Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das wilde Jahr

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Das wilde Jahr
            Vorwort
            Das Adlernest

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
            Die grüne Katze

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Das wilde Jahr
               Ausfahrt
               Walpurgisnacht
               Feuer im Schnee
               Die wilde Jagd
               Bergfrühling
               Panik im Wald
            Buch der Berge
            Pfingstorakel

Das Adlernest

Kapitel 1

   Roter Fackelschein überloderte in der Abenddämmerung des kühlen Novembertages den weiten Schlosshof. Das welke Laub der mächtigen Ulmen schien zu glühen. Unter den Bäumen war ein Gewirr aus schwarzen Schatten und grellem Licht. Wie Flammengewirbel, von grauen Rauchflügeln durchrudert, zuckte die unruhige Helle an der Mauer und den hohen Fenstern des Schlosses empor. Die vielen Treiber, die beim Parktor umherstanden, hatten bald glutrote Gesichter, bald wieder finstere Köpfe. Und die Wildstrecke des Jagdtages – Hasen, Fasanen, Füchse, Rehböcke und Damhirsche – zog sich in drei langen Reihen durch den Schlosshof hin und lag wie eine graue, widersinnig geformte Sache auf dem rot beleuchteten Kies, begleitet von großen schwarzen Flecken, die am hellen Tage rot gewesen wären. Die drei Schweißhunde, die ein Jäger an der Koppel hielt, gaben Laut mit tiefen Stimmen. Das widerhallte von den Mauern. Acht Jäger in schmucken Uniformen standen hinter den Reihen der Wildstrecke, mit den im Fackelschein kupferig blinkenden Waldhörnern vor der Brust, mit den Mundstücken vor den Bärten, auf den Wink lauernd, den ihnen der Wildmeister für den Beginn der Fanfare geben sollte. Auch im Kreis der zehn Jagdgäste, die unter halblautem Geplauder die schlanke, fast regungslose Gestalt des Schlossherrn umstanden, war etwas ungeduldig Zuwartendes. Wie Hans Larnagger, so blickten auch seine Gäste immer wieder hinüber zum Schlossportal, zu dessen Seiten auf hohen Eisengestellen vier große Pechpfannen brannten.

   Inmitten dieser grellen Unruh trippelten fünf kleine schwarze Teckel wissbegierig zwischen den Reihen der Strecke umher, schnupperten aufmerksam und beleckten die Wunden des erlegten Wildes.

   In die halblaute Unterhaltung der Jagdgäste kam etwas Nervöses. Trat für wenige Sekunden Schweigen ein, dann begann einer im Kreis der Gäste lauter zu sprechen, um die Stimmung durch ein heiter aufgeputztes Erlebnis des vergangenen Jagdtages zu erwärmen. Lachten die anderen, dann lächelte auch Hans Larnagger. Doch immer schwieg er und behielt, wie zur Begründung seines Schweigens, die brennende Zigarre zwischen den Zähnen. Und während er die Fäuste in den Mufftaschen des kurzen Jagdpelzes vergraben heilt, sah er andauernd zum großen, schön wehenden Brand eines Pfannenfeuers hinauf, aus dessen farbigem Loderspiel sich seltsam gestaltete Flammenzungen loslösten, um spurlos in der finster werdenden Nacht zu verfliegen.

   Sein schwarzes Haar, das an den Schläfen mit zwei scharfen Spitzen unter der Hubertuskappe hervorsah, war schon ein bisschen angegraut. Man hätte Hans Larnagger für einen Vierzigjährigen halten mögen, der etwas rasch gealtert war. Doch seine Jäger hatten erst vor wenigen Wochen mit Waldhornständchen und Feuerwerk den dreißigsten Geburtstag ihres Herrn gefeiert.

