Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Das wilde Jahr

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Das wilde Jahr
            Vorwort
            Das Adlernest

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
            Die grüne Katze

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Das wilde Jahr
               Ausfahrt
               Walpurgisnacht
               Feuer im Schnee
               Die wilde Jagd
               Bergfrühling
               Panik im Wald
            Buch der Berge
            Pfingstorakel

Kapitel 4

   In das lichtlose Zimmer fiel durch die hohen Fenster noch ein matter Schein der erlöschenden Pechfeuer.

   Die fünf Teckel waren aus ihrem Korb herausgeklettert, sprangen an ihrem Herrn hinauf und winselten, kläfften und kratzten. Er setzte sich auf einen Sessel. Drei von den Hunden sprangen ihm auf den Schoß. Und während die zwei Eifersüchtigen, die da keinen Platz mehr fanden, grob an seinen Armen scharrten, stießen die drei Schoßbrüder mit ihren Schnauzen nach seinem Gesicht. Seit seiner Kinderzeit war das immer die gleiche Sache; nur andere Teckel waren es; schon die vierte Generation. Die kleinen netten Kerlchen waren von reinster Rasse und hatten ihren Stammbaum. Larnagger sagte gern: „Ich bin bürgerlicher als meine Teckel. Die haben nachweisbar um einen Ahnen mehr als ich.“ Es waren nur Männchen; die Mutter mit ihrem Nachwuchs war bei einem Waldhüter in Pflege; entstand durch Alter, Krankheit oder Unfall in Larnaggers Teckelkorb eine Lücke, so wurde aus dem Waldhüterhaus Ersatz geholt. Und ein paar Wochen lang gab’s dann immer scharfe Raufereien, bevor die Erbgesessenen in ihrer Korbwärme den Neuling duldeten, der stets den gleichen Namen bekam, auf den der selige Vorfahr gehört hatte. Fünf Teckel, fünf Vokale: Bracki, Hecki, Licki, Flocki und Tucki. Und weil sie alle fünf den gleichen Auslaut hatten, trugen sie den gemeinsamen Familiennamen: Die Edlen von Kicki, oder kurzweg: Die Kickis. Peter war ihr Wärter, ihr Pädagog, und unterrichtete sie alle gleichmäßig in mancherlei Künsten. Und diese wedelnde, winselnde, tollende Leibgarde begleitete ihren Herrn auf jedem Spaziergang, bei jeder Jagd und auf allen weidmännischen Reisen. Von der Dienerschaft verhätschelt, von den Gästen gestreichelt, hatten die Kickis in Haus Larnagg nur eine einzige Widersacherin: Frau Bettina. Sie hasste die neugierigen Tierchen. Larnagger fasste die Psychologie dieses Widerwillens in die Worte: „Weil sie sich nicht parfümieren, weil sie weder grau noch blau sind, und weil sie mir Spaß machen!“

   Seine wunderliche, aus der Kindheit übernommene Zuneigung für die Edlen von Kicki war eine unveränderliche Sache, die außerhalb seiner Gemütsbewegungen stand. Ob ernst oder heiter, verdrießlich oder gut gelaunt – gegen die fünf Kickis war Larnagger immer der gleiche.

   Auch jetzt. Und als er ihrer scharrenden und schnappenden Zärtlichkeit müde wurde, sagte er wie sonst, mit der gleichen Stimme: „Schluss! Ins Bett!“ Die fünf Edlen stoben zum Korb hinüber, als wär’s ein Wettrennen um den besten Platz.

   „Halt! Was heißt das? Wohlerzogene Leute sagen Gute Nacht, wenn es dunkel wird.“

   Die Kickis kamen zurück getäppelt und guckten schweifwedelnd in der Finsternis an ihrem Herrn empor. Einer setzte sich zum Männchen auf, und gleich machten es die vier anderen nach.

   „Brav so! Jetzt marsch ins Bett!“

   Ein Saus von zwanzig Beinchen, im Korb noch ein Scharren und Winseln, dann Stille.

