Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
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Kapitel 12

Auch im Gehöft der Wildacherin bedeckten die schwarzbraunen Ornamente den ganzen Boden. Sie klebten an der weißen Hausmauer und füllten an den Fenstern jeden Winkel der Gesimse. Harte Arbeit war’s, hier wieder blanke Sauberkeit zu schaffen. Seit drei Stunden plagte sich Beda mit dieser schwierigen Sache, schrobbte den langen Mauerpinsel über die Hauswand hin und her und bürstete die Fensterstöcke. Für gesunde Menschen ist Arbeit was Lustiges. Die Beda schien krank zu sein. Gar nicht gut sah sie aus. Alle paar Minuten tat sie einen mühsamen Schnaufer. Und als sie wieder einmal mit dem Zuber zum Brunnen ging, fuhr ein Stoßseufzer aus ihrer sorgenvollen Seele: „Sechs Tag noch bis zum zweiten Juli! Jesus, Jesus! Was tu ich denn?“ Auch ihr hatte der Amtsbote solch ein großes Stück Papier gebracht – in Klagsachen der Barbara Gschwendtner aus Zipfertshausen gegen – und wegen – – Aber nicht ein dutzend Mal wie der Toni, nur ein einziges Mal hatte die Beda das gelesen. Dann hatte sie schon genug gehabt.

Ein paar Wochen sitzen zu müssen wegen Ehrenbeleidigung und tätlicher Misshandlung? Die Schande vor den Leuten, das Gerede, das Gelächter? Das wäre noch nicht das Schlimmste. Aber das andere! Vor fremden Menschen, vor dem Richter, vor Mannsleuten über Dinge reden zu müssen, die in der reinlichen Beda schon bei jedem stummen Gedanken alles brennen ließen, was einem Menschen weh tun kann!

Keiner von den grauenvollen Staubtagen war der Beda so unerträglich geworden wie dieser langsam sich klärende Morgen mit seiner vorsichtigen Sonne. Ist die Sonne ein kluges, lebendes Wesen? Hat sie Zartgefühl wie der Toni Sagenbacher? Sie wärmte so fein und bescheiden, als wäre sie des Glaubens, dass man einer verstörten Natur nach Tagen des Leidens nur in klug bemessenen Dosen wieder mit allem Guten kommen dürfte. Erst am späten Nachmittag schien sie zu denken: „So! Jetzt glaubt das misshandelte Leben wieder an alles Helle, jetzt kann ich weit die Schatzkammern meines Glanzes öffnen!“ Das wurde ein Leuchten, so schön und herzerquickend, dass die verärgerten Menschen mit klingenden Stimmen jauchzen und singen mussten. Von dieser tröstenden Schönheit wollte nur die Beda keinen Funken empfinden, als sie einen Korb mit verstaubtem Leinenzeug durch den feuerschönen Glanz hinüberschleppte zum Altwasser. Beim Anblick der Erlenstauden – dort, wo drei Kinder einen großen Huchen gefangen hatten, dort, wo der weiße Spitz den Toni in die schmeichelnde Hand gebissen – beim Anblick dieser heiligen Stätte des Glückes machte Beda zuerst den Versuch, sich gründlich auszuweinen. Während sie mit den Augen noch bei dieser feuchten Arbeit war, begann sie mit den Händen das noch nässere Werk und spülte das Leinenzeug in dem farbig glitzernden Wasser. Das machte ein Geplätscher, dass Beda den Schritt des Krispin Sagenbacher überhörte.

Der Jünglingsbauer bekam, als er Beda gewahrte, gleich wieder die kugeligen Augen seines zärtlichen Hungers. Er glaubte die Stunde gekommen, in der sich der süße Segen seiner heimlich webenden Gescheitheit ernten ließe. Flink stellte er seine Sense beiseite und schlich auf die gebeugte Wäscherin zu, mit der festen Absicht, klug von nichts anderem zu reden als von dem ‚feinen Wetter’, das nun kommen wollte. Doch als er diesen lind gebeugten Mädchenkörper mit den geschmeidigen Bewegungen sah, musste ihm wider Willen dieses Dumme abermals passieren: Dass alles Dunkle in seinem Blut sich stärker zeigte als das Helle in seinem Verstand. Er streckte die klobige Hand und tuschelte ein schmalzmildes Wörtchen. Nur ein einziges. Bevor er das zweite herausbrachte, war die Beda blitzschnell aufgefahren. Das triefende Leintuch machte durch die schönen Abendlüfte einen Schwung, dass Krispin erschrocken zurücksprang. „Himisakra! Du Weibsbild, du unguts! Muss man denn allweil gleich zuschlagen?“

Beda schwieg. Als Krispin Sagenbacher diese verweinten Augen sah, in denen Zorn und Verachtung brannten, fing er ein schwüles Schnaufen an. Weil er solchen Aufruhr menschlicher Anständigkeit nicht kapierte, begann sein fleckiges Gewissen verdächtig zu rechnen. Seine wachgerüttelte Gescheitheit fand noch das überlegene Lachen eines groß veranlagten Menschen, der den Unverstand der minderwertigen Naturen heiter nimmt. Dann ging er ohne Gruß davon und sakramentierte in Gedanken: „Himibluatsa! Dö muss ebbes gmerkt haben! Wer weiß, was dö grupfte Gans aus’m Unterland alles gredt hat? Sakra, sakra! Da kommt ebbes Unkommods. Da zieht ebbes auf. Und einschlagen kunnt’s.“ Solche Wetterahnungen hatte der Krispin, obwohl der Abend in reinen Gluten leuchtete.

