Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Waldrausch

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      Ludwig Ganghofer
         Waldrausch
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Kapitel 4

Mit kummervollem Sterngesicht hatte die unterländische Wittib im stillen Lahneggerhof erfahren, dass der gute Freund, den sie suchte, seit dem vergangenen Abend über Land wäre und vor Nacht nicht heimkäme.

Als die Bäuerin im Gasthaus „Zum goldenen Posthörn“ die von Qualm und Lärm erfüllte Wirtsstube betrat, zuckte ihr ein zärtlicher Schreck durch die mollige Gegend ihres verliebten Herzens. „Jesses“, stammelte sie, „da hockt er ja!“ Freilich merkte sie gleich die Täuschung. Der Toni hatte keine Dulle im Nasenbein und pflegte auch nicht so fürchterlich zu schreien wie der andere da, den man bei trüber Beleuchtung immerhin für einen Moment mit dem Toni verwechseln konnte. Das war doch auch schon einer Klügeren passiert als der Wittib von Zipfertshausen, die auf den Krispin zusegelte: „Du? Bist ebba der Bruder vom Sagenbacher-Toni?“

Wie der Jünglingsbauer zuvor das Maul aufgerissen hatte, so riss er jetzt die Augen auf. „Sakra! Und du bist ebba d’ Wittib, was?“ Mit diesem Staunen hatte im Geist des Krispin eine Reihe von Gedanken begonnen, die in den Brotneid ausklangen: „Himi Bluatsa! Hat der a Glück!“ Noch wusste er nicht klar, wohin ihn die Welle des Augenblicks trieb. Für alle Fälle empfand er die Notwendigkeit, mit der hübschen Wittib allein zu sein, draußen im versteckten Gartensalettl. „Da herinn hat’s an schiechn Dampf. Der kunnt deim rosafarbigen Häutl ebba schaden.“ Er bestellte ’ein Flaschl Süßen’, einer Gewohnheit folgend, mit der er neue Abenteuer einzuleiten pflegte. Und weil er den Appetit zu taxieren wusste, den eine weite Reise erweckt, bestellte er ein Gansjung, einen Rindsbraten und eine Portion Schweinernes mit Kraut. Um den Toni aus dem Gesichtskreis der Beda hinauszudrücken, dafür konnte der Jünglingsbauer vom Lahneggerhofe was spendieren. Erst bestaunte er noch die hübsche Kutsche und machte den beiden Unterländer Pferden einen Besuch im Stall. „Teifi, a paar noble Ross!“

„Meine vier andern täten dir gradso gfallen.“ Um ihren Besitz herauszustreichen, machte sie einen grausamen Vergleich: „Dein Anwesen is klein beinand. Dös kunnt man zehnmal einistelln ins meinige. Und alles lass ich dem Toni verschreiben, wann er Ja sagt. Da kann er sich Ross halten, soviel er mag. Und jagen kann er und auf die Scheibenschießen umanandfahren, und alles kann er sich vergunnen. Wann er bloß a bissl gut is mit mir!“

Krispin blieb nachdenklich, während er den Weg zum einsamen Gartensalettl einschlug. In seiner befruchteten Phantasie begann sich ein Luftschloss zu formen. Er ließ sich den Hof im Unterland verschreiben, verkaufte das fremde Gut da draußen und ließ den Lahneggerhof neu aufbauen, zweistöckig, mit zwanzig Fenstern in der Front. An Wiesen und Äckern kaufte er dazu, was zu erkrapsen war, und dann ging er als der schwerste Mann des ganzen Tales zur Gemeindeversammlung, in der die kleinen Leute schweigen mussten, wenn der reiche Lahnegger anhub: „Jetzt ich denk mir –“ Diese schönen Geschäfte ordnete der Jünglingsbauer in zehn stummen Sekunden. Dann dachte er an die Beda, und da fiel die ganze Herrlichkeit in Scherben. Nach dieser Katastrophe blieb dem Krispin nichts anderes als ein heimlicher Fluch und ein quälender Schauer in seinem Blut.

