Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das wilde Jahr

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Das wilde Jahr
            Vorwort
            Das Adlernest

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
            Die grüne Katze

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Das wilde Jahr
               Ausfahrt
               Walpurgisnacht
               Feuer im Schnee
               Die wilde Jagd
               Bergfrühling
               Panik im Wald
            Buch der Berge
            Pfingstorakel

Kapitel 5

   Die feierliche Aufbahrung der verewigten Frau Simonia Lutter begann überraschenderweise mit einer Taufe. Bei Feststellung dieser Wahrheit gerät man in Versuchung, an ein Vexierbild mit der Frage zu denken: „Wo ist das Kind?“ Nach allem bisherigen Verlauf der Geschichte sollte anzunehmen sein, dass in der Luttermühle ein großer Sarg stand, nicht aber eine kleine Wiege. Dennoch hatte es mit der Taufe seine Richtigkeit. Nur war es eine, bei welcher manches fehlte: Der Pate, das geweihte Wasser, die Hebamme und das Kirchenbuch. Vorhanden waren nur die beiden wichtigsten Ingredienzien: Das Taufkind und der Pfarrer.

   Es ging auf die fünfte Abendstunde, als der geistliche Herr erschien, um der seligen Frau Simonia die letzte Hausvisite abzustatten. Zu seinem Empfang waren im Flur der junge Müller, die Stas, die zwei Mühlknechte, der Stallbursch und die schwerhörige Viehmagd versammelt, alle in Schwarz gekleidet, für die Mühle eine mehr als unpraktische Farbe. Obwohl die Mahlsteine stillstanden, um der Weihe und dem Ernst des Todes gereicht zu werden, waren doch die der Mühlhalle benachbarten Räume durchflogen von seinem Mehlstaub, der sich nicht senken konnte, weil ihn die Raschelröcke der vielen Beileidsfrauen immer wieder aufwehten. Alles trauernde Schwarz wurde von einem zarten, weißlichen Schimmer überschleiert, ein bisschen ins Graue gedämpft. Der Mehlstaub machte es mit dem schwarzen Tuch nicht anders, als es jede neue Stunde der mildernden Zeit mit der Trauer der Menschen macht. Unverändert blieb nur das weiße Warmeli, das sich vor den Schuhen der vielen Menschen geflüchtet hatte, auf der Treppe saß und durch andauerndes Pfotenlecken immer neue Trauergäste zu verkünden schien. Weil an diesem kummervollen Tag niemand daran gedacht hatte, dem Warmeli seinen Napf mit dem süßen Rahm zu reichen, leckte das hungernde Kätzchen den angesammelten Mehlstaub aus seinem Pelz heraus. An seinen Pfoten klebten auch noch Überreste der laubfröschlichen Angstsäfte, die sich mit dem Mehlstaub zu einer Art von ungebackenem Kuchen vermischten. Der schien dem Warmeli zu schmecken, und so zeigte es nach allem sehnsuchtsvollen Kummer, den es an diesem Trauertag schon in sich umher getragen hatte, ein relativ getröstetes Antlitz, ohne Ahnung der Tatsache, dass ein verhängnisvolles Bestellschreiben an den Stadtfriseur seinen Weg in den Briefkasten bereits gefunden hatte. Auch die Ankunft des hochwürdigen Herrn vermochte das Warmeli im beharrlichen Genuss seiner Mehlschleimsuppe nicht zu stören. Wie hätte es ahnen können, dass es dereinst in der ihm drohenden Farbe einem pfarrherrlichen Talar, der schon ein bisschen spiegelig schimmerte, noch einige Nuancen an ungemilderter Schwärze vorgeben könnte? Was wusste Warmeli von den Verlässlichkeiten der modernen Chemie?