Zärtlich umglänzte die Sonne das stumme, an Herz und Sinnen verstörte Mädel. In schöner Sonne wachsen helle Gedanken. Die Beda erriet wohl nicht den kleinsten Fadenschlag der dunkel gewobenen Zusammenhänge. Aber sie sah, dass der Krispin zu seiner Wiese ging, glaubte, dass der Toni bei der Arbeit wäre, und da fiel ihr dieser Gedanke in die gequälte Seele: „D’ Mutter Lahneggerin!“ Sie zerrte den Korb mit der Wäsche hinter die Erlenstauden und sprang. Beim Anblick des Lahneggerhofes zuckte ihr etwas Wohles und Wehes durch das atemlose Leben. Vor der Schwelle blieb sie ratlos stehen. „Was muss ich denn sagen? Wie mach ich’s denn?“ Noch ehe sie diesen Gedanken zu Ende brachte, stand sie im Hausflur vor dem alten Brett mit dem eingebrannten Walfisch und mit den steilen, an assyrische Keilschrift erinnernden Buchstaben: „67 Zenti lang, 16 Pfund alt Gewicht.“

Kathrin, die das aufgeregte Mädel ein bisschen misstrauisch betrachtete, tat die Stubentür auf und wies die Beda zur Kammer. In dem kleinen Raum, durch dessen Fenster die Abendsonne herein glutete, saß die Lahneggerin zwischen geblumten Kissen, hatte einen Holzteller auf dem Federbett stehen und speiste einen Fisch. Beim Anblick der Beda ging in den müden Augen der kranken Frau ein frohes Leuchten auf. Aber ihre Freude verwandelte sich gleich in Schreck. Auch der Beda fiel ein Zittern ins Herz, als sie dieses verstörte Gesicht gewahren musste. Für einen Augenblick fühlte sie nur die Sorge um dieses leidende Weib, in dem der Toni seine Mutter liebte. Dann stammelte sie die Lüge: „D’ Frau Lutz hat mich fragen gschickt, wie’s der Lahneggerin geht.“ Dazu sprach ihre ehrliche Sorge und Hoffnung: „Gelt gut? Gelt, ich darf sagen: recht gut?“

Die Kranke schien nicht zu hören. Sie lauschte angstvoll nach der Tür und flüsterte: „Bedle! Was machst denn da für an Unsinn! Wann der Krispin einikommt und merkt ebbes!“

„Der maht auf der Wildachwies.“

In der Lahneggerin erwachte wieder was Frohes. „Wann er maht, der Krispi, kann ich mich freuen an dir.“ Sie streckte die Arme. „Sonst bist allweil als a Fremds vorbeigangen an meim Fenster. Seit der Toni gsagt hat: Mein Bedle! – Derzeit bist an Einzigs mit mir! Geh, Kindl, komm her zur Mutter!“

Beda brachte zuerst keinen Laut heraus. Die warme Zärtlichkeit dieser matten Stimme erschütterte sie bis ins Innerste. Auf der Bettkante sitzend, schmiegte sie sich in die mageren Arme und stammelte: „A Mutter mag mich! Jesus, a Mutter mag mich!“

„Halt ja! Und ich weiß, warum. Tu so bleiben, wie d’ allweil gwesen bist. Und tu dich sauberhalten an Leib und Seel.“

Da kam etwas über die Beda, als wäre sie von Sinnen. Sie sah der Lahneggerin verstört in die Augen. „Mutter! Ich bin von die Schlechten eine. Grundschlecht bin ich. Und die schiechsten Sachen muss ich denken.“ Die Lahneggerin wollte erschrocken was sagen. Aber in einem Sturz von Worten schüttete Beda alle Pein der letzten Tage aus sich heraus. Die Bäuerin blieb stumm. Ihre Hände zitterten, ihr Gesicht wurde weiß, und eine ganz spitze Nase bekam sie. Als das Mädel nach aller Beichte schluchzend das Gesicht ins Federbett drückte, schwieg die Lahneggerin noch immer; sie legte nur der Beda die schwere Hand aufs Haar. „Tu mich schimpfen, Mutter! Ich weiß, dass ich unrecht hab. Aber völlig schwarz is mir’s vor die Augen gwesen. Und gar nimmer auskennt hab ich mich.“

„Freilich, ja! Wann a Weibsbild söllene unverschämte Lugen macht!“ Die Lahneggerin redete zögernd, als hätte sie Ursache, jedes Wort genau zu überlegen. „Was wahr is, muss ich sagen. D’ Wittib hat mir am fürigen Sonntag an Bsuch gmacht. Z’mittelst im Tag. Und d’ Witib wär im übrigen kein unguts Weiberleut. Is halt a bissl narret auf’n Toni. Bei der Nacht hätt ich s’ net einilassen ins Haus. Ah na! Furt hat s’ wieder müssen. Und der Toni hat bei mir da draußt in der Stuben gschlafen. Und is in der Fruh zur Arbeit aussi. Und hat von der Wittib nix ghört und nix gsehen. Noch allweil weiß er nix. Weil ich kein Wörtl net gschnauft hab. Was einer net weiß, dös macht ihm net heiß.“ Immer müder wurde die zittrige Stimme. „Sunst is gar nix dran. Mit’m Toni net!“

„Wie därfen denn d’ Leut so lügen?“

Die Lahneggerin tat einen schweren Seufzer. „O mein, du gut’s Madl! Unsereins hat auch schon oft glogen. Allweil geht’s krumm aus. Und allweil lügt man wieder.“

