Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das wilde Jahr

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Das wilde Jahr
            Vorwort
            Das Adlernest

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
            Die grüne Katze

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Das wilde Jahr
               Ausfahrt
               Walpurgisnacht
               Feuer im Schnee
               Die wilde Jagd
               Bergfrühling
               Panik im Wald
            Buch der Berge
            Pfingstorakel

Kapitel 3

   Der zweite Jagdtag in den Wäldern bei Haus Larnagg war mit einem farbig brennenden Herbstabend versunken.

   Nun eine kühle, windstille Dunkelheit.

   Gegen die elfte Nachtstunde, unter den vom ziehenden Seenebel manchmal verschleierten Sternen, jagte Larnaggers Wagen von der Bahnstation dem park entgegen, der aus dem breiten Tal wie ein schwarzer Reisenmantel gegen die Hügel hingebreitet lag. Der ebene Teil des Parkes war von einem rötlichen Lichtschimmer umwoben, vom Widerschein der Pechpfannen, die im Schlosshof brannten. Und etwas Wundersames, gleich einer glühenden Goldkrone, ragte über die Baumwipfel in die Dunkelheit empor: Der vom Pfannenfeuer erleuchtete Oberbau des Schlosses.

   Beim Parktor gab’s einen kurzen Aufenthalt durch die drei Leiterwagen, auf denen die reichliche Wildstrecke des zweiten Jagdtages davongefahren wurde. Dann glitt Larnaggers Kutsche lautlos über den feinen, mit schwarzen Flecken beträufelten Sand des Parkweges und funkelte im roten Flammenschein des Hofes.

   Ehe Peter mit seinen alten Knochen vom Bock herunterkam, hatte Larnagger die Wagentür schon aufgerissen. Mit einem ernsten Sorgenblick sah der Diener seinem Herrn nach. Der warf in der Halle den Hut und Mantel auf einen Tisch, presste die Fäuste auf die Brust und tat einen schweren Atemzug. Trotz der blassen Härte seines Gesichtes, trotz der wühlenden Erregung, die in seinen Zügen war, sah Larnagger jünger aus als am verwichenen Abend. Und über die Treppe hinauf, immer zwei, drei Stufen mit einem Schritt.

   Aus dem Speisezimmer klang der heitere Lärm der Jagdgäste, die noch bei Tisch waren. Als ein Diener aus dem Zimmer trat, unterschied man deutlich die Stimme Sieberts, der was Lustiges erzählte.

   „Ist meine Frau noch unten?“

   „Nein, gnädiger Herr. Die gnädige Frau fühlten sich unpässlich und haben sich frühzeitig zurückgezogen.“

   „Unpässlich?“

   Der Diener schwieg, machte nur eine kaum merkliche Bewegung mit den Schultern.

   Über die andere Treppe hinauf, mit jagender Hast. Und zur Kammerjungfer: „Ist meine Frau noch auf?“

   „Die Gnädigste haben sich vor einer Weile zur Ruhe begeben und lesen.“

   „Fragen Sie meine Frau, ob ich sie noch eine Minute sprechen kann.“

   Ein verdutzter Blick, und das Mädchen verschwand. Und kam wieder: „Die Gnädigste lassen bitten.“

   Larnagger betrat einen großen, von zartem Resedenduft erfüllten Raum, der ganz von Schatten umwoben war. Der kleine, helle Lichtkegel einer blau umhüllten Leselampe überglänzte nur einen Teil des großen, frei von der Wand in das Zimmer hereinstehenden Bettes. Etwas Weißes lag da, umhüllt von einer schimmernden Haarwoge.

   Die Augen schließend, schwer atmend, blieb Larnagger stumm bei der Türe stehen.

   Ein müde, leise, ein bisschen unwillige Frauenstimme: „Was willst du?“

   Schweigend kam er, zog ein zierliches Sesselchen zum Bett und ließ sich nieder. In dem Blick, mit dem er das schöne, kühle, von Licht umflossene Bild in den Kissen betrachtete, war Sehnsucht und Kummer. Und dennoch redete aus seinem Gesicht auch die Freude heraus, die heiß und unzerdrückbar in ihm brannte.

   „Nun?“ Frau Bettina legte das Buch beiseite. Dabei fiel von ihrem zarten, weißen Arm der Spitzenärmel zurück.

