Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
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Kapitel 13

Tag um Tag in strahlender Sonne, mit kräftig wehendem Ostwind. Im Nachwuchs der Wiesen begannen schon wieder Blumen zu sprossen. Und über dem Wipfelgezack der Wälder verbleichte das hässliche Braun. Die grün gewordenen Zweigspitzen erschienen wie mit unzählbaren, weißgrünen Strichen schraffiert. Erst standen die Striche senkrecht, dann wurden sie schief, und je mehr sie wuchsen, desto tiefer krümmten sie sich nach abwärts. Das waren die Kleinkinderwiegen der tausend und aber tausend Waldmütter, die Samen hütenden Fruchtkolben, die sich zu Tannenzapfen auswuchsen. Die Äste begannen sich unter dem ziehenden Gewicht zu beugen, und viele Wipfel krümmten sich, wenn sie zu schwer mit Früchten behangen waren. In die sonst so ruhigen Linien des Waldbildes kam etwas Wirres und Regelwidriges. Und seine Farbe behielt dieses Dunkle und Müde. Nur die jüngeren Bäume, die nicht geblüht hatten und keine Früchte trugen, ließen die frischen Jahrestriebe kräftig sprossen und wiegten die zierlichen Wipfel lebensfroh im spielenden Sonnenwinde.

Während dieser schönen Tage verwandelte sich die böse Wildach in einen freundlich rauschenden Bach.

Täglich gegen die Mittagsstunde kam Frau Lutz in die Wildachschlucht, aß mit Ambros die grobe Kost der Kantine, saß dann mit dem Arbeitstäschchen am Waldsaum, gegenüber den schimmernden Wänden der Großen Not, und wartete geduldig, bis Ambros vor Einbruch der Dämmerung zu ihr trat: „Komm, Mutter! Feierabend!“ Seine Gestalt war gekräftigt, doch sein hageres Gesicht, obwohl von der Sonne gebräunt, glich dem Gesicht eines Menschen, der ein schweres Leiden noch nicht völlig überwunden hat.

Im letzten Leuchten des Abends pflegten die beiden über die Wiesen heim zu wandern. Manchmal gingen sie zwischen einem Trupp der Einheimischen, die um die gleiche Stunde von der Arbeit kamen. Und da wurde oft heiter geschwatzt. Die Leute zeigten sich verträglich, seit der Krispin seine Hetzfeuerchen nicht mehr anzündete. Abgesehen von kleinen Privatkeilereien, wurde der Friede nimmer gestört. Drum konnte Ambros den Toni leichter entbehren, der jetzt Bauer im Lahneggerhof sein musste und die kranke Mutter nicht mehr verließ. Es schien mit der Lahneggerin nicht schlechter zu gehen. Sie war immer guter Laune. Nur ihre Beine wurden immer schwächer, und auch die zarten Forellen vertrug sie nicht mehr. Ein anderer Mensch wäre bei solchem Zustand in wenigen Tagen zerfallen. Die Lahneggerin behielt ihren Atem. Und der Toni, der sonst die Dinge des Lebens so ansah, wie sie waren, fand bei der Mutter immer wieder ein Zeichen von Besserung. Ganz besonders gut schien es der Lahneggerin zu gehen, wenn Toni und Beda mit ihr vom Glück des Krispin plauderten, der eine begeisterte Postkarte aus Zipfertshausen geschrieben hatte und dann nichts mehr von sich hören ließ.

Ein paar Mal in der Woche kamen Frau Lutz und Ambros im Lahneggerhofe für ein Abendstündchen zu Gast. Sully, der im Wildacherhause ganz freundlich mit den beiden stand, schien sie hier als fremde Leute zu betrachten und machte, wenn sie kamen, einen fürchterlichen Spektakel. Da half nur ein Machtwort des Toni, dem der weiße Spitz seit einem Friedenschlusse bei Bratwürsten und Nierenbraten auf Wink und Pfiff gehorchte.

Nach solch einem abendlichen Heimgart, als Toni die beiden und seine Beda zum Wildacherhaus begleitete, blieb der Lahnegger, während Frau Lutz und Beda vorausgingen, im Gespräch mit Ambros immer wieder auf der Straße stehen. Solch ein Trödeln war sonst nicht seine Art. Und plötzlich fragte Ambros: „Hast du mir was mitzuteilen? Es sieht so aus, als hieltest du mich mit Absicht hinter der Mutter zurück.“

Toni legte dem Freunde den Arm um die Schulter. „Ja. Ich muss dir ebbes sagen. Erfahrst es gahlings von eim andern, so kunnt’s dich a bissl veralterieren.“

„Was?“

„Auf der Post hab ich davon reden hören, dass über die nächsten Tag der Herr Herzog kommt.“

Ambros stand eine Weile stumm in der Nacht. Dann sagte er rau: „Die Jagdsaison beginnt.“

