlich ins Ohr: „In der Kuchl draußen ist er. Geh nur, Vronle! Ich bleib in der Stub. Tu ihn ein bissl trösten! Der verdient’s.“

   Dieser Meinung schien auch die Vron zu sein. Noch niemals hatte sie dem jungen Müller zulieb die Kaffeestube verlassen. Heute tat sie es. Man bekommt doch auch in der Küche kein Mehl auf den Ärmel oder sonst wohin; da kann man höchstens einen Rußfleck holen, der auf einem schwarzen Trauerkleid nicht zu sehen ist. Die Vron machte hurtige Schritte. Erst vor der Küchenschwelle wurde sie bedachtsamer.

   Neben dem Herd stand Nepomuk unbeweglich an die Mauer gelehnt, sah in den Feuerschein und dachte darüber nach, warum die Guten immer sterben müssen. Freilich, dem Rüetle war auch die Mutter gestorben, und wie die Mütter auch sein mögen, für ihre Kinder sind sie immer von allen Guten die Besten. Drum hatte die junge Vierdächlerin auch das liebe, schöne Wort gefunden – ein Wort, wie es an diesem harten Tag kein anderer Mensch zu Nepomuk gesprochen hatte, nicht einmal der hochwürdige Herr, trotz allem Latein.

   Was Schwarzes schob sich zwischen den jungen Müller und die Feuerhelle. Eine linde Hand fasste die seine, und eine lispelnde Stimme sagte: „Gelt, jetzt hat es halt sein müssen einmal!“ Das gleiche, ganz das gleiche hatten ihm heut schon viele, viele Leute gesagt. Und auch die Vron weinte; die Seele ihrer Tränen war grau, nicht nur deswegen, weil sie das Gesicht im Schatten hatte und mit dem Rücken gegen das Feuer stand. Der helle Flackerschein beleuchtete die züchtig aufgesteckten Blondzöpfe so stark, dass sie etwas Weißliches bekamen und merklich an den Warmelianischen Balg erinnerten.

   Nepomuk sagte nicht Vergeltsgott. Stumm und unbeweglich blieb er an der Mauer stehen. Diese wortlose Trauer erschütterte die Vron so sehr, dass ihre stillen Tränen sich in heftiges Schluchzen verwandelten. Schluchzende Menschen bedürfen stets eines Haltes. Ein besserer, als Hals und Brust des Müllers befand sich nicht in der Nähe. Jetzt war auch Nepomuk tief bewegt, umschlang die Weinende, heilt aber dabei den Kopf so sonderbar, wie ein junger Mensch, der sich zum ersten Mal rasieren lässt. Seiner zärtlichen Mühlwinkelgewohnheiten vergaß er völlig. Wollte die Vron ihn trösten nach Verdienst, so musste sie mit ihren Grundsätzen brechen. Sie streckte sich lind an ihm hinauf und küsste ihn auf den Mund. Zärtlichkeiten, die man überraschend empfängt, sind am gefährlichsten in einer Stunde des Grams. Tränen versüßen den Kuss, machen ihn sündhaft, so keusch er gegeben ist. Der junge Müller, obwohl er keine Katze, sondern ein Menschenkind war, fühlte in sich ein ähnliches Zittern, wie es Warmelius am Hals der Vierdächlerin durch den empfindsamsten Teil seines Körpers hatte rieseln lassen. Es gehörte für Nepomuk viel Willensstärke dazu, die Vron mit sanfter Freundlichkeit von sich fortzuschieben, unter dem leisen Wort: „Da drin liegt die Mutter.“

