Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
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Kapitel 14

Es blieb noch immer Regenzeit, als man die Annamarie zur verlässlichen Ruhe trug. Der Krispin Sagenbacher, mit dem Hausnamen Gschwendtner, fehlte auch diesmal unter den Gästen. Jetzt hielt ihn wirklich die Bauernsorge um seinen verregneten Roggen in Zipfertshausen fest.

Neben der Straße, die der dunkle Zug zu gehen hatte, waren die für das Privatgeschäft des Herrn Wohlverstand schanzenden Arbeiter daran, die hohen Masten der elektrischen Leitung aufzurichten. Jeder dieser geschälten Bäume hatte in weißer Farbe einen Ring, auf den die rote Zickzacklinie eines Blitzes mit Widerhaken gemalt war. An jeden zehnten Mast ließ Herr Wohlverstand eine Tafel mit der Inschrift nageln: „Vorsicht! Hochspannung! Beschädigung der Leitungsdrähte ist lebensgefährlich! Jede Haftpflicht wird abgelehnt!“ Zweihundert solcher Tafeln hatte Herr Wohlverstand malen lassen. Als die Stromleitung vollendet war, standen im Wildachtal der Warnungstafeln zweihundertundeine. Die überzählige war keine neue, nur eine renovierte: „Verbotener Weg!“

Lärm und Leben war in den folgenden Wochen durch das ganze Tal hin. Die fünfhundert Arbeiter, die ihr Werk zu Füßen der Großen Not vollendet hatten, waren ins Tal herausgezogen, um das weite Kiesbett der Wildach zu regulieren. Das war leichte Arbeit. In der milden, fast frühlingshaften Sonne des September wurde sie auch eine heitere. Vom Morgen bis zum Abend klangen die fremden Lieder und dazwischen die Jauchzer und das Lachen der Einheimischen.

Herr Friedrich Wohlverstand, der sich seit den Grundablösungen aus irgendwelchen Gründen im Wildachtal nimmer hatte blicken lassen, traf am 4. Oktober im Gasthaus ‚Zum goldenen Posthörndl’ ein, um der Übergabe des vollendeten Werkes an den Regierungsvertreter beizuwohnen und die Vorbereitungen für die auf Sonntag, den 8. Oktober, angesetzte Feierlichkeit in seine geübte Hand zu nehmen.

Gegen Ambros zeigte er gemütliches Wohlwollen und eine wortreiche Anerkennung. Hundertmal wiederholte er sein Lieblingswort: „Respekt, Herr Kollega! Respekt!“ Am 5. Oktober machte er der Frau Lutz einen Besuch, mit einem großen Strauß der herbstlichen Dorfblumen bewaffnet. Am 6. Oktober, bei der geschäftlichen Abrechnung mit Ambros, schob er den Zahlmeister vor und zog sich in den Hintergrund zurück. In seinem biederen Dialekt entschuldigte er das mit den Worten: „Wissen S’, Herr Kollega, Sö san a studierter Herr. Aber unseroans is bloß a Praktikus, wissen S’, mit a bissl Menschenverstand und Gschäftsgoascht. Von die papierenen Sachen, von Soll und Haben, da versteh i halt nix. Da muss i mein’ Biamten wursteln lassen. Is a verlässlicher Mensch, mein Herr Zahlmeister! Der geht streng nach Gsetz und Vertrag.“

Als Ambros von der Abrechnung, die der Zahlmeister mit ihm gehalten, am Abend heimkehrte, sah Frau Lutz an ihrem Sohne das erste Lächeln wieder seit langer Zeit.

Vor Freude schoss ihr das Blut in die schmalen, von feinen Falten durchschnittenen Wangen. „So gut ist alles abgelaufen?“

„Nein, Mutter! Sagen wir lieber: So heiter! Wenn du dabei gewesen wärst, du hättest lachen müssen, geradeso wie ich. Es wären ‚laut Vertrag’ auf meinen Anteil zweiundzwanzigtausend Mark gekommen. Aber man hat mir ‚laut Vertrag’ so viel auf den Buckel geschrieben – ‚zu Lasten’, wie sie das nennen –, dass ich nur noch neuntausend Mark herausbekomme.“

Frau Lutz entfärbte sich. „Bros, das darfst du dir nicht gefallen lassen! Du, der alle Arbeit leistete! Du, der bei dieser ruhelosen Plage seine Gesundheit opferte!“

„Ich? Nein, Mutter! Da übertreibst du ein bisserl. Ich bin gesünder als je.“

„Ja, Gott sei Dank. Aber das da? Nein. Das ist ein Unrecht. Da musst du einen Prozess machen.“

„Den ich verlieren würde. Die Leute sind nach dem Wortlaut des Vertrages in ihrem Recht. Der Schuldige bin ich selber, weil ich diesen Mausfallenvertrag vertrauensselig unterzeichnet habe. Das soll mir eine Lehre sein. Aber hier ist nichts mehr zu machen. Auch hab’ ich die Abrechnung schon signiert. – Ambros lachte. „Und habe drunter geschrieben: ‚Respekt, Herr Kollega, Respekt!’“

Frau Lutz wurde nicht heiter. Weil sie ihrer sorgenvollen Verstörtheit keinen anderen Ausdruck zu geben wusste, packte sie das Bukett der herbstlichen Dorfblumen, das auf dem Tische stand, und warf es zum Fenster hinaus – ohne das Fenster vorher zu öffnen. Die Scherben fielen. Das Bukett lag drunten vor dem Geißstall der Wildacherin.