   Unter herzlichem Trost hielt der Pfarrer die Hand des jungen Müllers umschlossen, und nachdem er auch den Mägden und Knechten ein paar freundliche Aufrichtungsworte gesagt hatte, gewahrte er, gleichsam als siebenten Leidtragenden, das schoßverwaiste Warmeli auf der Treppenstufe. Er war, wie alle geistlichen Herren, ein großer Tierfreund, und wusste, welch ein angenehmes Dasein das weiße Warmeli unter Frau Simonias kühlen Streichelfingern genossen hatte. Gütig fuhr er mit der Hand dem Kätzchen über Stirn und Ohren, und weil er infolge seiner beruflichen Vertrautheit mit der Sprache Ciceros – oder richtiger: Mit der Sprache des heiligen Augustinus – daran gewöhnt war, alles Deutsche ein bisschen zu verlateinern, sagte er barmherzig: „Ach, du ärmster Warmelius!“

   Das Warmeli war umgetauft. Sechs Menschen hörten diesen neuen Namen. Fünfen gefiel er, weil sie – eine Freude für jeden Deutschen! – Was Fremdes nachschwatzen konnten. Und dem Sechsten sagte er zu, weil der neue Name mit dem strengen, beinahe stechenden Ausklang seinem an Hass grenzenden Unmut besser entsprach, als das Zärtlichkeitsdiminutiv der Vergangenheit. Von Stund an wurde die noch weiße Katze in der Mühle nicht anders gerufen, als mit lateinischer Endung.

   Von diesem Umschwung der Dinge hatte das haarige Taufkind keine Ahnung. Es leckte an seinen Pfötchen, als wäre nicht das geringste geschehen. Aus dem Deutschen ins Lateinische übersetzt zu werden, kann unter Umständen eine Ehre sein. Hier war es eine Degradierung aus billigem Mitleid, ein Symbol der Lebensverböserung, des Niederganges, bildlich charakterisiert durch die Tatsache, dass der Akzent von der ersten Silbe des früheren Katernamens herabgesunken war auf die zweite Silbe des neuen: Warmélius! Man sollte statt „Deutscher“ nur noch Germanus sagen, so lange, bis die auf deutschem Boden Geborenen den verschobenen Klang ihres Namens wieder empor rücken an die erste Stelle.

   Noch in der Stunde seiner Taufe erfuhr der latinisierte Kater, dass es von nun an Dinge gab, die für ihn unwiederbringlich verloren schienen. Ein bisschen scheu gemacht durch die vielen Menschen, die im Gänsemarsch den Flur der Mühle betraten, retirierte Warmelius in den oberen Stock, fand an Nepomuks Stube die Tür offen, erinnerte sich in seiner Katerstimmung einer amüsanten Zerstreuung und hoffte, das nicht nur pikante, auch nahrhafte Nachtspiel im Gold der sinkenden Märzensonne wiederholen zu können. Er sprang mit Grazie auf das wohlbekannte Fenstergesims und spähte in die Höhe. Nichts! Da droben war alles leer. Obwohl das Wetter sich nicht zu verschlechtern drohte, im Gegenteil, noch schöner zu werden versprach, befand sich der Laubfrosch wesentlich tiefer als am Morgen bei Sonnenaufgang. Er saß, am andere Fenster drüben, in einem neuen, viel größeren Einmachglas, in frisches Moos gebettet, hatte dank der Nachttragödie seine Lebensumstände wesentlich verbessert und speiste friedlich die für ihn vom jungen Luttermüller gefangenen Fliegen. Hingegen erschienen die Lebensmodalitäten des armen Warmelus, noch völlig abgesehen von seinem heranrückenden Farbenwechsel, empfindlich reduziert. Zu allem Schaden gesellte sich noch der Hohn des Augenblicks. Gegen jeden Forscherdrang der kätzlichen Nadelzangen war der bevorzugte Laubfrosch behütet durch die harte Glaswand und durch einen mit Luftlöchern versehenen Holzdeckel. Wenngleich ihm die weiße Katzenfratze durch das gekrümmte Glas noch scheußlicher erschien als am Morgen, saß er im Gefühl seiner Sicherheit mit Wilsonschem Gleichmut und ohne Herzklopfen auf seinem Moosdiwan. Als ihm das dumme Fixieren der beiden Schlitzaugen da draußen lästig wurde, drehte er sich einfach um. Das geschah so ostentativ, als hätte er ein in Frankfurt entstandenes Ritterstück gelesen und dächte an ein berühmtes Zitat, das, so wenig auch seine phantastische Vorstellung mit Erfolg zu verwirklichen ist, doch Eindruckmacht unter allen Umständen – eine Wahrheit, deren die Deutschen von heute sich ausgiebig erinnern sollten. Von wem auch könnten wir in unserem zähneknirschenden Unglück trostreichere Weisheit empfangen, als vom Erlesensten aller deutschen Geister – vom Dichter des Götz von Berlichingen.