   Larnagger saß eine Weile regungslos im Dunkel. Nun erhob er sich und trat ans Fenster. Der rötliche Feuerschein überbrannte ihm das Gesicht. Mit dem Arm gegen die Scheiben gelehnt, sah er in das züngelnde Lichtgeflacker hinaus. Er dachte an eine blasse Schläferin, die mit gekreuzten Händen im Sarg lag, und sah dabei doch immer etwas anderes – sah immer ein kleines, schmerzhaft und zornig greinendes Kindergesichtchen, das mit einem Pastellbild aus seinem eigenen ersten Lebensjahr eine fast komische Ähnlichkeit hatte! Wie sich das nur so wiederholen kann, fast unberührt vom Einschlag des mütterlichen Blutes! Das gleiche, schwarze, widerspenstige Haarbürstchen über der runzeligen Stirn, die gleiche Farbe der Augen, das gleiche, noch ein bisschen zerquetschte Näschen, der gleiche strenge Mund mit den schmalen Lippen und die glichen, lächerlich ähnlichen Ohren, die in ihrer eigentümlichen Zeichnung und mit ihrer spitzen Form ein bisschen was Faunartiges hatten! Und dieses andere Wunder: Dass man mit heißem, glücklichem Herzen lieben muss, was vor vierundzwanzig Stunden noch nicht vorhanden war! Und so glühend liebt man dieses kleine, unerklärliche Rätsel, dass das eigene Selbst, das eigene Leben, die ganze Welt und alles, alles, nicht anderes mehr ist als eine Schale für diesen winzigen Kern. Und weil Larnagger dieses Hingegebensein des Vaters an sein Kind so glühend fühlte, in jedem Nerv seines Lebens, in jedem Gedanken seines Gehirnes, in jedem Tropfen seines Blutes, drum verwandelte sich auch für ihn das mütterliche Lebensopfer in eine Notwendigkeit, die nicht zu bejammern war, weil sie um des heiligen Zweckes willen unvermeidlich geworden. Wenn er an diese blasse Schläferin im Sarg dachte, war weder Gram noch Reue in ihm, nur Dankbarkeit, und dazu ein Gefühl, das er vor sich selbst als Ehrfurcht bezeichnete, und das ihm die Vaterfreude nicht schmälern, nur stärken und vertiefen konnte.

   „Jetzt muss ich dem Kerlchen alles sein! Alles!“

   Er hob das vom Schein des Pechfeuers überflackerte Gesicht und sah zur Zimmerdecke hinauf. Das einzige, was ihm die stolze, frohe Vaterfreude störte, war nur der Gedanke an die Frau da droben, die jetzt mit ihrem verstörten Gesicht und ihren verweinten Augen, in Zorn und Scham, in verzeihlichem Hass und unverständlichem Gehorsam sich einwühlte in die heißen, von ihren Tränen durchnässten Kissen. Reue fühlte er auch beim Gedanken an Frau Bettina nicht. Aber Sorge war in ihm, ein beklommenes Erbarmen, eine fast quälende Angst um seine Frau, die er in dieser Stunde heißer liebte als je, mit einer dürstenden, ungeduldigen, erbitterten, ihm selbst fast unbegreiflichen Liebe, deren Sehnsucht sich wunderlich vertrug mit Geringschätzung und Ärger, fast mit Spott und Schadenfreude – eine Liebe, die so war, wie eine siebenjährige Hoffnungspein und Enttäuschung sie geformt hatte.

   „Deinen Willen sollst du haben!“

   Auf dieses Wort durfte er bauen. Was sie sagte mit ihrer leisen, müden Stimme, das galt. So war sie. Und dennoch bangte ihm vor der Stunde, in der sie miteinander die Form des Kommenden bereden und gestalten musste. Etwas Halbes? Nein. Der Weg, den er seinem Jungen ins Leben bauen wollte, sollte eine klare, ungebogene, schattenlose und unbedrängte Sache sein. „Er ist mein Sohn. Alles andere ist nebensächlich und muss sich fügen.“ Ob sie ihm diese Notwendigkeit nachzufühlen vermochte? Und ob sie so stark und unbedenklich sein konnte in ihrer Hilfe, wie er rücksichtslos und unbeugsam sein wollte in seinem Wollen? Nur keine Halbheit! Nur keinen Stein auf den Weg seines Jungen! Sonst lieber noch das für ihn selbst Undenkbare: Die Trennung von Bettina – und fort, irgendwohin, auf einen unbetretenen Boden, auf dem man ein anderer sein und ein neuer werden konnte. „Ich und er!“

   Im Korb der Edlen von Kicki ein fünfstimmiges Knurren.