Sie sprachen bis zum Wildacherhause kein Wort mehr. Vor der Schwelle reichte Ambros dem Toni die Hand. „Ich danke dir!“ Als er in seiner Stube war, schob er den Riegel vor. Lange blieb er unbeweglich im Dunkel stehen. Dann brannte er die Lampe an, setzte sich an den Tisch und versuchte zu arbeiten. Eine Stunde verging, eine zweite und dritte. Die Arbeit schien ihn zu beruhigen. Plötzlich stieß er mit den Fäusten alles von sich weg, was vor ihm lag. Er wandte das bleiche Gesicht und lauschte. Aus der Tischlade nahm er eine verschlossene Mappe heraus und öffnete sie mit dem kleinen Schlüssel, der an seiner Uhrkette hing. Die Mappe enthielt wichtige Geschäftspapiere, den Vertrag mit Herrn Friedrich Wohlverstand und viele kleine, eng beschriebene Blätter. Von diesen Blättern nahm er eines. Nun lachte er kurz und trocken. „Ist das nicht Torheit? Wie kann solche Lüge in einem Menschen lebendig werden? Und klingen?“ Auf dem Blatte stand ein Lied. An einem jener grauenvollen Staubtage, als er hustend in der Reisighütte unter der Pferdedecke lag, um seine Augen vor dem fliegenden Gift zu schützen, hatte sein Herz gesungen:

„Linde, goldne Sonnenwellen
Fluten durch das Tal herauf.
Und im Bach, im silberhellen,
Springen blitzend die Forellen
Aus den kühlen Tiefen auf.

Wundersame Morgenträume
Flüstern durch den Fichtenhag,
Und die rot bekränzten Bäume
Und die sehnsuchtsvollen Keime
Fühlen froh den schönen Tag.

Lichtumflutet, glanzumwoben
Naht mir, liebste Frau, dein Bild,
Reiner, wärmer, als dort oben
In das klare Blau gehoben,
Alles Licht der Sonne quillt.

Hauch und Seele, Herz und Hände
Sind verschlungen, sind vereint!
Frohes Schreiten ohne Ende!
Unser Weg geht in Gelände,
Wo die Sonne ewig scheint.“

Er legte das Blatt beiseite. Und nahm ein anderes. Was hier geschrieben stand, das hatte er in einer brausenden Regennacht gesungen, als er, an allen Kräften erschöpft, unter einem triefenden Baume rasten musste beim Flackerschein der großen Feuer, beim Gedonner des Wildwassers und beim Lärm der kämpfenden Arbeit:

„Du bist bei mir in stiller Nacht,
Wenn alles Leben schlummert,
Und du und ich, wir sind erwacht,
Noch eh’ die Frühe schummert.
Du leitest mich mit frohem Schritt
Durch morgendunkle Wälder,
Steig’ ich zu Berge, steigst du mit
Durch steil besteinte Felder.

Blick’ ich aus Höhen in das Tal,
Stehst du an meiner Seite.
Und harr’ ich auf den ersten Strahl,
Träumst du mit mir ins Weite.
Und klimm ich nieder durch die Wand
Und werden Steine rege,
Dann schützt mich deine linde Hand
Und baut mir gute Wege.

Du reichst mir jede Blume hin,
Dass sie mir näher blühe.
Du führst mich zu gelindem Grün,
Wenn ich ermüdet glühe,
Trägst mir den letzten Schimmer zu,
Wenn’s dunkelt zwischen Bäumen –
Und kehr’ ich heim und such’ die Ruh,
Ruhst du in meinen Träumen.“

So nahm er Blatt um Blatt. Als er das letzte gewendet hatte, stand er auf und löschte die Lampe.

Draußen blühte der weiße Schein des wachsenden Mondes. Wie ein breites Band aus vergilbter Seide fiel die schräge Helle über den Tisch. Am feucht behauchten Fenster funkelte eine Stelle in tiefem Blau. Das glich dem Kelch einer Genziane.

Ambros stand im Dunkel. Immer hing sein Blick an diesem blauen Gefunkel, bis es erlosch. Nun zündete er die Lampe wieder an, nahm das letzte der kleinen Blätter und schrieb auf die Rückseite:

„Ein Sommerwehen, fein und lau,
Geht um die schöne Hochlandsau.

Zwei Stare singen süß im Hag,
Und tief im Wald ein Amselschlag.

Und neben meinem schmalen Steg
Blüht eine Blume blau am Weg.

In mir ein Zittern tief und heiß,
Ein Sehnen, das nicht Hilfe weiß.

Kann eine Blume, stumm und klein,
In mir erwecken solche Pein?

