Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das wilde Jahr

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      Ludwig Ganghofer
         Das wilde Jahr
            Vorwort
            Das Adlernest

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
            Die grüne Katze

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Das wilde Jahr
               Ausfahrt
               Walpurgisnacht
               Feuer im Schnee
               Die wilde Jagd
               Bergfrühling
               Panik im Wald
            Buch der Berge
            Pfingstorakel

Kapitel 2

   Ein hoher, großer, weißer Raum, in seiner Einfachheit von kühler Frische. Täfelung und Möbel aus blassem Holz. In der Mitte die ovale Tafel zu zwölf Gedecken.

   Larnagger mit einem der neuen Gäste ging voran. Frau Bettina und der rotwangige Oberst mit den Haarbürstchen über den Augen waren das letzte Paar.

   Hausfrau und Hausherr saßen oben und unten an den Schmalseiten der Tafel. Sie konnten einander nicht sehen. Zwischen ihnen standen die zwei mächtigen Silbergirandolen mit den vielen Wachskerzen und der große silberne Fruchtaufsatz mit ziselierten Hirschen, ohne Blumen, zu Ehren des Jagdtages umschlungen von kleinen Buchenzweigen mit rotem Laub.

   Während die servierenden Diener lautlos ab und zu gingen, verschwendeten die vier Herren, die im Halbmond zur Rechten und Linken der Hausfrau saßen, alle liebenswürdige Mühe, um Frau Bettina für eine heitere Unterhaltung zu gewinnen. An der anderen Hälfte der Tafel setzte man aus Gefälligkeit für den Hausherrn das Gespräch fort, das im Salon begonnen hatte. Aus den Zeitungen wussten die Herren ungefähr, worum es sich handelte. Seit einer Woche war es Stadtgespräch, dass Hans Larnagger in dem Lohnkampf, der zwischen der Arbeiterschaft und dem Aufsichtsrat der Jörg larnaggerschen Werke auszubrechen drohte, ganz auf Seite der Arbeiter stand und erklärt hatte, den Vorsitz im Aufsichtsrat niederzulegen, wenn seine Meinung nicht zu Recht käme. Man nahm Larnaggers Haltung als pikante Donquichotterie des vielfachen Millionärs, als Marotte eines Unberechenbaren, als eine Art von Sport mit Reizmitteln wider die Blasiertheit. Und man hätte die Arbeiterfreundschaft Larnaggers gerne lächerlich gefunden. Doch er hatte seit Eintritt seiner Volljährigkeit die Arbeiterfürsorge aus eigenen Mitteln durch so reiche und kluge Stiftungen gefördert, dass man den Vorwurf, er wäre ein Arbeiterfreund nur auf Kosten der leidenden Aktionäre, und hätte für seine Überzeugung nur originelle, aber billige Worte, im Ernst nicht gegen ihn erheben konnte.

   Von den höflichen Gästen, die da Sekt mit Burgunder tranken und ihr Dutzend Austern zierlich erledigten, war wohl keiner ein geborener Apostel der sozialen Forderung. Doch aus Wohlerzogenheit, vielleicht auch ein wenig aus liebenswürdigem Dank für die zur Strecke gelieferten Fasanen und Damhirsche, bliesen sie kräftig in das ihnen wunderlich erscheinende Horn des Hausherrn, sprachen mit aufgezogenen Brauen von Marx und Bebel, fanden, dass sie sozialdemokratische Bewegung unleugbar auch manches Gute und Berechtigte hätte, ergingen sich in historischen Rückblicken über eine zwanzigjährige Vergangenheit und debattierten über die Folgen des Sozialistengesetzes und über die „innerpolitischen Notwendigkeiten“, die vor vier Jahren den Rücktritt Bismarcks unerlässlich gemacht hätten. Einer sagte: „Neue Zeit muss ihre Straße haben. Auch über Riesen hinüber. Wäre der Koloss von Rhodus vor dem Kieler Hafen gestanden, jetzt müsste man ihn auf Abbruch verkaufen.“