Beda blieb stumm. In diesem Schweigen steckte die neugierige Kathrin den Kopf zur Tür herein und log, dass sie den abgespeisten Teller holen möchte. Nun wurde die müde Lahneggerin plötzlich so grob, dass die Magd erschrocken davon surrte und draußen in der Küche brummte: „Ich hab mir’s aber denkt! Es muss ebbes sein mit dem verdrehten Madl da drin!“ In dieser Vermutung wurde sie noch bestärkt, als Beda nach einer Weile wie verrückt aus der Stube gesprungen kam, draußen vor der Hausschwelle im purpurnen Abendschimmer stehen blieb und aufatmete wie zu einem stummen Jauchzer. Die Magd wollte ihr nachgucken. Da klang im Haus eine schrillende Stimme: „Kathrin!“

„Mar’ und Joseph!“, kreischte die Magd und sprang in die Kammer. „Wo brennt’s denn, Bäuerin?“

An den Fenstern glänzte keine Sonne mehr. Und die Lahneggerin saß vorgebeugt im Bette. „Kathrin, tust dich noch bsinnen auf’n fürigen Sonntag?“

Diese Frage schien das Misstrauen der Magd zu wecken. „Warum denn?“

„Hast selbigs Mal gut gschlafen?“

„Gsund is man allweil und hat sein’ Schlaf.“

„So?“ Die Lahneggerin atmete schwer. „Hast ebba gar nix gmerkt in der Nacht?“

„Na, gar nix.“

„Und in der Fruh?“

„Na, Bäuerin, gar nix.“

Ein kurzes Schweigen. Trotz der Dämmerung hatte die Lahneggerin sehen können, dass die alte Kathrin rot geworden war bis unter die grauen Haare. „Gar nix? So? Gar nix?“ Die Bäuerin fiel in die Kissen zurück, als hatte sie einen schweren Stoß vor die Brust bekommen.

Draußen im Flur bekreuzte sich die Magd. „Wann ich a Wörtl schnaufen möcht, der Bauer tät mich derschlagen.“ Sie trat vor die Haustür, spähte über die Straße hinaus und dachte: „Die kann’s doch net gwesen sein? Von der andern hat d’ Halbscheid, die ich noch gsehen hab, schon an Zentner gwogen.“

Es kam eine milde, stille Nacht mit fein blitzenden Sternen. Dann stieg die Sonntagsfrühe aus der Dämmerung herauf mit erquickender Frische. Das gleichmäßige Rauschen der klein gewordenen Wildach tönte wie ein frohes Morgenlied des erneuten Lebens. Und die Kirchenglocken klangen so lind, als stünde der rufende Turm in meilenweiter Ferne.

Nach dem zweiten Läuten, als die letzten Kirchgänger die weiße Straße spärlich sprenkelten, kam von dem Bergpass, der ins Unterland führte, ein nettes Wägelchen ins Tal heruntergerollt, mit zwei wohlgenährten Rossen bespannt. Auf dem Kutschbock nagte der alte Hansele an seiner kalt gewordenen Zigarre, und hinter dem Wägelchen war die Reisetasche mit dem zufriedenen Osterhasen aufgebunden, der seit der letzten Fahrt kein weiteres Ei mehr gelegt hatte. Seinen Platz im Wagen hatte er bei dieser neuen Reise an den Toni Sagenbacher abtreten müssen. Der saß mit fester Ruh auf dem schmalen Polsterfleck, den die mollige Barbara Gschwendtner aus Zipfertshausen noch übrig ließ. Die runde Wittib war so schweigsam wie der Toni und guckte immer nach der anderen Seite, schillernd in ihrer bunten Seide, die große Seele von den Silberkettchen und Schaumünzen umklunkert. Ihr Sternenantlitz brannte. Und gerötete Lider hatte sie, obwohl die Fichtenwälder im Unterland verständig und unberauscht geblüht hatten. Aus ihren tröpfelnden Augen redete eine Sorge, die immer unruhiger wurde, je näher die Kutsche einem kleinen Hause kam. Bei dem Lärm, den die Hufe und Räder machten, hörte man undeutlich das aufgeregte Gekläff eines Hundes, der hinter verschlossener Haustür bellte.

„Sie wird ebba schon in der Kirch sein?“, sagte der Toni, dem die Augen glänzten. „Aber schauen müssen wir allweil. Halt a bissl auf, Hansele!“ Als Toni aus der Kutsche sprang, kam unter der schönen Sonne dieses Morgens die Beda flink von der Haustür gegen die Straße her, in ihrem frisch gestärkten Sonntagskleid, in der Hand die große Postschachtel mit der fertigen Wochenarbeit. Dem Toni lachte die Freude im Gesicht. „So, mein Madl, mein guts! Da kommst mir aber grad wie gwunschen.“

Die Beda wurde rot und blass. „Jesus! Tonele!“

Er hatte ihr schon die Schachtel abgenommen, fasste sie bei der Hand und zog sie zur Kutsche hin. „So! Schau her, da hab ich d’ Wittib arretiert. Dö muss dir jetzt die schuldig Abbitt machen.“

„Mir?“ Die Beda sah ratlos ihre Hand und dann das trauervolle Sternenantlitz der Barbara an.

„Natürlich! Wem denn sonst? Und nacher därf s’ ihr Klag zruckziehn und därf die Kosten zahlen. Also, Gschwendtnerin, jetzt red!“

In tränenfeuchter Scham fing die Barbara unter einem für ihre Erdenschwere erstaunlich flinken Gezappel zu betteln an: „Herr Jesus! Tuts mich doch net vor die Leut blamieren! Mar’ und Joseph! Dös machen wir daheim. So tuts doch einsteigen!“

„No also, meintwegen, steigen wir halt ein!“, entschied der Toni. „Komm, Bedle!“ Er stellte der Wittib die Handschuhschachtel auf die seidene Schürze. „Gelt, tu mir aufpassen auf d’ Schachtel! Da is der Meinigen ihr fleißige Arbeit drin.“ Dann sprang er in die Kutsche. Weil die Beda in ihrer wortlosen Verwirrung mit dem Einsteigen zögerte, griff Toni hurtig zu und hob das Mädel auf seinen Schoß. „So! Jetzt sitzen wir ganz kommod. Hüo, Hansele!“