Das hold erblühte Sommerkind
Ist blau – wie deine Augen sind.“

Dann schrieb er in jagender Hast diesen Brief: „Verehrtes Fräulein! Die Frau Herzogin hat meinem Werk an der Wildach einen rettenden Dienst geleistet. Ich habe bis zur Stunde nicht den Mut gefunden, nicht das rechte Wort, um der Frau Herzogin zu danken. Ich weiß auch, dass ich sie nicht mehr sehen darf. Niemals wieder. Nun bitte ich Sie, der Frau Herzogin meinen Dank zu sagen. Dank? Das ist ein kurzer Laut. Doch er sagt das gleiche wie der Inhalt meines ganzen Lebens. Die Blätter, die ich beifüge, gebe ich in Ihre Hand. Was Sie damit machen wollen, stelle ich ganz Ihrem Willen und Ihrer Pflicht anheim. Ich habe hier niedergeschrieben, was einen Wert nur für mich selbst besitzt. Für kalte Augen mag es so töricht und nutzlos erscheinen, wie die irr geflogene Sehnsucht der berauschten Wälder. Natur? Ihr leuchtendes Erschaffen und ihr dunkles Zerstören? Wer unter uns Menschen versteht das? Diese Blätter schicke ich Ihnen, damit Sie jenes Wort verstehen möchten: Von meinem Danke, der das gleiche ist wie mein ganzes Leben. Auch Ihnen danke ich, verehrtes Fräulein! Und küsse zum Abschied Ihre treue Hand. Um dieser Treue willen werden Sie für mich immer bleiben, was die reinste Zärtlichkeit eines Menschen mit dem Namen Schwester nennt. – Ihr Ambros Lutz.“ Er verschloss den Brief, der die kleinen Blätter enthielt, und schrieb die Adresse. Als er die Feder fortlegte, wurde sein entstelltes Gesicht von einem krampfhaften Zucken befallen. Jäh warf er sich mit den Armen über den Tisch und verbarg die Augen.

Ein graues Dämmern ging über die Fenster hin. Das war nicht mehr der Mondschein. Es war der neue Tag.

An der Tür ein Pochen. Und eine bange Stimme: „Kind, es wird gleich fünf Uhr schlagen.“

Ambros hob den Kopf: „Ja, Mutter, ich bin schon wach.“

Das war ein Samstag; der letzte Tag in der zweiten Juliwoche. Um drei Uhr nachmittags wurden auf dem vollendeten Bau der Talsperre die zwei Fichtenbäumchen mit den bunten Seidenbändern aufgerichtet.

Bei der kleinen Feier stand Frau Lutz an der Seite ihres Sohnes.

Fünfhundert Menschen drängten sich in zermürbten Arbeitskitteln und mit entblößtem Köpfen auf den Gerüsten, auf dem Balkenbord der gewaltigen Mauer und am Ufer der kleinen, friedlich rauschenden Wildach.

In der Sonne, die über diesem Bilde funkelte, sprach Ambros mit fester Stimme: „Wir dürfen heute Richtfeier halten. Von allem, was wir leisten müssen, haben wir heute das Schwerste fertig gebracht. Jeder von euch hat getan, was in seinen Kräften stand. Und wir haben ein nützliches Werk geschaffen. Ich danke allen, die mir geholfen haben.“ Die gleichen Worte wiederholte er in italienischer Sprache. Nun die vielen jubelnden Stimmen. Man hörte für eine halbe Minute das Rauschen der kleinen Wildach nimmer.

Ambros bewirtete die Arbeiter in dem schattigen Walde neben der Kantine. Während da gelacht, getrunken und bei Ziehharmonika und Mandoline deutsch und italienisch gesungen wurde, ließ sich aus dem Wipfelgrün der Bäume manchmal ein leises Krachen hören. Da droben brach immer wieder ein Ast, der mit der Übermenge der lichtgrünen Zapfen zu schwer belastet war.

Als die Heiterkeit der Leute ein bisschen weinheiß und übermütig wurde, trat Ambros mit seiner Mutter den Heimweg an.

Auf dein Straße sagte Ambros: „Einen Augenblick, Mutter, ich muss einen Brief in den Kasten werfen.“ Seit dem Morgen, bei aller Arbeit und aller Feier dieses Tages, hatte Ambros den Brief an seiner Brust umher getragen. Es gab einen dumpfen Klang im Kasten. Und Ambros, dem die Hand herunter sank, als wäre sie Blei geworden, blieb unbeweglich.

Da kam mit klingendem Hufschlag und lärmlosen Rädern eine offene Jagdkalesche in schneller Fahrt vorüber. Kesselschmitt regierte das Gespann. In seinem würdevollen Antlitz bewegte sich keine Wimper. So hoheitsvoll und steinern müsste jener Herrgott dreinschauen, den sich der Toni Sagenbacher einmal in schwerer Stunde vorgestellt hatte: Als ein unlustiges Mannsbild ohne Schmerz und ohne Freude.

Der andere, der behaglich im Fond der Kalesche saß und eine Zigarette rauchte, sah mit einem seltsam gleichmäßigen Lächeln in den glühenden Abend hinaus und schien des Menschlichen sehr viel an sich zu haben. Ein Dreißigjähriger; in englischem Reisekostüm; eine überkräftig gebaute Mannsgestalt. Das breite Gesicht mit dem dunklen Schläfenbärtchen, mit den schwarzen, etwas vortretenden Glanzaugen, mit den starken Lippen und den derben Backenknochen, war von der Sonne dunkel gebräunt. Dieser Kupferton endete hoch oben am Hals mit einer scharfen Kreislinie, bis zu der das Weiß des umgelegten Leinenkragens nicht mehr hinaufreichte. Immer lachte dieses braune, von Gesundheit strotzende Mannsgesicht.

Als die Kalesche am Überstieg der Bretterplanke vorüber glitt, schien der kräftige Passagier des Wagens irgend etwas im Bilde der Landschaft zu vermissen. Er rief dem Kutscher eine Frage zu. Kesselschmitt deutete mit der Peitsche nach der Stelle, wo einst der alte Pfahl mit der Tafel gestanden hatte, und gab Antwort über die Schulter. Unwillig zog sein Herr die starken Brauen zusammen; dabei lachte dieses Gesicht noch immer in der gleichen Art wie früher.

