Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das wilde Jahr

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Das wilde Jahr
            Vorwort
            Das Adlernest

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
            Die grüne Katze

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Das wilde Jahr
               Ausfahrt
               Walpurgisnacht
               Feuer im Schnee
               Die wilde Jagd
               Bergfrühling
               Panik im Wald
            Buch der Berge
            Pfingstorakel

Kapitel 3

   Unbeweglich stand der junge Müller im Stiegenflur, mit dem Arm vor den Augen. Plötzlich streckte er sich und ging die Treppe hinunter, schob in der Wohnstube den Leuchter auf den Tisch und schritt auf die Kammertüre zu, aus der ein kirchenhafter Glanz und Wohlgeruch herausströmte. Stas hatte hier vor dem Schlafengehen unterschiedliche, Geister bannende Räucherkräuter verbrannt und an den vier Ecken des Bettes geweihte Wachskerzen angezündet, von denen ein weihnachtsartiger Lichtschimmer ausging. In seinem Zitterschein sah die selige Frau Simonia zwar nicht ganz, aber doch annähernd wie ein auf geblümten Kissen schlafender Engel aus, wenn er durch eins ehr konveres Vergrößerungsglas betrachtet wird. Man hätte sie auch mit der in Ohnmacht gefallenen Germania eines unbekannt gebliebenen Meisters vergleichen können. Die kreuzweise übereinander gelegten Hände schienen im kalten Schlummer gewachsen zu sein, und das Gesicht war schon verändert zur Unkenntlichkeit. Dennoch sah der Sohn die Mutter so, wie sie aus gesunden Jahren in seiner Erinnerung lebte, sah ihren gütigen Blick, sah ihr munteres Lächeln aus jener Zeit, in der sie die lustige, barmherzige, gern schenkende, bei allen Leuten beleibte Müllerin gewesen war. Schwer hinfallend auf die Knie, presste Nepomuk seine Stirn über die kalten Hände und bettelte: „Verzeih mir’s, Mutter!“ So lag er eine Weile regungslos; dann erhob er sich, wie zerbrochen an allen Gliedern, zog einen Sessel neben das Bett und blieb als Totenwache bei der Schlafenden sitzen, die Hände zwischen den Schenkeln verkrampft, die nassen Augen auf eine der züngelnden Kerzenflammen gerichtet.