Im Salettl hatte die Kellnerin den kleinen Tisch gedeckt; das Gansjung dampfte, und in den beiden Gläsern funkelte der Süße wie ein zweifelhafter Edelstein von bräunlicher Farbe. Die Wittib stieß mit dem Krispin an und begann zu schmausen.

„Wie tust denn heißen, Bäuerin?“

„Barbara.“

Dem Krispin kehrte die gute Laune zurück. „So musst heißen! Du musst an Namen haben mit lauter A! Zu dir tät a Namen mit lauter I net passen.“

„Warum denn net? Ich kunnt grad so gut Zillifritzl heißen!“

„So ebbes Spitzigs? Na!“ Der Jünglingsbauer rückte näher. „Was dein ghört, muss alles schön rund sein.“ Diese Meinung unterstützte er durch wohlwollendes Getätschel.

Der Wittib kam ein Gedanke. „Du? Is dös wahr, dass d’ net gut harmanieren tust mit’m Toni?“

Krispin machte die Augen klein. „Hat’s ebba der Toni verzählt?“

„Na! Von so ebbes redt der Toni net. Dös haben mir d’ Leut verzählt: Dass d’ ihn allweil soviel plagen tust, mein’ Toni.“

„Barberl! D’ Leut sind ebbes Grauslichs. Wo was Schöns is auf der Welt, machen s’ allweil gleich ebbes Dreckets draus. Zwei Brüder, wie der Toni und ich, kann’s nimmer geben! Soviel gern hab ich mein’ Brudern! Und alles vergunn ich ihm. Dein’ nobligen Hof, die sechs Ross und so ebbes Musprigs, wie du bist! Alles!“ Was er unter ‘allem’ verstand, verrieten seine tätschelnden Hände noch deutlicher als seine schmalzfreundlichen Worte. Die Wittib schien gar nicht zu merken, wie zärtlich sie behandelt wurde. Ihr molliges Herz schmolz in Vertrauen hin, weil sie gut von ihrem Toni reden hörte. Mit dem Gansjung war sie fertig. Während sie den Rindsbraten und die geschnittenen Nudeln verschluckte, strahlte ihr Gesicht noch vor Glückseligkeit. Doch je mehr der Krispin den Toni lobte, um so mehr verwandelte sich die Herzensfreude der linden Barbara von Zipfertshausen in beklommene Schwermut. Und plötzlich fing sie kummervoll zu heulen an: „Wann der Toni gar so an Ausbund von Mannsbild is, da hat ihn der Herrgott für mich so hoch in d’ Höh gruckt, dass ich gar nimmer auffi glang!“

Krispin legte tröstend den Arm um die Wittib, wo sie am rundesten war. „Verzagen braucht der Mensch allweil net.“

Barbaras Tränen kugelten reichlich. „Soviel hab ich ihm allweil zugsetzt. Aber nie hat er an anders Wörtl für mich ghabt, als: Lass mir mei’ Ruh, du! Go, go, go –“ Der Bock des Schluchzens stieß dem guten Geschöpf aus dem Unterland fast die Seele ab, „go, gooor net a bissl mag er mich.“ Hilflos gab sie dem Arm des Krispin nach, schmiegte sich an sein treues Bruderherz und weinte ihre dicken Tränen auf die gestickten Hosenträger. „Soviel plo, plo, ploogen tut’s mich – d’ Lieb!“

