Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
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Kapitel 6

Der Mansardengang war finster. Ambros tastete mit den Händen und schien nicht zu wissen, wo seine Stube lag, wo sein Weg.

Die Wildacherin hörte seinen Schritt und rief hinauf:

„Herr Inschenier! Gelt, sagen S’ der Frau Mutter, sie soll d’ Fenster net gar z’lang auflassen. Heut in der Nacht schmeckt man d’ Waldbluh schauderhaft. Ferm Kopfweh kunnt eins kriegen davon!“

„Ja, Mutter Wildacherin! Der Wald – dieser Wald –“

Die alte Frau horchte verwundert auf. „Was hat er denn? Wird denn alles narret?“ Als wäre ein Zusammenhang zwischen dieser Frage und dem Mondschein, der draußen das Haus umleuchtete, trat die Wildacherin aufgeregt in die silbergraue Nacht hinaus und rief: „He! Bedle! Jetzt kunntst aber doch amal einigehn, dass man zur Ruh kommt!“

Aus dem schwarzen Schatten der Obstbäume klang die Stimme der Beda: „Ich komm schon bald. D’ Nacht is gar so fein. So ebbes muss man sich anschauen.“

Ein Nachtwanderer, der hastig vom Altwasser über die Wiesen kam und die Stimme der Beda vernommen hatte, lachte leis und machte noch flinkere Sprünge. Nun erreichte er die Ecke des Gartens und sah die Beda hinter dem Staketengatter stehen.

Sie hörte den Schritt im Grase nicht, fühlte nur plötzlich, dass zwei starke Arme sie umschlangen wie eine eiserne Klammer. „Jesus!“, tuschelte sie in ihrem seligen Schreck. Es dauerte lang, bis sie flüstern konnte: „Seit Neune wart ich schon allweil. Heut, hab ich mir denkt, heut musst doch kommen!“

„Ja, Bedle, heut hat’s mich hertrieben! Gestern bin ich auf Unterach abi. Und grad komm ich her davon.“ Es war im Klang dieser Worte etwas wie Kummer. Doch Beda atmete erleichtert auf, schmiegte sich an seine Brust und fing glückfroh zu kichern an. „Schatzl?“, fragte er. „Was hast denn?“

„Freuen tut mich ebbes!“ Mehr sagte sie nicht. Sie hätte sich lieber die Zunge abgebissen, ehe sie von der Wittib aus dem Unterland ein Wörtl geschnauft hätte.

„Freuen? Gestern hab ich selber gmeint, ich kunnt dir heut a Freud machen und sagen: Jetzt haben wir unser Heimatl, und alles is gut! In Unterach hab ich heut an Anwesen angschaut, dös am Verkauf is. Zahlen kunnt ich’s grad, d’ Mutter hilft mir. Dö is allweil soviel gut.“

„Hast es ihr gsagt? Von uns?“

„Freilich! D’ Mutter wird sich ’s Herz aussiwarten, heut. Aber z’erst hab ich zu dir müssen!“

„Vergeltsgott!“

„Z’Unterach, Schatzl, dös is nix für uns. ’s Haus is verwahrlost, und die Gründ sind miserabel. Da täten wir uns schlecht einisetzen.“

„Um Gottes willen net! Jetzt hab ich dich, jetzt kann ich warten.“

Er küsste sie heiß. „Gelt, bis ich ebbes gfunden hab, halten wir unser Glück in der Gheim? Tät mich dein Ahnl fragen: Auf was willst denn heiraten? – Und ich kunnt ihr kein richtiges Wörtl sagen, dös tät mich sekkieren bei Tag und Nacht.“

„Ich sag ihr nix. Alles soll gschehen, wie’s du haben willst.“

„Na, na! ’s Gute für mich muss allweil ’s Besser für dich sein, weißt!“

Sie dankte mit einem Kuss, der den Toni zittern machte und die Beda in eine Philosophin verwandelte. Beklommen stammelte sie: „Wie gschwind eins so ebbes lernt! Kein Vater und Mutter hat mir’s zeigt, und jetzt kann ich’s. Grad wie sich der Wald auf sein’ bluhroten Rausch versteht.“ Sie klammerte sich wieder an seinen Hals. „Ich tät dich gern noch a bissl bhalten. Aber jetzt musst zur Mutter heim.“

„Ja! Jetzt spring ich wie a Narr.“

„Wann kommst denn wieder?“

Er lachte. „Morgen in der Fruh um Fünfe hol ich den Brosi ab, bei dem ich von morgen an in der Arbeit bin.“