„Aber! Mutter! Die schönen Blumen hat doch der Herr Friedrich Wohlverstand nicht gemacht, sondern ein alter Praktikus, der bei allen Irrtümern in Wald und Leben doch sehr ehrlich ist.“

Ein Weinkrampf war die Antwort. Bei diesem Schluchzen fuhr der gequälten Frau das lang gehütete Geheimnis aus der Seele heraus: Von dem Erbteil, das sie geopfert hatte, und von der Rente, die schon im letzten Jahre stand. Ambros fasste die Hände der Mutter und zog sie an seine Brust. Die Erregung zerdrückte ihm fast die Stimme: „Damals, als du mir die Kaution nicht geben wolltest, ist in mir ein missmutiger Gedanke gegen dich aufgestiegen. Verzeih mir das! Und jetzt schau mich an! Ich lache. Dass du mich lieb hast, hab ich immer gewusst. Aber so erfahren zu dürfen, dass du das Letzte für mich opfern konntest – Mutter, das ist doch mit dem dreckigen Geld da draußen in der Baracke noch viel zu billig bezahlt.“ Nun sprach er ruhig und frei. „Wir beide miteinander, wir kommen schon durch. Was diese zwei Respektspersonen mir noch lassen von meinem Verdienst, das hilft über die beiden nächsten Jahre hinüber. Inzwischen kann ich mich umsehen. Meine Arbeit wird für mich reden. Ich mache meinen Weg. Nach vorwärts. Da sei ohne Sorge! Aber jetzt musst du mir was zu Gefallen tun!“

„Alles, Kind!“ Ihre nassen Augen glänzten.

„Übermorgen, diese Feier? Die mag ich nicht mitmachen. Ich bestelle den Wagen für uns. Das schwere Gepäck soll uns der Toni nachschicken. Morgen sag ich meinen Arbeitern adieu und schau mir noch mal an, was ich gemacht habe. Übermorgen in der stillen Frühe fahren wir fort. Gelt, ja? Und jetzt gehen wir hinunter. Der Toni und die Beda sind schon drunten. Da wollen wir mit diesen zwei glücklichen Menschen zum Abschied einen herzlichen Abend verbringen. Komm, Mutter!“

Das wurde in der Stube der Wildacherin ein so langer Abend, dass seine letzten Stunden schon als Morgen zu nehmen waren.

Nach kurzer Ruhe, früh um halb sechs, verließ Ambros in der herbstlich kühlen Dämmerung das kleine Haus, wie er seit dem Frühling Tag für Tag zur Arbeit gegangen war. Über den kahlen Wiesen lag ein silbergrauer Hauch: Der leichte Reif, der sich in den Morgenstunden gebildet hatte. Der Himmel brannte in grellem Gelb. Und während sich die Große Not mit purpur getöntem Blau in diesen Schimmer hob, erwachte auf den Zinnen der Sonnleite schon ein erstes Glühen des Tages. Zwischen dem Dunkel der stellen Fichtenwälder begannen die welken Ahornkronen im wachsenden Lichte rot zu glänzen wie stille Feuer. Von einer Niederalpe klang das Röhren eines brünstigen Hirsches. Und durch das ruhige Tal hin summte, gleich einem gedankenvollen Lied, das milde Rauschen der gezähmten Wildach.

Ambros wanderte auf der weißen Straße. Er wandte das Gesicht und sah in der Mansarde noch eine Lampe brennen, sah, wie der Schatten einer Frauengestalt durch den rötlichen Schimmer glitt, den der Schein des jungen Tages schon fast erstickte.

Frau Lutz hatte zu packen begonnen. Vier Stunden. Dann war in den zwei kleinen, weißen Kammern das letzte getan.

In dem veilchenblauen Seidenkleid, aus dessen Nähten sich der Staub der Waldrauschtage nicht völlig hatte herausbürsten lassen, trat Frau Lutz gegen die Mittagszeit auf die sonnige Straße. Sie wollte zum Doktorhause, wollte um ein paar von den Blumen bitten, die da im Garten noch blühten – in dem Garten, den vor erloschenen Jahren ihre eigenen Hände bei Glück und Lachen behütet hatten. Es war eine bedrückende Stunde, der sie entgegenging. Dennoch konnte sie lächeln; etwas froh Erregtes war in ihren Augen. Gleich einer Genesenden nach schwerem Leiden, so empfand sie den herbstlichen Tag, seine milde Sonne, das träumerische Leuchten seiner Farben. Da wurde sie auf der Straße angesprochen. Der Postbote, der zum Wildacherhaus hatte kommen wollen, gab ihr einen Brief, dessen Empfang sie bestätigen musste. Sie wollte ins Haus zurück. Der Mann hatte einen Tintenstift, und die Sache war auf der Straße zu erledigen. Frau Lutz schrieb mit unsicherer Hand ihren Namen auf den kleinen Zettel. Ihre Augen waren in Angst erweitert. Die Hülle des Briefes, der dick war wie ein kleines Buch, trug ein gepresstes Monogramm mit einer Krone darüber.

Als der Postbote davonging, wurde Frau Lutz von einem heftigen Zittern befallen. Ihr Blick irrte verstört ins Leere. Hätte jetzt zu ihren Füßen ein Feuer gebrannt, sie hätte den Brief in die Flamme geworfen, ohne ihn zu öffnen. Die schwer erkämpfte Ruhe ihres Sohnes! Die sollte nun wieder erschüttert, zerrissen und zerschlagen werden?

