Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
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Kapitel 5

Im Musiksaal der Villa brannte heute die Lampe nicht. Weit standen die Fenster offen. Und die Sonne flutete mit dem Duft der Gartenblumen in den von Klanggewirbel erfüllten Raum.

Ambros führte in drängendem Tempo den letzten Satz des Violinkonzertes. Gleich dem Geriesel einer Quelle strömte unter seinen Händen die klingende Flut hervor, auf der das graziöse Spiel der Geige heiter tanzte wie ein leichtes Schifflein. Und sooft der Geige eine perlende Passage froh gelang, wandte Ambros das Gesicht mit glänzenden Augen. „So ist's recht, Frau Herzogin! Das ist Mozart! Vorwärts! Immer heller! Das Ende muss ein glückliches Jauchzen sein!“

Neben ihm stand die kleine Zieblingen. In ihrer Begeisterung taktierte sie mit Kopf und Hand und Fuß. Beglückt, in schwärmerischer Bewunderung, staunte sie zur Herzogin hinüber, die zwischen zwei Sonnenbändern vor einem zierlichen Notenpult stand, wie eine rhythmisch bewegte Flamme zwischen zwei ruhigen Feuern. Sie trug jenes rote, schön fließende Kleid, in dem Ambros sie zum ersten Mal gesehen hatte. Wenn sie mit dem Ärmel der Bogenhand, mit der wiegenden Schulter oder mit einer Falte des Gewandes in den Sonnenstreif geriet, der an ihr vorüberleuchtete, schien das tiefe Rot des Kleides verwandelt in einen Tanz von kleinen, züngelnden Flammengebilden.

Die Feuerbänder, die von der sinkenden Sonne hereinfielen durch die hohen Fenster, malten glühende Säulen an die gegenüberliegende Wand. Das war anzusehen, als würde die Decke des Raumes nicht von der Mauer getragen, sondern von diesen rot brennenden Pfeilern. Eine leuchtende Stimmung erfüllte auch die Herzogin, während sie mit Seele und Körper ganz dem heiteren Klange hingegeben war, der aus den Saiten flatterte. Auf ihren Wangen blühte ein Rosenhauch, als wäre sie in ihrer verjüngten Jugend durchgossen von einer Glut, so froh und schön, wie sie in ihrem Leben das noch nie empfunden hatte. In ihren Augen träumte ein schauender Glanz, als hätten sich vor ihrem Blick die schwarzen Notenzeichen verwandelt in einen Bilderzug aller Menschenfreude, die sich los gerungen von jeder Pein des Lebens.

Die Sonnenbänder begannen zu erblassen, noch ehe der letzte jubelnde Ton verklang.

Die Herzogin ließ die Hand mit dem Bogen sinken. Die Geige behielt sie noch an der brennenden Wange. So stand sie mit glücklichem Lächeln. Nun legte sie Bogen und Geige fort. Und Ambros fragte mit verschleierter Stimme: „Nun, Frau Herzogin? Ist Mozart eine tote Form?“

Sie sah ihn an: „Diese Frage hab ich verdient! Was ich da lernte, ist für mich wie neues Leben. Jetzt weiß ich, was Frohsinn ist. Das verdanke ich Ihnen! Ich werde mir das nicht mehr nehmen lassen. Es soll mich niemand mehr vor einem Gewinn behüten, der wertvoll ist.“

Die kleine Baroness, als möchte sie der glücklichen Stimmung ihrer Herrin neue Nahrung reichen, fragte erregt: „Jetzt gleich die Frühlingssonate, Hoheit?“ In zappelnder Eile tauschte sie die Notenblätter.

„Langsam, liebes Fräulein!“, lachte Ambros. „Mozart ist keine Sache, die man mühelos aus dem Ärmel schüttelt. Wie an Herz und Seele, macht er auch Ansprüche an Hand und Arm. Da muss man sich schön ausruhen. Soll ich inzwischen etwas spielen, Frau Herzogin?“

Schweigend nickte sie, mit dankbarer Freude in den Augen, und nahm die Violine vom Deckel des Klaviers, als hätte sie Sorge, dass ein Mitklirren des Geigenholzes den Klang des Flügels schädigen könnte. Diese paar Sekunden benützte die kleine Zieblingen, um in Sorge zu flüstern: „Ich bitte, Herr Lutz, nur jetzt keinen schweren, gefährlichen Beethoven!“

Er schüttelte den Kopf, lachte ihr belustigt in das sorgenvolle Gesicht und ließ die Hände über die Tasten wirbeln zu einer stürmenden Kadenz, die von der Tonart des Mozartschen Konzertes überleitete in ein Thema des Stückes, das er spielen wollte. Doch er hielt wieder inne und sah die Herzogin an.