   Man lachte zu diesem Wort. Nur Larnagger blieb ernst und biss and er Lippe. Die Art des Gespräches und die Wendung, die es genommen hatte, schien ihm nicht zu behagen. Er versuchte abzulenken. Aber die Konversation war in lebhaftem Schuss, und Larnagger begann wieder mitzureden, manchmal so erregt, dass ihn die anderen verwundert betrachteten. Es war in ihm etwas Wühlendes, das er schwer bezwang. Und immer wieder zeigte sich in seinem Gesicht der gespannte Ausdruck eines Lauschens, das sich mit einem Geräusch in weiter Ferne beschäftigt und sich frägt: „Wer ist das? Was kommt da?“

   Auf dem anderen Eiland der Tafel hatte Oberst von Siebert, um Frau Bettina lächeln zu machen, bereits seine Zuflucht zu drolligen Anekdoten und lustigen Geschichten aus der Leutnantszeit genommen. Als er wieder einmal von seinen munteren Pfeilen einen erfolglos verschossen hatte, schwieg er missmutig. Und da hörte er aus der lebhaften Debatte der anderen die Stimme Larnaggers: „Wär’ ich allein noch Herr auf dem Boden meines Vaters, dann wüsst’ ich, was ich jetzt täte. Meine Vormünder, als sie während meiner Minderjährigkeit das Unternehmen meines Vaters in eine Aktiengesellschaft verwandelten, haben mir einen schlechten Dienst erwiesen.“

   Der Oberst hob den Kopf und rief über die Tafel hinauf: „Na, na, na, lieber Hans! Ich glaube viel eher, dass der Dienst, den diese klugen Leute dir erwiesen haben, ein sehr nützlicher und guter war. Denn du mit deiner grassierenden Menschenfreundlichkeit –“

   „Das ist ein Irrtum. Ich bin nicht menschenfreundlich. Wahr ist eher das Gegenteil.“

   Alle Stimmen an der Tafel, ausgenommen die Stimme der Hausfrau, erhoben lauten Protest. Nicht menschenfreundlich? Und seine Haltung in der Arbeiterfrage? Stiftungen, die nach Millionen zählen? Und das Larnaggersche Wohltätigkeitsbüro mit den sieben Beamten?“

   „Ach, ich bitte Sie!“ Der Hausherr wurde ärgerlich. „Das alles ist etwas völlig anderes. Man gibt, weil es Pflicht des Besitzenden ist, zu geben. Aber niemals gibt man um der anderen willen, immer nur sich selbst zuliebe, um nicht mit zu leiden. Doch Mitleid an falschem Platz ist eine abscheuliche Sache, ungesund und schwächlich. Und jene, die ehrliches Mitleid verdienen, findet man selten. Redliche Not verhüllt sich. Drum kann, was man Barmherzigkeit zu nennen pflegt, ein Laster werden, wie Trunksucht und Ausschweifung. Das Elend der Menschen ist nicht so groß, als es jene zu schildern lieben, die es nie gesehen, nie gekostet haben. Unter den fünfzehntausend Arbeitern meines Vaters gab es keine zwanzig, die nicht froh und zufrieden waren. Ich bin unzufrieden. Wer gibt mir? Ich habe Wünsche. Wer erfüllt sie? Wenn ich gebe, will ich nicht fremde Zufriedenheit erschaffen, nur Zufriedenheit in mir selbst erzwingen. Es ist mir unbehaglich, mich als Schuldner der Menschen zu fühlen. Immer suche ich den einen, dem ich mit Freude zurückerstatten könnte. Ich find’ ihn nicht. Immer komm’ ich an der falschen. Aber davon ganz abgesehen – wer hat, muss geben. Ich glaube, das ist ein ewiges Lebensgesetz. Aber seine Übung ist nicht erquicklich. Gibt man tausend Menschen und einem, so lernt man tausend verachten. Wie Menschen betteln können – das in Masse erfahren zu müssen, ist ekelhaft. Die paar Stunden jede Woche, in denen mir die Widersprüche zwischen den Erkundungen meines Unterstützungsamtes und dem Inhalt der Bettelbriefe vorgelegt werden, das sind Stunden, die mir Übelkeiten verursachen. Aber immer wieder gibt man, immer wieder mit dem Gedanken: Vielleicht ist hier doch die Not? Und immer wieder erfährt man, dass man dem Leben eher schadete als nützte, weil man einem Unwürdigen gab, einem Schwächling und Heuchler, einem Lügner und Feigling. In meiner Bettelstube muss ich jedes zweite Jahr die Beamten wechseln. Sonst werden sie grausam und zynisch. Mich halten sie schon immer nach dem ersten halben Jahr für einen Dummkopf. Das ist so ziemlich das einzige Ergebnis dessen, was man meine Menschenfreundlichkeit zu nennen pflegt. Und man hat da manchmal den Wunsch, von den Dingen, die Welt und Menschen heißen, möglichst fern zu sein, irgendwo zwischen Luft und Tiefe zu hängen, an einer unzugänglichen Felswand, in einem sicheren Horst. Wie ihn der einsamste der Vögel besitzt! Dieser Glückliche, den man Adler nennt!“