   Warmelius, obwohl jeder literarischen Bildung ferne, empfand in sichtlichem Grad die Bitterkeit der erlittenen Abfuhr, verzichtete darauf, seine feinen Krällchen noch weiterhin an dem harten Glas stumpf zu schleifen, strich miauend umher, wanderte von Tür zu Türe, suchte Frau Simonias entschwundenen Schoß und wagte sich nicht über die Treppe hinunter, aus Scheu vor den fremden Menschen, die mit ernsten Gesichtern kamen und sich entfernten mit aufgeheiterten Mienen. Man kann den Leuten nach einem Bahrbesuch eine freundliche Aufhellung des vom Anblick des Todes empfangenen Gemütseindruckes nicht verdenken. Es liegt etwas Wohltuendes darin, sich sagen zu können, dass jemand anderer gestorben ist und dass man selber, Gott sei gepriesen, noch immer lebt. Das ist so trostreich, wie für uns Deutsche die Erkenntnis: Dass es immer noch empfehlenswerter ist, betrogen zu werden, als Betrüger zu sein. Wie wir sagen müssen: Unsere Vergangenheit ist zerbrochen, unsere Zukunft wird sich neu erbauen aus Willen und gestählter Kraft! – So dachten die Klageleute in der Luttermühle: Der Tod hat fühlbare Schatten, das Leben unleugbare Reize.

   Einer solchen Feststellung mag, wie die Sitte der Leichenschmäuse, auch der dörfliche Gebrauch der Ausspeisung der Klageleute neben einer wohl situierten Bahre entsprungen sein. Ein geistig erhöhter Denker würde da wieder sagen: „Nun, in Gottesnamen, ja, es soll schon begreiflich erscheinen, dass man nach dem Begräbnis frisst und säuft. Aber so dos à dos mit einem frisch gefüllten Sarg? In Riechweite der beginnenden Verwesung? Da braucht der Begriff der Pietät und Trauer gar nicht in Rechnung zu kommen. Das ist einfach eine Appetitlichkeitsfrage.“ Falsch! Je tiefer das Leid eines gebeugten Volkes ist, umso notwendiger ist seine rasche Aufrüttung zu neuem Glauben, zu neuer frohmutiger Tat. Und je heftiger ein empfindsamer Menschmagen vor dem warnenden Zeigefinger des irdisch Vergänglichen sich umzudrehen droht, umso rascher bedarf er eines erwärmenden Zuspruches, eine männlich energischen Schnapses, einer weiblich geschmeidigen Likörspende, oder sei es auch nur eines völlig geschlechtslosen Schlückchens Kaffee. Auch starb unter dem Warmelianischen Heimatsdach keine Ministersgattin, die über den Parteien stand, sondern eine pflichtgetreue Landmüllerin, die auch im Tod noch Rücksicht zu nehmen hat auf den Kundenkreis der Mühle.