   Zwei Bäuerinnen kamen aus der scheinhellen Kammer, um zurückzukehren zu den Trauerspenden der Stas. Als sie verschwunden waren, flüsterte Vron: „Aber gelt, wir zwei gehören zueinander?“ Nach diesem klugen Wort beging sie die Unvorsichtigkeit, noch beizufügen: „Ich hab gemeint, das müsst ich dir heut noch sagen, weil es dich trösten kann.“ Dieser Zusatz enthob den jungen Müller der Notwendigkeit, Ja oder Nein zu sagen. Er sagte nur: „Jetzt muss ich wieder in die Stub. Man tut, was sein muss.“ Seite an Seite gingen die beiden durch den Flur. Außer der Vron gab es noch andere, welche die zwei schmucken Menschen für ein verlobtes Paar nahmen. Die gerührte Stas wollte unter Tränen lächeln, enthüllte die tieferen Hintergründe ihres Gebisses und dachte: „Jetzt ist die Müllerin nicht umsonst gestorben.“ Dass man zwanzig Stunden nach dem Tod der Mutter als Bräutigam nicht strahlen kann vor Glück, das begriff sie. Der junge Müller hatte ernste Augen. Es war ein Kampf in ihm. Er konnte das letzte Wort der Mutter nicht erfüllen, konnte für Warmelius keine Liebe fühlen. Musste er da als Kind nicht wenigstens dem anderen Wunsch der Mutter gehorchen und auf ein Glück verzichten, gegen das sie so erbittert gesprochen hatte! Noch am letzten Tag ihres Lebens!

   Er stellte sich wieder an die blaue mauer, nickte und sagte Vergeltsgott, während Vron der Stas behilflich war wie eine, die zum Haus gehört. Sie war geschickter als die schwerhörige Ottil und vertrenzte keinen Tropfen Kaffee. Wenn ihre Haselnussaugen zum jungen Müller hinüberhuschten, hatte ihr hübsches Gesicht immer den Ausdruck eines Menschenkindes, das zu der sorgenvollen Einsicht gelangt, eine große Dummheit gemacht zu haben. Je mehr sie darüber ins klare kam, desto freundlicher wurde sie.

   Nach dem Gebetläuten, als die Lichter brannten, begannen auch in der Stube die Rosenkränze und Litaneien. Sie wechselten mit Likören und Kaffee. Um zehn Uhr nachts verließen die letzten, treuesten Klagleute das Haus, mit ihnen die Vron. Als sie dem jungen Müller die Hand reichte, fragte sie flüsternd: „Tust du mich heimführen?“

   „Heut nicht.“

   Sie blieb freundlich und nahm diese zwei Worte als ein Versprechen für morgen oder übermorgen.

   Die beiden Mägde öffneten die Fenster und begannen in der Stube sauber zu machen. Weil die sparsame Stas nichts Gutes verderben lassen wollte, verschluckte sie alle süßen Likörrestchen. Während die Besen raschelten, beteten in der Kammer die beiden Bahrwächterinnen. So mussten sie weiterbeten bis zum Morgengrau – für 3,50 M. ein hartes Geschäft!

   Nepomuk trat über die Schwelle. Die zwei Betfrauen sah er nicht, sah nur die Mutter – und auch die Mutter nicht ganz. Ihr Gesicht war mit einem schwarzen Tuch verhüllt. Auf ihren Händen, zwischen den starren Falten des kirschroten Seidenkleides lag der kleine, mit Veilchen betupfte Buchskranz. Fast sah das aus, als möchte Frau Simonia diesen Kranz ihrem Buben vor die Augen halten.

   Er stand mit ineinander geklammerten Händen und betete.

   Als die Stas ihm sagte, dass er noch etwas essen müsste, schüttelte er den Kopf und stieg in seine Stube hinauf. So müd und zerbrochen war er von diesem schweren Tag, dass ihm alles Denken zu einer nebligen Sache wurde. In diesem dumpfen Halbschlaf mit offenen Augen tat er eine Sache, an die er gewöhnt war, und eine, die ihm nötig erschien. Er fing ein paar Fliegen und ließ sie hineinschwirren unter den Holzdeckel des Laubfroschglases. Der Frosch war durch den Lichtschein wach geworden, richtete sich auf den Händen in die Höhe, schnappte aber nicht, obwohl im die Fliegen ums Maul sumsten. Philosophen fressen nicht bei Nacht, nur bei klarem Tag, wenn sie die Lockungen des Lebens logisch zu unterscheiden vermögen. Dann untersuchte Nepomuk das Bett, leuchtete mit der Kerze unter die Lade, unter den Kasten, unter den Ofen, unter den Tisch, unter die Bänke, sogar in die Röhren seiner Werktagsstiefel, und sagte aufatmend: „Gott sei Dank! Wenn sie ihn nur mit hinauf genommen hätt nach Vierdächlen!“