„Gott sei Lob und Dank! Da hast ebbes Fests für’n ganzen Sommer. Und jeden Abend auf’m Heimweg musst bei uns vorbei!“

„Da muss ich allweil gleich heimschauen zur Mutter. Aber am Samstag auf d’ Nacht, da hast mich wieder wie heut! Jetzt gib noch aber Bussl her, dös für die ganze Wochen ausreicht!“ Halb im silbernen Mondschein und halb im schwarzen Schatten hielten sie einander umschlungen, Leib an Leib gewachsen. Sie schienen die Duftschwüle der blühenden Nacht zu fühlen und atmeten schwer. Toni löste plötzlich die Arme der Beda von seinem Hals. „Gscheit bleiben! Wir zwei durften net oft beinand sein.“

Da umschlang sie ihn wieder. „Auf dich kann man sich verlassen, in dir is alles sauber.“

„Net alles!“, sagte er rau, als hätte dieses Wort eine wunde Stelle in ihm berührt. Mit seinen eisernen Armen presste er das Mädel an sich. „Bedle, ich muss dir ebbes eingstehn.“

Der Schreck schauerte durch ihren Leib. Doch stammelnd wehrte sie: „Ebbes Schlechts kann’s nie net sein von dir.“

„Ebbes arg Schlechts! Ja! Und doch ebbes Schöns! In der Lieb, da kennt eins bald den Unterschied nimmer.“ Er drückte seine Stirn an ihre Wange. „Seit fufzehn Jahr lang tu ich dich mögen. Derzeit uns selbigsmal der Abend so fuirig war. Bist noch a Kindl gwesen! Und ich hab dich mögen müssen. Hab dich gstößen und gschumpfen. Und hab dich gern ghabt. Und allweil is d’ Lieb wie ebbes Schlechts in mir gwesen. Fufzehn Jahr lang hab ich dich nie net anders gsehen. Allweil so, wie d’ selbigs Mal am fuirigen Abend gwesen bist!“

Das Blut schoss ihr ins Gesicht, und ein feines Lachen jagte ihr die Angst aus der Seele.

„So bist gwachsen in mir. So hab ich dich gsehen beim Tag und in der Nacht, bei der Arbeit und in der Kirch. Und so bist fort mit mir aus’m Tal. Wann mich draußt in der Fremd die reifen Jahr oft plagt haben wie narrisch, und wann ich gmeint hab: Jetzt muss ich nach einer greifen – da hab ich dich allweil wieder gsehen, so, und hätte ums Sterben keiner andere net ans Miederband rühren können!“

„Tonele!“ Wie Trunkenheit war die Freude in ihr. „Nimm mich, wann d’ magst! Bei der Hochzet, heut oder morgen! Ich brauch kein’ Mondschein net. Und mein Glück is allweil größer als selbigs Mal unser großer Fisch!“

Stumm hielt er das zitternde Mädel in seinen Armen und küsste, küsste, dass ihr der Atem verging.

„Tonele! Was is denn d’ Lieb?“

„Spüren tu ich’s. Sagen kann ich’s net. Du musst den Waldrauscher fragen. Der kann einem sagen, was keiner weiß.“

„Zehn Jahr lang Zwidernis und Zorn! Fünf Jahr lang Hunger und Durst! Und seit vier Tag die einzig Freud und ’s Allerbeste! So is d’ Lieb! Tonele, wie wird s’ denn noch?“

Er hielt sie an seiner Brust und streichelte ihr Haar. Da hörten sie vom Haus herüber einen Schritt und fuhren so erschrocken auseinander, als wären ihre lauteren Frühlingsherzen verwandelt in zwei schlechte Gewissen. Mit flinkem Satz war Toni über den Staketen draußen. Und Beda hatte so hurtige Sprünge gemacht, dass sie ein paar Sekunden später vom Gemüsegarten um die Hausecke kommen konnte. Im Mondlicht stand eine schwarze Schattengestalt. „Grad, Ahnl, will ich mich schlafen legen.“ Sie musste lachen. Die dunkle Schildwache im Mondschein war nicht die Großmutter, sondern Ambros, der zum Himmel hinaufstarrte. Das Lachen der Beda schien ihn zu wecken. Er wandte sich: „Mädel! Sag du mir: Wo sie sind?“

Sie erschrak über den Klang seiner Worte. „Jesus! Wer denn?“

„Die Sterne? Die Sterne der schönen Zeit? Von denen ich glaubte, dass sie nicht erlöschen könnten in dieser Nacht des blühenden Erwartens! Wo sind sie? Schau hinauf! Da droben ist alles kalt und bleich und leer.“

„Mar’ und Joseph! Herr Lutz! Hast ebba an Trunk über’n Durst verschluckt?“

Er lachte grell.