   Früher einmal, da musste Hans Larnagger einen prachtvollen Jünglingskopf auf den breiten Schultern getragen haben! Auch jetzt war dieser Kopf noch fesselnd, trotz der Härte seiner Züge, trozt der Furche zwischen den starken, dunklen Augenbrauen und trotz der scharfen Linie, die neben dem Mundwinkel unter dem Schnurrbart hervortrat und sich im Schwarz des schmal geschnittenen Spitzbartes verlor. Noch jugendlich war der klare rasche Blick dieser stahlgrauen Jägeraugen und die schlanke feste Gestalt. Wer Hans Larnagger betrachtete, musste denken: Einer, der früh begonnen zu genießen und die Kraft besitzt, um noch immer heiß zu leben.

   Die Furche zwischen seinen Brauen wurde noch schärfer, als er einen Diener aus dem Portal des Schlosses herauskommen sah. In dem glatten Lakaiengesicht schien Larnagger die Botschaft zu lesen, die ihm da gebracht wurde. Er winkte dem Diener ab, schleuderte die Zigarre fort und sagte ruhig: „Meine Frau scheint beschäftigt zu sein. Sie lässt sich entschuldigen. Wir wollen die Strecke besichtigen.“

Bei dem ersten Schritt, den der Jagdherr gegen die Reihen des erlegten Wildes machte, hob der Wildmeister den Hut. Die acht Hörner bliesen die Fanfare, und die Schweißhunde begannen ein erregtes Geläut. Auch die fünf kleinen schwarzen Teckel fingen zu kläffen an. Sehr melodisch klang das nicht zusammen, aber es war Rasse und Leben in diesem weidmännischen Spektakel, über dem der Rotschein der Pechfeuer flammte.

   Neben einem wohl konservierten, rotwangigen Vierziger, dem der Offizier in Zivil aus den Augenbrauen sprach, schritt Hans Larnagger als Führer seiner Jagdgäste die Strecke ab. Den Damhirschen waren mit grünen Seidenbändchen kleine weiße Schilde mit dem Namen des Schützen and die Geweihe gebunden. Vor jedem besonders guten Hirsch blieb Larnagger stehen, gratulierte dem Schützen und ließ sich die Geschichte des glücklichen Schusses erzählen. Drohte solch eine Jagdgeschichte sich allzu breit auszuspinnen, so fand Larnagger stets ein paar hilfreiche Worte, die den Bericht des Erlebnisses rasch zum Ende führten. Die Stimmung wurde laut und lebendig. Und als die Jagdgesellschaft unter den Hornklängen des Herrengrußes zum Portal des Schlosses hinüber schritt, war alles Geplauder ein stetes Lachen.

   Auf der Schwelle grüßte Larnagger freundlich den jungen Wildmeister. „Sagen Sie der Jägerei, dass ich heute zufrieden bin. Sehr!“ Dann empfahl er sich von seinen Gästen. „Auf Wiedersehen! In einer Stunde bei Tisch.“

   Die Wanderung der Gäste durch die große Halle und durch das weite Treppenhaus zu dem endlos scheinenden Korridor des ersten Stockes ging langsam von statten. Es gab da viel zu sehen. Noch keine fünfzehn Jahre stand das Schloss, das sich bescheiden nur „Haus Larnagg“ nannte. Die Wände waren von blendendem Weiß, alles blinkte wie neu im Glanz der großen Wachskerzen, und dennoch hatte man die Empfindung: Hier ist vornehme Tradition, deren Alter nach Jahrhunderten zu messen ist. Die Halle war wie ein Museum seltener Kostbarkeiten und doch ein Raum für behaglichen Aufenthalt. Im Treppenhaus und an den Mauern und Pfeilern des weiten Korridors hingen zwischen alten Jagd- und Landschaftsbildern die exotischen Trophäen, die Hans Larnagger von seinen Reisen heimgebracht hatte.

   Zwei Jagdgäste, von denen der eine bei seiner Ankunft an verwichenen Abend das Haus Larnagg zum ersten Mal gesehen hatte, blieben stehen und blickten zu einem Kondor hinauf, der mit den ausgebreiteten Schwingen zwei Fenster überklafterte.