   Oberst von Siebert steckte den Kopf zur Türe herein. „Hans? Bist du da?“

   „Ja. Komm nur!“

   Larnaggers Wort erlosch unter einem wütenden Kickispektakel, der erst beschwichtigt werden musste, ehe man weiterreden konnte.

   „Aber Menschenskind! Was hockst du denn da im Finstern?“, fragte Siebert lachend. „Und bewacht bist du, wie Daniel in der Löwengrube! Eben hörten wir, dass du heimkamst. Und da möchten wir dich noch ein bisschen haben. Wir sind pritschelvergnügt. Hat man dir die Strecke schon gemeldet? Großartig, was! Deinen Rat mit den besten Ständen hab ich befolgt. Nimm dir was, so hast du was! Vier kapitale Schaufler, drei Rehböcke, zwei Füchse, neunzehn Hasen und zweiunddreißig Gockel! Die feinste Strecke, die ich je in mein Jagdbuch schreiben konnte. Schöner hätte der Tag sich nicht anlassen können!“

   „Ja, lieber Freund –“

   Siebert stutzte schon beim Klang dieser Stimme. Larnagger stand gegen das Fenster gelehnt, schwarz im Schatten, mit einer roten Feuerlinie um den Kopf herum, und der Oberst saß auf der Armlehne eines Fauteuils, vom Pechpfannenschein überflackert, mit dem weißgrünen Glutfunken seiner Zigarre.

   „Ja, lieber Freund – ein Tag – ich habe noch keinen schöneren erlebt.“

   „Ein bisschen dunkel, was du da sagst!“ Siebert lachte wieder. „Du bist doch gar nicht dabei gewesen. Oder ist dir in der Stadt ein geschäftlicher Meisterschuss gelungen? Hast du die widerspenstigen Aufsichtsräte niedergebügelt?“

   „Das ist noch unerledigt. Wird morgen nachgeholt. Jetzt weiß ich, wofür und für wen ich’s tue. Der Tag ist mir schön geworden aus anderen Gründen, wenn auch schwer von Sorgen. Ihr habt in meinen Wäldern heut als grüne Lebensvernichter gewirkt, für mich ist dieser Tag ein verlässlicher Lebenserwecker geworden.“

   „Wieso? Ein bisschen weniger Orakel, bitte! Was meinst du?“ Weil Larnagger stumm blieb, mahnte der Oberst: „Aber Menschenskind, so rede doch!“

   Larnagger schweig noch immer, als wäre in ihm ein Gedanke, der ihn warnte vor dem Wort, das nicht mehr zurückgenommen werden konnte, wenn es ausgesprochen war. Nun streckte sich sein Körper. Ein heißer Glanz funkelte in seinen Augen, und der rote Feuerschein, der sein Gesicht überflackerte, vertiefte sich durch die Blutwelle, die ihm in die Stirne trat. Nun ein kurzes Auflachen, fast heiser. „Ihr Soldaten seid wunderliche Leute! Ein bisschen einseitig nicht? Möglich, dass ihr so sein müsst, um zu werden, wie euch die ernste Stunde braucht.“

   Siebert schien sich zu ärgern. „Hans? Was heißt denn das?“

   „Ich bin überzeugt, dass du beim ersten Blick auf eine Landkarte sofort jede Möglichkeit erkennst, die deinem Regiment vorwärts helfen kann. Aber für das Kartenbild eines werdenden Menschenglückes scheinen deine Augen nicht auszureichen?“

   „Oh, oh, oh! Mein lieber Hans, du redest da, als ginge dein Weg um einen Brei herum, der dir zum richtigen Zugreifen noch ein bisschen zu heiß erscheint?“

