Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
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               Kapitel 1
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               Kapitel 8
               Kapitel 9
               Kapitel 10
               Kapitel 11
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               Kapitel 13
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Kapitel 8

Es gibt einen alten Spruch, der aus dem Geiste christlicher Nächstenliebe geboren wurde:

„Wer da schlägt, hat ärgre Pein,
Als die, wo geschlagen sein!“

Die Wahrheit dieses Wortes schien in den verstörten Sinnen der Beda zu brennen, als sie nach der klatschenden Katastrophe wie versteinert vor dem Zaungatter stehen blieb. Sie war taub für das klägliche Gewinsel des weißen Spitzes, der in der Meinungsverschiedenheit mit dem Nachbarhund das Opfer seiner Überzeugung geworden war und mit eingezogener Schweifquaste zur Haustür flüchtete. Als wüsste sie nicht recht, was zuletzt geschehen wäre, so betrachtete sie ihre Hand, an der die gespreizten Finger von einer Lähmung befallen schienen. Ein Gefühl des Ekels schüttelte sie. Mit diesem würgenden Gefühl in Leib und Seele ging sie auf das Haus zu, trat in die Stube und schien die Heimat ihres jungen Lebens nicht mehr zu erkennen. Die Wildacherin fing ein erschrockenes Jammern an und bekam von dem Mädel, das blass auf die Ofenbank hingefallen war, keinen Laut zur Antwort. Vielleicht hätte Beda der Großmutter alles gesagt. Aber sie konnte nicht sprechen. Solche Stöße bekam ihre Brust von innen heraus. „Mar' und Joseph!“ Die Wildacherin sprang in den Flur und schrie: „Frau Dokter, um Gottschristi willen, kommen S' abi a Sprüngl! Mit der Beda muss ebbes sein. Ferm dersticken tut 's Madl.“ Sie lief in die Stube zurück und begann mit der Faust auf Bedas Rücken loszuschlagen, wie man es bei Menschen macht, denen eine Fischgräte im Halse steckt.

Als Frau Lutz die Stube betrat, brauchte sie nimmer Hilfe zu bringen. Beda konnte schon wieder atmen. Aber jetzt, da sie hätte reden können, verschwieg sie, was geschehen war. Auf alle Fragen gab sie nur die Antwort: „Schlecht is mir. Grausen tut mir, dass sich einwendig alles umdreht.“ Dann ließ sie willenlos alles mit sich geschehen, schluckte das Zuckerstückchen mit den Hoffmannschen Tropfen, ließ sich entkleiden, zu Bett bringen und flehte: „D' Ruh wär 's beste für mich. Allein möcht ich bleiben.“

Frau Lutz machte an den Fenstern die Läden zu und zog die Wildacherin aus der Kammer. Flüsternd erörterten die beiden Frauen den Zustand der Beda, in dem Frau Lutz einen ‚nervösen Krampf’ zu erkennen glaubte. Die Alte schüttelte den Kopf. „'s Bedle hat noch nie keine nerviosen Sachen net ghabt.“ Man hörte einen Schritt im Flur. „Was is denn?“ Die Wildacherin lief aus der Stube und brachte einen zusammen gedrehten Zettel. „Frau Doktor, dös ghört für Ihnen! Der Herr Inschenier hat's gschickt.“

Erbleichend griff Frau Lutz nach dem kleinen Röllchen und ging aus der Stube. Die quälende Unruhe ließ sie nicht hinaufkommen bis in ihr Zimmer, schon auf der Stiege musste sie lesen. Es waren nur ein paar Zeilen, mit Bleistift auf ein Blatt geworfen, das aus einem Notizbuch gerissen war: „Ich bitte Dich, liebe Mutter, heute nicht zur Wildach zu kommen. Es hat Verdrießlichkeiten mit den Arbeitern gegeben, ich bin den ganzen Tag in Anspruch genommen und werde erst spät am Abend nach Hause kommen. Nimm mir das am ersten Tage Deiner Anwesenheit nicht übel! Pflicht ist ein Riese, der uns kleine Menschen nach seinem Willen zwingt. Mit herzlichem Gruß – Dein Bub.“

