www.wissen-im-Netz.infoLudwig Ganghofer - Das neue Wesen |
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18.Als die Berchtesgadener das Grödiger Moos erreichten, blinkten im Glanz der Nachmittagssonne die Mauern und Türme von Salzburg, halb eingehüllt in Rauchwolken brennender Häuser und in den Dampf des Pulvers, das sie von der Hohensalzburg gegen das Lager der Bauern verschossen hatten. Zur Rechten, hinter dem Dorfe Anif draußen, sah man dieses Lager: ein weitgedehntes und schlecht geschütztes Gewirre von windschiefen Zelten, Bretterschuppen und Strohhütten. Links in der Ebene, gegen Maxglan, konnte man das festumwallte Lager des bayrischen Heeres erkennen, mit tausend Zeltspitzen, wie ein braunes Feld mit zahllosen weißen Blümchen. In diesem Lager war alles ruhig, kein Schuß krachte, außerhalb der Umwallung waren die Felder leer, nur auf der braunen Linie der Schanzen sah man es manchmal aufblitzen wie den Schimmer von Harnischen, in denen sich die Sonne spiegelte. Im Lager der Bauern herrschte ein summender Lärm; auch außerhalb der Wälle war ein Gerenne von Menschen, ein Geschrei an allen Ecken und Enden. Als man dem Lager der Bauern so nah gekommen war, daß man schon die Stimmen der Wallposten unterscheiden konnte, hielt der Ritter den Maulesel an. „Da will ich warten, Bub!“ sagte er zu Juliander. „Ich bin den Bauren gut, aber man steckt nit gern die Nas in einen Ameishaufen, über den ein Ochs gegangen. Nimm von deinen Leuten ein paar Dutzend. Mit denen bleibst du bei mir, zur Bürgschaft für dein Wort auf friedlichen Weg für mich. Einen verläßlichen Menschen schick ins Lager mit der Botschaft, daß ich den Bauren ein redliches Wort vom bayrischen Herzog bring. Die Hauptleut und ein Sprecher von jeder Gemein, die sollen herauskommen zu mir, daß wir verhandeln können auf freiem Anger. Wollen sie guten Frieden haben, so sollen sie nit ausbleiben. Wollen sie morgen zum Abend geworfen und geschlagen sein, so können sie mich warten lassen.“ Juliander, noch immer wie ein Träumender, rief fünfzig junge Burschen aus der Rotte und ließ sie schwören, dem Ritter freies Geleit zu sichern. Dem Vater trug er die Botschaft an den Hauptmann der Bauern auf und schickte ihn mit den andern ins Lager. Maralen, ehe sie dem Vater folgte, nahm den Bruder bei der Hand: „Julei, was hast du?“ „Ich weiß nit, will mich die Höll verschlucken oder ist der Himmel über mich hergefallen?“ Der Ritter lenkte den Maulesel einem nahen Gehöfte zu, vor dem eine bucklige, von alten Birnbäumen umzogene Wiese lag. Schwerfällig hob er sich aus dem Sattel, band den Esel an einen Baum, daß er grasen konnte, und legte sich in den Schatten. „Komm, Bub, hock dich her zu mir!“ Juliander schüttelte den Kopf und blieb bei seinen Leuten. Da lachte der Ritter. „Wirst schon noch zutraulicher werden!“ Er nahm den schweren Helm ab, wischte sich mit der Feldbinde den perlenden Schweiß von der Stirn, auf die der Helmrand einen roten Streif gedrückt hatte, streckte die eisengeschienten Beine auseinander und lümmelte sich behaglich ins Gras. Eine Stunde verging, und der sonnenschöne Junitag wollte sich zu leuchtendem Abend wenden. Da sagte Juliander: „Herr, die Hauptleut kommen!“ Der Ritter erhob sich, stülpte den Helm über den Kopf, machte den Esel fertig und stieg in den Sattel. An die sechzig Leute waren es, die vom Lager kamen, junge und bejahrte Männer, alle gut gerüstet, mit den Waffenstücken, die sie am Schladminger Tag den adeligen Herren abgenommen hatten. An der Spitze der Leute ging ein schwarzbärtiger Mann mit bleichem Gesicht, mit ernsten Augen, aus denen die Sorge redete. Das war der oberste Hauptmann der Bauern, Michel Gruber von Bramberg, der Seiger des Schladminger Tages. Noch andere Hauptleute kamen mit ihm, die Vorstände der Gewerkschaften, des evangelischen Knappenbundes, und die Sprecher von fünfundvierzig Gemeinden. Juliander ging auf den Hauptmann zu und bot ihm die Hand. „Was ist beschlossen, Gruber?“ „Allweil schreien sie noch, daß man losschlagen muß. Und die Leut haben recht!“ Ein bitteres Lächeln zuckte dem Mann um die bärtigen Lippen. „Gleich wenn ich heimkomm, muß ich losschlagen – meine letzte Kuh an den Metzger. Daß ich mit Weib und Kinder fortziehen kann in evangelisches Land.“ Erschrocken sah Juliander den Hauptmann an. „Gruber!“ „Du und ich und hundert dazu, die machen es nimmer. Alles ist hin. Müssen wir halt schauen, daß wir den Leuten noch das Leben herausschlagen. Wer ist der Ritter, der uns Botschaft bringt?“ „Ich weiß nit.“ Gruber ging auf den Ritter zu. „Herr, ich bin der Michel Gruber. Und wer bist du?“ „Das wird sich weisen!