Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das wilde Jahr

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Das wilde Jahr
            Vorwort
            Das Adlernest

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
            Die grüne Katze

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Das wilde Jahr
               Ausfahrt
               Walpurgisnacht
               Feuer im Schnee
               Die wilde Jagd
               Bergfrühling
               Panik im Wald
            Buch der Berge
            Pfingstorakel

Kapitel 4

   Der Märzmorgen graute durch das Fenster herein und mischte sich mit dem Kerzenschein zu einem violetten Schimmer. Die Stas, erlöst von allen Nachtgespenstern, erschien auf der Kammerschwelle, betete fromm ein Vaterunser und sprach zwischen freundlich gefletschten Zähnen das aufrichtende Lebenswort: „Komm, Müller, der Kaffee ist fertig.“ Während Nepomuk in der Küche frühstückte, hängte ihm die zärtliche Stas ihren Kirchenmantel um die fröstelnden Schultern und zog ihm ihre Fleckpantoffeln über die nackten Füße. Dann übernahm sie geschäftig alle Fürsorge für die verewigte Frau Simonia und schickte die beiden Mühlgesellen auf alle nötigen Wege: Zum Doktor und Pfarrer, zum Bürgermeister und Leichenbitter, zum Schreiner, der das Maß nehmen musste, und zu den beiden furchtlosen Damen, welche Frau Simonia frisieren und kleiden sollten für die letzte Reise auf Erden, von der Luttermühle bis zum Friedhof. Freundlich strich sie dem jungen Müller mit der harten Knochenhand übers linde Haar und sagte: „Ich mach schon alles, was sein muss. Du musst dich noch ein Stündl niederlegen, gelt!“

   Er nickte stumm, stieg beim Tageserwachen über die Treppe hinauf, fand die Tür seiner Stube verschlossen und musste sich erst darauf besinnen, dass er selber den Schlüssel umgedreht hatte. Sperrt er nun auf, so wird er das weiße Biest natürlich in seinem Bett finden! Das war ein Irrtum, wenn auch kein deutscher, so doch ein allgemein menschlicher. Warmeli saß auf dem Fenstergesims, wärmte sich in der aufleuchtenden Morgensonne und spähte aufmerksam in die Höhe, wobei seine, gleich weißen Silberdrähten flimmernden Bartborsten merklich zitterten. Hätte Nepomuk der ersten Gemütsregung nachgegeben, so hätte er den Stiefelknecht oder sonst was Hartes als Wurfgeschoss ergriffen und hätte die Katze vermutlich auch getroffen. Er war ein guter Scheibenschütz. Aber nicht nur die Fensterscheibe fiel ihm ein, auch das letzte Wort der Mutter: „Mein Warmeli recht gut halten!“ Die Katze war für den Augenblick begnadigt, und Nepomuk, durchschüttert von Gram und Ärger, begann der völligen Klärung des nächtlichen Spukes nachzuforschen. Seine Taschenuhr, die mit gebrochener Feder nicht in der Geisterstunde, sondern ein Viertel nach drei Uhr stehen geblieben war und die Scherben des gläsernen Froschpalastes erklärten ihm viel. Auch brauchte er nur dem Lauerblick des Warmeli zu folgen, um den Laubfrosch oben am Fensterrahmen zu entdecken, so hoch, dass man für die nächsten Tage auf gut Wetter schließen durfte. Wie in Nepomuk schienen die Aufregungen der Gespensternacht auch im Laubfrosch noch immer nachzuwirken. Er hatte weißliche Krallenstriche über den grünen Rücken hin, atmete mit fieberhafter Schnelligkeit, und sein Kehlhäutchen schlotterte vom angstvollen Herzpochen.

   Jetzt war nur die Tanzlust des Röhrenstiefels noch wissenschaftlich ins Unanfechtbare zu bringen. An den beiden Strupfen ließen sich schneeblasse Katzenhärchen entdecken. Der Nachtflug des weißen Gespenstes war vom klirrenden Fenster zum Röhrenstiefel gegangen, hatte sich also aus einer Laubfroschjagd in eine Art von Fuchsbauschliefen verwandelt. Mit flinkem, durchaus nicht testamentarisch zärtlichem Faustgriff packte Nepomuk das ahnungslose Warmeli, das heftig zu zappeln begann und in verwandelter Gemütsbeschaffenheit ans Kratzen dachte. Doch ein Rest seines deutschsanften Charakters war noch immer vorhanden. Bevor sich das Gute seines Wesens völlig zu einer gefährlichen Sache verwandeln konnte, war das Warmeli, mit dem Schnäuzlein voran, schon in die lederne Röhre geschoben. Und siehe da, der Stiefelspuk wiederholte sich. Ganz so schön, wie in der Nacht, entwickelte sich die Tanzlust des Rindsleders im Morgenlicht nicht. Warmeli schien bereits einige Erfahrung in der Kunst zu besitzen, wie man aus einer engen Stiefelröhre, in der man sich nicht umdrehen kann, wieder herauskommt. Der Häftling bewegte sich nach rückwärts, blieb aber mehrfach mit den Krallenspitzen am Leder hängen. Der Stiefel raschelte, begann sich zu bewegen, überkollerte sich, stellte sich auf die Strupfen, bekam zwei weiße Pfötchen, einen weißen, nervös umherpendelnden Schwanz, ein weißes Hinterteil mit einem kleinen, strahligen Sternchen, und wollte schon zu tanzen beginnen. Aber da fiel er plump auf die Seite, das Warmeli war erlöst, schüttelte das schneeige Fell und begann sich zu putzen. Der Vorgang hatte sich ungemein drollig angesehen. Hat man aber nasse Augen, eine tote Mutter im Haus, und ist man durchwühlt von Zorn und Scham, so ist man fern von allem tröstenden Lachen. Wütend riss Nepomuk die Stubentür auf und schrie: „Hinaus! Du Bestie!“ Er hätte dem Warmeli auch noch einen Fußtritt versetzt. Aber das kluge Kätzchen erfasste hurtig die bedrohliche Situation und besaß vier Pfoten, die flinker waren, als die statischen Filzpantoffeln, die der junge Müller noch immer an den nackten Füßen trug.