„Ich bin nicht müde“, sagte sie lebhaft, „aber es ist doch gut, dass ich eine Pause mache. In mir beginnt sich eine gefährliche Eigenschaft zu regen.“ Sie lachte. „Die Ungenügsamkeit.“

„Im Genuss des Schönen? Das ist keine Eigenschaft, die man bekämpfen muss.“

„Vielleicht doch!“ In ihrer Freude überschattete ein wunderliches Sinnen den Glanz der Augen. Das ging vorüber wie ein huschender Wolkenschatten. Wieder lächelnd, sagte sie: „Ich werde doch auch belohnt. Sie werden uns wieder etwas restlos Gutes schenken. Dann müssen wir auch Ihnen Zeit vergönnen, um aufzuatmen nach der vielen Mühe, die Sie mir widmen. Darf ich dann bitten, eine Tasse Tee mit uns zu nehmen – wenn es Ihre Zeit gestattet, dass Sie länger bleiben als das letzte Mal?“

„Gerne!“, sagte Ambros. „Meine Zeit kommt nicht in Frage. Nur Ihr Wunsch, Frau Herzogin.“

Im Gesicht der kleinen Zieblingen spielten Schreck und Verlegenheit. „Eigentlich war das nicht vorgesehen. Aber wenn Hoheit befehlen, ich werde sofort –“ Im Zustand einiger Verstörtheit huschte das schiefe Persönchen auf die Tür zu.

Da rief die Herzogin: „Nicht im Zimmer, liebe Hanna! Ich fühle mich so wohl, wie seit Jahren nicht. Der schöne Abend wird nicht kühl. Sie können den Teetisch ohne Sorge auf der Veranda decken lassen. Lange bleiben wir auch nicht draußen. Wir wollen noch musizieren.“

Die Hofdame wagte keine Erwiderung und glitt zur Tür hinaus.

Ambros, sich vorbeugend, presste die Hand an seine Stirn, als müsste er seine Gedanken sammeln. Dann begann er.

Wie verträumter Harfenklang fing eine lieblich verzierte Melodie zu singen an. Die Akkorde wuchsen und bewegten sich rascher. Das war wie Sonnengewoge, wie sachtes Wipfelrauschen, wie das Lichtgezitter auf einem See, dessen klare Fluten sich kräuseln im Spiel des Windes. Auf diesem Rauschen und Glänzen wiegte sich sorglos eine zärtliche Weise, das Lied eines frohen und reinen Glückes.

„Wie schön!“, sagte die Herzogin, als die kleine Zieblingen wieder eintrat. „Und wie viel ich sehe! Jeder Klang verwandelt sich in ein Bild.“

Die wogenden Klänge wuchsen in freudiger Kraft. Und Ambros fragte wie ein Träumender: „Was sehen Sie, Frau Herzogin?“

„Eine Frühlingslandschaft. Und eine Stadt ist da. Die sieht wie eine Festung aus. Hohe, dicke Mauern. Wie ein Gefängnis. Diese Stunde erlöst die Gefangenen. Ein großes Tor ist da. Durchsichtig wie Glas. Ohne dass dieses Tor sich öffnet, kommen viele Menschen heraus. Alle in neuen Kleidern. Keiner hat einen Schmerz in den Augen. Alle sind glücklich. Da sind alte Leute, die wie Kinder lachen. Und junge Menschen binden Kränze. Sie singen. An den Füßen haben sie keine Schuhe. Sie brauchen keine. Ihr Gang ist wie ein Schweben gegen die blühenden Wälder hin. Alles blüht. Und die Menschen sind froh und fromm in dieser reinen Frühlingssonne.“

Unter den heiter wogenden Klängen sagte Ambros: „Was Sie sehen, Frau Herzogin, ist wie der Ostertag.“

Sie schien die Bedeutung dieses Wortes nicht zu erfassen.

„Das kennen Sie doch! Dieses Herrliche und einzig Schöne:

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück.’“

Heißes Erröten glitt über die Wangen der Herzogin. Hilfe suchend irrten ihre Augen. Die Hand der kleinen Hofdame umklammernd, flüsterte sie: „Von wem sind die schönen Verse?“

Baroness Zieblingen lispelte unsicher: „Ich vermute – von Schiller –“

„Mit Bestimmtheit können Sie es auch nicht sagen?“

„Nein, Hoheit!“

„So erzieht man uns. Ich will das nachholen. Alles, wovor man mich behütete.“

Die heiteren Klänge fluteten. Und Ambros sprach die faustischen Verse:

„Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen.
Aus dem hohlen, finsteren Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn.
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürd'ger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.“

Als er verstummte, wogte das fröhliche Tönen mit gesteigertem Jubel durch die den Saal umschleiernde Dämmerung.