   Nach kurzem Schweigen sagte Larnagger rasch, beinahe heftig: „Ist dir denn wirklich während der paar letzten Monate gar nichts aufgefallen?“

   „Aufgefallen? – An dir?“

   „Nein. An Betsy.“

   Der Kosename, den Larnagger sonst nie gebrauchte – er sagte immer Bettina – schien der Oberst so sehr zu verblüffen, dass jede andere Gedankenmöglichkeit in ihm versagte. „Jetzt fällt mir etwas auf – ich weiß nicht, was – aber – wahrhaftig, Hans, du bist mehr als sonderbar.“

   „Von mir ist doch nicht die Rede. Wir sprachen von meiner Frau. Und da hast du nichts bemerkt? Wirklich? Gar nichts?“

   „Doch.“ Siebert wurde sehr ernst. „Mit Kummer. Frau Bettina leidet. So blass und still, wie in den letzten Tagen, war sie noch nie.“

   „Stimmt!“ Das Wort schien wie Freude klingen zu wollen und klagen wie Zorn oder Hohn. „Und immer ihr Verlangen nach Einsamkeit und Ruhe? Und dass sie euch heute, wie ich eben jetzt erfuhr, so rasch und so früh verließ? Was hast du dir denn dabei gedacht?“

   „Dass sie sich bei unsere Jagdgeschichten wieder mal tüchtig langweilte.“

   Nun fand Larnagger ein herzliches Lachen. „Ach, du Menschenkenner!“ Er trat auf Siebert zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit gepresster Stimme: „Du hast doch selber ein Mädel und zwei Jungen. Da hattest du doch dreimal Gelegenheit, zu bemerken, wie Frauen sind – in solcher Zeit.“

   Siebert fuhr vom Lehnsessel auf. „Hans?“ Das war wie ein Laut des Unglaubens. Aber gleich war die Freude da, die ehrliche Freude eines verlässlichen Freundes. Und sie äußerte sich so lärmend, dass vier von den Kickis zu knurren und einer zu bellen begann. Die frohen Glückwünsche sprudelten aus Sieberts Soldatenseele heraus wie ein Brunnen. „Aber Menschenskind! Was stehst du denn jetzt vor mir wie ein stummer Stock! Jetzt musst du doch lachen und jubeln! Jetzt bist du ein glücklicher Mensch! Jetzt hast du alles!“

   „Alles! Ja!“

   „Weist du, Hans, das Leben hat tausend herrliche Dinge. Aber das Schönste von allem Schönen, neben dem ehrlichen Soldatentod für die Heimat, – das Schönste ist das: Vater sein!“

   „Das fühl’ ich. Alles andere ist nebensächlich – ist Form, die der eine wahren muss, der andre nicht.“

   Siebert lachte. „Hans, du bist ein komischer Kauz! Aber ich weiß doch, das ist von Kind auf deine Art gewesen: So wunderliche Worte zu sagen, mit Gedanken dahinter, die man nur halb errät.“

   Auch Larnagger wurde heiter: „Es wäre mir nicht lieb, wenn du sie ganz erraten würdest.“

   „Na ja, die heimlichen Reserven sind eine unentbehrliche Sache. Aber sag mir, seit wann habt ihr denn schon verlässliche Ursache – um euch zu freuen?“

   „Seit – ich glaube, seit Pfingsten schon.“

   Lustig klatschte Siebert die beiden Hände auf die Lehne des Fauteuils: „Da sieht man wieder, was die eitlen Weiber mit Schnürleib und Schneiderin aus sich machen können! Und wie heimtückisch ihr geschwiegen habt, alle beide! Auch vor mir! Pfui, Hans!“

   Larnagger atmete tief. „Es war eine Sorge dabei.“

   „Wieso? Aber so rede doch, Hans! Was für eine Sorge?“

   Das Wort kam zögernd. „Bettinas zarte Gesundheit.“

   Erst erschrak der Oberst ein bisschen. Dann sagte er tapfer und gläubig: „Ach, Unsinn! Das ist für bleichsüchtige Weiberchen doch immer das Gesündeste.“