“ Mit forschendem Blick betrachtete der Ritter den Führer der Bauern. Der fragte: „Was willst du von uns?“ „Bürgst du für redlichen Frieden, so lang wir reden?“ „Ich bürg! Wann kommt der Mann, der im Namen des Herzogs mit uns verhandeln soll?“ „Der wird gleich da sein!“ Der Ritter stieg aus dem Sattel. „Deine Leut sollen sich niederhocken. Und schick in das Haus da um einen Sessel! Der Mann des Herzogs hat einen schweren Hinter und sitzt lieber, als daß er steht.“ Die Leute lagerten sich in der roten Sonne auf dem Anger. Als man den Sessel brachte, hängte der Ritter den Zaum des Maulesels über die Lehne und ließ sich nieder. „So, Leut! Des Herzogs Mann ist da!“ Sie guckten ihn verwundert an. Einer, der aussah wie ein Quartiermeister der Landsknechte, sollte der herzogliche Sendmann sein, der über Krieg und Frieden zu entscheiden hatte? Michel Gruber meinte: da müßte der Ritter schon erst eine Vollmacht vorweisen, eh man ans Unterhandeln ginge. Der Ritter lachte, nahm den Zweihänder zwischen die Knie und sagte: „Ich halt dafür, daß mein Namen Vollmacht genug ist. Ich bin der Jörgi Frundsberg.“ Da gab’s einen Aufruhr unter den Leuten. Juliander, dem es heiß ins Gesicht fuhr, stammelte: „Der Meister Jörg? Der seid Ihr!“ „Ja, Bub! Und du sollst vom Meister noch was lernen!“ Schmunzelnd nickte Frundsberg dem Buben zu, während die Bauern laut durcheinanderschrien. Daß der Feldhauptmann des bayrischen Heeres so zu ihnen käme, allein, im Landsknechtkyrriß, auf einem Esel? Das wollten sie nicht glauben. Ein langer Bursch in schwerem Harnisch meinte: „Da könnt ich auch sagen, daß ich der Frundsberg bin.“ Herr Jörg trat lächelnd auf ihn zu, packte den langen Kerl mit der linken Faust an der Bauchschale des Panzers, hob ihn in die Luft, stellte ihn wieder zu Boden und sagte: „So, mein Bruder Thomas, jetzt mach mir’s nach, und dann sollst du sagen dürfen, daß du der Frundsberg bist!“ Ein heiteres Geschrei erhob sich. Kraft ist für den Bauer eine heilige Sache, ein Beweis, der überzeugt. Man hörte aus dem Lärm eine Stimme: „Der ist’s! Daß er einen Mann mitsamt dem Panzer lupft, das steht in einem Lied!“ Eine andere lachende Stimme: „Teufel, ist das einer! Mit dem möcht ich nit fingerhakeln!“ Und ein Dritter verstand das nicht: „So ein fürnehmer Herr? Und reitet auf einem Esel?“ Herr Jörg hörte dieses Wort und drehte das Gesicht. „Warum denn nit? Ich mach es nit anders, als die tausend Herren im Land, von denen jeder auf seinen Bauren herumreitet.“ Jetzt lachten sie alle und nickten mit den Köpfen. Sie verstanden: das war nur halb ein Scherz. Und fühlten: der meint es gut mit uns. Ein lautes Reden begann. Als Herr Frundsberg zu seinem Sessel kam, trat ein graubärtiger Mann auf ihn zu, der unter den Eisenschienen das schwarze Kleid eines Knappen trug. „Herr?“ sagte er leis, mit einer Stimme, die vor Erregung zitterte. „Ist eine Frag erlaubt?“ Frundsberg nickte. „Es geht unter den Evangelischen die Red, daß Ihr vom Bruder Martin eine gute Meinung habt.“ Der Mann zog aus seinem Wams ein zerknülltes Blatt hervor – das Flugblatt wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern. „Herr! Schauet das Blättl an! Man hat viel Falsches unter die Bauren geworfen, daß man dem neuen Wesen einen Possen und schaden anhängt. Gelt, Herr, das da – das ist auch falsch?“ Der Mann hatte die Augen eines Dürstenden. „Das da?“ Herr Frundsberg runzelte die Stirn und sagte kurz: „Das ist wahr und echt.“ Der Mann zerdrückte das Blatt in der Faust. „So weiß ich, was ich tun muß!“ Er wollte gehen. Frundsberg klammerte die Hand um den Arm des Mannes. „Mensch? Was willst du?“ „Heimgehen. Zweitausend evangelische Knappen gehen mit mir. Das kleine Blättl hat unser große Hoffnung zerschlagen.“ Herr Jörg schien in Erregung nach einem Wort zu suchen. Noch immer hielt er den Arm des Mannes fest. Dann sagte er: „Geh oder bleib! Ich weiß dir keinen Rat. Aber was du tust, das tu mit Schweigen. Um der anderen willen.“ Ohne Antwort löste der Mann seinen Arm und ging davon. Frundsberg ließ sich auf den Sessel nieder und nahm den Zweihänder zwischen die Knie. Er brauchte eine Weile, um der Bewegung Herr zu werden, die in ihm zu stürmen schien. Dann lachte er trocken vor sich hin, blickte auf, guckte die Bauern an und rief mit einer Stimme, die lustig klingen sollte: „Also, Leut, jetzt sind wir beinander, als hätten uns die Tauben zusammengetragen! Jetzt können wir das Maul aufreißen. Ich mein‘, das versteht ihr. Seit drei Monaten haben neunzig von hundert Bauren nichts andres getan. Und haben gemeint, sie brauchen nur fleißig den Rachen aufsperren, und die gebratenen Gäns der Freiheit fliegen ihnen hinein. Ist’s wahr oder nit?