Während der letzte Akkord noch in den Saiten nachzitterte, segelte die kleine Hofdame unter einem Paroxismus von Applaus auf den Flügel zu. Halb kam das aus ehrlicher Begeisterung, halb aus dem Wunsche, zu verhindern, dass von dem Dichter der zitierten Verse gesprochen würde. Nach einem Gewirbel von lobenden Worten zwitscherte sie: „Ich glaube auch zu erraten, von wem das ist, was Sie da so wundervoll gespielt haben. Etwas so sieghaft Heiteres kann von keinem anderen sein als von Johann Strauß!“

Ambros lachte. „Da haben Sie schön daneben gegriffen! Was ich da gespielt habe, war auch von diesem schweren, gefährlichen Beethoven.“

„Nein?“, stammelte die schiefe Baroness perplex, während ein feines Lachen aus einer Ecke klang.

„Ja, Fräulein! Das waren Motive aus seiner zweiten Cellosonate, die ich rasend liebe.“ Ambros schien mit der Verlegenheit der kleinen Hofdame Erbarmen zu fühlen. „So allgemein bekannt ist ja die Sonate nicht. Da darf man sich schon ein bisschen irren. Sie haben auch auf keinen Schlechten geraten. Strauß ist geradeso gut ein Klassiker wie Beethoven und Mozart, einer, der aus der Eigenart seines künstlerischen Wesens heraus das restlos Gute schuf. Ja, passen Sie mal auf, liebes Fräulein, ob das nicht klassische Musik ist? Ein Gipfel aller Lebensfreude!“ Mit hinreißender Kraft und blutvollem Temperament intonierte Ambros in der Bassstimme das Estamtam des wienerischen Walzertaktes. Schon dieses energische Tongedröhn der Begleitung elektrisierte die kleine Baroness und verleitete sie zu äußerst unhofdämlichen Schaukelbewegungen. Dann setzte ein stürmisch jagendes Klingen ein, als begännen hundert frohe Quellen zu sprudeln, und als wären hundert heiter tollende Geister ausgeflogen, um ihren Reigen durch die blaue Dämmerung des Saales zu schlingen. Ambros selbst wurde fortgerissen durch den überschäumenden Frohsinn dieser Musik. Was an suchenden Träumen, an Glück und Freude in ihm glänzte, schüttete er lachend hinein in diesen rauschenden Tanz, in dieses Meisterlied der Lebenslust.

Die kleine Baroness war wie behext und kicherte mit dem Ton eines beschwipsten Kindes: „Das ist ja –“ Bei dem marionettenhaften Gezappel, von dem ihr Körperchen befallen war, musste sie erst Atem schöpfen, um dieses Zauberwort herauszubringen: „Fledermaus! Fledermaus!“

Da flog ihr aus der Dämmerung des Saales etwas entgegen wie eine rote, wehende Flamme. „Hanna! Da muss man tanzen!“ Lachend umfasste die Herzogin das schiefe Figürchen und begann es im Kreis zu drehen. Ein ungleiches Paar! Glückliche Freude, die fliegen möchte und sich behindert fühlt durch ein stolperndes Häuflein mühsam atmenden Lebens! Nach einer halben Runde gab die Herzogin das Experiment wieder auf. „Ach, Hannchen, Sie können aber auch gar nichts, was lustig ist! Nicht einmal ein bisschen tanzen!“

Baroness Zieblingen, aus ihren seligen Himmeln gestürzt und mit Tränen in den Augen, versuchte Luft zu kriegen. „Ich will es lernen, Hoheit zuliebe! Kesselschmitt soll ein guter Tänzer sein. Er muss mich unterrichten.“

Ein silbernes Lachen. „So lange, bis Kesselschmitt Ihnen den Walzer beibrachte, kann ich nicht warten.“ Die Arme auseinanderbreitend, begann das junge, zu frohem Leben erwachte Weib im Takt der berauschenden Klänge durch den Saal zu kreisen, von den schwingenden Falten des roten Kleides umflossen wie von einer schwebenden Glut.