   Weil Nepomuk da völlig versagte, nur Sohn und nicht auch Müller sein wollte, hatte es die Stas gewissenhaft auf sich genommen, das Ansehen der Luttermühle in weitestem Ausmaß zu wahren. So rastlos und unermüdlich, wie heutzutage die Prediger des deutschen Neuglaubens sein müssen, so unermüdlich und rastlos hatte seit dem grauen Morgen die wackere, stark zähnige Stas das nahrhafte Brot geschnitten und frische Butter in nette Formen gedrückt, lange Rauchwürste transchiert und mächtige, rosig durchwachsene Speckschwarten zerkleinert, Guglhupfe nach den verschiedensten Modeln fabriziert, Krapfen und Waffeln gebacken, die Schnapsguttern und Likörfläschchen in Reih und Glied gestellt, Hühner- und Enteneier hart gesotten, Kaffeebohnen gemahlen, Zucker geklopft und saftigen Emmentaler in Scheiben gesäbelt, von denen keine so dünn war, dass man neben den Löchern eine drunter liegende Zeitung hätte lesen können. Bei diesem Bild der Luttermüllerischen Opulenz wird manchem Deutschen von heut, der willig und redlich für die Heimat hungerte, das Sehnsuchtswasser im Mund zusammenlaufen. Nur getrost! Was war, wird wiederkommen, so rasch wie reichlich, wenn wir Deutschen uns dessen, was wir dem Volk und der Heimat schulden, so getreu bewusst bleiben, wie die lange Stas an diesem Trauermorgen wusste, was sie der Luttermühle schuldig war. Sie hatte von ihrer Treuewaltung noch den seelischen Dank, dass man bei lieblichen Zichoriendüften, bei köstlichem Schmalzgeruch und bei reizvollem Hinweis auf die Schönheit der neutralen Schweiz als Spenderin des Emmentalers an alles andere denkt, nur an Gespenster nicht. Im Kern der Sache war die Betätigung der Stas nicht anderes, als es das städtische Adressenfelbern für die schwarz geränderten Überflüssigkeiten ist: Eine Form der Grambeschwichtigung. Und seien wir Städter ehrlich: Die Methode der Stas war unbedingt reeller, was ersprießlicher für das Leben.

   Als der Anmarsch der Klagleute begonnen hatte, war die große Wohnstube der Weiland Frau Simonia bei sechs befrachteten Tischen anzusehen wie eine Herbergshalle des Schlaraffenlandes. Unter kollernden Tränen glühte die Stas nicht nur von der Nachwirkung des Herdfeuers, auch von stolzer Genugtuung, weil sie immer wieder das anerkennendste aller Worte hören konnte: „Nobel!“ Hier ging es nicht zu wie bei einer kleinbäuerlichen Aufbahrung, bei der man kommt, mit Beschleunigung um das magere Särgelchen herumvaterunsert und nach vorsichtigem Nipper am Kranewittergläsl rasch wieder geht. Hier blieben die Leute, hielten die große Stube küppelvoll und trösteten den jungen Müller immer aufs neue, als wäre ihnen die mephistophelische Lehre bekannt: „Du musst es dreimal sagen.“ Jedenfalls verstanden sie sich nach englischen Prinzipien darauf, von allem dreimal zu nehmen. Auch dankbar waren die guten Leute. In der Bahrkammer, aus der ein schöner Kerzenglanz herausschimmerte und das wehmütige Stimmengemurmel der Betenden unablässig zu hören war, überstanden viele nicht nur ein kurzes Vaterunser, sondern eine lange Litanei. Und mancher ging aus der Kammer durch die Küche und kam durch die Flurtür wieder in die von pietätvoll gedämpften Schwatzgeräuschen und zartem Tellerklirren erfüllte Stube, wie wenn er noch nicht dagewesen wäre. Die Stas merkte das immer. Der junge Müller nicht.