Krispin studierte: „Wie gscheit kunnt der Mensch seine Sachen einrichten auf der Welt, wann ihm ’s rauschige Blut net allweil an Prügel in Verstand eini schmeißt.“ Als er diese tiefe Erkenntnis aussprach, fing in ihm das Bild der Beda zu verblassen an. Die großbäuerlichen Luftschlösser stiegen wieder auf. Und aus dem seidenen Brusttüchl der molligen Barbara duftete etwas animalisch Liebliches zu ihm empor. Freilich, ganz vertrieb der neue Appetit den alten Hunger nicht; aber sie flossen in eins zusammen, ohne in Krispins vielseitiger Persönlichkeit einen Konflikt zu verursachen. Im Seelenbilde großer Naturen vertragen sich die gegensätzlichsten Farben. Man isst zu Mittag gezuckerte Suppe, saure Vorspeise, geräucherte Speckschwarten, duftende Dampfnudeln, und es bleibt doch immer nur eine Mahlzeit. So verstand der kluge Jünglingsbauer die Lockung des Augenblicks, als er der molligen Barbara zärtlich ins Ohr flüsterte: „Wann der Toni so a Rindviech is und mag dich net, nacher nimmst halt mich!“

Langsam hob die Wittib das von Zähren überglitzerte Gesicht, betrachtete den Krispin aufmerksam und sagte mit unbarmherziger Ehrlichkeit: „Dös wär wie Tag und Nacht. Wann’s bloß a bissl mag, kann ich den Allerbesten haben. Da müsst ich narrisch sein, wann ich mich gnügen tät mit eim, der um d’ Halbscheid minder is.“ Ruhig nahm sie einen festen Schluck von dem süßen Wein, stach ein Stück Schweinernes aus dem Kraut heraus und begann zu essen, ohne einen Schimmer von Verständnis dafür zu haben, wie schwer sie den Krispin Sagenbacher in seiner jüngsten Lebenshoffnung betrogen, wie blutig sie ihn verwundet hatte in seiner Eitelkeit.

Er machte ein Gesicht, wie es ein aus dem Rausch Erwachter im bittersten Katzenjammer sehen lässt. In seinen Augen funkelte etwas wie heißer Durst nach ausgleichender Rache. Doch er trumpfte den Gescheiten heraus, lobte Toni und versprach, dem Bruder haargenau zu erzählen, wie glänzend Barbara die Probe auf Treu und Liebe bestanden hätte. Erst blieb die Wittib ein bisschen misstrauisch, aber dann ließ sie sich doch wieder Feuer unter ihre verliebte Hoffnung legen und sich vom Krispin so gründlich einseifen, dass sie ihn, obwohl er mit dem Toni nicht zu vergleichen war, doch für einen Menschen hielt, der es ehrlich mit ihr meinte. Und als er fragte, wieso sie denn plötzlich ins Wildachtal hereingeschneit käme, griff sie vertrauensvoll in die Tasche. „Kann ich mich verlassen auf dich?“

„Wie’s Heiligste aufs Tabernakel!“

Da reichte sie ihm einen Brief, an dessen Knitterbrüchen zu merken war, wie oft ihn die Wittib von Zipfertshausen schon in die Tasche gesteckt und wieder herausgeholt hatte. Krispin feierte ein schmunzelndes Wiedersehen mit den Schweineflecken und der Stiefelwichse des Lois und mit dem schnäbelnden Taubenpärchen. Während er las, fragte er plötzlich: „Was soll denn dös allweil heißen: ‘hastes, hastes, hastes’?“

Barbara errötete bis unter die Haarwurzeln. „Dös is a heimliche Glückswörtl. Dös hat den Ausschlag geben. Man muss sich rühren um sein Glück. Greif zu, so hast es!“

Krispin wurde ernst. „Recht hast! Greif zu, wann ’s richtige Stündl schlagt! Nacher hast es!“ In schwerer Gedankenmühe zog er die Brauen so streng zusammen, dass er neben der Dulle auf dem Nasenbein zwei Falten bekam.