   An der Tafel herrschte betretenes Schweigen. Dann turnten die Gäste lachend über den unbehaglichen Augenblick hinüber und nahmen Larnaggers Ärger für eine Marotte der Sekunde, für Originalität um jeden Preis. Um der Stimmung des Hausherrn auch jetzt noch gerecht zu bleiben, begann ein Belesener von Zolas Roman „La bête humaine“ zu sprechen. Am anderen Pol der Tafel sagte der Oberst: „Meine Gnädigste, ich halte dafür, dies ist kein Thema für uns beide.“ Er erzählte wieder seine heiteren Anekdoten. Frau Bettina hörte geduldig zu. Bei dieser lächelnden Aufmerksamkeit schien sie es nicht zu beachten, dass dem Hausherrn zwei Depeschen gebracht wurden; doch die Blässe ihres Gesichtes wurde wie weißer Marmor.

   Über Larnaggers Stirn ging eine leichte Röte. Ohne sich dem Gespräch zu entziehen, immer noch ein paar Worte dazwischen werfend, las er die erste Depesche, die sehr lang war. Ruhig schob er sie in die Flaustasche und lächelte. Das war eine Entscheidung über Millionen. Doch seine Hände zögerten, als er die zweite Depesche öffnen wollte. Ein seltsames Spiel von Erregung und Müdigkeit kam über Larnagger scharfe Züge. Dann sah er hastig nach der Uhr, schob das uneröffnete Telegramm in die Brusttasche und sagte leise zu dem wartenden Diener: „Um zehn Uhr den Wagen. Ich fahre mit dem Nachtzug in die Stadt. Für einen Tag. Peter begleitet mich. An Justizrat Rosner ist dringend zu depeschieren, dass ich ihn bitten lasse, mich 1 Uhr 20 auf dem Bahnhof zu erwarten.“ Er schien noch etwas sagen zu wollen. Doch er schwieg, entließ den Diener mit einer Handbewegung, und begann sich lebhaft am Gespräch zu beteiligen. Manchmal lachte er. Das klang nicht heiter.

   Als das Dessert serviert war, flaute die laut gewordene Unterhaltung ein bisschen ab. Man wusste: Frau Bettina würde sich, wie es an Jagdtagen bei den abendlichen Mahlzeiten ihre Gewohnheit war, nun gleich erheben, um den Hausherrn und seine Gäste dem Jagdgespräch und der Hubertusbowle zu überlassen.

   Sie schien das Versickern der Konversation als eine Mahnung zu nehmen und griff nach dem kleinen Fächer. „Vergnügten Abend, meine Herren! Ich habe die Empfindung, dass ich überflüssig werde. Unter Jägern!“ Der galante Oberst wollte protestieren; aber als er zu Frau Bettina aufsah, blieb er stumm. Sie lächelte so reizvoll wie immer, doch ein leises Zittern war in ihren schönen Händen, eine merkwürdige Verlorenheit in ihrem Blick. Mit zwei leichten Neigungen der blonden Haarkrone verabschiedete sie sich von den Gästen. Die Herren erhoben sich, und der Hausherr verließ seinen Platz. Bevor er um die breite Tafel herumkam, wandte Frau Bettina sich vom Tisch und verließ den Speisesaal.