Der Wagen, der trotz schneller Fahrt keinen Lärm machte, huschte an Frau Lutz vorüber. Ihr Gesicht verlor alle Farbe. Und ihre Augen waren weit geöffnet, als sie durch das leichte Staubgewirbel, das hinter der Kalesche zurückgeblieben war, den Sohn vom Briefkasten herüberkommen sah.

Ambros hielt das Gesicht abgewandt und sah durch das rote Leuchten des Abend zur Notburg hinaus. Über die Wiesen kam ein Trupp von singenden Menschen her, die ein bisschen angeheitert waren. Und Ambros sagte: „So, Mutter, komm! Nun ist alles erledigt.“ Wäre statt des brennenden Abends eine finstere Nacht um die beiden her gewesen, so hätte Frau Lutz ihren Sohn an dieser Stimme nicht erkannt.

Sie kamen heim. Ambros reichte der Mutter die Hand. „Ich kann nicht essen heute. So müde bin ich.“

Am andern Morgen, als Frau Lutz ihrem Sohn das Frühstück bringen wollte, fand sie seine Stube leer. Auf dem Tisch lag ein beschriebener Zettel. Sie erschrak, dass sie fast ohnmächtig wurde. Doch auf dem Zettel standen ruhige Worte: „In der Nacht ist ein Bedenken über den Regulierungsplan für den offenen Bachlauf in mir aufgestiegen. Da will ich heute auf die Große Not hinauf, um alles von einer weiten Höhe klar und ein letztes Mal überschauen zu können.“

In der Abenddämmerung kam er heim. Trotz der anstrengenden Bergtour schien sein Aussehen gebessert. Er aß mit der Mutter im Garten und blieb bei ihr, bis die Sterne kamen und das Mondlicht auf den Zinnen der Großen Not zu flimmern begann.

Da sagte er plötzlich nach langem Schweigen: „Sieh nur, wie hell das reine Licht den finsteren Berg macht!“

„Ja, Kind!“

Er lächelte. „Kind? Auch der gewaltige Berg ist nur ein Kind.“

Sie schwieg zu diesem Unverständlichen.

„Nun, weil die Große Not doch eine Mutter hatte.“

„Meinst du die Kraft der Schöpfung?“

„Nein. Ich meine die Heiligste Freude. Das hat mir der Waldrauscher einmal gesagt. Seit heute versteh ich es ganz. Vor sechzig Jahren – oder ist es noch länger her? – Da hat der Wald auch so verschwenderisch geblüht wie heuer. Der Waldrauscher hat das erlebt. An Leib und Seele.“ Ambros erhob sich. „Nein. Ich will nicht werden, wie der Waldrauscher wurde. Komm, Mutter, wir wollen zur Ruhe gehen, weil ich morgen wieder schaffen muss.“

Als in seiner Stube die Lampe brannte, schrieb er, was sein Herz beim Niederstieg von der Großen Not gesungen, während er an einem Seitenwasser der Wildach gerastet hatte:

„Du milde Stunde stiller Ruhe
In meines Bergwalds grünem Haus!
Wie eingesargt in tiefer Truhe
Liegt meine Qual und ruht sich aus.
Ein wohlig tröstendes Ermatten
Ist mir in Herz und Blut gesenkt,
So kühlend, wie im Waldesschatten
Der Bach des Ufers Blumen tränkt.

Als läg’ ich träumend, schweben Bilder
Aus Schleierfernen zu mir her,
Und alles Harte fühl’ ich milder,
Und alles Wehe schmerzt nicht mehr.
Und alles Schöne, das ich schaue,
Kommt wie ein leiser Gruß zu mir,
Und alles Leuchtende und Blaue
Ist wie ein Augenwink von dir.“

Er konnte schlafen in dieser Nacht und erwachte nicht, wie oft auch draußen im Bodenflur die Diele knarrte, wenn die Mutter herüber schlich und an seiner Tür lauschte. Nur einmal, als die Nacht schon zum Morgen wurde, zerriss ein kurzes, wunderliches Aufschrecken seinen Schlummer. Und da hörte er von der Straße einen klingenden Hufschlag – wie von zwei Pferden, die auf der Weide scheu geworden waren, die Hürde übersprungen hatten und durchbrannten – oder wie von Pferden, die vor einem Wagen mit lärmlosen Rädern liefen.

Am Morgen, als die Mutter ihn zum Weg nach der Notburg weckte, meinte er das gleiche im Augenblick des Erwachens wieder zu hören. „Ein Traum! Was sonst?“

Der Himmel war trüb geworden. Am Vormittag fiel ein leichter Regen, der die Arbeit an der Wildach nicht behinderte. Für das Auftrocknen der Sperrmauer war dieser Regen sogar günstig. Beton erhärtet besser in der Feuchtigkeit.

Als die Arbeiter Marende hielten, stand auch Ambros unter dem Vordach der Kantine und verzehrte einen Bissen. Da sah er auf dem gelben Reitweg, bis zu dessen Saum hin alle Bäume niedergeschlagen waren, einen gebeugten Menschen bergwärts steigen. War das nicht der Waldrauscher? Ambros eilte gegen den Berghang hin und schrie.