   Larnagger wandte das Gesicht ab und blickte in das Dunkel des Zimmers. „Ich habe mit Sorge hören müssen, dass du dich unpässlich fühlst. Was fehlt dir?“

   „Nichts. Ich wollte nur Ruhe haben. Die Einsamkeit ist erquicklicher als deine Jagdgesellschaft da drunten. Immer Hasen, Fasanen und Damböcke. Das langweilt mich. Und wenn sie vom Schießen reden, seh’ ich Blut. Das ist mir widerlich. Aber sprich, bitte! Ich möchte bald wieder zu meinem Buch kommen. Was willst du? Ort und Stunde deines Besuches sind ein bisschen wunderlich.“ Mit ihrer leisen, unbeweglichen Stimme sprach sie hastig diese Worte vor sich hin, nicht, um etwas zu sagen, nur weil ihr jetzt – im Gegensatz zu ihrer sonstigen Art – das Sprechen erträglicher schien als das Schweigen. „Hast du dich denn überhaupt noch hier zurecht gefunden? Oder musste die Jungfer dich orientieren? Nun? Also? Was willst du? Ich kann doch unmöglich annehmen, dass du der Gewohnheit dieses ganzen Jahres untreu wurdest, nur um nach meinem Befinden zu fragen? Oder? Wirklich? War das die einzige Ursache deines überraschenden Besuches?“

   „Nein!“ Wieder schwieg er.

   Mit irrendem Lächeln, mit dem Blick im Leeren, fragte sie: „Sind die geschäftlichen Angelegenheiten, die dich gestern in die Stadt führten, unliebsam verlaufen?“

   Seine Hände schlossen sich zu Fäusten. Dann konnte er ruhig sagen: „Sie sind unerledigt. Es liegt mir auch fern, mit dir von Dingen sprechen zu wollen, die dich nie zu fesseln vermochten.“

   „Nimm mir das nicht übel, Hans! Man ist, wie man ist. Im Leben lernt man nicht zu. Kann sein, dass andere Menschen anders geartet sind. Ich bin, wie ich sein muss. Ich bleibe zwischen den Pfählen, zwischen denen ich geboren wurde – um dein eigenes Wort von irgendeinmal zu wiederholen – ich bleibe bei den Gedanken und Bildern, bei denen man mich erzogen hat. Du weißt ja, ich liebe Grau und Blau, weil ich als Kind so gekleidet wurde.“

   „Das hindert nicht, dass es noch andere Farben gibt, die so erfreulich sein können, wie sie notwendig sind. Aber von Dingen, die dir fern liegen, will ich nicht sprechen. Was ich zu sagen haben, berührt nur uns beide. Dich und mich.“

   Mit einer raschen Bewegung hob sie sich aus den Kissen. Die schweren schimmernden Strähnen ihres Haares fielen um den Arm her, auf den sie sich stützte. Ihr Gesicht übergoss sich glühend und erblasste wieder, und die Augen waren erweitert, mit einem Glanz, den sie sonst nicht hatten.

   Wieder wandte Larnagger den heißen Blick in den Schatten. Seit sieben Jahren hatte er seine Frau noch nie so schön gesehen. Ein paar Sekunden schwieg er. Dann sagte er hart und rasch: „Ich muss dir eine Mitteilung machen, die ich nicht bis morgen verschieben möchte, obwohl ich besorge, dass sie dich schmerzen, vermutlich auch empören wird.“

   Er sprach nicht weiter, und im Zimmer war es so still, dass man trotz der dicken Mauern von Haus Larnagg das Schwatzen und Lachen der Jagdgäste aus dem unteren Stock heraufhörte wie das Murmeln eines Brunnens.

   In dieser Stille machte Frau Bettina jäh eine hastige Bewegung mit der Hand und klappte den dunkelblauen Kugelschirm der Leselampe über das Licht herunter.

   Larnagger fragte rau: „Was soll das?“

   Mit leiser, langsamer Stimme, in der ein kaum merkliches Beben war, klang es aus dem alles umfangenden Zweilicht heraus: „Um meiner Augen willen scheint dir das Sprechen schwer zu fallen. Vielleicht wird es dir in der Dämmerung leichter als im hellen Licht, bei dem ich die Scham in deinem Gesicht erkennen müsste. Aus mancherlei Gründen muss ich vermuten, dass du in irgendwelchem Zusammenhang von der hübschen kleinen Schauspielerin sprechen willst, die du zu deiner Geliebten machtest. Ich sage: Hübsch – du siehst also, dass ich noch immer gerecht bin.“