Nun war's wie Freude in ihr. Das Eigenschaftswort des Grußes, die Absicht, ihr einen Weg und eine Enttäuschung zu ersparen, und die Ahnung, als hätte Ambros ihr mit dem Worte von der ‚zwingenden Pflicht’ etwas Beruhigendes sagen wollen, fiel wie ein Licht in den Schatten ihrer Sorge. Droben in ihrem weißen Stübchen, als sie wieder las und über jede Silbe grübelte, kam von neuem die verzehrende Angst. „Er will mich nicht sehen. Weil ich gestern als Mutter meine Pflicht erfüllte, das hat eine Mauer zwischen uns gestellt. Ich hab ihn verloren, noch bevor ihn mir die andere völlig nahm. Jetzt scheut er meine Nähe. Und sein Weg geht dorthin, wo aller Schmerz, alle Schuld und Enttäuschung des Lebens ihn erwarten. Was soll ich tun? Wie kann ich ihn retten?“

Durch das offene Fenster schien etwas hereinzuwehen, was ihr den Atem quälte. Sie schloss mit zitternden Händen die Fenster. Dann saß sie wieder und ließ die Augen hin irren über die graue Schrift. Ein helfender Gedanke zuckte in ihr auf. Sie wehrte ihn erschrocken von sich ab. Nein, nein, das durfte sie nicht tun! Dennoch suchte sie schon nach den Worten, die sie sprechen müsste, wenn sie als Mutter vor jene Frau hintreten dürfte, um ihr zu sagen: „Du bist das Verhängnis meines Sohnes. Sei barmherzig!“

Das Licht der Stube wurde trüb. Die Fensterscheiben erblindeten unter einem safrangelben Beschlag.

In dieser schwülen Dämmerung verbrachte Frau Lutz den ganzen Tag. Im Garten war kein Bleiben; immer bekam man den feinen Staub in die Augen, immer hatte man einen unbehaglichen Harzgeschmack auf den Lippen.

Gegen Abend, als die Sonne ihre Kraft verlor, hörte über den Wäldern der Flug des Blütenstaubes auf. Die Luft blieb lange noch durchweht von Myriaden dieser winzigen Körnchen.

Vor Sonnenuntergang brachte ein italienischer Arbeiter von Ambros einen Zettel mit hastiger Schrift: „Ich kann nicht heimkommen. Wir müssen Reisighütten aufstellen, damit die einheimischen Arbeiter die Nächte hier oben verbringen können. Den Leuten passt diese Notwendigkeit nicht recht. Da will ich ihnen zeigen, dass ich was Besseres auch für mich selbst nicht begehre. Schick mir durch den Boten nur ein bisschen Wäsche und Seife. Dieser Staub ist etwas Fürchterliches! Der Toni meint, das wird in den nächsten Tagen noch schlimmer kommen. Wir werden die ganze Woche bei Feuerschein in der Nacht arbeiten müssen, um uns in die Hütten zu verkriechen, sobald die Sonne kommt und der verrückte Wald seinen liebevollen Wahnwitz fliegen lässt. Aber hab keine Sorge, Mutter! Arbeit ist Arbeit. Dass sie mir jetzt eine Last auf Gehirn und Schultern legt, hat auch sein Gutes. Lass auch, bitte, der Lahneggerin sagen, dass der Toni nicht heimkommen kann. Sollte in der Besserung der kranken Frau ein Rückschlag eintreten, so schicke gleich eine Nachricht. Dann muss ich den Toni heimgehen lassen. Aber hoffentlich steht da alles so gut, wie es der Toni glaubt. Nochmals, keine Sorge! Und herzlichen Gruß – Dein Bub!’

Noch ehe Frau Lutz diese Botschaft recht überdenken konnte, fing sie schon zu kramen an. Das wurde ein Pack, der dem Arbeiter schwer auf dem Rücken lag. Als der junge Mensch davon wanderte, nahm Frau Lutz den Kopf zwischen die Hände: „Was jetzt? Zur Lahneggerin! Der Lahneggerin sagen, dass der Toni nicht heimkommt, vielleicht die ganze Woche nicht!“

Der brennende Himmel glühte herunter in die abendlichen Schatten. Heute war der Glanz des versinkenden Tages nicht so rein wie sonst in Schönwetterzeiten. Alles Grün war trüb gedämpft, jeder Baum von schmutzigen Schleiern umhangen. In den Lüften waren schillernde Farben von einer Art, wie man sie sonst an leuchtenden Abenden nicht gewahrt.