   Während er sich entkleidete, wurde er auch noch auf sonderbare Weise an die Vron erinnert. Sein schwarzer Rock hatte an der Brust und an den Aufschlägen weißliche Striche wie von verschütteter und eingetrockneter Milch. Wie sonderbar! Da er doch seit dem Morgen nichts verzehrt hatte! Auch war es durchaus nicht seine Art, bei der Mahlzeit so unappetitlich zu tröpfeln. In der müden Dumpfheit, die seinen Verstand umklammerte, brauchte er lange, um draufzukommen, was das war. Mit dem angeflogenen Mehlstaub hatten sich die rollenden Tränen der Vron vermischt. Hier war eine ähnliche Erscheinung zutage getreten, wie Warmelius sie an seinen vom Angstschweiß des Frosches beklecksten Pfoten beobachtet hatte. Nur, dass der junge Müller nicht dran leckte. Er säuberte den Rock mit einer Bürste, die jeder Müller geschickt zu gebrauchen weiß.

   Kaum lag er, so schlief er schon. Aber sein Schlaf war unruhig und kurz. Erwachend hörte er die Kirchturmglocke schlagen. Zwölf Schläge. Er konnte lächeln in der Finsternis und dachte: „Jetzt wird die unsinnige Stas sich wieder fürchten.“ Mit ihr schwatzen, wäre ein Werk der Barmherzigkeit. Da kann man die Stas auch mancherlei fragen. Es war doch sonderbar, dass Warmelius das Rüetle kannte und gegen das fremde Mädel zutunlicher war, als nach der Mutter Tod gegen irgendjemand in der Mühle. Schnell machte der Müller Licht, schlüpfte in die Hausschuhe, nahm einen Mantel um und ging hinüber zur armen Stas. Die Tür war unverriegelt – nicht, weil die Stas sich mit Hoffnungen getragen hatte, sondern weil sie beim Zubettgehen in einem Zustand gewesen war, der sie des Riegels und aller Gespenster hatte vergessen lassen. Das war von ihrer Sparsamkeit und den vielen Likören gekommen. Sie schlief in der Geisterstunde, dass sie gar nicht zu erwecken war. Und keinesfalls träumte sie von Gespenstern, eher von des jungen Müllers Verlobung, und wie sie da wieder backen, Kaffee mahlen, Schinken schneiden und Käs spalten konnte. Ihr Traumlächeln verbreiterte das Maul und verlängerte die Zähne. Was aus der Nachthaube herausguckte, sah aus wie ein Totenkopf, dem eine Krokodilschnauze zu wachsen droht. Das war die einzige Spukhafte Sache, die den Müller in dieser Nacht beunruhigte.

   Seine Müdigkeit ließ ihn schlafen bis zum hellen Morgen. Als er in schöner Frühlingsfrühe schon schwarz gekleidet war, hörte er aus dem Unterstock herauf ein grillendes Geschrei. Das klang so fürchterlich, dass sogar die schwerhörige Ottil gelaufen kam.