Die Wittib sagte: „Lies weiter! Jetzt kommt’s gleich, mit der Allerschönsten im Tal. Heut bin ich einer begegnet. Dö, hab ich gmeint, kunnt’s ebba sein. Aber da hab ich mich täuscht.“

„Wie hat s’ denn ausgschaut?“ Barbara schilderte das Bild des schmucken Mädels so genau, dass Krispin die Beda flink erkannte. „Himi Kreuz Sakrament!“ Er führte mit der Faust einen Streich durch die Luft. „Es is schon die Richtige. So a Malefizfrauenzimmer, so a gottverlassens! Muss sich grad auf’n Toni kaprazieren! Bei die schönsten Sachen kommt s’ eim überzwerch, macht eim ’s Blut rauschig und fügt eim den ärgsten Schaden zu.“

Barbara guckte erschrocken drein. Weil sie der Meinung war, dass die ‘Richtige’ diese Freveltaten wider den Toni verbräche, geriet sie in heiße Empörung. „So eine! Und hat sich angstellt wie an unschuldigs Lampl. Wann ich gwusst hätt, wie ich dran bin – die hätt ebbes ghört von mir! Die tät mein’ Toni in Ruh lassen!“ Dieses ‘mein’ setzte sich in ihrer Sehnsucht so hartnäckig fest, dass sie dem Krispin einen verwandtschaftlichen Titel gab: „Lies weiter, Schwager! Und nacher sag mir, wer mein heimlicher Schutzengel ebba sein kunnt?“

Der Jünglingsbauer bekam in den Augenlidern jenes Zucken, das sich immer einzustellen pflegte, wenn er einen besonders gescheiten Einfall hatte. „Aber Barberl! Den Brief hat doch der Toni selber geschrieben.“

Glühheiß fuhr es über das Sterngesicht aus Zipfertshausen. Doch mit Händen und Füßen sträubte sich Barbaras kleiner Verstand gegen diese Hypothese. „Na! Na! Na! Geh weiter, so an Unsinn!“

„Da leg ich a Jurament drauf ab.“

„Dös is doch gar net sei’ Schrift. So saubartlet tät der Toni net schreiben. Der macht allweil alls in der schönsten Ordnung.“

„Da hat er sich halt verstellt.“

„Der Toni verstellt sich net.“

„Jjaaaa, Barberl! Da fehlt’s weit bei dir! Der Toni is von die Schlauchesten einer.“

„Da braucht er net schlau sein. Mich hat er gschwind. Da hätt er gradaus schreiben können: Jetzt mag ich!“

„Du bist schön dumm! Pass auf, jetzt muss ich dir ebbes sagen. Vier Tag kann’s her sein, da bin ich zum Kramer auffi. Und da sagt der Kramer: ‘Du, dein Bruder muss a Gspusi haben!’ Ich frag: ‘Warum?’ Und der Kramer sagt: ‘Weil er gestern a Liebschaftsbriefbögerl kauft hat, mit eim Taubenpaar drauf!’ No also! Jetzt schau dein’ Brief an!“

Die Wittib aus dem Unterlande kannte das verräterische Taubenpärchen ganz genau, hielt es aber doch für nötig, den Brief noch einmal anzugucken. „Da kenn ich mich nimmer aus.“

„Verlass dich auf mich, Barberl! Da kannst dich in vier Wochen mit’m Toni verkünden lassen. Ich weiß dir an Rat.“

„Sag mir ’n!“, bettelte die verliebte Seele. „Jesus, Maria! Sag mir ’n!“

„Zeit lassen!“ Krispin wusste selber noch nicht genau, wie die Sache zu drehen wäre. „Trink aus, und lass einschenken, dass wir mit’m Flaschl fertig werden.“ Gehorsam schluckte Barbara drei Gläser von dem ‘Süßen’. „So, jetzt machen wir an Promenadigang! ’s letzte Glasl! Zum Wohlsein, Schwägerin!“

Heiß vom Wein, selig brennend von aller Hoffnung ihres nahen Glückes, schritt die runde Wittib auf dem schmalen Gartenwege vor dem Krispin her. Der musterte schmunzelnd die sanft geschweiften Linien. Seiner heiteren Ruhe war es anzumerken, dass alles Chaotische seiner Pläne sich zu formen begann.