Der Greis – auf dem Rücken eine Lattenkraxe mit kleinen Körbchen für die Schwämme, die er suchen ging – blieb im feinen Grau des Regens stehen, drehte das Gesicht über die Schulter, schien schwer zu atmen und folgte wieder seinem Wege.

Ambros sprang hinauf zum Reitsteige. „Waldrauscher! So warte doch!“ An der Stelle, wo Ambros die Herzogin bei ihrem Sturz von dem scheuenden Pferde aufgefangen hatte, holte er den Hundertjährigen ein und erschrak beim Anblick des entstellten, fast unkenntlich gewordenen Greisengesichtes. „Waldrauscher? Was ist dir geschehen?“

Dieser Blick in den Augen des Alten! War das Zorn? Oder war es Erbarmen? Sein Mund blieb stumm. Mit der hageren Knochenhand machte er eine heftig abwehrende Bewegung, schritt gebeugt davon und verschwand um eine Biegung des Weges.

Von quälendem Bangen befallen, versuchte Ambros dem Greise zu folgen und sah ihn nimmer. Er schrie. Keine Antwort kam. Diese dunkle Unruh wollte nicht mehr von ihm lassen. Auch bei der Arbeit nicht. Immer wieder erwachte in ihm die Erinnerung an seinen Traum. Immer wieder hörte er die klingenden Hufschläge vor einem lärmlosen Wagen. Und als er am Nachmittag auf dem Baugerüst der Talsperre war, in die man die stählernen Schleusenzüge einzusetzen begann, sah er den Toni Sagenbacher von der Kapelle heraufkommen. Ambros wusste gleich: „Der kommt zu mir und hat mir ein Schweres zu sagen!“ Er machte vom Gerüst einen so sinnlosen Sprung in die Tiefe, dass die in der Nähe stehenden Arbeiter erschrocken die Arme nach ihm streckten. „Ma Padrone! Siete pazzo?“ Seine Glieder waren heil. Er rannte dem Toni entgegen und zog ihn von der belebten Straße, auf der die Fuhrwerke knatterten, seitwärts unter die dunstumwobenen Bäume. „Was bringst du?“

Das kam nicht allzu schnell heraus. Bei der Pflege seiner kranken Mutter hatte der Toni es gelernt: Wie man löffelweise die Suppe reichen muss, die ein leidendes Leben nicht verträgt. Da kam zuerst ein scheltendes Wort über das Regenwetter. Und ob das keine Gefahr für den Bau brächte? Und ob nicht wieder Mangel an Leuten wäre? In solchem Falle könnte der Toni mit seinen Knechten schon ein paar Tage zur Arbeit kommen, obwohl die Mutter in der letzten Zeit ‚nicht recht passabel’ wäre. Aber der Doktor hätte heute doch ein zufriedenes Gesicht gemacht. Und da wäre man auf allerlei zu schwatzen gekommen, auch auf das traurige Gerede, das seit dem Morgen umging: Dass die Frau Herzogin krank geworden und dass man sie heute in der Nacht mit dem Wagen hätte fortfahren müssen, in die Stadt hinein.

Ambros stand gegen einen Baum gelehnt gleich einem Erschlagenen. Dann fasste er mit den Fäusten die eigene Brust, wie ein Verbrecher in brennender Reue. „Toni! Das hab ich gehört. Ich habe die Pferde gehört. Vor diesem stillen Wagen! Und habe wieder schlafen können. Ich!“

„Vielleicht is dö Sach viel ungfährlicher, als wie’s ausschaut.“

„Deine ruhigen Worte lügen. Ich sehe es dir an den Augen an, dass du mir etwas Fürchterliches sagen musst. So sag es mir! Das Wissen ist besser als die dunkle Qual.“

„Auf Ehr und Seligkeit, es is nix anders, als was ich dir gsagt hab. So a bissl krankhafte Veralteration halt, weißt – wegen dem andern, denk ich mir. Es muss in der Nacht vom Samstag auf’n Sonntag ebbes geben haben. Der Gärtnerbursch hat’s ausgredt. Und es kommt mir für, als wär d’ Frau Herzogin in der Nacht noch a bissl spazieren gangen im Garten. Oder es kunnt auch sein: Sie wär in ihrer Herzensangst aus der Schlafstub aussigsprungen. Da haben sie s' Frauerl nacher gfunden im Park. Und da wird sich halt dös bluhzarte Gschöpfl a bissl ebbes tan haben.“

Ambros griff mit den Fäusten in die Luft und schrie wie ein Irrsinniger: „Dieser Mensch! Dieses Tier!“ Er taumelte.

Toni umschlang ihn. „Komm, Brosle, hock dich a bissl her da! Da hast a Platzl zum Aufschnaufen.“ Er führte ihn zu einem gestürzten Baum, den der Sturm vor einem halben Jahrhundert aus der Erde gerissen und niedergeworfen hatte und dessen mächtige Wurzelstorren noch unvermodert in die Höhe ragten wie das Sparrenwerk eines zerstörten Hauses. „So, da hast a guts Bleiben. Der Regen macht dir ’s Köpfl kühl. Und gelt, von mir hast es leichter ghört als von eim andern? Drum hab ich mir denkt, ich muss auffi zu dir.“

Ambros umklammerte stumm den langen Sagenbacher und presste die Augen an den braunen, festen Bauernhals. Der Regen schleierte sich um die beiden Männer her.