   Larnagger, mit der scharfen Furche zwischen den Brauen, kehrte nicht gleich an seinen Platz zurück. Hinter dem Sessel, bis zu dem er gekommen war, blieb er stehen und begann zu plaudern, ruhig, fast heiter. Und als zwei Diener die Zigarren und Zigaretten reichten, half er dabei. Die kleinen blauen Duftwolken wirbelten zu den zuckenden Kerzenflammen hinauf, man schwatzte und lachte kreuz und quer über die Tafel hin, und die große, grün umwundene Bowle wurde gebracht, mit dem goldenen Hubertushirsch auf dem silbernen Deckel. Dann verschwanden die Diener, und während inmitten einer lauten Gemütlichkeit der jüngste der Gäste die hohen Silberbecher füllte, legte Larnagger dem Oberst von Siebert den Arm um die Schultern. „Ich werde mich bald zurückziehen müssen. Meine Frau würde sagen: Nur geschäftlich. Aber lasst euch, bitte, nicht stören! Und sollte ich morgen die Jagd nicht mitmachen können, so bitt’ ich dich, mich als Jagdherr zu vertreten. Ja? Und Weidmannsheil! Nimm dir nur immer die besten Stände! Dann bist du der glücklichste Jäger! Allmählich lernt man’s. Es könnte sein, dass auch ich das Zugreifen noch lernen werde – ich, der ich nur immer geben musste.“

   Der Oberst guckte so verwundert zu Larnagger auf, wie vorhin zu Frau Bettina. „Hans? Was ist denn nur – mit euch beiden?“

   „Mit uns beiden? Es handelt sich nur um mich allein. Du weißt doch, manchmal hab ich törichte Wünsche. Ich bin nur der Sohn meines Vaters, nur ein Mensch, der Geld hat. Sonst bin ich nichts. Bin weder Held, noch Dichter, noch Künstler. Trotzdem hab ich Sehnsucht nach ein bisschen Unsterblichkeit. Und wär’ es auch nur die physische!“ Larnaggers Worte versanken im heiteren Lärm der Gäste.

   Der Oberst schien nicht gleich zu verstehen. Nun ein rascher Griff nach Larnaggers Händen. „Hans! Menschenskind! Was ist denn das? Schon wieder das alte Lied?“

   „Vielleicht kann es ein neues werden. Ich glaube nicht an Gott. Nicht so, wie mein frommer Hauslehrer mir das predigte. Und wie Bettina das noch immer fertig bringt. Sonst würde ich jetzt sagen: „Gott gebe, dass das neue Lied auch ein erfreuliches wird.“

   „Hans? Was meinst du?“

   An der Tafel hatte der vergnügte Mundschenk die gefüllten Silberbecher verteilt und räusperte sich. Larnagger ging zu seinem Platz und brannte eine Zigarre an. Seine Hände waren nicht ganz ruhig. Doch freundlich und geduldig hörte er zu, als der literarisch Versierte, der von Zolas „Bête humaine“ gesprochen hatte, den glanzvollen Jagdtag mit einer gereimten Hymne feierte. Die längliche Dichtung spielte im Versmaß der Jobsiade mit kleinen Frivolitäten, weckte durch ein paar weidmännische Derbheiten schallendes Gelächter, kam zu poetischem Schwung und pries die „schöne Diana“ des Hauses Larnagg, wobei er über die unbeabsichtigte, zu spät empfundene Malice dieses Bildes von der „jungfräulichen Göttin“ selbst erschrak. Sehr hastig las er weiter und schloss unter verschwenderischem Verbrauch aller herbstglühenden Waldfarben mit einem schmeichelhaften Horridoh auf den Jagdherrn. Es gibt Entgleisungen, die mit Gelächter enden, statt zur Katastrophe zu führen. Eine solche war’s. Nach dem Gläserklingen blieb lärmende Heiterkeit. Nur der Oberst brummte dem Tafelnachbar ärgerlich zu: „In der französischen Literatur scheint unser Jagdsänger besser bewandert zu sein als in den Anwendungsmöglichkeiten der römischen Mythologie.“

   Nun begann bei jägermäßigem Becherlupf eine Kolonne fideler Jagdgeschichten aufzumarschieren. Frau Bettinas leerer Sessel wurde ausgeschaltet, man rückte rund zusammen, und es war keine auffallende Lücke mehr am Tisch.

   Auch Larnagger, von der fröhlichen Stimmung der anderen mitgezogen, wurde warm und heiter. Doch während er plauderte und lachte, fühlte er immer wieder mit der linken Hand an die Brusttasche, wo er die uneröffnete Depesche verwahrt hatte. Und häufig sah er nach der Uhr.