Sie fasste seinen Arm. „Brosi? Was ist denn mit dir?“

Unter einem Krampf, der ihn schüttelte, umschlang er die Schwester seiner Jugend. „Ich weiß nimmer, ob ich elend oder glücklich bin.“ Dann hing er stumm an ihren Hals geklammert.

„Gelt? Hast eine gern?“ Sie versuchte ihn aufzurichten. „Und elend oder herzfroh, sündhaft oder schön, Sternglanz oder Mondschein, da weiß man nimmer, wie ebbes heißt!“

Seine Arme fielen wie Blei herunter. „Sag meiner Mutter, sie soll sich nicht sorgen! Ich komme schon wieder. Leben muss man.“ Er taumelte gegen die Straße.

Sie wollte ihm nachspringen, wollte ihn zurückhalten. Die schwarzen Schatten, die zwischen der bleichen Helle lagen, verbargen ihn schon.

Er wusste nicht, welchen Weg er ging. Willenlos einer Gewohnheit der vergangenen Wochen folgend, überstieg er die Straßenplanke. In aller Verstörtheit seines Herzens fiel ihm etwas auf. „Wo ist der Pfahl? Die Tafel? Verbotener Weg?“ Er sah die Frau, die er liebte. Wie eine schlanke, rote Flamme stand sie im reinen Mondlicht. Sie lächelte und sagte leise: „Warum soll ein Weg verboten sein, der den Menschen Freude macht?“

Im bleichen Schimmer das Rauschen der nahen Wildach.

„Verbotener Weg!“ Immer dieses Wort auf den Lippen, in der Faust den zerknüllten Hut, watete Ambros durch die perlfarbenen Wiesen, auf denen Blumen, Gras und Unkraut wie ein einziges waren, alles grau.

Zwischen schwarzen Baumkronen tauchte der Mond beglänzte First eines bäuerlichen Gehöftes auf. Hier wohnte das junge Mädel, das ein Wohlgefallen an italienischen Liedern hatte.

„Nino! Nino! Mir blühen alle Wälder. So rot wie dir!“

Hohe, finstere Mauern. Über die gewellten Zinnen stieg ein schimmerndes Wunder empor: Die Große Not im Mondschein.

Durch zwanzig Jahre war in Ambros ein unverstandenes Wort lebendig geblieben: „Die Große Not hat eine Mutter. Die heißt man die heiligste Freude!“ Jetzt verstand er’s. „Je heißer und schöner eine Menschenfreude, um so größer und tiefer der Schmerz, der als Frucht aus allem Rausch ihrer Blüte fällt. Ein grauenvolles Wort! Ein Fluchlied des Waldrauschers! Lied? Ist alles nur ein Lied? Unsere Pein und Seligkeit? Die fliegenden Träume und die plumpen Dinge? Alles nur kleine Lieder eines alten Sängers, der noch seltsamere Weisen, noch dunklere Verse findet als der Waldrauscher? Ein Lied auch diese Nacht? Ihre zärtliche Qual? Ihre brennende Sehnsucht?“

Nicht aus der Verstörtheit seines Herzens kam diese letzte Frage. Sie tönte ihm von außen in die Seele hinein. Er hörte ein leidenschaftliches und dennoch schwermutvolles Lied, das mit der schattendunklen Silbernacht und ihrem Rauschen in eins verschmolz wie eine Seele und ihr Leib.

Auf einem Hügel des Barackenlagers glostete matter Rotschein. Da saßen noch Männer und junge Burschen um ein erlöschendes Feuer. Sie sangen. Der eine im Bangen nach der fernen Heimat, im Denken an ein Mädel; der andere im Durst nach seinem Weib, das er entbehrte.