“ Michel Gruber nickte mit trübem Lächeln. „Ja, Gott sei’s geklagt, das ist wahr!“ „Hättet ihr flinker die Fäust gehoben und langsamer mit dem Maul geklappert, so tätet ihr heut den Herren den Frieden bieten. Das wär gesünder fürs Reich, als für den Fisch das frische Wasser. Jetzt ist es, wie es ist. Und daß wir vom Fleck kommen – loset, Leut! Gestern ist Kriegsrat gewesen, und wie der Gesandte des Bischofs geraten hat, man soll euch heut aus dem Lager werfen, hat ein anderer gemeint, daß des Herren- und Baurenbluts in unserem armen Land schon genug vergossen wär. Und hat gemeint, man soll’s mit den Bauren in der Güt versuchen, zum ersten, weil die Wurst zwei Zipfel hat, und zum andern, weil der Bauer auch ein Mensch ist und mit gutem Recht von seinem Herrn ein menschliches Leben verlangen kann.“ „Herr,“ sagte Michel Gruber, „den Fürschlag habt Ihr getan!“ „So? Meinst du?“ Frundsberg lachte. „Also, der Fürschlag, vom Herzog von Bayern hilfreich unterstrichen, ist durchgegangen. Ich hab mir’s ausgebeten, daß ich mit den Bauren reden darf. Morgen hätt ich kommen sollen. Heut hab ich mir gedacht: ein gutes Werk wird um so besser, je geschwinder man’s tut. Drum bin ich da. Ich bin allein gekommen, weil ich den Bauren gut bin und weil ich denk, daß wir leichter den Speck von den Schwarten schneiden, wenn zwischen euch und mir kein Pfaff und Hofrat steht. Hab ich recht, Leut?“ In ihrer Freude drängten sie auf ihn zu, als möchte jeder seine Hand fassen. Es dauerte eine Weile, bis es so ruhig wurde, daß Herr Frundsberg wieder reden konnte. „Loset, Leut! Weil euer Anspruch auf menschliche Freiheit und auf mindere Beschwerung mit Lasten ein gerechter ist, und weil neben schreienden Narren auch Leut unter euch sind, feste und redliche, wie man sie braucht im Reich, wenn es seinen schweren Binkel Not vom Buckel schütteln will, drum soll euch der Frieden so gegeben werden, wie ihr ihn haben wollt. Was ihr verlangt habt in euren Artikeln, das will man euch bieten. Alles!“ Dem Michel Gruber schoß das Wasser in die Augen, als er stotterte: „Herr! Jetzt lügst du aber!“ „So? Meinst du?“ Frundsberg schmunzelte. „Laß mich nur weiterreden! Ich bin noch nit fertig. Mit meiner Red ist’s wie mit den Immen, die einen süßen Schnabel und einen sauren Stachel haben. Das Süße habt ihr geschmeckt, jetzt kommt das Bittere. Gerechtigkeit muß sein auf der Welt. Oder alles geht drunter und drüber. Der Bauer ist ein Mensch, drum muß man ihm Gerechtigkeit geben! Ist das wahr?“ Alle Stimmen schrien das Ja. „Aber ein Herr ist auch ein Mensch. Drum muß man auch Gerechtigkeit geben für die Herren! – Schau nur, da schreit jetzt keiner mehr!“ In dieser Stille erhob sich Frundsberg vom Sessel, und scharf klang seine Stimme. „Am Schladminger Tag, da habt ihr euch geschlagen wie die Bären. Am andern Morgen seid ihr Wölf geworden und habt den wehrlosen Hammeln die blutigen Köpf vom Leib gerissen. Pfui Teufel, Bauren! Ihr habt euch aufgeführt, daß Schand und Grausen hängen geblieben ist an eurer guten Sach. Das sollt ihr büßen nach Gerechtigkeit!“ Es erhob sich ein wirrer Lärm, aus dem man Julianders klingende Stimme hörte: „Luset, Leut! Wie ich geschrien hab zu Schladming, hat keiner mich hören mögen. Jetzt müßt ihr’s hören von einem, der euer Wohl und Weh in der Hand hat!“ Frundsberg – mit einer Stimme, wie sie die Landsknechte an ihm kannten in der Schlacht – rief in das kreischende Gewirbel: „Euren Frieden sollt ihr haben. Das ist Gerechtigkeit für die Bauren. Jetzt her mit den Schuldigen von Schladming! Das ist Gerechtigkeit für die Herren. Der die meiste Schuld hat, soll büßen mit seinem Kopf, und seine ganze Gemeind soll büßen mit ihm. Die anderen sollen ihr volle Freiheit haben.“ Da schrillte eine Stimme: „Die Meinigen sind ohne Schuld. Der Bichler-Andrä von Golling ist’s gewesen, der den Fürschlag getan hat, daß man die Herren köpfen soll. Die Gollinger müssen büßen.“ Einer der Männer fuhr wütend auf den Sprecher zu: „Du Lump! Das lügst du! Der Andrä ist bloß das Manndl gewesen, an dem man gezogen hat. Der lange Seppl von Puch hat ihn aufgehetzt. Die Pucher sollen büßen.