Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
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               Kapitel 10
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Kapitel 9

Im Flur der Villa waren alle Fenster so dicht verhängt, dass Frau Lutz nach der grellen Sonne in tiefe Dämmerung zu treten glaubte. Als der alte Lakai die Tür des Empfangsraumes geräuschlos öffnete, strahlte ihr eine glänzende Helle entgegen. Auf dem Lüster und den Girandolen des Zimmers, in dem die alten Bilder hingen, brannten viele Wachskerzen. Wie der Schimmer eines Weihnachtsbaumes umfloss der weiße Glanz die junge Frau, die dem Gaste mit ausgestreckten Händen entgegenkam, in blassgrünem Morgenkleid, das Haar über dem Nacken lose geknotet. Etwas Frohes leuchtete in den großen, blaudunklen Augen. „Ich danke Ihnen, Frau Lutz, dass Sie mir die Freude schenken, Sie kennen zu lernen! Sie sind wohl erst gestern hier eingetroffen? Und da kommen Sie schon heute zu mir. Wie lieb das ist! Verzeihen Sie, dass ich Sie empfange, wie ich war. Ich wollte Sie nicht warten lassen, habe mich so sehr gefreut, als ich auf der Karte Ihren Namen las.“

Frau Lutz wollte sprechen. Die Stimme versagte ihr. Während sie stumm dieses zarte Gesicht betrachtete, aus dessen Augen der Frühling einer köstlichen Menschenseele strahlte, verwandelte sich ihr kluger Mut in hilflose Verwirrung, die sie wie Schmerz empfand, in eine Hoffnung, die vor sich selbst erschrak.

Wie man eine vertraute Freundin empfängt, führte die Herzogin ihren Gast zu einem kleinen, altertümlichen Sofa zwischen den verdunkelten Fenstern. „Nun wollen wir plaudern. Ich habe bestimmt, dass niemand mich abruft und dass wir allein bleiben. Wir beide.“

Die zwei Frauen saßen Seite an Seite unter dem Glanz der Lichter. Auch die Herzogin wurde still. Während sie zwischen ihren Händen die Hand des Gastes umschloss, hing ihr glänzender Blick an dem Gesicht der stummen Frau. Dann sagte sie leise, als spräche sie von einem heiligen Geheimnis des Lebens: „Eine gute Mutter!“

Erschrocken machte Frau Lutz eine Bewegung, um ihre Hand zu befreien. Sie hatte nicht die Kraft, zu tun, was sie wollte.

Die Herzogin lächelte. „Sie dürfen sich mir gegenüber nicht so fremd fühlen. Ich war Ihnen gut, noch eh' ich Sie kennen lernte.“

„Das hab' ich empfunden.“

„Nicht nur gut. Auch dankbar. Ihnen, als der Mutter Ihres Sohnes. In seiner opferwilligen Freundlichkeit und mit seinem reichen Können brachte er so viel Wertvolles in mein entbehrendes Leben –“ Befremdet verstummte die Herzogin. Nach bedrückender Stille beugte sie sich zu ihrem Gaste hin. „Frau Lutz? Was macht Sie so schweigsam?“

„Verzeihen Sie, Frau Herzogin! Ich fühle selbst, wie hilflos ich mich benehme. Aber das Ungewohnte, diese Lichter, jetzt, am Tage –“

„Das hat so befremdend auf Sie gewirkt?“ Die Herzogin atmete auf. „Sie haben recht. Das kann einen wunderlichen Eindruck machen, dass die Kerzen brennen müssen am Tag.“ Ein kindliches Lachen von bezwingendem Reiz. „Die Menschen, die mich umgeben, sind mir so gut. Man hatte Bedenken wegen des Staubes, der auch durch geschlossene Fenster noch in die Zimmer dringt. Drum wurden die Läden zugelegt.“ Wieder lachte sie. „Aber so im Dunkel konnte ich den lieben Besuch nicht empfangen. Da wollte ich Helle haben.“

„Dieser Staub – ja, Frau Herzogin! Im Tal wird alles braun von diesem Staub. Alles Grün verschwindet. Man atmet schwer, und ich fürchte, das wird für die Menschen hier noch eine schwere Sorge werden.“

