Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
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               Kapitel 10
               Kapitel 11
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               Kapitel 13
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Kapitel 11

Der lange Sagenbacher war in seinem ganzen Leben noch nie so flink durch das Tal hinaufgekommen wie in dieser sorgenschweren Morgenstunde. Als er atemlos das Gehöft der Wildacherin erreichte, kam das Gewitter schon über den Talkessel hergezogen, und die ersten Tropfen begannen zu fallen, groß und schwer. Keuchend sprang der Toni ins Haus und fand die Beda mit der Großmutter in der Stube. Gleich erkannte Sully den ‚Dieb’ wieder und schlug ein Spektakel auf, dass Toni schreien musste, um sich verständlich zu machen: „Wildacherin, sei so gut und renn zum Brosi auffi und sag ihm, dass ich da bin! Ich muss mich a bissl nieder hocken.“ Die alte Frau humpelte davon, während Beda wie ein steinernes Bild am Ofen stehen blieb. Kaum war die Wildacherin zur Tür draußen, da löste sich diese Lähmung in Bedas Gliedern, der Toni vergaß, dass er sich ‚nieder hocken’ wollte, und die beiden flogen aufeinander zu und hingen Brust an Brust.

„Vergeltsgott, Bub! Heut in der Nacht, wie ich dein Sträußl gfunden hab, is mir gwesen, als wär mir a Stern ins Herz einigfallen.“

„Herrgott! Anand wieder haben! So ebbes Guts!“

Sully tollte mit schrillendem Gekläff um die zwei glücklichen Menschen her. Draußen rauschte ein dumpfes Getrommel nieder. Blitz um Blitz. Und Donner und Echo wurden ein ununterbrochenes Gedröhn.

„Schier hätt ich's nimmer ausghalten!“ Mit geschlossenen Augen schmiegte sich Beda an die Brust ihres Buben.

„Allweil hab ich dran denkt, was d' leiden musst. Und hab gflucht auf den bsoffenen Narrenwald.“

„Der Wald? Ah na! 's ander hat mich so plagt. Viel hättst mir ersparen können, wann bloß an einzigs Wörtl gschnauft hättst.“

„A Wörtl? Von was denn?“

„Vom Bsuch, der am fürigen Sonntag bei enk übernachten hat därfen.“

„Bsuch? Bei uns is kein Bsuch net gwesen.“

Erschrocken stammelte Beda unter einem rasselnden Donnerschlag: „So tu dich doch bsinnen, was d' redst! Ich glaub an dich wie 's Herz an sein Blut. Ich weiß doch, dass alles verlogen is. Da kannst mir doch d' Wahrheit sagen.“

„Aber Bedle! Ich hab dir doch grad –“ So weit hatte der Toni ganz ruhig gesprochen. Nun fuhr es ihm unter flackerndem Blitzschein mit Zorn aus der Seele: „Himmelsakrament noch amal!“ Das galt aber nicht der Beda, sondern dem weißen Spitz, der dem Sagenbacher einen Triangel aus dem Hosenschaft gerissen hatte.

Beda, deren klare Sinne sich umnebelten, fing bleich zu zittern an: „Tonele! Sei doch net so zu mir! Und tu mir keine Lugen net sagen.“

„Lugen? Aber Bedle! Ich hab dir schon gsagt, dass bei uns am Sonntag kein Bsuch net war.“

Jetzt wurde auch die Beda laut. „Kein Bsuch net? Dös kannst mir sagen? Wo ich 's Weibsbild selber gsehen hab! Und gspürt!“ Bei diesem kummervoll betonten Worte streckte sie die Hand mit den gespreizten Fingern.

„Weibsbild?“ Auch dem Toni fing der Verstand zu wirbeln an. „Was für a Weibsbild? Ich weiß von keim Weibsbild nix.“

„Jesus, Maria!“ Weil die Beda den Toni nimmer ansehen konnte und im gleichen Augenblick einen Schritt auf der Treppe hörte, schlug sie den Arm vor die Augen und taumelte in die Kammer.