Ambros wandte sich gegen die Wildach. Immer ging dieses Lied mit ihm. Dann in der Nacht eine wilde Stimme: Das schmetternde Gewieher eines Pferdes, das irgendwo auf der Weide war. Und immer näher das Rauschen der Wildach. Ambros erreichte das verwüstete Kiesbett. Das zwang ihn, seinen Weg wieder gegen das Dorf zu nehmen. Das Bild der Schuttfelder war ein anderes als in vergangener Zeit. Die Stelle, wo der kleine Brosi unter blaugrünem Wasser das knöcherne ‚Totenmännle’ gesehen hatte, war längst von neuem Geröll überschüttet. Wie ein kalkweißer See mit fernen Ufern lag das verwüstete Gelände im Mondschein. Nur Schutt und Schutt. Kein Wasser. Die rauschende Wildach lag versteckt, tief eingegraben. Dennoch sahen die irrenden Augen des Einsamen das Bild einer tiefen, blaugrünen Flut, aus der ein knöchernes Gesicht zu ihm herauflächelte. „Die Erlösung! Die Ruhe nach aller Qual!“ Er dachte an die Pflicht seines Lebens, dachte an sein Werk und jagte in Zorn diese Schwäche aus seiner Stirn hinaus. Als hätte er vor einer Gefahr zu fliehen, wandte er sich hastig gegen die Wiesen. Das Rauschen dämpfte sich. Deutlich tönte der Gesang der wachenden Italiener durch die Mondnacht. Ambros wurde ruhiger. In ihm erwachte ein träumender Klang seiner Liebe:

„Die Sehnsucht wandert in einem Scharlachkleid.
Das öffnet sie immer, öffnet es weit.
Doch wenn des Lebens schneidende Lüfte fließen,
Friert sie und muss das Kleid wieder schließen.

Die Sehnsucht reitet auf einem Märchenpferd,
Das ferne immer ein Wiehern hört
Und rennen möchte, rasen und schäumend jagen,
Wär’s nur nicht an den Pflock geschlagen.

Die Sehnsucht friert. Drum bläst sie ein Feuer an
Und wirft dazu ihren letzten Span
Und haucht ihren letzten Atem in die Brände
Und verbrennt sich das Herz und die zitternden Hände.

Die Sehnsucht singt in Schmerzen ein wehes Lied,
Das suchend zu dunklen Fernen zieht
Und ruhelos schreit und schreit im rauschenden Winde:
Glück! Rufe doch! Rufe, dass ich dich finde!“

Im schwarzen Schatten des Buchenwaldes leuchtete ein langes Band in silbernem Weiß. Ambros, aufgerüttelt, erschrak bis ins Herz. Er hatte diesen Weg nicht gewollt, nicht gesucht. Regungslos an einen Baum gelehnt, blickte er auf die weiße Parkmauer, die der Mond umflutete. Ein Geräusch in seiner Nähe. Die Straße war leer. Hatte sein Herz so laut geschlagen? War das Hämmern seiner Pulse in die Luft getreten? Langsam ging er auf das Parktor zu, klammerte die Hände in das Gitter und presste seine Stirn an die kalten Eisenstäbe.

Einen erwürgten Laut in der Kehle, richtete er sich auf. Ihm war, als hätte er den Atem eines Menschen gefühlt. Als er das Gesicht über die Schulter wandte, stand hinter ihm die Graugestalt eines gebeugten Greises. Der sagte unter leisem Lachen: „So, Büeble? Bist da? Hab mir schon allweil denkt: Heut kommst!“

„Waldrauscher!“

„Rausch? Den Wald schau an in der Sonn! Und dir schau eini in d’ Seel! Nacher weißt, was Rausch is. Aber wann einer nüchtern wird? Schau dir den Wald an in vier Wochen! Not und Elend. Sieben Jahr lang Müdigkeit. Und jeder Baum muss warten ohne Freud, fufzg Jahr lang, bis ihn der alte Bauer niederschlagt.“

„Dein sinnloses Gerede versteh ich nicht. Warum bist du immer in meiner Nähe? Was spionierst du auf meinen Wegen? Was willst du von mir?“

„Ich? Von dir, Büeble? Nix! Bloß gmeint hab ich, du kunntst ebbes brauchen von mir!“ Ein spottendes Kichern. „Soll ich dir ebba den Baum zeigen, von dem einer leicht über d’ Mauer hupft? ’s is an alter Baum, hat sich net viel verwachsen in siebnefufzg Jahr, macht allweil noch ’s gleiche Leiterl! Oder weißt ebba ’s richtige Fenster net? Soll ich dir sagen, wie einer beim Mondschein einikommt ins Schlössl, dass keiner ebbes merkt davon als bloß die einzig, die man sucht in Glut und Ängsten?“

„Mensch!“ Ambros fasste den Greis in Zorn an den Schultern. „Was wagst du mir da zu sagen?“