   Aus der kleinen, flackernden Lichtseele, die von Strahlen umgeben war, wuchsen ihm die Bilder vergangener Dinge heraus, die Bilder einer Geschichte von mehr als zwanzig Jahreskapiteln, in denen Frau Simonia mit einer einzigen Entgleisung – wer ist vollkommen auf Erden? – immer die Heldin war, die man lieben musste. Die tollfrohe Kinderzeit beim Bachgeplätscher, beim Mühlradrauschen, beim Mahlsteinrollen und Siebgerüttel, das man immer spürte in allen Räumen des großen Hauses! Dann die Schuljahre mit den täglichen Wanderungen ins Dorf. So oft er heimkam aus der Schule, bei Sonne, Regen oder Schnee, immer stand die Müllerin wartend vor der Haustür. Die drei früher Geborenen und den Mann hatte sie verloren, hatte ihr fünffältige Liebe für diesen Einen gesammelt, der in seiner lachenden Spielzeit nicht ahnte, wie viel Mühseligkeit in Haus und Blut die Mutter auf sich nahm, um die drei Silben ‚Stiefvater’ von ihrem Jungen fern zu halten. Ihre weiteren Jahre waren nur noch ein Leben für den Sohn. Und ihr schwerstes Opfer war es, als sie sich das abrang, drei Jahre einsam zu bleiben, um den Jungen die Gewerbeschule in der Stadt besuchen zu lassen, wo er neben viel überflüssigen dingen auch ein paar nützliche lernte und sich ein halbes Hochdeutsch angewöhnte. Die Stadt bescherte ihm etwas äußerlichen Schliff, doch innerlich – Frau Simonia sagte: „Gott sei Dank!“ – blieb er der gleiche, gesunde, grade und reinliche Mensch, als der er die Mühle verlassen hatte, in seinem Wesen gemischt aus heiter blickendem Verstand und junger Torheit, aus werdendem Mannsbidl und bleibendem Kind. Niemals, seit seiner Kinderzeit bis in die Jünglingsjahre, war in ihm das Gefühl erwacht, dass die Mutter ihn erzog und formte. Das machte Frau Simonia ganz unmerklich. Und Nepomuk flatterte durch seine Jugend, wie ein Maikäfer fliegt, der immer an seine Freiheit glauben kann, weil das feine Seidenfädchen, an das er gebunden ist, viel höher reicht, als Maikäferflügel sich zu schwingen leiben. Oft sagten die Leute: „Schrecklich, wie die Müllerin ihren Buben verzieht, alles lässt sie ihm hingehen.“ So sah es auch wirklich aus. Aber das war eben die aus Klugheit und Liebe gepaarte Erziehungskunst der Frau Simonia. Sie machte es nicht wie die dummen Gärtner, die ein junges Bäumchen mit Bleidraht an einen groben, eigensinnigen Pfahl binden, sondern machte es wie die Erfahrenen mit den sanften Gärtnerhänden, die rings um das Stämmchen drei elastische Stäbe stecken, nicht zu eng und nicht zu weit. Da glaubt das Bäumchen zu wachsen, wie es will, biegt aus, wenn es dem fremden Anstreif empfindet, wird gradschlächtig und behält doch seine Eigenart, ohne Rindenquetschung durch den starren Pfahl, ohne Striemen durch die würgenden Drahtschlingen. Mit Spaß und Necken, mit allerlei schmunzelnden Geheimmittelchen wusste Frau Simonia das Lebenshäutl ihres Buben so unverletzlich und dauerhaft auszugerben, dass alles Üble der Stadt von ihm absickerte.