Toni stand, als hätte ihn einer der Blitze gestreift, die draußen durch die Lüfte zuckten. „Bedle! Was is denn?“ Als er dem Mädel nachgehen wollte, fuhr der weiße Spitz auf ihn los. „Du gottverlassenes Hundsviech! Z'erst hab ich gmeint, du hast uns zammbracht. Jetzt bringst uns ausanand!“ Weil auch der Toni den Schritt im Hausflur hörte, machte er einen Sprung gegen die Tür, betrachtete verstört die Bissnarbe an seiner Hand und murmelte: „Jetzt is uns ebbes Unrechts einikommen.“

Ambros erschien auf der Schwelle, im Wettermantel und mit dem Ölhut. „Ich hab gewusst, dass du kommen wirst.“

„Brosle!“ Dem Toni zitterte die Stimme. „Jetzt schaut's miserabel aus!“ Er meinte nicht nur das Wetter.

„Komm nur!“, sagte Ambros ruhig, mit einem Leuchten in den Augen. „Schwere Tage wird's geben. Aber jetzt hab ich den Glauben wieder. Und meine Kraft.“

Die beiden gingen zur Haustür. Droben im Bodenflur klang die tröstende Stimme der Wildacherin: „Tun S' Ihnen net aufregen, Frau Lutz! Unser Herrgott wird schon alles wieder recht machen.“ Der Toni, der das noch hörte, während er hinter Ambros hinaustrat in den prasselnden Regen, tat einen schweren Atemzug. „Unser Herrgott? Dem wird d' Weltregierung auch net gut nausgehn, wann er der Pfarrköchin kein' Bsuch net macht.“ Bei dieser philosophischen Erwägung vergaß der Toni, dass er im Rucksack den gerollten Wettermantel trug. Ein paar Sekunden genügten, um den Sagenbacher einzuweichen bis auf die Haut. Diese Abkühlung schien klärend auf seinen umdüsterten Verstand zu wirken. Er schüttelte den Kopf, als hätte er Wasser in die Ohren bekommen. „Na, na, na, na, na! 's Madl is ehrlich, und 's Madl mag mich! Weiß der Teufel, was uns da für a Missverstand einikommen is in unser schöne Sach!“ Hart schnaufend sprang er durch die Wasserlachen, um Ambros einzuholen. „Sakra, sakra! Heut tut's aber schiech!“

Es gab Leute, die in dieser rauschenden Stunde anders dachten, und denen dieses Schütten eine Freude war, weil es die Erlösung von der Pein dieser sieben Staubtage brachte. Überall hörte man schreiende Stimmen, die einen Klang von Heiterkeit hatten. Wo eine Stalltür war, wurden die Pferde, Rinder, Schweine, Ziegen und Schafe in den Regen hinausgetrieben, damit sie sich von dem klebenden Staube reinigen sollten in des lieben Herrgotts großer Badestube. Die Blitze leuchteten seltener, aber der Regen fiel noch immer in schweren Strömen.

Wo war nun der irr geflogene Liebeswahnsinn der Wälder? Kein Stäubchen mehr in den Lüften, in denen nur fallendes Wasser war. Die rote Schönheit der Waldrauschzeit war schwimmender Schmutz auf tausend Pfützen geworden. In den Wäldern hatte von dieser verschwenderisch brennenden Liebe nur ein winziger Teil das Ziel, den harrenden Schoß der weiblichen Blüte, gefunden. Dennoch war dieses Winzige ein Ungeheures. Millionen von sprossenden Keimen waren befruchtet und zum Leben erweckt: Die jungen Seelen von kommenden Wäldern, die wieder grünen, blühen und versinken werden.

Die Kirchenglocken riefen zum sonntäglichen Hochamt, als Ambros und Toni sich der Notburg näherten. Wie ein Brüllen von dumpfen Stimmen empfing sie der Lärm des hoch gestiegenen Wildbaches.

Der Regen wurde schwächer, und um die grauen Wälder zogen sich kriechende Nebelmassen.

„Brosle, dös gfallt mir net! 's Wetter hängt sich ein und wird a Landregen.“

Ambros nickte stumm.

Beim Kapellenhäuschen der heiligen Notburga, deren Antlitz trotz der Dulle im Nasenbein nicht feindselig durch das eiserne Gitter herausguckte, stand der Rottmeister der Italiener, von Nässe triefend wie die beiden, die da kamen. „Cattivo tempo, padrone!“

Ambros fragte, wie viel Arbeiter zur Verfügung stünden.