   Zittern vor Zorn und Frieren, das übernächtige Gesicht von Tränen überkollert, zog Nepomuk die Hose herunter, legte sich ins Bett und zerrte die Decke über den Kopf, einesteils, um warm zu werden, anderenteils, um nichts mehr von den quälenden Dingen dieses Morgens zu erblicken. In jeden Gramgedanken, mit dem seine trauernde Seele zur Mutter ging, mischte sich die wachsende Erbitterung gegen die weiße Katze. Er dachte schon an einen schweren Stein und an den Mühlbach. Nein! Das durfte er um der Mutter willen nicht tun. Warmelis Leben war gefeit wie der Thronsessel der rumänischen Dynastie. Es wird sich im Dorf wohl ein armes Weibl finden, das die Katze für Geld und gute Worte nimmt. Nein! Auch das nicht. Hier war keine Sicherheit, dass die Bestie auch so gut gehalten würde, wie die Mutter es haben wollte. Das Warmeli durfte um das Heimatrecht in der Luttermühle nicht betrogen werden. Aber Jahr um Jahr mit dem Geistervieh zusammenleben unter dem gleichen Dach, Tag für Tag durch sein weißes Fell wieder erinnert werden an die schreckhafte, unkindliche, stasische Narretei dieser Nacht? Unmöglich und unerträglich! Alles ging, alles, alles, wenn das Katzenluder nur nicht weiß wäre! Vielleicht sprach da in Nepomuk, außer Zorn und Scham, auch die bei Müllern häufige Antipathie gegen alles Weiße mit. Die Stas, die seit nahezu vierzig Jahren in allen Mühlensymptomen Bescheid wusste, hatte für diese Erfahrung, wenn auch mit einem Stich ins Geisterhafte, das Wort geprägt: „Was weiß ist, hat allweil einen Hass aufs Weise.“ Es stimmt auch: Was man immer sieht, bekommt man satt. Es soll Müller geben, welche Kleienstaub in das Mehl mischen, nicht etwa, um das Mehl zu verschlechtern und den Mahlgewinn zu erhöhen, nein, nur um das kalte, den Mülleraugen unangenehme Weiß des Mehles zu mildern. Derartige Miskulanzen trieb der junge Meister Nepomuk Lutter nicht. Bis zu solchem Grad war er noch nicht vermüllert, sondern setzte seinen Stolz und Ehrgeiz darein, unter allen weißen Mehlen das weißeste zu mahlen. Aber an diesem kummervollen Morgen hasste er die weiße Farbe. Und wie eine Erleuchtung, wie eine beglückende Erlösung, erwachte in ihm die Erinnerung an einen schönen Farbendruck, den er in der Stadt gesehen hatte. Das Bild zeigte den Kopf einer reizvollen jungen Dame mit herrlichem Schwarzhaar, hing in der Friseurstube, in der sich Nepomuk als neu gebackener Unteroffizier jeden zweiten Tag hatte rasieren lassen, und war ein Reklameschild für ein kürzlich erfundenes Haarfärbemittel, mit den Schlagworten: „Tadellose Schwärze! Sanitär unschädlich in jeder Hinsicht! Dauerhaft für Lebenszeit! Anderenfalls wird das Geld sofort zurückerstattet.“

   Das erste Aufblitzen dieser Erinnerung war schon der vollendete Entschluss. Und Nepomuk, so erschöpft wie beruhigt, vermochte endlich den tröstenden Schlummer zu finden.

   Die Mühle stand. Das Haus war still. In diesem friedlichen Schweigen kamen zwei vierfüßige Wesen zu entgegengesetzten Seelenregungen.

   Der Laubfrosch droben an der Fensterscheibe atmete immer ruhiger, rückte im Dienst seiner Bequemlichkeit hin und her und gewann nach aller blinden Angst die gestärkte Schärfe seiner Sinne wieder. Er hörte das Sumsen der ersten Frühlingsfliege, die in der milden Sonne einen Ausweg durch die Fensterscheibe suchte. Dem Laubfrosch traten die Augen heraus, und sein dickes Schlotterhälschen verlängerte sich. Ein flinker Schnapp. Die nibelungentreue Fliege war verschwunden. Zufrieden blickte der Laubfrosch ins verschönte Leben. Dann zog er das weiße Häutchen über die Augen, und ohne Gefahr eines Trugschlusses kann vermutet werden, dass er vom kommenden, überaus fliegenreichen Frühling träumte.

   Aber das arme, verlassene, bislang noch weiße, von einem schwarzen Verhängnis bedrohte Warmeli? Unter kläglichem Miauen schlich es durch die stillen Räume, suchte, was sich nimmer entdecken ließ, und irrte ruhelos und sorgenvoll umher, wie im Jenseits ein strenggläubiger Jude, wenn er Abrahams versprochenen Schoß nicht findet – oder man könnte auch sagen: Wie ein emeritierter deutscher Staatsmann, wenn er angesichts der aus seiner Retorte destillierten Germania homuncula, die von ihm geleisteten Irrtümer halbwegs erkennt und sich neu orientieren möchte, nun, da es zu spät ist.

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