   Die Gesellenzeit erledigte er in der eigenen Mühle. Auch hier wusste ihm die Mutter durch allerlei lustige Spöttereien das beizubringen, dass der Lernende sich als künftiger Meister fühlte und vor den Mühlknechten seinen Respekt gewann, nicht nur deshalb, weil er der Haussohn war. Dann sollte er Soldat werden. Und da geriet die kluge Frau Simonia in eine verdrehte Angst vor der Kaserne, mehr noch vor den kleinen, unsauberen Gässelchen, die in der Nähe aller Stadtkasernen zu liegen pflegen. In diesen Winkelgassen sollten die Militärbehörden sauber machen, oder doch für gesunden, lustreinen Durchgang sorgen. Dass sie es hier zuweilen an der schönen Sache fehlen lassen, die man bis Anno 1917 als deutsche Gründlichkeit und germanisches Pflichtgefühl zu registrieren liebte, war für unzählbare Heldenmütter ein ausreichender Grund, zu denken, wie die Luttermüllerin dachte: „Der Staat hat so viel tausend Soldaten, da könnte er doch diesen einen entbehren.“ Auf der Suche nach einem Ausweg vergrübelte Frau Simonia Tage und Nächte. Aber es half nichts, dass sie ihrem Sohn alle möglichen Leiden andichtete und eine Woche lang sein Frühstück mit Tropfen mischte, die ein ungefährliches Herzklopfen erzeugen. Auf das, was Rekrutengesundheit ist, verstand sich der Regimentsarzt besser, als die Luttermüllerin vermutete. Um ein haar wäre sie wegen versuchter Bestechung des Dorfarztes in ‚des Königs vergitterte Stub’ gewandert. Die Müllerin war eine der brävsten und redlichsten Frauen, war aber eine von jenen Müttern, die ein rettendes Verbrechen für ihr bedrohtes Kind als göttliche Eingebung ansehen. Drum fühlte sie sich schuldlos und betrachtete den Untersuchungsrichter als einen Henker des Lebens. Weher noch als die ‚amtsschimmelige Ungerechtigkeit’ tat ihr der Zorn des Sohnes, der das versuchte Erlösungswerk der Mutter als harten Stoß gegen sein Ehrgefühl empfand. War es die Kränkung über den Erbitterungsausbruch des Buben, oder war es die lange Trennung von ihm, oder war’s die Folge der Aufregungen, die ihr die ‚Gerichtsnarretei’ verursachte – sie erkrankte schwer. Und da nahm sie schließlich ihr lebensgefährliches Leiden als eine Art von göttlicher Hilfe, weil es Ursache wurde, dass man den Sohn vor Ablauf seines Soldatendienstes zur Führung des väterlichen Geschäftes beurlaubte. Die Mühle ist eine der staatserhaltenden Kräfte; Brot will auch ein König essen, sogar der Präsident einer Republik, nicht nur der hungernde Landstreicher. In ihren quälenden Schmerzen konnte die Luttermüllerin lächelnd sagen: „Jetzt hab ich es doch durchgesetzt! Der wird sich schön giften, der Untersuchungsrichter. So ein Schöps, so ein narrischer! Der muss keine Kinder haben!“ In diesem unverständig erscheinenden Ausspruch der Frau Simonia war ein Stück ewiger und heiliger Mutterlogik. Und doch war’s ein Irrtum, wenigstens soweit die Sache den Untersuchungsrichter betraf, der vierzehn Kinder hatte. Wie die Schulmeister, die protestantischen Pastoren und die Briefträger sind auch häufig die Gerichtspersonen durch reichlichen Kindersegen begnadet. Das Bewusstsein, für die geistige Entwicklung, für den Aufstieg und die Moral der Menschheit zu wirken, scheint geheimnisvolle Kräfte zu verleihen.