„Sorge?“ Die Herzogin war ernst geworden. „Daran hab' ich noch gar nicht gedacht. Es ist mir nur leid gewesen um den roten Blütenglanz der Wälder, um die Schönheit, die sich so hässlich verschleiert.“ Ein leises Beben ihrer Stimme. „Das ist schade! Ich meine, das hätte nicht so kommen dürfen.“

„Es wird uns Menschen schwer, das zu begreifen. Vieles, was blüht und schön ist – viel schöner, als ich es gestern gesehen habe –, wird versinken müssen.“ Mit umflorten Augen sah Frau Lutz zu den brennenden Kerzen hinauf. Dann haftete ihr Blick an dem alten Bilde der jungen Frau, die der Herzogin glich wie eine heitere Zwillingsschwester. „Es liegt auf mir eine drückende Sorge, wenn ich an meinen Sohn denke –“

„Gefahr? Für Ihren Sohn? Für sein Werk? Für sein Leben?“

Frau Lutz, deren Blick sich hilflos an das alte Gemälde klammerte, sah nicht den Schreck in den Augen der Herzogin. Nur die schwankende Stimme hörte sie und fühlte: Das alles war anders, als sie es gesehen hatte. Ein Neues stand vor ihren Augen, zärtlich und schön. Zum ersten Mal empfand sie, dass sie den Sohn verlieren könnte, in Freude, um ihn hinzugeben an das Glück einer andern, an das harrende Glück seines eigenen Lebens. Mahnen? Warnen? Zwei Herzen trennen, die zueinander gehören? Und Staub hinschütten auf alles Blühende dieses jungen Menschenfrühlings? War denn solch ein irrsinniger Wille je in ihr gewesen? Gegen diesen Vorwurf wehrte sich alles, was Mutter in ihr hieß. Ihr Denken war verwandelt in ein Sinnen nach Rat und Hilfe. Nur dieses eine wollte sie noch: Sich hinwerfen vor diese reine, in Liebe blühende Frau, ihre Hände küssen und hinauf schreien zu ihrem Herzen: ‚Du schönes Glück meines Sohnes! Habe den Mut deiner Liebe! Mein Sohn ist des Glückes wert, das du geben kannst.’ Doch während der Aberwitz solcher Gedanken in ihr stürmte, saß sie mit kleinbürgerlicher Steifheit neben der blassen Frau und lispelte langsame Worte, die allem widersprachen, was sie früher geredet hatte: „Gefahr? Für das Leben meines Sohnes? Ach, nein! Mein Sohn ist gesund und stark. Bei der Arbeit wird ihn dieses sinnlose Naturspiel freilich hindern. Man musste schon gestern die Arbeit einstellen. In der Nacht haben die Feuer gebrannt, weil man nachholen musste, was am Tag versäumt wurde. Das Werk meines Sohnes muss bis zu bestimmter Zeit vollendet sein. Da ist alles für die Stunde vorausberechnet. Wie viel schlaflose Nächte hat mein Sohn an seinem Arbeitstisch durchwacht, hat gesonnen, gezeichnet und gerechnet. Gegen sieben Mitbewerber hat er den Preis gewonnen. Etwas schaffen, was für die Menschen eine Gefahr besiegt, das ist ein schönes und stolzes Werk, Frau Herzogin! Wer könnte meinem Sohn das Gelingen heißer wünschen als ich, seine Mutter, die am besten weiß, wie treu und redlich er ist und wie reich er das verdient, was wir Menschen das Glück des Lebens nennen.“

Auf der zitternden Hand, die Frau Lutz in ihrem Schoße liegen hatte, erschien an dem perlgrauen Glacéhandschuh ein kleiner, dunkler Fleck, als wäre ein Wassertropfen auf das Leder gefallen.