Die braven Rosse aus dem Unterland, die an gewichtige Ladung gewöhnt waren, trabten munter los, ohne den Zuwachs an Last zu spüren. Wie die Kirchgänger guckten! Aber das merkte weder die Beda noch der Toni. Der hielt mit festen Armen sein Glück umschlossen. Und die Beda schaute nicht rechts und links, saß immer schön aufrecht und machte sich so leicht wie möglich. Einmal drehte sie aber doch das brennheiße Gesicht, sah dem Toni in die Augen, und weil sie vor der Wittib nichts reden, dem Toni aber doch das Zärtlichste sagen wollte, flüsterte sie: „Deiner Mutter geht’s fein gut!“

„Gott sei Lob und Dank!“

Barbara, die das schwere Postpaket mit den Armen krampfhaft umschlungen hielt, schien in ihrer gesunden Leiblichkeit ein Symptom zu empfinden, das man bei zarteren Naturen als Nervosität bezeichnet. Sie erklärte plötzlich sehr gereizt: „A bissl eng sitzen tut man jetzt!“ Und zornig fügte sie bei: „Dös passt mir auch net in meim Wagen, dass einer allweil a Frauenzimmer auf die Knie hat. Vor die Leut!“

„Geh, Tonele, lass mich aussteigen!“, sagte die Beda.

„Na, na! Du musst dabei sein, wann klar Wasser gmacht wird. Und du, Gschwendtnerin, überleg dir a bissl, was d’ redst. Wärst allweil so gschamig gwesen! Nacher hättst heut in Zipfertshausen bleiben können. Und tätst net unkommod sitzen müssen.“ Der Toni hatte sich erhoben. „Komm, Schatzl, setz dich her da!“ Er drückte die Beda auf den Wagensitz. „Dös därfen wir net tun, dass wir der Gschwendtnerin an Moralischen verursachen.“ Mit einem flinken Schwung seiner langen Beine war er beim Hansele auf dem Kutschbock droben.

Jetzt bettelte die mollige Unschuld erschrocken: „Mar’ und Joseph, Toni, so steig doch wieder eini! Ich hab’s net so gmeint! Es is halt a bissl hart für mich –“ Das Weitere verschluckte sie.

Der Sagenbacher plauderte gemütlich mit dem Hansele von drei schönen Fohlen, die heuer im Gschwendtnerhof zu Zipfertshausen das Licht der Welt erblickt hatten.

Dicke Tropfen kollerten über das kummervolle Sternenantlitz der Wittib, deren rote Sehnsucht noch übler in die Irre geflogen war als das trunkene Liebesbegehren der blühenden Wälder. Beda sah diese Zähren fallen. Und alles Widerstreben, das sie an der Seite der ausgiebigen Reisegefährtin noch empfand, verwandelte sich in Erbarmen. „Kommen S’, Gschwendtnerin“, sagte sie freundlich, „tun S’ Ihnen net mit der schweren Schachtel da plagen.“ Sie wollte zugreifen.

Die Wittib wehrte sich energisch um den Besitz dieser Kostbarkeit. „Na! Und na! Und d’ Schachtel muss ich haben. Der Toni hat mir boten, dass ich drauf Obacht gib.“ Sie schluckte an ihren Tränen. „Was der Toni haben will, muss gschehen.“ Das nasse Sternenantlitz versank bis an die Nasenspitze in den Falten des schillernden Brusttuches. „Wann ich sunst nix zum tragen hätt als wie dös bissl Schachtel da! Aber der ander –“ Über Barbaras runde Schultern lief ein Schüttler, wie es manchmal einem Menschen passiert, wenn ihm eine große Spinne über die Finger läuft.

Und da sah die Beda plötzlich einen Faden in dem dunklen Netze glitzern, das dieser ‚andere’ so schön heimlich und doppelfängig gesponnen hatte. Erschrocken legte sie die Hand auf den Arm der Wittib: „Jesus! Frauerl!“

„Jetzt muss ich’s halt haben. Gschieht mir grad recht! Wann d’ Seel oder ’s Blut in eim Menschen übernarrisch wird, geht’s allweil so!“ Barbara hob die traurigen Augen. „Tust ihn denn gar so schauderhaft mögen, mein’ Toni?“ Beda konnte nicht antworten. Und Barbara in ihren Tränen kluckerte weiter: „Madl, da machst a Glück! Wie der Toni, so gibt’s kein’ zweiten nimmer. Mir därfst es glauben. Der ungstillte Hunger hat schärfere Augen als wie a gspeister Magen.“ Zärtlich bewunderte sie den graden, festen Mannsrücken auf dem Kutschbock droben. „Und jetzt noch allweil, wo ich ihm sein saubers Glück schiech angstrichen hab, jetzt is er noch allweil der Beste zu mir. Gestern in Zipfertshausen draußt – an andrer hätt Spitakel gmacht, aber der Toni is so viel gut zu mir gwesen! Und heut beim Fahren hat er mich allweil auf der Nobelseiten sitzen lassen. Dös wär doch sein Platz gwesen.“ Wieder hob sie die Augen zum Kutschbock. „Für’n Toni kunnt ich alls prestieren. Und ich hab mir ebbes ausdenkt, heut in der Nacht.“ Wie zäher Eigensinn erwachte es in ihren Worten; nicht nur die Stimme, ihr ganzes Wesen verwandelte sich zu einer Schärfe, die man dieser unterspickten Seele gar nicht zugetraut hätte. „Was ich mir fürnimm, reiß ich durch. Der ander wird’s haben müssen, wie’s mir passt für’n Toni. Wann er sich einspreißt und draht den Bockbeinigen aussi, schlag ich ihm ’s Regendachl übern Grind. Und lass mein’ Avakaten d’ Anzeig machen.“

Da hielt der Wagen vor dem Zauntor des Lahneggerhofes.