   „Das meint auch der Arzt. Aber wir müssen vorsichtig sein. Sehr! Ich glaube, es wird wohl so kommen, dass ich mit Bettina über den Winter nach dem Süden muss.“

   „Na also, los! Ich glaube zwar, dass das Mumpitz ist, mit dem ewigen Blau. Deutscher Boden, deutsche Luft, deutscher Wald – das ist für mich der Gipfel aller Gesundheit. Unter jeden Umständen, auch unter anderen. Aber eurem Medizinmann pfusche ich natürlich nicht ins Handwerk. Und sag, lieber Hans – muss das freudige Ereignis noch immer Geheimnis bleiben?“

   „Du warst der erste, er es erfahren sollte. Jetzt dürfen es auch die anderen wissen. Sag es ihnen! Dann komm ich, und wir wollen – in aller Stille natürlich – noch ein paar Minuten gemütlich beisammen sitzen!“

   „Und auf dein Hausglück wird eine Rede geschwungen – fein!“

   Als Siebert das Zimmer verlassen hatte, blieb Larnagger lange unbeweglich auf der gleichen Stelle stehen, mit den Fäusten hinter dem Rücken, in seinem Gehirn den halb heiteren, halb quälenden Gedanken: „Was bin ich jetzt? Der glücklichste aller Menschen? Oder ein Verbrecher?“

   Er schien sich für das erstere zu entscheiden. Der Ausdruck seines Gesichtes wurde ruhig, seine Augen glänzten, und die Kickis bekamen von ihm sehr freundliche Worte zu hören. Bevor er hinüberging zu den Gästen.

   Gedämpfter Jubel empfing ihn. Ein Händedrücken und Glückwünschen aller Gäste. Und Siebert sprach, in seiner festen Soldatenart und mit der frohen Wärme, mit der ein treuer Freund aus seiner Mitfreude heraus in solcher Stunde redet. Die Gläser klangen zusammen, und während Larnagger lächelte, war in ihm der Gedanke: „Jetzt wird sie Ja sagen müssen. Ihr Nein wäre die Pistole für mich.“

   Bald nach Mitternacht war es still in Haus Larnagg. Von den Fenstern wurde eines ums andere schwarz. Nur in Frau Bettinas Zimmer brannte die blaue Lampe, bis es zu tagen anfing.

   Am Morgen fuhr Hans Larnagger mit seinen Gästen in die Stadt. Sein Salonwagen fasste die ganze heitere Jagdgesellschaft. In der letzten Station, ehe man die Stadt erreichte, fand das vergnügte Schwatzen von Hasen, Füchsen, Rehböcken, Damhirschen und Fasanengockeln eine ernste Unterbrechung. In dem Morgenblatt, das einer gekauft hatte, stand die Nachricht: Dass eine hübsche Schauspielerin – kein großes Talent, aber ein munteres, frisches Mädel, das man immer gerne auf der Bühne gesehen hatte, und das seit Monaten kränklich gewesen und unsichtbar geblieben war – das junge, blühende Leben beschlossen hätte; es hieß, sie wäre nach einer schweren Operation an Herzschwäche gestorben.

   Während die anderen redeten, sprach Larnagger keine Silbe; doch er konnte die Ruhe wahren, obwohl er bleich war bis in die Lippen. Immer sah er zum Fenster hinaus. Und in der Stadt, auf dem Bahnhof, wo er von Rosner erwartet wurde, trennte er sich etwas hastig und nach wortkargem Abschied von seinen Gästen.

   Einer fragte den Oberst: „Was hat er denn?“

   „Pech mit seiner Gesellschaft!“, antwortete Siebert verärgert. „Der träumt doch vom jungen Aufleben seines Namens. Und da redet ihr seit einer halben Stunde immer vom Tod! So was ist nicht erquicklich.“

   Zwei Tage später stand in den Zeitungen wieder eine Nachricht, von der die Stadt zu reden hatte. Larnagger war mit unbeugsamer Energie im Aufsichtsrat der Jörg-Larnaggerschen Werke für die Forderungen der Arbeiter eingetreten und hatte nach Kampf und Krach seinen Willen durchgesetzt, hatte seinen Sieg noch mit einem schönen Punkt beschlossen: Mit der Stiftung einer Million für verwaiste Arbeiterkinder.