„An mich? Warum denn an mich?“

Es stand ihr Name da, in einer steilen und großzügigen Schrift, die an den Federstiel eines Riesen denken ließ. Wie viele Blätter auch der schwere Brief enthalten mochte – wenn sie mit der gleichen Schrift beschrieben waren, konnten sie allzu viel nicht sagen. Ruhiger geworden, schnitt sie mit einer Nadel den Umschlag auf. Ein kleiner Bogen von etwas manieriertem Format; und dabei ein zweiter, dicker Brief in unverschlossenem Kuvert.

Sie las, in der Sonne stehend:

„Reichenhall, den 5. Oktober. – Verehrte gnädige Frau! – Von Ihrer Güte darf ich hoffen, dass die anliegenden Zeilen in die Hände Ihres Herrn Sohnes gelangen. Ich hielt es für richtig, das Anliegende unverschlossen zu lassen, weil es nichts enthält, was Sie, verehrte gnädige Frau, nicht wissen sollten, und weil ich jeden Anschein einer sekreten Korrespondenz zu vermeiden wünsche. Ich habe keinen Auftrag. Aber ich glaube Ihnen versichern zu können, dass eine Dame, zu der wir beide in Liebe und Verehrung aufblicken durften, Ihnen ein dankbares Gedenken bewahren wird, solange ein Menschenherz sich noch mit irdischen Dingen zu befassen vermag. Genehmigen Sie, gnädige Frau, den Ausdruck der wärmsten Verehrung, mit der ich verbleibe – Ihre ergebene Johanna von Zieblingen.“

Was konnte an diesen Zeilen, die wenig sagten, auf Frau Lutz so erschütternd wirken? Sie wühlte das Blatt und den dicken, unverschlossenen Brief mit zitternden Händen wieder in den Umschlag hinein, machte jagende Schritte und eilte über die Wiesen zum regulierten Kiesbett der Wildach hinüber, weil sie da drüben einen Trupp von Arbeitsleuten sah.

Der andere Brief, den zu lesen sie nicht mehr den Mut gefunden, lautete:

„Reichenhall, den 4. Oktober. – Sehr geehrter Herr Lutz! Seit gestern bin ich meines Dienstes bei der Frau Herzogin enthoben. Ihre Hoheit traten gestern in Begleitung eines ärztlichen Trains die Reise nach dem Süden an, um den Winter zur letzten Fristung einer bis zum äußersten erschütterten Gesundheit in Ägypten zu verbringen. Neuerliche Blutungen der zarten Atmungsorgane, wie sie schon in früheren Jahren lebensbedrohend aufgetreten waren, haben jede Hoffnung auf Erhaltung dieses kostbaren Lebens ausgelöscht. Ihre Hoheit werden die Heimat mit beseelten Augen nicht wieder sehen. – Seit gestern jeder behindernden Direktive entzogen, halte ich es für meine Pflicht, Ihnen die schmerzliche Wahrheit ohne Rückhalt mitzuteilen. Sie wird Ihr Herz bedrücken, doch nicht belasten. Wie ich selbst mein Gewissen frei weiß von jeder Inkorrektheit, so dürfen auch Sie Beruhigung und Trost in dem Bewusstsein finden, dass Sie nur reines Glück und heiligen Wert in ein freudloses Leben brachten, das schon ein verlorenes war, als die Sonne dieses blühenden Frühlings scheinen wollte. – Ich könnte Ihnen erzählen von einer Nacht, in der zwei süße, zarte Arme um meinen Hals geklammert lagen, während eine beglückte und gequälte Seele zu mir sprach: ‚Ich hätte Mut, Hanna! Aber das Glück ist nur für gesunde Menschen. Und ich bin krank!’ – Wie willensfest dieses edle Frauenherz sich zeigen konnte, als es galt, Ihrem bedrohten Werke zu nützen, das haben Sie ja selbst erfahren. Als ich empfing, was Ihr Dank mir anvertraute, war in der vorausgegangenen Nacht dieses Unselige schon geschehen. Eine Stunde –“

Nach diesen Worten waren drei Zeilen des Briefes durch dicke Federstriche unleserlich gemacht.