Der Waldrauscher lachte. „Geh, tu dich net verstellen vor mir!“ Er spähte die mondhelle Straße auf und nieder. „Heut hab ich enk zugschaut. Musi habts gmacht, dass mir daucht hat: ’s lichte Glück und die rote Freud, die singen mitanand. Lachen und reden hab ich dich hören. Wann einer den süßen Rausch in ihm drin hat, sieht er den Herrgott allweil schön und d’ Stern noch glanziger, als wie s’ eh schon sind. Fein hast predigt! Den Kaplan hast sauber abidruckt übern hofchristlichen Wagen.“ Wieder ein kurzes Lachen, dann ein Klang voll schmerzlicher Zärtlichkeit. „’s Glauben aus der heiligen Freud aussi is ihr leichter worden in eim Viertelstündl, als wie ’s müde Beten in der Angst von zwanzg verlorene Jahr. A Himmel is eingfallen, der wie a Kinderkripperl auf gläserne Füß gstanden is. Und an andrer is ihr gwachsen in der Seel, einer, wo der Wald blüht und d’ Engerln ausschauen wie glückselige Menschenleut. Der neue Herrgott hat blonde Haar. Und der neue Himmel hat Sterndln wie deine Augen.“

„Waldrauscher!“, stammelte Ambros in einer Erregung, die seinen Körper schüttelte. „Bist du irrsinnig?“

„Na, Büeble! Mir daucht ehnder, ich weiß a bissl z’viel. Dös schaut allweil so aus, als ob einer a Narr wär. Aber heut, bei enk zwei, hat’s kein’ bsundern Verstand net braucht. Zugschaut hab ich enk in Freud und Kümmernis. Allweil bin ich dabei gwesen, im Wald und im Schlössl. Oder hast meine Augen net kennt? Siebnefufzg Jahr in der Einschicht! So ebbes macht andere Gsichter. Aber d’ Augen sind allweil ’s gleiche. An Aug hat ebbes vom Herrgott, muss ebbes haben von der Ewigkeit. Hast meine Augen net kennt?“

„Waldrauscher!“ Ambros war vor dem Greise zurückgewichen. „Wer bist du? Mir wird unheimlich in deiner Nähe.“ Er wandte sich und folgte der mondhellen Straße in der Richtung gegen das Kirchdorf hin.

„Halt, Büeble! Den falschen Weg hast. Umkehren musst, wann d’ heim willst zur Wildacherin. Oder suchst dir an andern Weg?“

Ambros, ohne ein Wort zu erwidern, ging die Straße zurück. Schweigend duldete er’s eine Weile, dass der Waldrauscher an seiner Seite blieb. Im schwarzen Buchenwald schrie er: „Lass mich allein!“

Ruhig sagte der Waldrauscher: „Menschen, die zuanand ghören, sollten anand nie allein lassen. Von der einschichtigen Zeit kommt allweil ’s Ärgste. Ich müsst mich in mir und in dir net auskennen, wann du dich heut net schon gfragt hättst, wo die Große Not am höchsten oder ’s Wildwasser am tiefsten is.“

Nicht die Wahrheit dieses Wortes, sondern die Ruhe, mit der das graue Männlein gesprochen hatte, wirkte erschütternd auf Ambros. „Ja. Geh mit mir! Einsamkeit ist eine Gefahr.“

Sie traten aus dem schwarzen Waldschatten hinaus in das offene Mondland. Schimmer, wohin das Auge sah. Dieses Traumbild der im Blütenrausche schlafenden Erde war verschwenderisch reich an geheimnisvollem Reiz und webendem Silberglanz. Auch die Schatten waren Schönheit, die unter Schleiern ruhte.

„Büeble, mach d’ Augen auf! Wär’s ebba net fein auf der Welt? Es is der Müh wert, dass einer lebt. Und d’ Welt wird net minder, weil eim ’s Herzl weh tut. Was einer leiden muss in sauberer Seel, is bloß a Leiterl nach aufwärts, weißt!“ Der Alte schrie einen Jauchzer in die schöne Nacht und sang:

„A Freud und a Wehdam,
A Frost und a Brand,
A Glanz und a Schatten,
’s gheart alls zu anand!

Und d’ Welt, dö hat Sachen,
Bald liacht und bald trüab.
Und ’s Liachtest und ’s Trüabste,
Dös hoaßen mer: d’ Liab!

Und d’ Liab is a Lachen,
Der Sunnschei(n) hat’s bracht,
Und d’ Liab is an Elend,
Sei(n) Muatta hoaßt: Nacht!