Durch die offenen Fenster quoll das freudige Rauschen hinaus in den matt leuchtenden Abend, so stark und leidenschaftlich, dass man das Geplätscher der beiden Fontänen nicht mehr hörte. Das Steigen und Fallen ihrer grauen Wasser schien den Rhythmen dieser jubelnden Musik zu folgen. Auch der alte, weißhaarige Lakai, der auf der Veranda den Teetisch gedeckt hatte und die Windlichter anzündete, wiegte sich in den Hüften. Herr Kesselschmitt aber, obwohl er bei der kleinen Zieblingen den Ruf eines hervorragenden Tänzers genoss, stand in der schwarzen Haushofmeistergala so unbeweglich, als hätte er einen eisernen Ladstock in die Seele geschluckt. Mit dem Ausdruck tiefster Empörung blähte er die Nasenflügel auf. Und als die Musik in dem ernsten Hause immer übermütiger jubelte:

„Brüderlein,
Brüderlein und Schwesterlein –“

Da drehte Herr Kesselschmitt das missvergnügte Gesicht. „Franz? was sagen Sie?“

Der alte Lakai machte schmunzelnd eine Bewegung, die stumm erwiderte: „Was soll man da sagen?“

„Ich muss gestehen: Das ist stark! Hier ist die Grenze überschritten, wo meine Pflicht zu beginnen hat – wenn diese Zieblingen schon nicht mehr zu wissen scheint, in welchen Körperteil der liebe Gott ihr den Verstand pflanzte.“

Misstrauisch guckte der alte Lakai an dem erhabenen Herrn hinauf und sagte mit dem Dialekt des Franken: „Kesselschmittche! Spiele Se nur nich widder den hochferschtliche Wauwau! Vergenne Se dem kleine Frauche das bisselche Vergnieche! Se kann's brauche.“

Indigniert drehte Herr Kesselschmitt dieser gutmütigen Lebensweisheit den Rücken. Ein Laut, der von irgendwo gekommen war und wie spottendes Kichern geklungen hatte, machte ihn über die Schulter blicken. „Was gibt es hier zu lachen?“

„Haw ich denn gelacht? Ach wo! Es isch mir doch im Traum nich eingefalle, dass ich lach! Awer gucke Se, Kesselschmittche, da drauße vor'm Tor, da steht e Wägelche. Es scheint wer zu komme.“

„Bei uns wird niemand erwartet. Doch es dürfte nicht mehr lange dauern, dann wird jemand kommen.“

Dieses dunkle Orakel schien für den alten Lakaien eine klare Sache zu sein. „Kesselschmittche! Oh, oh, oh!“

„Ich halte mich an meine Direktiven.“ Mit diesem würdevollen Worte verschwand Herr Kesselschmitt im Hause.

Nach einer Weile wurde die heiter stürmende Musik, die aus der Villa tönte, plötzlich abgebrochen.

Und die verstaubte Landkutsche, die vor dem Parktor auf der Straße gehalten hatte, fuhr im Zwielicht des Abends davon, in der Richtung gegen die Große Not.

Der kühle Bergwind erfüllte das Tal mit dem Harzduft der blühenden Fichtenwälder. Dieser Duft hatte nicht mehr das Herbe, wie in den letzten Tagen. Es war etwas Süßes an ihm, etwas betäubend Schweres.

Nun kam die Nacht. Ihre Sterne waren klein und klar – Sterne, die schön Wetter für lange Dauer verkündeten.

Hier und dort ein winziges Licht im Tal, die Lampenhelle eines Fensters.

Am Haus der Wildacherin waren alle Scheiben erleuchtet. Von beiden Giebelfenstern strahlte Licht in die Nacht hinaus. Und Sully, den man irgendwo eingesperrt hatte, bellte einen erbitterten Monolog.

Manchmal verdunkelte sich der Flur. Da ging die Wildacherin geschäftig hin und her. Und Beda, die am Zauntor stand, beugte sich über die Staketen hinaus, um die finstere Straße entlang zu spähen.