Im Grün der Fichten war immer wieder dieses leise Krachen zu hören, wenn einer von den übermäßig beschwerten Wipfeln die Last der Früchte nicht länger tragen konnte.

Vier Tage dauerte das feine, stille Geriesel aus träg um die Berge schleichenden Nebelzügen. Es kam ein Morgen, an dem die Sonne stach. Dann wechselte die schwüle Julihitze mit rasch vorüber grollenden Gewittern, die dem Bau an der Wildach keinen Schaden mehr brachten und für die Bauern ein Segen Gottes wurden. Das Grummet begann so reich zu sprossen, dass man den Verlust des Frühheues verschmerzen konnte. Und der Hafer schoss so üppig in die Ähren wie noch selten in einem Jahr. „Schau“, sagte der Toni zu seinem Altknecht, „jetzt is der Wald mit seiner rauschigen Überbluh a Fabriksbetrieb für billigen Kunstdünger worden. Gspaßig! Es muss am End doch alls sein’ Sinn haben. Aus der ärgsten Narretei wächst allweil wieder ebbes Nutzbars aussi. D’ Welt, daucht mir, is wie a gschickts Hausmutterl, dö an verhunzten Wecken in d’ Milli legt und gute Knödl draus macht.“

Im Lahneggerhof waren die Maurer und Zimmerleute bei der Arbeit, um zwischen den Kammern des Krispin und des Toni die Wand niederzureißen und aus den zwei Gelassen eine große, schöne Stube zu machen. Die Beda, wenn sie da war, lief gern über die Stiege hinauf und guckte mit glänzenden Augen ein Weilchen zu. Einmal sagte sie zum Toni: „Weißt, was wir in unserer Stub ans schönste Platzl hängen?“

„Was denn?“ Der Toni schmunzelte.

„’s Bildbrettl mit unserm Fisch.“

„Ja, du! Und da schauen wir allweil mitanand drauf hin! Gelt, ja?“

Auch sonst bekamen die Zimmerleute und Maurer im Lahneggerhof mancherlei zu richten und zu putzen. Das musste vorsichtig gemacht werden, ohne Spektakel. Sonst kam der Toni gleich gelaufen und schalt mit einer so unlauten Stimme, als trüge er noch das Tuch aus den Waldrauschtagen um den Mund herum. Das hörte die Lahneggerin einmal und sagte in ihrer lächelnden Schwäche: „Geh, Bub, lass d’ Leut arbeiten, wie s’ müssen! Dös Pumpern und Klopfen hör ich gern. Und so viel fein tut d’ Ölfarb schmecken. Es kommt mir für, als tät Fruhjahr sein, wo alles aufgfrischt wird und wieder a lustigs Leben kriegt.“

In der letzten Juliwoche übersiedelte Beda für drei Tage in den Lahneggerhof, weil Toni hinunter musste ins Unterland zur Hochzeit des mageren Krispin und der gepolsterten Barbara. Die Lahneggerin gab dem Toni für den Hochzeiter ein Brieferl mit, in dem mit zittrigen Buchstaben und schief gerutschten Zeilen geschrieben stand: „Mein lüber Grischbi mein gutter Pub! Irz wo dein Glick hahst Godsei Lohb, jäz musst eß hald auch verdünen und nim dich zam Mein guter, un dann gez schohn, sist ales bein Menschen blos der Wilen wens der richtig is mein Lüber Bu. Und God würd son helfen mein gutter Pub, un mein segen hasd auch. Un die dreihunter March außen Strunf sohlen dir Geschänkt sein in Eren, das dir kein Vürwurf nich machen braust nicht mein gutr Bub. Un denk ahn dein Vattr und wert auch ein gutr Fadter mein Lüber Pueb. Dis wünsch in Glick und Freid dein Libe Mutr Annamaria Sagenbacher mid Haußnam Laneggrin.“

In Zipfertshausen krachten die Böller und auch die Tische. Da war ‚Große Hochzeit’ mit achtundfünfzig Mahlgästen und mit ‚alten Bräuchen’. So viele Trompeten wurden geblasen, dass die Honoratioren, die empfindliche Trommelfelle hatten, immer wieder mit dem kleinen Finger in den Ohrmuscheln wackeln mussten.