   „Das ist Beute, die zu ihm passt! Heute den ganzen Tag draußen im Wald und jetzt wieder da drunten bei der Strecke, so oft ich Larnagger angesehen habe, musste ich an einen Adlerjäger denken, dem ich einmal in den Bergen begegnete, im Mardauner Tal.“

„Er soll auch richtiges Hochländerblut in den Adern haben und von irgendwo da droben herstammen. Ob’s wahr ist, weiß ich nicht. Wo sich großer Reichtum in wenigen Jahren sammelt, bilden sich immer Mythen. Aber der Name Larnagger hat Gebirgsklang. Und es heißt, der Großvater wäre der Sohn eines Jägers oder Bergführers gewesen, wäre als kleiner Bub ins Rheinland verschlagen worden und dort Maschinenschlosser geworden.“

   „Das hat sich gelohnt! Alle Wetter! Ein strammer Aufstieg, das!“

   „Erste Generation: Bauerntum und Jägerei in den Bergen. Zweite Generation: Handwerk im Industriegebiet. Dritte Generation: Technik und Finanzgenie, Eisenbahnbrücken und das Jubiläum der fünftausendster: Lokomotive. Schluss: Der Grandseigneur, der wieder Jäger und Landmann en gros wurde, der Aristokrat ohne Wappen und Adel, der stolze Bürger, der den Adel ablehnt und sich damit begnügt: Hans Larnagger zu sein.“

   Das Gespräch setzte sich in den zwei Fremdenzimmern fort, die, durch einen Mauerbogen miteinander verbunden, wohlig erfüllt waren vom lauen Dampfgeruch der wartenden Bäder. Wäsche und Kleider waren schon zurechtgelegt, und durch die offenen Türen der beiden Badezimmer sah man den roten Glanz von Kupfer und den weißen Porzellanschimmer der spiegelnden Wände.

   „Sie sagen: Schluss?“

   „Wie soll’s weitergehen? Da müsste der liebe Gott ein Wunder wirken. Larnaggers Eltern liegen unter schwerem Marmor, Geschwister hat er nicht, und seine ehe blieb seit sieben Jahren kinderlos.“

   „Ist das Pech? Oder Schicksal? Aber die Frau ist noch jung, Larnagger noch nicht alt, beide in voller Kraft. Was nicht ist, kann werden.“

   „Kann! Aber muss nicht.“

   „Na, vielleicht setzt sich da einmal ein kleiner pfiffiger Bergbauer als lachender Erbe in die ganze Herrlichkeit herein?“

   „Möglich. Da droben in der Gletschernähe sterben die Familien nicht so leicht aus, wie in der schwülen Tiefe. Hunger und Plage, reine Luft und klares Wasser machen zäh und dauerhaft. Der Genuss aller guten Dinge des Lebens ist eine schöne Sache, aber manchmal etwas Mörderisches. Wie dir gegeben wird, so wird dir genommen – sagte irgendmal ein frommer Mann.“

   Heiteres Lachen. Dann Geplätscher in den Badezimmern. Und nach einer Weile ließen sich die beiden Quartierkameraden die kurze Ruhe schmecken, jeder im Bademantel auf seiner Chaiselongue, mit der Zigarette zwischen den Zähnen, die Schnurrbartbinde unter der Nase.

   Der eine begann: „Ich bin mir im warmen Wasser vorgekommen wie der grübelnde Diogenes in der heißen Tonne. Was man hier sieht und hört, macht neugierig und gibt zu denken. Gestern Abend fiel mir das schon auf, es muss da irgendetwas nicht klappen.“