Endlich, als die Kirchturmuhr schon Zehn geschlagen hatte, ließ sich auf der Straße ein Schritt vernehmen. „No, wenigstens einer amal!“

Im Näherkommen trällerte Ambros die Walzerweise aus der ‚Fledermaus’:

„Brüderlein,
Brüderlein und Schwesterlein!“

Beda sagte: „Gottlob, dass d' endlich heimkommst! Schau nur gleich auffi ins Stübl! Es is wer da für dich!“

„Der Toni?“

„Ah na! Der schaut a bissl anders aus.“

„Wer soll denn da sein?“

„Ich verrat's net, schau halt auffi!“

„Jesus!“, stammelte Ambros, von einer Ahnung befallen, und rannte gegen das Haus. Im Flur sah er die Wildacherin stehen, die ihm lachend zunickte. Und droben über der Stiege sah er die Helle einer offenen Tür, sah einen Schatten gleiten. „Mutter!“ Er raste die Treppe hinauf. Lachend riss er die schlanke Frau an seine Brust und bedeckte ihr Haar mit Küssen. Zitternd, die Lider geschlossen, überließ sich Frau Lutz dieser stürmischen Zärtlichkeit. Sie fühlte: In dieser Zärtlichkeit ist Glut, die unbewusst einer anderen gehört. Welch einer anderen? Auch das wusste sie schon. In der Stunde, in der sie mit Beda allein geblieben, hatte sie mehr erfragt, als sie zu hören brauchte, um klar zu sehen.

Weil die Mutter so unbeweglich blieb, hob Ambros die leichte Last auf seine Arme, trat in die weiße, helle Stube, ließ sich auf einen Sessel fallen und nahm die Mutter auf den Schoß. „Du! Du! Grad heute, wo alles so schön war! Jetzt hab ich alles. Wie kommst du denn so dahergeschneit, ohne Brief, ohne Nachricht?“

Sie hielt das Gesicht an seine Schulter gepresst. „Zum Schreiben war keine Zeit mehr. Ich hab mich so rasch entschlossen. Die acht Tage hätt ich nimmer ausgehalten! Und diese drückende Hitze in der Stadt –“

Ambros hob den Kopf. „Mutter, verschweigst du mir was?“

Da schlang sie die Arme um seinen Hals. „Es hat mich zu dir getrieben. Und ich danke dir. Wie nett und gemütlich hast du alles für mich gerichtet. Ein Glück, dass ich da bin! Jetzt ist alles leichter. Die Einsamkeit in der Stadt war grauenvoll.“

Er wiegte sie an seinem Herzen. „Jetzt sollst du aufatmen in dieser Schönheit und Bergfrische! In der Heimat, weißt du! Und sollst dich behaglich fühlen, froh und glücklich sein. Gelt, ja?“

Sie sah ihn angstvoll an. „Wenn du glücklich und froh bist, dann bin ich es auch.“

Auf ihre Worte hörte er nicht – so erschrocken war er beim Anblick ihres gealterten, von Schmerz durchwühlten Gesichtes. „Mutter! Was ist denn mit dir? Bist du krank gewesen?“

Sie schüttelte den Kopf und löste sich aus seinen Armen.

„Oder hat dir das so schwer ins Herz gegriffen: Diese Fahrt ins Tal herein? Der Blick auf unser Haus? Alles Erinnern?“

Wieder schüttelte sie den Kopf. Dennoch hatte alles Vergangene hart an ihrer Seele gerissen. Aber stärker war die Pein der Gegenwart, die Sorge um den Sohn, die Furcht vor der Gefahr, von der sie ihn bedroht fühlte – eine Gefahr, die sie während der schlaflosen Nächte in der Stadt nicht so bang empfunden hatte wie in den paar Minuten, als ihr Wagen vor dem Parktor stand und jene jubelnden Klänge durch die Dämmerung hertönten bis zu ihrem zitternden Herzen.

Weil sie noch immer schwieg, fasste Ambros ihre Hände. „So sag mir doch, was du hast!“

„Angst um dich.“

Erst blieb er stumm. Dann konnte er lachen. „Ach, geh, du Starke, du! Und plötzlich so ein Hasenfuß? Angst? Warum denn? Hat dir irgendein klatschfideler Schubbiack was Dummes und Unwahres über meine Arbeit zugetragen? Na ja, es gibt da kleine Verdrießlichkeiten. Aber man schlägt sich durch. Was Gutes und Rechtes leidet durch Torheit und Unverstand auf die Dauer keinen Schaden.“

Statt die Mutter zu beruhigen, hatte er eine neue Sorge auf ihr Herz geladen. Sie stammelte mit zerdrückter Stimme: „Eine Gefahr? Auch für deine Arbeit?“

„Nein, Mutter! Sieht man es ruhig an, so muss man lachen drüber. Nur so ein sinnloser Bauernzank, eine verrückte Lebenskirchweih mit Schnaderhüpfelgeplärr zwischen den Einheimischen und den Italienern.“ Ein schwüler Atemzug. „Freilich, zwischen diese Narretei hat sich auch eine Tragödie hinein geschoben. Der arme Nino!“