Und d’ Liab is a Fuierl,
Wo koaner net woaß:
Wer’s zündt und wia’s brennt und
Warum a so hoaß?“

„Waldrauscher!“, stammelte Ambros. „Hundert Jahr bist du alt –“

„Sagen wir neunzg und a bissl drüber.“

„Wer sollte das Leben kennen, wenn nicht du? Sag mir: Wie kann das Süßeste eines Herzens solch ein Quälendes werden? Wie darf die Liebe einen Menschen auf Wege führen, die vor unübersteiglichen Mauern enden? Vor Klüften, über die keine Brücke geht?“

Der Waldrauscher sang:

„Bua, d’ Liab is a blinde,
A feldfremde Maus,
A Wildtaub im Käfi,
A Gast in deim Haus.
Der tuat, was er will, und
Der macht’s, wie er mag,
Und schreit d’r: Du Knechtl,
Jetzt tua, was i sag!

Und alles muass ducken,
Der Mensch und der Stoa(n),
A Baam und der Bergwald
Und ’s Bleaml, dös kloa(n).
Und alles muass Knecht sei(n),
Weard müad und verdirbt,
Bloß d’ Liab, dö is d’ Herrin,
Dö alleweil irbt.

Ob hundertmal gmaschkert,
Vertoalt und verstellt,
Sie is bloß an Oanzigs
Und älter als d’ Welt,
Und jünger als ’s Jüngste
Und alleweil neu,
Und Zwoa kann s’ net zählen,
Zählt alleweil: Drei!

Und d’ Liab, dö is sparsam
Und prasst und verschwendt,
Versteht si’ auf alls und
Macht Experament.
Und nix is so gscheit, als
Wia d’ Liab – und so dumm
Und so treibt s’ ihre Unfürm,
I woaß net, warum!“

Ambros nickte, die Augen auf das Altwasser gerichtet, auf dem die Reflexe des Mondlichtes wie silberne Schmetterlinge spielten. „Ja, Waldrauscher! Du bist klug. Nur schade, dass ich von deiner Klugheit nichts lernen kann. Das Klügste sind deine grauen Jahre.“

„A bissl hast recht. Net ganz.“

Ambros verlor seine Ruhe. „Wäre in dir die brennende Sehnsucht meiner Jugend und Liebe, so wärst du minder klug. Alles, was im Leben nach Leben dürstet, liegt hinter dir.“

„Kunnt sein, dass dich täuschen tust.“

„Hundertjähriger! Einsamer! Welche Sehnsucht könnte in dir noch sein als nur die eine: Von aller Mühsal eines erschöpften Lebens erlöst zu werden? Und nichts mehr zu wissen, nichts, nichts, nichts.“

„Jungs Mannderl“, sagte der Alte ernst, „da redst, wie gestern noch net reden hättst mögen, und wie d’ morgen nimmer reden magst. Tausend Sachen kunnt ich dir sagen von allem Gusto, den ’s Leben noch allweil hat für mich. Jeds Stündl im Wald heißt Schatzgraben und Goldfinden. So einischauen in alls, was an Einzigs is! Tief einischauen, tiefer als andre! Und zittern vor lauter Freud, wann d’ wieder amal so a Deckerl hast lupfen därfen. Und merken: Dass tausend Gsichter allweil die gleichen Augen haben. Und wissen: Was glutet und schlagt in dir, is allweil gwesen und muss allweil bleiben. Und spüren: ’s ander alles is grad so wie du, und du bist grad so wie ’s ander alles. Und jeden Schreck verlieren und die alte, narrische Menschenangst! Und alles verstehn! Und doch nix wissen. Und dastehn müssen wie a Kindl und ’s Kreuz schlagen vor lauter Andacht! Büeble? Kannst mir’s net nachspüren, wie viel Freud meine grauen Jahre noch allweil haben?“

„Waldrauscher!“ Ambros fand in seinem Staunen nur dieses eine stammelnde Wort.