„– was sich jeder Aussprache entziehen muss. Auch steht es mir nicht zu, die Meinung des Arztes zu korrigieren, der diesen jähen Rückfall des alten Leidens als einen von äußerlichen Ursachen unabhängigen Krankheitsverlauf betrachtete. Was hat auch dieses Dunkle und Tötende mit der schuldlosen Schönheit zu tun, die wir beide blühen sahen und klingen hörten. – Was nun kommen wird, noch ehe der Frühling wieder blüht, das scheinen Ihre Hoheit mit gottergebener Ruhe zu erwarten, fast zu hoffen. Vor Wochen, an einem besseren Tage, als ich Ihrer Hoheit die geliebte Geige reichen wollte, wiesen Hochselbe das Instrument zurück und sagten: ‚Nein, Hanna! Nicht mehr. Ich höre Musik, die schöner ist als aller Klang, den meine Hände noch erwecken könnten.’ – Als ich vorgestern Abschied nehmen durfte, sahen Ihre Hoheit dankbar zu mir auf, mit diesen Worten: ‚Selig sind, die reinen Herzens bleiben! Ich vergebe allen, die mir weh getan. Und danke jenen, die mich liebten.’ – Dann überwiesen Hoheit meiner Fürsorge, was nach meinem Abschied nicht von kalten Augen gefunden werden sollte. Ich lege das mir anvertraute Gut hiemit in die Hände zurück, aus denen es kam. Das wird für Sie nun ein doppelt Kostbares sein. Ein Heiliges! Durch Tage und Nächte ruhten die kleinen Blätter als ein zärtlich geliebtes Eigentum an einem treuen und reinen Herzen. Ach, Herr Lutz, ich fürchte, Sie werden gar nicht lesen können, was mir da in schmutzigen Flecken so hässlich auseinander fließt. Man sollte sich beherrschen können. Man kann es nicht, wenn man untergehen sieht, was eine schuldlose Blüte des Lebens war. – Ich kann nicht weiter schreiben. Solang ich noch Atem habe, werde ich in meinem Schmerz Ihre treue Schwester bleiben. – Hanna Zieblingen. – – Das muss ich Ihnen noch sagen: Sie dürften an der Stätte Ihrer Wirksamkeit schon in den nächsten Tagen erfahren, auf wie hochherzige Weise Ihre Hoheit das Versprechen einlösen, das Hochselbe der Wildachtaler Gemeinde gab, zum Dank der Hilfe, die Ihrem bedrohten Werke geboten wurde. Ach, Herr Lutz! Sie hätten das frohe, glückliche Träumen in den schönen Augen sehen sollen, als ich Ihrer Hoheit melden konnte, dass alle Gefahr vorüber und die Vollendung Ihres Werkes gesichert wäre. Hoheit sagten – und dies Wort soll mein letztes bleiben –, Hoheit sagten: ‚Da hat er ein restlos Gutes geschaffen!’“ –

An der Wildach eilte Frau Lutz von einer Arbeiterkolonne zur anderen. Überall, wohin sie kam, war Ambros schon gewesen. Auch bei der Notburg holte sie ihn nicht ein.

Als er zur Talsperre gekommen war und die grünen, mit Papierrosen geschmückten Girlanden gesehen hatte, die Flaggenmasten und Wimpelstangen, hatte er keine Sehnsucht mehr empfunden, die Stätte seiner Arbeit noch ein letztes Mal zu überschauen. Bei der Kapelle der heiligen Notburga war er in den von Sonne umwobenen Wald hinein geschritten. Um die Mittagsstunde ruhte er einsam an jener Stelle, an der im knospenden Frühling der Waldrauscher gesungen hatte, als ein junges Weib wie eine schöne rote Flamme vor ihm stand. Er blickte zu dem reinen Blau hinauf, das zwischen den sonnigen Wipfeln strahlte. Ein Blau, so mild, so schimmerig wie ein Maienhimmel. Und der alte, stille, von Schmerzen schwere Wald? War wieder ein Neues in ihm erwacht? Wurde eine verjüngende Kraft in ihm lebendig? Wollte er jetzt, da alles sommerliche Leben der Natur schon bald erlöschen musste, wieder rote Frühlingslieder träumen, in Rausch verfallen und wieder blühen? Überall in seinem Grün war so schön und kräftig ein rostfarbenes Brennen, ein unzählbares Aufblitzen von kleinen Herrlichkeiten in Gold und Scharlach.

Die Farbe der Zerstörung! Die Farbe neuen Lebens!

Dieses Rostrote im dunklen Grün? Das waren die vielen gebrochenen Äste, deren welk gewordene Nadeln im hellen Mittagslichte feurig leuchteten. Und dieses Glänzen in Scharlach und Gold, das sich um alle gesunden, aufrecht gebliebenen Wipfel drängte? Das war die Tausendzahl der reif gewordenen Tannenzapfen, deren lichtes Braun von der Sonne metallenen Schimmer bekam. Viele von den reif gewordenen Früchten des Waldes waren in ihrem Glanz mit feinem, sichelförmigem Schatten gezeichnet – wie lachende Gesichter mit hundert geöffneten Lippen. Sprachen die erschlossenen Lippen von einem Wipfel hinüber zum andern? Wurde jedes Wort, das sie sprachen, zu einem kleinen, lebendigen Ding? Das von den lautlos redenden Lippen entfloh und mit feinem Silberschimmer durch die Lüfte ruderte, um jählings zu verschwinden – wie alles Lebende eine Weile in der Sonne flattert und dann niedersinkt in den gleichen kühlen Schatten?

Ambros, den es in der einsamen Ruhe nicht duldete, stieg ziellos durch den herbstlichen Wald empor.

Die Sonne glänzte noch warm, als Ambros gegen Abend zu einer grasigen Kuppe kam, von der ein steiles Gewänd nach Süden niederfiel. Es war eine von den Mauem der Großen Not, deren Gipfel versteckt lag hinter Wäldern. Einen Weg suchend, beugte sich Ambros über den Absturz der Felsen hinaus. Da sah er in Turmtiefe ein seltsames Bild, das er nicht zu deuten wusste. Auf schrägen, blinkweißen Felsplatten leuchteten da drunten in der Sonne sieben große, blutrote Flecken, die einen rund, die anderen wie unregelmäßige Gevierte. Das konnten keine Blumen sein, keine Flechten oder Moose. Was war dies Unerklärliche?