Bei dieser schmetternden Hochzeit wurde oft von der verblüffenden Ähnlichkeit der langen Brüder gesprochen. Es war erstaunlich, wie die beiden einander glichen, besonders, als es auf dem Tanzboden ein bisschen rauchig wurde. In den drei vergangenen Wochen hatte Barbara dem Ihrigen alle äußerlichen Eigenschaften des Toni erfolgreich andressiert: Wie er sich kleidete, wie er die Pfeife hielt, wie er die Haare trug, wie er aß und trank. Der Gschwendtner redivivus von Zipfertshausen hatte alles angenommen wie ein Pudel, der gelehrig ist, wenn er auf die Fütterung warten muss. Auch die Hochzeit wurde noch ein Schultag dieser Ähnlichkeit. Immer wieder bekam der Bräutigam die flüsternde Mahnung zu hören: „Schau ummi, wie’s der Toni macht! Siehst net, wie der Toni zugreift? Pass auf, wie der Toni tanzt!“ Kein Wunder, wenn die Ähnlichkeit eine so täuschende wurde, dass sogar Barbara sich irrte und beim Tanz den Toni für den Krispin nahm. Der Hochzeiter wurde eifersüchtig und begann sich in Redensarten zu ergehen, die der Ähnlichkeit einige Dullen ins Nasenbein schlugen. Gegen das Ende der Hochzeit kam noch weiterhin eine wesentliche Verschiedenheit der beiden Brüder zum Durchbruch. Der Toni trat nüchtern die Heimreise an, und der Krispin hatte einen so fürchterlichen Rausch, dass die runde Barbara aus Zorn und Elend vor allen Hochzeitsgästen heulte.

Am anderen Abend, daheim im Lahneggerhof, erzählte Toni der Mutter so viel Schönes von dieser Hochzeit, dass die Lahneggerin über dem Federbett die Hände ineinander faltete und mit frommer Dankbarkeit zur weißen Kammerdecke hinaufsah.

Anderthalb Wochen später war Hochzeit im Lahneggerhof. Fünf Gäste waren geladen. Es kamen nur drei: Die Wildacherin, Frau Lutz und Ambros. Der Geschwendtner von Zipfertshausen hatte zur Absag für sich und seine Bäuerin einen klotzgroben Brief geschrieben. Den bekam die Lahneggerin nicht zu sehen; sie begriff: Dass ein Unterländer Großbauer in der Roggenernte keine Vergnügungsreise machen kann. „Ich hätt ihn schon gern gsehen, mein’ Krispi, als an richtigen Menschen. Aber freuen tut’s mich auch, dass er so verlassbar an seim Acker hängt.“

Kein Böller. Keine Trompete. Aber Mann und Weib, zwei junge, gesunde, reinliche Menschen, denen die Freude an ihrem festen Glück in Blut und Seele zitterte. Sie waren auch nicht abergläubisch. Dass es an ihrem Hochzeitstag in Strömen goss, das nahm ihrem lachenden Glück keinen Funken von Sonne. In der Frühmesse wurden sie still getraut, unter den Regenschirmen gingen sie mit ihren drei Gästen heim, und dann hielten sie ein kleines Mahl neben dem Bett der Lahneggerin, die von dem Gläschen Wein, das sie lachend hinunter zwang, ein bisschen verduselt und schläfrig wurde.

Ambros, den bei diesem Wetter die Arbeit rief, erhob sich bald. „Tonele! Das wird so weiterregnen die ganze Woche. Wir haben schlechten Barometerstand. Aber es soll kein Wasserschaden mehr durch dieses Tal rauschen. Ich lasse morgen die Schleusentore fallen, wenn die Glocken Mittag läuten. Kommst du hinauf?“

„Ja, Mensch! Da muss ich dabei sein. Dass ich stolz sein kann auf dich!“ Draußen bei der Haustür rüttelte der Lahnegger zärtlich den hageren Körper des anderen. Und mahnte leise. „Geh, Brosle! Tu dich strecken!“

„Ja, Toni! Ich danke dir. Glück sehen ist auch eine Freude, die ans Leben glauben lässt.“ Ambros schritt in den Regen hinaus. Der Lahnegger betrachtete ernst diesen vorgebeugten Kopf, an dem etwas Ungewöhnliches zu sehen war. Ein Siebenundzwanzigjähriger! Und sein dichtes Blondhaar hatte an jeder Schläfe einen silbergrauen Fleck.

In der Mittagsstunde des folgenden Tages, als die Glocken läuteten, konnten die Menschen im Wildachtal ein Ding erleben, das einem Wunder glich. Nach dem schweren Regen war das breite Kiesbett des Wildwassers übergossen von einem grauen, dumpf brausenden Wassergewoge, das schon die Ufer zu überfluten und gutes Feld zu fressen drohte. Doch während die Glocken läuteten, schien dieses Rauschen wie unter einem unsichtbar wirkenden Zauber immer schwächer zu werden. Das quirlende Wasser begann von den steinigen Ufern zurückzuweichen. Überall tauchten lange Kiesbänke und wunderlich geformte Steininseln aus der breiten, immer ruhiger ziehenden Wasserfläche heraus. Und als das Geläut der Mittagsglocken verstummte, war der tückische Riese des Wildwassers verwandelt in einen zahmen Bach, der kein Haus, kein Feld, kein Leben mehr bedrohte und nur noch so viel Wasser führte, als die Müller und Sägwerker nötig hatten zum Antrieb ihrer fleißigen Räder. Lachend und schreiend standen die Dorfleute im Regen und sahen diesem Wunder zu. Während die Kinder mit grillendem Vergnügen durch die im Kiesbett stehen gebliebenen Tümpel wateten und ein paar verirrte Fische zu haschen suchten, eilten die Erwachsenen truppweise zur Notburg hinauf. Als die ersten zur Hochstraße neben der Kapelle kamen, fanden sie in der Felsklamm der Wildach kein Gedonner und Gewirbel mehr, sondern sahen nur am Fuß der mächtigen Sperrmauer vier blitzweiße Wasserstrahlen scharf aus den Betonschächten herausfahren. Und droben, auf der Plattform des Sperrwerkes, zwischen den Eisensäulen und Triebrädern der Schleusenzüge gewahrten sie eine ruhige, schlanke Mannsgestalt, vom Regen grau umschleiert. Dieser starke, schaffensfreudige Mensch da droben, das war der feine, blondköpfige Doktorsbub von einst, der im dunklen, tiefen Walde die rot geflügelte Fee und in einem Tümpel der Wildach das Totenmännle gesehen hatte.