Erschöpft, mit erhitztem Gesicht erreichte Frau Lutz bei Einbruch der Dämmerung den Lahneggerhof. Die Kathrin führte den Gast in die Stube. „Heut geht's ihr gut, der Frau. Im Garten hat s' freilich net bleiben können. D' Waldnarretei fliegt umanand, dass man bald nimmer schnaufen kann.“

Durch die vier kleinen Fenster fiel noch matte Helle in den niederen Stubenraum. Der Tisch war mit blauem Leinen gedeckt, und ein irdener Teller wartete auf einen verspäteten Kostgänger. Neben dem Tische saß die Lahneggerin in dem plumpen Lehnstuhl. Frau Lutz erschrak beim Anblick dieses zerstörten Gesichtes. Und die Sagenbacherin erkannte den Gast nicht. Doch als Frau Lutz ihren Namen nannte, streckte das kranke Weib in Freude die abgemagerten Hände. „Jesses, d' Frau Dokter!“

Mit zwanzig Worten wurden fünfzehn Jahre erledigt, Leben und Tod, Gesundheit und Leiden. Als Frau Lutz der Bäuerin sagte, dass der Toni ein paar Nächte nicht heimkäme, antwortete die Lahneggerin ruhig: „Muss ich halt warten. D' Arbeit hat 's Fürrecht.“

„Dem Toni darf ich doch sagen lassen, dass es Euch gut geht?“

„So gut wie heut is mir schon lang nimmer gwesen. Wann's anders wär, tät ich den Toni net veralterieren lassen. Sein Verdienst und Glück geht für, 's andere kommt hintnach.“

„Ja, Lahneggerin! Das kommt einmal für jede Mutter, dass alles auslischt, und dass in uns nur ein Einziges noch bleibt: Die Sorge um unser Kind.“

„Es daucht mir, dass 's bei mir schon allweil so gwesen is, nie net anders.“

„Ihr habt doch auch einmal Freuden gehabt, an denen Eure Kinder keinen Teil hatten.“

„Ich?“ Die Lahneggerin schüttelte den Kopf.

„Als junge Frau doch. Als Braut. Als Mädchen.“

„Ah ja, freilich! Aber die ledige Zeit liegt so lang hinter meiner, dass ich nimmer weiß, wie d' Welt selbigsmal ausgschaut hat.“

„Ihr seid doch nicht viel älter als ich. Keine zehn Jahre.“

Die Lahneggerin lachte ein bisschen. „Ös schaut's im Zwielicht aus wie an jungs Maderl. Und ich schau aus wie d' Mutter vom Krispi, gelt! Ös habts bloß den einzigen. Der is gut graten. Da könnts enker Freud dran haben wie ich am Toni. Zwei Kinder hab ich verlieren müssen.“ Sie bekreuzte sich. „'s Verlieren is net 's Ärgste für d' Mütter. Aber als Mutter allweil fürchten müssen, es verwachst sich eins nach der schiechen Seiten –“ Ein mühsamer Atemzug. Dann sagte die Kranke aufgeregt: „Da red ich bloß beispielmaßig. Der Krispi schafft fleißig und hat sein Anwesen gut beinand. Gestern hab ich ihm wieder amal unrecht tan. Dös freut mich heut schon den ganzen Tag. Drum red ich bloß beispielmaßig, wann ich sag, dass die zufriedenen Mütter bloß die halbeten Mütter sind. Mutter sein in der Freud, so ebbes is leicht. Aber anschaun müssen, wie a Kind sein Glück verpudelt und sein Leben versaut! Da spürt man's erst, was dös heißt: Mutter sein!“

Bei der sinkenden Dämmerung waren die Gestalten der beiden Frauen so grau geworden wie der leblose Hausrat in der Stube. Stumm beugte sich Frau Lutz zu der kranken Lahneggerin hinüber und streichelte ihr die dürren Hände.

