Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das wilde Jahr

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Das wilde Jahr
            Vorwort
            Das Adlernest

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
            Die grüne Katze

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Das wilde Jahr
               Ausfahrt
               Walpurgisnacht
               Feuer im Schnee
               Die wilde Jagd
               Bergfrühling
               Panik im Wald
            Buch der Berge
            Pfingstorakel

Die grüne Katze

Kein Roman und doch einer

   Es ist nicht an der Zeit, von Helden zu sprechen. Lasst mich erzählen von einer Katze! Sollte sie gelegentlich einen schönen Charakterzug verraten, so wird man, ohne Professor der Psychologie zu sein, die kluge Bemerkung machen können, wie viel Menschliches sich zuweilen erkennen lässt an einem Tier. Sollte aber dieser Katzenbalg die auf ihn gesetzten Erwartungen so sehr enttäuschen, wie die Route Berlin-Bagdad den deutschen Zukunftskalkül, sollte eine Fülle von Gemeinheit, von Hinterlist und Habgier, von kleinköpfiger Selbstsucht und feiger Gesinnungslosigkeit aus diesem Vieh herausmiauen, so wird das den deutschen Leser weniger schmerzlich berühren, als wenn er so üble Dinge erführe von einem heimatlichen Staatsbürger, den er in Liebe und Zuversicht für einen auserlesenen Menschen nahm, um ihn schließlich mit Kummer rubrizieren zu müssen als unzuverlässigen Wirrkopf, als quieksende Windfahne, als wehleidigen Schwächling, ferne jeder Opferfreudigkeit und jedem getreuen Todesmut. Darüber müsste man als Deutscher weinen. Drum ist es empfehlenswerter, lachen zu können über eine Katze.

   Das beklagenswerte Tier kam unverschuldet zu einer qualvollen Lebenstragödie. Von Natur aus war es dazu veranlagt, sanft und wohlgelitten sein Dasein zu vollenden. Es war ein liebes, nettes, völlig ungefährliches Kätzchen, so gutmütig, als hätte es nicht die geringste Ahnung davon, dass es Raubtierinstinkte, scharfe Krallen, spitzige Zähne und sonst noch mancherlei Eigenschaften des Völkerneides gegen uns Deutsche besaß.

   Wäre Napoleon ein Frauenzimmer gewesen, so wäre die Wende des 18. Jahrhunderts vermutlich ruhiger verlaufen, als es in Wahrheit geschah. Die Weltgeschichte hätte nur eine neue Pompadour von ausgeprägteren Formen und erfindungsreicherer Beweglichkeit zu genießen bekommen, doch ohne aktive Beteiligung eines französischen Königs. Im vorliegenden Fall erwies es sich als völlig belanglos, dass dieses liebenswürdige Kätzchen ein Kater war. Bei seiner Bildung hatte die Natur in überraschendem Grad alles männlich Herbe gemildert. Überdies wirkte noch die Tatsache mit, dass das gute „Warmeli“ – der sonderbare, sehr unkätzliche Name mit dem Ton auf der ersten Silbe wird noch seine Erklärung finden – im Juni das Licht der Welt erblickte und zu Beginn seiner Leidenszeit wohl einen Sommer, Herbst und Winter, aber noch keinen Frühling erlebt, noch niemals auf einer Dachkante oder gar auf hohem Schornstein ein Lied der Liebe als strebsamer Katerpoet gesungen hatte.

   Was in einer jungen Katze den Charakter misstrauisch und bösartig gestaltet, pflegt meistens der ausgiebige Verkehr mit munteren Kinderchen zu sein. Sich stundenlang in unbequemster Lage hin und her schleppen zu lassen; auf Schwanz und Pfoten getreten, zärtlich ausgerenkt und liebevoll gezwickt zu werden; ein würgendes Bändchen am empfindlichen Hals zu fühlen, sei es ein rotes oder blaues; glitschige Nussschalen an die Füße zu bekommen und an die Schweifspitze einen unerwischbaren Papierschmetterling, bei dessen tückischen Flatterbewegungen man unter dem Jubel der fröhlichen Kinder verzweifeln möchte – solche Erziehungsmethoden können auf die seelische Entwicklung einer jungen Katzenseele unmöglich von günstiger Wirkung sein. Sie verbilden den Tiercharakter und führen naturgemäß zu Temperamentskatastrophen, die ein unerschrockenes Kindergemüt in Tränen zerfließen lassen und ihm die gänzlich unberechtigte Meinung beibringen: Dass ein gutes Kätzchen ein böses Miezebiest wäre – ähnlich, wie viele fremde Völker durch allerlei flatternde Papierwische zu der Ansicht genötigt wurden, dass wir gutmütigen, leicht zu betrügenden Deutschen grinsende Menschenfresser und tollwütige Bestien wären. Völker kennen andere Völker so wenig wie sich selbst. Von anderen sagen sie mehr Schlechtes, als begründet, von sich selbst mehr Gutes, als zulässig ist. Nur ein einziges Volk auf Erden – das in einem Lied gesungen hat: „Bundesbrüder sind Räuber“ – darf, seit es unser Bundesbruder war, sich rühmen der tiefsten Selbsterkenntnis.