Den entblößtem Kopf in den Regen beugend, stand Ambros gegen die Große Not gewendet und blickte über die Mauer hinunter in den langsam sich anstauenden See, der schon ein breites Stück der gerodeten Schlucht erfüllte und das Rauschen des von allen Ursprüngen einher schießenden Wildwassers immer weiter zurückdrängte von den steinernen Brüsten der Mauer.

Neben Ambros saß der Lahnegger im grauen Wettermantel auf einer Quader. Seine Augen hatten an diesem trüben Tag den Glanz einer köstlichen Trunkenheit. Jetzt erhob er sich. „Schau, Brosle, da rennen d’ Leut über d’ Straßen auffi! Ich kann mir denken, wen d’ Leut suchen. Da freut’s mich, dass ich der erste bin bei dir. Tu mir d’ Hand hergeben! Ich bin a Bauer aus’m Wildachtal. Ich sag dir Vergeltsgott. Jetzt kann ich in aller Ruh mein Gras wachsen lassen und mein Traid bauen.“

Als die vielen Leute kamen, ging der Toni davon und warf noch einen Blick über den wachsenden See hinaus, einen Blick hinüber zu der dunkel eingemantelten Frau, die unter einem Bretterdache saß und mit weißem Gesicht herüberblickte zur Mauer.

In jedem flinken Schritt des Toni war eine federnde Kraft. Wisst ihr, wie ein glücklicher Mensch durch schöne Sonne geht? So ging der Toni Sagenbacher durch den Regen. Vor der Schwelle seines blank aufgefrischten Hauses schlüpfte er lachend aus dem triefenden Wettermantel. Die Beda kam. So ruhig sie schien, der Toni merkte gleich an ihrem Gesicht, dass etwas nicht in Ordnung war.

Die junge Lahneggerin legte den Arm um ihren Mann, als hätte der lange feste Mensch jetzt eine Stütze nötig. „Seit dem Glockenläuten tut d’ Mutter so gspaßig duseln, als hätt s’ noch allweil ihr kleins Räuscherl von unserm gestrigen Freudentag.“

Als die beiden in die Kammer traten, fanden sie die Mutter still in den Kissen ruhend. Manchmal lächelte sie ein bisschen, manchmal bewegte sie leise die Fingerspitzen.

Toni atmete auf. „Geh, du Angsthasl! Schau nur, wie lind als d’ Mutter schlaft!“

Das war ein Irrtum. Dennoch hatte der Toni das rechte Wort gesagt. Ein lindes Entschlummern! Halb noch das lächelnde Leben, halb schon der kühle Tod. Und diese Mutter musste sterben am ersten Tag, an dem ihre zerriebene Kraft von keiner zähen Sorge mehr am Leben erhalten wurde. Im Abenddunkel machte sie noch einmal die Augen auf, sah in das brennende Kerzenlicht und redete ruhig ein paar Worte. Den Toni hielt sie für den Krispin, und zur Beda sagte sie: „Mein Barbele, mein bravs!“ Dann fielen ihr die Lider zu. Schlummernd murmelte die Annamarie Sagenbacher den letzten Klang ihres Lebens: „Schau, jetzt hat er sein’ ganzen Roggen daheim! Und so viel schön!“ Ein wohliger Atemzug. In der Nacht das stille, schmerzlose Hinüberschwinden.

Auf dem Fenstergesims brannte noch immer die Kerze, als der regentrübe Morgen durch die kleinen Scheiben guckte.

War die Lahneggerin schon tot? Oder lag sie noch immer in dem lächelnden Räuschl, das sie von den zwanzig mühsam verschluckten Tropfen des Hochzeitsweines bekommen hatte?

Toni war mauerbleich von der Stirn bis in den Hals. Keine Träne kam in seine Augen. Zum Abschied legte er seine Wange auf die dürren, kalt gewordenen Hände hin. Als er sich aufrichtete, sagte er: „Bedle, schau d’ Mutter an! Und da sagt man allweil, ‘s Sterben wär ebbes Harts. Freilich, sein Leben muss man halt dernach einrichten. Wie’s d’ Mutter gmacht hat. Nacher zählt eim ’s Sterben grad so wie a Stündl Ruh. Und vor drei Monat hab ich noch gmeint, ich kunnt’s net überleben, und es müsst mir ‘s Herz abdrucken.“

Damals vor drei Monaten war das warme, atmende Glück nicht an der Seite des Toni gestanden und hatte ihm nicht die Arme um den Hals geschlungen.

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