“ Gleich war ein Dritter da, der mit allen Eiden schwor: das wär‘ gelogen, und der zu Schladming am ärgsten für die Schandtat geschrien hätte, das wäre der Hofmeier von Kuchl gewesen. Drum müßten die Kuchler büßen, und die Pucher müßten ihre Freiheit haben. Immer heißer wirrte sich das Geschrei ineinander, jeder schob die Schuld auf den Nachbar, jeder wollte seine Freiheit haben und den anderen büßen lassen. Schon waren sich zwei in ihrem Zorn mit den Fäusten an die Gurgel gefahren; schon hatten sich viere bei den Haaren gefaßt; und ehe man noch herausbrachte, wer der Schuldige wäre, hatte sich die ganze Friedensversammlung verwandelt in einen raufenden Menschenknäuel, in dem die Fäuste niederdroschen auf die Helme und Harnische der zu Schladming ermordeten Ritter. Das tat den dreschenden Fäusten weher, als den Köpfen und Schultern, die unter dem schützenden Eisen staken. Michel Gruber, Juliander und ein paar andere machten vergebliche Versuche, die Ruhe herzustellen und diese klopfenden Schreier zur Besinnung zu bringen. Die hörten auf keine gütliche Mahnung, auf kein Wort des Zornes. Sie kamen erst zur Besinnung, als sie ein Lachen hörten, das mit seinem saftigen Klang den zeternden Lärm übertönte. Dieser Lachende war Herr Jörgi von Frundsberg. Er lachte, daß ihm auf seinem hüpfenden Bauch der Harnisch klapperte und daß ihm aus den klein gewordenen Augen die Tränen über die breiten Nasenflügel kollerten. Und dieses Lachen machte die Bauern still. Erschrocken sahen sie einander an. Und manchem, dem das Blut ins Gesicht fuhr, war es anzumerken, daß die Scham in ihm erwachte. Meister Jörg wischte sich die Tränen von den Wangen. Es fiel ihm schwer, sein Lachen zu bezwingen, als er zu sprechen begann: „Bauren! Bauren! O ihr armen, unverständigen Hammel! Wie die Gimpel auf den Leimruten, so seid ihr mir aufgesessen. Ich mein‘ es gut mit euch. Aber zeigen hab ich euch müssen, wie ihr seid. Mein Wort von der Freiheit für die Bauren und von der Buß für die Herren ist Speck gewesen für die Mäus in euren Seelen. Wahr ist’s: die deutschen Bauren sind, wie Pfaffen und schlechte Herren sie gemacht haben. Drum müßt ihr euch selber erst zu Menschen erziehen, wenn ihr menschliche Freiheit im Reich genießen wollt und dem Reich das Volk sein, das es braucht. Aus den Tagdieben, die mir zulaufen, muß ich, eh ich die Schlacht gewinnen kann, erst brave Landsknecht machen, die leben und sterben füreinander. Jetzt gehet heim, schreiet und saufet nit wieder, wie es euer altes Wesen ist, sondern haltet Einkehr in euren Köpfen und Herzen. Kommt euch wieder einmal die heilige Zeit, in der unser Volk zur Freiheit und unser Reich zu stolzer Mächtigkeit genesen könnt, so lernet von eurem Schaden! Und merket: daß man über schönem Haus ein sicheres Dach nit spreizen kann, wenn nit jeder Balken ein Schutz für den Nachbar ist. Den Bruder fallen lassen und sagen: büß nur du, ich will’s gut haben? Pfui Teufel, Leut! So baut man das Elend, nit das große, feste und schöne Haus für ein Volk.“ Herr Frundsberg, der mit Lachen begonnen, hatte sich den heißen Zorn ins Gesicht geredet. Er nahm den Zügel des Maulesels von der Stuhllehne und bot dem Hauptmann der Bauern die Hand hin. „Michel Gruber! Komm her und schlag ein! Ich weiß, du bist ein tüchtiger Mann. Dir gilt nit, was ich den andern hab in die Ohren schreien müssen. Dir sag ich, daß ich beim bayrischen Herzog einen guten Frieden für die Bauren ausgewirkt hab. Allen Schuldigen will man Pardon geben. Den Bauren, die in Ruh zu ihrer Arbeit heimkehren, soll das Leben erleichtert werden. Alle Lasten, die nach Urkund nit zurückgehen über fünfzig Jahr, der kleine Zehent, der Todfall, die Dorfmaut, der Bubenzins und die Basensteuer sollen aufgehoben sein. Und sind der Luthrischen hundert Köpf in einem Dorf, so sollen sie das Recht haben, einen Pfarrer zu wählen, der ihnen Gottes Wort ohne menschlichen Zusatz predigt. Das ist alles, was ich erwirken hab können.“ „Das ist viel, Herr!“ „Komm zum Abend mit drei Fürmännern der Baurenschaft zum Herzog ins Geläger, daß man die Urkund festmacht und siegelt. Bleibst du aus, so habt ihr morgen den Sturm. Mir tät das Herz weh, wenn es sein müßt. Aber ich bin ein Kriegsmann und steh mit treuem Eid in meines Herren Dienst. Und laß dir noch sagen, Gruber –“ Herr Frundsberg legte dem Hauptmann die Hand auf die Schulter. „Draußen in Schwaben, im Rheinland und am Main, ist durch der Herren Einmut und durch der Bauren Zwietracht alles niedergeschlagen, was schön in die Halm hätt schießen können. Da steht kein Bauer mehr im Feld. Auf Beistand von da draußen darfst du nit hoffen.