„Frauerl“, stammelte Beda, „tun S’ doch Ihr Gsicht a bissl trücknen!“ Weil Barbara die Schachtel nicht loslassen wollte, zog Beda ihr eigenes Tüchl heraus und trocknete die Tränen von diesen krebsroten Apfelbacken.

Dankbar sah die Wittib zu dem jungen Mädel hinauf. „Vergeltsgott, Schwägerin!“

Toni war vom Bock gesprungen. „So, Gschwendtnerin, jetzt haben wir’s!“ Er nahm der Wittib das Postpaket vom Schoß, half ihr beim Aussteigen, und während der Hansele den Osterhasen vom Kofferbrett herunterschnallte, sagte der Toni eindringlich: „Jetzt sei halt a bissl gscheit! Tu dir ’s Ruckgrat aufrichten! Aber lass dich net hinreißen! Im Zorn schafft man nix Guts. Und denk halt allweil dran, was dös heißt: Mutter werden und Mutter sein! Dös muß dir d’ Hauptsach bleiben. Der Krispi hat auch seine verträglichen Seiten. Musst ihn halt fest ans Schnürl nehmen. Da kunnt er sich noch ganz verstandsam aussidrahn.“

Die Wittib bekam einen säuerlichen Zug um das mollige Göscherl.

„Jetzt is’s halt amal net anders!“, sagte der Toni. „Und zur Mutter gehst net eini, eh net alles sauber in der Ordnung is. Mein Bedle und ich unterhalten d’ Mutter derweil. Und kommst mit’m Krispi füranand, so mach’s bei der Mutter kurz und tu mir dös kranke Weibl net aufregen. So, jetzt komm halt, in Gottsnamen! Ich führ dich ins Gartenhäusl eini. Da musst halt warten, wenn ebba der Krispi schon furt is auf’n Kirchgang.“

Barbara schwieg. Mit schwermütiger Zärtlichkeit sah sie dem Toni in die Augen. Das war ihr Abschied von allen Hoffnungen auf die bessere Hälfte der beiden Sagenbacher. Schluckend wandte sie sich ab, nahm in die linke Hand den Osterhasen, in die rechte den seidenen Regenschirm und trat, den zwei anderen voran, mit festem Schritt in das stille Gehöft.

Der Hansele kutschierte den leeren Wagen nach dem Gasthaus „Zum goldenen Posthörndl“. Dabei trabten die schönen Unterländer an vielen Kirchgängern vorüber, auch am Krispin Sagenbacher. Der riss beim Anblick des wohlbekannten Gespanns die Augen auf wie ein Hirschkalb, wenn es nach vergnügtem Sommer das erste ungemütliche Schneegestöber um die Luser wirbeln sieht. „Himi Bluatsa! Jetzt schlagt’s aber ein!“ Er wurde seiner Christenpflicht untreu und steuerte im Laufschritt nach Hause, um Unheil zu verhüten und aus der gefährlichen Nuss dieser Schicksalsstunde einen genießbaren Kern heraus zu klopfen. Da er alle Dinge, die ihn selbst berührten, als eingefleischter Optimist betrachtete, hatte er flink wieder jenes wohlschmeckende Plänchen bei der Hand: Zipfertshausen verschachern, den Lahneggerhof nobel aufbauen mit zwanzig Fenstern in der Front und dann als oppositionsgefeiter Großbauer den ‚Ausschussrammeln’, die ihn aus der letzten Sitzung hinausgeworfen hatten, die widerhaarigen Köpfe zu zwiebeln, bis sie Glatzen bekamen! Aber neben dieser sicheren Schönheit, die der Jünglingsbauer aus seinem Spinnennetz heraus zu beißen hoffte, war in seinem Gemüt doch auch was dunkel Ahnungsvolles, das ihn immer flinkere Schritte machen ließ.

Er fand den Hof in friedlicher Sonnenstille, guckte in die Stube und fand sie leer. Er spähte in die Kammer und sah nur die Mutter. Beim Anblick des Sohnes schien die Lahneggerin von einer galligen Pein befallen zu werden. Ihre Stimme schrillte: „Krispi –“ Der Jünglingsbauer hatte die Tür schon wieder zugeworfen. Er rumpelte hinauf zu seiner mitschuldigen Kammer, sprang wieder die Treppe hinunter und guckte in die Scheune, die für die Wittib aus dem Unterland ein bekannter Durchgang war. „Ja, Himisakra! Dö is doch kein so wunzigs Bröckl net, dass man’s gleich gar nimmer finden kunnt!“ Da spitzte er die Ohren. Irgendwo im Garten klang eine gereizte Weiberstimme. Krispin sah in dem von wilden Reben freundlich umsponnenen Gartenhäuschen was Rotes, Blaues, Grünes und Gelbes schimmern. Jene energische Stimme schwieg. Hinter den Rebenblättern waren nur noch Laute zu hören wie von einem verschnupften Menschenkind, das niesen möchte und diese Erlösung nicht fertig bringt.