„Aber Freud? Von jeder Freud kunnt ich lassen, heut wie morgen. D’ Freud macht mich net leben. Ich kann net sterben, weil ich noch allweil auf ebbes hoffen muss. Und es kommt noch, es kommt, es kommt!“ Die Stimme des Alten geriet in fiebernde Hast. „Die gottesmächtige Welt hat ihr Gsetz von Ewigkeit. Und jedes kleinste Leben hat sein’ extrigen Gwalt, dem’s folgen muss. Heißt er: Lieb? Oder: Blut? Oder: Glück? Oder: Elend? Oder: Ewige Narretei? Es is halt in mir! Und es lasst mich net sterben. Allweil wart ich noch drauf, dass ich a Wörtl hör und a Wörtl sagen därf, an einzigs Wörtl!“ Den Kopf zurückbeugend, krampfte der Waldrauscher die dürren Fäuste in seine Brust. „Ich kunnt’s aussischreien aus mir! Aber a Riegel liegt mir vor der Seel. Als wären sechzg Jahr net gwesen, so hat unser Herrgott a zweits Mal ’s Allersüßeste denkt! Aber a zweits Mal wirfst kein’ sündhaften Stein in so a heiligs Brünndl. Na, Büeble! Warten muss ich. Allweil warten. Und hüten. Und es kommt noch, es kommt, es kommt.“

Ambros blickte in diese irrenden Augen. „Waldrauscher! Was du vorhin sprachst von den Freuden deines Alters, das weckte etwas Starkes in mir und gab mir einen Trost. Jetzt versteh ich dich nimmer.“

Wie ein Erwachender streckte sich der Greis und lachte. „So? Hab ich a paar rauschige Wörtln gredt? A bissl angsteckt hat’s mich halt. Genius loci, genius horae! D’ Narretei liegt in der Luft. Waldrausch! Waldrausch! Komm, Büeble, lass dich heimführen! Söllene Rauschnächt können ein’ narrisch machen.“ Durch die graue Wiese hinschreitend, fing er in schrillem Diskant zu singen an:

„Und der Wald, der is rauschi,
Der Wald is verliabt,
Und sei(n) Liab, dö weard fliaget
Und fludert und stüabt!

Und zehntausend Hearzln
Hat jedweder Baam,
Und jeds hat sein’ Hunger,
Sein’ fuirigen Traam.

Und morgen, da fliagen s
Und fragen ihr Gschick,
Und da findt von eim Tausend
An oanzigs a Glück.

Dö ander, dö fallen
Ins Mies und ins Gstoa(n)
Und leiden und hungern
Und sterben alloa(n).

Gott Vater im Himmel,
So spricht der Kaplan,
Nimmt ahl seiner Künder
Sich lübevohl an!“

Nach dem grotesken Hochdeutsch dieser letzten Strophe begann der Waldrauscher ein Jodeln, das mit Gelächter endete. Bei diesem Lachen schien er seine Ruhe wieder zu finden. Ambros zitterte in einem Sturm von Erregung. In alle Pein seines eigenen Herzens wirrte sich ihm das rätselhafte Lebensgesicht dieses waldklugen und doch wie aberwitzig erscheinenden Greises. Welche Schmerzen sangen und lachten da herauf aus einer versunkenen Jugend? Welch ein Schweres war auf sein Leben gefallen, dass dieses Leben einsam verdorren musste? Welche Hoffnung war in diesem Hundertjährigen noch wach geblieben und ließ ihn nicht sterben? Und welch ein unbegreiflicher Gegensatz: Die äußerliche Lebensarmut dieses Greises und der geistige Reichtum unter dieser gerunzelten Stirn! Und lateinische Worte auf der Zunge des Waldrauschers? Und der sprudelnde Quell seiner kleinen, bald träumerischen, bald höhnenden Lieder? Und dieses wundersame Fühlen und Ahnen vor dem ewigen Rätselgesichte der Natur? Wie kam ein Kind des Volkes, ohne Bildung und Schule, zu solch einer freien, allen Horizont des Dorfes überragenden Naturerkenntnis und Weltanschauung? Oder war der Waldrauscher kein Kind des Dorfes? Hatte ihn ein schweres Schicksal von der Stadt in den Wald verschlagen, wie der Lebensschreck die Heiligen in die Wüste trieb? Und hatte unstillbare Sehnsucht aus einer hoffnungsfrohen, mit allen Gaben beschenkten Jugend das gemacht, was da grau und klein gebeugt durch den Mondschein wanderte? Ambros fühlte diesen Gedanken wie einen Schicksalsspruch, der über sein eigenes Leben gefällt war. Das Gesicht in die Hände pressend, blieb er stehen, erschüttert in allen Sinnen.

