Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das wilde Jahr

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Das wilde Jahr
            Vorwort
            Das Adlernest

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
            Die grüne Katze

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Das wilde Jahr
               Ausfahrt
               Walpurgisnacht
               Feuer im Schnee
               Die wilde Jagd
               Bergfrühling
               Panik im Wald
            Buch der Berge
            Pfingstorakel

Kapitel 5

   Ende Dezember empfing Oberst von Siebert eine Nachricht Larnaggers aus Messina, und im Januar bekam er einen wunderlich lustigen Brief von Frau Bettina aus Kairo. Zu diesem Brief schüttelte der Oberst ein bisschen den Kopf. „Das ist doch sonst nie ihr Ton gewesen? Und Hans – ich weiß doch, wie lieb er die schöne Frau hat und wie ungeduldig er seiner Vaterfreude entgegen brennt – und da lässt er die Frau in solcher Zeit allein in Kairo sitzen und jagt inzwischen Steinböcke auf dem Sinai. Komisch!“

   „Nein, Friedrich!“, sagte seine Gattin in ihrer milden und doch bestimmten Art. „Das ist nicht komisch. Das ist wieder ein Beweis gegen euer berühmtes Weidwerk. Die Jagd verwildert.“

   „Jaaa, liebste Mella, ich weiß. Wenn ich von einer Jagdfahrt heimkomme, brauchst du immer eine Woche, um mich wieder in einen brauchbaren Menschen zu verwandeln.“ –

   Drei Monate später, in der Woche nach Ostern, wurde die Nachricht, dass Frau Bettina ihrem Gatten in einer Villa bei Palermo einen gesunden kräftigen Jungen geschenkt hatte, im Haus Siebert ohne Meinungsverschiedenheit, mit gleich gestimmter Freude aufgenommen. Bei der Mahlzeit trank man eine Flasche Sekt auf das Wohl des kleinen Hans Jörg, des Erben von Haus Larnagg.

   Die frohe Nachricht wurde im ergrünenden Park von Larnagg durch ein lustiges Frühlingsfest der Dienerschaft und der Jägerei gefeiert. Dieser heitere Abend bescherte dem Wildmeister den ersten Verdruss in seiner jungen, sonst sehr glücklichen Ehe. Ein Jäger, der nach Mitternacht seinen Schwips in die Federn trug, hörte den Wildmeister hinter geschlossenem Fensterladen zornig schreien: „Meiner Seel, es muss doch etwas Wahres dran sein, dass die Frauenzimmer ihren Verstand nicht im Hirnkastl haben, sondern Gott weiß wo! So was Unsinniges nur denken können! Und auch noch sagen! Hätt’s ein anderer als ich gehört, so wären wir unglücklich, alle beide!“ Dann ein milderer Ton: „Sei gescheit, Jetterl! Und red’ ums Himmelswillen keinen solchen Wahnsinn mehr! Du darfst doch auch nicht vergessen, was wir beide dem gnädigen Herrn verdanken. Wie ich von undankbaren Menschen denke, das weißt du doch!“ Dann war es still in der Stube, und der Jäger konnte nur noch hören, dass die junge Frau Wildmeisterin sehr heftig weinte. „Ui jegerl,“ lachte er vor sich hin, „da hat’s an Krach geben!“ Dann ging er, um seinen Dusel auszuschlafen, und am nächsten Morgen war das kleine Nachterlebnis vergessen. Aber der Wildmeister und Frau Jetterl hatten noch eine ganze Woche nötig, um sich wieder zurückzufinden ins heitere Geleise ihres jungen Eheglückes.

   Anfangs Mai kehrte Hans Larnagger, fast schwarz gebrannt von der ägyptischen Sonne, für drei Wochen in die Heimat zurück, um einer Generalversammlung der Jörg-Larnaggerschen Werke beizuwohnen, geschäftliche Angelegenheiten zu ordnen und mit Siebert in seinem Tiroler Hochgebirgsrevier auf balzende Auerhähne zu jagen.