„Mit wem kann s’ denn gredt haben?“, dachte der Jünglingsbauer. „Hat s’ ebba gleich an Avakaten mitbracht?“

Ein paar Schritte noch. Dann wurde er so blau im Gesicht, als wäre in seinem gescheiten Hirnkasten eine jähe Blutstockung eingetreten. Auf das sanft geschwungene Bild der Wittib von Zipfertshausen war er vorbereitet. Aber die Beda und der Toni dabei! Das war für den Krispin, was man eine unvorhergesehene Katastrophe nennt. Er ermunterte sich flink und sagte mit einer schmalzfreundlichen Miene: „Ös drei seid’s aber schön gmütlich beinand!“

War an dieser objektiven Konstatierung etwas Zornschürendes? Barbara, die kreidebleich geworden, vergaß die guten Ratschläge des Toni, ließ sich ‚hinreißen’, packte ihren seidenen Regenschirm und drosch so fürchterlich auf den erschrockenen Krispin los, dass die klappernde Waffe einen Knacks machte und der halb aufgespannte Schirm gleich dem Modell eines misslungenen Drachenfliegers zu Boden sauste, während der Schlangenkopf mit den gelben Augen in der Faust der Wittib blieb. Den warf sie dem Jünglingsbauer noch an den Kopf. „So! Jetzt hast es! Du!“

Krispin belastete das harte Dach seiner Klugheit. Zum ersten Mal im Leben sprach er ehrlich seine Meinung aus: „Ich hab mir’s aber denkt, es wird einschlagen.“

„Komm, Bedle!“, sagte der Toni und fasste die Hand seines Mädels. „Jetzt hast gnug gsehen. ’s ander kannst dir sparen. Schauen wir zur Mutter eini! Dö zwei haben Privatsachen mitanand.“

Barbara schien zu fürchten, dass der Jünglingsbauer dieses „Enfin seul!“ zu einem Fluchtversuch benutzen könnte. Mit beiden Fäusten fasste sie ihn bei den Joppenflügeln. „Du bleibst mir! Und ins Gsicht kunnt ich dir speien, dir! Wann ich net –“ Zähren erstickten den Zornklang ihrer Stimme, „wann ich net meim zukünftigen Kindl z’lieb a bissl Respekt haben müsst.“

Weit öffnete der Krispin die gescheiten Augen, schien Oberwasser zu spüren und fing zu schimpfen an: „Ah so! Und muss man da gleich zuschlagen? Was hast denn jetzt davon? A neues Regendachl kannst dir kaufen, für unser Geld!“ Er wollte die molligen und dennoch zähen Fäuste von seiner Joppe lösen. Aber Barbara hielt fest und wiederholte das doppelsinnige Schicksalswort: „Du bleibst mir!“ Sie schob den Krispin hinter den Tisch. Als er unentrinnbar im Winkel saß, trocknete sie ihre Tränen, sah die schlechtere Hälfte der beiden Sagenbacher prüfend an, wie Bauern beim Ochsenkauf zu gucken pflegen, deutete auf die Schriften, die neben dem mager eingeknickten Osterhasen den Tisch bedeckten, und erklärte: „Da hab ich dir den Kataster von meim Anwesen herglegt. Und ’s Inventari. Und alle Papierschaften. Da kannst jetzt aussilesen, was ich wert bin. Und wann kein’ anständigen Menschen net aussidrahst, wird heut noch d’ Anzeig gmacht. Mit’m Avakaten hab ich gestern schon gredt. Fünf Reate können aussikommen, hat er gsagt. Und a paar Jahr kannst kriegen.“

„Ah, woher denn!“, sagte Krispin mit scheinbarer Seelenruhe. „Wann einer a Weibsbild so narret gern hat, und er mankelt a bissl, da lachen d’ Richter dazu.“ Scharf beobachtete er die Wirkung der beiden Wörtchen ‚narret gern’; dann schwieg er und begann mit Ernst den Katasterplan des Gschwendtnerhofes von Zipfertshausen zu studieren.

Die Kirchturmglocken läuteten mit schönem Hall zur Wandlung. Barbara, nachdem sie sich fromm bekreuzt hatte, zog aus den inneren Tiefen des Osterhasen das kleine Spiegelchen heraus, um sich wieder in schöne Ordnung zu bringen. Dann legte sie erwartungsvoll die Hände in den Schoß, und während sie den Krispin aufmerksam betrachtete, begann sie an ihm alle versöhnlichen Ähnlichkeiten aufzusuchen, die an den Toni erinnern konnten. Allzu viel dieser schöneren Züge fand sie nicht. Aber seit der Mahlzeit im Salettl des ‚Goldenen Posthörndl’ waren ihre Ansprüche bescheidener geworden. Jetzt gefiel ihr sogar die Dulle in Krispins Nasenbein. Weil das ein Werk des Toni war.

Durch das Rebendach des Gartenhäuschens fielen der Barbara Gschwendtner ein paar warme Sonnenlichter in den Schoß. Dieser beschauliche Friede im Grünen dauerte nicht lang. Als das Hochamt zu Ende war und die guten Wildachtaler Christen am Lahneggerhof vorüber wanderten, konnten sie die zornbrüllende Stimme des Krispin Sagenbacher vom Garten bis zur Straße hören. Dann sahen sie den Jünglingsbauer wie einen Verrückten durch den Obstgarten rasen. Nun erschien ein rundliches, bunt schillerndes Frauenzimmer mit einer Reisetasche am Arm und wollte durch das Gehöft davongehen; der Krispin kam mit langen Beinen gesprungen, fasste das fremde Weiberleut unter deutlich erkennbaren Beschwichtigungsversuchen an den Rockfalten und zog es wieder hinter die grüne Rebenwand.

In der Stille des Vormittags kräuselte sich aus allen Schornsteinen der zartblaue Rauch empor in die reinen Sommerlüfte.