   Ein paar Minuten vor zehn erhob er sich, nickte unauffällig dem Oberst von Siebert einen Gruß zu und verließ den Speisesaal.

   Mit jagenden Schritten ging er durch den weißen, stillen Korridor. Als er sein Arbeitszimmer betrat, sprangen in der Dämmerung des schönen Raumes fünf kleine schwarze Teckel mit dem Gebell und Gewinsel ihrer Freude an ihm hinauf. Er streichelte und liebkoste die Überzärtlichen und schickte sie in den großen Korb zurück, ua sdem sie herausgesprungen waren. Sie gehorchten wie brave Kinder – diese Sprösslinge der unfolgsamsten aller Spielarten des vierbeinigen Lebens. Keinem anderen Menschen im Haus Larnagg gehorchten sie. Nur ihrem Herrn, den sie liebten.

   Larnagger trat zum Schreibtisch, über den eine grün verhangene Lampe einen weißen Lichtkreis warf, und ließ sich nieder. Er nahm die verschlossene Depesche aus der Tasche und betrachtete sie. Und lächelte. „Ob’s ein Mädel ist? Oder ein Junge? – Nur ein Kind! Mein Kind! Und ich bin zufrieden.“ Er wollte die Depesche öffnen – und tat es nicht, verwharte sie wieder an der Brust. „Nein! Nicht unter diesem Dach, unter dem die unstillbare Sehnsucht und das trockene Erlöschen wohnt!“

   Er nahm die andere, offene Depesche, überlas sie noch mal und schrieb: „Ihre Mitteilungen, die ich soeben empfing, vermögen meinen Entschluss nicht zu ändern. Sind die Forderungen der Arbeiter binnen drei Tagen nicht bewilligt, so lege ich den Vorsitz im Aufsichtsrat nieder und scheide aus, für immer und völlig. Ich lasse mir nicht aufzwingen, was mir wider Natur und gerechtes Empfinden geht, und wünsche mit Namen und Besitz nicht einer Erwerbsmethode zu dienen, die ich missbillige. Hans Larnagger.“

   Lautlos trat ein schon grauköpfiger Diener aus der Tür des anstoßenden Raumes. „Werden der gnädige Herr sich umkleiden?“

   „Nein, lieber Peter! Dazu ist keine Zeit mehr. Wir brauchen 32 Minuten bis zur Bahn, um 10 Uhr 35 passiert der Zug. Ich will ihn nicht versäumen.“

   „Was soll der gnädigen Frau gemeldet werden?“

   „Man soll sie heute nicht mehr stören. Morgen soll ihr gesagt werden, dass ich abgerufen wurde, geschäftlich, und dass ich bis zum Abend wieder zurück sein werde. Diese Depesche an Kommerzienrat von Graumann nimmst du mit zur Bahn, Peter! Der Inspektor soll sie dringend besorgen. Jetzt Hut und Mantel!“

   Als Larnagger in die kühle Nacht hinaustrat, glänzten die Sterne. Nur noch ein matter Rotschein lag um die weißen Steinstufen her. Drei von den vier Pechpfannen waren schon erloschen, die letzte brannte noch mit müder Flamme, machte den schwarzen Lack des geschlossenen Wagens von zuckenden Lichtern schimmern und überflackerte matt den weiten Hofraum, über dem noch der Geruch des fortgeräumten Wildes dunstete. Die zwei Laternen des Wagens warfen schare, grelle Lichtkegel über die Rücken und Köpfe der vom Wildgeruch beunruhigten Pferde. Von droben klangen gedämpft die Lachsalven der vergnügten Jagdgäste im Speisesaal, und durch die schwarzen Schatten des Parkes kam undeutlich von irgendwo der Gesang der Jäger, die sich bei Freibier und Gitarrengeklimper gut unterhielten.

   Larnagger trat in die beste Helle der Pechflamme, nahm das verschlossene Telegramm aus der Tasche, riss es auf und las:

   „Rascheste Anwesenheit notwenig. Das seit gestern erwartete Ereignis verzögert sich und gibt Ursache zu ernster Sorge. Die Ärzte sehen Gefahr für Mutter oder Kind.“

   Immer wieder las Larnagger. Die Züge seines Gesichtes wie gelähmt, wie versteinert, die Augen weit geöffnet.