   Nepomuk war wieder daheim, trug das hechtblaue Müllergewand, hatte den Streit mit der Mutter vergessen, war herzlich und nett zu ihr, war in der Mühle fleißig und fröhlich. Frau Simonia, obwohl ihr Leiden sich nicht besserte, schien aufzuleben von Tag zu Tag, fand ihren Humor wieder, den sie halb verloren hatte, und gab sich selber einen drolligen Spitznamen. Wegen der vielen Wasserzapfungen, die man an ihr vornehmen musste, nannte sie sich ‚das Brünndl in der Stub’. Sie selber wusste nicht, wie viel schöner Ernst hinter diesem munteren Wort ihrer Galgenlaune steckte. Mutter sein, so, wie es Frau Simonia war, heißt immer: Brunnen in der Kinderstube werden, immer geben, bis man sein Letztes gab.

   In der Mühle ließ sie den Sohn nach seinem Willen schalten. Er machte als junger Meister seine Sache gut. Da war nichts dreinzureden. Doch Abend für Abend musste der Meister bei der Mutter wieder als Lehrling in die Schule gehen, als Lehrling in der Leutbehandlung, als Lehrling im Kundenverkehr, als Lehrling in der Hauswirtschaft, als Lehrling im Sparen. Bei jeder Unüberlegtheit, die sie an ihm wahrnahm, wusste sie flink mit einem hilfreichen Kurmittelchen einzuspringen. Immer machte sie es so, dass das brennende Eisen nicht viel zu spüren war. Es zischte ein bisschen, und ehe Nepomuk aufschreien konnte, lachte er schon wieder. Und da war es merkwürdig, dass Frau Simonia ihrem Jungen alles beizubringen suchte, nur eines nicht: Die Elementarkenntnisse der Ehestandsschule. Hatte sie in der eigenen Ehe zu wenig gelernt, um wieder lehren zu können? Oder war sie in diesem Punkt nicht die selbstlose Mutter, wie sonst in allem? Wollte sie den Sohn so lange wie möglich für sich allein behalten? Oder war ihr keine im Dorf gut genug für ihn? Nie sprach sie mit einer Silbe vom Heiraten. Eher schien es, als möchte sie den Sohn ein bisschen zu wahllosem Leichtsinn erziehen. Sie lobte jedes Mädel, von dem er zu reden anfing, lobte so dick, dass er immer misstrauisch wurde. Manchmal – sie sagte: Um in ihrem langweiligen Lehnstuhlkerker ein bissl aufzumischen – lud sie sich die ganze Stube voll mit jungen Zöpfen. Nach Kaffee und Guglhupf gab’s immer süßen Likör. Dabei wurde das Mädelvolk so munter und zutunlich, dass es für Nepomuk keiner sonderlichen Verführungskünste bedurfte, um die ganze Gesellschaft der Reihe nach lustig abzubusseln, jede für sich allein in einem Winkel der Mühle. War eine vom Kaffeetisch verschwunden, und kam sie wieder, dann entdecke Frau Simonia regelmäßig einen Mehlfleck an ihr, und um den Tisch herum gab’s ein Geschrei und Gelächter, das sich aus Duldung und Eifersucht mischte. Wurde der junge Meister verlegen oder gar ein wenig ärgerlich, dann streichelte und kraute Simonia das schnurende Warmeli in ihrem breiten Schoß und blickte mit sonderbar spöttischem Schmunzeln über die blonden, braunen und schwarzen Mädelschöpfe hin. Und Nepomuk, der so viele in seine hechtblauen Arme nahm, fand nie die Zeit, sich eine genauer anzuschauen, so dass sie ihm besser hätte gefallen können als alle anderen. Hätte die Luttermüllerin das erreichen wollen, dann hätte sie es nicht schlauer anstellen können. Schließlich musste sie aber doch bemerken, dass sich eine Ausnahme aus der leckeren Gewohnheit herauszudrängen begann. Es kam allmählich so, dass Nepomuk die anderen sparsamer abbusselte und immer länger und lieber mit einer schwatzte, die sich nicht küssen ließ, nie aus der Kaffeegesellschaft verschwand, also auch nie einen Mehlfleck am Ärmel oder sonst wo hatte. Das war die dreiundzwanzigjährige Vron, die Tochter des Altbürgermeisters, eine gut gewachsene, hübsche Blondine mit dunklen, gescheiten Augen. Sie ging in der Dorftracht, sondern kleidete sich städtisch, weil sie vergangenes Jahr die Kochschule der Provinzstadt besucht hatte. Zwischen ihr und dem jungen Meister schien sich allem süßen Likör zum Trotz was Ernstliches anzuspinnen. Immer überschwänglicher lobte Frau Simonia. Und diesmal geschah es nicht, dass Nepomuk wie sonst zu ihr sage: „Mutter, du übertreibst! Ein netter Käfer, ja! Aber was du in ihr siehst –“ Diesen halben Satz pflegte ein Kopfschütteln zu beenden, und Frau Simonia konnte schmunzeln. Diesmal hieß es: „Ja, Mutter! Du hast du recht, das ist ein famose Mädel.“ Und die Luttermüllerin wurde sehr verdrießlich. Sie bekam so kalte Hände, dass Warmeli seine Welt mit den Höhnen und Tiefen fast immer verlassen durfte. Allmählich verwandelte sich Frau Simonias Lob in immer schärferen Tadel, der zuletzt so bitter wurde, dass Nepomuk als richtiger Deutscher sich irren und gründlich widersprechen musste: „Die Vron? Mutter, jetzt bist du ungerecht. Die Vron ist von der ganzen Bande die einzige, in der was Richtiges steckt. Die lässt sich nicht packen wie die anderen. Der ist es nicht um ein lustiges Bussel zu tun, sondern um den ehrbaren Respekt, den sie verdient.“

   „Bub? Bist du denn blind? Die tut nur so, weil sie angelt. Die hängt dir das Futterkörbl hoch, damit du den Hupf machen sollst, den sie haben möcht. Ich bitt’ dich, Mucki, mach die Augen auf! Die Zeit kommt schon, wo du den Unterschied merken wirst. Für dich lauft was Besseres auf der Welt herum. Nur Geduld musst du haben. Das Knöspl muss erst ein Rössl werden.“

   Er guckte verwundert. „Was meinst du da?“

   Bekam Frau Simonia einen Anfall von Schwäche? Oder simulierte sie ihn nur, um nicht weiterreden zu müssen? Und Nepomuk, in seiner Sorge um die nach Atem ringende Mutter, vergaß jeder weiteren Frage.