   Larnagger schien sich um Jahre verjüngt zu haben. Sein Körper strotzte von Kraft und Gesundheit, und in der Unterhaltung mit Freunden war er ein Sprudelbrunnen von Witz und guter Laune. Doch mitten im fröhlichsten Gespräche konnte er manchmal plötzlich verstummen, ins Leere blicken und still ins ich versinken. Dann sah man, dass neben den Mundwinkeln zwei seltsame Müdigkeitszüge tief ins ein sonnverbranntes Gesicht hinein geschnitten waren. Und fragte Siebert: „Hans? Was hast du denn schon wieder?“ – dann fuhr Larnagger wie ein Erwachender auf – „Ich? Nichts!“ – und war wieder der heitere, übermütige Kamerad, der glückliche Vater, der stundenlang, mit heißem Glanz in den Augen, von seinem lieben Jungen erzählte. Nur selten sprach er von Frau Bettina. Und einmal – während er Sieberts Handgelenk mit stählernem Griff umklammerte – sagte er: „Wenn du sie sehen wirst, Friedrich, dann wirst du Augen machen. Die Frau ist schöner, als sie je gewesen.“

   „Aber Menschenskind! Wenn sie sich so erholt hat und so prachtvoll aussieht, warum kommt sie dann mit dem Jungen nicht heim?“

   „Noch nicht. Ich will sicher sein.“ Nach diesem hart klingenden, fast heftigen Word sagte Larnagger ruhiger: „Die Ärzte halten es für notwendig, dass sie noch über den nächsten Winter bleibt und erst heimkommt, wenn es wieder Sommer wird.“

   Der Oberst lachte: „Na, bis dahin kannst du ja dann gleich ein Pärchen mitbringen.“

   Auch Larnagger lachte. Doch während er sich abwandte, funkelte etwas in seinen Augen – wie galliger Zorn oder wie quälende Sehnsucht.

   Droben in den Bergen kürzte er unter Zeichen wachsender Ungeduld den Aufenthalt im Jagdhaus um vier Tage und reiste nach Sorrent zurück, wo Frau Bettina mit dem kleinen Jörg die sommerliche Badezeit verbringen sollte.

   Im Herbst kam er zu den Jagden nach Haus Larnagg, war ruhelos, hatte immer einen Trubel von Gästen um sich her und machte, wenn die anderen zur Ruhe gegangen waren, noch stundenlang Nachtritte, bei denen die Edlen von Kicki wie schwarze Mäuschen neben ihm herhuschten und die Hufe seines Pferdes umkläfften. Und eines Morgens war Hans Larnagger wieder verschwunden, ohne sich von seinen Gästen verabschiedet zu haben. Er war nur vor der Morgenfrühe zu Siebert ins Zimmer gekommen und hatte den Oberst geweckt: „Entschuldige mich bei den anderen! Und nimm mir’s nicht übel! Ich muss fort – ich kann nicht mehr leben ohne diese Frau.“

   Im Winter war Frau Bettina wieder in Palermo, Larnagger jagte im südlichen Tunis, und nach Ostern kam aus Korsika eine Depesche an Siebert: „Erweise mir einen Freundschaftsdienst! Meine Frau scheint sich in Sorrent zu langweilen. Ich bitte dich, komm mit den Deinen für einige Wochen! Kannst du dich selber nicht freimachen, so schicke doch Frau Mella mit den Kindern! In Sorrent soll im Mai was Sehenswertes los sein, eine dreihundertjährige Tassofeier. Versäume das nicht. So was kommt nicht wieder, solange wir noch leben. Herzlichen Gruß. Habe vier gute Mufflonböcke. Hans.“

   Im Verlauf der Debatte, die sich im Haus Siebert über diese Depesche entspann, sagte Frau Mella: „Zerbrich dir den Kopf nicht, Friedrich! Ich glaube zu wissen, was da los ist.“

   „Los? Was soll denn los sein?“

   „Sein Jagdteufel zerrt ihn in der Welt herum, er vernachlässigt seine Frau und hat dabei doch ein bisschen Angst, dass sie gelegentlich mal auf andere Gedanken kommen könnte. Vielleicht ist die Krise schon akut. Und da sollen wir Ablenkung schaffen und als Blitzableiter dienen.“

   „Mella, du bist eine famose Frau und die beste aller Mütter. Aber eine Psychologin bist du nicht.“