   Blass, mit Zügen der Erschöpfung im Gesicht, stand er neben der strahlenden Kammertür schwarz an der bläulichen Stubenwand, um den Händedruck der Klagleute zu empfangen, bevor sie zur Bahre gingen. Er war übler dran, als es augenblicklich wir Deutsche sind; uns drückt niemand in Mitgefühl die Hände; das hat was Gutes; unsere Hände bleiben fest und stark dabei; auch reinlich. Doch Nepomuks Finger waren nicht nur ein bisschen grau geworden, sie waren von dem vielen, kräftigen Beileid so heiß und gedunsen, dass man fast besorgen konnte, er hätte das Leiden der Mutter geerbt. Nein. Nepomuk war gesund. Sonst hätte er diese Fülle und Beharrlichkeit des Mitgefühls nicht überstanden. Wer ihm die Hände quetschte? Das wusste er selten; unterschied es auch immer, wenn ein Händedruck gelinder, ehrlicher und herzlicher ausfiel. Die Augen halb geschlossen, nickte er stumm vor sich hin oder sagte ein leises Vergeltsgott. Doch einmal sah er wunderlich betroffen auf. Es war ihm gewesen, als hätte er Veilchenduft gespürt, so süß und zugleich so kraftvoll, wie erneute deutsche Hoffnung duftet. Veilchen? So frühzeitig im Jahr? Freilich, da droben auf den Waldhalden bei der Vierdächler Einöd – das wusste er aus seiner Kinderzeit – da droben, wo die Morgensonne um eine Stunde früher anschlug als im Tal, da hatte es schon immer Veilchen um Mitte März gegeben. Und hatte er nicht am letzten Sonntag nach der Kirchenzeit ein Veilchensträußl in seiner Mutter Kammer gesehen? Weil er immer an die Mutter dachte, hatten ihn wohl, nicht die Gedanken, nur die Sinne an ihre Sonntagsblumen erinnert? Denn der alte knochige Bauer, der ihm eben die Hand drückte und zum dritten Mal in die Bahrkammer stiefelte, roch wesentlich anders, als Frühling schmeckt. Er duftete nach vielen Schnäpsen und Likören. Auch nach dreißigjährigem Bockleder. Nepomuk musste ihm nachsehen. Erst bekam der Alte, der fromm den Schädel hinunterdrückte, vom Kerzenschimmer einen Heiligenschein; dann musste er sich beiseite schieben, um freien Durchgang zur Küche zu finden. Und da sah der junge Müller zwischen den knienden Weibern ein junges, fast noch kindhaftes Mädel stehen, das vom Schatten der Kerzenhelle überschleiert war und Lichtlinien um die Schulter und um die braunen Zöpfe hatte. Vom Gesicht, dessen Augen an der toten Frau Simonia zu hängen schienen, war nur eine schmale Sichel der Wange zu sehen. Sie trug einen grauen Rock, dem sie entwachsen war, und trug den blau gefärbten Armeleutespenser aus grober Leinwand; nicht einmal ein schwarzes Tüchelchen hatte sie als Zeichen der Trauer um den Kinderhals gebunden und sah aus, als wäre sie weggelaufen von der Hechelarbeit oder sonst von einem groben Tagwerk. Hatte jemand sie geschickt? Um was zu bringen? Eine Fremde? Er kannte sie nicht. Es fiel ihm nur auf, wie heftig ihre Hand zitterte, als sie vom Arm das kleine, rund geflochtene Buchskränzl herunterstreifte. Eine sonderbare Erinnerung erwachte in ihm, eine, die fast so unverzeihlich war wie der stasdumme Gespensterschreck in der Sterbnacht seiner Mutter. Beim Anblick ihrer Bahre kann der Sohn ans Theater denken! In der Stadt einmal, da hat er ein Trauerspiel gesehen, in dem man nicht nur weinen, auch lachen musste. Ein ältliches Frauenzimmer, fast so klapperig wie die Stas, gab eine Prinzessin, die einem Ritter und Dichter den Lorbeerkranz um die Stirne legt. Sonst war sie schrecklich. Aber das hatte sie gut gemacht. Und mit der gleichen sanften, zärtlich scheuen Bewegung legte das fremde Mädel den kleinen Kranz auf die wächsernen Hände der Frau Simonia. Der Kerzenschein vergoldete die halb entblößten Arme des Mädels, und jetzt, bei der Lichterhelle, sah Nepomuk die blassen Veilchen im dunklen Buchs. Von da droben eine? Eine Vierdächlerin? Er besann sich und konnte nicht draufkommen, welches von den vielen Kindern da droben sich so gestreckt hatte, seit er in die Stadt gegangen.