„Nino? Wer ist das?“

„Frag nicht! Die Geschichte taugt nicht für die schöne Stunde, in der wir beide uns wieder haben. Das hat auch mit meiner Arbeit nichts zu schaffen. Eine menschliche Sache! Waldrausch in einem Herzen, das so töricht war, über eine verständige Grenze hinaus zu blühen. Töricht? Nein! Vielleicht war das Herz des Nino Pallozzi klüger, als tausend andere sind mit nüchternem Blut und leerer Seele.“

„Kind?“

„Wirklich, Mutter, das hat nichts mit meiner Arbeit zu tun. Und das andere? Das wird sich schon wieder geben. Jetzt hab ich doch auch den Toni als Vorarbeiter für die Einheimischen. Ein Mensch wie ein gesunder, starker Baum. Der hilft mir. Auch das schöne Wetter hat vorwärts geholfen. Wir sind schon so weit, wie wir nach meiner Rechnung erst Ende Juni sein sollten. Wenn das gute Wetter noch zwei Wochen anhält – ein paar kleine Gewitter schaden nicht viel –, dann sind wir mit der Sperrmauer in der Höhe und können die Schleusen einsetzen. Vierzehn Tage braucht der Betonguss, um zu trocknen. Dann wird die Klappe zugemacht, und dieser tausendjährigen Gefahr für das liebe, schöne Tal ist für immer ein Riegel vorgeschoben. Die Regulierung des offenen Kiesbettes ist eine leichte Arbeit von sechs Wochen. Und wir sind mit dem ganzen Werk um einen Monat früher fertig, als wir gerechnet haben. Mutterl, dann sollst du dir's wohlsein lassen!“

Seine frohe Zuversicht blieb nicht ohne Wirkung auf die Mutter. Sie konnte aufatmen, wenigstens bei dem Gedanken an die äußere Zukunft, die ihrem Sohn gewonnen war. „Wenn ihr um einen Monat früher fertig seid, das ist doch auch eine große Ersparung? Nicht? Da musst du doch auch deinen Anteil am Ersparten haben?“

Er schien nicht sofort zu erfassen, was sie meinte. Dann lächelte er. „Ach, du kluges Sparhäfelchen! Ja! Gewiss! Ich selber hab da noch gar nicht dran gedacht. Bürgerlicher Nutzen? Die Hauptsache bleibt die Arbeit. Die wird gelingen! So stark und froh wie heut ist die Zuversicht noch nie in mir gewesen. Barometer und Wetterprognose sind glänzend. Und diese Sterne heut! Guck doch mal zum Fenster hinaus, was für Sterne das sind! Während ich heimging durch die duftschwere Nacht, haben die festen Sterne immer das eine Wort zu mir heruntergeleuchtet: ‚Schöne Zeit!’ Und morgen, wenn du dich ausgeruht hast, dann musst du zu mir hinauskommen. Dann zeig ich dir alles. Das wird dir Freude machen. Dieses treibende, dröhnende Arbeitsleben mitten im feuerfarbenen Schönheitsrausche der Natur, das ist etwas Wundervolles. So wie heuer hast du diese rote Blütenfreude noch nie gesehen!“

Sie nickte schweigend.

„Der Toni meint, dass der Wald das mit jahrelangem Rückschlag büßen müsste. Ich kann's nicht glauben. Sonst müsste man erschrecken vor jeder machtvoll quellenden Freude in Natur und Leben. Nein! Alles Schöne ist immer nur Vorspiel zu noch höherer Schönheit. Das ist so wahr, wie dass die Sterne nicht erlöschen können in einer solchen Nacht des brennenden Erwartens!“

Etwas Kaltbleiches und Wesenloses griff durch das offene Fenster herein und legte sich wie eine zwanzigfach gefingerte Hand über die blühenden Waldrauschzweige, über die Nelken- und Geranienstöcke. Der Mondschein. Er brachte Licht. Dennoch erloschen unter ihm die Farben.