„Es gibt alte Märchen, Frau Herzogin. Bei gefährlichen Bauten hat man ein schuldloses Menschenkind lebendig in den Turm oder in die Brücke eingemauert, um durch ein solches Opfer den Hass der bösen Mächte zu versöhnen. Das war ein törichter Aberglaube vergangener Zeiten. Aber wenn es dem Werk und Glück meines Sohnes nützen könnte, ließ' ich mich gern in die Talsperre unter der Großen Not da draußen einmauern. Seit er ein Kind war, hat er mir keine Stunde meines Lebens verbittert, nur jede verschönt. Alles an ihm, an Leib und Seele, ist wie ein Frühlingsmorgen –“ Da verstummte sie, erschrocken über das beklommen atmende Schweigen an ihrer Seite.

Ein feines, knisterndes Geräusch ging von den vielen brennenden Kerzen aus. Und durch die geschlossenen Fensterläden klang wie fernes Gesumm das Rauschen der Fontänen in den stillen, von weißem Glanz erfüllten Raum.

Langsam das Gesicht wendend, warf Frau Lutz einen scheuen Blick auf die junge Frau, die wortlos an ihrer Seite saß. Blässe lag um den streng geschlossenen Mund der Herzogin. Doch was aus diesen weit geöffneten Augen sprach, war das noch Schreck? Oder war es Freude?

Frau Lutz wagte nicht weiter zu sprechen. Dieses Schweigen umkrampfte ihr Herz. Sie musste sprechen, irgend etwas. Und weil ihr Blick an dem alten Gemälde hing, stammelte sie: „Dieses schöne Bild! Ich muss es immer betrachten, weil es der Frau Herzogin so ähnlich ist. Eine frohe Zeit muss das gewesen sein, in der Frau Herzogin so heiter lachen konnten?“

„Dieses Lachen ist nicht das meine.“ War das die Stimme der Herzogin? Es klang, als hätte eine andere gesprochen. „Das Bild ist ein halbes Jahrhundert alt. Es ist ein Porträt meiner Urgroßmutter, der Fürstin Larenberg.“

Frau Lutz wandte das Gesicht und erschrak vor dem Namenlosen, das stumm aus der erschütterten Seele des jungen Weibes redete. Diesen flehenden, fragenden Blick vermochte sie nicht zu ertragen. Sie suchte verstört nach einem ungefährlichen Wort. „Das andere Bild scheint aus der gleichen Zeit zu stammen? Es stellt wohl den Gemahl der Frau Fürstin dar? In Jägerkleidung?“

„Nein. Ich weiß nicht, wer das ist. Niemand im Hause scheint es zu wissen. Das alte Bild hat immer hier gehangen. Meine Mutter mag dieses Bild nicht leiden. Sie sagt, es wäre wertlos. Aber hier hängt viel Unwert an den Wänden. Warum soll dieses Bild nicht bleiben? Mir ist es lieb. Seit meiner Kinderzeit. Seine Augen reden zu mir. Was sie sagen, versteh' ich nicht. Nur fühlen kann ich es. Und was ich fühle, ist traurig. Und dennoch schön. Heut, weil die Kerzen brennen, ist alles noch froher und schöner, als es jemals war. Und doch so traurig, wie es nie gewesen!“ Verstummend lauschte die Herzogin und erhob sich wie ein erschrockenes Kind, das sich schuldig fühlt. „Da kommt jemand!“, flüsterte sie tonlos.

„Frau Herzogin?“ Auch Frau Lutz erhob sich, so erregt, dass die Züge ihres Gesichtes sich veränderten.