Im Hof sagte die Wittib: „Ich muss bei der Kellnerin a Zimmer bstellen für d’ Nacht.“

Krispin nahm sie flink bei der Hand. „Lass gut sein! Heut schlafst bei uns daheim. Der Toni macht sich die größte Freud draus, wann in seiner Kammer schlafst.“

Das Sterngesicht der Wittib wurde noch röter, als es war.

Als die beiden auf der Straße waren, sprang Krispin ins Wirtshaus zurück und sagte zur Kellnerin: „Was ich verzehrt hab heut und was ich ebba am Abend noch brauch, dös schreibst der Bäuerin auf d’ Rechnung. Dö zahlt alls.“

– Habt ihr schon gesehen, wie eine große Spinne in einem Winkel ihres grau gewobenen Netzes auf der Lauer liegt? Und wie ein buntes, rundes Käferchen von irgendwo durch die Sonne hergeflogen kommt und sich aus Torheit oder Schicksal verirrt in diesen Schattenwinkel? Und wie die Spinne flink herausfährt aus ihrem Hinterhalt, den zappelnden Käfer hurtig um seine Achse dreht und dick mit grauem Gespinst umwickelt? Und wie das bunte Stück Leben sich verwandelt in eine kleine, regungslose, unentrinnbar eingesponnene Puppe, die sich wehrlos verspeisen lässt, wenn die Spinne denkt: Jetzt will ich Mahlzeit halten? –

So unentrinnbar war die gute Wittib von den roten Hoffnungen ihres verliebten Herzens und von den grauen Plänen des Krispin eingewickelt, als sie bei klarem Abend an der Seite ihres lachenden ‘Schwagers’ den Lahneggerhof betrat. „Gelt, Barberl, jetzt nimm dich zamm! Dass d’ Mutter nix spannt! Dö tät sich einspreizen dagegen.“ Nach dieser Mahnung ging Krispin der Bäuerin voran in die Schlafstube seiner Mutter.

Die Lahneggerin hob sich jäh aus den Kissen. Ihr zerfallenes Gesicht verfärbte sich. Seit drei Tagen wurde sie jedes Mal von dieser kalkigen Blässe befallen, sooft sie den Krispin sah.

Die schräge Sonne leuchtete goldhell durch die kleinen Fenster herein und umschimmerte den Jünglingsbauer. Genauso fidel wie heute war er damals bei jenem lustigen Aufbetten gewesen. Eine dunkle Angst umschnürte das Herz der kranken Frau. Sie zitterte um das junge Glück des Toni und fühlte die Nähe einer Gefahr.

„Pass auf, Mutter! Dös tätst net derraten, wer da jetzt kommt!“ Er griff zur Tür hinaus. „Geh, du, komm eini!“ Lachend zog er die Wittib über die Schwelle herein. Barbara kam in einen Strahl der Sonne zu stehen und erhielt um das blonde Vollmondköpfl einen Schein, als wäre sie eine Heilige. „Was sagst, Mutter?“

Die Lahneggerin atmete auf. Denn sie glaubte: „Jetzt kommt der andere zu mir mit seinem Glück!“ Weil die Sonne blendete, konnte sie nicht deutlich sehen. Sie merkte nur: Das ist ein festes Weibsbild! Da hoffte sie gleich: Vielleicht hat sie Haare auf den Zähnen und wird den Krispin klein kriegen, wird noch einen guten Menschen aus ihm machen. Einen ehrlichen, der nimmer stiehlt!