   Frau Mella schmunzelte. „Was meinst du? Fahren wir?“

   „Das muss man doch!“

   „Natürlich! Sonst kriegst du bei der nächsten Herbstjagd schlechte Stände.“

   Siebert wurde verdrießlich. „Mein liebes Kind! Hänsle mich nicht immer mit der Jagd! Sie ist eine schöne, gesunde, dazu noch urdeutsche Sache. Oder sind die Franzosen Jäger? Die Engländer? Die Italiener? Na also! Das sind Schießer, aber keine Jäger. Dass wir Deutschen richtiges Jägerblut in uns haben – wie gut das ist, das hat sich vor vierundzwanzig Jahren über dem Rhein da drüben erwiesen, wo ich als Fähnrich noch ein bisschen mitriechen durfte – und das wird sich auch das nächste Mal wieder zeigen, ich hoffe, dass ich es noch bei frischen Kräften erlebe! Mit meinen zwei Jungen zusammen! Na ja, jetzt machst du wieder deine abwehrende Mutterbewegung! Wenn dir’s unerquicklich zu hören ist, warum verursachst du derartige Gespräche? Und dann bitt’ ich dich auch, zu bedenken, dass zwischen dem Nerven zerreibenden Übermaß der militärischen Arbeit im Generalstab das bisschen Jagd mein körperliches und geistiges Aufatmen ist, mein einziges Vergnügen. Oder ist es dir nicht angenehmer, wenn ich hinter einem Rehbock herlaufe, als hinter Weibern?“

   Frau Mella hatte wieder ihr ruhiges Lächeln und sagte heiter: „Erstens würde ich dir dieses hypothetische Vergnügen der letzteren Art ganz gehörig verbittern. Und zweitens hab’ ich doch nur gefragt, ob wir reisen. Und wann?“

   „Da rede mit deinem geliebten Schultyrannen. Die Jungen müssen mit. Oder ich bleibe daheim.“ In Ärger wollte der Oberst die Stube verlassen. Bei der Türe blieb er stehen, sagte: „Unsinn!“, kam zurück, fasste den Kopf der noch immer schönen Frau zwischen die beiden Hände und küsste sie auf den Mund. „Dass wir beide noch immer die gleichen bleiben!“

   „Ich glaube, das ist unsere beste Eigenschaft. Oder soll ich mich auf meine alten Tage noch ändern?“

   „Nein, Mellachen, ums Himmelswillen, bleibe, wie du bist!“ –

   Gleich am folgenden Tag machte Frau Mella den Weg zum Schultyrannen. Der spie Feuer und Flammen bei der Zumutung, die beiden Jungen für einen Monat aus der Schule zu entlassen, unmittelbar nach den Osterferien. Aber nach fünf Minuten war er in ein seufzendes Lämmchen verwandelt und küsste Frau Mellas Hand.

   Als dieses Hindernis überwunden war, entstand ein neues. Der Oberst schwor: „Ich kann nicht fort. Unmöglich! Der Dienst gestattet es nicht.“

   „Aber Friedrich! In deiner Stellung kannst du dir doch selber Urlaub geben.“

   „Eben deshalb! Verantwortungsgefühl ist die stärkste von allen Fesseln.“

   „Fritz! Nimm Verstand an! Deine Pflicht in allen Ehren. Aber seit acht Jahren, seit der dummen Schnäbelegeschichte, hast du dir keinen richtigen Urlaub mehr vergönnt. Aufatmen musst du doch auch einmal. Deswegen wird das Reich nicht zugrunde gehen.“

   „Ach, Kind, was weißt du!“

   Frau Mella vermied es, von der Jagd zu sprechen. Dafür sagte sie: „Ich weiß, dass das Reich vor allem gesunde Offiziere braucht. Oder willst du dich bei dem Nerven zerreibenden Übermaß deiner militärischen Arbeit –“ das betonte sie ein bisschen – „vor der Zeit kaputt machen? Und a.D. sein, wenn die Stunde kommt?“

   Das Wort traf, als wär’ es ein Blattschuss. Der Oberst tat einen tiefen Atemzug. „Du hast Recht. Gut. Ich gebe mir vierzehn Tage. Keine Stunde länger.“

   „Und mich und die Jungen willst du die zwei anderen Wochen allein da drunten sitzen lassen? Im wildesten Italien?“

   „Kind! Was Pflicht heißt, geht allem anderen vor. Vierzehn Tage. Oder nichts.“

   Das war so streng gesagt, dass Frau Mella nicht zu widersprechen wagte. Sie seufzte nur: „Na, hoffentlich steht das Reich dann in der dritten Woche noch. Sonst bin ich schuld an seinem Untergang.“

   Der Oberst hörte das nimmer. Er hatte die Stube schon verlassen, um in den paar Tagen, für die er dem Dienst noch erhalten blieb, durch Überstunden einigermaßen auszugleichen, was er dem Staat zu rauben beschlossen hatte. Während der folgenden Woche kam er zu jedem Mittagessen zu spät, zwackte sich nach Tisch das gewohnte Schläfchen ab, und ließ am Abend die Generalstabslampe häufig bis Mitternacht brennen. Er selber fühlte keine Ermüdung, aber sein Adjutant und die Ordonnanzen atmeten auf, als der Tag der Abreise erschien.