“ Schwer atmend nickte der Hauptmann. „Und daß ich weiß, wie’s in deinem Geläger ausschaut, dafür hat ein Bruder Judas unter deinen Bauern gesorgt. So ein Lump! Wie er das Geld hat haben wollen, hab ich ihn hängen lassen. Vier Tag noch habt ihr zu leben. Dritthalb Zentner Pulver liegen noch in euren Kisten. Von den fünf Falkonetlen, die der Bub da drüben und seine Schellenberger bei Schladming erobert haben, sind drei zersprungen, weil ihr das Laden nit verstanden habt. Die Hälft von deinen Bauern ist des Elends müd und will heim zu den Wiesen, die man heuen muß. Und bis du ins Geläger kommst, sind zweitausend evangelische Knappen davongezogen. Die haben recht. Kommt die Hoffnung ins Brechen, auf die man gebaut hat, so bricht das Leben. So ist’s bei dir, Gruber. Und bei mir drüben liegen sechstausend Landsknecht zäh am Spieß, viertausend bayrische Söldner sind gestern eingeruckt, und dreißig Feldschlangen warten drauf, daß sie den Tod in eure Herzen werfen. Sei gescheit, Gruber! Um der armen Leut willen, die mich erbarmen. Und Gottes Gruß! Ich denk, ich seh dich am Abend.“ Herr Frundsberg stieg in den Sattel. Da brauchte er sich nicht hoch zu schwingen. Er brauchte nur das Bein zu heben. Alle Erregung schien in ihm erloschen, als sein Blick auf Juliander fiel. Er lächelte. „Bub! Geh her da! Heut am Abend kommst du zu mir ins Zelt. Da hast du meinen Ring. Den brauchst du nur fürweisen am Walltor, und jeder Landsknecht führt dich. Und bring deine Heimleut mit! – Hü, Grauerle!“ Er wandte sich noch im Sattel und rief den Bauern freundlich zu: „Guten Abend, Leut! Morgen ist Frieden, hoff ich!“ Dann ritt er davon, quer über die buckligen Wiesen. Wie der kleine Maulesel in leichtem Trab über die Furchen des Grundes auf und nieder tauchte, und wie der schwerfällige Mann mit seinem festen Hintern auf dem niederen Tiere locker und sanft gerüttelt wurde, das war so drollig anzusehen, daß die Bauenr wieder zu lachen begannen. Auf dem Anger, auf dem sie standen, rief Michel Gruber die Leute zur Entscheidung zusammen. Er sagte ihnen, was der Rat der Ältesten schon seit drei Tagen wußte: daß zu Würzburg alles verloren, Berlichingen geflohen und Florian Geyer gefallen war. Er hielt ihnen vor, was sie von einem redlichen Frieden zu hoffen, von einem unvernünftigen Kampf zu befürchten hätten. Da gab es kein langes Besinnen. Am Abend, als der rote Glanz hinüberblaute in die Nacht, wanderte Michel Gruber mit fünf Friedenszeugen zum Lager des Herzogs, alle in ihren Bauernkleidern, ohne Harnisch, die kurze Wehr am Gürtel. Nur Juliander, der ihnen mit Witting und Maralen folgte, trug noch das blinkende Eisen und die Klinge des Thurners. Als sie bei sinkender Dämmerung zum Walltor kamen, ging mit rasselndem Trommelschlag der Zapfenstreich durch die Lagergassen. Ein Leutnant, der mit zwölf gerüsteten Hellebardieren beim Tor schon gewartet hatte, geleitete den Michel Gruber und die Friedensboten zum Zelt des Herzogs. Ein Landsknecht führte Juliander und die beiden, die mit ihm gekommen waren, zum Zelt des Frundsberg. Während Maralen keinen Blick von der Erde hob, musterte Witting das bunte Leben des Lagers, die Gestalten an den Feuerstätten, die singenden Landsknechte und die blinkenden Waffenpyramiden vor den Zelten, deren weiße Tücher im Abendwinde rauschten. Auch Julianders Augen irrten überall umher; sie schienen nicht zu sehen, nur immer zu suchen. In dem Buben war ein Aufruhr, daß sein Atem ging wie nach hastigem Lauf. Da kamen sie zu einem freien Platz, auf dem sich ein großes Zelt gesondert von den andern erhob. Sechs mächtige Fahnen, mit deren zerfetzten Seidentüchern der Wind spielte, waren vor dem Eingang des Zeltes aufgepflanzt, und stämmige Landsknechte mit ihren Langspießen hielten die Wache. Witting faßte Maralen am Arm und hielt sie zurück, während der Bub, das Schwert des Thurners an die Brust geklammert, durch das Spalier der Wache ging. Der Landsknecht, der ihn führte, schob das Zelttuch beiseite. Juliander, obwohl der Eingang des Zeltes zwei Mannshöhen hatte, bückte sich wie vor einer niederen Tür. Er sah nur, daß im Zelt eine Wachsfackel brannte. Alles andere schwamm vor seinen Augen. Ein leiser Schrei in Freude, ein welscher Fluch wie ein Lachen. Und da flog ihm sein Glück entgegen mit offenen Armen, und wieder war es dem Buben wie am Morgen auf der Brücke der Burghut, so heiß auf den Lippen, so brennend im Herzen. „Fräulen,“ stammelte er mit versagendem Atem, „Herr du mein! Das ist ja doch Narretei!“ „Der Babbo sagt’s auch! Aber Lieb, die nit närrisch sein kann, ist nit die rechte!“ Weil er noch immer wie versteinert stand, griff sie mit beiden Händen in die Armschalen seines Panzers und rüttelte ihn. „He! Du! Wach auf! Ich bin’s!“ Das Mädel lachte. „Oder magst du mich nit?“ Da sah er sie an, so leuchtend, als wäre ihm aller Himmel des Lebens in die Augen gefallen. „Du Not – du Glück –“ Und umschlang sie und drückte sie an das blaue Eisen seiner Burst, daß sie stöhnen mußte und dennoch lächelte. „Bub! Diavolo scatenato!“ fuhr Herr Lenhard dazwischen. „Druck mir das Räppl nit zu einem Butterfladen zusammen! Ein bißl was muß mir auch noch bleiben von ihr!