Während Ambros spähte, schien es ihm, als hätte sich dort unten im Schatten des Waldsaumes etwas bewegt. Ein Mensch. Der sah in der Tiefe so grau und winzig aus wie ein Kobold in den Bergmärchen. „Der Waldrauscher!“

Um da hinunterzugelangen und die Felsmauer zu umgehen, wandte sich Ambros in den Wald zurück.

Seit jener wortlosen Begegnung auf dem Reitweg hatte er den Hundertjährigen nicht mehr gesehen. Der Alte, den alle sahen, bald hier und bald dort, blieb für Ambros seit zwei Monaten wie verschwunden und verschollen.

Zu Füßen der steilen Mauer trat Ambros aus dem Wald auf das steinerne, von der Sonne angestrahlte Plattich heraus. Da sah er gleich, was dieses Rote auf dem flachen Felsen war: Beeren, die in der Sonne trocknen sollten – kleine, rote, den Johannisbeeren ähnliche Früchte – die Beeren jener immergrünen Rankenpflanze, der das Volk den Namen Waldrausch gab.

Im Schatten einer Fichte, die in Menge die reifen braunen Zapfen trug, saß der Waldrauscher klein zusammengebeugt und warf mit schnappender Hand einen Kiesel, sooft sich kleine Vögel zum Schmaus bei den lockenden Beeren niederlassen wollten.

Ein Bergfink ließ sich nicht vertreiben. Er flatterte nur ein bisschen in die Höhe, wenn das Steinchen geflogen kam, dann pickte er weiter. Nun richtete sich der Waldrauscher mit scheuchenden Augen auf: „He, du, Wald aus und ein hast Speis! Tu mir mein bissl Brot vergunnen!“ Im gleichen Augenblick gewahrte der Greis den jungen Mann. Wieder war in seinem Blick jener seltsame Gegensatz: Zorn, der ein tiefes Erbarmen zu verdrängen sucht, und Erbarmen, das den Zorn bekämpft.

„Waldrauscher?“, fragte Ambros ernst. „Warum gehst du mir aus dem Wege?“

„Dir?“ Der Hundertjährige lächelte; seine sonst so ruhigen und steinfesten Züge hatten etwas Müdes und Schlaffes; ganz silberweiß war sein Haar und das stark sprossende Bartgestoppel. „Dir? Ah na, Büeble! Es gibt bloß an einzigen Menschen, dem ich gern aus’m Weg gehn möcht. Der bin ich selber.“ Er nahm eine leichte, schmale Holzschaufel mit langem Stiel vom Boden auf. „Was willst, Büeble? Ebba fragen, warum einer hundert Jahr alt wird? Da müsst ich mich erst noch bsinnen drauf. Recht weiß ich’s nimmer.“ Er ging auf die roten Flächen der Waldrauschbeeren zu und begann die dörrenden Früchte mit der Schaufel zu wenden und durcheinander zu schütteln.

Die niedergehende Sonne traf noch das steinerne Plattich und die steile Felsmauer mit goldrotem Feuer, ließ die Beeren leuchten wie Granatkügelchen und warf den Schatten des Waldrauschers als ein langes, schwarzmageres Riesenbild über den Felsgrund hin. Ein stärkerer Windhauch machte die braunen, mit Früchten behangenen Wipfel schaukeln. Das feine fliegende Silberblitzen in den Lüften wurde ein zartes Goldgefunkel, und fern im dunkelnden Walde fingen die Hirsche zu schreien an. Das klang fast wie die geheimnisvollen Bässe im langsamen Satz der Appassionata.

„Waldrauscher? Warum trocknest du deine Beerenernte so hoch heroben in der Einöd?“, fragte Ambros; seine Stimme bebte, als wären andere, bedrückende Gedanken in ihm. „Damals, in meiner Kinderzeit, da tatest du das immer im Gehöft deines kleinen, einsamen Hauses.“

„Ei wohl!“ Der Alte schaufelte in den Beeren. „Aber vor dreizehn Jahren amal, wie ich d’ Waldrauschbeer hab dörren lassen sell drunt, da sind mir zwei Nachbarskinder drüber kommen. Die haben a bissl unsinnig zugriffen. Mein, wie s’ halt sind, die kleinen und die großen Kinder! ’s Büberl haben s’ durchbracht mit knapper Müh. Da hab ich noch helfen können, ja. Aber ’s Maderl hat sterben müssen.“

Ambros, schwer erschüttert von diesen ruhigen Worten, ging mit raschem Schritt zu dem Alten hinüber. „Waldrauscher! Sieh mir in die Augen!“

Langsam hob der Hundertjährige das graue Gesicht, während ihm die Sonne, noch herstrahlend durch eine Lücke des Waldkammes, einen Glutstreif über die Schulter und auf die lederne Kappe warf.

„Waldrauscher! Deine Runzeln zeigen mir die Zeit nicht mehr, in der deine Wange glatt und deine Stirn jung waren. Aber deine Augen erzählen noch heute von jener Zeit.“

„So, Büeble? Meinst?“

„Die Augen in deinem alten Gesicht sind die Augen des jungen Jägers, dessen Bild an einer Mauer der Fürstenvilla hängt.“

Ein leises Lachen. „Büeble, da tust jetzt wieder a bissl traumhaft reden.“ Der Alte wandte sich und rüttelte mit der Holzschaufel die Beeren durcheinander. „Aber wissen tu ich schon ebbes vom selbigen Bild. Ah ja! Es daucht mir schier, den Jäger hab ich kennt. Wann ich mich richtig bsinn, so is er a Forstmeister gwesen bei die Larenbergischen Fürstenleut.“ Der Alte lachte wieder und schwieg.