Da atmete die Herzogin auf, wie erlöst von diesem rätselhaften Schreck. Auf der Schwelle des Musikzimmers war die kleine Zieblingen erschienen, in einer Verfassung, wie man sich vor Gästen nicht zu zeigen pflegt. Etwas Grellblaues hing um das magere, missgestaltete Körperchen her. War es ein Frisiermantel? Um das kleine Runzelgesicht wulstete sich eine unfertige Haartour, als wäre die Baroness den Händen der Kammerjungfer bei der Morgentoilette entsprungen. An ihr vorüber sah man durch die geöffnete Tür in einen dämmergrauen Raum. Der Kerzenschein des Lüsters warf in diese Dunkelheit einen grellen Lichtstreif und zeichnete die schiefe Schattengestalt der Baroness als koboldähnliche Figur auf das Parkett. Die kleine Dame zitterte an allen Gliedern, hielt eine offene Depesche in der Hand und hatte einen Verzweiflungsblick in den Augen, als käme sie, den Untergang einer schönen Welt zu verkünden. Die Herzogin schien nur die unzulässige Garderobe zu sehen. „Aber liebes, gutes Hannchen!“ Von glühender Verlegenheit befallen, wandte sie sich zu Frau Lutz, wie um den Gast und die kleine Hofdame miteinander bekannt zu machen. Doch Baroness Zieblingen huschte auf die Herzogin zu und begann in einer fremden Sprache zu reden; wieder war es jenes gleichmäßige Gelispel; nur hatten die sanft ineinander gleitenden Worte ein angstvoll jagendes Tempo. Nun verstummte die kleine Dame und reichte der Herzogin das Blatt auf eine Art, als wäre sie gezwungen, glühendes Eisen in die Hände der geliebten Herrin zu legen.

Die Herzogin las. Erst schien sie nur verwundert. „Meine Mutter? Heute?“ Sie warf einen Blick auf die Baroness, einen Blick auf Frau Lutz. Und das schmale Antlitz, das noch eben in Verlegenheit geglüht hatte, wurde weiß wie Wachs.

Scheu fragte Frau Lutz: „Ich hoffe, dass Hoheit keine böse Nachricht erhielten?“

Die Herzogin ließ die Hand mit dem Blatte sinken. Das blasse Gesicht bekam einen steinernen Ausdruck. „Ein Kind müsste sagen: Das ist eine Freudenbotschaft. Meine Mutter wird heute kommen, mich zu besuchen.“ Sie wandte sich wieder an die kleine Zieblingen. „Ich bitte, alles Nötige zu veranlassen. Kesselschmitt, wenn er zur Bahn fährt, wird den geschlossenen Wagen nehmen müssen. Man soll die drei nach Süden liegenden Zimmer in Ordnung bringen. Und –“ Ihre Stimme erlosch. Sie sah die Depesche wieder an, als wäre da ein Rätsel zu lösen. Während sie das Blatt der kleinen Zieblingen hinreichte, fragte sie gepresst: „Johanna? Verstehen Sie das?“

Die Baroness blieb stumm. Ihr schiefer Nacken schien von einem Krampf befallen. Trauernde Qual in den Augen, sah sie die Herzogin an; dann glitt ihr verstörter Blick hinüber zu Frau Lutz.

„Hanna?“, flüsterte die Herzogin tonlos. Brennende Glut ging über das schmale Gesicht und wurde marmorne Blässe. In den großen, blaudunklen Augen ein glückliches Aufleuchten, dann eine wehe Trauer. Es war wie die Klage eines leidenden Kindes, als die Herzogin leise sagte: „Nun ist das so. Und deshalb kommt diese Dame, zu der ich Mutter sage. Direktiven, liebes Hannchen! Das ist immer so gewesen. Immer, wenn ein kleines Lachen barmherzig in mein Leben treten wollte. Drum muss es auch so kommen, jetzt, wo eine große, schöne Freude den Weg zu meinem Herzen fand. Mehr als eine Freude! Ein Glück.“ Um den blassen Mund ein fieberndes Zucken. „Der Gott, an den ich seit zwei Tagen glaube, nennt es Menschlichkeit. Und Blüte junger Seelen. Meine Mutter wird sagen: Schwere Sünde! Ich werde wieder beten müssen. Und werde wieder –“ Die flüsternde Stimme erlosch. Mit einem Blick des Grauens starrten die Augen nach der Tür. Dann tonlose Laute: „Nein! Dieses Fürchterliche nicht mehr! Niemals wieder in meinem Leben! Lieber sterben!“

„Hoheit! Liebste, beste Hoheit!“, hauchte die kleine Baroness in bleichem Schreck. Sie umschlang die Herzogin und wollte sie aus dem Zimmer führen. „Hoheit befinden sich in besorgniserregendem Grade leidend. Hoheit scheinen nicht zu wissen –“

„Was ich spreche? Doch, mein gutes Hannchen! Ich weiß es.“ Die Herzogin befreite sich. „Ich weiß, was in mir ist. Weiß, was mich erwartet. Weiß, wie mein Leben war. Weiß, wie es hätte werden können. Und weiß, dass es Mütter gibt.“ Sie streckte dem Gast die beiden Hände hin. Die kleinen Schritte, die sie machte, waren wie das Taumeln einer halb Ohnmächtigen.