   Peter, der den Wagenschlag aufgetan hatte, mahnte schon zum zweiten Mal: „Gnädiger Herr, es ist Zeit, es ist höchste Zeit.“

   Larnagger hörte nicht. Immer starrte er auf dieses rot überflimmerte Blatt zwischen seinen Händen.

   „Gnädiger Herr, wir versäumen den Zug!“

   Da wandte sich Larnagger, zerknüllte das Blatt in der Faust und sprang in den Wagen. „Rasch!“ Er fand nur dieses eine Wort, seine Stimme war erwürgt.

   Mit mühseliger Flinkheit kletterte Peter auf den Bock und keuchte dem Kutscher zu: „Lass laufen! Herr Jesus, ich fürcht’, unser guter Herr hat eine harte Nacht!“

   Die Pferde stoben davon. Wie beflügelte Feuerschlangen jagten die Lichtkegel der beiden Wagenlaternen über die finstere Straße hin. Erdklumpen und Steine spritzten unter den Rädern heraus und schlugen klirrend gegen die Wandungen des Wagens. Es ging durch einen Buchenwald, durch ein stilles, dunkles Dorf, an einem kleinen See vorbei und über kahle Felder. Die Pferde dampften, und der graue Dunst ihrer Flanken durchnebelte das gleitende licht. Manchmal schwankte der Wagen, als möchte er stürzen. In der finsteren Ferne sah man schon die farbigen Laternenpunkte der Bahn. Ein Lokomotivpfiff. Und Peter kreischte dem Kutscher zu: „Lass laufen! Und wenn wir alle zwei den Hals brechen! Wenn unser Herr nur den Zug noch kriegt!“

   Eine tolle, rasende Fahrt. Und als der Zug in den kleinen Bahnhof hereinbrausen wollte, heilten die dampfenden Pferde vor dem schlecht erleuchteten Stationsgebäude. Peter rannte voraus, um dem Bahninspektor die Depesche anzuvertrauen und die Fahrkarten zu lösen. Das machte der Fünfzigjährige so flink, dass er schon bei der Kupeetüre stand, als Hans Larnagger an den Zug herantrat. In quirlendem Eifer und unter vielen Bücklingen folgte der Inspektor. Die beiden Kondukteure und der Zugführer kamen gelaufen.

   „Verspätung?“, fragte Larnagger.

   Alle vier Beamten antworteten gleichzeitig: Sieben Minuten, aber in der Stadt würde der Zug auf die Sekunde eintreffen.

   Larnagger stieg ins Kupee. Als Peter die Türe schließen wollte, griff die Faust seines Herrn heraus und zog ihn flink in den Wagen. „Beide bei mir, Peter! Ich mag nicht allein sein!“

   Draußen eine erregte Stimme: „Fertig!“ Ein schriller Pfiff. Der Zug begann zu rollen und zu rauschen.

   In steifer Haltung, mit dem Lackhut über den Knien, saß Peter auf dem roten Plüsch, heilt die Nase geradeaus gerichtet, schielte aber immer wieder in Sorge zu seinem Herrn hinüber, der in Hut und Mantel beim anderen Fenster saß und regungslos hinaussah in die finstere Nacht.

   Der Zug rauschte, rüttelte und jagte. Manchmal flogen wehende Dampfstreifen gleich winkenden Schleiern am Fenster vorüber.

   Eine halbe Stunde war vergangen. Als der Zug in eine Station einfuhr und die Fahrt verminderte, drehte Larnagger in nervöser Erregung das dunkel gerötete Gesicht. „Peter! Sitz doch nicht immer da wie ein Heiliger aus Holz! Mach’ dir’s bequem!“

   „Ich bin nicht müde, gnädiger Herr! Man darf auch nie vergessen, dass es Unterschiede gibt.“

   Zornig sagte Larnagger: „Du bist ein Mensch und ich bin ein Mensch. Wo ist da der Unterschied? Du dummes, altes Huhn! Ein Hausknecht bist du nicht. Du bist mein Peter –“ Weil der Diener noch immer in der gleichen Haltung blieb, sprang Larnagger auf und schob den Graukopf an beiden Schultern in den lind gepolsterten Winkel. „So! Und damit dir die Gott verwünschte Zeit ein bisschen schneller vergeht – da, nimm – zünde dir eine Zigarre an!“ Er hielt dem Diener das offene Ledertäschchen hin.