“ Erschrocken öffnete Juliander die Arme. Morella, sich dehnend, sagte ernst zu ihrem Vater: „Babbo, jetzt hab ich’s auch gemerkt, was für einen starken Arm mein Bub hat! Morgen wirst du mir von deinem Balsam geben müssen, der für die blauen Flecken hilft.“ Sie lachte wieder und faßte Julianders Hand. Wie ein Schwindel überkam es ihn. Er fiel auf eine Truhe, daß Morella erschrocken fragte: „Herzlieber, was hast du denn? Du wirst mir doch in dem dummen Krieg nit krank geworden sein? Was hast du, Bub?“ „Was soll er haben?“ brummte Herr Lenhard. „Das besoffene Elend vom Rausch seiner Lieb!“ Er schob die Hände hinter den Gürtel und wanderte pfeifend zum Zelt hinaus. Morella hatte sich zu Juliander auf die Truhe gesetzt. „Du Lieber! So red doch ein Wörtl!“ Er sah sie an in aller Freude seines Glückes, in allem drückenden Schmerz der Gedanken, die ihn durchwühlten: „So viel Tausend müssen ihr Elend leiden! Und ich allein soll das Glück haben?“ „Du allein? Ich bin doch auch dabei!“ Sie schmiegte sich an seine Brust und spürte eine harte Kante seines Panzers. „Allweil das dumme Eisen!“ murrte sie und suchte den Riemen, mit dem der Panzer geschnallt war. „So tu doch das herunter! Das tu tmir ja weh, wenn ich dich lieb hab.“ Mit seinen zitternden Händen half er ihr, die Riemen zu lösen. Das blaue Eisen klirrte, als es zu Boden fiel. Dann nahm er scheu ihr brennendes Gesicht zwischen die Hände. „Kann’s denn wahr sein?“ Sie küßte ihn auf den Mund. „Wenn das gelogen ist?“ Da fiel ihm der Glaube in seine zitternde Freude. Während die beiden dürstend aus dem roten, heißen Kelch ihres Glückes tranken, wurde das Zelttuch gehoben und Herr Lenhard schob den alten Witting und die Maralen herein. „Da, Bauer, schau, was dein Lümmel von Bub meinem Herrenleben abgefochten hat! Jetzt kann ich die Kriegskosten zahlen und mein bissel Silberzeug verkitschen, daß wir Geld auf Leinwand kriegen!“ Maralen schwieg. Witting strich mit der Hand das weiße Haar in die Stirne. „So? Mein Bub? Freilich, mein Bub –“ Es glänzte in seinen Augen. Morella ging auf den Alten zu. Schweigend, ein wenig verlegen, reichte sie ihm die Hand. Als sie sich zu Maralen wandte, konnte sie sprechen. „Schwester!“ Zögernd faßte Maralen die Hand des Fräuleins. Klirrende Schritte klangen. Herr Frundsberg trat in das Zelt. Jetzt trug er das bunte, kostbare Hofkleid und um die Brust einen leichten Prunkpanzer, dem die flackernde Kerzenflamme hundert funkelnde Sterne auf die silberplattierten Schalen streute. „Lenhard,“ rief er lachend, während er die gelben Handschuhe von den Fäusten zerrte, „der Frieden ist ausgebachen. Grad haben wir ihn aus dem Ofenrohr gezogen, wie er noch geraucht hat. Beim Siegeln ist mir ein heißer Wachstropfen auf die Hand gefallen. Gottlob, ich hab mir wenigstens das Maul nit verbrannt. Und hab doch alles herausgeschlagen für die Bauren. Aber Beißen hat’s gekostet!“ Da sah er das junge Paar und blieb eine Weile stumm. Dann ging er auf die beiden zu und legte ihnen die Hände auf die Schultern. „Recht so, Kinder! Ihr löset den Krieg zwischen Herr und Bauer auf eure Weis. Fast mein‘ ich, als wär’s von aller Weis die beste. Das Land braucht wieder Leben. Euer Glück ist ein gesundes. Das wird feste Buben geben. Der erste soll Jörgele heißen. Den heb ich über die Schüssel. Gilt’s? Und kann ich für euch was tun, Kinder, ich tu’s. Das lautere Glück zweier Menschen ist ein heilig Ding. Das sollt man ins Tabernakel stellen.“ Herr Frundsberg lachte. „Eine Kirch kann ich euch freilich nit bauen. Aber willst du dein Leben an das meinige binden, so komm mit mir, Bub! Sollst eine Burghut haben und drei Meierhöf als Lehen dazu.“ „Herr!“ stammelte Juliander, ohne die Hand zu rühren. Da versetzte ihm Herr Lenhard einen Puff. „So greif doch zu! In meinem Ratzenloch kann ich dich eh nit haben. Du mußt hinaus ins Leben. Und das Räppl soll mit. In Gottesnamen! Das Mädel kann doch nit zu seinem haarigen Eichkatzl in den Käfig heuern!“ Wieder lachte Meister Jörg. „Besinn dich, Bub! Dann reden wir drüber. Und der Bauer da? Das ist dein Vater?“ „Ja, Herr!“ Frundsberg reichte dem Alten die Hand. „Bauer, ich kenn dich nit. Aber dein Bub ist eine gute Red für dich. Und das junge Weib da?“ Herr Lenhard murmelte dem Meister Jörg ein paar Worte ins Ohr. „Die mit den roten Fäden?“ Ernst betrachtete Frundsberg das vergrämte Gesicht der Maralen und strich ihr mit der Hand über die Zöpfe. „Da seh ich Fäden – die sind grau geworden. Was sagst du zu deines Bruders Glück?“ „Daß mein Leben wieder eine Freud hat.