   Er fühlte, dass jemand seine Hand fasste. Wie ein Erwachender wandte er das Gesicht, musste nicken, musste Vergeltsgott sagen und tat es, ohne zu merken, dass zwei Mädchen herzlich zu ihm hinauflispelten, zwei von der Kaffeegesellschaft seiner Mutter, zwei von den vielen, die er abgebusselt hatte in den verräterischen Mehlwinkeln seiner Mühle. Während die beiden mit ihm sprachen und ihre sanften Trostperlen rinnen ließen, sahen sie mit zärtlich werbenden Augen zu ihm auf. Der junge Müller war, seit ihn Frau Simonia im Alleinbesitz der Mühle zurückgelassen hatte, bei allen jungen Zöpfen des Dorfes beträchtlich im Preis gestiegen. Wer ihn gewinnen wollte, musste sich sputen. Drum verwandelten sich die Trostworte der beiden Mädchen flink in eine Wettrennen lockender Freundlichkeiten. Nepomuk schien nicht zu hören. Während er nickte und Vergeltsgott sagte, drehte er immer wieder das Gesicht gegen die Kammertür und sah die junge Vierdächlerin zwischen den alten Weibern auf den Dielen knien, die Schultern tief hinuntergedrückt, den Hals gleich einer gebogenen Gerte, die gefalteten Hände nach Kinderart vor den Lippen. Ihre leis betende Stimme – „Bitt für uns! Bitt für uns!“ – war wie der zerdrückte Laut eines kleinen Vogels zwischen dem Hennengegacker nach pflichtschuldiger Eiergabe. Und etwas Seltsames war zwischen ihren gesenkten Augen und ihren erhobenen Fingern: Ein feines, fallendes Glitzern, das in der Kerzenhelle erschien und hurtig verschwand und wiederkam. Auch manches von den alten Weibern weinte; das eine tat es aus Kummer um die selige Müllerin, die immer gerne geholfen hatte, wenn die Not eine Hand zu ihr aufhob; das andere Weiblein flennte um sieben Liköre, um Schinken und dick geschnittenen Emmentaler. Jede Träne hat eine redende Seele; bald ist sie grau, bald flimmert sie ein bisschen, bald glitzert sie, als wäre Sonne in ihr – und was da wie Sonne leuchtet, ist heiligste Freude oder tiefster Schmerz. So glitzerten die fallenden Tropfen zwischen den Augen und Händen der jungen Beterin.

   Die beiden Mädchen drückten dem stumm gewordenen Müller die Hand und gingen zu den Tischen; Bauern und Frauen kamen; wieder ein junger Zopf der Kaffeegesellschaft; der Bürgermeister erschein und sprach eine wohlgesetzte Beileidsrede; eines ums andere trat auf Nepomuk zu und verschwand wieder – und noch immer kniete die junge Vierdächlerin unbeweglich vor Frau Simonias räderlosem Reisewagen. Ans Theater dachte Nepomuk nimmer; doch ein politischer Einfall regte sich in ihm: „Das Mädel hat so was Deutsches.“ Es war ein zutreffender Gedanke. Ähnelte Frau Simonia Lutter im Kerzenglanz und Bahrgala einer in entstellendem Kummer zur Ruhe gegangenen Germania von zerflossenen Formen, so glich dieses junge Betende Geschöpf, obwohl es nicht blond war, einer zu neuem Leben erblühenden deutschen Hoffnung. Ihre Tränen fließen in Schmerz um alles Verlorene, und dennoch ist sie umleuchtet und durchblüht von verheißungsvollem Frühling.