   An einem feinen Frühlingsabend ging es in zwei Droschken zum Bahnhof, in der ersten die beiden schreivergnügten Jungen von zwölf und vierzehn Jahren, und die Gouvernante mit der siebenjährigen Lilli, der ein Gewirr blonder Locken um die heißen Wangen baumelte – in der zweiten Droschke das Elternpaar. Frau Mella in dem seidenen Staubmantel und mit dem netten modischen Hüttchen sah so prächtig aus, dass der Oberst glücklich und heiter sagte: „Kind, das ist ja, als wär’s eine zweite Hochzeitsreise!“

   „Um Gotteswillen,“ lachte sie, „wir haben doch schon drei.“

   „Pflichtgemäß wäre vier. Deutsches Volk, verdopple dich!“

   So blieb er während der ganzen Reise, die beiden Tage in Florenz, die drei Tage in Rom, die zwei Tage in Neapel.

   „Dass die letzten Goten nicht einige Regimenter mehr hatten! Wäre das so gewesen, dann wäre jetzt die Gegend um den Vesuv herum von einem Nachwuchs bewohnt, auf den man sich verlassen könnte.“

   Frau Mella wurde ein bisschen ärgerlich. „Jetzt steck doch endlich einmal die Politik und den Soldaten in die Ledertasche und freu dich an dieser herrlichen, wundervollen Natur!“

„Tu ich doch! Aber weißt du Kind, ein Soldat, der in Berufsdingen genügsam ist und den Soldaten nur fünf Minuten lang vergessen kann, ist ein schlechter Soldat. Solche kann das Reich nicht brauchen.“

   „Lass jetzt das Reich daheim in Ruhe und freu dich an der Schönheit Italiens!“

   Für diese Mahnung hatte Frau Mella keinen günstigen Augenblick ausgesucht. Italien widersprach und schien den Beweis erbringen zu wollen, dass seine Schönheit etwas wankelmütigen Charakters war. Der Himmel, der vor einer Viertelstunde noch im reinsten Azur geleuchtet hatte, überzog sich innerhalb kurzer Frist mit Tausenden von kopfgroßen Wolkenballen, die sich zu zerrissenen Bändern auseinanderfaserten, miteinander verschwammen und immer dichter zusammenschmolzen zu einer grauen, hastig von Südwesten herziehenden Wolkendecke. Alle Weite des Meeres überdunstete sich, und bald sah man vom ganzen Blauwunder des Golfes fast nichts anderes mehr als die weißen Brandungswellen, die der schwül pfeifende Scirocco über das flache Ufer schüttete. Über den Dunst, der das blaue Meer überlagerte, tauchte nur noch die lang gestreckte, schwarzblaue Bergreihe der Sorrentiner Halbinsel heraus. Auch dieses Bild war grau überschleiert von den dicken Staubwolken, die der Wind von der hoch liegenden Meerstraße hinaufwirbelte in die Lüfte.

   „Na also,“ brummte der Oberst, „guck her, dein verlässliches Italien! Wollen wir hoffen, dass es dauerhafter in der Politik, als in der Schönheit ist.“

   „Schlechtes Wetter gibt es doch auch bei uns daheim!“, erwiderte Frau Mella unerschüttert und nahm die Regenmäntel der Kinder aus den Riemen.

   In Castellamare war der Bahnhof überwirbelt von einem Staubgewoge, dass man immer husten musste und nur mit eingezwinkerten Augen sehen konnte.

   Larnaggers Kammerdiener, der die Gäste erwartete, konnte sich schwer verständlich machen. Er hatte bereits gemeldet, dass der gnädige Herr noch in Korsika wäre und erst in zwei, drei Tagen zurückkommen würde – und der Oberst suchte noch immer mit blinzelnden Augen und fragte: „Wo ist denn Hans? Wo ist denn Hans?“

   Erst, als man in den beiden dicht mit Leder verschlossenen Hotelkutschen saß, konnte man über Larnaggers Reiseverzug ins klare kommen.