Da stammelte die Bäuerin wie in Angst: „Na, na, Frau Dokter! Übern Krispi kann ich nix Unrechts sagen. Gwiss net. Da tät's kein Mitleid net brauchen. Na!“

„So war's nicht gemeint, liebe Annamarie!“, sagte Frau Lutz erschüttert.

„Annamarie?“ Die Lahneggerin streckte sich in ihrem Lehnstuhl. „Jetzt hab ich mich ferm drauf bsinnen müssen, dass ich dös bin. Arg lang is's her, dass einer zu mir so gsagt hat: Annamierl!“

„Gelt, Lahneggerin! In jungen Jahren sein Glück begraben müssen! Da verliert man viel. Auch seinen Namen.“

„Annamierl? Was da alles aufwacht! Lauter eingschlafene Sachen! Jetzt kapier ich erst, wie S' es vorhin gmeint haben: Mit der Freud, die eim selber ghört. Freilich, als Madl, so in der heißen Bluhzeit, da bildt man sich leicht ebbes ein. Aber hat man 's Kranzl in' Kasten einiglegt – – Soviel finster wird's! Soll ich net a Licht bringen lassen?“

„Nein, Annamarie!“, sagte Frau Lutz mit bebender Stimme. „Man redet sich leichter! – Habt Ihr denn Euren Mann nicht lieb gehabt? Auch noch als Frau?“

„Ah, freilich, ja! Ganz a richtiger Mensch is er gwesen. Aber so viel Sorgen hat er ghabt. Is er nüchtern gwesen, so hat er allweil ans Anwesen denkt. Und hat er diemal an Rausch heimbracht, da hat er sein können, dass ich oft zittern hab müssen. Aber in der Halbscheid, noch a bissl Verstand und a lachets Dampferl, a kleins, ah ja, da hat er oft lustig und lieb sein können.“

„Und als er sterben musste, so früh? Wir beide haben doch das gleiche Unglück erlebt –“ Frau Lutz verstummte, als hätte ihr das Weh des Erinnerns die Kehle zugedrückt. „Sagt mir das, Annamarie, so aufrichtig, wie eine Schwester zur Schwester redet.“

„Was?“

Frau Lutz zog ihren Stuhl dicht neben den Lehnstuhl der Lahneggerin. „Habt Ihr als junge Frau den verlorenen Mann nicht schwer entbehrt? Nicht nur deshalb, weil Ihr ihn lieb hattet. Ich meine – weil Ihr als Weib so allein bleiben musstet?“

„Ja, Frau Dokter! Zwei halbgwachsene Buben. Und so an Anwesen. Und ich als Weibsbild allein. Und von die Knecht allweil einer schlechter wie der ander. Mar' und Joseph! Da hab ich hundertmal in der Nacht zu unserm Herrgott auffi gjammert: Hättst mir den Bauer net lassen können?“

„Auch das war hart. Aber ich meine –“

„Was denn?“

„Ob Ihr als junge Frau nicht auch das andere schwer entbehren musstet? Dass Euer Mann, wie Ihr vorhin sagtet, zu Euch als Weib so lustig und lieb sein konnte?“

„Ah so? jetzt versteh ich erst. Freilich, ja, a Zeitl hat's mich schon plagt. Aber d' Muttersorg hat alles stad gmacht in mir.“

„War das nie so schwer in Euch, dass Ihr krank wurdet? Und dass Euch irrsinnige und sündhafte Gedanken ins Blut und in die Seele fielen?“