   Es war ein Freitag, als Hans Larnagger mit dem Frühzug zurückreiste nach Haus Larnagg.

   Noch während der zärtlichen Begrüßung der Kickis sagte er: „Peter, sieh nach, ob meine Frau zu sprechen ist.“

   Der Diener brachte die Nachricht: „Die Gnädigste fühlen sich seit zwei Tagen etwas unpässlich, aber sie erwarten den gnädigen Herrn und lassen bitten, dass die Unterredung auf das Nötigste beschränkt werden möchte.“

   Larnagger nagte an der Lippe. Dann trat auf den alten Diener zu und sah ihm in die Augen. „Peter! Du bist einer von den Vieren, die es wissen. Auf dich kann ich mich doch verlassen? Nicht?“

   Im Gesicht des Alten zuckte keine Miene. „Ich verstehe nicht, was der gnädige Herr da meinen.“

   Lachend fasste Larnagger den Diener an der Schulter und rüttelte ihn. „Na ja, es genügt, dass ich weiß, wie du es meinst.“ Er trat ans Fenster und sah hinaus über die roten Buchenkronen des Parkes. „Am Sonntag mit dem Nachmittagszug reisen wir, damit wir am Abend in der Stadt den Florentiner Schnellzug erreichen. Für mich pack ein, was man bis zum Frühjahr braucht für Welt und Jagd. Was meine Frau nötig hat, wird die Jungfer wissen. Die kann mitfahren bis Florenz. Dort erwartet uns die neue italienische Dienerschaft, und die Jungfer kann wieder zurückreisen. Mir scheint, sie hat eine Schwäche für den jungen Wildmeister. Stimmt das?“

   „Aber sehr, gnädiger Herr!“

   „Da dürfen wir das Mädel doch nicht über den ganzen Winter fortschleppen. Die beiden sollen es sich einrichten nach Behagen. Sag ihr das. Ich komme für alles auf. Und beim ersten Kind will ich Pate sein. Wenn die beiden vor Weihnachten Hochzeit machen, können sie taufen im September, bevor in Larnagg die Herbstjagden anfangen. Bis dahin wird dann mein Junge auch schon ein halbes Jährchen alt sein.“ Kurz lachend wandte Larnagger sich vom Fenster ab. „Na, Peter? Bist du ein guter Mathematikus? Ist die Rechnung richtig?“

   „Ganz genau.“

   In Larnaggers Stimme kam ein Klang von Zärtlichkeit. „Gott soll’s geben, Peter, dass du auch meinem Jungen noch lange so dienen kannst, wie du mir gedient hast.“ Dann verließ er mit raschem schritt die Stube.

   Als er den kleinen, neben Frau Bettinas Schlafzimmer liegenden Salon betrat, fand er sich in der tiefen Dämmerung nicht gleich zurecht. Nicht der leiseste Tagesschimmer stahl sich durch die dicht geschlossenen Vorhänge herein.

   „Bettina?“

   Ein leises, hartes Lachen.

   Sie lag auf einem großen Diwan. Die graue Seide ihres Hauskleides ließ in der Dämmerung ihren Körper völlig verschwinden. Larnagger sah nur den blassen Fleck ihres Gesichtes und die matten Flächen der Haarwoge. Er musste die Augen schließen. Wie Irrsinn befiel ihn die Sehnsucht und sein Verlangen.

   Fast heiser sagte sie: „Man darf dir Glück wünschen? Ja?“

   „Mir?“

   „Zu einem legalen Erben? Nicht? Es schwatzen schon alle Leute im Haus davon. Ich musste mich einsperren, um den glückseligen Handküssen deiner Getreuen zu entrinnen.“

   Er konnte nicht sprechen, blieb immer unbeweglich auf der gleichen Stelle stehen.