   „Nicht um die Welt, gnädiger Herr!“, stammelte Peter. „Nicht ums Leben! Ich seh’ doch, dass der gnädige Herr vor Aufregung fast vergeht! Da soll ich dem gnädigen Herrn auch noch die Luft verpesten? Ich tat’s nicht um meine Seligkeit.“

   „Na also! Dann nicht! Du Schaf!“ Wütend kehrte Larnagger zu seinem Fensterplatz zurück, saß wieder unbeweglich und starrte in die Nacht hinaus.

   Es wurde schwül. Peter öffnete auf seiner Seite das Fenster um einen kleinen Spalt und stellte die Heizung ab. Ganz lautlos hatte er das gemacht. Dennoch drehte Larnagger in gereizter Misslaune das Gesicht. „Was treibst du denn da schon wieder?“

   Peter schwieg. Als Larnagger nach einer Weile den Hut fortlegte und unwillig den Mantel herunterstreifte, schloss Peter das Fenster wieder und sagte mit aller Sanftmut seiner Stimme: „Darf ich den gnädigen Herrn um eine Zigarre bitten? Nur dass sich der gnädige Herr nimmer ärgert.“

   Larnagger fand ein heiteres Lachen. „Da! Nimm die ganze Tasche! Behalte sie! Als Andenken an diese Nacht.“ Er schien noch weiter sprechen zu wollen; doch wie in Schmerz zog er die Brauen zusammen, wandte das Gesicht zum Fenster und sah wieder regungslos hinaus in die Nacht.

   Die Zigarre, die Peter angezündet hatte, bekam keinen Aschenkegel und wurde nicht kürzer. Eine Stunde verging, und die Luft im Wagen war noch immer so rein, wie zu Beginn der Fahrt. Als draußen vor den Fenstern viele rote und weiße Lichter vorüber glitten, steckte Peter die Zigarre vorsichtig in seine Brusttasche. „Gnädiger Herr, jetzt sind wir gleich in der Stadt.“

   „Ich weiß. Glaubst du, ich habe keine Augen?“ Larnaggers Stimme klang, als läge ihm eine würgende Faust an der Kehle. Immer noch blieb er sitzen. Erst als der Zug schon in die von Lärm erfüllte Halle rollte, sprang Larnagger auf, ließ sich von Peter in den Mantel helfen, riss das Fenster auf und sah hinaus. Ehe der Zug noch anheilt, rief er mit heiserer Stimme: „Rosner!“ Er öffnete in erregter Hast die Tür und sprang aus dem Wagen.

   Unter dem etwas schütteren Strom von Reisenden, die es alle sehr eilig hatten, trat Justizrat Rosner, ein kleiner, sechzigjährigen Herr in einem für sibirische Kälte berechneten Pelz, auf Larnagger zu, grüßte respektvoll und fing heiter zu plaudern an, von dem pünktlichen Zug, von der schönen, sternhellen Reisenacht.

   Larnagger, der zerstreut und in Erregung immer nickte, verabschiedete durch einen Handwink den Diener.

   Peter entfernte sich sehr schnell.

   „Rosner! So reden Sie doch! Erlösen Sie mich!“

   „Nur ruhig! Grund zur Aufregung ist noch lange nicht vorhanden. Jetzt eben, kurz vor Mitternacht, hab ich von Professor Lebus noch eine völlig unbedenkliche Nachricht erhalten: Dass die Sache nicht schlimmer steht als am Abend. Auf Lebus und den Hausarzt kann man sich verlassen. Kleine Verzögerungen und organische Hindernisse sind ja bei so was keine ungewöhnliche Sache. Die Natur wird nach einer hunderttausendjährigen Praxis nicht gerade in diesem besonderen Fall die Besinnung verlieren. Was geschehen kann, geschieht. Wir haben für alles gesorgt, haben eine gesunde böhmische Amme gefundne und zwei verlässliche Wärterinnen. Die eine ist Ungarin, die andere Französin. Keine von den beiden versteht ein deutsches Wort. Es sind zwei tüchtige Frauen. Mutter und Kind werden gut versorgt sein.“

   Larnagger knirschte durch die Zähne: „Kind – Kind –“ Er machte so flinke Schritte, dass Justizrat Rosner in seinem schweren Pelz ein bisschen zurückblieb.

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