   Der andere lachte. „Sie meinen?“

   „Ich meine, zwischen Larnagger und seiner schönen, ätherischen Frau.“

   Ein nachdenkliches Schweigen. „Ach nein! Das glaub ich nicht. Wenigstens hört man nicht das Geringste. Zwischen den beiden liegt wohl nichts anderes als die peinigende Sehnsucht nach dem Erben, der nicht kommen will, und das aus solcher Ergebnislosigkeit resultierende Misstrauen vice versa gegen die produktiven Qualitäten. Ursache zur Sorge haben die beiden wohl. Er: Das Kind eines gealterten Vaters, der sich erst als Fünfziger verheiratete, und den das viele Rechnen, die schweren Havannazigarren und sonst noch was zum Paralytiker machten. Und sie: Eine Tochter aus ältestem Adel, bei dem das supraraffinierte Blau für einen Buben mit roten Backen nicht mehr ausreicht.“

   „Sie ist eine Komtess Puchperg? Nicht?“

   „Von der verarmten und mit ihr nun aussterbenden Linie, ja. Puchperg-Solln-Pernwalde.“

   „Merkwürdig: Sein Stolz auf den bürgerlichen Namen. Und diese Heirat?“

   „Ein Rätsel, Sie haben recht. Man sagt wohl: Es war seine verstorbene Mutter, sonst eine verständige Dame, die mit dem wachsenden Reichtum Verlangen nach gesellschaftlicher Höhenluft bekam und den einzigen Sohn nach aufwärts befördern wollte. Aber das glaub ich nicht. Larnagger war mit zweiundzwanzig Jahren schon der Mann, der sich einem einseitigen Ehrgeiz der Mutter nicht gefügt hätte. Er hat was von dem Eisen abbekommen, mit dem sein Vater Welthandel trieb. Ich glaube, dass Larnagger sich als halb Ausgetobter nach allen Regeln der Kunst verliebte, und dass er mit energischem Griff genommen, was er haben wollte, weil es ihm gefiel.“

   „Schön ist sie noch immer.“

   „Als junges Mädchen war sie auffallend, ein bisschen beatrizesk, präraffaelitisch. Es heißt, Larnagger wäre da das Muster eines hartnäckigen Freiers gewesen, hätte sich durch drei Körbe nicht abschrecken lassen und im günstigsten Augenblick zugegriffen, als Graf Puchperg sorgenvoll im Sterben lag und seine Tochter vor dem unerquicklichen Schicksal bewahren wollte, Stiftsdame werden zu müssen. Sie soll einen armen Teufel von Leutnant bei den Ulanen geliebt haben. Ob’s wahr ist? Die Welt, wenn sie klatschen will, ist eine erfindungsreiche Dichterin.“

   Ein dezentes Pochen an der Türe – das übliche Zeichen für die mit ihrer Toilette beschäftigten Jagdgäste: Dass in zwanzig Minuten gespeist würde.

   Kurzes Schweigen.

   Nun die leise Frage: „Der hat doch hoffentlich nicht gehört, was wir da schwatzten?“

   Nein. Horchende Diener? Das wäre im Haus Larnagg eine stilwidrige Sache. Und schließlich – Gastfreundschaft verpflichtet noch nicht zur Heuchelei und zu karmelitischem Schweigen. Wissenschaftliche Konstatierungen, die sich strengster Objektivität befleißen, sind ein zulässiges Vergnügen. Sie stören auch nicht im geringsten die Überzeugung, dass Frau Bettina Larnagger, geborene Komtess Puchperg-Solln-Pernwalde, eine verehrungswürdige Dame im besten Sinn des Wortes ist, und Hans Larnagger ein unanfechtbarer Charakter, ein in jeder Hinsicht vornehmer Kerl, dem ich mit Vergnügen die stahlfeste Hand drücke, und vor dem ich mit Respekt den Hut ziehe. Aber nun ist es Zeit, dass wir uns fertig machen. Hoffentlich behalten wir über Nacht das gute Wetter und bekommen morgen wieder so schöne Jagd wie heute.“