„Waldrauscher! Was ist geworden aus ihm?“

„Wird halt verdorben und verstorben sein. D’ Menschenleut dauern net lang. Diemal einer wird älter als die andern. Z’letzt beißt jeder ins Gras.“

Ambros fragte mit gepresster Stimme: „Denkst du an deinen nahen Tod?“

„Ah na!“ Wieder das leise, dünne Lachen. „Ich tu noch allweil a bissl warten. Aufs Meinige. Kommt’s heut net, kommt’s morgen. Kommt’s huier nimmer, kommt’s über 's Jahr. Sachen, die kommen müssen, bleiben net aus.“ Der Alte, der die Beeren schüttelte, entfernte sich immer weiter von der Stelle, wo Ambros stand.

„Waldrauscher? Wie kam das Bild des jungen Jägers hinauf an jene Wand?“

Die hölzerne Schaufel machte auf den Felsplatten ein mattes Geklapper. Nun war der Alte schon droben bei dem letzten Beerengeviert an der steilen Mauer. Während vor seinen Füßen die dörrenden Waldrauschfrüchte wie erstarrte Blutstropfen durcheinander rieselten, fing der Alte in seiner wunderlichen Weise zu singen an:

„Oft kommt oaner auffi
Und findt si’ koa Ziel,
Oft kommt oaner abi,
Denn Wegln gibt’s viel.

Bald krumme, bald grade,
Oft hoaß und oft kalt –
Schaug eini ins Leben,
Schaug eini in Wald!

Und alls hat sei(n) Reden,
’s hat alles a Sprach
Und schreit d’r a Wörtl
A sunnahells nach.

Bloß ’s Tiafste und ’s Höchste
Bleibt alleweil trüab –
Und woaßt d’r koan Weg net,
So geh mit der Liab!

Denn alles wann stad is –
D’ Liab singt no und lacht
Und ko(n) di no füahrn
Aa z’tiafst in der Nacht.“

Am Fuß der Felsmauer schob der Waldrauscher die hölzerne Schaufel in eine Steinschrunde. „So, Büeble! Feierabend! Morgen kann ich a guts Körbl voll abitragen in d’ Apotheken.“ Über ein schmales Grasband der Mauer begann der Hundertjährige langsam emporzusteigen, als wäre dort oben im kahlen Felsgeklüft seine Ruhstatt für die Nacht. Nun verschwand er hinter einer scharfen und hohen Steinkante, die noch schimmerig umleuchtet war von einem letzten Schein des Abendglanzes.

Ambros hob die Arme und schrie: „Waldrauscher! Leb wohl!“

Keine Antwort mehr. Nur ein Echo an der Felswand.

Die dörrenden Beeren, die in der Sonne so feurig geleuchtet hatten, bekamen im Schatten ein rostiges Braun.

Das silberne Glitzern und Fliegen in den Lüften hatte aufgehört. Doch das Röhren der brünstigen Hirsche hallte häufiger und stärker, je mehr es dämmerte – schreiende Leidenschaft, die sich wohl fühlt in allem Dunkel und brutal sich sättigt in finsteren Nächten.

Beim Niederstieg durch den abendlichen Bergwald erreichte Ambros eine gerodete Fläche. Hier sah er weit hinaus bis in das fernste Tal, sah noch sonnbeglänzte Gipfel auf allen Zügen des Gebirges und sah in der Tiefe zwischen rotem Laub und dunklen Fichten ein langes, silberweißes, streng gezogenes Band: Das regulierte Kiesbett der Wildach.

Aufatmend presste Ambros die Fäuste gegen seine Brust.

Da schärfte sich sein erschrockener Blick. War das ein Irrspiel der Gedanken? Eine Erinnerung an den Frühling, der vergangen war? Oder Wirklichkeit? Unmögliche Wahrheit?

Klein und kaum erkennbar, wie eine im Schatten tanzende Libelle, flatterte auf dem Dach der Fürstenvilla über dunklem Fichtengrün eine rot und weiß gestreifte Flagge.

Ambros eilte in jagender Hast über die Rodung hin, blieb zitternd stehen und presste das Gesicht in die Hände.

„Nein! Da ist kein Wiederkommen mehr. Ich weiß es.“ Diese Flagge? Vielleicht galt sie dem Feste, das morgen gefeiert werden sollte? Oder galt sie den schreienden Hirschen? „Jagdsaison!“ Ein wehes Lachen. Und Ambros stieg über die Rodung hinunter in den dämmernden Wald.

Als er bei sinkender Dunkelheit die Wiesen erreichte, brannten schon die ersten Sterne am bleich gewordenen Himmel. Eine Glocke begann zu läuten. Ihre letzten Schläge waren noch nicht verhallt, da krachte bei der Notburg ein Böllerschuss. Ambros, der schon nah bei der Straße war, blieb stehen, blickte gegen die Stätte seiner Arbeit zurück und sprach in die Dunkelheit: „Jetzt wird der Herr Friedrich Wohlverstand der Welt das Licht bringen.“ Ein zweiter Schuss, ein dritter, und während das donnernde Echo über die Berge rollte, glühten viele schöne Lichter auf, über die ganze Straße hin. Bei der Haustür des oberen Wirtes war eine so starke Helle, dass sie hinüberglänzte bis zu dem neu errichteten Pfahl mit der alten Warnungstafel. Und draußen bei der Notburg hingen zwei brennende Bogenlampen im Abenddunkel, gleich einem Paar verlässlich strahlender Sonnen.