Mit Ausnahme von siebzehn Leuten, die ihre entzündeten Augen nicht öffnen konnten, waren die Italiener alle auf dem Posten. Von den einheimischen Taglöhnern hatte sich keiner sehen lassen. Nur ein alter Mann wäre gekommen, sagte der Rottmeister, und hätte nach Ambros gefragt. „Eccolo!“ Er deutete auf ein graues Männlein, das nicht weit von der Kapelle im Regen stand und von Nässe glitzerte. „Tonele! Der Waldrauscher!“ Und Ambros sprang auf den Alten zu.

Der sah ihm in die Augen. „Büeble? Kannst mich brauchen?“

„Ja, Waldrauscher! Ich danke dir, dass du gekommen bist! Du sollst dich nicht plagen müssen. Ich stelle dich als Wächter zum Pegel. Sooft das Wasser gestiegen ist um einen Strich, musst du den Lärmschuss lösen. Sollte das Wasser sinken, so musst du dreimal schießen, damit die Leute in ihrer Mühsal gleich erfahren, dass die Arbeit leichter wird. Komm, Waldrauscher!“ Ambros umklammerte die Hand des Greises und zog ihn gegen das von Gedonner umschütterte Wassertor der Notburg hin.

Die hoch gebaute Straße, die neben der Felsklamm zur Baustatt der Talsperre führte, war von Schlammbächen übergossen. Neben ihr, in der mächtigen Steinschlucht, wirbelte ein Brausen vorüber, dass von den vier Männern keiner mehr verstand, was der andere sagte.

Auf der Höhe des Wassertores, wo ein nüchterner Ziegelkasten, das ‚Elektrizitätswerk Friedrich Wohlverstand’, schon unter Dach war, sah man durch die Schleier des Regens über den halbvollendeten Bau der gewaltigen Sperrmauer hin; sah die vier grauen Flutströme, die aus den tief geschachteten, mit schwerem Balkenwerk verschalten Schleusengängen herausjagten; sah das Aufspritzen und Schäumen der Wassermengen, die sich durch die breite Waldschlucht unter der Großen Not heranwälzten und tobend gegen die aus Baumstämmen geschränkte Schutzwehr der Baustätte schlugen. Bei der bedrohten Mauer und überall am Rand des andrängenden Gewässers huschte unter dem Grau des Regens schattenhaft das Gewimmel der Menschen durcheinander, die sich mühten, den rauschenden Zorn der Natur zu bekämpfen. Ambros riss den triefenden Mantel herunter und schrie: „Du, Toni, hinauf zu den Stauwehren und Notverhauen! Führe den Waldrauscher zum Pegel hinüber! Mein Platz ist hier bei der Mauer.“ Er sprang auf eines der Balkengerüste, die den Bau der Talsperre schützen sollten, aber schon zitterten unter dem Andrang des steigenden Wassers.

Dieses Dröhnen und Rauschen verschlang jeden menschlichen Schrei, jeden Lärm der mühsamen Arbeit. Die vielen Menschen schienen stumm zu sein, an den Armen von einem wunderlichen Zucken befallen. Die Axthiebe, mit denen man auf dem Waldgehäng die Bäume umschlug, waren ohne Klang. Wenn die Bäume stürzten, krachten sie nicht, sondern legten sich still auf die Erde hin und wackelten hinter den stumm schleppenden Menschen auf das tosende Wasser zu, um in den grauen Wogen unterzutauchen als Hemmung für den Schub des Gerölles und als Halt für die Stauwehre, die den Druck des Wassers von der Baustatt ablenken sollten.

Nur wenn beim Pegel ein Schuss gelöst wurde, übertönte der Hass des Böllers als einzige Stimme dieses Rauschen und Brausen.