„Na! Nie net! So ebbes is gar net so wichtig, wie's die verruckten Leut machen. Freilich, es muss sein, wann d' Welt weiterlaufen soll. Unser Herrgott hat's amal so eingricht'. Aber es daucht mir, dass die rauschigen und schief gewachsenen Menschenleut ebbes anders draus machen, als wie's unser Herrgott gmeint hat. Da sagt man allweil: 's dumme Vieh! Ah na! Bei die wichtigen Sachen is 's Vieh allweil gscheiter und gnügsamer als wie der Mensch. A Stückl Vieh verspart sich für a paar Täg im Jahr, was sein muss zum Furtleben. Und da hat's die ander Zeit im Jahr sei' Ruh und kann sorgen für sein gsunds Aufwachsen. Bloß der Mensch zarrt die verliebte Narretei und d' Unsauberkeit übers ganze Jahr ausanand, tut sich an Schaden an Leib und Seel, tut sich an unfruchtbaren Abbruch an der besten Kraft und macht aus seim Leben ebbes Minders, als wie's hätt sein können. Und da schimpfen nacher d' Leut übers irdische Jammertal. Na, na, 's Leben is schon recht. Unser Herrgott hat nix Schiechs derschaffen. Alt werden, absterben und auslöschen, dös muss sein! Aber an die richtigen Schlechtigkeiten is unser Herrgott net schuld. Dö haben d' Menschen selber mit ihrer Narretei und mit die schlecht gratnen Kinder ins Leben einigsetzt. Dös sollt man abschaffen: Dass man Hochzet macht mit Gäst und Musi, mit Fressen und Saufen. Da sollt a jungs Paarl sauber und nüchtern sein als wie beim Kumlizieren. So bin ich gwesen, wie ich mein' Toni kriegt hab. Und d' Mutterfreud zahlt mich aus dafür. Sooft ich mein' gsunden und graden Buben anschau, spür ich in meiner Mutterseel a Bröserl von der ewigen Gottsfreudigkeit.“

„Annamarie! Ihr seid krank. Aber Euer Leben ist gesünder als das meine. Und Ihr seid das bessere Geschöpf als ich!“ Verstummend beugte Frau Lutz das Gesicht gegen die Brust des verlorenen Weibes, dem der ungeduldige Tod schon die Schläfen berührt hatte.

„Jesus, Frau Dokter!“, stammelte die Lahneggerin erschrocken. „So a fürnehms Frauerl wie Sö! Und unsereins. So ebbes därf man doch gar net vergleichen. Und als Mutter können S' mehr als z'frieden sein.“

„Ihr habt da vorhin gesagt: Das Glück Eures Sohnes hätte den Vorrang vor allem anderen.“

„Bei Enk als Mutter wird's grad so sein.“

„Was versteht Ihr unter diesem Wort: Das Glück Eures Sohnes?“

Im Dunkel konnte man's nimmer sehen, wie heiß der Lahneggerin das bisschen Blut, das sie noch hatte, in die abgezehrten Wangen fuhr. Sie wollte nicht lügen, musste aber doch ‚fürsichtig’ sein. „Spüren tut man so was besser, als man's sagen kann. 's Glück von meim Toni? Ich mein' halt, da müsst ihm alles, was für mich im Leben schön war, noch viel schöner kommen. Und 's Harte linder. Den gsunden, graden Schlag soll er bhalten. A ruhsams Leben haben. An unbuckelten Weg. An eigens Dach. Jede Saat soll ihm wachsen und Frucht haben. A richtigs Weib soll er kriegen, dö gsund is und lachen und schaffen kann. Mit sauberem Blut soll er trinken aus'm Liebsbrünndl. Mit Freud soll er seine grad gwachsenen Kinder anschauen. Und wann's zum Auslöschen kommt, soll er sagen können: Vergelt's Gott, jede Plag war zum Derleiden, und mein Glück is sauber blieben.“

In der tiefen Dämmerung eine bebende Stimme: „Annamarie, da hofft Ihr viel für Euren Sohn!“

„Wann ich mein' Toni anschau, kann ich 's Kreuz machen und sagen: Es kommt so.“

„Was tätet Ihr, Annamarie, wenn vor dem Lebensglück Eures Sohnes eine Gefahr stünde? Eine Versuchung?“

„Da tät ich ihm 's Bettzeug abitragen lassen aus der Kammer.“ Ein leises Lachen. „Jetzt weiß ich, dass ich der Kathrin d' Arbeit sparen hätt können. Aber fürsichtig sein, is allweil gut. Ob's es braucht oder net.“

„Annamarie, das versteh ich nicht.“

„'s wird halt a bissl beispielmaßig gwesen sein.“

„Sagt es mit Worten, die ich verstehen kann! Wenn Euer Sohn bedroht wäre von einer Gefahr, die sein Herz und Leben zerbrechen könnte? Was würdet Ihr tun als Mutter?“