„Gelt, Mutter, da studierst! Aber dös derratst net. Schau dir’s an! Dö muspere Bäuerin da! Dös is d’ Wittib von Zipfertshausen draußt. Wo der Toni sein Glück hätt machen können, wann er a bissl gscheiter gwesen wär. Aber a Narr schlagt allweil ’s Beste in Wind.“

Die Lahneggerin fiel in die Kissen zurück, um eine hoffende Freude bestohlen. Sie brachte kein Wort heraus. Doch in ihrem Herzen schrie die Sorge: „Nur jetzt kein Wörtl net schnaufen vom Toni seim Glück! Jesus, hilf mir, dass ich mich net verrat!“

Verwundert guckte der Jünglingsbauer drein. Und Barbara, von der Nachwirkung des süßen Weines glühend, trat an das Bett heran, betrachtete die kranke Frau und sagte mit gutmütigem Erbarmen: „Dö macht’s nimmer lang. Dö hat schon ’s Requieschkat in Paze auf’m Nasenspitzl. Akrat so hat mein seliger Alter dreingschaut, wie mir der Bader gsagt hat –“

Barbara konnte diese medizinische Angelegenheit nicht zu Ende bringen. Die Lahneggerin sagte hart und rasch: „Ah na! So pressieren tut’s mir net. Ich möcht schon noch ebbes erleben, was mich freut –“ Weil Krispin die Mutter misstrauisch ansah, verstummte die Lahneggerin und drehte das Gesicht auf die Seite.

Barbara nickte. „Freilich, ja! Soviel schön is ’s Leben, wann alles eintrifft, was man sich verhofft.“ Ein Seufzer schwellte ihr die unterspickte Seele. „Und wann ebba der Toni –“ Sie zuckte zusammen, weil Krispin sie mit dem Nagelschuh auf das Zeugstiefelchen getreten hatte. Nach dieser Mahnung besann sie sich der eingelernten Rolle: Dass sie auf der Reise zu ihrer Schwester wäre und den kleinen Umweg durch das Wildachtal gemacht hätte, um dem Toni und seiner Mutter Grüß Gott zu sagen. „Schad, dass ich net viel Zeit hab! Aber morgen in aller Fruh –“ Wieder spürte sie was Schmerzendes auf ihren Zehen und korrigierte erschrocken: „Heut auf'n Abend möcht ich noch furtfahren, aber eins von meine Ross –“

Die Lahneggerin sah die Wittib forschend an. Da konnte Barbara nimmer weiter lügen und guckte Hilfe suchend zum Krispin hinüber. Der sagte schnell: „Eins von ihre Ross geht a bissl krumm. Dös macht nix, Bäurin, deswegen kommst heut allweil noch fort. Und wann’s grad fehlen sollt, musst dir halt in der ‘Post’ a Zimmer bstellen. Hoffentlich haben s’ eins frei. Im Notfall –“

„Do braucht’s kein’ Notfall!“, fiel die Lahneggerin ein. „In der ‘Post’ haben s’ allweil Betten frei. Bei uns im Haus is kein Platz. Ich will mein’ Fried haben. Ich bin a kranks Leut.“ Mühsam streckte sie das von Erregung entstellte Gesicht gegen die Wittib hin. „Fahr heim, du! Heut noch! Ich rat dir’s im guten. Auf’n Toni brauchst net warten. Der mag net. Heut kommt er überhaupts nimmer heim. Zwei, drei Täg bleibt er aus.“

„Jesus, Maria!“, stammelte Barbara in Schreck und hatte gleich wieder den Nagelschuh des Krispin auf den Hühneraugen. Grob schimpfte der Jünglingsbauer gegen die Mutter: „Du! Was musst denn jetzt lugen wie druckt? Dass der Mensch manierlich sein soll gegen an Gast, dös lasst sich eim net anhobeln, wann er’s net hat. Aber bei der Wahrheit sollte man deswegen allweil bleiben! Wo der Toni umanandstreunt, weiß ich net. Aber dass er heut noch heimkommt, hat er gestern der Kathrin gsagt.“ Er blinzelte der Wittib zu. „Übrigens kann der Toni ausbleiben, solang er mag. D’ Wittib passt auf’n Toni gar nimmer auf.“

„Na, gar net a bissl!“, fiel Barbara stotternd ein. Es wurde ihr schwer, die Sehnsucht ihres molligen Herzens so schlau zu verleugnen. „Net soviel, als ich Schwarz unterm Nagel hab!“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Ich weiß mir schon lang an Bessern.“

„So so? An Bessern?“ Die Lahneggerin lachte. „Da gratulier ich. Und der Toni wird aufschnaufen, weil er sei’ Ruh hat. So! Pfüe Gott! Ich bin a kranks Leut. Jetzt möcht ich schlafen.“ Sie drehte sich auf die Seite und schob die zitternden Hände unter das Federbett.