Frau Lutz stammelte hilflose Worte und wusste nicht, wie es geschah, dass sie einen schlanken, zitternden Frauenkörper in ihren Armen hielt und mit heißer Zärtlichkeit umschlang. Eine Kinderstimme lispelte in ihr Ohr: „Das hat mein Leben mir noch nie geschenkt, dass eine gute Mutter mich so an ihrem Herzen hielt. Jetzt weiß ich, wie das ist.“ Zwei Arme krampften sich um ihren Hals. Wieder diese leise, bebende Stimme, dicht an ihrer Wange. „Ich habe ihn lieb. Mehr als mich selbst und mein Leben. Mehr als alles in der Welt.“

Was diesen Worten folgte: Das verzweifelte Gebaren der kreidebleichen Baroness; ihr zärtliches Bemühen um die junge Frau, die wie entseelt schien und noch immer lächelte; der angstvolle Hilfeschrei der Hofdame und das Erscheinen des schwarz livrierten Herrn Kesselschmitt – das alles war in der Erinnerung der Frau Lutz ein versinkender Wirbel, als sie aus dem dämmerigen Korridor hinaustrat in die verschleierte Mittagssonne, in das dichte Gestöber des rostfarbenen Staubes. Wie in der Morgendämmerung alle kleinen Lichter des Himmels erlöschen und nur noch ein einziger großer Stern hinüberglänzt in das Erwachen des Tages, so blieb in dieser erschrockenen und doch beglückten Mutter von allem Erlebnis der vergangenen Stunde nur dieses eine Wort lebendig: „Ich hab ihn lieb!“ Ein Rausch von Freude war in ihr, wenn sie der Stunde dachte, in der sie die Sehnsucht des Sohnes stillen durfte mit dieser Verheißung seines Glückes.

Plötzlich, wie von unsichtbaren Fäusten aufgerüttelt, blieb sie stehen. Im Gestöber des braunen Staubes und bei ihrem blinden Hinhasten hatte sie sich in abgelegene Wege des Parkes verirrt. Nach welcher Richtung sollte sie sich wenden? Nur den Sand vor ihren Füßen gewahrte sie, nur die nächsten Büsche und Bäume. Über ein Dutzend Schritte hinaus war alles umschleiert von dieser irrsinnig wehenden Waldblüte.

In beklemmender Angst fing sie zu laufen an, wollte nach einem Menschen schreien und wagte es nicht. So irrte sie weiter, bis sie unter den rostfarbenen Dünsten einen grauen Schimmer gewahrte. Die Parkmauer! Aus Freude fing sie unter Tränen zu lachen an. Sie blieb immer dicht an der Mauer und schlüpfte unter den nieder hängenden Ästen der Fichten hindurch. Wenn sie nur leicht an einen dieser Äste streifte, stob von dem blühenden Gezweig eine dicke, rötliche Wolke in die Luft und umwirbelte die hastende Frau, die das Taschentuch vor die Lippen pressen musste, um noch atmen zu können. Ihre Augen begannen zu brennen und erblindeten fast.

„Das Tor! Ach, Gott sei Dank!“

Nun stand sie auf der Straße und sah ein paar Weibsleute vorüber laufen, die ihre Röcke über die Köpfe gezogen hatten. Geschrei auf den Wiesen. Und irgendwo in der Nähe das Sakramentieren eines Fuhrknechtes, dem die Pferde scheu geworden.