   Als die beiden Herren im Smoking eine Viertelstunde später den von strahlendem Licht erfüllten Salon Louis quinze betraten, waren die übrigen Jagdgäste schon mit animiertem Geplauder um Frau Bettina versammelt. Alles heitere Lebend er Konversation, die sich zumeist um Schloss Larnagg und die Schönheit des verflossenen Jagdtages drehte, ging von den Gästen aus. Die schöne Hausfrau schien lieber zu hören als zu sprechen. Für alles, was man zu ihr sagte, hatte sie ein reizvolles und dabei fast kindliches Lächeln. Sprach sie ein paar Worte – wobei die zehn Herren sofort verstummten, um aufmerksam zu horchen – dann klang ihre Stimme gleichmäßig und leise. So sprechen gekrönte Frauen, wenn sie bei Erfüllung ermüdender Pflichten mit vielen Menschen über Dinge reden müssen, die ihnen fremd und gleichgültig sind.

   Die hohe, fast überzarte Frauengestalt in der graublauen Seide hob sich kaum merklich von dem alten, kostbaren Gobelinbehang der Wände ab. Fast schien es, als wäre sie selbst eine unklare Figur in diesen schwer zu deutenden Bildern einer vergangenen Zeit.

   Frau Bettina hatte wundervolle Hände und trug an den schönen schlanken Fingern außer dem schmalen Goldreif der vermählten Frau keinen anderen Ring. Sie hatte die Gewohnheit, diese Hände häufig und lange zu betrachten – ohne sie zu sehen. Auch sonst trug sie keinen Schmuck. Die kleine Nadel, die über dem Rätsel der mädchenhaften Brust die blassblauen Falten der Seide zusammenhielt, war nur eine feine, kaum sichtbare Platinspange mit einem runden Smaragd.

   Weiß und kühl wie transparenter Alabaster wuchsen aus spinnwebdünnen Spitzen die halbentblößten Schultern und der zarte Hals heraus, der daran zu ermüden schien: Diesen mit schwerer Haarkrone belasteten Kopf zu tragen – den Kopf einer sechsundzwanzigjährigen Frau? – Oder eines achtzehnjährigen Mädchens? Ein seltsames Widerspiel von Reife, die wie wunschloses Dämmern erschien, und von noch unerschlossener, beinahe kindlicher Jugend war in diesem streng und rein geschnittenen Gesicht, das nur in den Lippen einen roten und warmen Schimmer von lebendem Blut besaß. Groß und klar, doch traumhaft still, waren die wasserblauen Augen, die nicht fragten und nicht sprachen und nie das Nahe zu sehen schienen, das sie betrachteten. Die langen, goldfarbenen Wimpern waren wie dichte Schleier, wenn sie sich senkten; wie flimmernde Sicheln, wenn sie sich hoben. Um dieser Augen willen, die unter rötlichen Brauen erloschen und aufglänzten, musste man Frau Bettina eine Schönheit nennen. Der herrlichste Schmuck dieser Frau, die Schmuck nicht trug, war das reiche, aschblonde, von leisem Kupferglanz überschimmerte Haar, das spannenhoch zu einer Zopfkrone geflochten war, wie Kaiserin Elisabeth sie zu tragen pflegte. Wer Frau Bettina betrachtete, musste denken: Wie schön das wäre, diese Frau mit offenem Haar zu sehen! Auch im nüchternsten Menschen lebt noch immer eine Sehnsucht nach dem Märchen.

   Der rotwangige Oberst von Siebert mit dem buschigen Brauengestrüpp über den Augen sah immer wieder zu diesem schimmernden Haar hinauf, während er lachend erzählte, wie vor der klappernden Treiberkette ein Fuchs und ein Hase ganz friedlich Seite an Seite gelauert hätten, beinahe Pelz an Pelz, bis ein einziger Schrotschuss – „Paff!“ – den durch die gemeinsame Gefahr versöhnten Feinden im gleichen Augenblick das Leben ausblies.