Gekränkt sagte Krispin: „Mit der Mutter is nix z’machen. Komm, Barberl!“ Er fasste die Hand der Wittib und brauchte nicht fest zu ziehen. Barbara setzte sich flink in Bewegung, um aus der beklemmenden Nähe der Lahneggerin zu kommen.

Kaum hatte sich die Tür geschlossen, da hob die kranke Frau den Kopf und murmelte in Erregung: „Ebbes spinnt er – ebbes spinnt er –“

Draußen in der schönen Sonne des Abends schlug der Jünglingsbauer mit den Fäusten kreuzweis in die Luft und fluchte: „Himl Bluatsa! Alles is schief gangen. Wie kannst aber auch den dalketen Einfall haben, dass d’ eini musst zur Mutter?“

„Wer? Ich? Du hast mich ja einigführt!“

„Ich? Bist narret?“, schrie der Krispin. Er selber schien sich in dem wirren Netz der grauen Fäden, die er gesponnen hatte, nicht mehr auszukennen. „A bissl gar z’ schlau hab ich’s gmacht. Weil ich auf alle Nummern gsetzt hab, statt bloß auf eine! Aber mein Rat is gut. Jetzt brauchen wir d’ Mutter nimmer. Wann’s Nacht wird, führ ich dich übern Heuboden auffi ins Kammerl.“

Dieser dunkle Weg schien der runden Wittib nicht zu gefallen. In der zähen Hoffnung ihrer Liebe wagte sie keinen Widerspruch und fragte beklommen: „Meinst, dass er kommt?“

„Verlass dich drauf! Genauso machen musst es halt, wie ich dir’s gsagt hab. Und fragen därfst nix. Mäuserstad musst sein! Nacher blüht dein Glück wie der Wald. Und morgen, da hast es!“

Das gute Wesen von Zipfertshausen tat einen seligschwülen Atemzug. Dieses mystische Glückswort ‚hastes’ beschwichtigte ihre Unruh.

„Und komm! Jetzt zeig ich dir ’s Haus von deiner Glückswidersacherin, dass d’ morgen in der Fruh gnau weißt, wo der Knecht den Wagen anhalten muss. Und nacher lassen wir uns in der ‚Post’ noch a Flaschl Süßen geben. Bloß, dass wir auf dein Glück mitanand anstößen können, du saubere Schwägerin, du!“ Der lachende Jünglingsbauer rundete den Arm um Barbara, so zutraulich, als wäre die Verwandtschaft schon fix und fertig. Immer lustiger wurde er, je näher er mit der Wittib dem Buchenwäldchen beim Altwasser kam. Doch plötzlich, neben einer langen weißen Mauer verwandelte sich alle Überblüte seiner Zutunlichkeit in bedächtige Ruhe. Eine unangenehme Erinnerung mahnte ihn zur Vorsicht. Barbara führte wohl kein Gebetbuch als Waffe; doch diese mollig unterspickten Hände schienen auch unbewaffnet die Kraft zu besitzen, um andauerndes Nasenbluten zu erzielen. Zwar hatte Krispin von dieser linden, fügsamen Seele eine Zorntat der Empörung nicht zu befürchten. Aber die schmerzliche Erfahrung, die er mit der Beda gemacht hatte, beredete ihn doch, den Erfolg seiner klug gesponnenen Pläne nicht zu gefährden.