“ „Und Freud, die möchte man allweil sehen, gell? Was meinst du, Alter? Der Truchseß hat mir in Schwaben draußen so viel gute Bauren totgeschlagen, daß mir ein paar fleißige Schaffer wie gewunschen kämen. Magst du mit?“ Witting schüttelte den weißen Kopf. „Soll der Bub sein Glück haben. Für mich zahlt sich’s nimmer aus, die paar Jährlen! Das Lenli und ich, wir kommen schon aus miteinander. Gelt?“ „Ja, Vater!“ sagte Maralen ruhig. „Und daheim, da hab ich den Brunnen, hab mein Gärtl, hab den Holunder und unser Bänkl dabei.“ Frundsberg nickte. „Heimat ist ein Ding, das eiserne Klammern hat. Soll einer auf neuen Boden steigen, so muß er ein neues Leben finden wie der Bub da!“ Er wandte sich zu Juliander und lachte. „Ein Leben wie im Honigtiegel wird’s nit werden. Bei mir wirst du Arbeit kriegen!“ Juliander reckte sich. „Herr, ich bin der Eurig auf Treu und Leben!“ Der Thurner, in der heißen Neugier seines Landsknechtherzens, fuhr mit der Frage dazwischen: „Jörg? Was meinst du mit deiner Red? Geht’s irgendwo schon wieder los?“ „Glaubst du, Lenhard, daß der Frieden geschaffen ist, weil wir heut ein Quentl Wachs auf Pergament getröpfelt haben?“ Furchen gruben sich in die Stirn des Ritters. „Wo das erste Feuer aufschlagen wird, das weiß ich nit. Aber brennen wird’s! Ins Reich ist ein Zwiespalt geworfen, aus dem der Hader auffliegen wird wie Staub von dem Mehlsack, den man klopft. Aus unserer blutigen Zeit hätt ein großes Ding herauswachsen können, ein starkes Volk mit freier Kirch. Das ist verloren und vergeudet, wer weiß wie lang? Alles Gute ist in Verruf gekommen, und Dreck ist in die Räder des deutschen Wagens geronnen, statt daß man sie geschmiert hätt mit frischem Öl. Der Bauren Versuch, die Freiheit aufzurichten, hat scheitern müssen, weil ihnen der eigene Löffel mehr gegolten hat als die Schüssel der Gemeinschaft. Und weil sie versäumt haben, über sich selber zu wachen und des Bruders Leben so wert zu halten wie das eigene.“ „Lenli!“ flüsterte Witting und klammerte die Hand um Maralens Arm. „So redet ein Herr!“ „Ja, Bauer! Nit die Fäust der Herren haben das Volk über den Haufen geworfen, sondern die eigene Torheit.“ Herr Frundsberg begann die Schnallen des silbernen Panzers zu lösen, als wäre seiner mächtigen Brust unter dem starren Metall das Atmen schwer geworden. „Aber der deutsche Acker ist aufgewühlt. Furchen sind gezogen und gute Keim sind dreingeworfen. Die Zeit wird kommen, in der sie aufgehen. Unter den Menschen ist viel Geschmeiß. Aber im Volk sind Leut wie der Bub da, und unter den Herren sind Männer wie der Geyer einer gewesen ist. In uns Deutschen ist das Gefühl der Mündigkeit erwacht, die Ahnung was wir sein könnten in freier Einigkeit. Mögen die Bauren ihre blutigen Köpf zur Kühlung in den Mist stecken, mögen die Herren in ihrem Unverstand und Hochmut so tun oder so – alles wird kommen, wie es muß! Der Völker Historia ist ein lebendig Ding, das ewige Dauer hat und ein unverbrüchlich Gesetz. Und steigt den Deutschen das Wasser bis an den Hals – gib acht, Lenhard, dann besinnen sie sich auf das Rechte. Und sammeln mit festem Hornruf um das Reich, was deutsches Blut hat. Und werfen hinaus aus dem Land und aus ihren Seelen, was undeutsch ist. – Tun sie es nit, so werden sie aufgefressen von der Zeit und vom eigenen Unfried.“ Draußen ging mit Trommelgerassel der zweite Zapfenstreich durch die Lagergassen. Im Zelt war’s still eine Weile. Und in diesem Schweigen war etwas heilig Ernstes. Sechs Menschen, vom Leben zusammengeführt aus Burg und Hütte – sechs Menschen in Macht und Armut, in Elend und Glück – und in ihnen allen das gleiche Gefühl, der Ernst der Stunde an einer Wende der Zeit, zwischen dem Alten und Neuen, zwischen dem Abgelebten und dem Kommenden. „Es hat zum anderenmal umgeschlagen,“ sagte Herr Frundsberg und löste die Feldbinde von den Hüften, „ich muß dich heimschicken, Lenhard. Nach dem zweiten Streich darf keiner bei den Zelten bleiben, der nit zum Fähnl gehört. Das ist Lagergesetz.“ Er reichte allen die Hand und sagte zum Thurner: „Komm morgen mit dem Buben! Dann reden wir weiter.