Während Frau Lutz auf der Straße stand, erwachte eine Erinnerung in ihr. Sie hatte sich das am Morgen vorgenommen: Wenn der Weg, zu dem sie sich entschlossen hatte, klug erledigt wäre, wollte sie das alte, liebe Haus besuchen, in dem vor zwanzig Jahren ihr frohes und stilles Glück gewohnt hatte. Aber solch ein Weg ins Dorf? In solcher Stunde? Kann denn ein Mensch das Sinnlose wagen? „Heim! Heim! Nur heim!“ Mit dem Sonnenschirm vor den Augen, schlug sie den Weg nach dem Haus der Wildacherin ein. Sie hatte keine andere Heimat mehr als die kleine Dachstube, in der sie zitternd auf die Heimkehr des Sohnes warten durfte. Glück der Vergangenheit? Was konnte das ihrem Herzen noch gelten in dieser wirbelnden Stunde, in der sich das kommende Glück ihres Kindes entschieden hatte!

„Glück? Ein Glück?“ Etwas Schmerzendes umklammerte ihr die mühsam atmende Brust. „Ach Gott! Und Bros da droben! In diesem fliegenden Wahnsinn der Natur! Wie soll er schaffen, wie soll er leben da droben?“

Mit taumelnden Schritten folgte Frau Lutz der Straße. Erschöpft, von quälendem Hustenreiz befallen, erreichte sie das Haus der Wildacherin, fühlte sich am Arm gefasst und wurde in den dunklen Flur gezogen. „Frau Dokter! Jesus, Jesus!“ Das war die Stimme der Beda. „Der Wald is verruckt, und d' Welt wird narrisch. Und d' Menschen –“ Der Beda schlug die Stimme um. „Was ich von die Menschen denken muss, dös weiß ich nimmer.“

Das Mädel zog die wortlose Frau über die Stiege hinauf. Die kleine Giebelstube war finster, weil auch hier die Läden geschlossen waren. Als Beda ein Kerzenlicht anzündete, warfen die Blumenstöcke und Waldrauschranken, die vom Fensterbrett auf den Tisch geräumt waren, einen so unförmlichen Schatten, als wär's der Schatten eines großen, wirren Gebüsches. Frau Lutz versuchte mit zitternden Händen die Bandschleife ihres Hutes zu lösen. Sie brachte das nicht fertig, machte ein paar unsichere Schritte, warf sich auf das Sofa hin und vergrub das Gesicht, von einem Weinkrampf befallen. Beda sprang zu ihr hin und nahm sie in die Arme.

Die veilchenblaue Seide, in die Frau Lutz gekleidet war, schien zu rostbraunem Samt verwandelt. Und rings um die zuckende Kerzenflamme war ein Schimmerkreis von den winzigen Stäubchen, die in der Luft der kleinen Stube schwammen. Der trübe Schleier um die kleine Flamme schien immer dichter zu werden. Kam dieser Staub vom Kleide der Frau Lutz? Oder quoll er durch die Fugen der Tür herein, durch die Ritzen der verdunkelten Fenster?

Manchmal hörte man kreischende Stimmen, dann wieder das Rädergerassel eines Wagens, der in Hast vorüberjagte.

Als die Mittagsstunden vergangen waren, wurde die Straße still und öd. Auf den Wiesen und Feldern musste alle Arbeit ruhen. Das Vieh wurde in die Ställe gesperrt, und die Menschen blieben hinter geschlossenen Läden in ihren Häusern.

Holzknechte, die in den blühenden Wäldern bei der Arbeit waren, kamen mit entzündeten Augen von ihrem Tagwerk heimgelaufen. Andere, die aus den Wäldern zu den Hochalmen hinaufgestiegen waren, um diesem Staubflug zu entrinnen, konnten erst bei Anbruch der Nacht ins Dorf heruntersteigen. Sie erzählten, dass von der Höhe das ganze stundenlange Tal sich angesehen hätte wie vom Qualm einer grauenvollen Brandstätte überlagert; und am Abend, in der roten Sonne, wäre alle Tiefe wie ein See von kochendem Blut gewesen.

So blieb es einen Tag um den andern, die ganze Woche hindurch. Die Liebesbrunnen der blühenden Fichten schienen unerschöpflich zu sein. Und der schöne Frühlingsrausch des Bergwaldes war verwandelt zu einer sinnlosen und widerlichen Orgie der Natur.

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