   Er fragte mühsam: „Wer hat dir das gesagt?“

   „Es gibt Freunde. Was sie anstiften, ist ihnen gleichgültig. Seit einiger Zeit vermute ich, dass Freundschaft so viel wie Mord bedeutet.“

   „Seit wann weißt du es?“

   „Seit dem Frühjahr.“

   „Und die ganze Zeit her hast du das stumm ertragen?“

   Der Klang seiner Stimme verriet ihr, wie schwer es ihn bedrückte. Dennoch sagte sie hart: „Ich habe dich auch noch nie gefragt, wo du deine Zigarren kaufst. Auch sprachen für dich zwei Milderungsgründe. Dein guter Geschmack. Und dein Reinlichkeitsgefühl, das dich seit dem Fasching hinderte, zwischen diesem Mädchen und mir – wie soll ich sagen – eine ehrlose Brücke zu bauen. Ich vermute sogar, dass dir diese Entsagung schwere Kämpfe verursachte.“

   „Ja.“

   Wieder die dumpfe Stille. Dann Bettinas rasch gleitende Frage: „Weshalb kommst du nun heute? Mit einer unaufschiebbaren Sache? Hat diese – schon wieder weiß ich nicht, wie ich sagen soll – die kleine Zerstreuung Formen angenommen, die deine Lebensruhe bedrohen? Den Wunsch nach einer Veränderung in dir erwecken? Willst du dich von mir scheiden lassen?“

   „Nein. Und wäre das dein Wille, so würde ich mich dagegen wehren mit jedem Mittel, das mir helfen kann.“

   „Ich bin in juristischen Dingen nicht bewandert. Gibt es ein solches Mittel?“

   „Ja. Deine dir anerzogene Scheu vor allem, was Skandal heißt.“

   „Warum willst du, dass ich an dich gefesselt bleibe?“

   „Weil ich dich liebe.“

   Im blauen Dämmer ein tonloses Lachen. Und nach einer Weile die langsame Frage: „Wozu denn heute dieses Gespräch?“

   „Weil ich dir sagen muss, dass mir jenes Mädchen heut in der dritten Morgenstunde einen Sohn geboren hat.“

   Ein mattes Rascheln. In dem dämmrigen Blau vermochte Larnagger nur zu sehen, dass bEttinas Kopf in die Kissen zurückgefallen war. So lag sie unbeweglich. Lange. Nun wieder ein leises Lachen, kurz, fast hässlich im Ton. Dann die zögernde Frage: „Woher weißt du, dass es dein Kind ist?“

   Ganz ruhig sagte er: „Bettina? Ist es dir auch anerzogen worden, eine solche Frage stellen, eine solche Frage nur denken zu können?“

   Sie schwieg. Und er konnte hören, wie schwer sie atmete.

   „Lass uns hinweg springen über alles Unrecht, das ich dir zugefügt habe, und das ich härter fühle, als du vermuten kannst. Und lass uns nur um der Sache willen miteinander sprechen. Deine Frage – so wenig sie dem Bild ähnlich sieht, das ich mir immer von dir gemacht habe – hat logische Wurzeln. Unter Spielern gibt es ein schreckliches Wort: Deine Tante, meine Tante. Es stimmt, Bettina: Deine Frage, meine Frage. Ich selbst habe gezweifelt, ob ich ein Recht besitze, zu glauben, dass ich Vater werden kann. In meinem quälenden Wahnsinn ließ ich das geduldige, schuldlose Geschöpf überwachen und ausspionieren auf Schritt und Tritt. Nichts. Dennoch hab ich gezweifelt. Bis zu dem Augenblick, in dem ich heute den kleinen Jungen auf meinen Armen hielt. Auch dich, Bettina, wird jeder Zweifel verlassen, sobald du das Kind gesehen hast.“

   „Ich?“ Das klang wie ein ferner Schrei. „Dieses Kind sehen?“

   „Ich hoffe doch.“

   „Bist du irrsinnig?“

   „Nein. Ich bin nur ein Mann, mit der brennenden Sehnsucht im Herzen, mein Kind besitzen zu dürfen. Ich rechne dabei mit allem Vornehmen und Guten in dir. Sieh, Bettina – deine Frage, die nicht nur mich, sondern uns beide ins Gesicht schlug – deine Frage war eine erschreckende Fotografie unserer letzten fünf Ehejahre.“ Immer heißer wurde der Klang seiner Stimme, und seine Worte wirrten sich manchmal mit leidenschaftlichen Stotterlauten ineinander. „Ich liebe dich. Nein, Bettina, du sollst nicht lachen! Ich liebe dich heute mehr wie damals, als du mich dreimal abgewiesen. Mehr wie damals, als du einen Wunsch deines Vaters erfülltest und deine Hand in die meine legtest. Um dich zu versorgen. Nur aus diesem einzigen Grund. Das weiß ich. Halb hast du es mir ja selbst gesagt. Ehrlich bist du immer gewesen. Weil du vornehm bist – auf deine Art.“

   Er beugte sich nieder und nahm den Kopf zwischen die Fäuste. So sprach er weiter.