Es ging auf die elfte Stunde zu, als Krispin allein aus dem Garten kam. Er schwitzte vor Zorn und Aufregung. „Himisakra Kruzi Türken und Krawall! Die hat mich nobel eingfangen! Und Ja muss ich sagen und der Siemanndl sein, oder sie lasst mich einsperren wegen Hinterlist und Ehrenbeschädigung! Kruzi Türken, Krawall und Himisakra!“ Die Fäuste in die Joppentaschen bohrend, trat er auf die Straße, um den Weg zum „Goldenen Posthörndl“ einzuschlagen. Eine Weile später verließ auch Barbara die Stätte ihres vollkommenen Sieges. Hochmütig sah sie nicht aus, nur relativ zufrieden. Gemächlich, mit wiegenden Hüften, ging sie dem Hause zu, am Arm den voll gepackten Osterhasen. An den Henkel der Reisetasche hatte ihr der sparsame Krispin die Stücke des Regenschirmes angebunden, der sich vielleicht noch reparieren ließ. Vor der Haustür begegnete Barbara der aufgeregten Kathrin, die fragen kam, ob die Bäuerin zum Mittagessen bliebe; dann müsste man noch ein Dutzend Knödel mehr einlegen. „Vergeltsgott, na! Wir machen kein’ Umstand ins Haus. Ich und der Meinig fahren jetzt gleich davon. Grad is er ins Wirtshaus auffi, der Meinig, und holt unsern Wagen.“

Die Kathrin guckte mit runden Augen, als sie die seidenen Farben sah, die ihr ein bisschen bekannt erschienen – wenigstens ‚zur Halbscheid’. „Mar’ und –“, stotterte sie. Den ‚Joseph’ brachte sie nicht mehr heraus, sondern surrte ins Haus hinein. Barbara konnte beim Eintritt in die Stube hören, wie Kathrin in der Kammer haspelte: „Gleich fahren s’ davon, sie und der Ihrig, sagt s’! Er tät schon den Wagen holen, der Ihrig, sagt s’!“

Die Magd erschien, machte wieder die kreisrunden Augen – in der Kammer blieb es still –, und als die frisch aufgebügelte Braut aus Zipfertshausen zögernd eintrat, sah sie die Beda zur Linken und den Toni zur Rechten des Bettes sitzen; zwischen den beiden lag die Lahneggerin gegen die geblumten Kissen gelehnt – Sorge, Zorn und Hoffnung in den Augen –, mit zitternden Händen den Arm des Toni und den Arm der Beda umklammernd, wie ein von Schwindel Befallener auf unsicherem Steg sich festhält am doppelten Geländer.

Der guten Barbara, als sie den Toni ansah, kamen gleich wieder die Tränen. Sie musste erst schlucken, bevor sie das herausbrachte: „Grüß Gott, Lahneggerin! Dös heißt, no ja, jetzt wird’s wohl über vier Wochen so kommen, dass ich Mutter sagen därf zu Enk.“

„O Jesu mein!“ Die Lahneggerin verstummte wieder.

Toni stand auf. „Also, Gschwendtnerin, da sag ich halt als erster mein’ rechtschaffenen Gutwunsch.“

Barbara drehte das Gesicht gegen die Wand und klagte: „Sei stad! Viel reden därfst net. Sonst bring ich net aussi, was ich sagen muss.“

„Tonele!“, stammelte die Lahneggerin. „Tu ’s Weibsbild net ausanand bringen.“

Eine Weile hörte man in dem weißen Raum nichts anderes als das Schnuffeln und Zähnebeißen der glücklichen Braut. Endlich war sie so weit beruhigt, dass sie reden konnte. „Jetzt haben wir’s ausgmacht, dass der Meinig aussiheiret zu mir auf Zipfertshausen. Und der ander –“ Langsam hob sie die tröpfelnden Augen zum Toni auf, der jetzt der ‚andere’ geworden war. „Der soll sein Mutterhaus bhalten. So hab ich’s beim Meinigen durchdruckt. Dass er mir ebba doch a freundschäftlichs Andenken lassen tut – der ander.“

Die Lahneggerin machte stumm eine seltsame Bewegung mit dem Kopf. Und der Beda brannte die Freude heiß im Gesicht. Aber der ‚andere’ wurde blass und sagte heftig: „Da hab ich nix z’tun damit. Über so ebbes hab ich kein Wörtl net gredt.“

„Na, kein Wörtl net!“, fiel die Wittib ein, in der die Energie wieder zu erwachen begann. „Da bin ich ganz allein draufkommen. Mir wird auch amal ebbes Gscheits einfallen därfen. Den Preis für d’ Übergab kann er selber machen – der ander.“

„Und net um d’ Welt!“, wehrte der Toni. „Da müssen gwissenhafte Schätzleut her und müssen –“

Die Lahneggerin zog den Toni am Ärmel. „So sei doch stad! Dös Weibsbild tut soviel vernünftig reden.“

„Gelt, Mutter, ja!“, fiel Barbara ein und machte mit der Osterhasentasche an ihrem Arm einen Schubs, als hätte diese Zustimmung alle Kraft in ihr gefestigt. „Wir in der Familli brauchen keine fremden Leut. Wie der ander ’s Muttergütl haben will, so kriegt er’s. Mit’m ganzen Inventari. Was er net auszahlen kann, dös lass ich ihm mit drei Perzent draufstehn als unkündbare Hypothek, solang er mag. Da hat mir der Meinige nix drei z’reden. ’s Geld hab ich! Und den Gschwendtnerhof lass ich dem Meinigen net verschreiben. So a Rindviech bin ich net. Dem Toni hätt ich alls verschrieben. Aber dem andern – will sagen: Dem Meinigen? Ah na! Solang ich ’s Heft net aus der Hand gib, muss er parieren. Is er gut und freundlich zu mir, so soll er als mein Bauer jeden Respekt gnießen. Ich mach’s notarisch, dass ihm alles ghört, wann er dem Toni a bissl nachgraten will und wann ich sagen kann, dass ich z’frieden bin mit ihm. Dös kann er leicht pressieren, wann er mag. Von der Bauernschaft versteht er ebbes, der Meinig, und gnau und sparsam is er auch. Dös hab ich schon gmerkt.“

„Gelt, ja? Gelt, ja?“, stammelte die Lahneggerin.