   In der Stube, neben der Kammertür, saß die Stas entgeistert auf einem Sessel, ebenfalls schon in Schwarz gekleidet, mit einer starr gebänderten Haube. Sie zitterte an Händen und Füßen, wie nach einem entsetzlichen Schreck, und hatte Augen, die noch weiter aus dem Gesicht heraustraten als ihre Zähne. Es warne Augen, wie wir Deutsche sie machten, als wir die Punkte und Noten des amerikanischen Friedensapostels zu lesen bekamen. Damals hat man in deutschen Volksvertretungen viele und lange Reden gehalten. Sprechen konnte die Stas nicht, sie konnte nur deuten. Nepomuk, Ottil und die zwei alten Mühlknechte, die aufgeregt in die Kammer guckten, sahen etwas ungemein Friedliches. Dennoch war’s eine Sache, die sie nicht gern gewahrten. Neben dem kleinen Buchskranz mit den Veilchen, im kirschfarbenen Seidenschoß der seligen Frau Simonia, lag Warmelius beim Zitterschein der geweihten Kerzen zu einem schneeweißen Knäuel zusammengeringelt, mit wohliger Zufriedenheit um das feine Schnäuzchen. Sein Paradies war wieder gefunden, er wohnte neuerdings in seiner lieben, alt gewohnten, nur etwas ausgekühlten Welt mit Höhen und Tiefen. Es schienen Gefühle in ihm zu glänzen, wie wir Deutsche sie empfunden hätten nach einem ehrenvollen Friedensschluss, von einem Sieg nicht zu sprechen. Wohlig pendelte seine Schweifquaste, und in seinen Augen war ein Blick, den man menschenfreundlich hätte nennen können. Allerdings entbehrte er die krauenden Schmeichelfinger. Doch nach den Erfahrungen der letzten dreißig Stunden war er schon wesentlich bescheidener geworden, fast so bescheiden, wie jeder Deutsche mit der Faust im Hosensack sich zu sein bemüht. Frau Simonia lebte für Warmelius noch immer. Den Tod schien er entweder nicht zu kennen oder nicht zu fürchten. Könnten die Menschen im Allgemeinen, die Deutschen im Besonderen das letztere doch lernen von ihm! Dann wären wir in aller Not und Bitterkeit der Gegenwart so ruhig, wie es Warmelius im kalten Schoß der seligen Müllerin war. Wie wir Deutsche das Kommende nicht ahnten, so fehlte auch dem weißen Kätzchen jede prophetische Gabe. Kein Gedanke sagte ihm, wie bald sein wohliges Reich versinken, und dass es für lange, lange keine so zufriedene Stunde mehr genießen würde. Es war zufrieden mit dem Augenblick. Der wäre vielleicht von einiger Dauer gewesen, wenn Warmelius, unbekümmert um die fünf aufgeregten Gesichter vor der Schwelle seines Reiches, sich ruhig verhalten hätte. Er war nur leider viel zu wohlerzogen. Wenn andere Menschen stehen, bleibt man nicht sitzen. Drum erhob er sich. Und weil ihm ein bisschen kühl geworden – sei es durch die Temperatur des Märzmorgens oder durch die Nähe des Todes – musste er die Glieder strecken. Er machte die eng gestellten Beinchen lang, krümmte unter gesträubtem Weißpelz den Rücken himmelwärts und gab seinem Schweif eine ungemein heraldische Linie nach oben. Dabei sperrte er noch gähnend den kleinen Rachen it dem rosigen Züngelchen auf. Ein ganz natürlicher Vorgang war es. Die fünf Menschen bei der Tür hatten das schon hundertmal gesehen. Doch der Genius loci gab der Sache ein anderes Gesicht und verwandelte den völlig schuldlosen Warmelius in einen der spukhaften Hexenkater, die man in Märchenbüchern zuweilen abgebildet sieht. Die Stas, die nach den vielen Likören des verwichenen Abends auch noch einen gesträubten Kater in sich selbst verspürte, fing hysterisch zu grillen an, Ottil brüllte mit der Stimmfülle schwerhöriger Menschen ein „Mariand Josef!“, und dem empörten Müller fuhr es im Zorn heraus: „So eine Bestie!“ Er wollte das Kätchen am Nacken fassen. Warmelius, der nur immer einen hechtblauen und weiß bestäubten, aber nie noch einen ruß-schwarzen Müller gesehen hatte, fühlte unzutreffende Vorstellungen in sich erwachen und machte zum ersten Mal in seinem Leben eine feindselige Pfotenbewegung.