   Also, wie gesagt: Unter einem die Nerven molestierenden Martyrium der Katzenjugend hatte Warmeli während seiner Entwicklungsmonde nie zu leiden. In der schönen, romantisch an einem Bach gelegenen, gut deutschen Luttermühle, die seine Heimat war, gab es keine Kinder, oder doch nur ein einziges, ein sehr großes, das über die Vorleibe für das Spiel mit einem Kätzchen schon lange hinaus war. Dieses Kind hieß Nepomuk, ohne ein Sohn des zweischwänzigen Löwen zu sein, und spielte lieber mit einem Scheibenstutzen, mit seiner Geige, mit einer Silber beschlagenen Knasterpfeife und mit dem Schürzenbändl gut gewachsener Mädchen. Auch die beiden Mühlgesellen und der Stallbursch waren für Warmelis Jugendfrieden und Gemütsgestaltung völlig ungefährlich. Außer diesen vier Mannsleuten gab’s in der Luttermühle nur die schwerhörige Haus- und Kuhmagd Ottil, dazu noch eine hochbejahrte Küchenjungfrau, die im Widerspruch zu ihrer erschrecklichen Länge auf den kurzen Namen Stas getauft war, und die herzensgute, seit Jahren verwittibte Luttermüllerin, welche Warmelis geliebter Abgott war, eine Neigung, die auf Gegenseitigkeit beruhte.

   Dass Frau Simonia Lutter in bedenklichem Grad an der Wassersucht litt – an einem Leiden, das so Kräfte fressend und zersetzend wirkt wie die deutsche Brudernörgelei – und dass die gute Müllerin in der unteren Hälfte ihres Leibes bereits zu schönheitswidrigen Klumpformen gedunsen war, dafür besaß das liebevolle Kätzchen – nicht das geringste Unterscheidungsvermögen. Es hing mit so heißer Inbrunst an der Müllerin, wie einst wir Deutsche an der sicheren Erwartung des Versöhnungsfriedens. Überdies hatte das in die Breite wachsende Leiden der Müllerin für Warmeli sogar noch unleugbare Vorzüge. Wahrhaftig, kein anderes Kätzchen der Erde erfreute sich für seine Schnurrstunden eines Schoßes von so umfangreicher Bequemlichkeit, wie ihn Frau Simonia ihrem Liebling zu bieten hatte. Das war für Warmeli eine Welt mit Höhen und Tiefen, die sich niemals restlos erforschen ließen und immer neue Überraschungen und Wohligkeiten zu spenden vermochten. Dazu besaß die Luttermüllerin, vom kätzlichen Standpunkt aus betrachtet, noch eine andere Köstlichkeit. Sie hatte zwei prachtvoll kühle Hände, von denen gestreichelt und gekraut zu werden für einen elektrisch durchfunkten Katzenkörper ein Behagen ohnegleichen war.

   Frau Simonia streichelte und kraute ihr Warmeli unermüdlich, Stunde um Stunde. Sie tat es mit jener Liebe, von der ein missmutiger Philosoph behauptete: Dass auch dieses edelste Gefühl der Menschen nichts anderes wäre, als ein auf gegenseitigen Leistungen beruhender Tauschhandel. Die Ausdrucksform dieser Weisheit ist brutal. Im Kern scheint die Sache zu stimmen. Was hat man von der Liebe allein? Die Gegenliebe ist nötig. Wir Deutsche machten die Nachbarvölker umso kühler gegen uns, je wärmer wir ihnen gaben. Der Luttermüllerin, als deutsche Ausnahme, gelang die Sache besser. Je kühler sie gab, umso wärmer empfing sie. Und da kann es nicht als sonderbar erscheinen, dass ihre Dankbarkeit für den schnurrenden Liebling den Kosenamen „Warmeli“ erfand. Nun könnte wohl ein nüchtern urteilender Logiker der Meinung sein, dass Frau Simonia den gleichen, die Kälte des nahen Todes auftauenden Dienst von einer ganz gewöhnlichen Wärmflasche hätte empfangen können. Fehlgeschossen! Eine Wärmflasche pflegt auszukühlen, Warmeli hielt die Wärme. Und Warmeli füllte sich selbst, während eine Wärmflasche auf sehr umständliche Weise immer neu gefüllt werden muss. Auch ist die Temperatur einer solchen Flasche schwierig zu regeln, während Warmelis Wärme von einem konstanten Durchschnitt war, an dem man sich nie die Finger verbrannte. Nicht zu vergessen: Alle Wärmeflaschen rinnen. Zwar, in den ersten Lebensmonaten litt auch Warmeli an solcher missliebigen Undichtigkeit, gewöhnte sich aber bald an zuverlässigen Verschluss. Nicht durch technische Behelfe, sondern aus Wohlerzogenheit.