   Frau Mella wurde ungemütlich. „Das ist stark!“

   „Aber geh doch!“, mahnte der Oberst. „Dass man von so einem besonders kapitalen Mufflonbock, wenn man seit Wochen hinter ihm her ist, nicht weggehen kann, bevor man ihn hat – das muss man doch einsehen.“

   Den Schleier fest um die Nase wickelnd, lehnte Frau Mella sich schweigend in die Ecke zurück.

   Zwischen dem Staubgebrösel, das durch alle Wagenritzen hereinquoll, und in diesem dunklen, muffigen, holprigen Lederkasten, der gegen den Sturm nur schrittweise vorwärts kam, war’s nicht erquicklich. Dem kleinen Mädel, das die Eltern zu sich in die Kutsche genommen hatten, wurde ein bisschen übel. Und der Oberst sagte mehrmals: „Ach, das schöne Italien!“ Aber von dem anderen Wagen, der vorausfuhr, klang der fidele Stimmenlärm der beiden Jungen herüber, die sich mit dem alten Peter gut zu unterhalten schienen.

   Hinter Meta prasselte ein Platzregen von solcher Vehemenz herunter, dass der Oberst anerkennend sagte: „Alle Achtung! Aufs Wasserlassen versteht man sich in Italien!“

   Und dann plötzlich wieder die Stille. Nur noch ein mildes Lüftchen, dazu eine fein gewaschene Landschaft, in der Höhe ein bisschen Himmelsblau zwischen treibendem Gewölk, und in der Tiefe das rauschende, weiß übersprühte Meer. Aber alle Ferne noch eingewickelt in Dunst und graues Geriesel.

   Ehe man Sant’ Agnello erreichte, zu Beginn der Abenddämmerung, konnte man die Lederdächer aufschlagen.

   Die Fahrt ging durch enge, grob gepflasterte Gassen, in denen Unratsbrodem und Fischgeruch sich mischte mit herbsüßem Orangenduft. Dann kam eine gerade, lange Corsostraße, die erfüllt war von einem aufgeregten Menschengewirre. Alles rannte und schrie, alles Leben war erfüllt von einer wunderlich gesteigerten Fröhlichkeit. Viele Leite waren damit beschäftigt, eine Doppelallee von hohen Stangen aufzurichten, die durch angenagelte Zweige in künstliche Zypressen verwandelt waren. Mehr komisch, als festlich sah das aus. Und überall an den Häusern waren Leitern aufgerichtet, bunte Teppiche wurden über die Balkone gehängt, Girlanden an die Mauern genagelt, und zwischen den Lorbeergewinden flatterte in der Abendluft die trockene Wäsche: Weiße Hemden, rote Strümpfe und geschlitzte Unterhöschen.

   „Gott, wie geschmackvoll1“, staunte der lachende Oberst. „Was ist denn da los?“

   Der deutsch sprechende Hoteldiener, der, von Nässe triefend, neben dem Kutscher saß, erklärte: Das wäre der Vorabend der Tassowoche, und das würde was Schönes ohnegleichen werden!

   „Da bin ich neugierig. Was Schönes ohnegleichen? Dann muss es am Tag wesentlich anders aussehen!“

   „Nein, Herr! Nicht am Tag. Bei der Nacht!“

   Auf dem Hauptplatz von Sorrent, den die Reisenden beim aufflammen der Gaslaternen erreichten, war das Menschengewühl so dick, dass die beiden Wagen voneinander getrennt wurden und nur langsam durchkamen. Mit schrillen Stimmen riefen die Zeitungsjungen die für die Festwoche erschienenen Flugblätter und illustrierten Zeitungen zum Kauf aus. Neben dem Menschengeschrei ein Gerassel fallender Bretter und ein hunderttöniges Beilklopfen und Gehämmer. Das Monument Torquato Tassos und der ganze Umkreis der Piazza wurde mit Brettergerüsten, mit einem Gewirr von Theaterdekorationen der geschmacklosesten Sorte verbaut. Da war anzusehen wie ein Provinzjahrmarkt inmitten des Budenbaues.

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