   „Auch das hab ich gewusst: Dass in dir das Bild eines anderen war. Ich hatte dich so lieb, dass in mir zuweilen der blödsinnige Gedanke war: Dir als Freund und Bruder die Mittel zur Verfügung zu stellen, die es dir ermöglicht hätten, die Frau des anderen zu werden. Aber dann schrie und tobte in mir wieder das Verlangen nach dir. Und ich fragte: Kann das Leibe sein, bei euch beiden? Er nicht fähig, die Uniform auszuziehen, um für dich zu arbeiten? Du nicht fähig, auf ein paar Bequemlichkeiten und auf einen kleinen Aufputz des Lebens zu verzichten, um diesem anderen anzugehören?“

   Er richtete sich auf und wurde ruhiger.

   „Du schweigst? Also hab ich dir nicht unrecht getan? Es ist wahr, Bettina, was zwischen euch beiden war, hab ich billig eingeschätzt. Und ich hoffte den anderen aus dir verdrängen, dich für mich gewinnen, deine kühle Schönheit heiß für mich erwecken zu können. Manchmal – im zweiten Jahr unserer Ehe – glaubte ich daran, dass es mir gelingen würde. Manchmal jubelte ich schon: Jetzt hab ich sie. Aber immer wieder kam dieses Erstarren in dir, dieses Eiswerden, dieses Heruntersinken aus allen schönen Farben zu Grau und Blau, die ich hassen lernte. Und dieses andere trat zwischen uns beide, dieses Dürre, Unfruchtbare. Das zerrieb uns. Das machte uns anders, als wir sind. In mir die Liebe, der Durst nach dir, in uns beiden die Sehnsucht nach der menschlichen Ewigkeit, nach dem Kind. In den Augen das musternde Misstrauen, in den Gedanken dieser neiderträchtige Zweifel des einen am anderen – diene Frage, meine Frage! Das wurde schrecklicher von Jahr zu Jahr, wurde umso härter in uns beiden, je mehr wir es vor einander zu verbergen suchten. Schließlich ist’s wie ein Wahnsinn in mir gewesen. Ich musste mich ausprobieren – wie ein Chemiker ein Körnchen Stoff, über das er ins klare kommen will, ins Reagensglas und in die Säure nimmt. Nur deshalb geschah es. Sonst aus keinem anderen Grund. Ich selbst habe nicht gewählt. Dein Wort vom guten Geschmack war auf meiner Seite ganz unverdient. Ein Arzt musste wählen. Und als er kam und sagte: Die sieht so aus, als müsste sie Kinder kriegen – da nickte ich.“

   Wie eine Gewürgte röchelte Frau Bettina vor sich hin: „Das ist von allem Abscheulichen das Schrecklichste.“

   „Da hast du recht. Ich habe an diesem guten, fröhlichen, schuldlosen, nur ein bisschen lebenshungrigen Geschöpft ein Verbrechen begangen, das sich an mir rächen müsste, wenn es Gerechtigkeit auf Erden gäbe. Aber da gibt es nur chemische Notwendigkeiten, Kraft und Schwäche, Wert und Unwert. Ich habe dieses Mädchen nie belogen, habe nie von Liebe gesprochen. Sie wusste ungefähr, worum es sich handelte. Und sie hat – verzeih mir dieses aufrichtige Wort – die Sache nicht viel anders begonnen als du: Um sich zu versorgen. Aber dann erwachte das Weib in ihr, die von der Natur gewollte Mutter. Ohne mich eigentlich zu leiben, hat sie an mir gehangen, wie eine Blumenranke an dem Stecken, an den der Gärtner sie gebunden hat. Und du, Bettina – sie hat sich, ich weiß nicht wie, dein Bild verschafft – du warst ihr wie eine Heilige. Mit jeder Heimlichkeit, mit jeder Loslösung vom Leben war sie einverstandne – nicht, weil ich es so haben wollte, sondern nur, damit ‚unserm lieben Frauerl’, wie sie gerne sagte, jede Kränkung erspart bliebe. Ich weiß, das wirst du nicht begreifen.“