Immer wieder krachten die Warnungsschüsse, in immer kürzeren Pausen. Und immer ging der gleichmäßig strömende Regen nieder. Die schaffenden Menschen, die nicht essen und nicht rasten durften, begannen müd zu werden. Nur Ambros schien keine Erschöpfung zu fühlen. In seinen vor Nässe sprühenden Kleidern sprang er von einem bedrohten Posten zum anderen und war das hämmernde Herz und der feste Wille in diesem vielhundertfäustigen Körper. Die Sorge in seinen heißen Augen blickte immer ernster. Wenn er nur hundert Menschen noch hätte! Um die Müden ablösen zu können und mit der Arbeit durchzuhalten bis zum nächsten Tag. Dieser gleichmäßige Regen war keine unbesiegbare Gefahr. Alles konnte noch gut werden, wenn der Bau der Talsperre sich so lange schützen ließ, bis die groben, während des Gewitters niedergefallenen Wassermengen sich verlaufen hatten.

Und da geschah gegen Abend etwas Unerwartetes, für Ambros Unerklärliches. Innerhalb einer Stunde erschienen vierundachtzig Wildachtaler bei der Notburg und boten sich zur Arbeit an. Kamen die Leute, weil sie verdienen mussten? Weil durch den Staubflug der blühenden Wälder das Heu verdorben war? Weil bei solchem Wetter keine Arbeit auf den Feldern geschehen konnte? Oder war die Vernunft in ihren verhetzten Köpfen wach geworden? Hatten sie die Warnungsschüsse gehört? Waren sie erschrocken vor den Schlammwogen, die das breite Kiesbett der Wildach füllten? Hatten sie Angst bekommen um ihre Häuser? Und kamen sie nun gelaufen, weil ihnen die drohende Gefahr an die eigenen Hälse griff?

Ambros stellte keine Frage. Er drückte die Hand eines jeden, der kam, und stellte jeden an den Posten, wo er am besten zu brauchen war.

Vor Beginn der Dämmerung brannten die großen Feuer auf, die in der Nacht zur Arbeit leuchten sollten. Die Müden, die man ablösen konnte, saßen um die mächtigen Flammen her, verschlangen ein paar Bissen, schliefen ein paar Stunden und ließen sich von der einen Seite anregnen, von der anderen Seite braten.

Ums Tagwerden stellten sich wieder zweiundsechzig Wildachtaler zur Arbeit.

Und gegen sieben Uhr morgens krachten beim Pegel, wo der Waldrauscher als Wächter stand, drei donnernde Böllerschüsse.

Das Wasser sank!

Ambros stieß einen Schrei aus, wie Menschen aufschreien in unerträglichem Schmerz. Dieses Wehe in ihm war die Kraft der Freude. Ein paar Sekunden konnte er sich nimmer regen, alle Glieder waren ihm wie gelähmt. Dann lachte er wie ein heiteres Kind und blieb noch vier Stunden bei der Arbeit. Um die Mittagszeit vergönnte er sich die erste Rast seit siebenundzwanzig Stunden. Er schickte eine erlösende Zeile an die Mutter. Dann wechselte er die Kleider, ließ sich aus der Kantine Polenta bringen, wie die Arbeiter sie aßen, und streckte sich in einer Reisighütte auf die Pferdedecke. Hier fand ihn Toni, der in seinem übel zugerichteten Gewand die starren Arme seitwärts hielt und schwerfällige Schritte machte. Sein Kittel und seine Hose hatten so viele Löcher, dass der Triangel, der auf Rechnung des weißen Spitzes ging, kein Aufsehen mehr erregte.

„Brosle! Ich muss dir ebbes sagen.“

Ambros hob das erschöpfte Gesicht.

„Im Dorf is ebbes geschehen. Ebbes Guts! Weißt, warum sich die hundertvierzig Leut zur Arbeit gstellt haben? Der Bruder von eim Ausschusser hat mir's verraten.“

„Was?“

„Gestern Nachmittag beim Rosenkranz hat der Herr Pfarr für d' Wasserarbeit predigt. Der Burgermeister hat im Ausschuss für uns auf'n Tisch ghaut. Und den Krispi haben s' aus der Sitzung aussi gschmissen. Und weißt, warum? Weil d' Frau Herzogin gestern ans Pfarramt und an' Burgermeister gschrieben hat: Wann die Gmeind deiner nutzbaren Sach und dir kein' richtigen Beistand macht, so tät d' Frau Herzogin ihrer Lebtag nimmer ins Tal kommen und tät alle Stiftungen auflassen, die s' jeden Sommer für die Kirch und für'n Gmeinsäckel macht. Wann aber die Gmeind Verstand zeigen möcht, so tät d' Frau Herzogin alle Stiftungen verdoppeln. Sakra! Da haben s' ausrucken können, die gscheiten Mannsbilder!“

Schweigend presste Ambros das Gesicht in die zitternden Hände.

