Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das wilde Jahr

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   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Das wilde Jahr
            Vorwort
            Das Adlernest

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
            Die grüne Katze

               Kapitel 1
               Kapitel 2
               Kapitel 3
               Kapitel 3
               Kapitel 4
               Kapitel 5
               Kapitel 6
               Kapitel 7
            Das wilde Jahr
               Ausfahrt
               Walpurgisnacht
               Feuer im Schnee
               Die wilde Jagd
               Bergfrühling
               Panik im Wald
            Buch der Berge
            Pfingstorakel

Vorwort

   Dem Leser liegen in einigen dieser Fragmente die Anfänge zu Arbeiten vor, die Ludwig Ganghofer in den Kriegsjahren und während der folgenden sorgenschweren Zeit begann, liegen ließ, wieder aufgriff, um sie doch unvollendet zu lassen.

   Der tiefe Schmerz über das Schicksal unsers Vaterlandes ließ den warmherzigen, leidenschaftlich empfindenden Dichter nicht mehr zur Ruhe und Sammlung kommen.

   Oft klage er während des Jahres 1919 darüber, dass ihn, wenn er sich zur Arbeit und zum Vergessen zwingen wolle, der Zorn vom Schreibtisch aufjage, und dass ihm das sinnlose Geschehen ringsherum, diese Welt, der er einmal so viel freudiges Verstehen entgegengebracht habe, als Narrenhaus erscheinen lasse. –

   Sich einzuspinnen, sich auf das Nächste zu beschränken oder sich zur Teilnahmslosigkeit zu erziehen, war ihm versagt.

   Wollte er den Versuch dazu machen, so erregte ihn irgendeine Zeitungsnachricht so, dass er sich gezwungen fühlte, sich die Erbitterung vom Herzen herunter zu schreiben.

   Im „Adlernest“ finden sich die Spuren davon, in der „Grünen Katze“ treten Erzählung und Schilderung fast ganz hinter diese Empfindungen zurück.

   Den Plan zu diesem Roman, der keiner sein sollte, hatte Ganghofer vor dem Krieg gefasst.

   Die Liebe des Müllers Nepomuk Lutter zu einem jungen Mädel, die ihm die sterbende Mutter als Lebensschatz hinterließ, die Hilfe, die er in schwerer Bedrängnis, durch ihre in einer „grünen Katze“ verschlossenen Ersparnisse finden sollte, das ungefähr war der Rahmen für ein bürgerlich-behagliches Geschehen mit gutem Ausgang. –

   Als der Dichter unter manchen vorbereiteten Stoffen nach dem Krieg auch nach diesem griff, verwandelte er sich ihm unter der Hand, und jede Seite beweist die Bitterkeit, die ihn weit von seinem Plan mitten in die Ereignisse des Tages führte. –

   Er fühlte, wie weit er dabei vom Ziel abkam und ließ die Erzählung liegen; so, wie sie der Leser vor sich hat, wirkt sie als Bekenntnis tiefen Leides und wird darum allen Freuden Ganghofers wertvoll sein.

   Ganz anders wirkt auf uns das „wilde Jahr“. Hier finden wir in allen prachtvollen Details den feinen Beobachter und Schilderer der Natur und diese Frühlingsnacht auf dem Berge gehört zum Besten, was er geschrieben hat.

   Höchst persönlich ist die schrankenlose Phantasie, die schon in der Wahl des seltsamen Stoffes liegt.

   Er hat Ganghofer schon vor langer Zeit beschäftigt. –

   Als ich im Winter 1904 mit ihm im Schlitten von Ehrwald nach Garmisch fuhr, erzählte er mir, dass ihn der Gedanke nicht los lasse, einmal die Erlebnisse und die Empfindungen eines Hirsches zu schildern. – Er denke sich das so, dass er in einen Hirsch verwandelt, ein Jahr durchlebe, ganz als solcher empfinde und doch wieder als Mensch diese Empfindungen beobachte.

   Ich verhehlte ihm nicht, dass mir der Plan sehr bizarr vorkäme und Schwierigkeiten zu enthalten scheine, die ich für unüberwindlich hielte. –

   Er wies lachend diese Bedenken zurück und sagte mir, dass er sich schon unbändig auf die Schilderung der Brunftzeit freue. – Er fing auch sogleich an, einiges auszumalen, was ich in diesem Fragmente in der Begegnung Lumaarus mit Fimaare wieder fand.

   Es gehörte die sichere, in allem fest gefügte, liebevolle Kenntnis von Natur und Wild dazu, um diesen Plan nur als möglich hinzunehmen und es gehörte Ganghofer dazu, um ihn auszuführen. –

   Die Unterbrechung der ziemlich weit gediehenen Waldphantasie war nicht durch etwa auftauchende Schwierigkeiten, sondern durch äußerliches Geschehen veranlasst. –

   Der Krieg unterbrach diese Arbeit, die nur in ruhiger Muße fortzuführen war.

   Das Fragment aber durfte in diesem Band nicht fehlen, denn es gibt denen, die den Dichter aus seinen Werken, und noch mehr allen, die ihn persönlich kannten, ein treues Spiegelbild seines Wesens wie seines Schaffens. –

   Das „Buch der Berge“ ist eine Fortsetzung des Lebenslaufes eines Optimisten und spricht für sich selbst.

   Ganghofer kommt nach längerer Abwesenheit ins bayrische Gebirge zurück, nach Ruhpolding und von da an den Königssee und findet hier neben der hehren Freude des Jägers und Naturfreundes Stimmungen, die für seine Dichtung und sein Leben entscheidend wurden. –

   Das frisch geschriebene, sich in frohen Erinnerungen bewegende Buch bricht allzu früh ab.

   Ich glaube, dass Ganghofer in der Fortführung gerade dieser Arbeit wieder Ruhe hätte finden können.

   Aber vielleicht war ihm der Kontrast zwischen dieser schönsten Zeit und der Gegenwart zu schmerzlich, um an die Fortsetzung heranzugehen.

   Das Buch bricht mitten in einem Satz ab. Man hat das Gefühl, als hätte der Dichter eben die Feder weggelegt und würde nun gleich wieder seine Erzählung beginnen, würde gleich wieder von seinem Leben, das schön und sonnig war, plaudern…

   Dieser unvermittelte Schluss ist für alle, die ihn kannten und liebten, erschütternd. –

   Irgendeine Zufälligkeit hat eine kurze Unterbrechung verursacht, das Schicksal hat es zu einer immerwährenden gemacht.

   Beim Beginn des Jahres 1920 ging Ganghofer daran, sein neu erworbenes Heim am Tegernsee auszubauen; in diesem Schaffen fand er beglückendes Vergessen und ein Behagen, das ihn sehr bald hätte Neues schaffen und Begonnenes vollenden lassen.

   Unvermittelt, unvermutet, ohne Mahnung hat ihn der Tod plötzlich aus seiner Arbeit gerissen. –

   So mögen diese Fragmente seinen vielen treuen Lesern wie letzte Grüße des heimgegangenen Dichters sein. –

   Rottach, April 1921

Ludwig Thoma              

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