   Das Rätsel des Wortes, das die sonst so vorsichtige Luttermüllerin unvorsichtig aus ihrem Ärger herausgeschwatzt hatte, blieb ungelöst. Es war ein paar Stunden vor dem verwichenen Abend gesprochen worden, an dem sich der verbotene Glühwein nach Meinung der Stas in mörderisches Wasser mit beißenden Zähnen verwandelt hatte.

   So waren die Dinge in Wirklichkeit gewesen. Aber so sahen die Bilder nicht aus, die für den blassen, regungslosen Totenwächter herausstrahlten aus der Lichtseele der geweihten Kerze. Er sah keinen jungen Zopf, kein Schürzenbändel, keine Kaffeegesellschaft, keinen süßen Likör, keinen Winkel in der Mühle und keinen Mehlfleck. Auch nicht die Vron, die keinen hatte. In diesen lautlosen, Licht durchschimmerten Stunden, die aus der Nacht hinüberschauerten in den Märzenmorgen, war er Kind, sonst nichts, und sah nur die Mutter, ihren treuen Blick, ihr gütiges Lächeln, ihre Liebe. Und war als Kind von Reue darüber durchwühlt, dass er die Todesnacht der Mutter entweiht hatte durch solch einen Stasischen Unsinn. Dabei fühlte er gegen das verwünschte Warmeli einen Zorn, in dem schon die Keime des Hasses waren. Immer sah er das wieder: Wie dieser weißliche Gespensterschreck vom Fenster durch das Dunkel gegen ihn hergesprungen kam. Wäre das Warmeli eine schwarze Katze oder doch wenigstens eine graue, so hätte er nicht sehen können, was ihn so stasdumm schreien machte, während drunten die Mutter zwischen vier brennenden Kerzen lag.

   Er konnte die zuckenden Flämmchen nimmer ansehen, musste das Gesicht in die Hände drücken. Und jetzt, da es ihm schwarz vor den Augen dunkelte, sah er wieder den lächelnden Mund und den liebevollen Blick der Mutter. So gut, wie bei diesem Schauen in die Finsternis, glaubte er in seinem ganzen Leben die Mutter noch nie verstanden zu haben. Je wertvoller die deutschen Jungen sind, umso unzutreffendere Schlüsse pflegen sie zu machen. Sogar die schreckliche Sache mit dem Hundertmarkschein für den Doktor meinte er jetzt zu begreifen. Den Sohn ehrlos machen? Nein! Das konnte die Mutter doch nie gewollt haben. Sie wusste eben damals nicht, was sie tat. Da hat die gescheite Mutter eben auch einmal so eine fürchterliche Dummheit gemacht, wie er in der Kammer droben, als dieses Weiße auf ihn zusprang. Stolpert man selbst, so versteht man erst, dass auch deren stolpern können. Wie gut begriff er das jetzt! Er hatte damals so wenige Recht zu harten, zornigen Worten, wie am Nachmittag zu seiner verwunderten Frage: „Was meinst du da?“ Jetzt wusste er’s. Ein Knöspl, das erst noch ein Rössl werden muss? Das war doch nur so allgemein gesagt. Ein Bild für etwas Kommendes, das noch nicht da ist. Eine sprichwörtliche Redensart, wie die Mutter sie gern gebrauchte. Mehr war nicht dahinter. Ganz gut verstand er das. Und alles begriff er an der Mutter, alles – nur eines nicht.