“ Die Nacht war finster geworden, als sie das Lager verließen. Kaum schied man noch das ebene Land von den Gehängen des Untersberges, kaum noch die Berge von der dunklen Höhe. Man wußte nur: dort, wo so klein die Sterne funkelten, das war der Himmel – alles andere war Erde. Nur gegen Norden lag eine falbe Röte in der Finsternis, wie der Schein einer Brandstätte, auf der die Gluten erlöschen wollen. Das war die Nachtröte der Stadt mit den glimmenden Fenstern der Hohensalzburg. Bei Anif drüben, wo sich das Lager der Bauern dehnte, sah man keinen Feuerschein. Da war alles schwarz. Ein summender Lärm quoll über die Felder, halb verweht von dem frischen Hauch, der über die Berge niederstrich und auf dem ebenen Moorland die schwüle Luft erfrischte. Schweigend folgten die Fünf, die das Lager verlassen hatten, ihrem Wege durch die Nacht. Herr Lenhard ritt voraus. Witting und Maralen schritten hinter ihm. Neben dem Braunen, der im Sattel das Fräulein schaukelte, ging Juliander. Er hatte den Zügel des Tieres um den Arm gewunden und hielt die Hand der Geliebten umschlossen. Mit seinen Falkenaugen sah er in der Finsternis jeden Stein auf der Straße, jede Furche, jede schlammige Stelle. Dann drängte er mit dem Arm das Tier auf besseren Weg. Leute trafen mit ihnen zusammen, immer wieder, schritten in Hast vor ihnen her oder blieben müd auf der Straße zurück. Bald in größerem Trupp, bald einzeln und wieder paarweis, die meisten stumm und eilfertig, manche mit erregten Stimmen schwatzend, tauchten sie aus der Finsternis auf, folgten der Straße oder kreuzten sie und verschwanden wieder im Dunkel. Noch am Abend, als Michel Gruber den Frieden ins Lager brachte, war die ganze Heerschar der Bauern auseinandergelaufen. Zwölftausend rannten in der Nacht davon, mit seufzender Hast, der eine da hin, der andere dort hin, jeder zu Weib und Kind – ob sie noch lebten? – zu seiner Hütte – ob sie noch stand? – zu seinen Wiesen, die man mähen mußte, zu seiner Kuh, die am Kälbern war, zu seinen Äckern, auf denen er in diesem Jahr den Samen nicht ausgeworfen hatte. Als Herr Lenhard, umgeben von einem hastenden Menschenschwarm, mit den Seinen in das enge Tal der Burghut einritt, klang über das Grödiger Moor ein dumpfes Dröhnen und wirres Klingen. Die Bürger von Salzburg läuteten mit allen Glocken den Frieden ein; und der hochwürdigste Kirchenfürst Matthäus schoß Viktoria mit seinen Mauerschlangen und Kartaunen. Am andern Tag wurde auf der Hohensalzburg große Tafel im Fürstensaal gehalten. Man schwatzte bei rauschender Musik, begoß den jungen Frieden mit altem Wein, und Herr Matthäus, der vom Papste mit dem Lorbeer gekörnte Dichter, sprühte von Geist und Laune, sang zur laute eine Hymne auf die schönen Frauen und machte so witzige Epigramme über die Bauern und ihren Krieg, daß ihn die lachenden Domprälaten mit Beifall überschütteten. Nach den Festtagen blieben tausend Waffenknechte in dem friedlichen Land zurück, fünfhundert für Burg und Stadt, vierhundert für Hallein und das Pongauer Tal, hundert für Berchtesgaden, um Herrn Wolfgang von Liebenberg und seine Chorherren in das verwüstete Kloster zurückzuführen. Schon nach vier Wochen hatten die Bürger und Bauern des Salzburger Landes alle Ursach, eine Gesandtschaft an den Herzog von Bayern zu senden, mit Beschwerden wider den Bischof, der den beschworenen Frieden nicht gelten ließ. „Den Frieden hat der Frundsberg mit den Bauren gemacht. Der und die Bauren sollen ihn halten. Ich habe den Frieden nicht unterschrieben.“ So erklärte Herr Matthäus und zwackte den Bauern von den Bestimmungen des Vertrages ab, was sich biegen und brechen ließ. Dennoch hatten die Bauern in den Bergen mit diesem Frieden noch das bessere Los gezogen, als die Bauern am Neckar draußen, am Rhein und am Main. Da würgte die Rache der Herren ohne Schonung. Des Blutes, das man über die Schafotte rinnen ließ, wurde so viel, daß sich die Wirkung dieser grausamen Strenge in das Gegenteil verkehrte, und daß sich der zitternde Schreck des Volkes in lachenden Galgenhumor verwandelte. Den Henker nannte man den ‚Meister O weh‘ und den ‚roten Bruder Überall‘. Sogar die Verurteilen, die das rote Brett besteigen mußten, wurden von dieser grauenvollen Lustigkeit der Zeit befallen. Einer, dem man zu Kitzingen die Augen ausstach, sagte lachend: „Gottlob, jetzt brauch ich keinen Herrn mehr sehen!“ Ein anderer, zu Bamberg, als der ‚Meister O weh‘ schon das breite Eisen hob, fragte schmunzelnd: „Wenn du mir das Köpfl heruntertust, wo soll ich denn meinen Hut hinsetzen?“ Ein Dritter, ehe der Streich fiel, sagte: „So löst man Steuern ab!“ Und ein junger Bauer, den sie vor dem Ulmer Dom auf das Rad flochten, sang mit heller Stimme:
Die das Lied gehört hatten, trugen es weiter. Viele, die es sangen, dichteten neue Verse dazu. So sprang es mit seinen hundert Reimen von Dorf zu Dorf und wanderte vom Rhein bis an die Moldau und bis zur Muhr. Wenn die Bauern durch Wald und Felder gingen, wenn sie daheim saßen am Herd, wenn sie schwitzten in ihrer Mühsal, und wenn die Buben im Mondschein am Fenster ihres Mädels vorübergingen, überall sangen sie:
Die Hoffnung des Volkes war zerschlagen. Das deutsche Volk fing wieder zu hoffen an. |
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