„Da tät ich mir eiserne Spreißeln in d' Waden einitreiben, dass mich die kranken Füß noch a bissl tragen, und tät meim Buben die Gfahr aus'm Weg jagen!“

„Und wenn Ihr tun müsstet, was ihn schmerzt?“

„Wann ich mir sagen kunnt, es hilft meim Buben, so tät ich mich net lang bsinnen. Meintwegen kunnt er nacher grob sein. Wann's ihm nur gholfen hat.“

Frau Lutz erhob sich. „Jetzt muss ich heim.“

„Freilich, ja, es nachtelt schon a bissl.“

In der Dunkelheit legte Frau Lutz den Arm um die kranke Frau. „Annamarie! Ich wünsch Euch alles Gute! Und ich gehe leichter von Euch fort, als ich gekommen bin.“

Dieses letzte Wort verstand die Lahneggerin anders, als es gemeint war. Sie lachte ein bisschen. „Ja, bei eim Krankenbsuch därf a gsunds Menschenleut allweil froh sein, wann's wieder draußen is zur Tür.“

Die Nacht war schwül und windstill. Vom Mondschein, der erst gegen Mitternacht kommen musste, war noch kein Schimmer zu sehen. Die Sterne flimmerten hofig, als wäre die Luft mit unsichtbaren Dünsten angefüllt. Fern in der Finsternis, auf den Gehängen der Großen Not brannten die Kienholzfeuer, die bei den Ursprüngen der Wildach zur nächtlichen Arbeit leuchteten. Sie brannten, bis der Morgen kam, der so blau und schön war wie in den vergangenen Tagen. Doch der Bergwald wollte seine grüne Frische und das wundersame Rot seiner Blüte nicht mehr finden. Seine Wipfel waren anzusehen, als hätte eine sengende Flamme über alle Kämme der Wälder hingeweht.

Um die neunte Morgenstunde begann auf allen Berggehängen schon wieder der Flug dieser safrangelben Wolken, noch stärker als am verwichenen Tage. Zwei Stunden später wurde das Wehen des braunen Staubes auch im Tal so lästig, dass Frau Lutz, die zu einer Visite gekleidet war, einen geschlossenen Wagen kommen lassen musste, um ihr altmodisches Seidenkleid ungefährdet durch das Staubgewirbel zu bringen. Der Wagen hielt vor dem Parktor der herzoglichen Villa. Das Tor war geschlossen, und der Kutscher zog die Schelle. Mit blassem Gesicht und hämmerndem Herzen wartete Frau Lutz im Wagen.

Herr Kesselschmitt erschien in der Ulmenallee. Er ging bei Sonnenschein unter einem Regenschirm, weil er für seine Livree die gleiche Sorge betätigte wie Frau Lutz für ihr seidenes Kleid. „Gnädige wünschen?“ Frau Lutz reichte ihm eine Visitenkarte. Noch ehe Herr Kesselschmitt die Karte eines Blickes würdigte, zog er die Brauen hoch: „Sind Gnädige von Ihrer Hoheit zur Aufwartung befohlen?“

„Die Frau Herzogin wird mich nicht abweisen.“

Jetzt hatte Herr Kesselschmitt den Namen auf der Karte gelesen. „Oh?!“ Er machte mit dem glatt rasierten Kopf eine eigentümliche Schnörkelbewegung und ging unter seinem Regenschirm davon.

Frau Lutz saß in der Wagenecke, mit geschlossenen Lidern. Jede Minute des Wartens war wie die Qual einer Ewigkeit. Zitternd schrak sie zusammen, als sie die kühl gesprochenen Worte vernahm: „Ihre Hoheit die Frau Herzogin erwarten die Gnädige.“ Herr Kesselschmitt öffnete den Wagenschlag, unter dem Parapluie schon ein bisschen angepulvert von der verflogenen Sehnsucht der Waldblüte. Als Frau Lutz aus dem Wagen stieg, gegen den wehenden Staub das Sonnenschirmchen aufspannte und dem Kutscher sagte, dass er heimfahren könne, wurde sie ruhig. Was sie zu tun und zu sprechen hatte, war als ein Unbeirrbares in ihrem Herzen.

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