„Kind! Viel hast du mir erzählt. Das eine, auf das ich warte, verschweigst du. Warum?“

Seine strahlenden Augen hielten den Blick der Mutter ruhig aus. „Ich weiß, was du meinst. Du hast recht, das hätte von allem, was zu erzählen war, das erste sein müssen. Wie merkwürdig das ist! Eine tiefe, schöne, reine Freude! Und da findet man kein Wort! Das war nicht absichtlich, Mutter! Dir hab ich doch immer alles sagen können.“

„Früher, ja.“

Sinnend schwieg er eine Weile. „Weißt du, Mutter, es geht da mit wertvoller Musik noch etwas schön Menschliches Hand in Hand.“ Seine Stimme wurde leis. „Ich glaube, dass ich hier auch ein gutes Werk geschaffen habe. Diese junge Frau war viele Jahre leidend und hatte eine traurige Kindheit, ein unfrohes Leben. Denk nur, Mutter, eine so hochgestellte Dame! Und leidet wie ein armes Teufelchen ganz da unten. Wir bürgerlichen Schafe glauben immer: Da droben wäre alles Glanz und Glorie. Nicht tauschen! Die Glücklichen sind wir. In unserer Freiheit, auf unseren graden, offenen Wegen, mit allem Lebenswert, vor dem uns keine betresste Direktive behütet. Ich sage dir, Mutter, das Schicksal dieser jungen, reinen Frau –“ Die Stimme versagte ihm. „Ich habe da manches erfahren. Das darf ich dir nicht sagen. Und was ich dazu noch ahne? Das ist etwas Entsetzliches. Daran darf ich gar nicht denken. Sonst hat es mir nur immer so wunderlich weh getan. Heut schlägt es mich mit Fäusten ins Gesicht.“ Den Kopf zwischen die Hände pressend, rannte er durch die kleine Stube, rings um den Tisch herum, auf dem die Lampe stand.

Frau Lutz rührte sich nicht von der Stelle. Sie fragte zögernd, in schmerzlicher Unbehilflichkeit: „Ist diese Frau so schön?“

Wie ein Erwachender sah er die Mutter an. „Schön? Eigentlich denk ich doch an so was gar nicht. Aber ja, Mutter, sie ist schön. Ich glaube, dass ich noch nie eine schönere Frau gesehen habe. Wenn man ihr in die Augen sieht, könnte man für diese Frau alles tun, was menschenmöglich ist. Ich kann dir nicht sagen, wie schwermütig und unfroh diese Augen ins Leben schauten. Und wie diese Augen jetzt leuchten und lachen können! Weil ihrem Leben eine schöne und reine Freude erschlossen ist: Das Verständnis für gute Musik.“ Er nahm ihre Hand. „Jetzt setzen wir uns da zusammen. Und während ich deine Hand in der meinen halte, erzähl ich dir alles.“

Er wollte sie zu dem bäuerlichen Ledersofa ziehen, neben dem Fenster. Frau Lutz befreite stumm ihre Hand, ging auf den Tisch zu und schraubte die Lampenflamme klein herunter. „Ich glaube, die Lampe riecht!“, sagte sie mit umflorter Stimme. „Es ist in der Stube ein so schwerer Dunst.“

„Das macht die Lampe nicht. Das kommt vom Wald herüber, der so schwer nach aller Reife seiner Blüte duftet.“

Nun saßen sie nebeneinander, Ambros die Hand der Mutter umklammernd. Mit leisen, raschen Worten fing er zu erzählen an. Alles erzählte er, wie es war. Dennoch wurde alles ein anderes als die Wirklichkeit. Schon das Beben seiner Stimme gab jedem Laut den Schleier eines Geheimnisses. Und alle Farben des Frühlings redeten mit, das Rauschen der Wildach, das Dröhnen der großen Mine, die feuerschöne Trunkenheit des liebenden Waldes, alles Rätselweben der Natur, die wunderlichen Lieder des Waldrauschers und das Klingen hoher Kunst. „Und heut! Diese Stunde unter freiem Himmel, beim letzten Licht des Abends, unter den aufblitzenden Sternen! Wie froh sie da war! Wie sie gar nicht satt wurde, von meinem Leben zu hören, von meiner Kindheit, vom Vater und von dir! Haben dir die Ohren nicht geklungen? Und während ich von dir erzählte, hatte sie Tränen in den Augen. Und fragte plötzlich: ‚Gibt es denn solche Mütter?’“

Ein heißer Tropfen rollte ihm über die Hand, die auf dem Schoße seiner Mutter lag. Er fühlte das nicht.

„Die gute Zieblingen gab mir gleich einen Wink, ich möchte da mit barmherziger Vorsicht drüber wegkommen. Und weil ich im ersten Moment nicht wusste, was sich sagen sollte und beim Suchen nach einem glücklichen Wort hinaufsah zu den Sternen, fing ich von den brennenden Wundern da droben zu sprechen an, von den Ewigkeitsgesetzen, von dem schöpferischen Frühlingswillen, der in jedem Stern, wie in jeder mütterlichen Blüte wohnt, in jedem quellenden Gefühl, im roten Rausch des Waldes wie in aller Freude eines Menschenherzens.“

Ambros lächelte vor sich hin.