Frau Lutz, die wartend am Zauntor stand, vernahm und erkannte den Schritt ihres Sohnes. Dennoch fragte sie: „Kind, bist du’s?“

„Ja, Mutter.“

Ambros erschien im Lichtkreis einer Straßenlampe. Und Frau Lutz ging rasch in das Gehöft zurück, als hätte sie ihrem Sohn in dieser schönen Helle nicht begegnen mögen. Bei der Haustür war es dunkel. Unter dem Schleier dieser barmherzigen Finsternis vermochte Frau Lutz mit halber Ruhe zu sagen: „Komm, Bros, ich habe schon Licht in deiner Stube gemacht.“ Sie musste Atem schöpfen. „Droben hab ich dir etwas auf den Tisch gelegt.“

„Mutter? Was ist in deiner Stimme?“ Ohne zu antworten, trat Frau Lutz in den schwarzen Flur. Und Ambros, die Hände streckend, stammelte erschrocken: „Mutter?“

Hinter den beiden fiel die Tür zu. Eine Weile war nur das leise Rauschen der fernen Wildach und das Geplätscher des Brunnens in der stillen Nacht, vor deren neuen Sternen die alten kaum noch zu sehen waren. Dann klangen heiter schwatzende Stimmen auf der Straße. Ein Trupp von Burschen und Mädchen kam gegangen, um die elektrische Beleuchtung des Wildachtales anzugucken. Von Stunde zu Stunde wurde die Straße immer belebter. In Zügen von dreißig und vierzig Männern wanderten die italienischen Arbeiter zwischen den Einheimischen auf und nieder. Überall lachender Friede in der aufgehellten Nacht. Ein Schwarm der Italiener, die am kommenden Morgen nach der Festlichkeit das Tal verlassen sollten, blieb vor dem Haus der Wildacherin stehen. Heimliches Geflüster. Dann, von kräftigen Stimmen gesungen, eines jener schwermütigen und leidenschaftlichen Lieder des Südens.

Die Mansarde war noch hell. Doch niemand zeigte sich am Fenster.

Das Lied verklang. Die jungen Männer schrieen: „Addio, buon padrone! Addio! Addio!“ Als sie auf der Straße hinwanderten, begannen sie ein heiteres Ritornell. Sie schlugen den Weg ein, der wieder verboten war. Noch von weit her durch die kühle Herbstnacht waren ihre Lieder zu hören.

Gegen zehn Uhr gab es auf der Straße einen lustigen Rummel mit Kreischen und Gelächter. Die schönen Glühlichter waren plötzlich erloschen. Hatte es in der Leitung einen Kurzschluss abgesetzt? Oder sparte Herr Wohlverstand den Gratisstrom der ersten Probenacht?

Da wurde nun die Straße wieder still und leer. Nur das leise, freundliche Rauschen noch in der Nacht. Und die ewigen Lichter funkelten ruhig im Stahlblau des endlosen Raumes.

Gegen Mitternacht ein strenges, heiliges Klingen. Aus dem schwarzen Fenster einer Mansarde schwoll es mit wachsender Kraft heraus in die Schlummerstille des Lebens, klar und schön, und dennoch durchzittert vom Atem eines brennenden Schmerzes, der nach Frieden rang.

Das dunkle Schweigen wieder. Die Sterne wanderten. Über die Zinnen der Großen Not und ihrer Nachbarberge stiegen die sieben Flammen des Orion herauf. Dann kam der Morgenstern gleich einer wunderbaren Himmelsfackel, so groß und hell, dass der Tau an den Gräsern funkelte. Ein mattes Erbleichen des Himmels im Osten. Und im Westen wurden die schwarzen Berge grau. Von den Höhen wehte ein kalter Frühwind in das Tal herab; der Tau erstarrte zu silbernem Reif; und im Dunkel der Wälder begannen jene dröhnenden Stimmen wieder ihr dumpfes, wildes, leidenschaftliches Lied.

Auf der Straße ein lärmender Menschenzug. An der Spitze ein Reiter. Im Sattel eines Pferdes saß eine hohe, kraftvolle Mannsgestalt. Diesem Reiter wurde höflich und achtsam eine Laterne voran getragen. Dann die Jäger, mit der Büchse auf dem Rücken, mit dem Schweißhund an der Leine. Und an die zwanzig Treiber und Träger.

Der Zug wandte sich gegen den Wald der Sonnleite. Als er verschwunden war, blieb die Straße nicht lange still. Es kam ein Leiterwagen mit Biergebinden und Weinfässern, die man hinausführte zur Notburg. Im ersten Erglühen des klaren, mit herbstlichen Farben prunkenden Morgens begann auch schon der Zustrom der festlich gekleideten Menschen.

Noch während der Schattenkühle wurde in der Kapelle beim Wassertor die stille Weihmesse gelesen.

Im ersten Glanz der Sonne war zu beiden Seiten der Talsperre ein Gedränge von tausend bunten Menschen. Lärmend musterten sie das gewaltige Mauerwerk und guckten mit erstaunten Augen über den langen, blaugrünen, ruhigen See hinaus, der das Menschengewimmel, die Waldgehänge und das im Morgenfeuer strahlende Bild der Großen Not auf seinen klaren Wassern spiegelte.