   Ja, Frau Simonia hatte ihre guten Gründe, um häufig zu sagen: „Hätt ich mein Warmeli nicht, so müsst ich erfreisen.“ Das ist ein ungemein bezeichnendes Volkswort: erfreisen. Es bedeutet: Unter Schüttelfrösten erstarren. Ungefähr gleicht es dem Schauer, den wir begeisterungsfähigen Germanen bald nach Gründung des deutsch-ukrainischen Wirtschaftsverbandes empfanden. Bei linder, unversiegbarer Wärme immer wieder die Kälte des nahen Sensenmannes vergessen zu können, sei es auch nur an den Fingerspitzen, das ist wertvoll. Kein Wunder, dass Frau Simonia ihrem Liebling ein Leben bereitete, das nur angenehme Reize hatte, keine Widerlichkeiten. Warmeli leckte den süßesten Rahm, Warmeli bekam die delikatesten Bissen, bekam die zartesten Backhühnerknöchelchen, bevor Frau Simonia sie noch völlig abgenagt hatte, und Warmeli wurde gewaschen, gekämmt und abgefloht wie ein Grafenkind. Nicht das geringste ereignete sich, was Warmeli als menschliche Grausamkeit oder gar als mangelhafte Weltregierung von Seite des lieben Gottes hätte empfinden können. Es erging ihm auf Erden so erquicklich, dass sich keine Neigung zu philosophischem Nachdenken in ihm regte. Die Optimisten – Warmeli war mit Berechtigung eine solcher – sind allerdings nach Meinung der vom Leben schlecht besoldeten Berufsdenker keine Philosophen, sondern unterwertige Dummköpfe. Daher entstand auch das Sprichwort: Dass Glück nur die Dummen haben. Um weise zu werden wie Schopenhauer oder Nietzsche, muss man chronisch hineinfallen oder zur Zufriedenheit an sich selbst verurteilt bleiben. Warmeli – als wär’ es nicht ein deutsches Kätzchen gewesen, sondern englischer Herkunft – fiel immer ungefährlich auf seine vier Füße und hatte eine unverbitterte Freude an vielen Dingen außerhalb seiner selbst. So konnte seine Seele sich sanft und unbekindert1 entwickeln, seine Spielfreude konnte sich in harmloser Fröhlichkeit gestalten. Und als sich in Warmeli jener Naturtrieb regte, von dem es heißt, dass er das Mausen nicht lässt, kamen die Mäuschen der Mehlkammer und der Mühlhalle zu der erstaunlichen Ansicht: Dass alle Schauerdinge, die man in den Mauslöchern von der Bösartigkeit des Katzengeschlechtes zu erzählen pflegte, stark übertrieben wären. Warmeli fing die Mäuse, gewiss, sogar mit großer, blitzflinker Geschicklichkeit, doch nur, um ein paar Sekunden mit ihnen zu spielen, so zart und vorsichtig, wie Zar Ferdinand mit dem deutschen Bündnis jonglierte, oder wie das Kätzchen mit den empfindlichen Wassersuchtsfingern der Frau Simonia zu spielen gewöhnt war. Wer nie den Hunger kennen lernte, wer süßen Rahm, gezuckerten Kuchen und Backhühnchen in Fülle zur Verfügung hat. Wird nicht auf den so törichten, wie unappetitlichen Gedanken kommen: Mäuse zu fressen, dazu noch ungebratene.

   Bei solchem Lebensgang mag es begreiflich erscheinen, dass es auf Erden nichts Entzückenderes, Gutmütigeres und wohlgerateneres geben konnte, als dieses junge, liebe, deutsche, herzige, weiße Kätzchen.