„Für die kleine Hofdame schien diese Wendung des Gesprächs die Traufe nach dem Regen zu sein. Auch die Frau Herzogin sah mich zuerst erschrocken an. Weißt du, ihre Weltkenntnis reicht nicht weit über den kleinen Katechismus ad usum Delphini hinaus. Das ist nicht ihre Schuld. In dem zarten Körper wohnt eine große Seele, die nur das Fliegen nicht lernen konnte, weil man sie von Kindheit auf mit dicken Mauern umkerkert hatte. Während ich sprach, regte dieses sehnsüchtige Herz nach dem ersten Erschrecken scheu die reinen Schwingen empor zu allem Glanz der Ewigkeit. Ach, Mutter, wie schön ist das gewesen! Da kam der kühle Bergwind. Die besorgte Zieblingen bestand darauf, dass die Frau Herzogin ins Zimmer müsste. Unter der Lampe spielten wir die Frühlingssonate. Und da erwachte in ihrer Geige ein Klang, wie ich ihn noch nie gehört hatte. Das kleine Baronesserl war ganz verdreht vor Begeisterung. Aber die Herzogin, die in ihrem feuerschönen Kleid wie eine selige Erscheinung im Kreis des Lichtes stand, sagte in einem Ton, den ich nicht schildern kann: ‚Nicht loben! Das war nicht Musik. Ich habe gebetet. Zu Gott. Der gütiger und schöner ist, als ich ihn jemals sehen durfte.’ Dann reichte sie mir die Hand. Sie sprach kein Wort, als ich ging. Doch ihre Augen, diese frohen, glücklichen Augen waren bei mir auf dem ganzen Heimweg.“

Ambros verstummte. In dem Schweigen klang fernher das Rauschen der Wildach.

Der Mondschein war durch das Fenster hereingeschlichen und zeichnete die Schatten der Blumenstöcke als wunderliche Graugestalten auf das weiß bedeckte Bett und auf die Wand.

„Mutter? Warum weinst du?“

„Weil ich fühle, dass du leiden wirst.“

„Leiden?“

Sie umklammerte seine Hände. „Wie soll das weitergehen?“

„Weiter?“ Er wollte lachen wie zu einen Scherz. Der Laut erstarb ihm in der Kehle. Jäh seine Hände befreiend, machte er eine Bewegung, wie um aufzuspringen. Die Mutter hielt ihn fest. Da beugte er sich weg von ihr und presste seine Fäuste auf die Augen.

Eine stumme Weile verging. „Lass dir raten von deiner Mutter! Diese Frau darfst du nicht mehr sehen.“

„Das hieße aus meinem Leben hinaus stoßen, was heilig und rein ist.“

„Reinheit? Ach, Kind! Wenn Jugend liebt, ist Reinheit nur eine Blume auf dem Weg zum Glück, dem die Sinne entgegen rennen. Und wenn diese Frau deine Liebe erwidert –“

„Nein, nein, nein!“

„Sie liebt dich, Bros! Legt dir das nicht eine Verpflichtung auf? Gegen diese Frau? Denkst du nicht an ihre Stellung im Leben? An ihre Kinder? An ihren Mann?“

„Mutter! Quäle mich nicht!“

„Das muss ich dir sagen. Auf eine Mahnung, die dich an dein eigenes Leben denken heißt, würdest du jetzt nicht hören. Das kann ich dir nachfühlen, Bros! Tief und schön ist diese Liebe in dir. Drum spreche ich nur von dieser Frau, der deine Liebe nur Gutes wünschen muss. Ob sie ohne schweren Sturm noch überwinden kann, was in ihr aufglühte, das weiß ich nicht. Gibst du ihrem Gefühl noch Nahrung durch deine Nähe, dann bleiben dieser Frau nur zwei Wege, Bros: Unglücklich zu werden oder schlecht.“

Er sprang auf, wie von einem Peitschenhieb getroffen. Sein Gesicht war in Pein verzerrt. „Das hättest du nicht sagen dürfen!“

Sie wollte erschrocken seine Hände fassen.

„Lass mich! Wir können da nicht mehr weiterreden. Jetzt muss ich allein sein.“ Er taumelte zur Tür hin. Wortlos machte Frau Lutz eine Bewegung, wie um ihn zurückzuhalten. Die Hände fielen ihr schlaff hinunter, die Kraft ihrer Glieder versagte, und so blieb sie zitternd stehen, während sich hinter Ambros die Tür schloss.

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