Dieser Wandel in Krispins Verhalten fiel der Wittib nicht auf. Wie sie seine tappende Zärtlichkeit nicht empfunden hatte, so vermisste sie auch nichts bei seiner Zurückhaltung. Was er auch schwatzen mochte, sie hörte immer nur den Toni reden. Diese erträumten Liebesgespräche machten sie nur noch heißer glühen als der süße Wein. Sonst war der Natursinn in ihr nicht sonderlich entwickelt. Heute betrachtete sie jede Blume neben dem Straßengraben mit Wohlgefallen; jeder blühende Fichtenbaum zauberte über das Sterngesicht der hoffnungsvollen Barbara ein Grinsen ihrer Freude. Sie fühlte sich mit ihrem kleinen Schwips mit Leib und Seele angeschlossen an den blühenden Rausch, der die Natur befallen hatte. Und vor Rührung füllten sich ihre wasserblauen Gluckeraugen, als sie das Gittertor des Parkes erreichte und feine Musik vernahm. „Da hör ich ebbes Schöns!“ Andächtig lauschte sie ein Weilchen. „Gnau nimm ich’s net aus, ob’s a Polka is oder a Landlerischer?“

Es war der langsame Satz aus dem D-Dur-Konzert von Mozart.

An den leuchtenden Büschen und Bäumen rührte sich kein Blatt. Wie tief auch die Villa im Park lag, man konnte auf der Straße deutlich das Spiel des Flügels hören, deutlich die Stimme der singenden Geige. Das klang so froh, dass die lauschende Wittib von Zipfertshausen sagte: „Gleich tanzen möcht ich! Soviel lüftig is mir ’s Herz! Komm, Schwager, probier’s a bissl!“

Schmunzelnd streckte Krispin die braunen Tatzen und schwenkte die mollige Barbara ein paar Mal im Kreis, dass man ihre vier Unterröcke zählen konnte – es waren zwei weiße, ein roter und ein blauer. Doch der Tänzer stellte den Versuch gleich wieder ein. „Bei so einer stadtischen Musi kannst kein’ Schritt net halten.“

„Aber gfallen tut mir’s. Geh, hock dich her und lus a bissl!“

Gegenüber dem schmiedeeisernen Torgitter ließen sich die beiden auf den Rain des Straßengrabens nieder, und der Jünglingsbauer legte mit brüderlicher Reserve den Arm um die Wittib.

Weder Barbara noch Krispin merkte, dass nicht weit von ihnen, im Schatten der Buchenstauden, noch ein Dritter saß. Den greisen Körper klein zusammengebückt, hielt er seine Stirn auf die Fäuste gepresst. Unter der verwitterten Lederkappe fielen die weißen Haarsträhnen lang herunter und verhüllten das Gesicht.

Als die Musik in der Villa verstummte und das verschwägerte Paar aus dem Straßengraben davonging, hob der Alte den Kopf, von den Worten des Krispin und der Barbara wie aus dumpfem Schlaf geweckt. Ein dünnes Gekicher. Halb glich es einer wunderlichen Tierstimme, halb dem Weinen eines Kindes. Dann raunte der Greis in seiner singenden Art:

„Und ’s Grade und ’s Krumme,
’s Goldsaubre und d’ Schand,
Und ’s Gscheite und ’s Dumme,
’s ghört alls zuanand!

’s paßt alls in sechs Breder,
Wia’s kummt, aso geht’s,
Und sehgn tuat’s jeder,
Und koaner versteht’s!“

Schwer atmend sprang er an der weißen Mauer entlang. Er kam zu einer mächtigen, wohl dreihundertjährigen Ulme, die gleich einem grünen Turm hinausragte über den jüngeren Wald. Mit den Bewegungen eines wilden Tieres klomm der Waldrauscher durch das Gezweig empor, schwang sich über die Mauer und ließ sich hinunter gleiten in eine blühende Fichtendickung des Parkes.

Von der Villa tönte die Geige und der Klang des Flügels, ein heiter jagender Allegrosatz, wie das Lachen froher Jugend, die im Spiel der Frühlingswinde nach fliegenden Rosenblättern hascht.

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