   „Weiß? Erlauben Sie!“, wirft in diesem Augenblick der unfreundlich gewordene Leser ein. „Sie scheinen zu vergessen, Herr Chronist, dass Sie Ihrer Geschichte den Titel gaben: Die grüne Katze.“

   Gewiss! Das ändert aber nicht das geringste an der Tatsache, dass Warmeli ein weißes Kätzchen war, so weiß, wie es keiner Unschuld zu sein gelingt. Die Unschuld errötet. Kann sie das nicht mehr, so ist es mit der Unschuld vorbei, und dann spielt diese schwer definierbare Sache alle Farben, ausgenommen die weiße. Soll es ohne Vergleich schon nicht abgehen, so bliebe nur der eine: Dass Warmelis fleckenloses Fellchen so weiß war wie eine größere Ansammlung von kristallisierten Wasserdünsten. Kürzer, doch auf etwas verbrauchte Art könnte man sagen: Wie Schnee. Und hier – um bei verbrauchten Bildern zu bleiben – lag Warmelis tragischer Hund begraben. Wäre Warmeli nicht weiß gewesen, sondern grau, bräunlich getigert oder tintenschwarz, so wäre sein Leben wahrscheinlich in klaglos miauendem Frieden hingeflossen – ebenso, wie das deutsche Volk auch fernerhin eines wohltemperierten Weltfriedens genossen hätte, wenn Bismarck nicht auf den unvorsichtigen Gedanken geraten wäre, ihm Achtung, Macht und Größe vor allen Nationen der Welt zu erkämpfen. Nun können die Gewitzten von heute sagen: Man muss Größe zu vermeiden suchen, weil sie Neid erweckt und zu Leiden führt.

   Warmelis Leidenszeit begann in jener kalten Märznacht, in der es zwischen den Lehnen des großen, leer gewordenen Ledersessels eine ihm liebe, ihm unentbehrliche Sache nicht mehr zu finden vermochte: Seine Welt mit Höhen und Tiefen, den Schoß der in Gott selig gewordenen Frau Simonia.

   Das war schnell gegangen. Um neun Uhr abends hatte die Luttermüllerin nach mühsamer Bettbesteigung noch den heißen, vom Doktor streng verbotenen Glühwein getrunken, und eine Viertelstunde später diagnostizierte die lange Stas: „Jetzt ist ihr das Wasser hinaufgestiegen ins Herzkammerl und hat ihr den Lebensfaden abgebissen.“ Die Stas schien nicht zu wissen, dass das Wasser keine Zähne hat. Sie war eine gute Seele und vergönnte jedem andere, was sie selbst in Überfluss besaß. Ihr Gebiss war so vordringlich entwickelt, dass es im spannenbreiten Schnäbelchen der Stas keinen Platz mehr hatte und wie ein beinernes Erkerdach ins Freie strebte.

   Immerhin hatte die Stas eine gewisse Berechtigung, von den lebensgefährlichen Wirkungen des Wassers zu sprechen, nachdem die Luttermüllerin kurz vor ihrem jähen Heimgang einen reichlichen Schoppen verbotenen Glühweines geschlürft hatte. Bei Gelegenheit eines berühmt gewordenen Wunders wurde Wasser in Wein verwandelt. Zwischen Magen und Epidermis der Frau Simonia vollzog sich die Metamorphose umgekehrt, und drum war’s kein Wunder, war nur ein Vorgang, auf den alle Weinwirte sich verstehen. Die machen es aber in der Stille. Unter dem Dach der Luttermühle vollzog sich die gesetzlich verbotene Transformation unter jammervollem Geschrei der langen Stas. Warmeli erwachte auf der Ofenbank, der Stallbursch, die Mühlknechte und sogar die schwerhörige Ottil wurden munter, nur Nepomuk, der junge Luttermüller, schlief so fest und gesund, dass er unter Anwendung von Gewalt aus den Federn gerüttelt werden musste, wie man die Deutschen aufrütteln muss aus ihrem schweren Vertrauensdusel der Vergangenheit, aus dem moralischen Gesinnungsbruch und aller schwächlichen Verzagtheit der Gegenwart. Als Nepomuk blass und erschrocken, barfüßig, nur in Hemd und Hose, an das Bett der sterbenden Mutter gesprungen kam, konnte er noch ihre letzten Worte vernehmen.