   Tonlos kam es aus der blauen Dämmerung heraus: „Ob ich begreife oder missverstehe, verdamme oder entschuldige, ist eine Sache, die nicht mitzählt. Sprich!“

   „Und dieses Geschöpf, dieses lachende Kindweib, an dessen Glück und Leben ich mich schwer versündigte, hat mich zum Dank dafür mit einer Minute beschenkt, in der ich glauben konnte, dass ich der glücklichste von allen Menschen auf Erden wäre.“

   Frau Bettina richtete sich aus den Kissen auf. Gleich zwei dunklen Wellen floss ihr das reiche Haar um die Wangen des vorgebeugten Gesichtes. „Erspare dir alle weiteren Bekenntnisse. Ich weiß genug. Was willst du? Sag es kurz!“

   „Ich will Vater sein. Will dieses einzige, fleckenlose und unzerstörbare Menschenglück, nach dem ich gedürstet habe bei Tag und Nacht, auch auskosten mit jedem Atemzug. Will es sehen mit Augen und greifen mit Händen. Will dieses Kind als mein Fleisch und Blut in meinem Haus haben, als mein Weiterleben, als Träger meines Namens, als Erben meines Besitzes –“

   Sie unterbrach mit erloschener Stimme seien jagenden Worte: „Das begreif’ ich. Aber ich glaube, um dir diesen Wunsch zu erfüllen, gibt es nur einen Weg, von dem du sagtest, dass du ihn mit jedem dir nützlich erscheinenden Mittel versperren würdest. Es wird dir nichts anderes übrig bleiben, als dich mit diesem dir unsympathischen Weg zu befreunden. Bist du von mir getrennt, so kannst du die Mutter dieses Kindes zu deiner Frau machen, ihr Kind zu deinem Sohn.“

   Schwer und langsam löste sich jede Silbe der Antwort von Larnaggers Lippen. „Das ist unmöglich.“

   Ein zorniges Lachen. „Weil du mich liebst? Mich? Die taube Haselnuss?“

   „Auch noch aus anderen Gründen.“

   „Weshalb?“

   „Weil diese Mutter das Leben meines Kindes mit ihrem letzten Atemzug bezahlen musste. Sie starb. Noch in der Nacht. Eine Stunde nach der Entbindung.“

   Stumm und unbeweglich saß Frau Bettina auf die blaue Seidendecke hingebeugt, die Arme vor das Gesicht geklammert, umhüllt von ihrem Haar. Das sah aus wie ein kleiner grauer Hügel mit mattblauen Lichtern und trüben Schimmerlinien.

   Larnagger hatte die Fäuste auf den Knien. Heiser, mit zerrissener Stimme sagte er ein Wort ums andere vor sich hin. „Das war grauenhaft – der Anblick dieses schreienden Leides – und in meiner vernichteten Hoffnung die Einsicht, dass man das Kind verloren geben und die Mutter retten musste. Dieses junge Geschöpf hing an seinem Leben, wie der Tag an seiner Sonne. Und kämpfte, schrie und weinte und bettelte: ‚Helft mir um Gotteswillen, so helft mir doch!’ – Immer sah sie mir in die Augen, als könnt’ ich ein Wunder wirken, umklammerte meine Hände und grub mir die Nägel ins Fleisch. Und plötzlich schien sie in meinem Gesicht, in meinen Augen etwas zu sehen. Zuerst erschrak sie. Dann war sie plötzlich eine andere, war stark und ruhig. Und vor der entscheidenden Sekunde sah sie aus ihrer Qual mit einem Lächeln zu mir auf. Ich musste aus dem Zimmer gehen. Sie wollte das so. Dann sagte sie zum Arzt: ‚Er soll sein Kind haben, was liegt an mir, sein Kind muss leben.’“

   Larnagger hob das Gesicht. In dem blauen Zwielicht hing sein Blick an dem kleinen grauen Hügel mit den matten Schimmerlinien.