   „Soooo? Kratzen? Wart, dir komm ich!“

   Ähnlich einer schwingenlosen, dafür aber vierfüßigen und lang geschwänzten weißen Taube, flog Warmelius zum offenen Fenster hinaus, durch das er auf der Suche nach seinem vermissten Paradies hereingekommen war. Erschrocken über diesen Sturz aus allen Himmeln seiner Zufriedenheit, sauste er blitzschnell über den weißten Mühlhof und flüchtete sich in das höchste Gezweig eines noch unbelaubten Apfelbaumes. Für Warmelius war es nicht der Apfelbaum der Erkenntnis. Nein. Er verstand das Leben nimmer und blickte aus einsamer Höhe auf die ihm unbegreiflich gewordene Welt hinunter, wie das deutsche Volk auf die Trümmer seiner zerschlagenen Hoffnung. Er wurde aber nicht ratlos, verlor nicht Kopf und Würde und brach nicht in unmännliches Miauen aus. Ganz ruhig wurde er, und seinem strengen Gesicht war es anzusehen, dass er die katastrophalen Vorgänge zu erfassen und ihre Ursachen scharf zu erkennen suchte, um sich erneuten Falles zweckgemäß und erfolgreich verhalten zu können. Ob er bei solchen Gedankengängen, trotz der Unbelaubtheit des Apfelbaumes, auf einen grünen Zweig zu kommen wusste, ist unerforschbar. Eine kätzliche Presse, eine Art von Daily Warmail, in der er sich gemeinverständlich hätte aussprechen können, stand ihm nicht zu Gebot. Und dann geschah, was er so wenig kapieren konnte, wie der Treue die Handlungsweise des Ungetreuen versteht, hinter der ihm die einzige Erkenntnis verbleibt, dass es immer noch besser ist, betrogen zu werden, als Betrüger zu sein. Kann man sich mit dieser Wahrheit nicht stumm zufrieden geben und hält man eine Aussprache für unerlässlich, so sage man nicht zum anderen: „Du Schuft!“ – Man sage zu sich selbst: „Du Schaf!“ Und sage zu sich: „Jetzt mach die Augen auf, lass dir stähleren Hörner wachsen und schärfe ihre Spitzen!“

   Warmelius musterte schon den Stamm des Apfelbaumes, wie in der Absicht, wieder hinunterzuklettern aus seiner Einsamkeit. Doch das raue Erlebnis hatte ihn vorsichtig gemacht. Er verhielt sich in unantastbarer Zurückgezogenheit, weil er viele, viele Menschen zur Mühle kommen sah, fast alle so rußfarben wie der Unerklärliche, der grausam hineingegriffen hatte ins Warmelianische Paradies. Unter den vielen Schwarzen und Dunklen waren drei Weiße, die man trotz ihrer Spitzen besetzten Hemden nicht als Jungfrauen hätte bezeichnen können. Mit wachsendem Staunen sah Warmelius auf dieses finstere, durch die drei weißen Tupfen unterbrochene Gewühl hinunter. Immer heißt es: Man muss die Dinge von oben betrachten. Das kann nicht stimmen für alle Fälle. Wer vier-, fünfhundert dicht gedrängte Menschen von oben mustert, sieht ein Gewimmel von Federhüten und Frauenhauben, von Kopftüchern und Männerglatzen, von frisierten Mädchenscheiteln und struwelhaarigen Bubenschöpfen. Weiß er dann, wie die Menschen sind? Nicht von oben, noch weniger von unten – Aug in Auge muss man die Dinge des Lebens betrachten, die guten mit gestreckter Hand, die feindseligen mit geballter Faust, bereit zum notwendigen Schlag.