   Alle letzten Worte scheidender Menschen sind ein Spiegel und Siegel ihres Wesens, ein Dokument ihrer Seelengröße, eine Quintessenz vom tiefsten Inhalt ihres Lebens. „Mehr Licht!“ Man weiß, wer diese letzten Worte sprach. Wohl hat die neueste Forschung bewiesen, dass Goethe diese beiden letzten Worte nie gesprochen hat, oder doch in wesentlich anderer Form. Aber sind sie nicht ein Abbild seines ganzen Denkens und Strebens? Dazu noch bei allem erschöpfenden Gehalt diese künstlerische Knappheit! Nur zwei Worte! Und alles war gesagt. So kurz vermochte Frau Simonia sich nicht zu fassen. Sie benötigte das Doppelte, bei literarhistorischer Zählung aller Silben sogar das Vierfache. An die Hand des erschrockenen Sohnes geklammert, sagte sie mit erlöschendem Hauch: „Mein – Warmeli – recht – gut – halten –“ Dann war ihre Seele drüben in jener noch unerforschten Gegend, von der man zu glauben liebt, dass sie besser wäre, als alle mit Hypotheken belastbaren Gründe dieser Erde.

   Welch ein guter Sohn der junge Müller Nepomuk Lutter im Kern seines Wesens war, bewies er weniger durch seinen untröstlichen Schmerz, weniger durch seine ehrlichen Tränen, als durch die innige Zärtlichkeit, mit der er, zum ersten Mal seit Warmelis Geburt, das befremdete Kätzchen an seine nasse Wange presste und unter leisen Stammelworten liebkoste, als wäre in dem linden weißen Fellchen ein Stück Leben seiner Mutter noch auf Erden zurückgeblieben. Warmeli aber erinnerte sich sehr wohl der Tatsache, dass Nepomuk sich früher niemals viel um das haarige Wärmefläschchen seiner Mutter gekümmert hatte, und empfand mit Unbehangen, dass der junge Müller keine kühlen Hände hatte, sondern brennend heiße. Kläglich miaute es nach dem entbehrten Schoß, begann trotz allem liebevollen Zureden auf eine Art zu zappeln, wie es sonst nicht seine Gewohnheit war, und widerstrebte auf das heftigste, als Nepomuk den durch das letzte Mutterwort ihm heilig gewordenen Liebling mit hinauf nahm in seine Schlafstube. Die lange Stas, die bei ihrer verzeihlichen Antipathie gegen jede Erscheinungsform des von der Geisterwelt umschwirrten Todes möglichst rasch und jedenfalls noch vor Mitternacht aus der Sterbekammer herauskommen wollte, hatte die lebensweise Bemerkung gemacht: „Das Absterben bleibt allweil ein hartes Bröckerl, aber was lebendig ist, muss seine trosthafte Ruh haben. Und morgen muss der Mensch wieder schaffen.“ Sie selbst fand während der restlichen Nachtstunden keinen Schlummer. Nepomuk, erschöpft von seinen Tränen, fand ihn, mit der Wange am Fell des so pflichtgetreu wie krampfhaft festgehaltenen Warmeli. Aus diesem Gegensatz der Erscheinungen darf nicht geschlossen werden, dass die Stas eine aufopferungsfähige, trostlose Magd und Nepomuk ein pietätloser, rasch getrösteter Sohn gewesen wäre. Es war so: Dass in dem langen, klapperigen Knochengerüst der Stas das Alter wachte, während in dem festen, gesunden Körper des Nepomuk die Jugend schlief. Und noch etwas anderes kam hinzu. Die abergläubische Stas ließ die ganze Nacht das Licht brennen und graulte sich trotzdem aus Gespensterfurcht so schrecklich, dass sie zitterte wie ein Müllersieb, in dem das Mehl von der Kleie geschieden wird; in der Stas aber wurde kein Kuchenmehl durch das alte Leder abgesondert, nur kalter Schweiß. Nepomuk hingegen lag mit heißen Augen in der Finsternis, dachte vorerst mit keinem Gedanken an den kalten, unheimlichen Tod im Haus, erinnerte sich aller lieben, guten Eigenschaften der Mutter und streichelte, getreu nach ihrem verhauchenden Testament, das linde Katzenfellchen so lange, bis der schmerzmüde Jugendschlaf ihm die Hände löste und Warmeli sich endlich aus dieser neuen, widerwillig ertragenen Lebenslage befreien konnte. Es war ihm verhältnismäßig schnell gelungen. Wie lange werden die Deutschen brauchen?

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1 Das ist kein Druckfehler für „unbehindert“. ^

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