   Frau Bettina, der diese tragikomische Waldgeschichte nicht zu gefallen schien, wollte sprechen. Doch plötzlich wandte sie sich ab und machte einen Schritt gegen die Tür hin. Hans Larnagger war eingetreten. Wie ein berühmter Schauspieler die weiteste Bühne füllt, so kam mit dem Hausherrn füllendes Leben in diesen toten Raum, in dem sich die Gäste bisher nicht sonderlich behaglich fühlten. Nicht minder gut, wie die bequeme Jägertracht, kleidete das modische Schwarz dieses schlanke feste Männergestalt. Larnagger Gesicht schien ruhig. Doch in dem raschen Blick, der aus seinen blanken Augen zu Frau Bettina huschte, war etwas wie verschlossene Pein. Dann küsste er die schöne Hand seiner Frau mit der Galanterie eines jungen Bräutigams.

   Sie sah die schwarze, wuchtige Schulter ihres Mannes an. Und sagte leise: „Wie ich höre, hattest du gute Jagd?“

   „Ich war zufrieden. Weil meine Gäste sich amüsierten. Der neue Wildmeister versteht seine Sache. Wenn er die Schrauben anzieht, stimmen die Saiten. Schade, dass du verhindert warst. Auch heute wieder. Das eingestellte Jagen auf Damhirsche war musterhaft. Wollte alles in der Welt so klappen, wie eine weidmännische Tagesleistung meines jungen Wildmeister, dann wäre das Leben ein großes Erquicken. Nna –“ Larnagger versuchte zu lächeln. „Man muss es nehmen, wie es ist.“

   Einer der Gäste lachte ein bisschen, als hätte er gedacht: „Dein Leben, scheint mir, ist zu ertragen.“ Die anderen Gäste schwiegen. Nicht nur der Glanz einer Krone, auch der Schimmer des Reichtums macht Höflinge.

   Für einen flüchtigen Moment hatte Frau Bettina die Augen zu ihrem Mann erhoben. Nun sah die schon wieder ins Leere. Und Larnagger sagte rasch: „Ich habe verdrießliche Nachrichten vorgefunden.“

   „Doch nur geschäftlich?“

   Was war an diesem leisen Wort? Larnagger hatte eine rote Stirn bekommen. Er sagte hart: „Aus der heutigen Sitzung des Aufsichtsrates. Ja. Diese neuen Herren sind anderer Meinung als ich. Das passt mir nicht. Aus guten Gründen. Nach meiner Ansicht kann und muss der drohende Streik vermieden werden. Die Forderungen der Arbeiter sind nicht unbillig, fast noch bescheiden. Man muss sie erfüllen. Können sich die neuen Herren des Aufsichtsrates zu meiner Meinung nicht bekehren, so werde ich die Konsequenzen ziehen, auch auf die Gefahr hin, dass ich bei dem großen Werk, das mein Vater schuf, für die Zukunft nicht mehr mitzureden habe.“

   Es stand in Frau Bettinas Augen zu lesen, dass alles, was ihr Mann nun sprach, für sie eine fremde, gleichgültige Sache war. Nur sein erstes Wort hatte seltsames Leben in ihr geweckt – das Wort von den „verdrießlichen Nachrichten“.

   Larnagger, nachdem er seine Frau ein paar Sekunden schweigend betrachtet hatte, sagte leichthin, mit einem kaum merklichen Ton von Gereiztheit. „Ich werde wohl heut noch weitere Nachrichten erhalten. Nur geschäftlich, wie du sagtest. Da brauchst du auch nicht zu erschrecken, wenn Depeschen zu ungewohnter Stunde kommen sollten.“ Er wurde ruhig. Und es war ein ernster, fast schmerzlicher Blick, mit dem er seine Frau betrachtete. „Diese Nachrichten werden nur mich berühren. Mich allein.“ Er wandte sich von Frau Bettina ab.

   Die jüngeren Gäste traten auf ihn zu und begannen ein lebhaftes Gespräch, das nur von kurzer Dauer war.

   Ein Diener öffnete die Flügeltüren zum Speisesaal, in dem eine Flut von silbernem Licht glänzte.

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