   „Es lebt. Und nie hab ich einen schöneren Laut gehört, als dieses heisere, schmerzliche, ein bisschen zornige Greinen meines Kindes. Und alles schien gut. Auch für die Mutter. Dann kam die Blutung. Das Ende. Schon eine Sterbende, tastete sie noch nach meiner Hand, als wäre sie blind geworden, und fragte mit ihrem letzten Lächeln: ‚Na, Hänni, hab ich dir’s recht gemacht?’ Sie sagte kein anderes Wort mehr. Während sie einschlief, fühlte ich, wie ihre Hand in der meinen kalt wurde. – Ich bin ein Verbrecher – in deinen Augen. Und bin doch ein glücklicher Mensch. Auf die Worte kommt es nicht an, nur auf den Inhalt der Dinge. Ich habe die Lebende nicht geliebt. Diese Tote muss ich ehren als ein großes und wertvolles Geschöpf der Erde.“

   Lautlose Sekunden verrannen in der blauen Dämmerung.

   Ohne sich zu bewegen, sagte Frau Bettina leise und müde: „Ich werde tun, was du willst. Verfüge über mich wie über eine willenlose Sache. Du sollst dien Kind haben. Ich werde nicht sterben dran – wie die andere. Und was meine Ehre heißt? Auch das ist nur ein Wort. Nicht wahr? Wenn es sich um den Inhalt deiner Dinge handelt. Jetzt versagt deine berühmte Spielerparole. Dein Glück, mein Glück? Das stimmt nicht mehr. Aber du sollst deinen Willen haben. Ohne dass ich zu fragen wünsche, ob ich’s dem Hänni recht mache.“

   Er hörte nicht die wühlende Bitterkeit, die wehrlos aus diesen Worten sprach, hörte nur die Erfüllung seiner Sehnsucht und stammelte den Namen seiner Frau in heißer Dankbarkeit. Und sagte: „Ich weiß, was ich dir zumute, ist ein schweres Opfer, für dich umso schwerer, weil du es ohne Liebe bringst.“

   Sie machte eine kaum sichtbare Bewegung, und ihre Stimme bekam einen Klang von wunderlich gereizter Heiterkeit. „Hans! Neben deinen vielen bösen Eigenschaften hast du manche, die gut ist. Aber ein Menschenkenner bist du nicht.“

   Erst erschrak er. Nun keuchte er einen heißen Laut und wollte ihre Hände fassen.

   Da schrillte sie wie eine Tobsüchtige: „Berühre mich nicht!“

   Wieder stammelte er den Namen seiner Frau, riss mit zitternden Händen den Kugelschirm von der Lampe und sah in der weißen Helle ein blutloses, bis zur Hässlichkeit entstelltes Gesicht, das von Tränen überronnen war und verstörte Augen hatte.

   So sah sie ihn an und sagte ruhig, als wäre jeder Kampf in ihr schon wieder still geworden: „Wenn Menschen da sind, magst du meine Hand küssen. Das muss ich dulden. Aber dein Leben, mein Leben? Nein, Hans! Da ist jetzt eine Mauer dazwischen – und noch manches andere, was härter ist. In einigen Tagen werde ich hören können, was du mir vorschlagen musst. Jetzt hab ich Ruhe nötig. Deinen Willen sollst du haben. Aber eine Bedingung muss ich stellen.“

   „Welche?“

   Sie sah ihn mit brennenden Augen an und wies ihm schweigend die Türe.

   Das Blut fuhr ihm in die Stirn. Er biss die Zähne übereinander und ging.

   Draußen härte er wieder den heiteren Lärm seiner Gäste.

   In seinem Zimmer fand er den Diener. „Schon gut, Peter! Lass mich allein! Morgen mit dem ersten Zug fahr’ ich in die Stadt. Sag’s dem Kutscher! Und lösch die Kerzen aus! Ich will dunkel haben.“

   Als der Diener das verfinsterte Zimmer schon verlassen wolle, rief ihn Larnagger zurück.

   „Gnädiger Herr?“

   „Du? – Wirst du schweigen?“

   „Ich verstehe nicht, was der gnädige Herr damit meint?“

   „So?“ Ein halbes Lachen. „Dann wünsche dir etwas! Wünsche so unverschämt, als du es fertig bringst.“

   „Ich wünsche mir, dass mich der gnädige Herr, wenn ich älter werde, nicht in Pension schickt. Ich möchte dienen, solang ich zappeln kann.“

   „Gut, Peter!“ Larnagger legte dem Alten die Hand auf die Schulter. „Vor zwanzig Jahren hast du mir die ersten kleinen Reitstiefel blank gemacht. Sieh zu, dass du gesund bleibst. Dann sollst du meinem Jungen in zwanzig Jahren die Uniform klopfen. Gute Nacht, mein lieber Peter!“

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