„Komm, Büeble!“, sagte der Alte ruhig. „Halb zwei hat’s gschlagen. In drei Stunden kommt d’ Sonn. Da musst wieder frisch zur Arbeit aussi.“

Ambros klammerte sich an den Greis. „Waldrauscher! Der du alles erlebtest an dir selbst! Ich fühle, das wird nie erlöschen in mir. Was soll ich beginnen mit meinem Leben?“

„Net schlechter sollst es machen, als wie’s gwesen is.“

„Schlecht! Schlecht! Hätt’ ich nur heute dieses Wort nicht gehört! Es hat sich fest gesogen an mir. Nun ist es in meinem Blut.“ Wie ein Wahnsinniger schrie Ambros in den Mondschein: „Was ist Reinheit, Waldrauscher? Ich weiß es nimmer.“ Sie waren schon nahe bei der Hecke, die den Garten der Wildacherin umzog. Da krampfte Ambros seine Faust in die Schulter des Alten. „Die Liebe, sagst du, ist ein Ewiges. Ist stärker als alles atmende Leben. Sie allein ist die Herrin. Und befiehlt. Müssen wir nicht gehorchen? Ist Liebe dann nicht auch ein Recht? Hat Liebe nicht die Pflicht, zu gewinnen? Und zu blühen nach dem Willen der Natur?“

Lange schwieg der Waldrauscher. Dann sagte er zögernd: „D’ Natur, Büeble, is an unsichers Frauenzimmer. Wer weiß denn, wie sie’s will? So wie du hat noch jeder gfragt, dem ’s dürstige Fuier im Blut und in der Seel war. So viel Recht, als sich einer nimmt, hat einer allweil. Aber wie söllene Rechtlichkeiten halt ausfallen? Da kunnt ich dir viel drüber sagen. Aber jeder Rat wär Sünd an dir, und net bloß an dir allein. Auf söllene Fragen müssts enker Antwort selber finden, ös zwei. Aber dir, Büeble, sag ich heut noch ebbes. Komm! Dös sag ich dir am Gartenzaun. Da mag ich nacher kein Wörtl nimmer hören von dir.“

Sie schritten stumm durch den Mondschein. Auf der Straße, vor dem Zaun der Wildacherin, streckte sich der Greis an Ambros hinauf und schlang den Arm um seinen Hals. „Amal, da hab ich dir a Liedl gsungen. A kleines Mannderl bist noch gwesen. Bucken hab ich mich müssen bis abi zu dir. Heut muss ich mich strecken. Aber ’s gleiche Wörtl sag ich dir heut: Büeble, du hast Herrgottsaugen! Lass dir nix einreden, lass dir nix ausreden! Was einer findt mit söllene Augen, is allweil ’s Rechte. Was einer sieht mit söllene Augen, is allweil ebbes mit farbschöne Flügerln, die man im Rausch oder in der Nüchternheit net stutzen und rupfen därf.“ Der Waldrauscher lachte leise. „Dös Liedl von selbigsmal hab ich schon lang vergessen. Da mach ich dir halt an anders, gelt! Es daucht mir, dass ich heut alt gnug wär für ’s richtige Gsangl. Sechs Jahr noch bis hundert! Und viel hat mich gwundert und gmartert und gfreut. Neunzg Jahr lang is heut! Weißt, d’ Jahr, die wo dumm san, gehn Straßerln, dö krumm san. Wann d’ Irrnis ein’ plagt, wird ’s Gute derfragt!“ Das Geflüster des Alten verwandelte sich in ein feines, zärtliches Singen:

„Und ’s Beste vom Guten,
Magst lachen, magst bluten,
Is a Plag oder Freud,
Dö d’ Sunna net scheut;
Is a Seel, dö koan Fleck hat,
A Liab, dö koan Schreck hat,
A Herz ohne Reu
Und a blinksaubre Treu!

Da kannst nacher sagen:
Komm, Rausch, tua mi plagen,
Treib’s grad oder krumm,
Du wirfst mi net um!
Natur und was sunst is,
Was Fluach oder Gunst is,
Verlust oder Gwinn –
I bleib, was i bin!“

Noch ein Lachen, halb weh und halb spottend, ein paar klappernde Schritte im Mondschein, und der Alte war verschwunden.

„Waldrauscher!“

Von irgendwo klang es aus dem schwarzen Schatten: „Guten Morgen, Brosle!“

Noch lange blieb Ambros auf der Straße stehen. Dann trat er in das Haus. Der Flur war hell, vom Mansardenstock kam Licht herunter. Und droben fragte eine von Angst umschnürte Stimme: „Kind? Bist du’s?“

„Ja, Mutter.“

In der Mansarde wurde eine Tür geschlossen. Die Stiege blieb hell.

Frau Lutz hatte einen Leuchter mit brennender Kerze auf die Diele gestellt.

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