   Der junge Müller wandte die Augen, weil ihn jemand am Rockärmel zupfte. Die Stas, die an alles dachte, wisperte ihm ins Ohr: „Zum Bürgermeister musst du dich ein bissl hinsetzen. Das muss sein.“ Was sein muss, tut man. Mancher Deutscher unterließ es in der Stunde, in der es galt. Nepomuk, wie schwer es ihm fiel, gehorchte der Pflicht des Augenblicks; doch weil er immer das Gesicht nach der Kammertür hinüberdrehte, sagte der verständige Dorfregent: „Gelt, Müller, lass dich nicht aufhalten!“

   „Vergeltsgott!“ Als Nepomuk in die glanzhelle Kammer blickte, war die Vierdächlerin nimmer da. Seine suchenden Augen gingen über alle leutvollen Tische der Stube hin. Nirgends war sie. Nun sah er sie draußen im Hausflur langsam an der Stubenstüre vorübergehen. Rasch ging er hin zu ihr – ein Sohn, der um die Mutter trauert, muss doch wissen, wer so ehrlich um sie weinte, so fromm für sie betete.

   „Du!“

   Auf der Hausschwelle wandte sie den Kopf. Ein schmales, kindhaftes Gesicht, verbrannt vom Winterschnee, noch brauner, als man in der Sonne wird; die Lippen heiß vom Weinen, zuckend in Kummer; und die Augen, die wie ihre Veilchen waren, schwammen in Tränen. Zögernd reichte sie dem jungen Müller die raue Hand, wollte was sagen und fand kein Wort. Ihre Brauen zogen sich aneinander, die Zähren sammelten sich auf ihren Wimpern. So sah sie zu ihm hinauf; als wäre nicht er, sondern sie das Kind, das die Mutter verloren hatte, klagte sie: „Warum denn müssen die Guten allweil sterben?“

   Er war so erstaunt, so ratlos, dass ihm jede Antwort fehlte.

   Das Gesicht neigend, entzog sie ihm ihre Hand und wollte gehen.

   In seiner Hilflosigkeit sagte er: „Soll ich dir nicht ein Plätzl suchen in der Stub?“

   Sie schüttelte den Kopf und sah was Weißes auf der Stiege. Warmelius, an einer Geländerstange aufgerichtet, angelte mit dem Pfötchen sehnsüchtig gegen das Mädel, das er zu kennen schien. Rasch, mit beiden Händen, griff die Verdächlerin zu, nahm das Kätzchen an ihren Hals und brach in stumm schütterndes Schluchzen aus. Diesen Gram verstand Warmelius nicht. Er schien sich nach bösen Stunden zum ersten Mal wieder wohl zu fühlen, heilt sich unbeweglich und ließ nur durch den leise pendelnden Schweifbusch jenes feine Zittern fließen, das bei allen Katzenarten, ob sie klein sind oder groß, ein Zeichen des erquicklichen Behagens ist.

   So, mit dem glücklichen, gut getrösteten Warmelius am Hals, die Wange hineingeschmiegt in seinen Weißpelz, trat die Vierdächlerin stumm hinaus in den rot gewordenen Frühlingsabend.

   Eine Frau, die gekommen war, redet den jungen Müller an und wollte ihm die Hand reichen. Er sah das nicht, hatte eine brennende Stirn, als wäre Ärger und Zorn in ihm, und sah nur die Stas, die mit neu bestellter Kaffeeplatte aus der Küche kam, so erschöpft und abgehetzt, dass ihr zwischen den mit Schweißperlen betröpfelten Lippen das harte Übergebiss noch weiter als sonst aus dem Gesicht herausstach.

   „Stas? Du! Was ist denn das für eine gewesen?“

   Die schnaufende Jungfrau bremste. „Wer?“

   „Die da gegangen ist?“

   Weil die Stas niemand gesehen hatte, musste sie hinausgucken in den Hof.

   Nepomuk drängte: „Wer war denn die?“

   Über die Schulter, wie man eine unwichtige Sache erledigt, sagte die Stas: „Das Rüetle. Dem Stump-Hannesle die seinig droben.“ Sie surrte mit der Kaffeeplatte in die sumsende Stube hinein.

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