„Gelt, Brosle, dös tut dir wohl?“ Toni legte dem Freund die Hand auf die Schulter. „Dass ebbes Hilfbars kommt, da hätt ich drauf schwören können. Dein nutzbars Arbeitswerk hat ebbes Lebendigs in ihm. So ebbes kann net z'grund gehn! Jetzt schnauf a bissl auf! Und tu dir a paar Stündln Ruh vergunnen. Du brauchst es.“

Während Toni mit steifen Knien davonging, fiel Ambros auf das grobe Lager hin und streckte wohlig den müden Leib. Beim dumpfen Brausen des Wassers begann er wachen Auges zu träumen. Diese Träume trugen ihn hinüber in den schweren Schlaf eines an allen körperlichen Kräften erschöpften Menschen.

Der Abend dämmerte, als Ambros erwachte. Weil er im Zwielicht der Reisighütte einen Menschen sah, der neben dem Lager auf der Erde hockte, war es seine erste Frage: „Regnet es noch?“

„Ja, Büeble!“, antwortete der Waldrauscher. „Aber d' Wildach nimmt Verstand an. Gradso wie der rauschige Wald, der wieder nüchtern is.“ Aus diesem letzten Wort des Hundertjährigen klang etwas zärtlich Heiteres.

Ambros lauschte eine Weile dem schwächer gewordenen Brausen, in dem man die heiseren Stimmen der schaffenden Leute wieder hörte und das Krachen der stürzenden Bäume. Nun beugte er sich zu dem Alten hin und fragte: „Waldrauscher?“

„Was, Büeble?“

„Weißt du schon, was sie getan hat? Für mich?“

Der Alte nickte. Und Ambros legte den Arm um die Schultern des Greises. „Von allem Schönen, das ich erleben durfte, ist dies das Schönste: Dass ich die Hilfe für mein Werk der Frau verdanke, die ich liebe.“

Lächelnd schlang der Hundertjährige die dürren Hände um die aufgezogenen Knie und flüsterte:

„Was 's Leben oam schenkt,
Was ma hat, was ma denkt,
's is allweil ebbs dro(n) –
Bloß auf d' Augen kommt's o(n)!

Wia's oaner betracht't,
Hat's Liacht oder Nacht,
Und a Ries weard a Zwerg,
Und a Stoanl a Berg.

Wer kalt is und gwinnt,
Hat Glück, dös verschwindt,
Wer blüaht und verliert,
Hat 's Beste verspürt.“

Ambros erhob sich, nahm den noch nassen Mantel um die Schultern und griff nach dem Ölhut. „Ich verstehe, wie du es meinst. Trost hab ich nicht nötig. Sag mir lieber, wer das so austeilt unter die Menschen: Gewinn oder Verlust. Ist da ein Wille? Oder ist das Irrtum? Blinder Zufall?“

Kichernd nickte der Greis. „Dös hab ich mich oft schon gfragt.“

„Einmal – ich weiß nicht, war es vor einer Ewigkeit oder in einem blühenden Frühling, der seit sieben Tagen erloschen ist –“, Ambros legte den Arm über die Augen, „da hab ich mit angehört, wie ein blasser, scheuer Mund dich fragte: ‚Waldrauscher, warum singst du nie von Gott?’“

Diese Erinnerung schien den Alten zu erschüttern. Nach kurzem Schweigen sagte er ruhig: „So ebbes Mächtigs wie der Herrgott huschelt sich net gern eini in so a wunzigs Liedl.“ Er schloss die Augen. „Vier Jahr kann's her sein, da hab ich sehen müssen, wie man a Menschenblüml a jungs um Bluh und Freud betrogen hat.“ Die Stimme des Greises wurde nicht lauter und brannte doch von wühlendem Zorn. „A Blüml aus meim Herzgarten war's. Und da hab ich gfragt wie du: Versäumnis oder Irrtum, Zufall oder Missverstand? Und hab so a Liedl singen müssen. So a Liedl von Gott! Ganz a wunzigs! Dem Tonele hab ich's net gsungen. Der wär derschrocken. Du verstehst mich, Brosle! Dir sing ich mein Liedl.“ Der Waldrauscher sah mit flackerndem Blick zu Ambros auf, fasste ihn am Mantel, streckte den Hals und sang in das Rauschen des Abends:

„Und 's Schware und 's Leichte
Und alls is im Flug,
Und alls is im Wachsen
Und alls hat an Zug.