„Ja, Mutter! Und ganz freundlich kann er sich beweisen, wann er muss. Z’letzt, im Gartenhäusl, hat er recht verstandsam gredt. Wann ich d’ Augen zugmacht hab, da hab ich oft gmeint, ich hör mein’ – no ja, den andern halt!“ Barbara schnaufte schwer. „Z’erst, freilich, da hat er wild spitakelt. Und weil ich gforchten hab, es kunnt ihm daherinn der Gachzorn wieder aussifahren und er kunnt uns d’ Mutter schadhaft aufregen, drum hab ich gmeint, es is am besten, wann er den Wagen holt und gleich mit aussifahrt auf Zipfertshausen. Sei’ bissl Sach müssts ihm halt nachschicken. Ich lass ihn nimmer aus, den Meinigen. Hat er mein’ Hof amal gsehen, so bleibt er schon bei der Stang und tut sich sauber abbürsten, dass er mir gfallen kann. Da müsst er net soviel Eigenschäften vom andern haben, schier zum Verwechseln. Sonst hätte er mich in der falschen Kammer droben net so gschwind über'n Löffel –“ Sie sprach dieses Gleichnis aus der Baderstube nicht zu Ende, sondern verstummte erschrocken, sah in Scham die Lahneggerin an, hob scheu die schwimmenden Augen zum Toni auf und steuerte mit fluchtartiger Eile der Tür zu.

„Aber Gschwendtnerin!“, rief der Toni. Seine Stimme, die doch ein bisschen anders klang als die des Krispin, machte das Unglück fertig.

Barbara begann zu heulen. „Hast ja doch selber gsagt, ich soll’s kurz machen! Und den Wagen hör ich. Und – der Meinige kommt.“ Da war sie zur Tür draußen.

„Jesus, Tonele!“, fing Beda aufgeregt zu betteln an. „So tu doch dös arme Weiberleut z’ruckhalten! Oder gib ihr doch a paar gute Wörtln auf’n harten Heimweg mit!“

„Freilich, ja!“ Der Toni wollte zur Tür. Bevor er um das Bett herumkam, blieb er stehen und sah in Sorge die Mutter an, die mühsam nach Atem rang. „Mutter! Was hast denn?“ Er sprang zu ihr hin und schob ihr den Arm unter den Rücken, während Beda zitternd ein Glas mit Wasser füllte.

Da lachte die Lahneggerin ein bisschen. Und fing mit kämpfenden Lauten zu reden an: „Soviel gut is mir! D’ Freud steckt mir im Hals, dass ich schier dersticken muss!“ Sie wollte das Gesicht bekreuzen; die schwache Hand fiel wieder auf das Federbett. „Vergeltsgott tausend Mal! Dass ich so ebbes noch erleben därf. Mein Krispi! Mein Krisperle, mein guts! Und hat sein Leben unter Dach! Und so an Hof und soviel Zuig. Und kriegt a Weib, dö sich drauf versteht, dass er ’s Gute aussidraht und als Mensch und Bauer sein’ Rispekt gnießen soll. Jesus, Jesus! Und allweil is mir d’ Angst wie a Bügeleisen über d’ Seel gangen. Und gestern, und heut noch! Schier draufgangen bin ich vor lauter Sorg, er kunnt ebbes Strafbars verübt haben. Und schau, jetzt hat er sich einigsündigt ins Glück und in d’ Lebensruh!“ Ihr Reden war ein immerwährendes Lachen geworden. „Tonele, gelt, die dreihundert Markln im Strumpf, dö tust ihm schenken, dass er a Recht drauf hat.“

„Aber, Mutter, geh, den Strumpf, den hast ja noch allweil.“

„Freilich, ja, den hab ich noch allweil. Schau, ich weiß schier nimmer, was ich red!“ Die Lahneggerin brachte vor Lachen kein Wort mehr heraus. Sie lachte wie eine Berauschte, lachte immerzu, bis sie plötzlich stumm wurde und erbleichend die Hände auf den Magen drückte. Schwer fiel sie in die Kissen zurück.

„Jesus!“, schrie die Beda.

Da lächelte die Lahneggerin schon wieder. „Ganz leicht is mir! Wirst sehen, Tonele, jetzt geht’s auffi mit’m Gsund.“

„Hoffen wir’s, Mutter, ja!“

Vor den Fenstern fuhr die nette Kutsche vorüber und hielt beim Zauntor des Gehöftes. Der Toni konnte durch die Fensterscheibe sehen, wie Barbara das leichte Wägelchen schwer machte und wie der Krispin ihr freundlich beim Einsteigen half.

Hufschlag und Räderlärm. Und wieder die stille Straße.

Mühsam fragte die Lahneggerin: „Hat er noch a bissl einigwunken?“

Toni, dem die Stirn brannte, sagte ruhig: „Ja, Mutter! Fest! Und grufen hat er noch, dass er d’ Mutter schön grüßen lasst. Dös musst doch ghört haben, gelt?“

„Ja, Tonele, gnau hab ich’s ghört.“ Die Lahneggerin streckte sich wohlig. „So gut is mir’s im ganzen Leben noch nie net gwesen.“

Der Toni streichelte die Hand der Mutter. Und Beda, die noch immer das Glas mit dem Wasser hielt, presste die Zähne übereinander.

Ein Glockenhall. Man läutete die elfte Stunde. Und draußen in der Stube klapperte die Kathrin mit den Tellern.

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