   Über diesem Kopfgewimmel schaukelten flimmernde Lichter in silbernen Laternen. Schwarze Fahnen blähten sich im spielenden Frühlingswind, und wie man aus dem Lebenstor des Deutschen Reiches etwas Totgewordenes entfernt hatte, wurde aus der Mühle was langes, schweres, schwarz umhangenes heraus getragen, auf das die Sonne schien, so freundlich, wie sie über Blumenbeeten und gefallenen Helden zu leuchten liebt.

   Welch ein Glück für alles Leben, dass es Dinge gibt, die unerforschbar sind! Hätte Warmelius vermuten können, was man da drunten für immer davontrug, er würde – obwohl der Selbstmord ausschließlich eine Erfindung menschlicher Schwächlinge und sozialer Untauglichkeiten ist – mit eigenen Pfoten um den weißen Hals einen schweren Stein gebunden haben, der ihm das Niedertauchen in den Seelenfrieden des Mühlbaches erleichtert hätte. Dank den Rätseln, die ewig ohne Lösung bleiben, beschaute Warmelius den sonderbaren Vorgang unterhalb des Apfelbaumes so interessiert, wie deutsche Professoren den Beginn des Weltkrieges betrachteten und historisch analysierten, um erst gegen das Ende desselben in unwissenschaftliche Fassungslosigkeit zu geraten.

   Ferne Glocken fingen zu läuten an, eine nahe, unerträglich langsame Musik begann zu schmettern, so wenig wohltuend, dass Warmelius, von nervösen Schwanzzuckungen befallen, immer die empfindlichen Spitzohren schütteln musste. Erlösungsgefühle durchwärmten ihn, als die unerquickliche Sache hinter Stauden und Bäumen verschwand und die Posaunen durch die Entfernung gemildert wurden. In einer Astgabel wählte er eine bequeme Stellung, plusterte das weiße Haar in der milden Frühlingssonne, fing zu schnurren an und wollte schon nahe dem Ausgang seines inneren Kater – man sagt doch auch: Seines inneren Menschen – das wunschlose Schnäuzchen betten, als er plötzlich mit zuckender Blitzbewegung den Kopf erhob, wie gefesselt durch eine reizvolle Sache.

   Von einem Fenster im oberen Stock der Mühle funkelte ihm eine Strahlen schießende Miniatursonne entgegen. Warmelius, der nicht Physik studiert hatte und von den Gesetzen der Reflexerscheinungen auf runden Einmachgläsern keine Ahnung hatte, musste diesen sternschönen Glanz für ein höhnendes Überlegenheitslicht halten, das aus dem literarisch geschulten Verstand des Laubfrosches herausstrahlte, und geriet deshalb in eine erbitterte Stimmung voll zweckloser Rachsüchtigkeit. Hätte er den Laubfrosch in diesem Augenblick von der schattigen Stubenseite betrachtet, so wäre das Bild ein wesentlich anderes gewesen.

   Gewiss, das Einmachglas der Frau Simonia, die selbst in dieser Stunde eingeglast und konserviert wurde für ewige Zeiten, war von der Morgensonne erleuchtet. Der Laubfrosch selber strahlte nicht das geringste Licht aus. Dennoch war heller Verstand in ihm. Von der Welt so abgeschlossen wie wir Deutsche, saß er in seinem harten, aber durchsichtigen Kerker, nur viel besonnener, viel ruhiger als wir. Wollte er sich, wenn auch nur animalisch, das Weiterleben sichern, so musste er eine Fliege fangen, wie wir eine Herde Leber fressender Geier erledigen müssen. Geduldig wartend, immer mit leisen Ruckbewegungen die Sprungkraft seiner Sehnen prüfend, verzichtete er auf Bundesgenossen, schon deshalb, weil sich keiner für ihn eingesetzt hätte. Er verließ sich auf die eigene Kraft, schnappte nicht zu früh und nicht zu spät, schnappte im richtigen Augenblick und hatte sie. In allen deutschen Schulen, in allen deutschen Stuben, in jedem Regierungsgemach und in allen Sälen der deutschen Nationalversammlung sollte man Einmachgläser mit Laubfröschen aufstellen.

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