Und oaner, an Alter,
Is allweil noch jung,
Verschaut si' und draht si'
Und gibt si' an Schwung.

Und allweil probiert er's
Und baut an em Haus,
Is selm no net firti
Und wachst si' erst aus.“

Ein leises Kichern in der Dämmerung des niederen Reisigschuppens. Und draußen das brausende Lied der jagenden Gewässer.

„Waldrauscher!“, stammelte Ambros. „Nein! Das ist ein Uferloses. Das sind Tiefen, über die kein Weg und Steg mehr ist. Wie ich noch ein Kind war, hab ich ein kluges Lied von dir gelernt. Jetzt geb ich es dir als Antwort zurück: ‚Das Kalte ist kalt nicht, das Heiße nicht heiß, und alles ist anders, als einer es weiß!’ Aber das weiß ich: Da draußen ist wildes Wasser, das sich dämmen lässt. Und kahles Gestein, das wir zerbrechen können, um Raum zu schaffen fürs blühende Leben! Ich gehe zu meiner Arbeit. Kommst du mit?“

„Na, Mannsbild!“ Der Greis erhob sich. „Jetzt brauchst mich nimmer. Jetzt kann ich heim gehn.“

Als Ambros aus der Reisighütte trat, brannten im Regengrau der Dämmerung die großen Feuer auf.

Drei Nächte und drei Tage hielt der ruhig fallende Regen noch an. Am Donnerstag, als es auf den Abend zuging, begannen die Nebel zu steigen, und manchmal lugte ein Stück Blau durch das zerklüftete Gewölk herunter. In der Nacht verliefen sich die gröbsten Mengen des Wassers. Der Morgen brachte eine schüchterne Sonne. Alle Gefahr war überwunden.

In dieser Morgenstunde trat der Toni Sagenbacher um die Zeit der Marende1 sonntäglich gekleidet in das Büro der Bauleitung. Er hatte ernste Augen, doch ein ruhiges Gesicht. Den Zahlmeister und Ambros fand er mit heißen Köpfen. Von den Wildachtalern waren an die zwanzig, weil die Sonne wieder schien, zu ihren Wiesen zurückgekehrt, um von der verwüsteten Heuernte noch ein paar Fuder Streu zu retten. Die anderen zwanzig, die über das vertragsmäßige Hundert der ‚Einheimischen’ hinausgingen, wollten bei der Wildach bleiben und verdienen. Der Zahlmeister hätte sie gerne fortgeschickt. Das duldete Ambros nicht. „Hier geschieht, was ich für richtig und anständig halte. Die Leute bleiben.“

„Gut, Herr Inscheniör! Auf Ihre Verantwortung!“

In diesem Augenblick trat Toni ins Büro, und Ambros kam mit seinem Ärger schnell ins Gleichgewicht. Weil ihm die guten Kleider auffielen, die der Sagenbacher trug, machte er einen Versuch, zu scherzen: „Willst du am Werkeltag in die Kirche gehen?“

„Ah na! Ehnder zum Teufel seiner Brutstatt!“ Der Toni warf einen Blick des Unbehagens auf den Zahlmeister. „A Wörtl z'reden hätt ich mit dir. Privat.“

„Komm!“, sagte Ambros. „Ich gehe mit dir hinaus in die reine Luft.“ Ein Lächeln überhellte sein hager gewordenes Gesicht.