Als in den sonnigen Lüften das feine silberne Flimmern und Fliegen erwachte, begann auf einer schön gezierten Tribüne der Herr Bezirksamtmann in Uniform seine lange Festrede. Sooft er von der „zielbewussten Bauleitung“ sprach, verbeugten sich Herr Wohlverstand und sein Zahlmeister. Ein Hoch von tausend Stimmen. Ein Tusch der Veteranenkapelle. Der erste Böller krachte – im fernen Kirchdorf fingen alle Glocken mit Hall und Klang zu läuten an – und das Pulver, das Herr Wohlverstand eigens für diesen Tag erfunden hätte, wenn es nicht schon vorrätig in der Welt gewesen wäre, wurde in endloser Folge zu mächtigen Rauchwolken verböllert.

Wie der Donner eines schweren Gewitters rollte das Echo der Schüsse über die sonnglänzenden Berge hin.

Dieses schwere Dröhnen und Grollen zitterte auch hinauf in die schmale Waldschlucht des Bergpasses, zu dem in der leuchtenden Frühe ein offenes Wägelchen von gemütlichen Pferden schrittweise hinaufgezogen wurde. Der Kutscher ging pfeifend neben dem Gespann her, schien froh zu sein im schönen Morgen und guckte manchmal über die Schulter zurück, als wäre etwas Wunderliches an den beiden schweigsamen Passagieren: An dieser feinen, alten Dame, die blass und erregt war, und an diesem ruhig scheinenden jungen Manne, der leidende Augen hatte – Augen von jener Art, wie man sie in den Staubtagen der Waldrauschzeit an vielen Menschen hatte sehen können.

Der Wald stand dicht bis an die Straße heran. Auf beiden Seiten das gleiche Bild der Bäume: Mit dem Rostbraun der gebrochenen Äste im dunklen Grün, mit der Überfülle der reifen Zapfen an allen gesund gebliebenen Zweigen und Wipfeln. Dennoch ein Verschiedenes zu beiden Seiten des Weges. Die eine Mauer des Waldes war ernst und trauerte müde, weil sie im Schatten lag. Die andere schien nach allen Schmerzen heiter aufzuleben, weil die Sonne sie umschmeichelte. Über diesem Hellen und Dunklen wölbte sich das klare, lachende Blau. Und hundertfältig ging von der Sonnenseite des Waldes der feine silbrige Zitterflug in die Lüfte hinaus und zur Erde nieder.

Endlich verstummte das rollende Echo der Böllerschüsse und das ferne Glockengeläut.

Frau Lutz, die erleichtert aufatmete, machte eine Bewegung, als wollte sie die Hand ihres Sohnes fassen. Sie tat es nicht. Und sprechen wollte sie. Doch sie hatte nicht den Mut dazu. Auch dieses Schweigen konnte sie nicht ertragen. Und weil sie überall das winzige Glitzern und Schweben sah, drum fragte sie: „Was sind das für kleine Tierchen, die da fliegen und so schillern?“

„Tierchen? Ja, Mutter, du hast recht! Das ist ein Lebendiges. Kleine, junge Seelen sind es, die ihre Sonnenreise ins Leben beginnen. Die Seelen kommender Wälder. Was da schwebt und funkelt, ist der reife Waldsamen, der jetzt ausfliegt aus den Fichtenzapfen – früher als sonst, weil der September heuer so schöne, milde Tage brachte. Auch reichlicher als sonst. Nach dem verschwenderischen Rausch der Blüte.“ Ambros hob die Hand. Es gelang ihm leicht, von den fliegenden Seelchen eins zu fangen. „Sieh, Mutter! Ein winziges Flügelchen. Und ein kleines, braunes Körnchen dran. Das ist Leben. Hat Herz und Blut und Sehnsucht. Geht auf die Reise nach einem Flecklein nährender Erde. Und will ein Baum werden, will grünen, blühen, sich freuen und Früchte tragen. Wenn Glück und Sonne ihm das vergönnen.“ Er wollte das erwartungsvolle Seelchen fort blasen. Da schloss er die Hand, sprang aus dem Wagen, ging hinüber zum Waldsaum, und wo ein Stück der schwarzen Erde aufgerissen war, ließ er das Körnchen fallen.

Als er wieder zum Wagen kam und neben der Mutter herging, sagte sie leise und hoffend: „Ein so schweres Jahr hat heuer der Wald gehabt. Aber sieh nur, wie reich und froh das fliegt! Alles drängt doch immer wieder dem Leben zu.“

„Ja, Mutter!“

Die beiden schwiegen. Während Ambros in der schönen Frühe auf steilem Wege neben dem Wagen herging, ließ er seine Hand zwischen den Händen der Mutter ruhen.

Je stärker die Sonne wurde, um so reichlicher ging der fliegende Schimmer durch die Lüfte. Als der Wind ein bisschen kräftiger war und zwischen den Mauern des Waldes seine leichten Wirbel drehte, schwangen sich die reisenden Kinderseelchen des Waldes in glitzerndem Reigen durch die Sonne.

Sie waren stumm. Dennoch sangen sie ein kleines, an Wunder und Geheimnis reiches Lied auf ihrem Fluge:

„Neues Leben! ... Neues Leben!“

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