   In der Tat, das war sonderbar, war eine schwierig zu knackende Lebensnuss. Eine Mutter, die ihr Dasein erschöpfte in Liebe für ihren Sohn! Und findet in der Todesstunde keinen Hauch dieser Liebe mehr, kein zärtliches Wort für ihn, keinen mütterlichen Segen! Nur noch ein Wort der Führsorge für eine Katze! In Nepomuks wühlendem Gedankenwirbel hieß er natürlich nicht: Für eine Katze – da hieß es: „Für so einen vermaledeiten Seelenschreck, für so ein schneehaariges Vieh!“

   Man lasse doch einen großen Denker kommen, um diese sonderbare Sache logisch zu erläutern! Möglich, dass er sagen wird: „Das letzte Wort der Frau Simonia war ein mechanischer Fieberlaut, aus dem nicht mehr der Geist herausredete, nur noch ein körperliches Gewohnheitsempfinden, gleichsam ein Wärmesehnsucht der ‚erfreisenden’ Hände.“ Kann auch sein, er sagt: „Diese Frau in ihrer mütterlichen Affenliebe heilt den Sohn fürs Leben so gründlich vorgeschult, dass er keines Hebelstoßes mehr zu bedürfen schien. So konnte sie beim erlöschenden Atemzug noch dankbar für das Kleinere sorgen, ähnlich, wie Könige, wenn sie ein Reich vergaben, noch die Leibrente festsetzen für einen treuen Kammerlakai.“ Aber denkbar ist es auch, dass der Weise spricht: „Diese ahnungsvolle Frau verzweifelte, weil sie den törichten Sprössling rettungslos dem halbstädtischen Unwert der schlauen Vron verfallen sah. Er wird zum Weib gehen und die Peitsche nicht mitnehmen. Erledigt! Dieses Kamel verdient es nicht besser. Lohnender war die Sorge für eine Katze.“ Mit diesen drei Varianten wären die Lösungsmöglichkeiten noch lange nicht erschöpft. Frau Simonia und ihr letztes Wort – ein Preisrätsel für Psychologen!

   So sehr verwirren sich die Dinge, wenn man in überflüssigem Maß denkt. In dem von Trauer, Vorwurf, Schmerz und Reue gezwiebelten Gehirn des jungen Müllers sah das Problem viel einfacher aus, man könnte sagen: natürlicher. Er nahm das schwer verständliche letzte Wort der Mutter, wie es war – fragte nicht: Warum und wieso? – Und fühlte nur, dass er das Vermächtnis der Mutter wohl am vergangenen Abend hatte erfüllen können, dass er es aber nicht mehr erfüllen konnte am Morgen, nach einem Erlebnis, bei dem das weiße Mistvieh ihm alle Trauer um seine gute Mutter verwüstet hatte. Diesen Nachtschreck noch einmal zärtlich an sein Herz nehmen? Nein! Das konnte er nicht.

   Wieder beugte er, vor Kälte schauernd, die Stirn auf seiner Mutter eisige Hände. Und wieder sagte er: „Tu mir’s verziehen, Mutter!“ Jetzt war es anders gemeint, war nicht mehr Reue, sondern war die Unheil kündende, durchaus nicht rosenfingerige Morgenröte von Warmelis aufsteigendem Jammerschicksal. Man denke deswegen nicht an das Sprichwort, dessen unheimliche Verlässlichkeit sich in fünfthalb Jahren etwas fünfzehnmillionen Mal bewahrheitete: „Morgens rot, abends tot.“ Warmeli – trotz aller schauerlichen Erlebnisse, die ihm in den Sternen verzeichnet waren – wird das Ende dieser Geschichte erleben, teils um der unantastbaren Wahrheit willen, teils aus kunsttechnischen Gründen. Ein Held, besonders ein deutscher, muss durchhalten können. Dass Siegfried vorzeitig um die Ecke ging, wird von Fachmännern als eklatanter Kunstfehler des Nibelungenliedes bezeichnet. Viele Laien scheinen anderer Meinung gewesen zu sein, besonders jene, die mit unzureichender Kenntnis der Sache in jüngst vergangenen Zeiten häufig von Nibelungentreue sprachen. Dabei dachten ihre brave Seelen an Sieg und schöne Zukunft. Ein verhängnisvolles Missverständnisses! Nibelungentreue halten, heißt bluten und erliegen durch Schuld der Ungetreuen. Alle Redlichen werden in kommenden Zeiten sich immer des durch den Weltkrieg rektifizierten Sprichwortes erinnern müssen: „Wie ich dir, so du mir nicht.“

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