„Oh, bitte“, fiel der Zahlmeister ein, „wenn ich hier unbequem sein sollte?“

„Nicht im geringsten!“ Ambros ging hinter dem Sagenbacher zur Tür hinaus. Und der Stellvertreter des Herrn Friedrich Wohlverstand nahm aus der eisernen Kasse das Geheimkonto heraus, um den Taglohn für dreiundzwanzig überzählige Arbeiter zu Lasten des leitenden Herrn Ingenieurs zu notieren. Draußen standen Ambros und Toni in der wässerigen Sonne. Von den Dächern der umliegenden Holzbaracken ging ein weißliches Dampfen in die Lüfte. Vier braungesichtige Burschen saßen mit verbundenen Augen vor einer Tür.

„Gestern auf'n Abend hat mir der Amtsbot ebbes bracht“, sagte der Toni in aller Ruhe, „und da hab ich in der Nacht an Menschen heimgschickt, dass er mir die gute Montur holt. Jetzt musst mir zwei Tag Urlaub geben.“

„Gern, Tonele! Du hast das Aufschnaufen nötig. Aber was ist denn los?“

„Frag net! In die beste Famillisach is mir ebbes Unrichtigs einikommen. So ebbes Narrets, dass der Waldrauscher a Liedl drüber singen kunnt. Da muss ich d' Luft wieder saubermachen, wie's der Platzregen mit der rauschigen Waldbluh gmacht hat. Und da geh ich net lang zum Schmiedl, sondern gleich zur Schmiedin aussi. Morgen bin ich draußt, und am Sonntag in der Fruh –“

„Aber Toni! So sag mir doch –“

„Na, na! Leut, die eim gut sind, soll man net plagen mit unsauberen Sachen. Ich mach schon wieder klar Wasser. Pfüe Gott derweil, Brosle!“ Mit den längsten Schritten, die seine langen Beine fertig brachten, ging der Sagenbacher durch die stille Barackengasse. Während er zwischen dem nieder geklatschten Wiesengras auf dem Wege wanderte, der einst verboten war, zog er schwül atmend einen Papierbogen in Amtsformat aus der Joppentasche und las mit gerunzelter Stirn. Was da geschrieben stand, das hatte er seit dem vergangenen Abend schon ein dutzend Mal gelesen, aber noch immer nicht begriffen. Auf diesem geheimnisvollen Blatt wurde Anton Sagenbacher für den 2. Juli vor Gericht geladen, um Zeugnis abzulegen in Klagsachen der Barbara Gschwendtner aus Zipfertshausen gegen – –“ „Himmelsakra! Allweil steht's wieder da!“

Toni las nicht weiter, sondern steckte das Rätsel dieses Blattes wieder in die Joppentasche. „Gotts Blut und Leben! Was muss denn da geschehen sein? Mein Madl, mein bravs! Und verklagt wegen Ehrenbeleidigung und tätlicher Misshandlung!“ In der Ratlosigkeit dieser Stunde fand er den gleichen Gedanken, der in einem sorgenvollen Augenblick dem Jünglingsbauer gekommen war: „Jetzt hilft nix anders nimmer. Da muss jetzt d' Witib her.“ Der Toni diktierte keinen anonymen Brief. Er machte die gleiche Sache ganz anders.

Breiter und heller fiel das Licht durch die ziehenden Nebel. Die steilen Wände der Großen Not bekamen Glanz, und über die Waldgehänge gingen langsam gleitende Sonnenlichter. Dennoch verschönte sich der Anblick der Wälder nicht. Etwas Trauerstilles blieb in ihrem Grün. Alle Wipfel und Zweigspitzen hatten ein schmutziges Braun und sahen aus wie abgestorben, wie verbrannt vom Flug eines ungeheuren Feuers. Und der Straßenboden, auf dem der Toni Sagenbacher dem Unterland zuwanderte, bot einen seltsamen Anblick. Die weiße Kalksteinfläche war dicht überzogen von phantastisch gewundenen, fast künstlerisch wirkenden Arabesken in schwarzbrauner Farbe. Diese krausen, an die Ornamentik der Zopfzeit erinnernden Zierleisten hatte der Regen ersonnen, als er die maßlos irrende Sehnsucht der liebestrunkenen Wälder aus den Lüften niederpeitschte, um sie anzuschlemmen an alles Harte der Erde.

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1 Zwischenmahlzeit, Vesper, zweites Frühstück. ^

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