   „Hans, du bist erstaunlich geschickt. Und noch größer ist deine Frechheit. Wenn ich nein sage, verdamme ich dich zu einem Narrenstreich deines Ehrgefühls. So hast du doch wohl gerechnet? Aber ich sehe das ein: So eine Siegernatur wie du muss leben. Was bleibe ihr, wenn sie das Leben nicht hätte? Und jetzt bist du wohl gekommen, um deine Zukunftsträume zu erörtern. Lass das, Hans! Ich bin auf das Wie und Wann und Wo nicht neugierig. Wer gut bezahlt, wird gut bedient. Du brauchst mir also nur melden zu lassen, wann ich reisefertig sein muss. Neugierig bin ich nur auf eines. Hat dir von deinen Helfern keiner gesagt, dass gegen das Gesetz ist, was du tun willst?“

   „Das braucht mir keiner zu sagen. Ich weiß das selbst. Gesetz? Wie Richter verschiedener Meinung sein und sich irren können, so steht auch uns anderen jede Deutungsmöglichkeit offen, die sich als berechtigt erweisen lässt. Mein Kind. Das ist mein Gesetz. Alles andere zählt in meinen Augen nicht.“

   „Auch das nicht: Dass du mich zu einer Mitschuldigen machst?“

   In seinem Zorn sagte er höhnend: „Willst du eine Urkunde darüber, dass ich dich gezwungen habe?“

   „Nein. Dein Geld, vermut’ ich, macht sichere Arbeit. Ich werde die graue Seide, die ich liebe, nicht mit dem Sträflingskittel vertauschen müssen.“ Sie richtete sich halb aus dem Kissen auf. „Aber einen Gegendienst verlang’ ich.“

   „Welchen?“

   „Die Erlösung von dir. Für immer. Und stehst du so nahe bei mir, dass ich deinen Atem fühle – zwischen dir und mir soll eine Mauer sein.“

   Er schwieg.

   Sie ließ sich zurückfallen und bedeckte das Gesicht mit den Händen. „Eine war klüger als ich.“

   „Wen meinst du?“

   „Die Tote! – Wo hast du diese missbrauchte Sache verscharren lassen?“

   Ohne zu antworten, wandte er sich und ging. In der Helle des Raumes, den er betrat, wurde seine Hand erfasst. Er hörte das glückliche Stammeln einer Mädchenstimme und fühlte die Küsse eines heißen Dankes auf seiner Faust. Halb erwachend, sagte er: „Alles Gute für die Zukunft, Mädel! An meinem Waldmeister bekommen Sei einen braven, tüchtigen Mann!“

   Mit tobendem Lärm empfingen die Edlen von Kicki ihren Herrn. Sie waren sehr aufgeregt. Die lederne, hübsch gefensterte Reisekiste, an die sie sich wieder einmal gewöhnen mussten, stand schon mit offenem Türchen neben ihrem Korb.

   Am Sonntag wurde der Salonwagen Larnaggers an den Personenzug angekoppelt.

   Auf dem Weg zur Stadt begegneten ihm zwei Extrazüge mit drei- oder viertausend Arbeitern. Während des Marsches von der Bahnstation nach Haus Larnagg trug jeder von den Männern eine in Zeitungspapier gewickelte Pechfackel oder einen Stecken mit einem Lampion. Voraus eine Musikkapelle und ein Dutzend Fahnenträger.

   Der Abend dämmerte, als der lange Menschenzug das letzte Buchenwäldchen vor dem Parktor von Larnagg erreichte. Die Fackeln wurden angezündet und qualmten, die roten Papierlaternen hingen wie glühende Augen in der Dunkelheit, und unter den Schmetterklängen der Blechmusik zogen die drei-, viertausend Menschen, die sich ihrem Wohltäter dankbar erweisen wollten, einer Enttäuschung entgegen. Die Festrede, die gehalten werden sollte, musste wegen Abwesenheit der Hauptperson unterbleiben, man beschränkte sich auf ein „Hoch!“ vor geschlossenen Fenstern, und ein alter Werkmeister brummte dazu: „Hab i net gsagt, ma soll z’erst anfragen? Söllene Ungebräuchlichkeiten fallen allweil saudumm aus.“

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.